Sezession
1. Januar 2006

Lob der Krise

Gastbeitrag

Das war ein bißchen kokett, und man muß kein Prophet sein, um vorauszusagen, daß solche Stillhalteappelle kaum Erfolg haben werden, wenn sich die Lage weiter verschärft. Einige sind schon so weit, eher am Rande des Establishments, aber mit Brückenköpfen in den Einflußbereichen, so daß Wolfgang Sofsky den kommenden Bürgerkrieg und Gunnar Heinsohn die Invasion der afrikanischen und asiatischen Massen prophezeien kann, nicht nur, um den Satten Schauer über den Rücken zu jagen. Noch ist derlei seltener als die Beschwörungen, mit denen den Deutschen mehr Hoffnung, mehr Familien- und Kinderfreundlichkeit und sogar mehr Patriotismus eingeflößt werden soll. Still und heimlich hat sich die Bekehrung der Antipatrioten, Familienverächter, Fruchtabtreiber und Nihilisten vollzogen, aber es mangelt ihren frischen Überzeugungen an Resonanz. Wer vor zehn oder fünfzehn Jahren versucht hat, in diese Richtung umzusteuern, mußte noch mit heftiger Abwehr rechnen, das ist jetzt vorbei, so wie die begründete Hoffnung, daß milde Mittel anschlagen werden.
Im Kern handelt es sich um Versuche, die Krise abzuschneiden. Man hält das für möglich, weil die Hoffnung überwiegt, daß die Krise keine „echte Krise“ ist. Dabei sprechen die meisten Anzeichen für eine Umwälzung, die mehr und anderes in Frage stellt als Parteienproporz und Verteilungsschlüsel. Die ganze Reform- und Modernisierungsrhetorik verliert ebenso an Glaubwürdigkeit wie das ängstliche Beharren auf Üblichkeiten, an die man sich im „kurzen“ 20. Jahrhundert gewöhnen durfte. Die Undeutlichkeit dessen, was kommt, erklärt das Zögern, und zu der Auffassung, daß die Krise ihr Gutes hat, bekennt sich kaum jemand. Das kann auch nicht überraschen, denn die Krise wäre der Ernstfall, und die Verfassung ist seit je eine „unheroische“ (Josef Isensee), die den Ernstfall nicht nur meidet, sondern seine Möglichkeit bestreitet, die vom Bürger keine andere als monetäre Leistung verlangt und nicht weiß, wie sie an Gemeinschaftssinn und Opferbereitschaft appellieren soll. Schäubles Feststellung einer „Staatskrise“ hat insofern eine Bedeutung, die er selbst kaum intendiert haben wird. Denn jede Feststellung der Krise ist eine polemische Feststellung. Sie besagt, daß der Feststellende die Lage für gefährlich und veränderungsbedürftig hält. Insofern besteht ein zentraler Zusammenhang zwischen Kritik und Krise. Die Ähnlichkeit der beiden Begriffe ist nicht zufällig. Die Kritik will ja urteilen und in der Krise wird das Urteil vollzogen. Insofern muß alles mit der Kritik beginnen, bevor die Leidenschaft zu ihrem Recht kommt, die „großen Individuen“ auftreten und der Himmel „einen anderen Ton“ annimmt.


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