Fette Welt

PDF der Druckfassung aus Sezession 82/ Februar 2018

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die­ses Bild zeigt nur einen Aus­schnitt. Aus­schnitt wovon? Sol­len wir es »Über­fluß­ge­sell­schaft« nen­nen? »Wohl­stand­ver­wahr­lo­sung«? Oder – wo bleibt denn das Posi­ti­ve? – »Beu­te­zug, erfolg­reich« und »den Bes­ten die Reste«?

Wir sehen bei­spiels­wei­se neun Man­da­ri­nen, ein Stück Speck, »mild geräu­cher­ter Roh­schin­ken, min­des­tens 22 Wochen gereift«, vier­mal Kräu­ter­quark von der teu­re­ren Sor­te (Mil­ram), zwölf Eier (zu küh­len ab 23. Janu­ar 2018) , Kuchen, flüs­si­ge Mar­ga­ri­ne mit leich­tem Koko­saro­ma, acht Packun­gen Klö­ße, Eier­spätz­le, Dick­milch, Fer­tig­teig, Schlag­sah­ne und Joghurt in unge­zähl­ten Geschmacksrichtungen.

Was nicht auf das Bild paß­te, ist fol­gen­des: sechs Pfund Kaf­fee (die Packun­gen waren nicht mehr voll­endet vaku­um­iert), zwei­mal Voll­wasch- und ein­mal Woll­wasch­mit­tel in gro­ßen Fla­schen (da hat­ten die Deckel einen Schlag), drei Packun­gen Wat­te­stäb­chen, zwei De-Luxe-Sei­fen, vier­mal Anti­fal­ten­creme und zwei »Mega­packs« mit Spül­ma­schi­nentabs (Feh­ler: der Bar­code war jeweils ange­ritzt und dadurch ver­mut­lich un- les­bar), zehn Packun­gen Mehl mit Riß in der emp­find­li­chen Papier­ver­pa­ckung. Des wei­te­ren: noch­mals acht Packun­gen Kloßteig.

Wer sich im »Geschäft«, um das es  hier  geht, schon län­ger aus­kennt, weiß: Ab Mit­te Janu­ar bis in den spä­ten Febru­ar gibt es jedes Jahr mas­sen­wei­se Kloß­teig. (Nichts geht über echt selbst­ge­mach­te Klö­ße, aber die­ses Zeug  hier kommt immer­hin ohne Zusatz­stof­fe aus  und mun­det vor­treff­lich. Man kann die­se Klö­ße klas­sisch zum Bra­ten rei­chen, man kann auch krea­tiv wer­den: unkon­ven­tio­nel­le Klö­ße mit Kräu­ter­quark, Brat­klö­ße; man kann eine Pak- kung dem Brot­teig unter­mi­schen undsoweiter.)

Als  High­light:  Ein  Fünf-Kilo-Stück  Jamon Ser­ra­no,   inklu­si­ve   »Geschenk­box«   mit   schar­fem   Mes­ser   und   Schneid­brett,   Ori­gi­nal­preis (»Akti­ons­wa­re!  Best­preis!«)  59,90  Euro.  Min­dest­halt­bar­keits­da­tum war der 23. Janu­ar 2018. Von  flei­ßi­gen  Hän­den  auf­ge­grif­fen  wur­de  das edle tote Tier exakt an jenem Tag.

Was heißt hier »auf­ge­grif­fen«? Nun: Das Bild zeigt einen Teil eines don­ners­täg­li­chen Con­tai­ner­feld­zugs. Don­ners­tags stellt tegut sei­nen Aus­schuß vor die Tür, frei­tags Nor­ma und jeden Sams­tag der Bio­la­den. Es gibt eine klei­ne Gemein­de, die abend­lich parat steht. Wofür parat? Um »in den Müll zu tau­chen«, wie das ame­ri­ka­ni­sche Wort für »Dumps­ter diving« ins Deut­sche über­setzt wur­de. Der Ter­mi­nus »Con­tai­nern« hat sich durch­ge­setzt. Es geht um das Abgrei­fen von Lebens­mit­teln und ande­ren Din- gen des täg­li­chen Bedarfs, die von Super­markt- ket­ten und ande­ren Läden in die Müll­ton­ne aus­ge­son­dert wurden.

War­um wur­den die­se Sachen ent­sorgt? Ers­tens, weil das Min­dest­halt­bar­keits­da­tum über­schrit­ten wur­de, das nicht mit dem Ver­brauchs­da­tum (das etwa Fisch und rohes Fleisch betrifft) ver­wech­selt wer­den soll­te. Oder zwei­tens, weil die Ver­pa­ckung in irgend­ei­ner Wei­se beschä­digt ist. Oder drit­tens, weil es sich um »Akti­ons­wa­re« han­delt, die nur für einen begrenz­ten Zeit­raum ange­bo­ten wur­de und nun Platz machen muß für die nächs­te … »Akti­on«. Im Klei­nen zäh­len dazu Obla­ten, die übli­cher­wei­se für die Weih­nachts­bä­cke­rei gekauft wer­den. Sie sind lan­ge halt­bar, aber ein Stör­fak­tor im Lager: Weg mit den 2400 Obla­ten! Im Gro­ßen sind es Wochen­schnäpp­chen wie Bügel­eisen, Pflanz­schau- feln oder elek­tri­sche Kaf­fee­müh­len. Wer sich zum Con­tai­nern her­gibt, wird reich beschenkt!

Es ist eine hete­ro­ge­ne Schar, die sich zum Müll­tau­chen ein­fin­det. Sie läßt sich grob in drei Grup­pen tei­len: Arme, Ver­rück­te und Über­zeug­te. Die Ver­rück­ten sind anstren­gend für die ande­ren. Unse­re Gewährs­frau berich­tet ein Bei­spiel: In jüngs­ter Zeit gibt es im Con­tai­ner oft eine Art But­ter­milch, die sich  wer­be­tech­nisch an wer­den­de Müt­ter rich­tet. Das Gesöff beinhal­tet Vit­ami­ne, Mine­ra­li­en, Spu­ren­ele­men­te und so wei­ter, die einer pro­pe­ren Mama in spe in der Ers­ten Welt dien­lich sind. Die »ver­rück­ten« Con­tai­ner­ge­nos­sen stür­zen sich auf den Kram, packen die Fla­schen im Dut­zend und ent­lee­ren sie an Ort und Stel­le. Denn es gibt Pfand dafür, pro Ver­pa­ckungs­ein­heit 25 Cent. Die Ver­rück­ten klau­ben auch zehn Nacht­sicht­lam­pen auf, aber nicht zum Ver­hö­kern. Sie wol­len sie besitzen.

Die Armen  grei­fen  auch  bei  Hack­fleisch  zu oder bei gam­me­li­gen Trau­ben, über die sich der Saft einer ver­dor­be­nen Toma­te ergos­sen hat. Die Über­zeug­ten kom­men aus Über­zeu­gung. Meist sind es Stu­den­ten, die ein Pro­blem mit der Weg­werf­ge­sell­schaft haben. Sie tra­gen gele­gent­lich schla­fen­de Säug­lin­ge bei sich, die auf wun­der­li­che Namen wie »Nofre­te­te« oder »Aene­as« hören.

»Wir haben es satt« ist eine Paro­le, die das Phä­no­men ganz gut trifft. Die Zah­len über den beden­ken­los eßba­ren Müll schwan­ken natur­ge­mäß. Wer fragt die Leu­te, wer ant­wor­tet wie, wenn es dar­um geht, wie­viel Res­te vom Mit­tag­essen dem indi­vi­dua­lis­ti­schen »Mir langt’s« zum Opfer fal­len? Diver­se Erhe­bun­gen behaup­ten, knapp sie­ben Mil­lio­nen Ton­nen Essens­res­te wan­der­ten Jahr für Jahr allein aus Pri­vat­haus­hal­ten in den Müll. Man sagt,  18  Mil­lio­nen Ton­nen genieß­ba­rer Nah­rung wür­den in Deutsch­land jähr­lich aus­ge­son­dert. Laut Valen­tin Thurn, der sich in sei­nem Doku­men­tar­film Tas­te the Was­te (2011) der Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung ange­nom­men hat, gelangt in Deutsch­land die Hälf­te aller pro­du­zier­ten Lebens­mit­tel in den Con­tai­ner. Und wenn es ein Bruch­teil davon wäre! Die Non-foods ganz außer acht gelassen!

Ob das  Con­tai­nern  hygie­nisch  bedenk­lich ist? Oder  gar  –  ille­gal?  Zu  letz­te­rem  gibt es  eine  ein­deu­ti­ge  Unein­deu­tig­keit. In Deutsch­land wird »Abfall« dem Eigen­tum des Weg­wer­fers respek­ti­ve des Grund­stück­ei­gen­tü­mers zuge­rech­net. Vie­le Super­märk­te sor­gen dafür, daß ihre Müll­kü­bel hin­ter Schloß und Rie­gel zu ste­hen kom­men. Wer sie knackt, begeht min­des­tens Haus­frie­dens­bruch, Dieb­stahl zudem. In Öster­reich ist die Sache unpro­ble­ma­tisch, dort gilt »Müll« als her­ren­lo­ses Gut. Und was gesund­heit­li­che Beden­ken angeht: Ja, es gibt gele­gent­lich fau­le Toma­ten oder eine auf­ge­platz­te Milch­tü­te. Aber es gibt auch einen Was­ser­hahn. Da wah­re Müll­tau­cher meist kei­ne Hin­ter­welt­ler, son­dern modern-mobi­le Leu­te sind, ver­fü­gen sie oft über eine deutsch­land- (wenn nicht europa-)weite Topo­lo­gie der tolls­ten Con­tai­ner: Bil­bao ist gigan­tisch, Lyon mau, in Nürn­berg gibt es fol­gen­de Schatz­käst­chen, in Kiel oder Bad Nau­heim jene. Die Beu­te auf dem Bild stammt aus dem Bur­gen­land­kreis und ist auf unse­rem Küchen­tisch aus­ge­brei­tet, ein Mit­bring­sel der Töch­ter: Wir haben nichts dagegen.

Es gibt sowie­so von allem viel zu viel.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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