1. Februar 2018

Das falsche Primat

Erik Lehnert

PDF der Druckfassung aus Sezession 82/Februar 2018

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Die Wirtschaft – bestens scheint sie zu funktionieren, glänzend steht Deutschland da, trotz Flüchtlingsansturm, Bildungskatastrophe, Pflegenotstand. Geringe Arbeitslosigkeit, stabile Wachstumsraten, ausgeglichener Haushalt – auf dem Papier wenigstens. Nicht alle Wirtschaftszweige  »boomen« und nicht jeder Bürger profitiert in gleicher Weise von dem,  was man Konjunktur nennt, und das ist nicht weiter verwunderlich, denn Wirtschaft und Ökonomie sind kein Monolith, sondern ein vielschichtiges Gebilde, das sich wegen seiner Komplexität so schwer beschreiben und steuern läßt.

Nicht umsonst ist das, was früher als Nationalökonomie bezeichnet wurde und heute als Volkswirtschaftslehre firmiert, ein Friedhof der Theorien, deren Güte sich nicht an Beschreibung der Phänomene mißt, sondern an ihrer politischen Brauchbarkeit. Es sei nur an den alten Streit erinnert, ob man Keynes (Nachfrage staatlicherseits durch billiges Geld ankurbeln) oder Hayek (Sebstregulierung des Marktes) folgen solle, wenn es darum geht, eine Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen.

Zur Wirtschaft gehören nich nur die Unternehmen, sondern auch die Haushalte, nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch die Arbeitnehmer;  alle,  die  in  irgendeiner  Weise  mit  Herstellung, Vertrieb, Konsum und Entsorgung (das ist ein eher neuer Teil der Wirtschaft) von Gütern zu tun haben. Die Unterscheidung zwischen denen, die im Besitz der Firmen sind, und denen, die darin arbeiten, ist der Ansatzpunkt aller Debatten, die sich um die Frage der sozialen Gerechtigkeit drehen. Wer der Meinung war, daß, angesichts unseres ausufernden Sozialstaats, diese Frage eher im 19. Jahrhundert oder der Dritten Welt anzusiedeln sei, wurde in den letzten Jahren eines besseren belehrt, als insbesondere die Bücher eines Thomas Piketty für Furore sorgten.

Dessen Lesart der Geschichte besagt, daß die Schere zwischen den beiden Gruppen immer größer werde, was Besitz und Einkommen betrifft. Wenn wir uns die absonderlichen Reichtümer vorstellen, die etwa die Gründer von Amazon,  Google  und anderen nur in den letzten Jahren angehäuft haben, klingt das zunächst plausibel. Abgesehen von den auch gegen Piketty oft erhobenen Vorwurf, daß er sich seine Statistiken passend zu seiner Theorie bastelte, ist die auseinandergehende Schere ein zu plumpes Bild für die Wirklichkeit: Die Masse  der  Menschen  lebt  zumindest  hierzulande  auf  einem  materiellen Niveau,  auf  das  vor  noch  nicht  allzu  langer  Zeit  noch  nicht  einmal  Könige zu hoffen gewagt hätten. Ermöglicht wird das nicht zuletzt durch in- novative Köpfe, die nicht als Monopolisten begannen, sondern erst zu solchen wurden, und die auf dem Weg dorthin einiges richtig gemacht haben müssen – vor allem das, daß ihnen alle gefolgt sind.

Man folgt diesen Pionieren auch deshalb, weil der Konsum in Verbindung mit der virtuellen Realität das Versprechen beinhaltet, die Unterschiede auf einem hohen Niveau einzuebnen. Geschichtlich läßt sich dieses Phänomen an mehreren Stellen beobachten, wenngleich unter gänzlich anderen Vorzeichen. Das gilt mindestens für die Zeiten, als man unter Gleichheit noch nicht die kommunistische Ansicht verstand,  jeder  solle nach seinen Möglichkeiten arbeiten und nach seinen Bedürfnissen konsumieren (was nichts anderes bedeutet, als daß man im Zweifel für nichts alles verlangen kann). Die angestrebte Gleichheit war die rechtliche Gleichstellung.

Geld war ein Mittel, diese Gleichstellung zu erzwingen. Der wirtschaftliche Erfolg der Bürger stellte die Vorrechte des Adels in Frage und wirkte auf diese Weise als der große Gleichmacher. Das läßt sich nun nicht eins zu eins auf  die  globalisierte  Wirtschaft übertragen, der wesentliche Unterschied liegt im Bezugsrahmen der Wirtschaft. Ist es der Staat, dann kann es Rückbindung und Einordnung geben, ist es die Welt, kann es nur Monopol und Versklavung oder aber die totale Umverteilung geben.

Diese drei Möglichkeiten hat Oswald Spengler schon 1919 in seiner Schrift Preußentum und Sozialismus beschrieben und dabei eine Lanze für den Sozialismus gebrochen, worunter er nicht Gleichheit und Umverteilung, sondern Ein- und Unterordnung aller unter die Bedürfnisse des Staates verstand. Wer derartiges heute vorschlägt, steht vor dem  Dilemma, daß dieser Staat nicht mehr in der Lage ist, diejenige Ordnung zu gewährleisten und durchzusetzen, die er verspricht. Denn er hat sich mit Haut und Haaren der Wirtschaft verschrieben.

Das macht die Forderung eines preußischen Sozialismus zu einer intellektuellen Phrase. Allerdings läßt sich aus der von Spengler entwickelten Dichotomie, in der er Engländer und Preußen gegenüberstellt, zumindest eines lernen: Die Engländer haben gewonnen, denn ihr Ziel ist die »Ausbeutung des Publikums durch Reklame, durch Preispolitik, durch Bedürfniserregung«, nicht »die planmäßige Hebung des Volkswohlstandes«.

Hinzu kommt, daß auch die Bürger die Oberhoheit der Wirtschaft über jede Frage ihres Daseins akzeptiert haben. Wer wäre bereit, für das Überleben unseres Volkes und zur Verhinderung der Einwanderung von Millionen »Flüchtlingen« zehn Jahre länger zu arbeiten oder auf den gewohnten Wohlstand zu verzichten? Das mögen  einige  wenige  sein.  In der Regel aber freut sich jeder auf den gut abgefederten Ruhestand und möchte ihn möglichst früh erreichen.

An dieser Stelle setzt nun die Propaganda an, die, egal wofür, immer nur ein Argument gelten läßt, und zwar das wirtschaftliche: Ökologie erhält nicht unseren Lebensraum, sondern schafft Arbeitsplätze; die Bundeswehr ist keine Armee, in der man dienend fallen kann, sondern ein toller Arbeitgeber; Einwanderung zerstört nicht den Zusammenhalt der Gesellschaft, sondern wird dringend benötigt, um unsere demographischen Probleme zu lösen.

Das alles ist natürlich Unsinn, zeigt aber, welche Strategie man anwenden muß, um den Bürgern die eine oder andere Kröte zu servieren. Das war schon bei der Begründung für die Anwerbeabkommen in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts so und hätte sich auch 2015 fast bewährt, wenn die Diskrepanz zwischen den Einwanderern und den wirtschaftlichen Erfordernissen hierzulande nicht so unüberbrückbar groß gewesen wäre.

Es gibt noch genügend andere Beispiele dafür, wie sich das Wirtschaftliche zur letztgültigen Instanz unseres Lebens aufgeschwungen hat. Eines ist das Wirtschaftswachstum, dem Identität, Charakter und jene Kinder geopfert werden, die nicht in das Selbstoptimierungsprogramm ihrer möglichen Eltern passen, viel zu teuer sind und deshalb gar nicht erst zur Welt kommen dürfen.

Die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum ist aber kein Naturgesetz. Vor dem Ersten Weltkrieg war  nirgends  die  Rede  davon,  heute ist es die Zauberformel, die alle zu wirtschaftlichen Gewinnern  macht und Verteilungskämpfe abschwächt. Seit dem Versailler Vertrag, als man Deutschlands Leistungsfähigkeit für die Reparationszahlungen bestimmen mußte (und deren Höhe so festlegte, daß sie nicht erfüllbar waren), hat sich das Wirtschaftswachstum als Gradmesser für den Erfolg von Politik etabliert. Wer es schafft, das Wirtschaftswachstum zu steigern, gilt  als erfolgreicher Politiker und darf auf Wiederwahl hoffen. Alle anderen Bedingungszusammenhänge von Wirtschaft und Gesellschaft, etwa die kulturellen Voraussetzungen des wirtschaftlichen Handelns, geraten da- durch ins Hintertreffen.

Wenn man die Welt durch die Brille der Wirtschaft betrachtet (und das tun wir alle im Grunde völlig unwillkürlich), erscheint die Welt als durch die Wirtschaft determiniert. Die entscheidende Frage ist, ob sich dieser Blick ändern lassen wird, ob es also gelingen wird, etwas zu etablieren, das eine über die Wirtschaft hinausgehende Geltung beanspruchen kann. Daß ein entfesselter Kapitalismus die Dinge nach seinen Bedürfnissen gestaltet und darstellt, das hat es schon öfter gegeben.

Nach  der oft glorifizierten Revolution von 1848 war dies der Fall, als dem Kapital freie Bahn gelassen wurde und es des staatspolitischen Genies eines Bismarcks und dem landesväterlichen Anspruch der preußischen Könige bedurfte, um diese Dinge dadurch wieder geradezurücken, daß man die krassesten Auswüchse beschnitt. Die damals durchgeführten Reformen standen noch in der Tradition des Prinzips, an das Spengler nach dem Ersten Weltkrieg und an das Hans-Joachim Schoeps nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerte: in der Tradition eines konservativen Sozialismus.

Auch  der  konservative  Nationalökonom  Wilhelm  Röpke  hat  in  seinem 1942 erstmals erschienenen Werk Die Gesellschaftskrise der Gegenwart bedenkenswerte Einsichten über die Grenzen und die notwendige Begrenzung der kapitalistischen Entwicklung geäußert.
»Markt, Arbeitsteilung, Kommerzialisierung, Konkurrenz, ökonomische Rationalität –sie haben das mit allen anderen Dingen gemein, daß er für ihre Anwendung ein  Optimum  gibt,  von  dem  ab  der  Schaden  den  Nutzen  zunehmend  zu übersteigen beginnt. Übermaß und unterschiedslose Anwendung führe zu einer Überschraubtheit aller Verhältnisse, die die nun einmal gegebene Natur des Menschen auf die Dauer nicht aushält.

Es  gibt also von vorn- herein Grenzen des Kapitalismus, die man beachten muß, wenn man nicht seelische Anforderungen an die Menschen stellen will, denen sie auf die Dauer einfach nicht gewachsen sind. Wir kommen heute zu der früheren Generationen verschlossenen Einsicht, daß die Menschen nicht ohne tiefsten Schaden für sich selbst und für den Bestand der Gesellschaft dauernd die geistige, nervliche und moralische Anspannung ertragen können,  zu der sie ein von Angebot und Nachfrage, Markt und Technik beherrschtes Wirtschaftssystem zwingt, und ebensowenig die Unsicherheit und Unstabilität aller Lebensverhältnisse, die ein solches System mit sich bringt. Und so wie die Demokratie staatsfreie Sphären aufweisen muß, wenn sie nicht zur schlimmsten Despotie entarten soll, so muß es in der Marktwirtschaft marktfreie Sphären geben, ohne die sie unerträglich wird.«

Die Scheidewand zwischen Hegung und Entfesselung der Wirtschaft ist der Begriff der Gleichheit. Das gilt gleichermaßen für den Sozialismus und den Kapitalismus, wenn wir diese beiden Begriffe trotz ihres Holzschnittcharakters weiterhin gebrauchen wollen. Der Kapitalismus entartet, indem er jeden lediglich nur noch als Konsumenten betrachtet, die Gewinnmaximierung über alles stellt und die Welt in die Falle der Vereinheitlichung lockt. Der Sozialismus entartet schon als Gedanke, wenn    er annimmt, daß jedem das gleiche Lebensniveau zustehe: »Beide teilen den ökonomistischen Glauben. So wie für den Kapitalisten alles käuflich  ist […], so ist für den Egalitaristen alles ökonomisch kompensierbar.« (Wolfgang Kersting)

Dagegen hat der Historiker Heinrich von Treitschke einmal die Forderungen der vernünftigen Gleichheit zusammengefaßt: daß jeder Mensch als Rechtssubjekt anerkannt werde, daß ihm als einem Ebenbilde Gottes zustehe, frei zu denken und zu glauben, daß er die Gaben der Seele und des Leibes frei gebrauchen dürfe, um innerhalb der gegebenen Gesellschaftsordnung so hoch zu steigen, als ihm Kraft und Glück erlauben.

Daraus folgen für die Gesellschaft die Pflichten, jedem den Erwerb jenes Maßes an Bildung zu ermöglichen, das nötig ist, um die persönliche Begabung zu entfalten und dort zu helfen, und nur dort, wo aus eigener Kraft ein Leben nicht möglich ist. Alle darüber hinausgehenden Gleichheitsforderungen führen unweigerlich in Vernutzung der ethischen Substanz und irgendwann in die Barbarei, weil jegliche Sitte, jeglicher Abstand, jeglicher Unterschied verlorengehen. Sie zerstören die Gesellschaft, so Treitschke, zerreißen das Band zwischen ihrer Vergangenheit und Zukunft. Das Glück korrigieren zu wollen (und auf nichts anderes läuft die Gleichheitspolitik hinaus) führt zur Unfreiheit. Rolf Peter Sieferle hat in seinem vor kurzem neu erschienenen Meisterwerk Epochenwechsel die- sen Prozeß der Gleichmacherei in all seinen Etappen beschrieben.

Nun steht aber unsere Epoche ohne Zweifel ganz unter dem ihr eigenen Zeichen einer Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse. Der Kapitalismus als einzig denkbare Form des Wirtschaftens hat sich weltweit durchgesetzt, mit allen Konsequenzen. Doch Kapitalismus ist  mehr  als nur eine Produktionsweise. Es gibt einen kapitalistischen Geist, der inzwischen das Denken und Handeln der Politik, aber auch der Gesellschaft bestimmt. Diesem »Händlergeist« galt das besondere Interesse des deutschen Soziologen und Nationalökonom Werner Sombart. „Was kannst du mir bieten?« sei die Frage, mit dem dieser Geist an das Leben herantrete, der folgerichtig die Bestimmung des Menschen darin sehe, teuer zu verkaufen und wohlfeil einzukaufen, und dies über den alltäglichen Konsum hinaus in allen Lebensbereichen. Der Zweck des Staates habe sich ganz darauf zu beschränken, seinen Bürgern diese Geschäfte zu erleichtern.

Interessant sind Sombarts Gedanken über den Zusammenhang von Wanderung (neudeutsch Migration) und kapitalistischem Geist. Er sieht im einen die Quelle des anderen. (Aus-)Wanderung ist für Sombart ein Ausleseprozeß der kapitalistischen Variante, und zwar der wagemutigen, berechnenden, unsentimentalen Vertreter einer Population. Alle alten Lebensgewohnheiten und Beziehungen hinter sich abbrechend findet sich der Fremde in einer neuen Welt wieder, die für ihn keine Seele hat. »Das Land wird von ihnen nicht betrachtet als die Mutter der Menschen, der Herd der Götter, das Grab der Väter, sondern nur als Werkzeug der Bereicherung.« In der neuen Heimat kann der Erwerbstrieb sich nun ohne die bisher übliche Rücksichten auf seinesgleichen austoben, denn der Ankömmling hat es in der Fremde mit Fremden zu tun.

Der Staat im konservativen, nicht vom kapitalistischen Geist durchdrungenen Sinn ist hingegen nicht nur ein Staat für die Cleveren und Schlauen, sondern auch einer für die Mehrzahl derer, die vom real existierenden Kapitalismus überfordert sind. Wie viele dies sind, läßt die Zahl überschuldeter Privathaushalte erahnen. Daß der Mensch kein beliebig konditionierbares Wesen sei, gehört zum Menschenbild des Konservativen. Konservativ sein setzt tiefere Einsichten voraus als die in die Spielregeln des Marktes. Es ist keine Menschenfreundlichkeit, Umstände aufzurichten, die den Menschen überfordern müssen.

Der Kapitalismus, eigentlich eine Produktions- und Organisationsform der Wirtschaft, wirkt längst über dieses Feld hinaus und beeinflußt als Maxime der Lebensführung die gesellschaftlich gültigen Werte und unser aller Denken, so daß wir inzwischen zwar von allem den Preis, aber leider auch von nichts mehr den Wert kennen. Unsere Wirtschaftsform kann aber niemals der Zweck unseres Daseins sein, sondern immer nur Mittel zu einem höheren Zweck.

Worum es uns also gehen muß, ist, die geistige Vorherrschaft des Wirtschaftlichen zu brechen. Wir leben (noch) in einer Situation, in der wir uns das ohne große Opfer leisten können. Das müssen wir nutzen. Nicht, indem wir der »sozialen Frage« auf den Leim gehen, sondern indem wir ein Selbstbild errichten, in dem die Wirtschaft den Rang der Basis, nicht den der Spitze beanspruchen darf. Hinter vier Stunden weniger Arbeit oder fünf Euro mehr Lohn hat sich noch nie ein großer Gedanke verborgen. Die Frage, ob man unter den Franzosen nicht auch gut leben könnte, war für die Preußen 1807 völlig gleichgültig. Wichtig war ihnen die Freiheit und die Behauptung des Eigenen – und dort sollten wir uns einfinden.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


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