1. Februar 2018

Konstruktive Theorieschwäche

Götz Kubitschek

PDF der Druckfassung aus Sezession 82/Februar 2018

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Die weltanschaulich immanente Theorieschwäche der Rechten ist eine Tatsache. Man kann die Rechtfertigung dieses Umstands auf die Feststellung beschränken, daß sie nur vom Standpunkt jener als »Schwäche« beschrieben wird, die eine Schwäche für Theorien haben. Muß man neben der Aufgabe, ein selbständiges Leben zu führen und Verantwortung für Beruf, Familie, Nachbarschaft, Kirchengemeinde,  Partei  und  Verein zu tragen, die graue Dame Theorie pflegen? Wer wirklich etwas aufbaut,  in Stand hält oder verbessert, wer vom Schicksal (ein rechter Schlüssel- begriff!) an die Werkbank seines Lebens gestellt wird und dieses Werkstück tatsächlich in Angriff nimmt, ohne gleich  nach  Ungerechtigkeiten zu graben, wird je länger, je mehr demütig unter der Last und der Dauer des Anspruchs, wird dankbar für die Erfahrung, daß überhaupt etwas gelingen und ertragreich umgesetzt werden könne.

Vor allem aber wird er mißtrauisch gegenüber jenen Theorien, die – in sich schlüssig gebaut – behaupten, es gäbe einen Weg heraus aus der Conditio humana, mithin eine Chance, den Menschen an sich zu erneuern oder von Grund auf ins Bessere zu drehen, und weil es diese Chance gäbe, dürfe man es versuchen, und zwar mit aller Gewalt.

Das den Menschen als Menschen grundsätzlich Gegebene darf aber ebensowenig hinter- oder übergangen werden wie das je Eigene, das dem Einzelnen aufgeladen wurde. Es kann nur »gehoben« werden, dieses von der Backenzange der historischen und persönlichen Lage gepackte Leben, und diese Hebung, dieses sich Herauswühlen auch aus schwierigen Bedingungen (oder das bereits Weitermachendürfen auf gehobenem Niveau),  das Glückhaben oder Zurückgestoßenwerden – das ist das Leben   in seiner Vielgestaltigkeit. Manches daran ist nicht schön, nicht gerecht, nicht recht auszuhalten – aber es ist, und dieser simple Umstand ist die Grundlage der Achtung der Rechten vor dem Leben und ihrer Toleranz  für mannigfache Lebensvollzüge, Unterschiede, Ausformungen, Schrullen.

Denn wir können nicht hinter den Vorhang schauen, sondern haben mit dem auf die Bühne geschobenen Stoff unser Theatrum aufzuführen. Dies zu akzeptieren ist allemal eine schonendere und achtsamere Haltung als die Leugnung der Bedingtheiten und abschattierten Lebensmöglichkeiten oder der Versuch ihrer gewaltsamen Angleichung: Beides nämlich führt zu Experimenten am lebenden Objekt, mit grauenhaften Folgen.

Es ist einem Rechten dabei herzlich egal, ob dieses Experiment »zum Besten« einer von der Geschichte (Klasse), der Natur (Rasse) oder der Realtranszendenz (Individuum) privilegierten Masse durchgeführt wird: Immer wird die Umsetzung ein Abmessen der Wirklichkeit an der Theorie sein, ein Abmessen des Leibs am Prokrustesbett. Beim Blick auf dieses Schrekkensgestell, an das der Körper ohne Gnade stets anpaßt wird, indem man ihn auf das ihm unangemessene Maß streckt oder kürzt, sagt dann der Rechte seinen banalen Spruch auf, mit dem er die Verantwortungslosigkeit seiner Widersacher zur Kenntlichkeit entstellen möchte: Wenn die Wirklichkeit nicht zur Theorie paßt – um so schlimmer für die Wirklichkeit.

Er hat recht, der Rechte, mit diesem sarkastischen Spruch, aber nur dann, wenn er ihn als Ausdruck seines Mißtrauens gegen Utopien verwendet und nicht als Ausrede für seine Denk- und Lesefaulheit mißbraucht. Denn gemünzt auf Letzteres wiegt das Urteil schwer, das der Renegat Günter Maschke im Gespräch über seine neuen rechten Gefährten fällte: Die Rechten läsen nicht, und wenn sie läsen, dann nicht systematisch und vor allem keine Theorie.

Einer, der aus der Hinwendung zum Konkreten sogar das Merkmal einer rechten Tendenzwende destillierte, war Armin Mohler, der den Ansatz verfolgte, die Welt ohne Zuhilfenahme einer (wie er sich ausdrückte)

»All-Gemeinheit« zu verstehen, dabei akzeptierend, daß die Welt nur in Erklärungsmodellen »aufgehe«, theoretisch vergewaltigt sozusagen, nie aber in der Wirklichkeit. Die Beurteilung dieser Haltung durch den ge- lernten Marxisten Maschke ist gerecht: Der  nominalistische  faible  für  das Besondere sei zugleich Mohlers Stärke und Schwäche gewesen. In der Tat. Wer Mohler noch kennenlernen durfte, mag seinen Stil so charakterisieren: sich verzettelnd Grandioses aufspießend. Maschke selbst nun versucht beides zusammenzubinden, in einer nicht zufälligen Reihenfolge von Links nach Rechts wandernd, und er sagt über sich selbst: »Mich interessiert die Situation, die konkrete Lage, der konfliktive Moment. Meinetwegen: Pointillismus. In der Malerei ergab das immerhin ein vollständiges Bild.«

Es mehren sich in der jungen, man könnte auch sagen »neuesten« Rechten Stimmen, die den Pointillismus Maschkes oder den Nominalismus Mohlers für eine Form der Mutlosigkeit halten, für Scheu vor der Notwendigkeit, die großen Fragen anzugehen – jüngst namentlich den Kapitalismus, dem ein rechter Antikapitalismus entgegenzustellen sei, aufgeladen mit bei den Linken gekaperten Theoriebausteinen und Vordenkern samt deren Jargon. Da ist vom Neoliberalismus die Rede, vom Finanzkapitalismus, von absoluter und relativer Armut, von antikommunistischer Bourgeoise und den Produktionsmitteln, die ihrer Enteignung und Verstaatlichung harrten, damit die Ausbeutung derer, die nur ihre Arbeitskraft und -zeit anzubieten hätten, beendet würde.

Es kam, soviel aus dem Nähkästchen, über diese Fragen bereits zu heftigen internen Debatten, zu Auseinandersetzungen darüber, ob es der Kapitalismus an sich sei, gegen den man einen Entwurf zu stellen habe, weil er als Denk- und Verhaltensmuster immer entarten, freidrehen und das Schlechteste nach außen kehren müsse. In diesem Zusammenhang fielen und fallen Begriffe wie »Klassenkompromiß«, »Ordoliberalismus« und »Soziale Marktwirtschaft« – aus rechter Sicht Beispiele für austarierende, die Auswüchse des »Freidrehens« einhegende konservative Konzepte, die wiederum von der neuesten Rechten als Symptombekämpfun- gen und Bemäntelungen einer grundlegenden Fehlstellung abgetan und belächelt werden.

Dieses Belächeltwerden ist nun etwas, das die Rechten gerade in Staats- und Wirtschaftsfragen von Seiten einer anderen utopistischen und in ihre Theorie vernarrten ideologischen Gruppe zur Genüge kennt: Die Libertären, in Deutschland wohl restlos versammelt um André Lichtschlags Magazin eigentümlich frei, reagieren wie von der Tarantel gestochen, wo immer jemand soziale und andere Fragen vom Staat her denkt. Es gibt in Sachen Staat für echte Libertäre keine Kompromisse: Seine Abschaffung ist das Endziel aller libertären Anstrengungen, und alles, was aus rechter Sicht an hegender, erzieherischer, ausrichtender Kraft vom Staate her gedacht wird (und in der Wirklichkeit erprobt ist), können aus libertärer Sicht der anarchokapitalistische Markt und die Vertragsfreiheit und -fähigkeit des Ichs weit  effektiver und besser.

Daß dieses Konzept aus guten Gründen bisher nur in ein paar Gated Communities unter sehr reichen oder sehr gleichen Leuten funktionierte, daß es am Reißbrett, auf Bohrinselgröße oder im Niemandsland der US-amerikanischen Ortlosigkeit als Generationenprojekt durchgehen mag, niemals aber in organisch und dicht besiedelten Flächenstaaten – das interessiert keinen eigentümlich freien Geist. Vielleicht sollte man ihm dieselbe Frage stellen, die man den Nachfolgern Lenins, Luxemburgs und Marxens dieser Welt seit jeher stellt: Woher kommt eigentlich immer wieder der eindimensionale Wunsch, ein Ende der Geschichte herzustellen, obwohl uns ebendiese Geschichte lehrt, daß sie nur der totgeschlagene Mensch nicht mehr fortschreiben wird?

Kurz: Libertäre Häme bis zur Unterstellung erntet, wer den Wettbewerb aus Bereichen fernhalten will, in denen er nichts verloren hat, und antikapitalistische Häme erntet, wer am Leistungsprinzip und an der Ungerechtigkeit der Güterverteilung als einem die Lebenskräfte erst in Schwung bringenden Antriebsgefälle festhält. Häme von beiden Seiten – »der Rechte in der Richte: ein Außenseiter.« (Botho Strauß)

Es gab einmal einen rechten Entwurf, der an einen der utopistischen posthistorischen Entwüfe erinnert, wenn man ihn durch die theoretische Brille studiert. Aber ist Ernst Jüngers Der Arbeiter. Herrschaft  und Gestalt wirklich eine Theorie? Man hat dieses Werk nicht ohne Grund als Theorie-Poesie bezeichnet, eine im besten Sinne ambivalente Wort-Neuschöpfung und deshalb in sich bereits wieder ebenso rechts wie »Konservative Revolution« oder »organische Konstruktion«. Denn rechtes Sprechen und Nachdenken ist stets ambivalent und folgt sprachlich jener Unschärfe-Relation, die lehrt, daß man immer nur entweder den Moment fixieren oder den Schwung der Bewegung nachzeichnen kann, und daß beide Aspekte für sich genommen nie die ganze Gestalt umreißen.

Umriß, Gestalt, mehr ein Erahnen, als ein erschöpfendes Beschreiben, Beschriften, Fixieren – »Das Genaue ist das Falsche. Es läßt den Hof, den Nimbus nicht zu. Unsere Lebenssphäre ist das Vage, das Ungefähre«, schreibt Botho Strauß. Eure Sphäre ist das Geraune, sagen die Gegner, oder: Eure Sphäre ist in der Tat die Poesie, und als solche der Schwächeanfall vor der konsequenten Begriffsarbeit und ihren politischen Ableitungen. Man könnte nun einmal die von Jünger umrissenen Stufen zu jener »Arbeits- und Staatsdemokratie« beschreiben, auf die hinarbeitend der neue Typ,  den er vorstellt, alle Kräfte und Mittel mobil zu machen hätte.  Es ist da von »vollendeter Planlandschaft« und »Arbeitsplänen« die Rede, von den bereits erwähnten »Organischen Konstruktionen«, in welchen »der Mensch in hoher Einheit mit seinen Mitteln erscheint« und »die Spannung zwischen Natur und Zivilisation, zwischen organischer und mechanischer Welt« aufgelöst sei.

Auch inwiefern das, was Jünger beschreibt, in Gänze oder zum Teil eingetreten ist, mag einmal verhandelt werden. Für diesmal aber ist nur die Haltung des Einzelnen zum Anspruch der Arbeit als einem Teil seiner Persönlichkeit von Bedeutung, und dies wird deutlich an den Antworten auf die Frage nach dem Begriff der »Ausbeutung«. Nähkästchen: Neulich erst, im Rahmen der Winterakademie des Instituts für Staatspolitik, ging es im Verlauf eines intensiven Gesprächs um die Ziele, die ein zeitgemäßer rechter Antikapitalismus in Deutschland sich setzen könne.

In Anschlag gebracht wurden Formen »ausbeutender« Arbeitsverhältnisse, und auf die Einlassung, daß von »Ausbeutung« keine Rede sein könne, wenn der Lohn selbst für Luxusgüter hinreiche, folgte eine präzisierende Definition: Ausbeutung sei dann eine, wenn von dem Mehrwert, den der Angestellte erwirtschafte, ein erklecklicher Anteil an jene Investoren gehe, die über Erbschaft oder auf anderem Wege die Produktionsmittel des Betriebs in die Hand bekommen hätten und daraus einen Anspruch auf eine Rendite ohne Arbeitsgegenleistung ableiteten. Kurzum: Der Werktätige finanziere im Grunde nicht nur den um ein Zigfaches besser bezahlten Konzernmanager, sondern darüber hinaus jene, die nicht einmal mehr etwas managten, sondern nur noch »ihr Kapital für sich wirtschaften ließen«.

Das mag nun nicht besonders gerecht sein, aber »Gerechtigkeit« ist – mit dem Ton des Jüngerschen Arbeiters unterlegt – kein Kriterium. Denn weder der Manager, noch der raffende Renditeprivatier können Größen von Bedeutung sein für denjenigen, der in der »Arbeit« einen respektablen Teil seiner Weltformungsfähigkeit erkennt. »Du sollst der Rendite keine Macht einräumen über deine Gedanken«, möchte man – Hans Castorp im Zauberberg abwandelnd – ausrufen, oder auch: »der Freizeit« oder »dem Anspruch auf eine 35-Stunden-Woche«.

Denn alles Resentiment führt nicht dazu, die berühmte Entfremdung des Arbeiters von seinem Werkstück auszuhebeln. Es verstärkt sie vielmehr, denn die Arbeit kommt dadurch geradezu dominant als etwas Aufgezwängtes und Be- drängendes zur Geltung, das immer stärker eingekürzt, zurückgedrückt und aus dem Leben verbannt werden sollte.

Mag sein, dies ist der Verblendungszusammenhang des Selbständigen: Aber wer möchte schon tauschen mit Leuten, die mit vierzig bereits das Leben von Rentnern führen und unter der Sonne Teneriffas oder anderer spannungsloser Orte die Geräusche der Selbstkompostierung wahrzunehmen beginnen. Wie anders ein Tag, der eine Aufgabe stellt und bereits aus diesem Grund vom Leben keine weitere Rechtfertigung verlangt. Arbeiten, etwas in Ordnung bringen, eine Sache gründlich erledigen, so  gut wie möglich, wissend, daß darin immer etwas von dem zurückbleibt, was man hineingelegt hat, und das alles als »Ausgebeuteter« oder als »Selbstausbeuter«, der Begriff dafür hemmt die Arbeitslust nicht – konstruktive Theorieschwäche möchte man sagen.

Günther Anders hat sie in ein Bild gefaßt: »Keinem pflügenden Bauern ist es jemals eingefallen, daß er durch das Pflügen Zeit verliere, weil er etwas Monotones tut, etwas,  was er schon gestern ebenso getan hat und morgen ebenso tun wird; oder gar deshalb, weil er, wenn er Feierabend macht, keinen neuen Gedanken oder Erlebnisertrag heimbringt; oder schließlich gar deshalb, weil er sich in den Stunden seiner Arbeit überhaupt nicht selbstverwirklicht hat. Da lachen die Hühner. Nichts dergleichen alteriert ihn. Und mit Recht nicht.« Demgegenüber die Opfermienen, in die sich das Ausbeutungsnarrativ als Grundausdruck des Lebens eingegraben hat!

Zuletzt etwas aus einer Mail, denn der Dialog über diese Themen spinnt sich in der Leserschaft fort:

Unabhängig von meiner oben nur ganz kurz angedeuteten Wirtschaftsgesinnung bin ich auf dem politischen Felde  der  Meinung,  daß die Rechte nur weiter kommt, und damit meine ich nicht in der Theoriearbeit, wenn sie sich breitere Schichten erschließt, wenn sie sich auf der Wirtschafsseite vermeintlich linker Positionen annimmt. wenn zumindest in Mitteldeutschland bis auf die pubertären Antifanten und Altkommunisten fast die gesamte Wählerschaft der Linken eingesammelt wird.

Problematisch an Wohlfahrt,  Gewerkschaft  und  »Umverteilung« sind doch letztlich nur das Ausmaß und die Leute an den Schaltstellen und (jetzt kommt der große Unterschied zur Linken) der Kreis  der Bezugsberechtigten, also die Definition der Solidargemeinschaft. Wenn diese aus der Geschichte und der Natur erwächst, ist sie doch unstrittig eine wunderbare Sache. Problematisch wird es doch nur, wenn eine solche künstlich geschaffen werden soll.

Persönlich empfinde ich das Korporatistische, das Genossenschaftliche auch als die mir gemäße, die deutsche Ausprägung des Wirtschaftens. Wir dürfen nicht vergessen, was der angelsächsische Ansatz immer zerschlagen wollte und was von unserer Seite aus vermutlich noch immer die einzig real existierende Alternative zum allesverschlingenden Jetzt ist.

Zu guter Letzt möchte ich noch anmerken, daß die Fixierung auf die Wirtschaft vielleicht die Ursache allen Übels überhaupt ist. Die Wirtschaft soll dienen. Sie ist kein Selbstzweck. Sie ist für mich kein deutsches »Dinge um ihrer selbst willen tun«.

 

Dem ist nicht viel hinzuzufügen, allenfalls etwas von dem, was einer in  der bereits erwähnten Akademie-Runde zum Thema noch beitrug. Es schlägt in dieselbe Kerbe: Man solle den Fehler nicht wiederholen, der die Linke schon am Leben vorbeitheoretisieren ließ: Zwischen Ausbeuterei und Klassenkampf, Lohn und Rendite, Großentwurf und Lähmung liege  ein weites Feld, ein Brachfeld (Kultur, Geist, Lektüre, Erziehung, Familie, Freundschaft), das zu bestellen keinem genommen sei, zumal nicht in einer materiell so überfließenden Epoche wie der unseren. Aber es bewahrheite sich wohl, was wiederum Günther Anders einmal äußerte: »Überfluß ist die Mutter der Phantasielosigkeit«.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


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