1. Februar 2018

Rechte Kapitalismuskritik in Deutschland

Benedikt Kaiser

PDF der Druckfassung aus Sezession 82/Februar 2018

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die politische Linke ist in Aufruhr: Rechte Akteure hätten im Zuge der perpetuierten Krise der kapitalistischen Gesellschaften (Massenmigration, Währungskrise, Jugendarbeitslosigkeit,  Explosion  der  Ungleichheit, um nur einige zu nennen) die Kapitalismuskritik für sich entdeckt, heißt es. Sogar die traditionsreiche marxistische Zeitschrift für Philosophie und Sozialwissenschaften Das Argument gewährt einer Abhandlung über Querfrontbestrebungen und rechten Antikapitalismus immerhin fünfzehn Textseiten, die ansonsten für verzweigte Marx- und Gramsci- Forschungen reserviert sind.

Aber auch auf der politischen Rechten herrscht Unruhe; neben Zustimmung zu einer sozialorientierten Neujustierung politischer Theorie und Praxis (insbesondere unter jüngeren Neurechten) herrscht diffuses Unbehagen (insbesondere im demographischen Mittelbau). Die Skeptiker argumentieren ganz unterschiedlich. Die gefährlichsten unter ihnen sind jene, die höhnen, »Neoliberalismus« als Bezeichnung für den Zustand der kapitalistischen Welt sei eine linke Kampfformel ohne Realitätsbindung – ein Beweis für Philip Mirowskis These, wonach der Neoliberalismus als »ideologiefreie Ideologie« so stark im Alltagsbewußtsein verankert sei, daß man alles durch eine neoliberale Brille betrachte.

Hinter diesem Schleier wird es unmöglich zu verstehen, daß der Neoliberalismus gerade nicht den klassisch liberalen Nachtwächterstaat als Leitbild hegt, gerade nicht die Abschaffung des Staates fordert wie radikale Libertäre, sondern daß der Neoliberalismus den Staat zum  ausführenden Organ des Marktes degradiert und entsprechend rück- und umbaut, um eine Welt nach den Ideen eines Milton Friedman oder aber, am Ende des neoliberalen Ideenspektrums angelangt, eines Friedrich von  Hayek zu konstruieren.

Wiederum andere lehnen Kapitalismuskritik schon deshalb ab, weil sie  »klassisch  links«  sei,  unterliegen  also  Denkblockaden,  die  eine  fundierte   Debatte   verhindern   und   an   antifaschistische   Verhaltensmuster erinnern.  »Kapitalismuskritik  von  rechts«  ist  aber  kein  Phänomen  der Gegenwart.  Die  rechte  Kritik  am  Kapitalismus  und  seiner  bürgerlichen Gesellschaft  setzte  bereits  ein,  als  die  Verhältnisse  zur  Proletarisierung der  Gesellschaft,  also  zum  Wachstum  des  Anteils  der  Lohnarbeiter  in der  Bevölkerung  drängten.

Die  Kritik  kam  von  verantwortungsbewußten,  vornehmlich  preußischen  Konservativen,  die  das  Verdampfen  alles Ständischen und den Einbruch des »englischen«, auf Profit und rasantes Wachstum ausgerichteten Wirtschaftens konstatieren mußten. Karl Rodbertus (1805 –1975) ist exemplarisch anzuführen: Der Rittergutsbesitzer und  spätere  Nationalversammlungsabgeordnete  von  1848  kritisierte  in diesem  Sinne  die  liberale  Konkurrenzideologie,  forderte  gerechte  Löhne, Machtbeteiligung der Arbeiterschaft und argumentierte – bei grundsätzlicher Treue zur Krone – preußisch-sozial.
 
Im konservativen Milieu hervorzuheben ist zudem, mit gleicher Stoßrichtung wie Rodbertus, der Verein für Socialpolitik, der 1873 gegründet wurde,  mithin  zwei  Jahre  nach  der  temporären  Lösung  der  nationalen Frage,  die  bis  dato  aufgrund  der  feudalen  Kleinstaaterei  der  deutschen Länder  die  soziale  überschattete.  Der  antreibende  Akteur  des  Vereins war neben dem monarchistischen Sozialkonservativen Gustav Schmoller (1838 –1917)  vor  allem  Adolph  Wagner  (1835 –1917).  Die  weltanschauliche  Ausrichtung  des  Universitätsprofessors  der  Finanzwissenschaft  und Politischen Ökonomie basierte auf einem skeptischen Menschenbild, das der  virulenten  britisch-liberalen  Auffassung  des  Menschen  als  einem  eigentumsfixierten,  egoistischen  Wesen  widersprach  und  zugleich  der  Linken  entgegenhielt,  daß  der  Mensch  nicht  beliebig  formbar  sei.

Wagner sah  den  Menschen  als  gesellige,  seiner  anthropologischen  Verfaßtheit nach  unveränderliche  Konstante  der  Geschichte.  Sein  zentrales  Motiv war  die  Feststellung,  daß  das  demographische  wie  ökonomische  Wachs- tum der Gesellschaft dazu führe, daß es eine zunehmende Anzahl an Gemeinschaftsaufgaben gebe, die durch die kapitalistische Privatwirtschaft nur  unzureichend  gelöst  werden  könne.  Wagner  plädierte  für  eine  staatliche Planung und Lenkung in den Bereichen Bergbau, Forst, Post, Geldsystem,  Banken-  und  Versicherungswesen,  Sozialfürsorge  und  Rechtsschutz,  schließlich  im Verkehrs-,  Gesundheits-  und  Bildungswesen.  Die Zeitschrift Der Staats-Socialist (ab 1879) war seine Ideenplattform, zwischen 1882 und 1889 war er Mitglied im preußischen Abgeordnetenhaus.

Der  konservative  »Staatssozialismus«  Wagners  fand  auf  der  Rechten  einige  Jahrzehnte  später  Resonanz  unter  anderem  bei  Wichard  von  Moellendorf  (1881 –1937)  und  Werner  Sombart  (1863 –1941).  Sombart  kam aus dem sozialistischen Lager, wanderte schrittweise nach rechts und erarbeitete auf Basis eines an Wagner erinnernden Menschenbildes die Konturen seines »Deutschen Sozialismus«, den er 1934 vorlegte.
Aber  noch  einmal  Wagner:  Seine  Wirkungszeit  waren  die  1880er Jahre,  das  Jahrzehnt,  in  das  Bismarcks  Sozialgesetzgebung  fällt,  die  bis heute,  mit  einigem  Recht,  als  vorbildhaft  angesehen  wird.  Sie  ist  indessen  im Kontext  der  erstarkenden  Arbeiterbewegung  zu  sehen,  die  auch durch das Sozialistengesetz 1878 nicht zerschlagen werden konnte. Henning  Eichberg  sprach  bezüglich  Bismarcks  ausgleichender  Sozialpolitik von einer »pragmatischen, autoritären und die bestehenden Verhältnisse zementierenden  Mischung  aus  Schutzzoll,  Interessengemeinschaft  von Schwerindustrie  und  Großgrundbesitz,  Zuckerbrot  und  Peitsche  für  die Arbeiterklasse«,  während  Bismarcks  zeitweiliger  Mitarbeiter  Hermann Wagener (1815 –1889) mit seinen Ideen vom zukunftsträchtigen Bündnis zwischen  Krone  und  Arbeiterklasse  gegen  die  Bourgeoisie  ähnliche  Ansätze  wie  Charles  Maurras  in  Frankreich  verfocht,  aber  bei  ebenjenem Bismarck auf taube Ohren stieß.

Ein Jahr vor Wageners Tod schien aber kurzzeitig praktische Bewegung in diese theoretische Synthese zu geraten: Der junge Wilhelm II., interessiert an moderner Technik wie an der sozialen  Frage,  wurde  Kaiser.  Die  Hoffnungen  einiger  damaliger  »National- Sozialer«  –  von  Friedrich  Naumann  (1860 –1919)  bis  Theobald  Ziegler (1846 –1918)  –  auf  den  über  den  Klassen  stehenden  monarchischen  Sozialstaat wuchsen, wurden aber rasch enttäuscht.
Die rechten Kapitalismusgegner im Kaiserreich scheiterten letztendlich am wilhelminischen Klassenstaat wie am Fehlen eigener Resonanzräume: Die Arbeiterbewegung fremdelte mit jenen Köpfen, die im Regelfall aus bürgerlichen Verhältnissen stammten, und viele Status-quo-Konservative versagten aus inhaltlichen wie strategischen Motiven ihre Unterstützung. Nicht wenige befürchteten, daß über rechte preußische »Staatssozialisten«, die ein skeptisches, rechtes Menschenbild formulierten, und gerade deshalb etatistisch-soziale Konzepte favorisierten, der Einfall linker Ideenwelten drohe.
Erst durch die Erfahrungen in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs und den Untergang des Kaiserreichs wurde eine fundamental neue Situation geschaffen: Standesdünkel wurden durch die Realität des gemeinsamen Kampfes zur albernen Haltung; Nationalismus und (militärische) Solidarität waren gerade bei der Frontkämpfergeneration positiv konnotiert, Liberalismus und Kapitalismus wurden hingegen als westlich und feindlich deklariert – man war durch die westliche Welt besiegt und mittels Versailles gedemütigt worden.

Die nationale Frage erfuhr als Revanchebemühung eine Radikalisierung.
Die Verelendung breiter Schichten im Zuge der Inflation sorgte dafür, daß sich die soziale Frage existen- tiell stellte. Beide Fragen wurden in der Folge – vor allem im national-   und sozialrevolutionären Flügel der »Konservativen Revolution« nach Armin Mohler – immer wieder explosiv  zusammengemischt.  Das  Ziel  war die »totale Mobilmachung« des Volkes gegen den im Weltkrieg siegreichen »Westen«. Dessen einigendes Band war der Kapitalismus als Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, den die Konservativ-Revolutionären folgerichtig zum Feind erklärten, wenngleich dieser Feinderklärung, und das war ideenpolitisch zugleich ihr mittelfristiges Todesurteil, keine methodisch erarbeitete Gesellschaftsanalyse zugrunde lag, auf deren Basis man Schritt für Schritt ein kohärentes rechtes, nichtkapitalistisches und soziales Ideengebäude ohne Ausmordung »Anderer« (Juden, »Bürger« usw.) hätte errichten können.
Ernst Jünger etwa nutzte antikapitalistische Metaphern und entsprechendes Vokabular, doch blieb seine Kapitalismuskritik antibürgerlich- habituell. Immerhin schied er seinen Nationalismus vom Patriotismus der bürgerlichen Reaktion und optierte offen für die Querfront der Antikapitalisten: Alle tatsächlichen revolutionären Kräfte innerhalb eines Landes verkörperten ungeachtet der ideologischen Antagonismen, so Jünger in einem Gastbeitrag für ein linkes Organ, unsichtbare Verbündete, da der gemeinsame Feind durch die bestehenden bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse definiert sei.
Während  bei  der  Gruppe  um  Jünger  das  Nationalrevolutionäre  vor allem aus der Fronterfahrung rührte und das Sozialrevolutionär-Antikapitalistische  meist  mehrdeutig-nebulös  formuliert  wurde,  agierten  Autoren   und   Wissenschaftler   um   die   (jung)konservativ-(national)revolutionäre  Zeitschrift  Die  Tat  fundierter.  Auch  ein  Linksintellektueller  wie Fritz  Sternberg  beschäftigte  sich  daher  später  ausführlich  mit  ökonomischen  Standpunkten  der  Tat-Akteure.

Sternberg  honorierte  die  kapitalgegnerischen  Abhandlungen,  vor  allem  Ferdinand  Frieds  Schrift  Das Ende  des  Kapitalismus  (1931),  und  lobte  dessen  »ausgezeichnete  Analyse«.  Weiterhin  attestierte  er  ihm hervorragendes  »konkretes  Anschauungsmaterial  über  die  Verfallserscheinungen  im  Niedergang  des  Kapitalismus«.  Beanstandet  wurde  aber,  angesichts  des  Publikationsorts  Weltbühne erwartbar, die rechte, also nationale Grundierung des Antikapitalismus um Fried, Carl Rothe, Giselher Wirsing, Ernst Wilhelm Eschmann und Hans Zehrer. Diese Personen bildeten zwischen 1929 und 1933 den Kern des »Tatkreises«. Die ideellen Inspiratoren hießen Werner Sombart und Carl Schmitt, das Ziel war eine soziale und nationale Neugliederung Deutschlands, und den Weg versuchte man mit General v. Schleicher und originären  »linken«  Nationalsozialisten  um  Otto  und,  jedenfalls  tem- porär,  Gregor  Strasser  zu  gehen.  Die Tat war  dabei  kein  randständiges Sektiererblättchen,  sondern  eines  der  bedeutendsten  politischen  Organe der  Weimarer  Republik.  Die  Redaktion  arbeitete  systematisch  an  einem nichtmaterialistischen  Antikapitalismus  sowie  am  Ausbau  eines  generationsspezifischen  rechtsintellektuellen  Bewußtseins,  aus  dem  heraus  die konservativ-revolutionäre  Transformation  der  bestehenden  Verfassung gedacht  wurde.  Rückgrat  der  angestrebten  konservativen  und  sozialen Revolution sollten abstiegsbedrohte Mittelschichten, aufstrebende Arbeiter  und  die  Bauernschaft  bilden;  die  Wirtschaft  wäre  korporativ-genossenschaftlich neu zu gliedern, wobei – ähnlich wie bei Adolph Wagner 60 Jahre  früher  –  mindestens  die  Produktionsmittel,  der  Grund  und  Boden sowie die Banken in Staatshand überführt werden sollten, um die Grund- versorgung  gemeinschaftlich  und  ohne  Profitmaximierung  privater  Akteure zu sichern.

Im  Herbst  1932  erreichte  man  mit  dieser  die  Rechts-links-Dichotomie aufhebenden Programmatik die Auflagenhöchstzahl von 30000. Die Entkopplung  der  heterogenen  Gewerkschaftsbewegung  von  SPD,  KPD und Co. war das realpolitische Primärziel der Tat als dem »Sammelplatz der  jüngeren  nationalen  Bewegung«  (Ernst  Robert  Curtius).  In  diesem Sinne  zielten  zahlreiche  publizierte  Überlegungen  der  Tatkreis-Protagonisten darauf ab, aktuelle Widersprüche in der vielfältigen Arbeiterbewegung zu analysieren und durch korporative Ideen Brücken nach links zu bauen. Der Historiker Axel Schildt wies darauf hin, daß die Avancen, die in  Richtung  der  Gewerkschaften  und  anderer  sozial  orientierter  Kreise
formuliert wurden, »durchaus ehrlich gemeint« gewesen seien, also keineswegs bloß Taktik und Demagogie folgten.
Authentisch  antikapitalistisch  und  rechts  zugleich  war  auch  Ernst Niekisch.  1918  noch  für  die  Revolution  in  München  aktiv,  eckte  er  zunehmend  bei  den  linken  Mitstreitern  an,  überwarf  sich  mit  ihnen,  spä- ter  auch  mit  der  nationalgesinnten  »Alten  Sozialdemokratischen  Partei« (ASP)  in Sachsen, um 1926 schließlich bis zu ihrem Verbot 1934 die monatlich  erscheinende  Zeitschrift  Widerstand  herauszugeben.  Niekischs Synthese  aus  Sozialismus  und  Nationalismus  läßt  sich  am  äußeren  linken  Rand  der  rechten  KR  verorten,  und  die  Weltanschauung  der  »Widerstandsbewegung«  Niekischs  ist  treffend  als  ein  »preußischer«  (asketischer,  etatistischer),  nichtmarxistischer  Sozialismus  zusammengefaßt. Niekisch berief sich bei der Ausarbeitung seiner antikapitalistischen Idee von rechts ideenpolitisch zugleich auf Arthur Moeller van den Bruck und Ernst Jünger wie auf Karl Marx und den Komintern-Kader Karl Radek.

Davon,  daß  seine  Ideen  eines  Tages  ein  fulminantes  Comeback  erleben würden, zeigte sich nicht zuletzt Sebastian Haffner überzeugt.
Von Niekisch gibt es, entgegen anderslautender Diffamierungen, keinen   einfachen   weltanschaulichen   Übergang   zum   Nationalsozialismus Hitlerscher  Prägung.  Im  Gegenteil:  Als  Kopf  seiner  Widerstandsbewegung und bekannter Ideologe der Annäherung an die Sowjetunion wurde der streitbare »linke Rechte« in ein Konzentrationslager gesperrt und erst 1945 befreit.
Gewiß: Der Nationalsozialismus der Hitlers, Görings und Rosenbergs kokettierte mit sozialem und antibürgerlichem Vokabular, er vertrat klassenkompromißlerische Standpunkte im Zeichen einer auch im Wirtschaftlichen strikt hierarchisch gegliederten Volksgemeinschaft, er propagierte die Hebung des materiellen Niveaus aller Schichten im Zeichen der Deutschen Arbeitsfront und er steigerte »staatskapitalistische« Unternehmungen; dezidiert antikapitalistisch war er nicht. Der adlige Großgrundbesitz beispielsweise oder auch die starke politische Gestaltungsmacht der finanzindustriellen Familiendynastien – allesamt im Visier der sozialorientierten Konservativen Revolutionäre – standen nie zur Disposition.
Der Kapitalismus sollte vor allem rassisch »gesäubert« und national gezügelt werden. Die hitleristisch-völkische Bewertung des Kapitalismus vernebelt sein komplex-flexibles Wesen, sie verschiebt die »Ursache der kapitalistischen Antagonismen auf einen (pseudo-)konkreten, von außen eindringenden (rassisch) Anderen und erweckt so die Phantasievorstellung, man müsse diesen Anderen nur loswerden«, wie Slavoj Žižek zusammenfaßte.

Innerhalb  des  nationalsozialistischen  Sammelbeckens  war  es  indes eine – vor 1933 aus der Partei ausgetretene und ab 1933 brutal verfolgte – Minderheit,  die  die  »national-sozialistische«  Terminologie  ernst  nahm und von rechts her die »antikapitalistische Sehnsucht des deutschen Volkes«  (Gregor  Strasser)  bedienen  wollte.  Ihr  Wortführer  war  bald  Otto Strasser, dessen »Schwarze Front« zeitweise ebenso mit KR-Gruppen um Niekisch  und  Jünger  kooperierte  wie  mit  national  aufgeschlossenen  Linken.  Die  Programmerklärung  »Die  Sozialisten  verlassen  die  NSDAP« vom Juli 1930 enthielt einige für die Rechte jener Zeit bahnbrechende wie einmalige  Ansätze,  doch  fällt  auf,  daß  weder  in  dieser  Erklärung  noch in den Schriften Strassers selbst eine anspruchsvolle und die Zeiten überdauernde  Theoriearbeit  geleistet  wurde;  häufig  blieb  es  bei  oberflächlichen und zum Teil in sich widersprüchlichen Ausarbeitungen. Gleichwohl wurde hier – dezidiert von rechts – das Ende des Privateigentums an Produktionsmitteln  im  Sinne  einer  »Lehensträgerschaft«  sowie  die  Erarbeitung  einer  Mischform  aus  Plan-  und  Marktwirtschaft  gefordert.  Nach 1945  verpaßte  Otto  Strasser  eine  inhaltliche  Weiterentwicklung  seiner durch Freund und Feind offengelegten Schwachstellen; überdies war das Zeitalter des sogenannten Wirtschaftswunders ohnehin kein Zeitalter für Kapitalismuskritik – geschweige denn von rechts.

Die westdeutsche Nachkriegsrechte – eine ostdeutsche war durch die SED-Diktatur unmöglich – wählte die Rolle rückwärts und kehrte in den Schoß der bürgerlichen Vorstellungswelt zurück. Der »bourgeoise Antikommunismus«, von Niekisch, Jünger und Co. noch verspottet, wurde – aufgrund der zahllosen Massenmorde durch die Sowjetmacht, aufgrund des eliminatorischen Antifaschismus, den die Rote Armee vom Baltikum bis Ostdeutschland praktiziert hatte – gewissermaßen Leitbild der Nachkriegsrechten,  die,  von  marginalisierten  Ausnahmen  abgesehen,  im  Kalten  Krieg  früher  oder  später  zur  Affirmation  der  ideologischen,  militärischen  und  ökonomischen  Westbindung  überliefen.  Soziale,  allgemein eher als »links« wahrgenommene Theoreme erschienen durch die Wucht des erlebten roten Terrors desavouiert. Die kapitalismuskritische Rechte fristete  in  den  1950er  und  1960er  Jahren  auch  deshalb  ein  Schattendasein.

Erst  Ende  der  sechziger  und  zu  Beginn  der  siebziger  Jahr formierten sich um die jungen Publizisten Wolfgang Strauss, Henning Eichberg und  Lothar  Penz  explizit  »Neue«  Rechte,  die  die  soziale  und  nationale Frage auf der Höhe ihrer Zeit bearbeiten wollten und dabei, stark unter dem Eindruck der Studentenbewegung und der Neuen Linken stehend, einen Theorie- und Wissenschaftshunger bewiesen, wie er im konservativen Milieu der Bundesrepublik bis dato unbekannt gewesen ist. In Zeitschriften wie Junges Forum, Rebell, Neue Zeit oder Junge Kritik wurden ökologische, demokratisch-sozialistische und befreiungsnationalistische Sujets diskutiert, ja eine soziale Neuordnung Westeuropas gefordert, die Leistung und nicht Kapitalbesitz oder, allgemeiner, soziale Herkunft  in den Fokus stellte.

Diese Neue Rechte – man darf sich nicht darüber hinwegtäuschen – umfaßte  selbst  in  ihrer  Hochzeit  Ende  der  1960er  bis  Mitte  der  1970er Jahre  im Kern  lediglich  40  bis  50  Kader,  deren  Neigung  zur  Ausdifferenzierung  der  eigenen  Positionen  zu  Friktionen  und  Brüchen  führte. Denn  die  auf  die  erste  Generation  folgenden  Nationalrevolutionäre  der späten  1970er  und  1980er  Jahre  verzettelten  sich  in  einer  aus  heutiger Sicht  bizarr  anmutenden  K-Gruppen Spaltungsmentalität.  Maoistische,»volkssozialistische«, europäisch-sozialistische oder auch konservativ- ökologische Theoreme wurden mit nationalen Ideen zusammengeführt. Der Zeitgeist stand jedoch auf Seiten der  antiautoritären  Linken,  und dort stand auch die Jugend, während auf  der  Rechten  habituell  gänz-  lich anders auftretende bürgerliche Konservative reüssierten, die sich zunehmend angloamerikanisch und prokapitalistisch äußerten; Caspar v.Schrenck-Notzing,Grandseigneur des bemerkenswerten konservativen Debattenblatts  Criticón,  war  beispielsweise  Mitglied  in  der  libertären US-amerikanischen  Philadelphia  Society,  deren  Ideen  um  den  marktradikalen  Instituts-Mitbegründer  Milton  Friedman  schlichtweg  für  (fast) alles  standen,  was  die  kapitalismuskritische  Neue  Rechte  dieser  Zeit  ablehnte. 

Schrenck-Notzing  teilte  dementsprechend  in  einer  Rezension  zu Peter Glotz’ Streitschrift Die deutsche Rechte (1989) mit, daß die »Neue Rechte«  ausschließlich  aus  nationalrevolutionären  Gruppen  der  1970er Jahre bestanden habe, daß sie ferner als Bezeichnung für die französische Nouvelle  Droite  zutreffe,  nicht  aber  für  die  konservative  Intelligenz  der Bundesrepublik, die zwar eine neue Rechte, aber keine Neue Rechte sei.
Ebenjene kapitalismuskritische Neue Rechte löste sich, wie Schrenck- Notzing  richtig  bemerkte,  noch  einige  Jahre  vor  dem  Ende  der  1980er  – ausgerechnet  im  Siegesjahrzehnt  des  Neoliberalismus  um  Reagan  und Thatcher  –allmählich  auf,  ihre  Führungsköpfe  zogen  sich  ins  Privatleben zurück, versuchten an Rechtsparteien anzudocken oder liefen gar zur (dänischen) Linken über, so der 2017 verstorbene Henning Eichberg.
Bevor – und zeitweise auch während – Eichberg seiner universitären und  parteipolitischen  Karriere  in  Dänemark  nachging,  arbeitete  er  im Rahmen  des  Zeitschriftenprojekts  wir  selbst!  (1979  bis  2002)  von  Siegfried  Bublies.  Man  vertrat  wiederum  basisdemokratische,  ökologische, antikapitalistische  und  identitär-ethnopluralistische  Standpunkte.  Zentral  war  für  die  Redaktion  im  Rahmen  ihrer  »Fünffachen  Revolution« die  Erhaltung  der  Vielfalt  der  Völker.

»Nur  die  Gemeinsamkeit  selbstbewußter  Völker,  die  auf  ihre  Freiheit  pochen,  kann  der  Planierung  der Erde  durch  das  supranationale  Kapital  entgegenwirken«,  faßte  der  zeitweilige  wir selbst!-Mitarbeiter  Friedrich  Baunack  in  »Revolution  I«  zu- sammen.  Weitere  Aspekte  betrafen  Volksherrschaft  (anstelle  der  Partei- enherrschaft),  »Humanwirtschaft«  als  Gegenteil  des  neoliberalen  Privatisierungswahns,  der  »nichts  anderes  ist  als  illegitimes  Verhökern  von Volkseigentum«  (Baunack),  ganzheitliche  Ökologie  und  schließlich  die Stärkung  regionalistischer  Ansätze. 

Das  Programm  war  klug;  es  fehlte jedoch die quantitative Basis und die im Alltag Auswirkungen zeitigende Krisensituation  der  kapitalistischen  Ordnung  des  Westens,  wie  wir  sie heute vorfinden. Das Projekt wurde 2002 ebenso eingestellt wie das kurzlebige Nachfolgeorgan volkslust aus dem Jahr 2004, das kapitalismuskritische  Ansätze  von  rechts  und  links  vereinen  wollte,  vor  allem links  jedoch keine Partner fand.

Die Spannbreite kapitalismuskritischer rechter Ideen, die vom Tatkreis über Niekisch bis zu Eichbergs Neuer Rechten reicht, wird heute stärker in Frankreich rezipiert. Rébellion ist der Name einer zweimonatlich publizierten Zeitschrift, die rechte Kapitalismuskritik im 21. Jahrhundert fortführen möchte. Neben Bezugnahmen auf die genannte rechte Ahnengalerie sowie auf Marx, Sorel, Proudhon oder Polanyi finden sich immer wieder Artikel von oder Gespräche mit Alain de Benoist, dem Vordenker der Neuen Rechten Frankreichs, der die KR nach Frankreich »importierte« und dort konsequent mit den Erkenntnissen der zeitgenössischen Wissenschaften weiterdachte, was zu einer neuen Theoriebildung führte, die nun gewissermaßen nach Deutschland »reimportiert« wird.

Benoist kritisiert zwar an Niekisch-  oder  am  Tatkreis-Milieu,  daß sie in »längst obsolet gewordenen historischen Umständen« wirkten, übernimmt aber seit Jahrzehnten verschiedene Impulse aus dem Erbe der rechten Antikapitalisten Weimars, zumal die grundsätzliche Analyse der Mechanismen und Gesetze des Kapitalismus – auch unter den stark veränderten technischen Rahmenbedingungen von heute – allgemeingültig bleibt.

Dabei besteht für Benoist, wie für das Gros rechter Antikapitalisten, kein Zweifel, daß der Liberalismus der »Hauptfeind« sei. Der Philosoph betont, daß er so bereits zu Zeiten des Sowjetkommunismus (»der letztlich nur ein Staatskapitalismus war«)  dachte. Und: Er denkt in dieser Weise noch heute, wo die liberale Ideologie in einem globalen Maßstab längst hegemonial wurde. Alle drei Pfeiler dieser universalistischen Ideologie – Kapitalismus, »Religion der Menschenrechte« und Marktgesellschaft – finden harsche Kritik.

Aber Benoist weiß, daß solche Denkbewegungen im eigenen Lager oftmals schweren Stand haben: Denn historisch betrachtet habe sich der wirtschaftliche Liberalismus (Kapitalismus) stärker »rechts« manifestiert, während der gesellschaftspolitische Liberalismus sich eher »links« verortete.
Heute wiederum erleben wir die Fusion beider Liberalismen im Zeichen des herrschenden Linksliberalismus, wie es Norbert Borrmann erfaßte, als er konstatierte, daß wesentliche Teile der Linken kein Interesse mehr an einer »Expropriation der Expropriateure« hegen, sondern ihren Frieden mit dem Kapital geschlossen haben. Ausgehend von der Totalemanzipation der 68er habe man sich,  so Borrmann zutreffend, von grundlegenden Interventionen verabschiedet, ja auf die kulturelle Sphäre beschränkt, wo man tonangebend wurde.

Das bedeute, »daß der postulierte Gegensatz zwischen Kapitalismus und linker Ideologie« heute nur noch Propaganda gleicht; die Linke stelle »nicht den Totengräber des Kapitalismus« dar, sondern war »der Bahnbrecher eines reinen Wirtschaftsdenkens, sprich: des totalen Kapitalismus«.
Für die damit erreichte Synthese aus linkem Überbau (Politik, Gesellschaft, Medien) und kapitalistischer Basis kreierte der rechte Denker den Neologismus »Linkskapitalismus«, womit er veranschaulichte, »daß sich mit Kapital und Linksideologie zwei Teile gefunden haben, die überaus kompatibel sind«.

Gerade diese mésalliance ist dafür verantwortlich, daß für rechte Kapitalismuskritik heute und in Zukunft – skizziert wurde in vorliegendem Beitrag nur eine kurze Geschichte – die Stunde schlägt: Der unappetitlichen Querfront aus Kapital und Antifaschismus ist eine ideelle Synthese kapitalismuskritischer Ansätze auf der Höhe der Zeit entgegenzustellen, und zwar bei einem nicht hintergehbaren Bezug auf das grundlegende rechte Menschenbild, das, ob mit Adolph Wagner oder Arnold Gehlen gedacht, ein skeptisches bleibt, auch wenn linke Analysen, etwa im Bereich der Sozialwissenschaften, freilich selektiv einbezogen werden müssen.

Bei Bezugnahmen auf originäre rechte Traditionslinien der Kapitalismuskritik (deren Ausarbeitung ebenfalls eo ipso in der Auseinandersetzung mit Inhalten politischer Gegner verlief), die zu oft vergessen oder verdrängt werden, handelt es sich nicht um  Nostalgie,  nicht  um eine Flucht in die Konservative Revolution der Zwischenkriegszeit oder um ein Recycling alter Ideen. Das Ziel ist vielmehr theoretisches »Upcyling«, »bei dem es nicht darum geht, alte Ideen kaputt zu schlagen, sondern ihnen in Kombination mit anderen Teilen einen höheren Wert zu geben« (Guillaume Paoli). Für dieses ambitionierte Vorhaben, das in der anhaltenden Krise des Politischen unverzichtbar ist, wird es zwingend notwendig sein, Gesellschaftsanalyse, Ökonomiekritik und politische Theoriearbeit – wieder – stärker von rechts in Angriff zu nehmen.

Erst wenn eine neue Generation diese Kärrnerarbeit leistet und in praktische Ergebnisse umsetzt, kann, je nach Belieben, auf die derzeit notwendige Exegese zeitgenössischer kapitalismuskritischer Denker von links verzichtet werden. Bis dahin wird rechte Kapitalismuskritik auch die eigene Geschichte produktiv erforschen müssen. Und Geschichte ist, wie Dominique Venner betonte, definitionsgemäß offen.
 
 
 


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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