1. Februar 2018

Der Fetischcharakter der Worte

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 82/Februar 2018

 Gastbeitrag

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Die Anthropologie des Konservatismus hat am bündigsten Immanuel Kant auf den Punkt gebracht:  »Aus  so  krummem  Holze,  als  woraus  der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.« Darum sind konservativen  Denkern,  die  stets  den  »alten  Menschen«  in Rechnung stellen, linke Theoretiker, die einen »neuen Menschen« schaffen wollen, ohne an die Kosten zu denken, schon  immer verdächtig gewesen.

Notorisch nahmen Geschichtsphilosophen und Revolutionstheoretiker vergangener Jahrhunderte anthropologisch ungedeckte Hypotheken an die Zukunft auf, welche, als diese zur Gegenwart wurde, nicht einmal unter Einsatz totalitärer und terroristischer Eintreibungsmethoden abbezahlt werden konnten. Revolutionäre, Utopisten und Visionäre sind als metaphysische Hypothekenbetrüger durchschaut. Helmut Schmidt empfahl: »Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.«

Zu der Konservativen selbstverständlichen Wahrheit, daß die moderne Epoche der »großen Erzählungen« vorüber ist, konnten Linke sich erst durchringen, als ihnen diese von ihren Renegaten als postmoderne Weisheit verkündet wurde. Auch von der großen Erzählung der Revolution sind nichts als große Worte übriggeblieben: Wie die bürgerliche Tauschgesellschaft seit je durch den »Fetischcharakter der Ware« zu verführen wußte, sind deren noch immer revolutionäre Kritiker einem »Fetischcharakter der Worte« erlegen, zu deren leersten, alles und nichts sagenden, »Kapitalismus« und »Imperialismus« gehören.

Gerade das, was es Marxisten und anderen Linken erlaubte, den Begriff des Kapitalismus als politischen Kampfbegriff zu vernutzen, hatte Marx selbst davon abgehalten, ihn  als  wissenschaftlichen  Grundbegriff zu verwenden: sein großer Umfang und sein geringer Inhalt. Die komplexe Realität des von einer permanenten industriellen Revolution in Atem gehaltenen liberalen Systems läßt sich mit einem schematischen Kapitalismusbegriff nur unzureichend erfassen.

Doch wächst die magische Kraft, die manche Worte ausstrahlen, ihnen weniger aus ihrer buchstäblichen Bedeutung als ihrem metaphorischen Bedeutungshof zu. Wenn etwa Peter Sloterdijk von einem »Weltinnenraum des Kapitals« spricht, so benennt er mit diesem frei nach Rilke gewählten poetischen Bild letztlich eine mythische Befindlichkeit,  die  sich kaum mehr auf theoretische Begriffe bringen läßt. Ganz ähnlich beschrieb bereits Max Weber die verwaltete Welt des modernen Industriekapitalismus als ein »stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit« und verlieh damit einem gnostisch-klaustrophobischen Welterleben Ausdruck, welches romantisch-antikapitalistische Sehnsüchte und revolutionär-apokalyptische Lustängste wachzurufen pflegt. Wo immer aber der menschgemachte Kapitalismus aufgrund seiner faktischen Alternativlosigkeit als ein unentrinnbares Schicksal erfahren wird, dämmert hinter dessen ökonomischer Kritik eine politische Religion herauf, die eine innerweltliche Erlösung vom mythischen Bann des Unabänderlichen verheißt.

Was bereits zu großen Tragödien geführt hat, kann immer noch als grausame Farce wiederkehren: Das nötigt zur Abrüstung und Ausnüchterung von Kapitalismuskritik heute.

Der weltrevolutionäre Antikapitalismus ist im 20. Jahrhundert in mehr  als dreißig sozialistischen Staaten, unter denen sich auch zwei imperiale Großmächte befanden, zur materiellen Gewalt geworden. Nicht erst Stalin und Mao, bereits Lenin und Trotzki erklärten den »roten Terror« zum legitimen Mittel eines »Klassenkampfes«, der sich durch seine Megamassenmorde nachhaltig diskreditiert hat.

Nach diesen Erfahrungen kann es nicht mehr um  die  Abschaffung des Weltkapitalismus, sondern lediglich um dessen Bändigung mit den Mitteln des Nationalstaates gehen. Diesen sollte nicht voreilig abschreiben, wer etwa mit guten »identitären« Gründen für eine nationale Horizonterweiterung in regionale wie in kontinentale Richtung wirbt, denn schon aufgrund ihrer Staatsförmigkeit fällt der Nation die unverzichtbare Rolle eines Aufhalters neoliberaler Freihandelsinvasionen und globalkapitalistischer Beschleunigungsprozesse zu.

Trotz des Souveränitätsverlustes der bestehenden Nationalstaaten sind deren Regierungen den multinationalen Wirtschaftseliten nicht willenlos ausgeliefert, so willfährig sie derzeit auch mit diesen an der Entstaatlichung der globalen Wirtschaftsräume zusammenarbeiten. Wie die Deterritorialisierung der Produktion und die Deregulierung der Märkte kein rein ökonomisches Schicksal, sondern immer auch eine politische Entscheidung gewesen ist, so lägen auch Reterritorialisierungen und Reregulierungen im Bereich des politisch Möglichen. Durch moderaten und flexiblen Protektionismus ließen sich die nationalen Wirtschaftsstandorte und Binnenmärkte stärken, wobei der Weltmarkt für den Ausgleich von produktiven Unter- und Überschüssen weiterhin unentbehrlich bliebe.

Allein durch eine Wiederherstellung des demokratischen Nationalstaates aus seinen zugleich oligarchischen und ochlokratischen Verfallsformen ist auch der verfallende Sozialstaat zu retten, dessen frühester Vordenker Lorenz von Stein gewesen war und dessen faktische Voraussetzungen von dem bekennenden Reaktionär Bismarck geschaffen wurden.  In Anbetracht der seinerzeit sich abzeichnenden Spaltung der Arbeiterbewegung in einen revolutionären und einen reformistischen Flügel sollte man die »Teegespräche«, zu denen Bismarck und Ferdinand Lassalle sich zusammenfanden, als den Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Arbeiterklasse und Staatsmacht würdigen.

Diese in eine unversöhnliche Feindschaft zu verwandeln,  war  das Ziel von August Bebel und Wilhelm Liebknecht, den Begründern der anfangs noch entschieden marxistischen Sozialdemokratie. Sie sahen richtig, daß Bismarck mit seinem etatistischen Sozialprogramm dem revolutionären Sozialismus das Wasser abgraben wollte, aber Bismarck hatte Recht damit, genau dies zu tun, denn seine reaktionär in Angriff genommene Synthese aus liberalem Rechtsstaat und linkem Sozialstaat sollte ein weit arbeiterfreundlicheres Gesicht zeigen als der später von Lenin revolutionär gegründete Arbeiterstaat. Mit der  bolschewistischen  Verschärfung des Marxismus und der internationalistischen Überführung des Antikapitalismus in Antiimperialismus nahm Lenin überhaupt Abschied von der Politik als der »Kunst des Möglichen«.

III.

Um die nationalstaatliche Unreformierbarkeit des Kapitalismus zu beweisen, entwickelte Lenin eine Theorie des Imperialismus, die auch für viele unorthodoxe Linke bis heute maßgeblich geblieben ist.  Dabei  leitete Lenin aus der ökonomischen Tatsache, daß das zum Finanzkapital verschmolzene Industrie- und Bankkapital der großen europäischen Nationen dazu übergegangen war, neue Anlagemöglichkeiten und Absatzmärkte zu erschließen, die ideologische These ab, der Imperialismus sei eine rein logische Konsequenz und ein letztes Stadium des Kapitalismus, der ohne solches Ausgreifen in Übersee bis zur vollständigen Aufteilung der Welt längst zusammengebrochen wäre.

Gegen den damit behaupteten kausalen Nexus zwischen Kapitalismus und Imperialismus hatte schon J. A. Hobson zu bedenken  gegeben, daß sich das Problem der Absatzkrisen durch eine zur Hebung der Massenkaufkraft beitragende Sozialpolitik bewältigen ließe, nicht ohne zugleich die mangelnde Rentabilität der imperialistischen Kolonialwirtschaft herauszustellen, von der allein das Finanzkapital profitiere, während die Staatsmächte für die zivile Verwaltung und militärische Sicherung der Kolonien allemal draufzahlten.

Und für Joseph Schumpeter  stellte der ausgerechnet in der Epoche eines durchrationalisierten Kapitalismus aufgebrochene Imperialismus sogar einen »irrationalen Atavismus« dar: ein letztes Aufbäumen vorkapitalistischer, noch absolutistisch geprägter Machteliten aus Adel und Militär, die nicht aus ökonomischem Kalkül, sondern aus politischem Prestigestreben Eroberungsprojekte auf den Weg brachten, um sich in Afrika einen »Platz an der Sonne« zu sichern. Hannah Arendt schüttelte nur noch den Kopf darüber, daß zu einer Zeit, als »der ökonomische Faktor längst dem imperialen zum Opfer gefallen war«, sozialistische Theoretiker sich weiterhin damit abmühten, eine »Gesetzmäßigkeit des Imperialismus« zu entdecken.

Wurde durch diese ökonomistische Reduktion der politische Eigensinn des Imperialismus ignoriert, so bedeutete die Reservierung des Imperialismusbegriffs für jene kurze Periode der europäischen Geschichte wiederum eine historische Reduktion. Denn in einem weiteren Horizont stellt sich die Weltgeschichte im Ganzen als eine Geschichte des Aufstiegs und Niedergangs von Imperien dar, wobei die in historischen Übergangs- perioden ohne imperiale Zentralgewalt auftretenden Machtvakuen in aller Regel von Chaos und Bürgerkrieg ausgefüllt werden.

Als geschichts- und politikfremd erweist sich daher jeder konsequente Antiimperialismus, der von der Ordnungsleistung und Schutzfunktion von Imperien großzügig absieht, um unbekümmert für eine herrschaftsfreie Weltunordnung aus gleichrangigen Ländern und Regionen kämpfen zu können. Weiter verbreitet ist allerdings jener inkonsequente Antiimperialismus, der sich ausschließlich gegen die Vereinigten Staaten richtet und entweder aus blankem Antiamerikanismus oder um einer multipolaren Weltordnung willen konkurrierende Imperialmächte wie China oder Rußland ungeschoren läßt.  Nicht  minder  inkonsequent ist schließlich auch der antideutsche Antiimperialismus, der das »US-Imperium« als kleineres Übel dem »EU-Imperium« vorzieht, weil der faktische Hegemon in Europa eben Deutschland ist, welches die ihm geopolitisch zugemessene Rolle als Bollwerk zwischen Ost und West nie wieder soll spielen dürfen.

IV.

Der Begründer des Marxismus war vielleicht ein »Antikapitalist«, aber sicher kein »Antiimperialist«. Immerhin rühmte Marx die »revolutionäre Rolle« der Bourgeoisie, noch »die barbarischsten Nationen in die Zivilisation« hineinzureißen, und darum sah er gerade im westlichen Kolonialimperialismus eine für rückständige Länder jenseits von Gut und Böse stehende historische Notwendigkeit: »Die Frage ist daher nicht, ob die Engländer ein Recht hatten, Indien zu erobern, sondern ob ein von den Türken, den Persern, den Russen erobertes Indien dem von den Briten eroberten vorzuziehen wäre.«

Und Marxens Antwort lautete:  »England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine zerstörende und eine erneuernde – die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien.«

Dieser  missionarische  Imperativ,  daß  die   kolonialimperialistische »Zerstörung« zugleich die Voraussetzungen für eine postkolonialistische »Erneuerung« schaffen müsse, taugt als Beurteilungsmaßstab auch für jenen »eigentlichen« Imperialismus, der sich am »Scramble for Africa« entzündete. Hier zeigte sich, was den europäischen, zumal den britischen Imperialismus vor allen anderen historischen Imperialismen auszeichnete:  die  Abschaffung  der  Sklaverei  in  Angriff  genommen  und weitgehend durchgesetzt zu haben.

Dagegen suchten die meisten »antiimperialistischen Befreiungsbewegungen« der afrikanischen Länder die einheimische Sklaverei, die in die Anfänge der afrikanischen Geschichte zurückreicht und noch um die Wende zum 20. Jahrhundert die profitabelste ökonomische Institution darstellte, zu verteidigen und in der Periode der Dekolonisierung zuweilen sogar wiederherzustellen. Schon darum ist die Dämonisierung des Imperialismus ebenso falsch wie die  Glorifizierung des Antiimperialismus.

In unserer Gegenwart eine überhaupt nicht mehr »zerstörende«, sondern nur noch »erneuerende« Wirtschaftspolitik zu treiben, würde den westlichen Staatsmächten wie den östlichen Machtstaaten abverlangen, die Vorherrschaft des Finanzkapitals wenigstens so weit zurückzudrängen, daß sich der marktradikale Neoimperialismus durch einen sozialkonservativen Hegemonialismus einhegen ließe, um die Eigenwirtschaft in fremden Ländern wie in deutschen Landen zu stärken.

V.

In Zeiten eines Globalkapitalismus, der nationale Schutzräume und soziale Sicherungssysteme gleichermaßen bedroht, haben sich mit den Kulturkämpfen auch die Klassenkonflikte weiter verschärft. Wenn derart die soziale und die nationale Frage auch wieder enger zusammenrücken, wäre  es dennoch verfehlt, die alte Idee einer radikalen »Querfront« zu neuem Leben zu erwecken. Gewiß bietet sich eine freundliche Übernahme sozialer Perspektiven durch Rechte schon deshalb an, weil zumindest die zum Neoliberalismus konvertierten Linken sich einstweilen mehr für den Aufstieg von Minderheiten als für den Abstieg der Mehrheitsgesellschaft interessieren. Gleichwohl kann es auf die soziale Frage keine sozialistische Antwort geben, welche die destruktive Dynamik der »Abstiegsgesellschaft« nicht noch beschleunigen würde.

Die Querfront-Ideologie krankt von vornherein daran, daß deren Verfechter auf eine Revision konservativer Lebenserfahrungen drängen, ohne zugleich das linke Wunschdenken für revisionsbedürftig zu halten. Damit würde das Beste des Konservatismus – die anthropologische Maßgabe des dem Menschen Möglichen und Zuträglichen – geopfert und das Schlechteste der Linken – die Anmaßung und Zumutung von menschlichen Unmöglichkeiten – wiederbelebt.

Des weiteren zieht die Querfront-Strategie eine Bruchlinie in den Rechtskonservatismus selbst ein und befördert damit die Abspaltung des rechten vom konservativen Denken. Und da ihr die spaltende Kraft aus dem linken, dem revolutionären Ideenkreis zuwächst, kann sie nur eine Bolschewisierung der Rechten bewirken. Dann stünden manische National- und Sozialrevolutionäre hier und depressive National- und Sozialkonservative dort einander feindlich gegenüber.

Am Ende freilich wird über die künftigen  Querfrontlinien  weniger am Schreibtisch als vielmehr auf der Straße entschieden. Hier aber haben sich Antikapitalismus und Antiimperialismus noch immer als Antiamerikanismus und Antizionismus präsentiert, und dieses Zwillingspaar ist nicht nur unter linken und rechten Europäern, sondern weit mehr noch unter arabischen und afrikanischen Muslimen populär. Und infolge deren demographischer Explosion und migrantischer Expansion dürfte sich schon bald jede politische Links-Rechts-Querfront gegen »den Kapitalismus« in eine kulturelle europäisch-islamische Querfront gegen »den Westen« verwandeln, um schließlich in eine rassische »People of Colour«- Querfront gegen »die Weißen« einzumünden. Womit dann zu  rechnen sein wird, kündigt sich bereits heute in dem antiweißen Rassismus an amerikanischen Universitäten wie dem islamischen Antisemitismus auf deutschen Straßen an.

Der Entschluß neuer Rechter, einen zweiten Bildungsgang einzulegen und in den geistigen Revieren der alten Linken zu wildern, hat diese augenscheinlich aufgeschreckt. Der Schreck dürfte indessen nachlassen, wenn sich erst herumgesprochen hat, wie treuherzig dabei die Rechten gerade den linken Fehlleistungen und Lebenslügen auf den Leim gehen. Die Schadenfreude der Linken, auch die Rechten zu Sklaven ihrer Begriffsfetische gemacht zu haben, wird groß sein. Und anders als der Fetischcharakter der Ware ist derjenige der Worte ganz ohne Geheimnis.


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