Die Faszination des Marxschen Denkens

PDF der Druckfassung aus Sezession 82/Februar 2018

 Gastbeitrag

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ach dem Zusam­men­bruch des euro­päi­schen Kom­mu­nis­mus schien es offen­sicht­lich, daß die Ideen und das Werk von Karl Marx ein  für  alle­mal Geschich­te gewor­den sei­en. Wer das glaub­te, dürf­te sich mitt­ler­wei­le getäuscht sehen: Marx wird in den letz­ten Jah­ren wie­der ver­stärkt rezipiert.

Einer­seits war die Annah­me nicht abwe­gig, daß mit einem Sie­ges­zug des Kapi­ta­lis­mus die Marx­sche Theo­rie zukünf­tig auf ein gerin­ge­res Inter­es­se sto­ßen wird, ande­rer­seits war sie von vorn­her­ein gewagt. Zum einen näm­lich gehen »Großideo­lo­gien« – Ideen­sys­te­me, die eine fun­da­men­ta­le Denk­mög­lich­keit inner­halb eines Gegen­stands­be­reichs for­mu­lie­ren – nie völ­lig unter. Zum ande­ren beruh­te die Annah­me, Marx sei für immer tot, auf einem Miß­ver­ständ­nis: Marx war nicht pri­mär Theo­re­ti­ker des Sozia­lis­mus bzw. Kom­mu­nis­mus, son­dern zual­ler­erst Ana­ly­ti­ker des Kapi­ta­lis­mus und der bür­ger­li­chen Gesell­schaft. Es besteht also tat­säch­lich Grund, zu fra­gen: Was eigent­lich macht für vie­le, die sich mit öko­no­mi­schen und sozia­len Fra­gen beschäf­ti­gen, die Fas­zi­na­ti­on des Marx­schen Den­kens aus?

Sieht man vom »jun­gen Marx« ab, hat  der  Schöp­fer  des  Mar­xis­mus im Grun­de genom­men – frei­lich ist dies eine Ver­ein­fa­chung – nur  zwei The­men trak­tiert: Zum einen woll­te er, wie er im Vor­wort des ers­ten Ban­des des Kapi­tals schrieb, das  »öko­no­mi­sche  Bewe­gungs­ge­setz der moder­nen Gesell­schaft« ent­hül­len, und zum ande­ren woll­te er, wie ihm Engels am Gra­be zugu­te hielt, das »Ent­wick­lungs­ge­setz der mensch­li­chen Geschich­te« ent­de­cken. Aller­dings mün­de­te die Bear­bei­tung bei­der The­men­krei­se in Spe­ku­la­tio­nen über eine zukünf­ti­ge Gesell­schaft – eine Gesell­schaft, in wel­cher der gesell­schaft­li­che Zusam­men­hang nicht mehr markt­för­mig her­ge­stellt wer­den wür­de und die insti­tu­tio­nel­len Vor­aus­set­zun­gen für Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung des Men­schen durch den Men­schen besei­tigt wären. Zugleich bezo­gen sich die Spe­ku­la­tio­nen von Marx dar­auf, auf wel­chem Wege die kom­mu­nis­ti­sche Zukunfts­ge- sell­schaft zu errei­chen sei – näm­lich mit­tels einer (not­falls) gewalt­sa­men Revo­lu­ti­on, in der die Klas­se des Pro­le­ta­ri­ats die Klas­sen­herr­schaft der Bour­geoi­sie beendet.

Zu ver­mu­ten ist Fol­gen­des: Die Fas­zi­na­ti­on, die vom  Marx­schen  Werk heu­te aus­geht, ent­springt – jeden­falls zum gro­ßen Teil  – aus den  von Marx vor­ge­leg­ten Pro­blem­be­schrei­bun­gen sowie aus sei­nen Pro­blem­ana­ly­sen. Sie ent­springt nicht – oder jeden­falls nicht direkt – aus den pro­gnos­ti­zier­ten Pro­blem­lö­sun­gen. Sämt­li­che Ver­su­che, die Marx­schen Gesell­schafts­vi­sio­nen in die Pra­xis umzu­set­zen, waren mit sozia­len Kata­stro­phen, teil­wei­se mit Mas­sen­mor­den, ver­bun­den und haben zu Des­il­lu­sio­nie­run­gen unter sei­ner Anhän­ger­schaft geführt. Dies heißt jedoch nicht, daß kom­mu­nis­ti­sche Ideen kom­plett aus­ge­stor­ben wären. Inso­fern wirkt Marx nach wie vor auch mit sei­nen Visio­nen, ins­be­son­de­re mit sei­nen Gerechtigkeitsideen.

Auch wenn es zum Ver­ständ­nis der zeit­ge­nös­si­schen Öko­no­mien des Wes­tens nicht der Marx­lek­tü­re  bedarf:  Ein  wesent­li­cher  Grund,  wes­halb die Marx­sche Kapi­ta­lis­mus­ana­ly­se auch heu­te noch auf Inter­es­se stößt, dürf­te die Art der Pro­ble­me betref­fen, die Marx umtrie­ben. Marx inter­es­sier­te sich für nicht vor­aus­ge­se­he­ne und gesell­schaft­lich uner­wünsch­te Neben­wir­kun­gen des indi­vi­du­el­len Han­delns sowie für Rück­wir­kun­gen der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se auf das Den­ken und Han­deln der Indi­vi­du­en. Es sind drei inhalt­li­che Pro­ble­me, auf die er sich in beson­de­rer Wei­se konzentrierte.

Ers­tens ist dies das Pro­blem der sozia­len Gerech­tig­keit bzw. der »sozia­len Fra­ge«. Zum Ende des Kal­ten Krie­ges konn­te es zumin­dest in den kapi­ta­lis­ti­schen Kern­län­dern Euro­pas schei­nen, daß ein sozi­al­staat­lich gebän­dig­ter Kapi­ta­lis­mus in der Lage ist, die Pro­ble­me, für die sich Mar­xis­ten inter­es­sie­ren, so zu ent­schär­fen, daß sie ihre Rele­vanz, ins­be­son­de­re ihre sozia­le Spreng­kraft ver­lie­ren. Mitt­ler­wei­le aber ist die sozia­le Fra­ge in die Län­der des Kapi­ta­lis­mus zurück­ge­kehrt. Dies scheint eine unver­meid­ba­re Neben­wir­kung der Glo­ba­li­sie­rung zu sein, wel­che die Ten­denz einer welt­wei­ten Anglei­chung der Löh­ne impli­ziert. Wir erle­ben heu­te nicht nur eine wach­sen­de Kluft zwi­schen Arm und Reich, son­dern wir erle­ben, daß zumin­dest ein Teil der Armen tat­säch­lich ärmer wird.

Zwei­tens inter­es­sier­te sich Marx für Pro­ble­me der indi­vi­du­el­len Frei­heit. Zum einen hat er das Augen­merk auf die Tat­sa­che gelegt, daß   die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­form offen­bar Men­schen zu ihrer Vor­aus­set­zung hat, die, weil sie selbst über kein Pro­duk­tiv­ver­mö­gen ver­fü­gen, öko­no­misch gezwun­gen sind, ihre Arbeits­kraft einem  Eigen­tü­mer von Pro­duk­ti­ons­mit­teln zu des­sen Ver­fü­gung anzu­bie­ten. Dadurch aber ent­ste­hen per­sön­li­che Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se und neu­ar­ti­ge For­men mensch­li­cher Unfrei­heit. Zum ande­ren hat Marx auf  die  pro­ble­ma­ti­schen Kon­se­quen­zen einer sich ver­tie­fen­den Arbeits­tei­lung hin­ge­wie­sen. Er hat gezeigt, wie Arbei­ter, gleich­sam an eine Maschi­ne geket­tet, gezwun­gen sind, ein­fachs­te Hand­grif­fe zu ver­rich­ten und aus­schließ­lich ein »Detail­ge­schick«, wie Marx for­mu­lier­te, »treib­haus­mä­ßig« zu för­dern. Indem aber der Mensch dar­an gehin­dert wird, zu wer­den, was er sei­nem Mensch­sein ent­spre­chend sein könn­te, ent­frem­det er sich von sich selbst und sei­ner Gattung.

Drit­tens war Marx fixiert auf das Pro­blem der »inne­ren Wider­sprüch­lich­keit« des Kapi­ta­lis­mus. Für ihn waren Wirt­schafts­kri­sen ein Resul­tat der markt­wirt­schaft­li­chen Anar­chie, also der gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Unge­plant­heit des Repro­duk­ti­ons­pro­zes­ses. Er bestritt eine umfas­sen­de Selbst­re­gu­la­ti­ons­fä­hig­keit von Märk­ten und erklär­te den Markt als Signal- und Koor­di­nie­rungs­sys­tem für unzu­rei­chend, um Wohl­stand für alle hervorzubringen.

Marx hat aber nicht nur bestehen­de Pro­blem­la­gen beschrie­ben und ana­ly­siert, son­dern, zum einen, ver­sucht, zu zei­gen, daß ein kapi­ta­lis­tisch orga­ni­sier­tes Wirt­schafts­sys­tem Kri­sen, sozia­le Ver­wer­fun­gen und Wider­sprü­che, ins­be­son­de­re die gleich­zei­ti­ge Exis­tenz von Über­pro­duk­ti­on, Unter­be­schäf­ti­gung und Unter­kon­sum­ti­on, not­wen­di­ger­wei­se aus sich her­aus gene­riert und repro­du­ziert. Egal wel­che gesetz­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen eine Regie­rung schafft (Arbeits­schutz­be­stim­mun­gen, Min­dest­löh­ne, Zwangs­ver­si­che­run­gen), egal wel­che Insti­tu­tio­nen erfun­den wer­den (Gewerk­schaf­ten, Kar­tell­be­hör­den) – die Wider­sprü­che des Kapi­ta­lis­mus sind, so Marx, nicht prin­zi­pi­ell lös­bar. Eine kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft wird zudem immer, so war Marx über­zeugt, eine teils bru­ta­le, teils sub­ti­le Form der Knecht­schaft bleiben.

Zum ande­ren behaup­te­te Marx, daß eine kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schaft auf die von ihr pro­du­zier­ten uner­wünsch­ten Neben­wir­kun­gen nur mit Mit­teln reagie­ren kann, die die Pro­ble­me in ver­schärf­ter Form repro­du­zie­ren. Mar­xens wis­sen­schaft­li­cher Ehr­geiz war dar­auf gerich­tet, einen theo­re­ti­schen Beweis für die­se Ver­schär­fungs­the­se vor­zu­le­gen – also einen öko­no­mi­schen Mecha­nis­mus nam­haft zu machen, der gleich­sam dafür sorgt, daß die­se Pro­duk­ti­ons­form not­wen­di­ger­wei­se ihre eige­nen Vor­aus­set­zun­gen unter­gräbt, des­halb insta­bil wird und letzt­lich der revo­lu­tio­nä­ren Über­win­dung anheim­fällt. Alle sei­ne Ansät­ze jedoch, eine Art öko­no­mi­schen »Zusam­men­bruchs­me­cha­nis­mus« auf­zu­de­cken,  müs­sen als geschei­tert gel­ten. Marx ist es nicht gelun­gen, den Beweis anzu­tre­ten, daß eine kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schaft aus sys­tem­im­ma­nen­ten Grün­den ihre eige­ne Exis­tenz­be­din­gung, näm­lich die Mög­lich­keit der Mehr­wert- bzw. Pro­fit­pro­duk­ti­on, zer­stö­ren muß und dabei zugleich Aus­beu­tungs- und Unter­drü­ckungs­ver­hält­nis­se erzeugt, die unwei­ger­lich in eine sozia­le Revo­lu­ti­on münden.

II.

In sei­nen zivi­li­sa­ti­ons­theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen folg­te Marx einem Men­schen­bild wie wir es in der klas­si­schen deut­schen Phi­lo­so­phie und spe­zi­ell bei Imma­nu­el Kant fin­den. Kant stell­te sich den Men­schen als ein auto­no­mes Wesen vor – und zwar nicht nur als ein Wesen, das sich indi­vi­du­el­le Zie­le set­zen kann, son­dern als ein Wesen, das prin­zi­pi­ell in der Lage ist, die Regeln sei­nes Han­delns selbst zu ent­wer­fen, die­se Regeln an Maß­stä­ben der Ver­nunft zu prü­fen und sei­nen Wil­len auf der Grund­la­ge einer sol­chen ver­nünf­ti­gen Ein­sicht selbst zu bestim­men, als ein Wesen also, das wol­len kann, was es ver­nünf­ti­ger­wei­se tun soll.

Gemes­sen an die­ser Vor­stel­lung erscheint eine kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft in dop­pel­ter Hin­sicht defi­zi­tär.  Zum  einen  sind  Lohn­ar­bei­ter in Erman­ge­lung eige­ner Pro­duk­ti­ons­mit­tel gezwun­gen, sich einem ande­ren Men­schen anzu­die­nen und sich – zwar for­mal frei­wil­lig, aber eben not­ge­drun­ge­ner­ma­ßen – des­sen Füh­rung zu unter­stel­len. Zum ande­ren sind Markt­wirt­schaf­ten durch das Phä­no­men der »Anar­chie der gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on« cha­rak­te­ri­siert. Indem der gesell­schaft­li­che Zusam­men­hang nicht plan­mä­ßig, son­dern über Aus­tausch­pro­zes­se auf dem Markt her­ge­stellt wird, ent­schei­den maß­geb­lich Zwän­ge des Mark­tes, wel­che Pro­duk­te auf wel­che Wei­se her­ge­stellt werden.

Der Markt ent­fal­tet zudem eine bedürf­nis­ge­ne­rie­ren­de Wir­kung und ent­schei­det damit wesent­lich, wie­viel Arbeits- und Lebens­zeit für die Her­stel­lung von Gütern auf­ge­wen­det wird. Das, was wir die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung nen­nen, ist zwar das Resul­tat des Wol­lens und des Han­delns der Indi­vi­du­en, die­ses Resul­tat ist aber als Gan­zes nicht vor­aus­ge­se­hen und mög­li­cher­wei­se auch nicht gewollt.

Die mensch­li­che Gesell­schaft als gan­ze erscheint in die­ser Blick­ein­stel­lung wie ein ver­nunft­lo­ses Tier. Sie ist nicht in der Lage, ihren eige­nen Fort­schritt an Maß­stä­ben der Ver­nunft und damit auch der Huma­ni­tät bewußt aus­zu­rich­ten. In einer  kapi­ta­lis­tisch  orga­ni­sier­ten  Gesell­schaft ist es nicht nur dem Indi­vi­du­um ver­wehrt, ein selbst­be­stimm­tes Leben zu füh­ren, auch die Gesell­schaft ver­mag es nicht, ihren Ent­wick­lungs­pro­zeß auf der Basis einer ver­nünf­ti­gen Ein­sicht zu steuern.

Mit die­ser Ana­ly­se über­trug Marx das Ide­al von Auto­no­mie,  das  Ide­al von Frei­heit und Selbst­be­stim­mung, auf die Ebe­ne der Gesell­schaft. Er war über­zeugt, daß der Kapi­ta­lis­mus nicht die zivi­li­sa­to­ri­sche End­stu­fe der mensch­li­chen Gesell­schaft sein kann. Solan­ge die Gesell­schaft ihren eige­nen Repro­duk­ti­ons­pro­zeß nicht nach selbst gesetz­ten Zie­len ratio­nal steu­ert, hat sich die Mensch­heit noch nicht wirk­lich aus dem Tier­reich gelöst.

Marx hat mit sei­ner Kri­tik an der Anar­chie der gesell­schaft­li­chen Pro­duk­ti­on die Fra­ge auf­ge­wor­fen, inwie­weit die zukünf­ti­ge Ent­wick­lung der Mensch­heit über­haupt von ihr selbst wil­lent­lich beein­flußt wird. Sei­ne Visi­on, daß der Zivi­li­sa­ti­ons­pro­zeß einem ver­nunft­lo­sen Selbst­lauf ent­ris­sen wer­den könn­te und der Mensch selbst als ein Ver­nunft­we­sen über sei­ne Geschi­cke bestimmt, dürf­te einen Groß­teil der von vie­len emp­fun­de­nen Fas­zi­na­ti­on des mar­xis­ti­schen Den­kens ausmachen.

Wie aber kann die Mensch­heit den Sprung in das »Reich der Frei­heit« voll­zie­hen? Mar­xens Ant­wort war ein­fach: Vor­aus­set­zung dafür ist die Auf­he­bung der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se. Solan­ge pri­va­te Ein­zel­ne (Unter­neh­mer) ent­schei­den, was und wie pro­du­ziert wird, kann die Mensch­heit ihren eige­nen »Stoff­wech­sel mit der Natur«, so die For­mu­lie­rung von Marx, nicht bewußt und plan­mä­ßig gestal­ten. Dies wird erst mög­lich, wenn die Pro­duk­ti­ons­mit­tel in das Eigen­tum der Gesell­schaft über­führt sind.

Die Besei­ti­gung des Pri­vat­ei­gen­tums an Pro­duk­ti­ons­mit­teln ist damit sowohl die Vor­aus­set­zung dafür, daß die Mensch­heit ihre zivi­li­sa­to­ri­sche Wei­ter­ent­wick­lung selbst gestal­ten kann, als auch die Vor­aus­set­zung für den Über­gang zur kom­mu­nis­ti­schen Zukunftsgesellschaft.

III.

Das ent­schei­den­de Merk­mal der kom­mu­nis­ti­schen Zukunfts­ge­sell­schaft ist ihre Klas­sen­lo­sig­keit. »Klas­sen­los« heißt: Alle Mit­glie­der haben die­sel­be Stel­lung zu den Pro­duk­ti­ons­mit­teln. Die Klas­sen­spal­tung der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft in Eigen­tü­mer an Pro­duk­ti­ons­mit­teln und Nicht­ei­gen­tü­mern (Pro­le­ta­ri­ern) ist aufgehoben.

Die Marx­sche Zukunfts­ge­sell­schaft ist weit­ge­hend nega­tiv bestimmt. Was sie ist, ergibt sich aus der Nega­ti­on der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft. Dem­entspre­chend ist über die kom­mu­nis­ti­sche Gesell­schaft wenig bekannt. Die wesent­lichs­ten Bestim­mun­gen sind: (1) Die kom­mu­nis­ti­sche Gesell­schaft ist anti­ka­pi­ta­lis­tisch. D.h.: An die Stel­le  des  Pri­vat­ei­gen­tums an Pro­duk­ti­ons­mit­teln tritt das gesell­schaft­li­che Eigen­tum. (2) Die indi­rek­te Ver­nunft des Mark­tes wird ersetzt durch die direk­te Ver­nunft der gemein­schaft­lich han­deln­den Men­schen. D.h.: An die Stel­le der Markt­wirt­schaft tritt die Plan­wirt­schaft. (3) Die kom­mu­nis­ti­sche Gesell­schaft wird Welt­ge­sell­schaft sein. D.h.: An die Stel­le  der  Natio­nal­staa­ten  tritt die kom­mu­nis­tisch geein­te Mensch­heit. (4) In der klas­sen­lo­sen kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft sind mit den Klas­sen auch unter­schied­li­che Klas­sen­in­ter­es­sen besei­tigt, so daß die Aus­übung von staat­li­cher Repres­si­on funk­ti­ons­los gewor­den ist, der Staat damit sei­nen Herr­schafts­cha­rak­ter ver­liert und abstirbt. D.h.: An die Stel­le der Herr­schaft über  Men­schen tritt die Ver­wal­tung des gemein­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens und die Lei­tung von Produktionsprozessen.

Über die insti­tu­tio­nel­le Aus­ge­stal­tung der kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft ist hin­ge­gen so gut wie nichts bekannt. Wie genau ist das kom­mu­nis­ti­sche Eigen­tum beschaf­fen? Wer hat die Ver­fü­gungs­ge­walt  über das Eigen­tum? Wie und durch wen soll ein gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Plan erstellt wer­den? Wie ist die Ver­wal­tung orga­ni­siert und wel­che Befug­nis­se hat sie? Wer hat die Kom­pe­tenz, gesell­schaft­li­che Regeln zu erlas­sen? Und wer hat die Kom­pe­tenz, Kom­pe­ten­zen zuzu­wei­sen? All­ge­mein kann man fest­hal­ten: Marx hat die Schwie­rig­kei­ten der Pla­nung sowie der Kon­sens­bil­dung unter­schätzt und das Insti­tu­tio­nen­pro­blem, also die Not­wen­dig­keit einer Ver­wal­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on und eines Rechts­sys­tems, die dem Bür­ger immer auch als frem­de Mäch­te ent­ge­gen­tre­ten, weit­ge­hend ausgeblendet.

Die Aus­sa­gen von Marx (und eben­so von Engels) über die sozia­lis­ti­sche bzw. kom­mu­nis­ti­sche Gesell­schaft sind außer­or­dent­lich vage. Einer- seits war dies durch­aus gewollt, weil man den Ent­schei­dun­gen der dann leben­den Men­schen nicht vor­grei­fen woll­te. Ande­rer­seits aber hat Marx die­se Zurück­hal­tung in einer nicht unwe­sent­li­chen Hin­sicht auf­ge­ge­ben. In der Kri­tik des Gotha­er Pro­gramms aus dem Jah­re 1875 – einem Rund- schrei­ben an deut­sche Sozi­al­de­mo­kra­ten – unter­zog er den Pro­gramm­ent­wurf der Sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­par­tei Deutsch­lands einer schar­fen Kri­tik. In die­ser Stel­lung­nah­me kam er auch  auf  das  Ver­tei­lungs­prin­zip in der kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft zu sprechen.

Die­ses Chan­gie­ren ist nur auf den ers­ten Blick inkon­sis­tent: Fra­gen der Ver­tei­lung des gesell­schaft­li­chen Gesamt­pro­dukts sind immer auch Gerech­tig­keits­fra­gen. Die in einer Gesell­schaft herr­schen­den Gerech­tig­keits­prin­zi­pi­en sind jedoch nach Marx nicht das Resul­tat nor­ma­ti­ver Set­zun­gen, son­dern ent­sprin­gen der sozi­al­öko­no­mi­schen Struk­tur der Gesell­schaft. Was in der einen Gesell­schaft gerecht ist, kann in einer kon­sti­tu­tio­nell ande­ren unge­recht sein. Weil also jede Gesell­schaft ihre spe­zi­fi­sche Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit erzeugt, konn­te Marx – so dach­te er jeden­falls – auch Aus­sa­gen über das in einer kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft gel­ten­de Ver­tei­lungs­prin­zip treffen.

Zunächst aber unter­schied er zwi­schen zwei Pha­sen der kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schafts­for­ma­ti­on: In der ers­ten, der sozia­lis­ti­schen Pha­se herrscht noch das Leis­tungs­prin­zip. Die Kon­sum­ti­ons­mit­tel wer­den nach der Leis­tung ver­teilt, die der Ein­zel­ne bei der Pro­duk­ti­on die­ser Mit­tel erbracht hat. Nun sind aber die Men­schen ungleich: hin­sicht­lich ihrer bio­lo­gi­schen Aus­stat­tung und der dar­aus erwach­sen­den Befä­hi­gun­gen, hin­sicht­lich sozi­al rele­van­ter Merk­ma­le (Alter, Geschlecht, Fami­li­en­stand, Anzahl der Kin­der, fami­liä­re Lebens­si­tua­ti­on), hin­sicht­lich ihrer Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten, ihrer Gesund­heit und Leis­tungs­fä­hig­keit. Wenn jedoch unglei­che Men­schen an einem und dem­sel­ben Maß­stab gemes­sen wer­den, wird eine Ver­gü­tung nach der Arbeits­leis­tung zu sozia­len Unter­schie­den füh­ren. Die Indi­vi­du­en wer­den mate­ri­ell ungleich gestellt. Die­ses Gerech­tig­keits­prin­zip, so Marx, erken­ne die Ungleich­hei­ten der Indi­vi­du­en als »natür­li­che Pri­vi­le­gi­en« an. Und gera­de dies hielt er für einen zu über­win­den­den Mißstand.

In der zwei­ten Pha­se der kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schafts­for­ma­ti­on wird ein ande­res Ver­tei­lungs­prin­zip – und damit ein ande­res Gerech­tig­keits­prin­zip – herr­schen. Das kom­mu­nis­ti­sche Ver­tei­lungs­prin­zip lautet:

»Jeder nach sei­nen Fähig­kei­ten, jedem nach sei­nen Bedürf­nis­sen!« Ver­teilt wird also nach den jewei­li­gen Bedürf­nis­sen. Die Mög­lich­keit einer sol­chen Ver­tei­lung ist jedoch an Vor­aus­set­zun­gen gebun­den: einen grö­ße­ren gesell­schaft­li­chen Reich­tum und eine ver­än­der­te Bedürf­nis­struk­tur. Zu fra­gen ist aller­dings, ob das kom­mu­nis­ti­sche Ver­tei­lungs­prin­zip den kom­mu­nis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen tat­säch­lich »als natür­li­che Kon­se­quenz« ent­springt. Nun ist aber das gesell­schaft­li­che Eigen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln – das zeigt die ers­te Pha­se der kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft – auch mit dem Leis­tungs­prin­zip ver­ein­bar, wor­an allein hö- her ent­wi­ckel­te Pro­duk­tiv­kräf­te nichts ändern. Dies läßt nur den Schluß zu, daß Marx die Exis­tenz des von ihm behaup­te­ten  Zusam­men­hangs nicht bewie­sen hat.

Viel­mehr tritt in der Argu­men­ta­ti­on von Marx unter­der­hand eine nor­ma­ti­ve Annah­me, eine nicht abge­lei­te­te mora­li­sche Intui­ti­on, hin­zu. Die­se mora­li­sche Intui­ti­on, die der Pro­pa­gie­rung des kom­mu­nis­ti­schen Ver­tei­lungs­prin­zips zugrun­de liegt, ist etwa fol­gen­de: Weder Zufäl­le oder unter­schied­li­che Bega­bun­gen, noch fal­sche indi­vi­du­el­le Ent­schei­dun­gen oder unter­schied­li­che Lebens­la­gen dür­fen sich auf das, was dem Ein­zel­nen zum Leben zur Ver­fü­gung steht, aus­wir­ken.  Es gilt: Die unglei­chen Indi­vi­du­en sol­len im Resul­tat gleich­ge­stellt sein.

Der Kom­mu­nis­mus impli­ziert mit­hin ein ega­li­tä­res Gerech­tig­keits­prin­zip. Damit hat Marx – jeden­falls für den Bereich des mate­ri­el­len Lebens – gera­de kei­ne Chan­cen­gleich­heit gefor­dert. Chan­cen­gleich­heit für unglei­che Men­schen schlägt sich nie­der in Unter­schie­den zwi­schen Arm und Reich. Das kom­mu­nis­ti­sche Ver­tei­lungs­prin­zip soll die­se Ergeb­nis­un­ter­schie­de aus­glei­chen. Für die Ver­tei­lung der mate­ri­el­len Güter darf der per­sön­li­che Bei­trag, das indi­vi­du­el­le Ver­dienst, kei­ne Rol­le spielen.

Dem kom­mu­nis­ti­schen Ver­tei­lungs­prin­zip liegt damit nicht nur eine mora­li­sche, son­dern auch eine meta­phy­si­sche Intui­ti­on zugrun­de – die impli­zi­te Annah­me näm­lich, daß der Ein­zel­ne für sei­ne Ent­schei­dun­gen und sein Han­deln nicht ver­ant­wort­lich ist und es des­halb nicht gerecht­fer­tigt wäre, wenn er die dar­aus resul­tie­ren­den Fol­gen zu tra­gen hät­te. Damit aber wird das Men­schen­bild, das für die Marx­schen zivil­sa­ti­ons­theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen maß­geb­lich war, auf­ge­kün­digt. Wenn der Ein­zel­ne nichts dafür kann, daß er sich gehen läßt, statt sich anzu­stre­nen, wenn es nicht in sei­ner Macht steht, daß er sein Geld ver­praßt, statt  es zu spa­ren oder zu inves­tie­ren, dann ist es unge­recht, wenn ihm dar­aus Nach­tei­le erwach­sen. Das kom­mu­nis­ti­sche Ver­tei­lungs­prin­zip  zielt  auf die Kom­pen­sa­ti­on aller Ungleich­hei­ten ab, die durch indi­vi­du­el­le Dis­po­si­tio­nen, Zufäl­le, Wider­fahr­nis­se, die durch Erb­schaft oder per­sön­li­ches Han­deln und Unter­las­sen entstehen.

Ein Groß­teil der Fas­zi­na­ti­on, die von Marx aus­geht, beruht auf dem Glau­ben, er habe gezeigt, daß sich die Mensch­heit von sich her­aus auf einen Gesell­schafts­zu­stand zube­wegt, in dem alle Men­schen gleich­ge­stellt sind – in dem es allen mate­ri­ell gleich gut geht und jeder sei­ne Per­sön­lich­keit glei­cher­ma­ßen ent­fal­ten kann. »Kom­mu­nis­tisch« in ihren Inten­tio­nen – so könn­te man for­mu­lie­ren – ist jede poli­ti­sche Bewe­gung, die nicht nur eine Gleichberech­ti­gung aller Men­schen pro­pa­giert oder pro­gnos­ti­ziert, son­dern ihre Gleichstel­lung.

Es erscheint sinn­voll, den Kom­mu­nis­mus nicht nur von sei­nen sozi­al­öko­no­mi­schen Grund­la­gen her zu den­ken. Von daher wäre »Kom­mu­nis­mus« gleich­be­deu­tend mit der Besei­ti­gung des Pri­vat­ei­gen­tums an Pro­duk­ti­ons­mit­teln. In einem ideo­lo­gie­kri­ti­schen Sin­ne ist es not­wen­dig, den Kom­mu­nis­mus auch von sei­nen nor­ma­ti­ven  Annah­men und  Zie­len  her zu den­ken. Marx glaub­te zwar, empi­ri­sche Sozi­al­wis­sen­schaft zu betrei­ben und auf die­ser Basis gesell­schaft­li­che Ent­wick­lungs­ge­set­ze zu erken­nen, tat­säch­lich aber pfleg­te er dar­über hin­aus ganz bestimm­te Vor­ab- Vor­stel­lun­gen von der sich (angeb­lich) her­aus­bil­den­den und gleich­zei­tig anzu­stre­ben­den Zukunftsgesellschaft.

Die­se Mehr­deu­tig­keit sei­ner Geschichts­phi­lo­so­phie läßt es rat­sam erschei­nen, die dem mar­xis­ti­schen Den­ken zugrun­de lie­gen­de nor­ma­ti­ve Idee zu iden­ti­fi­zie­ren. Und ent­spre­chend die­ser Idee ist fest­zu­hal­ten: »Kom­mu­nis­tisch« sind alle sozia­len Bestre­bun­gen, die dar­auf abzie­len, alle Men­schen der Welt  unab­hän­gig von ihrer Her­kunft und ihrem per­sön­li­chen Bei­trag zu sozi­al Glei­chen, zu Gleich­ge­stell­ten zu machen.

Die kom­mu­nis­ti­sche Idee lebt in allen der­ar­ti­gen Bestre­bun­gen fort. Die Gesell­schaft, ja die gesam­te Mensch­heit, soll so wer­den wie  eine gro­ße fried­li­che Fami­lie, in der alle die­sel­ben Rech­te haben und sozi­al völ­lig gleich­ge­stellt sind, und in der das Glück unter allen gleich­ver­teilt ist. In einer sol­chen Gesell­schaft wür­den die Inter­es­sen aller Men­schen glei­cher­ma­ßen berück­sich­tigt, und dar­über hin­aus wäre jeder Ein­zel­ne auf­ge­for­dert, die Inter­es­sen jedes ande­ren so zu berück­sich­ti­gen, als wären  es sei­ne eige­nen Interessen.

Die Inter­es­sen aller Men­schen so zu berück­sich­ti­gen, als wären es die eige­nen, ist eine der zen­tra­len Ideen des Kom­mu­nis­mus und zugleich die Kern­idee des mora­li­schen Uni­ver­sa­lis­mus. Bes­ser- oder Schlech­ter­stel­lun­gen von Men­schen, die sich durch ratio­na­le Grün­de nicht recht­fer­ti­gen las­sen, gel­ten als unge­recht und müs­sen been­det werden.

Das heißt nun nicht, daß, wer für mehr Umver­tei­lung oder höhe­re Erb­schafts­steu­ern plä­diert, den Kom­mu­nis­mus ein­füh­ren will. Es heißt auch nicht, daß jeder Ein­satz für sozia­le Gerech­tig­keit der kom­mu­nis­ti­schen Idee ent­springt oder nur auf ihrer Grund­la­ge zu recht­fer­ti­gen ist.   Zu beto­nen ist aber, daß mora­lisch uni­ver­sa­lis­ti­sche Bestre­bun­gen in einer weit­ge­hend unre­flek­tier­ten Form auch in den west­li­chen Gesell­schaf­ten vor­zu­fin­den sind – bei­spiels­wei­se in der For­de­rung nach einer welt­wei­ten unbe­schränk­ten Niederlassungsfreiheit.

Übli­cher­wei­se wird der Kom­mu­nis­mus vor allem des­halb kri­ti­siert, weil er in tota­li­tä­re Dik­ta­tu­ren mün­de­te und die­se Dik­ta­tu­ren gewal­ti­ge Ver­bre­chen began­gen haben. Die zugrun­de­lie­gen­den zivi­li­sa­to­ri­schen und mora­li­schen Ideen wer­den hin­ge­gen von vie­len für »gar nicht so schlecht« gehal­ten. Auch die­se Ideen haben sich aber der Kri­tik zu stellen.

 Gastbeitrag

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