1. Februar 2018

Die Faszination des Marxschen Denkens

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 82/Februar 2018

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  • Sezession

ach dem Zusammenbruch des europäischen Kommunismus schien es offensichtlich, daß die Ideen und das Werk von Karl Marx ein  für  allemal Geschichte geworden seien. Wer das glaubte, dürfte sich mittlerweile getäuscht sehen: Marx wird in den letzten Jahren wieder verstärkt rezipiert.

Einerseits war die Annahme nicht abwegig, daß mit einem Siegeszug des Kapitalismus die Marxsche Theorie zukünftig auf ein geringeres Interesse stoßen wird, andererseits war sie von vornherein gewagt. Zum einen nämlich gehen »Großideologien« – Ideensysteme, die eine fundamentale Denkmöglichkeit innerhalb eines Gegenstandsbereichs formulieren – nie völlig unter. Zum anderen beruhte die Annahme, Marx sei für immer tot, auf einem Mißverständnis: Marx war nicht primär Theoretiker des Sozialismus bzw. Kommunismus, sondern zuallererst Analytiker des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft. Es besteht also tatsächlich Grund, zu fragen: Was eigentlich macht für viele, die sich mit ökonomischen und sozialen Fragen beschäftigen, die Faszination des Marxschen Denkens aus?

Sieht man vom »jungen Marx« ab, hat  der  Schöpfer  des  Marxismus im Grunde genommen – freilich ist dies eine Vereinfachung – nur  zwei Themen traktiert: Zum einen wollte er, wie er im Vorwort des ersten Bandes des Kapitals schrieb, das  »ökonomische  Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft« enthüllen, und zum anderen wollte er, wie ihm Engels am Grabe zugute hielt, das »Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte« entdecken. Allerdings mündete die Bearbeitung beider Themenkreise in Spekulationen über eine zukünftige Gesellschaft – eine Gesellschaft, in welcher der gesellschaftliche Zusammenhang nicht mehr marktförmig hergestellt werden würde und die institutionellen Voraussetzungen für Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen beseitigt wären. Zugleich bezogen sich die Spekulationen von Marx darauf, auf welchem Wege die kommunistische Zukunftsge- sellschaft zu erreichen sei – nämlich mittels einer (notfalls) gewaltsamen Revolution, in der die Klasse des Proletariats die Klassenherrschaft der Bourgeoisie beendet.

Zu vermuten ist Folgendes: Die Faszination, die vom  Marxschen  Werk heute ausgeht, entspringt – jedenfalls zum großen Teil  – aus den  von Marx vorgelegten Problembeschreibungen sowie aus seinen Problemanalysen. Sie entspringt nicht – oder jedenfalls nicht direkt – aus den prognostizierten Problemlösungen. Sämtliche Versuche, die Marxschen Gesellschaftsvisionen in die Praxis umzusetzen, waren mit sozialen Katastrophen, teilweise mit Massenmorden, verbunden und haben zu Desillusionierungen unter seiner Anhängerschaft geführt. Dies heißt jedoch nicht, daß kommunistische Ideen komplett ausgestorben wären. Insofern wirkt Marx nach wie vor auch mit seinen Visionen, insbesondere mit seinen Gerechtigkeitsideen.

Auch wenn es zum Verständnis der zeitgenössischen Ökonomien des Westens nicht der Marxlektüre  bedarf:  Ein  wesentlicher  Grund,  weshalb die Marxsche Kapitalismusanalyse auch heute noch auf Interesse stößt, dürfte die Art der Probleme betreffen, die Marx umtrieben. Marx interessierte sich für nicht vorausgesehene und gesellschaftlich unerwünschte Nebenwirkungen des individuellen Handelns sowie für Rückwirkungen der gesellschaftlichen Verhältnisse auf das Denken und Handeln der Individuen. Es sind drei inhaltliche Probleme, auf die er sich in besonderer Weise konzentrierte.

Erstens ist dies das Problem der sozialen Gerechtigkeit bzw. der »sozialen Frage«. Zum Ende des Kalten Krieges konnte es zumindest in den kapitalistischen Kernländern Europas scheinen, daß ein sozialstaatlich gebändigter Kapitalismus in der Lage ist, die Probleme, für die sich Marxisten interessieren, so zu entschärfen, daß sie ihre Relevanz, insbesondere ihre soziale Sprengkraft verlieren. Mittlerweile aber ist die soziale Frage in die Länder des Kapitalismus zurückgekehrt. Dies scheint eine unvermeidbare Nebenwirkung der Globalisierung zu sein, welche die Tendenz einer weltweiten Angleichung der Löhne impliziert. Wir erleben heute nicht nur eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, sondern wir erleben, daß zumindest ein Teil der Armen tatsächlich ärmer wird.

Zweitens interessierte sich Marx für Probleme der individuellen Freiheit. Zum einen hat er das Augenmerk auf die Tatsache gelegt, daß   die kapitalistische Produktionsform offenbar Menschen zu ihrer Voraussetzung hat, die, weil sie selbst über kein Produktivvermögen verfügen, ökonomisch gezwungen sind, ihre Arbeitskraft einem  Eigentümer von Produktionsmitteln zu dessen Verfügung anzubieten. Dadurch aber entstehen persönliche Abhängigkeitsverhältnisse und neuartige Formen menschlicher Unfreiheit. Zum anderen hat Marx auf  die  problematischen Konsequenzen einer sich vertiefenden Arbeitsteilung hingewiesen. Er hat gezeigt, wie Arbeiter, gleichsam an eine Maschine gekettet, gezwungen sind, einfachste Handgriffe zu verrichten und ausschließlich ein »Detailgeschick«, wie Marx formulierte, »treibhausmäßig« zu fördern. Indem aber der Mensch daran gehindert wird, zu werden, was er seinem Menschsein entsprechend sein könnte, entfremdet er sich von sich selbst und seiner Gattung.

Drittens war Marx fixiert auf das Problem der »inneren Widersprüchlichkeit« des Kapitalismus. Für ihn waren Wirtschaftskrisen ein Resultat der marktwirtschaftlichen Anarchie, also der gesamtgesellschaftlichen Ungeplantheit des Reproduktionsprozesses. Er bestritt eine umfassende Selbstregulationsfähigkeit von Märkten und erklärte den Markt als Signal- und Koordinierungssystem für unzureichend, um Wohlstand für alle hervorzubringen.

Marx hat aber nicht nur bestehende Problemlagen beschrieben und analysiert, sondern, zum einen, versucht, zu zeigen, daß ein kapitalistisch organisiertes Wirtschaftssystem Krisen, soziale Verwerfungen und Widersprüche, insbesondere die gleichzeitige Existenz von Überproduktion, Unterbeschäftigung und Unterkonsumtion, notwendigerweise aus sich heraus generiert und reproduziert. Egal welche gesetzlichen Rahmenbedingungen eine Regierung schafft (Arbeitsschutzbestimmungen, Mindestlöhne, Zwangsversicherungen), egal welche Institutionen erfunden werden (Gewerkschaften, Kartellbehörden) – die Widersprüche des Kapitalismus sind, so Marx, nicht prinzipiell lösbar. Eine kapitalistische Gesellschaft wird zudem immer, so war Marx überzeugt, eine teils brutale, teils subtile Form der Knechtschaft bleiben.

Zum anderen behauptete Marx, daß eine kapitalistische Wirtschaft auf die von ihr produzierten unerwünschten Nebenwirkungen nur mit Mitteln reagieren kann, die die Probleme in verschärfter Form reproduzieren. Marxens wissenschaftlicher Ehrgeiz war darauf gerichtet, einen theoretischen Beweis für diese Verschärfungsthese vorzulegen – also einen ökonomischen Mechanismus namhaft zu machen, der gleichsam dafür sorgt, daß diese Produktionsform notwendigerweise ihre eigenen Voraussetzungen untergräbt, deshalb instabil wird und letztlich der revolutionären Überwindung anheimfällt. Alle seine Ansätze jedoch, eine Art ökonomischen »Zusammenbruchsmechanismus« aufzudecken,  müssen als gescheitert gelten. Marx ist es nicht gelungen, den Beweis anzutreten, daß eine kapitalistische Wirtschaft aus systemimmanenten Gründen ihre eigene Existenzbedingung, nämlich die Möglichkeit der Mehrwert- bzw. Profitproduktion, zerstören muß und dabei zugleich Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse erzeugt, die unweigerlich in eine soziale Revolution münden.

II.

In seinen zivilisationstheoretischen Überlegungen folgte Marx einem Menschenbild wie wir es in der klassischen deutschen Philosophie und speziell bei Immanuel Kant finden. Kant stellte sich den Menschen als ein autonomes Wesen vor – und zwar nicht nur als ein Wesen, das sich individuelle Ziele setzen kann, sondern als ein Wesen, das prinzipiell in der Lage ist, die Regeln seines Handelns selbst zu entwerfen, diese Regeln an Maßstäben der Vernunft zu prüfen und seinen Willen auf der Grundlage einer solchen vernünftigen Einsicht selbst zu bestimmen, als ein Wesen also, das wollen kann, was es vernünftigerweise tun soll.

Gemessen an dieser Vorstellung erscheint eine kapitalistische Gesellschaft in doppelter Hinsicht defizitär.  Zum  einen  sind  Lohnarbeiter in Ermangelung eigener Produktionsmittel gezwungen, sich einem anderen Menschen anzudienen und sich – zwar formal freiwillig, aber eben notgedrungenermaßen – dessen Führung zu unterstellen. Zum anderen sind Marktwirtschaften durch das Phänomen der »Anarchie der gesellschaftlichen Produktion« charakterisiert. Indem der gesellschaftliche Zusammenhang nicht planmäßig, sondern über Austauschprozesse auf dem Markt hergestellt wird, entscheiden maßgeblich Zwänge des Marktes, welche Produkte auf welche Weise hergestellt werden.

Der Markt entfaltet zudem eine bedürfnisgenerierende Wirkung und entscheidet damit wesentlich, wieviel Arbeits- und Lebenszeit für die Herstellung von Gütern aufgewendet wird. Das, was wir die gesellschaftliche Entwicklung nennen, ist zwar das Resultat des Wollens und des Handelns der Individuen, dieses Resultat ist aber als Ganzes nicht vorausgesehen und möglicherweise auch nicht gewollt.

Die menschliche Gesellschaft als ganze erscheint in dieser Blickeinstellung wie ein vernunftloses Tier. Sie ist nicht in der Lage, ihren eigenen Fortschritt an Maßstäben der Vernunft und damit auch der Humanität bewußt auszurichten. In einer  kapitalistisch  organisierten  Gesellschaft ist es nicht nur dem Individuum verwehrt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, auch die Gesellschaft vermag es nicht, ihren Entwicklungsprozeß auf der Basis einer vernünftigen Einsicht zu steuern.

Mit dieser Analyse übertrug Marx das Ideal von Autonomie,  das  Ideal von Freiheit und Selbstbestimmung, auf die Ebene der Gesellschaft. Er war überzeugt, daß der Kapitalismus nicht die zivilisatorische Endstufe der menschlichen Gesellschaft sein kann. Solange die Gesellschaft ihren eigenen Reproduktionsprozeß nicht nach selbst gesetzten Zielen rational steuert, hat sich die Menschheit noch nicht wirklich aus dem Tierreich gelöst.

Marx hat mit seiner Kritik an der Anarchie der gesellschaftlichen Produktion die Frage aufgeworfen, inwieweit die zukünftige Entwicklung der Menschheit überhaupt von ihr selbst willentlich beeinflußt wird. Seine Vision, daß der Zivilisationsprozeß einem vernunftlosen Selbstlauf entrissen werden könnte und der Mensch selbst als ein Vernunftwesen über seine Geschicke bestimmt, dürfte einen Großteil der von vielen empfundenen Faszination des marxistischen Denkens ausmachen.

Wie aber kann die Menschheit den Sprung in das »Reich der Freiheit« vollziehen? Marxens Antwort war einfach: Voraussetzung dafür ist die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise. Solange private Einzelne (Unternehmer) entscheiden, was und wie produziert wird, kann die Menschheit ihren eigenen »Stoffwechsel mit der Natur«, so die Formulierung von Marx, nicht bewußt und planmäßig gestalten. Dies wird erst möglich, wenn die Produktionsmittel in das Eigentum der Gesellschaft überführt sind.

Die Beseitigung des Privateigentums an Produktionsmitteln ist damit sowohl die Voraussetzung dafür, daß die Menschheit ihre zivilisatorische Weiterentwicklung selbst gestalten kann, als auch die Voraussetzung für den Übergang zur kommunistischen Zukunftsgesellschaft.

III.

Das entscheidende Merkmal der kommunistischen Zukunftsgesellschaft ist ihre Klassenlosigkeit. »Klassenlos« heißt: Alle Mitglieder haben dieselbe Stellung zu den Produktionsmitteln. Die Klassenspaltung der kapitalistischen Gesellschaft in Eigentümer an Produktionsmitteln und Nichteigentümern (Proletariern) ist aufgehoben.

Die Marxsche Zukunftsgesellschaft ist weitgehend negativ bestimmt. Was sie ist, ergibt sich aus der Negation der kapitalistischen Gesellschaft. Dementsprechend ist über die kommunistische Gesellschaft wenig bekannt. Die wesentlichsten Bestimmungen sind: (1) Die kommunistische Gesellschaft ist antikapitalistisch. D.h.: An die Stelle  des  Privateigentums an Produktionsmitteln tritt das gesellschaftliche Eigentum. (2) Die indirekte Vernunft des Marktes wird ersetzt durch die direkte Vernunft der gemeinschaftlich handelnden Menschen. D.h.: An die Stelle der Marktwirtschaft tritt die Planwirtschaft. (3) Die kommunistische Gesellschaft wird Weltgesellschaft sein. D.h.: An die Stelle  der  Nationalstaaten  tritt die kommunistisch geeinte Menschheit. (4) In der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft sind mit den Klassen auch unterschiedliche Klasseninteressen beseitigt, so daß die Ausübung von staatlicher Repression funktionslos geworden ist, der Staat damit seinen Herrschaftscharakter verliert und abstirbt. D.h.: An die Stelle der Herrschaft über  Menschen tritt die Verwaltung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens und die Leitung von Produktionsprozessen.

Über die institutionelle Ausgestaltung der kommunistischen Gesellschaft ist hingegen so gut wie nichts bekannt. Wie genau ist das kommunistische Eigentum beschaffen? Wer hat die Verfügungsgewalt  über das Eigentum? Wie und durch wen soll ein gesamtgesellschaftlicher Plan erstellt werden? Wie ist die Verwaltung organisiert und welche Befugnisse hat sie? Wer hat die Kompetenz, gesellschaftliche Regeln zu erlassen? Und wer hat die Kompetenz, Kompetenzen zuzuweisen? Allgemein kann man festhalten: Marx hat die Schwierigkeiten der Planung sowie der Konsensbildung unterschätzt und das Institutionenproblem, also die Notwendigkeit einer Verwaltungsorganisation und eines Rechtssystems, die dem Bürger immer auch als fremde Mächte entgegentreten, weitgehend ausgeblendet.

Die Aussagen von Marx (und ebenso von Engels) über die sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaft sind außerordentlich vage. Einer- seits war dies durchaus gewollt, weil man den Entscheidungen der dann lebenden Menschen nicht vorgreifen wollte. Andererseits aber hat Marx diese Zurückhaltung in einer nicht unwesentlichen Hinsicht aufgegeben. In der Kritik des Gothaer Programms aus dem Jahre 1875 – einem Rund- schreiben an deutsche Sozialdemokraten – unterzog er den Programmentwurf der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands einer scharfen Kritik. In dieser Stellungnahme kam er auch  auf  das  Verteilungsprinzip in der kommunistischen Gesellschaft zu sprechen.

Dieses Changieren ist nur auf den ersten Blick inkonsistent: Fragen der Verteilung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts sind immer auch Gerechtigkeitsfragen. Die in einer Gesellschaft herrschenden Gerechtigkeitsprinzipien sind jedoch nach Marx nicht das Resultat normativer Setzungen, sondern entspringen der sozialökonomischen Struktur der Gesellschaft. Was in der einen Gesellschaft gerecht ist, kann in einer konstitutionell anderen ungerecht sein. Weil also jede Gesellschaft ihre spezifische Verteilungsgerechtigkeit erzeugt, konnte Marx – so dachte er jedenfalls – auch Aussagen über das in einer kommunistischen Gesellschaft geltende Verteilungsprinzip treffen.

Zunächst aber unterschied er zwischen zwei Phasen der kommunistischen Gesellschaftsformation: In der ersten, der sozialistischen Phase herrscht noch das Leistungsprinzip. Die Konsumtionsmittel werden nach der Leistung verteilt, die der Einzelne bei der Produktion dieser Mittel erbracht hat. Nun sind aber die Menschen ungleich: hinsichtlich ihrer biologischen Ausstattung und der daraus erwachsenden Befähigungen, hinsichtlich sozial relevanter Merkmale (Alter, Geschlecht, Familienstand, Anzahl der Kinder, familiäre Lebenssituation), hinsichtlich ihrer Charaktereigenschaften, ihrer Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Wenn jedoch ungleiche Menschen an einem und demselben Maßstab gemessen werden, wird eine Vergütung nach der Arbeitsleistung zu sozialen Unterschieden führen. Die Individuen werden materiell ungleich gestellt. Dieses Gerechtigkeitsprinzip, so Marx, erkenne die Ungleichheiten der Individuen als »natürliche Privilegien« an. Und gerade dies hielt er für einen zu überwindenden Mißstand.

In der zweiten Phase der kommunistischen Gesellschaftsformation wird ein anderes Verteilungsprinzip – und damit ein anderes Gerechtigkeitsprinzip – herrschen. Das kommunistische Verteilungsprinzip lautet:

»Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!« Verteilt wird also nach den jeweiligen Bedürfnissen. Die Möglichkeit einer solchen Verteilung ist jedoch an Voraussetzungen gebunden: einen größeren gesellschaftlichen Reichtum und eine veränderte Bedürfnisstruktur. Zu fragen ist allerdings, ob das kommunistische Verteilungsprinzip den kommunistischen Produktionsverhältnissen tatsächlich »als natürliche Konsequenz« entspringt. Nun ist aber das gesellschaftliche Eigentum an Produktionsmitteln – das zeigt die erste Phase der kommunistischen Gesellschaft – auch mit dem Leistungsprinzip vereinbar, woran allein hö- her entwickelte Produktivkräfte nichts ändern. Dies läßt nur den Schluß zu, daß Marx die Existenz des von ihm behaupteten  Zusammenhangs nicht bewiesen hat.

Vielmehr tritt in der Argumentation von Marx unterderhand eine normative Annahme, eine nicht abgeleitete moralische Intuition, hinzu. Diese moralische Intuition, die der Propagierung des kommunistischen Verteilungsprinzips zugrunde liegt, ist etwa folgende: Weder Zufälle oder unterschiedliche Begabungen, noch falsche individuelle Entscheidungen oder unterschiedliche Lebenslagen dürfen sich auf das, was dem Einzelnen zum Leben zur Verfügung steht, auswirken.  Es gilt: Die ungleichen Individuen sollen im Resultat gleichgestellt sein.

Der Kommunismus impliziert mithin ein egalitäres Gerechtigkeitsprinzip. Damit hat Marx – jedenfalls für den Bereich des materiellen Lebens – gerade keine Chancengleichheit gefordert. Chancengleichheit für ungleiche Menschen schlägt sich nieder in Unterschieden zwischen Arm und Reich. Das kommunistische Verteilungsprinzip soll diese Ergebnisunterschiede ausgleichen. Für die Verteilung der materiellen Güter darf der persönliche Beitrag, das individuelle Verdienst, keine Rolle spielen.

Dem kommunistischen Verteilungsprinzip liegt damit nicht nur eine moralische, sondern auch eine metaphysische Intuition zugrunde – die implizite Annahme nämlich, daß der Einzelne für seine Entscheidungen und sein Handeln nicht verantwortlich ist und es deshalb nicht gerechtfertigt wäre, wenn er die daraus resultierenden Folgen zu tragen hätte. Damit aber wird das Menschenbild, das für die Marxschen zivilsationstheoretischen Überlegungen maßgeblich war, aufgekündigt. Wenn der Einzelne nichts dafür kann, daß er sich gehen läßt, statt sich anzustrenen, wenn es nicht in seiner Macht steht, daß er sein Geld verpraßt, statt  es zu sparen oder zu investieren, dann ist es ungerecht, wenn ihm daraus Nachteile erwachsen. Das kommunistische Verteilungsprinzip  zielt  auf die Kompensation aller Ungleichheiten ab, die durch individuelle Dispositionen, Zufälle, Widerfahrnisse, die durch Erbschaft oder persönliches Handeln und Unterlassen entstehen.

Ein Großteil der Faszination, die von Marx ausgeht, beruht auf dem Glauben, er habe gezeigt, daß sich die Menschheit von sich heraus auf einen Gesellschaftszustand zubewegt, in dem alle Menschen gleichgestellt sind – in dem es allen materiell gleich gut geht und jeder seine Persönlichkeit gleichermaßen entfalten kann. »Kommunistisch« in ihren Intentionen – so könnte man formulieren – ist jede politische Bewegung, die nicht nur eine Gleichberechtigung aller Menschen propagiert oder prognostiziert, sondern ihre Gleichstellung.

Es erscheint sinnvoll, den Kommunismus nicht nur von seinen sozialökonomischen Grundlagen her zu denken. Von daher wäre »Kommunismus« gleichbedeutend mit der Beseitigung des Privateigentums an Produktionsmitteln. In einem ideologiekritischen Sinne ist es notwendig, den Kommunismus auch von seinen normativen  Annahmen und  Zielen  her zu denken. Marx glaubte zwar, empirische Sozialwissenschaft zu betreiben und auf dieser Basis gesellschaftliche Entwicklungsgesetze zu erkennen, tatsächlich aber pflegte er darüber hinaus ganz bestimmte Vorab- Vorstellungen von der sich (angeblich) herausbildenden und gleichzeitig anzustrebenden Zukunftsgesellschaft.

Diese Mehrdeutigkeit seiner Geschichtsphilosophie läßt es ratsam erscheinen, die dem marxistischen Denken zugrunde liegende normative Idee zu identifizieren. Und entsprechend dieser Idee ist festzuhalten: »Kommunistisch« sind alle sozialen Bestrebungen, die darauf abzielen, alle Menschen der Welt  unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem persönlichen Beitrag zu sozial Gleichen, zu Gleichgestellten zu machen.

Die kommunistische Idee lebt in allen derartigen Bestrebungen fort. Die Gesellschaft, ja die gesamte Menschheit, soll so werden wie  eine große friedliche Familie, in der alle dieselben Rechte haben und sozial völlig gleichgestellt sind, und in der das Glück unter allen gleichverteilt ist. In einer solchen Gesellschaft würden die Interessen aller Menschen gleichermaßen berücksichtigt, und darüber hinaus wäre jeder Einzelne aufgefordert, die Interessen jedes anderen so zu berücksichtigen, als wären  es seine eigenen Interessen.

Die Interessen aller Menschen so zu berücksichtigen, als wären es die eigenen, ist eine der zentralen Ideen des Kommunismus und zugleich die Kernidee des moralischen Universalismus. Besser- oder Schlechterstellungen von Menschen, die sich durch rationale Gründe nicht rechtfertigen lassen, gelten als ungerecht und müssen beendet werden.

Das heißt nun nicht, daß, wer für mehr Umverteilung oder höhere Erbschaftssteuern plädiert, den Kommunismus einführen will. Es heißt auch nicht, daß jeder Einsatz für soziale Gerechtigkeit der kommunistischen Idee entspringt oder nur auf ihrer Grundlage zu rechtfertigen ist.   Zu betonen ist aber, daß moralisch universalistische Bestrebungen in einer weitgehend unreflektierten Form auch in den westlichen Gesellschaften vorzufinden sind – beispielsweise in der Forderung nach einer weltweiten unbeschränkten Niederlassungsfreiheit.

Üblicherweise wird der Kommunismus vor allem deshalb kritisiert, weil er in totalitäre Diktaturen mündete und diese Diktaturen gewaltige Verbrechen begangen haben. Die zugrundeliegenden zivilisatorischen und moralischen Ideen werden hingegen von vielen für »gar nicht so schlecht« gehalten. Auch diese Ideen haben sich aber der Kritik zu stellen.


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