Marx und die Folgen – kleine Bücherschau

PDF der Druckfassung aus Sezession 82/Februar 2018

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Der 200. Geburts­tag von Karl Marx im  Mai 2018 began­gen. Mit einer Bücher­flut zu Leben und Werk des Phi­lo­so­phen ist zu rech­nen. Bereits jetzt lie­gen Bücher vor, die sich mit den Aus­wir­kun­gen des Marx­schen Œuvre beschäf­ti­gen oder sich gar an einer inte­gra­len Bio­gra­phie versuchen.

Her­vor­zu­he­ben ist zunächst eine Stu­die Jür­gen Nef­fes (Marx. Der Unvoll­ende­te, Mün­chen 2017, 656 S., 28 €). Der pro­mo­vier­te Natur­wis­sen­schaft­ler und stu­dier­te Phi­lo­soph sieht sich einer »Rück­kehr zum vor­be­halts­lo­sen Umgang mit Marx  und  sei­nem  Werk«  ver­pflich­tet; die spä­ter zusam­men­ge­schus­ter­te, dog­ma­ti­sche Ideo­lo­gie namens Mar­xis­mus sei nicht im Sin­ne des Meis­ter­den­kers gewesen.

Das popu­lär­wis­sen­schaft­lich ver­faß­te Buch kennt Stär­ken und Schwä­chen: Der stre­cken­wei­se krampf­haft jovia­len und umgangs­sprach­li­chen Ton stört. Daß die Marx­sche fun­da­men­ta­le Schei­dung in »Über«- und »Unter­bau« in all­ge­mein­ver­ständ­li­cher Form erläu­tert wird, ver­steht sich – gemes­sen an dem Anspruch, ein Marx-Por­trät für eine brei­te Öffent­lich­keit vor­zu­le­gen – von selbst.

Aber muß man den Über­bau – die herr­schen­den Vor­stel­lun­gen einer Gesell­schafts­ord­nung – wirk­lich als »Chef­eta­ge im Pent­house« dar­le­gen? Muß man die vom Autor kennt­nis­reich unter­mau­er­te geis­ti­ge Fle­xi­bi­li­tät, die Marx von sei­nen auf ihn fol­gen­den Ver­ein­fa­che­rern so stark sepa­riert, wirk­lich mit  einem  »schö­nen  Gruß  an die spä­te­ren sozia­lis­ti­schen Macht­ha­ber« enden las­sen? Auch die Rede von dem »Krea­tiv­team Marx & Engels« oder von einem Ana­lys­ten, der »den eige­nen Schuß nicht gehört« hat, läßt die Lek­tü­re stel­len­wei­se zu einer irri­tie­ren- den Ange­le­gen­heit wer­den. Aber, und das ist die gute Nach­richt für alle Leser, die in der Sturz­flut des Gedruck­ten eine emp­feh­lens­wer­te, aktu­el­le Marx-Gesamt­dar­stel­lung suchen: Es bleibt bei die­sen klei­nen Abzü­gen in der End­wer­tung. Ansons­ten ist die Dar­stel­lung Nef­fes näm­lich über­aus gelungen.

Der preis­ge­krön­te Publi­zist ver­sucht mit Erfolg, das viel­fäl­ti­ge Werk Mar­xens (und Engels’) im Kon­text sei­ner spe­zi­fi­schen Epo­che und kon­kre­ten Wir­kungs­sphä­re zu beschrei­ben und zusam­men­zu­fas­sen. Das allei­ne hät­te indes kei­nen Neu­ig­keits­wert; dar­stel­len­de und erklä­ren­de Marx-Bio­gra­phien gibt es einige.

Eine Stär­ke Nef­fes ist die gegen­warts­ori­en­tier­te Her­an­ge­hens­wei­se. Bei ver­schie­de­nen Aspek­ten wählt er aktu­el­le Bei­spie­le und Ver­gleichs­pa­ra­me­ter, ohne dabei krampf­haft bemüht zu wir­ken. Die Marx­sche Reli­gi­ons­kri­tik wird bei­spiels­wei­se nicht nur unter­sucht, son­dern auch mit Hou­el­le­becqs Unter­wer­fung zusam­men­ge­dacht, und die heu­te wie­der reüs­sie­ren­den Fabel vom »schlan­ken Staat« kri­tisch unter die Lupe genom­men. Sie wird als das gekenn­zeich­net, was sie ist: die Hoff­nung pri­vat­wirt­schaft­li­cher Akteu­re auf neue Anla­ge­mög­lich­kei­ten, die fort­schrei­ten­de Kom­mo­di­fi­zie­rung des All­tags. Lesens­wert auch,  wie  Nef­fe  das »Maschi­nen­frag­ment« Marx’ unter  heu­ti­gen Bedin­gun­gen der Digi­ta­li­sie­rung liest und interpretiert. 

Stets erweist sich der Autor als klu­ger Beob­ach­ter sei­ner Zeit. Die trei­ben­de Kraft  mensch­li­cher  Geschich­te,  wuß­te  Marx, ist die Ent­wick­lung neu­er Pro­duk­ti­ons­me­tho­den, die wie­der­um Lebens‑, Arbeits- und Denk­ver­hält­nis­se umkrem­peln. In die­sem Sin­ne liest sich Jür­gen Nef­fes Betrach­tung von Phä­no­me­nen wie der Sharing eco­no­my und  dem  Inter­net als »Macht der Maschi­ne selbst« eben­so gewinn­brin­gend wie zag­haf­te Dis­kus­si­ons­an­stö­ße zu den durch die Macht der Algo­rith­men ent­ste­hen­den zukünf­ti­gen Hand­lungs­op­tio­nen (»markt­ori­en­tier­te Plan­wirt­schaft« bzw. »geplan­te Marktwirtschaft«).

Jür­gen Nef­fe ist somit eine Marx-Bio­gra­phie gelun­gen, die auf­grund ihrer gelun­ge­nen Ver­schrän­kung mit zeit­ge­nös­si­schen Pro­zes­sen für jeden Leser emp­feh­lens­wert ist – einer­lei ob er bereits Por­träts des bär­ti­gen Trie­rers in sei­ner Biblio­thek weiß oder sich erst­mals an die Mate­rie Marx heranwagt.

Sel­bi­ges läßt sich von Tho­mas Stein­felds Essay­samm­lung Der Herr der Gespens­ter. Die Gedan­ken des Karl Marx Mün­chen  2017, 288  S., 24 €) nicht sagen.
Stein­feld lei­tet sein Buch zwar eben­falls mit dem Anspruch ein, bei der Dar­stel­lung essen­ti­el­ler Marx-Denk­mo­ti­ve stets den Blick in die Gegen­wart zu wer­fen. Nur: Nef­fe leis­tet dies geschei­ter und weni­ger ela­bo­riert. Stein­feld, der als Feuil­le­ton­kor­re­spon­dent der Süd­deut­schen Zei­tung in Vene­dig lebt, schreibt dabei nichts sach­lich Falsches.
Allein,  es  fehlt der Neu­ig­keits­wert, das Ori­gi­nel­le, mit­hin aus­ge­rech­net das­je­ni­ge, das vor­lie­gen soll­te, damit man die Not­wen­dig­keit ver­spürt, noch ein Buch zu Marx oder zu der von ihm erar­bei­te­ten Theo­rie in die Samm­lung aufzunehmen.

Lesens­wert ist Stein­feld zwei­fel­los dann, wenn er sei­ne eige­ne Vor­lie­be zur Lite­ra­tur­ge­schich­te kennt­nis­reich mit Mar­xens Wir­kungs­ge­schich­te ver­we­ben kann. Geschmä­lert wird die­se Stär­ke aller­dings wie­der­um durch Lücken in der Rezep­ti­ons­ge­schich­te: Denn auch wenn es ein­leuch­tend erscheint, daß man wie Stein­feld kei­ne gro­ße Begeis­te­rung ob der bis­wei­len eso­te­risch anmu­ten­den Marx-Phi­lo­lo­gie um Intel­lek­tu­el­le wie Mois­he Postone oder Robert Kurz ent­wi­ckelt. So bleibt es doch zumin­dest kri­tik­wür­dig, wie man einen Essay über den Fetisch­cha­rak­ter der Ware for­mu­lie­ren kann, ohne etwa Wolf­gang Fritz Hau­gs blei­ben­de Ana­ly­sen Kri­tik der Waren­äs­the­tik zuletzt  Frank­furt  a.M. 2009) auch nur en pas­sant miteinzubeziehen.

Stau­nend läßt einen hin­ge­gen Chris­ti­na Mori­nas Neu­erschei­nung Die Erfin­dung des Mar­xis­mus. Wie eine Idee die Welt erober­te, Mün­chen 2017, 592 S., 25 €) zurück. Stau­nend, weil die­ses Buch aus ihrer Habi­li­ta­ti­ons­schrift geformt wur­de und sich dabei doch so flüs­sig wie ein span­nen­der Roman lesen läßt.

Aktua­li­sie­rung der Marx­schen Gedan­ken durch Relek­tü­re anhand gegen­wär­ti­ger Bedin­gun­gen – das ist nicht das Anlie­gen der ost­deut­schen For­sche­rin. Mori­na geht es um His­to­ri­sie­rung, um die Suche nach dem Ursprung der mar­xis­ti­schen Ideo­lo­gie ent­lang erfah­rungs­ge­schicht­li­cher Perspektiven.

Als Her­an­ge­hens­wei­se wählt sie die werk­bio­gra­phi­sche Dar­stel­lung von neun Den­kern, die direkt nach Marx und Engels dar­an arbei­te­ten, aus deren epo­cha­lem Werk eine Welt­an­schau­ung für die Arbei­ter­be­we­gung zu gestal­ten. Das Grup­pen­por­trät umfaßt Karl Kaut­sky und Edu­ard Bern­stein, Rosa Luxem­burg und Vic­tor  Adler,  Jean  Jau-  rès und Jules Gues­de sowie die Rus­sen Geor­gi Ple­ch­a­now, Peter B. Stru­we und Wla­di­mir Lenin. Die­se Grün­der­ge­nera­ti­on por­trä­tiert die Autorin als  Gruppe.

Das  heißt:  Das  Buch glie­dert sich nicht in ein­zel­ne Kapi­tel zu den jewei­li­gen Autoren wie dies vie­le klas­si­sche Sam­mel­bän­de hand­ha­ben. Mori­na schreibt die gemein­sa­me Geschich­te der neun Mar­xis­ten viel­mehr in drei Etap­pen: Sozia­li­sa­ti­on, Poli­ti­sie­rung, Enga­ge­ment. Immer im Fokus steht die Rezep­ti­on  des  Marx­schen  Opus,  der  Zugang zu ihm, die unter­schied­li­chen Lek­tü­re­er­fah­run­gen, der Ver­such schließ­lich, die­se Ein­drü­cke ver­ein­facht poli­ti­schen Grup­pen als Lehr­ma­te­ri­al weiterzugeben.
Lenin schuf hier­für den durch­aus tref­fen­den Begriff »Marx­po­pu­la­ri­sa­to­ren«. Alle Por­trä­tier­ten waren in die­sem Sin­ne ide­al geeig­net: Mori­na zeich­net u. a. die Bil­dungs­we­ge nach, die von erstaun­li­chen Leis­tun­gen geprägt waren; kei­ner der neun Köp­fe sprach zudem weni­ger als vier Spra­chen. Das lag natür­lich auch dar­an, daß alle – in unter­schied­li­cher Abstu­fung – durch­aus bür­ger­li­che Lebens­sti­le pfleg­ten und Fami­li­en ent­stamm­ten, die für ent­spre­chen­de Bil­dungs­we­ge sor­gen konnten.

Ein ande­rer Aspekt, der von Mori­na her­vor­ra­gend akzen­tu­iert wird, ist die The­se, wonach es sich bei der Ent­de­ckung des Pro­le­ta­ri­ats als uni­ver­sel­ler Kate­go­rie durch und mit Marx um eine Denk­fi­gur han­delt, die man – mit einem vari­ier­ten Bene­dict Ander­son – als »ima­gi­ned com­mu­ni­ty«, als ideo­lo­gisch kon­stru­ier­te Gemein­schaft, bezeich­nen könn­te. Die mar­xis­ti­schen Intel­lek­tu­el­len leb­ten bis­wei­len in einer eige­nen Sphä­re des Exils und der Grup­pen­dy­na­mik, wo ihr an Marx geschul­ter Anspruch, immer kon­kret den Men­schen und die ihn umge­ben­den Ver­hält­nis­se zu ana­ly­sie­ren, häu­fig der ideo­lo­gi­schen Pro­jek­ti­on wei­chen muß­te – mit allen mit­tel- und lang­fris­ti­gen Fol­gen für die ent­ste­hen­de mar­xis­ti­sche Ideo­lo­gie, die Chris­ti­na Mori­na bei ihrer  »Erfin­dung«  begleitet.
Sie legt damit nicht nur ein Grup­pen­por­trät urm­ar­xis­ti­scher Den­ker vor, son­dern schreibt zugleich auch die Men­ta­li­täts- und Kul­tur­ge­schich­te einer gan­zen Genera­ti­on als Ent­wick­lungs­ro­man. Ideen­ge­schich­te par excel­lence ist die­ses Werk ohnehin.

Alle genann­ten Bücher kann man hier bestel­len. 

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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