30. Oktober 2019

Physiognomien

Gastbeitrag / 39 Kommentare

von Heino Bosselmann --- Eines ist im Bereich der Metapolitik wie Realpolitik unverrückbar, es geschieht automatisch, unweigerlich:

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Noch alle politischen Strömungen und kulturellen Richtungen wurden, hatten sie sich erst etabliert, schließlich doch spießig, plüschig und dekadent, Karikaturen ihrer selbst.

Alles verbraucht sich mit seiner Zeit. Revolutionäre Ansprüche verkamen zum Kitsch, Heroen schrumpften zu Gartenzwergen, aus Revoluzzern werden Angestellte. Nur hatte man sich das mit der einst jungen bundesdeutschen Linken lange nicht so vorstellen können, wie es sich neuerdings eindrucksvoll offenbart.

Die SPD, ja, schien immer schon ältlich und bieder kleinbürgerlich, eigentlich bereits zu Bebels Zeiten. Stehkragenproletarier, Arbeiteraristokratie, ernsthafte Forderungen, geschichtsbildend, aber ohne Sexappeal. Deshalb zog es die jungen expressiven Wilden und Bohemians der vorvorigen Jahrhundertwende auf der Suche nach politischem Chic eher zu den rabiaten Kommunisten und zur Restsüße Rosa Luxemburgs. Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Gustav Noske hatten wohl die junge Republik gerettet, aber letztlich um den Preis, selbst als Renegaten zu gelten.

Sebastian Haffner schrieb später, diese führenden Sozialdemokraten wären nicht nur Verräter gewesen, sie sahen auch noch so aus. Und die vielen Redlichen in der SPD blieben bis in Ministerränge hinein, eben einfach nur redlich. Das ist ehrenwert, macht aber keinen an. Es gab in der SPD viel Zivilcourage und sogar Widerstand; dennoch wirkten viele Kommunisten kantiger, couragierter und widerständiger, ihr Blutzoll tragischer.

Die Sozialdemokratie blieb im Nachkriegsdeutschland die Partei jener, die gern zu den Besserverdienern gehört hätten, denen aber nun mal das Zeug oder leider das Vermögen dazu fehlte, so dass sie sich latent indigniert mit einfacherer Konfektion bescheiden mußten. Zukurzgekommene, die nach Gerechtigkeit, heute nach „Teilhabe“ rufen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert sollte die noch mit hohem Ethos erarbeitet werden, heute aber will man sie bequemerweise gleich dekretiert wissen. Jedem ein Recht auf alles. Studium und zweite Bildungsweg kosteten durchaus Anstrengungen, die neue Abitur- und Studienverordnungen längst ausräumten. Bachelor wird jeder, der nicht geistig limitiert ist und morgens leidlich gut hochkommt. Offenbar motivierte frühere Ungerechtigkeit zuweilen stärker zur eigenen Leistungsbereitschaft.

Als Alternative zum Aufstieg hätten Bescheidenheit, gar Verzicht und Askese Größe, und gute Handwerker oder Facharbeiter galten lange als respektabel, aber Asketen oder einfache Leute wollten die Sozis kaum mehr sein, sie hielten nach Revision ihres früheren Maßes selbstbewußt die Hand auf und verlangten mindestens einen immer größeren Schluck aus der Lohnpulle. Verständlicherweise. Der Mumm wich der Wampe.

Dennoch wirkten die Genossen immer etwas verkniffen, nicht gleich so wie Herbert Wehner, der sinistre Ex-Kommunist, aber doch schon wie Ralf Stegner, der Linkssozialdemokrat, gern in der Geste kraftvoll, aber wegen Dauerfrust ohne erfrischendes Esprit und feinen Humor. Manchmal intellektuell, das schon, immerhin in Tradition der Arbeiterbildungsvereine, aber selbst das statt mit Klasse und Nonchalance eher mit christlichem Ernst, wie ihn etwa Johannes Raus personifizierte. Oder eben oberlehrerhaft, solange Bildung und Erziehung erstrebenswert schienen und die besseren Zeugnisse nicht wie gegenwärtig auf kultusministeriellen Erlaß hin inflationär ausgedruckt wurden.

Selbst Willy Brandt dozierte eher, als daß er leichthin beredt eine geistreiche Rhetorik feuilletonistischen Stils entwickelt hätte. Wer Willy heißen will, muß im Wort ja fester sein. Man hörte zu, weil der Mann Reputation hatte, weil er eben der große Herbert Frahm war, exilerfahren und couragiert. Beinahe wirkte das schnarrige patriarchalische Timbre seiner Stimme gewichtiger als sein Text. Der martialische Ton der „Wochenschau“ scheint in vielen Politikerreden des Nachkriegs noch lange nachzuhallen.

Während man Helmut Schmidt schon noch den einstigen Leutnant abnahm und er überdies eine eigenwillig proletarische Variante hanseatischer Arroganz zu entwickeln verstand, bei der von Frisur bis Zigarette alles stimmte. Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl war bei Schmidt durch nichts anzukränkeln, bei Schröder ebensowenig. Nachgeordnete Partei- und Gewerkschaftsredner bevorzugten hingegen weiter das Pastorale oder eben das proletarisch Deftige; sie wollten glaubwürdig ihre Leute vertreten, was in Ordnung ging, aber so richtig zündete es nicht mehr, weil in Ergebnis all der Aufstiege schließlich die Arbeiter selbst zu fehlen schienen.

Letzte echte Dynamik erreichten Linkssozialdemokraten in der Abrüstungsbewegung der Achtziger, versammelt um Epplers Baskenmütze. Vermutlich nahm man den Parteibürokraten nie so recht den Arbeiter ab, den sie noch mit Krawatte geben wollten. Immerhin gab es eine Weile lang eigenes Liedgut. Seit aber „Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘“ unfreiwillig komisch wirkte und die letzten Barden ausstarben, nachdem sie vorher zur DKP übergelaufen waren, bleiben nur solche Anleihen wie jüngst bei Grönemeyer.

Sicher, Lafontaine, der zündete, aber er war offenbar glaubwürdig mindestens eine saarländische Identifikationsfigur und wurde später – schon aus tiefer Verletztheit heraus – ein zorniger Demagoge, während sich sein späterer Genosse Gysi durchaus nuanciert auf die Pointe verstand, aber wiederum nicht auf mehr, ein geistreicher Schwätzer eben, ein Blender, klug und sensuell hellwach, der sich sofort aus der Verantwortung stahl, als er sie in Berlin mal kurz übernommen hatte – als Wirtschaftssenator, was freilich an sich schon ein Witz war.

Gysi, der Genußmensch, lohnte eine nähere Analyse, avancierte er doch zeitweise zur Stimme des von den Treuhand-Lokatoren gebeutelten Ostens. Mal einer, der reden konnte und den Wessis bei Talks die Show stahl. Gut für die Seele, ein Blues des Grand Old East, made in GDR. Aber Gysi ist mehr als Kämpfer vermutlich Narzißt, der der Bewunderung bedarf. Das gilt zwar für jeden Politiker, naturgemäß, aber Gysi wußte das geschickt zu verbergen oder war sich – schlimmer noch – dessen selbst nicht bewußt.

Etwas zurück: Bei der altlinken poststalinistischen, hinterm Eisernen Vorhang einkonservierten Konkurrenz wiederum degenerierte die gehärtete Lenin-, Trotzki- und Stalin-Physiognomie des Kommunismus zur bräsigen Ulbricht-, Breschnew- und Honecker-Schwundstufe. Bürokratie statt Budjonny. Die Politbürokomparsen der Sechziger, Siebziger und Achtziger wirkten, als wären sie schon frühalt auf die Welt gekommen und allzu zeitig fürs Mausoleum zurechtgemacht worden.

Die Präsidien der kommunistischen Bruderparteien des Ostblocks erschienen alle gleichermaßen wie aufgebahrt oder mindestens wie eine aufgeräumte gerontologische Station. Chopins Trauermarsch hätte spätestens seit den Achtzigern als Gesamthymne des Ostblock sehr passend geklungen. Und die Beisetzungen häuften sich ja: Athritischer Gang der Genossen über den Roten Platz, um immer mehr teuren Toten die letzte Ehre zu erweisen.

Junge Helden wuchsen indessen nicht nach, und die markigeren Gesichter und interessanteren Stimmen waren längst Opfer der großen Säuberungen geworden, die nur mittelmäßige Anpasser davonkommen ließen. Selbst einer wie Egon Krenz galt ja nicht wenigen als „Hoffnungsträger“! Nicht nur der linke Geist war sediert, auch die Konterfeis hatten diese unheimlich nichtssagende Anmutung. Sie sahen sich alle doch irgendwie ähnlich, ganz so wie die Brillenmodelle, die sie trugen. – Als mit Gorbatschow endlich ein etwas jüngerer Charakterkopf erschien, erwies der sich als Vollstrecker und riß das Weltreich aus Stahlbeton ein. Hätte Schostakowitsch noch gelebt, wäre dieser Untergang vielleicht Grundlage seiner sechzehnten Sinfonie gewesen.

Letzte Anziehungskraft, letzte Erotik und revolutionäre Hitze verströmte Kuba, passenderweise eine Karibikinsel: Fidel und Che jugendlich, urmännlich-testosteronig wirkend, Jeans und aufgeknöpfte Hemden, überhaupt nicht harmlos, sondern verdammt viril, Bart und schwarzes Haar auf der Brust, stilbildende Ikonen seit den abenteuerlichen Tagen in der Sierra: Che früh für die Sache gefallen und damit um so geeigneter als Objekt der Verklärung und auf ewig Symbol, Fidel selbst als Greis noch fidel im Adidas-Dress, beeindruckender Charismatiker, gerade in seiner widerständigen Ignoranz, von seinen kleinformatigeren lateinamerikanischen Wiedergängern oft kopiert, aber nie erreicht.

Alle Achtung, er hielt sich, blieb sich treu und nahm sich selbst mit Whiskyglas und Cohiba Robusto wie der nicht anders zu denkende Werbeträger für ein Label aus, das zwar die besten Zeiten hinter sich hatte, aber doch wenigstens noch nostalgisch im Retro-Look die Hintergrundstrahlung der gescheiterten Idee ahnen ließ. Tragisch ja, aber Tragik hat nun mal Größe. Man denke an die uralten Autos der Marke „Wolga“, die noch immer durch Havannas Verkehr schwimmen. Ja, das hat was, spürt der Westtourist.

Die deutsche Nachkriegslinke jedoch: Man erinnert sich an Dutschkes schmissigen Scheitel, an seinen ausdrucksvollen, etwas gehetzten Blick neben den tiefen traurigen Augen Ernst Blochs, man erinnert sich der grobkörnig wirkenden Fahndungsplakate mit RAF-Terroristen – junge Radikale, alles Bürgerliche von sich geworfen, auf Gedeih, vor allem aber auf Verderb untergetaucht, kreuzgefährlich, aparte Frauen dabei, blutjung, aber allzu früh mythisch nachgedunkelt, existentialistisch wirkend, entschlossen zum Allerletzten.

Ja, kriminell, verbrecherisch, tendenziell gar psychopathologisch, riskant lebend bis in den Selbstmord, aber doch mit bitterster Konsequenz, Bankräuber, Kidnapper, Killer gar, völlig Verlorene, stürzende finstere Engel, die still noch im Knast Pahl-Rugenstein-Bände lasen und intellektuell-revolutionäre Pamphlete für die versprengten Getreuen da draußen verfaßten. Schon dieser Begriff: Gefangene. Huh, da klang Schicksalsschwere mit, die man erst mal tragen mußte. Selbst linke Verbrecher haben zuweilen in Schuld und Scheitern Format. Was aber hat Claudia Roth?

Man kann zu diesen Outlaws stehen, wie man will: Sie waren gefährliche Gegner der „demokratischen Grundordnung“. Und sie sahen wirklich so aus. Heiliger Ernst, Fanatismus, Apokalyptiker im Spätkapitalismus. Im Vergleich dazu erscheinen die Grünen und Neulinken als das, was sie offenbar sein möchten, als ein Kinderladen, der gern unter sich ist, um sich einen utopistischen Budenzauber vorzumachen. Jüngst kam Greta dazu. Sie paßt. Jede Bewegung generiert nicht nur ihre Botschaften, sondern über die eigene Ästhetik und Bildwelt hinaus sogar ihr Antlitz. Man schließe die Augen und flüstere das Wort „Veganer“. Es bildet vorm inneren Auge sogleich ein spezieller morphologischer Typus aus. Ein Klischee, mag sein, aber auch ein Klischee folgt einem Wesen. Man kann das übrigens mit allerlei Leitbegriffen ausprobieren, die Menschen politisch oder im Sinne von Lifestyle auf sich beziehen … - (Was sieht man bei „Europäer“? Jean-Claude Juncker? Oder doch Prinz Eugen und den wackeren Johann Sobieski?)

Wer distanziert bleibt und nicht grün mitspielen will, wer eben Schwierigkeiten mit all den ausgemachten Regeln zu Diskursethik, Lebensweise, Geschlecht, Ernährung hat, wem es einfach an dieser spezifischen Sorte linksgrünen Hurra-Optimismus fehlt, der gilt als böse, böse, böse. Das aber ist um so schlimmer, da den linksgrünen Meinungsbildnern und politisierenden Helikopter-Eltern schon der größte Teil der Nationalgeschichte als schlimm düsteres Terrain einer endlich durch die Sonnenblumenkinder aufgehellten Wolfszeit erscheint. Und überhaupt Nation! Faschistoid! Nation bedeutet Krieg! Und Vaterland? Sexistischer Sprachgebrauch.

Preußisches Schnätteretäng, von dem man doch weiß, wohin es führte! Was aber ist mit dem Wort Muttersprache? Wenn es noch akzeptabel sein sollte, dann nur mit allen ausgleichenden und Teilhabe sichernden Neukonstruktionen, derer sich schon „Studierende“ befleißigen müssen. Die Grünen wollen – wie alle Linken mit der Genetik der Aufklärung und des deutschen Idealismus – vor allem erziehen. Sie kommen der Gesellschaft mit Didaktik, weil sie ja verbessert werden soll.

Wen würden solche Literaten wie Arno Schmidt oder Thomas Bernhard heute als die neuen Spießer und altbackenen Stagnateure ausmachen und attackieren? Ihre Unflätigkeiten und Suaden kamen in den Nachkriegsjahrzehnten unweigerlich von links. Nachvollziehbar, denn die jungen Bundesrepublik hatte, so Böll, nun mal tatsächlich ein altes Gesicht. Aber Autoren, die von links aus heutzutage etwas Gewitztes oder gar erfrischend Neues eintragen, sind derzeit überhaupt nicht auszumachen.

Klar, es gibt selbsterklärte linke Autoren, in großer Zahl sogar. Nur eben keinen darunter, der aus seiner Welt-Anschauung heraus große Literatur hervorbringt. Gerade das erscheint symptomatisch. Das Linke ist über sich selbst hinaus nicht mehr stilbildend, ihr philosophischer Impuls verebbte, die Künste, lange Zeit links inspiriert, kommen ohne ideologische Spannung aus oder suchen sich Anleihen eher im Dystopischen als Utopischen. Die Linke entwirft entweder irren Illusionismus oder sie quengelt, weil so viele ewig Gestrige sich ihrer schönen neuen Welt nicht jubelnd anschließen wollen, obwohl das „vernünftigerweise“ nach ihrer Überzeugung ein spätaufklärerischer Selbstläufer sein müßte.

Um so bedrückender mutet an, wie es der überlebten linksgrünen Leitkultur gelang, dem eher neoliberal bestimmten Neubürgertum eine sich positiv gebende Selbstlegitimation zu verpassen, im Dauermantra von Toleranz, Buntheit, Gerechtigkeit, Inklusion statt Exklusion, Teilhabe von allen und jedem, Weltoffenheit, Weltbürgertum und Flüchtlingshilfe. Selbst die härtesten Ausbeuter sind neuerdings dafür und tönen von universellen Menschenrechten. – Je mehr diese Begriffe aber auf ihre Semantik hin geprüft werden, um so deutlicher wird, daß wir offenbar wieder vor einer kulturellen Wende stehen – mit großen Chance, aber gleichsam wachsenden Gefahren.


 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (39)

Gotlandfahrer
30. Oktober 2019 12:00

Physiognomie folgt Charakter, und die protagonistischen Charakteure folgen dem mimetischen Zyklus: Aufbau, Ordnung, Dekadenz, Zerfall. Claudia Roth ist eine Figur die am Übergang von Dekadenz zum Zerfall hochgespült wird.

Utz
30. Oktober 2019 12:38

>>Selbst die härtesten Ausbeuter sind neuerdings dafür und tönen von universellen Menschenrechten.<<

Ja, solche Wandlungen habe ich auch hautnah miterlebt. In den Fällen, die ich kenne, haben die Kinder den Ausschlag gegeben. Die Alt-68-er, die Linken, haben das Bildungssystem übernommen, und zwar von 0 - 30+ Jahren. Ich habe mit solchen Eltern geredet, weil ich nicht fassen konnte, wie Menschen so schnell, so dramatisch ihre Meinung ändern können, aber da ist kein Durchkommen. Teilweise kann ich es verstehen. Wer will schon aufgrund seiner politischen Anschauungen von seinen eigenen Kindern abgelehnt werden.

Laurenz
30. Oktober 2019 14:50

Werter Herr Bosselmann,
Sie haben das "Linke" echt klasse beschrieben, eine geschriebene Meisterleistung.

Allerdings, so fürchte ich, heroisieren Sie historische Charaktere mehr als ihnen zustehen mag. Die aSPD unterscheidet sich inhaltlich nicht von der vor hundert Jahren in der Außenwirkung. Damals war die aSPD bereit, die Armee schießen zu lassen und heute ist sie es ebenso. Man benutzt und verwaltet nur noch dieselben Reden und Inhalte wie in den 100 Jahre zuvor. Allerdings haben die Menschen in der aSPD sich verändert. Heute sind dort keine Arbeiter mehr, sondern fast nur noch Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes beheimatet, man verwaltet den eigenen Nachlaß. Ein Gastwirt, wie Friedrich Ebert, hätte heute keine Chance mehr, als Kanzlerkandidat oder Bundespräsident von der aSPD nominiert zu werden.
Und natürlich schaffen es unsere Linken nicht, Ihre "völkische Herkunft" zu verleugnen. Man schaue sich Bilder von Jürgen Trittin aus den 90ern im Bundestag an, als er noch Haare hatte. Er lief grundsätzlich wie der Führer (zu Friedenszeiten) persönlich herum, nur blonder.
Tragisch ist, daß diejenigen Linken, welche weniger auf ihre geistigen Fähigkeiten, zurückgriffen, sondern auf körperliche -, wie die "Rote Heidi" (Frau Wieczorek-Zeul) aus Hessen-Süd, und mit dem Spitznamen "die Matraze" in der aSPD Karriere machte, heute den Ton angeben. Heidi's berühmte Aussage:"Wo steht geschrieben, daß man Kredite zurückzahlen muß", ist heute der Standard in allen Altparteien. Der Erfolg einer AfD basiert doch darauf, daß die sozialistischen Theater-Auftritte von Merkel & Co. nicht mehr an frühere Schauspiel-Profis heranreichen. Man gibt sich bei der Volks-Verarsche einfach keine Mühe mehr. Der letzte große Schauspieler war Goldkettchen-Gerd. Er hatte keine Hemmung das Deutsche Volk mindestens um die Hälfte zu enteignen, und den Konzernen Illegalität zu legalisieren und fast keiner hat es bis heute gemerkt.
Dankbar wäre ich Ihnen, Herr Bosselmann, wenn Sie mir den politischen Unterschied, zwischen Che Guevara und Reinhard Heydrich erklären könnten? Bis auf Unterschiede im ökonomischen Verstand und vielleicht der Herkunft, sehe ich keine.

Maiordomus
30. Oktober 2019 14:59

Da Herr Bosselmann mit Jahrgang 1964 die (in der konkreten Erfahrung) meist widerwärtigen und bedingungslos totalitären Seiten der Original-68er dank der Gnade der späten Geburt nicht selber miterleben musste, neigt er dazu, noch als ideologischer Gegner, dieselben auf nostalgische Art zu romantisieren: einschliesslich der als "existenzialistisch" missverstandenen RAF, welchem Irrtum leider auch Frankreichs Star-Philosoph Jean-Paul Sartre aufgesessen ist.

Bezeichnenderweise erwähnt Bosselmann den damals anständigsten und redlichsten aus dem erweiterten Umfeld der RAF nicht: Horst Mahler. Wohl weil sich dieser tragische Charakter zur Romantisierung schlechthin nicht eignete und nicht eignet: Der von der BILD-Zeitung als "Sympathisant" und "Komplize" verschrieene Rechtsanwalt, der sich in den Siebziger Jahren von einem Terrorkommando aber nicht freipressen lassen wollte. Vor sich selber und vor der Nachwellt bewahrte er Haltung, die er sogar via deutsches Fernsehen den Terroristen mitteilen durfte. Fürwahr ein Mann, der auch heute noch, um keinen Preis der Welt, und seien es der Preis des Glücks, der Gesundheit und des Lebens, sich die Freiheit gegen eine Aussage, welcher er die Souveränität seiner Gewissensentscheidung unterwerfen müsste, erkaufen liesse. Ich habe hier nicht behauptet, dass Horst Mahler, dem Unrecht geschieht, deswegen mit seiner konträren Meinung "im Recht" wäre. Aber was ist - im geistigen Sinn und existentiell - eine Freiheit schon wert, deren Bedingung die vom Diskurs ausgeschlossene Unterwerfung wäre`?

Nun sitzt der verfemteste aller 68er abermals und immer noch als politischer Gefangener. Bein-Amputation hin oder her, behandelt man ihn, als ob er ein neu auferstandener Rudolf Hess wäre. Was Mahlers Sturheit betrifft, so geht es aus meiner Sicht weniger um Meinungen von ihm, die man nicht teilen muss, sondern um die von ihm vertretene strikte Ablehnung des Deliktes "Verbrechdenk", der in der Tat schlimmsten Orwellschen Figur des Totalitarismus. Das Endziel eines jeden Totalitarismus ist und bleibt die geistige Unterwerfung. Auf diese kommt es an und nicht um die "Sache" geht es, bei welcher es eigentliche vernünftige Argumentationsregeln gäbe. Wie kaum ein Zeitgenosse von heute lässt der ausgewiesene Terroristen-Verächter sich weder durch faktische Folter noch durch Zureden in Richtung Kapitulation vor dem Wahrheitsministerium bewegen. @ Bosselmann. Zu ihnen (als Student) hat vermutlich nie ein 68er gesagt, dass Hochschulen nicht für Leute wie Sie geführt würden; und ich würde an Ihrer Stelle auch Che Guevara nie erwähnen ohne die von ihm in Kuba kommandierten Füsilierungen von Leuten, die vielleicht ähnlich dachten wie Sie und ich. Und bei aller Achtung vor Herbert Wehner: Die Hinrichtung von Mitgenossen, aufgrund erpresster Geständnisse, hat er in Moskau offenbar hingenommen, wenn nicht gar gutgeheissen. Noch gespannt bin ich indes, bis "endlich" die "antifaschistische" Abrechnung mit Helmut Schmidt erfolgen wird, dem Mann, der vor 25 Jahren bei Hamburg die Grabrede auf den Kulturförderer und Naturschützer Alfred Toepfer gehalten hat, quasi den deutschen Alfred Nobel (von dem einen Preis angenommen zu haben noch für den bedeutendsten Schweizer Bauernschriftsteller Alfred Huggenberger vor wenigen Jahren noch als derartige Schande galt, dass ein Bundesbahnzug nicht zu dessen Ehren benannt werden dürfte, weil es sich beim Preisausrichter um einen angeblichen Faschisten gehandelt habe). Bei aller Widerwärtigkeit von Roth u. Co. verbietet sich ein nostalgisches Lob der 68er Sozialromantik. Ja, Franz Joseph Strauss wurde von den damaligen Typen (ich habe es miterlebt) jeweils im Sprechchor mit "Nazi" und "Sauhund" begrüsst. Was erwartet man denn heute anderes von denselben Typen, wenn man in Sachen nationaler Souveränität gar rechts von Strauss angesiedelt ist? Letzterer galt, aufgrund der Verhältnisse von damals, als "Atlantiker", obwohl sogar die Neue Zürcher Zeitung und die FAZ ihn gelegentlich als "Nationalisten" beschimpften. Unbeschadet dessen verfügte er freilich über einen aussenpolitischen Horizont, den man bei der heutigen AfD nirgends in diesem Format und diesem Überblick verorten kann; mit ein Grund, warum zum Beispiel ein Armin Mohler lange Zeit hohe Stücke auf den Bayern hielt. Dies hat freilich eine partielle Korrumpierbarkeit durch "Amigos" leider nicht ausgeschlossen. Strauss wäre wohl für seine Überzeugungen so wenig ins Gefängnis gegangen wie dies den heutigen Granden seiner Partei zuzutrauen bleibt. Dies gilt unbeschadet seiner durchaus vorhandenen, auf die damaligen Verhältnisse abgestimmten politischen Klugheit.

Hartwig aus LG8
30. Oktober 2019 15:00

Der Artikel von Bosselmann ist amüsant zu lesen. Allerdings kann ich nicht allzu viel mit ihm anfangen.
Ich habe mich selbst oft korrigieren müssen, wenn ich von Physiognomie und Habitus auf die politische Haltung schließen wollte.
Und an Statur, Gang, Kinn und Gesicht kann man erkennen, wie sich jemand verhält, wenn es hart auf hart kommt - auch diese Annahme ist aus meiner Erfahrung nicht richtig.

Thomas Martini
30. Oktober 2019 16:05

Dieser Beitrag von Heino Bosselmann ist ein echtes "Highlight".

Man benötigt wohl den Blick nach Frankreich, um solche Texte richtig einschätzen zu können. Hier vor kurzem eine Fernsehdebatte zwischen Èric Zemmour und Michel Onfray:

http://www.ericzemmour.org/2019/10/face-a-l-info-cnews-24/10/2019.html

Im zweiten Video beginnt der linke Onfray damit aufzuzeigen, wie nach dem Kollaps der UdSSR und Fall der Berliner Mauer alle Hürden gefallen seien, die dem Kapitalismus zuvor Schranken auferlegt hätten.

Der rechte Èric Zemmour, von dem anzunehmen ist, daß er gute Verbindungen zu Jaques Attali unterhält, nickt beifällig und stimmt anschließend auch verbal zu als er sagt, daß sich die Eliten der USA und des gesamten Westens von ihren Völkern entfernt hätten, um sich grenzenlos zu bereichern.

Kann es sein, daß dieser kurze Auszug aus einem Dialog zwischen zwei aufrichtigen Männern mehr erklärendes Potential enthält als dieser ellenlange unsachliche Artikel von Heino Bosselmann?

Èric Zemmour, setzte vor kurzem seine Karriere im "Mainstream" auf's Spiel, als er bei einer Zusammenkunft von Rechten u. a. folgendes sagte:

"Tous ceux qui se sentaient à l’étroit dans l’ancienne société régie par le catholicisme et le Code civil, tous ceux à qui on avait fait miroiter une libération et qui y avaient légitimement cru, les femmes, les jeunes, les homosexuels, les basanés, les juifs, les protestants, les athées, tous ceux qui se sentaient une minorité mal vue au sein de la majorité des mâles blancs hétérosexuels catholiques et qui ont joyeusement déboulonné la statue au rythme saccadé des déhanchements de Mick Jagger, tous ceux-là ont été les idiots utiles d’une guerre d’extermination de l’homme blanc hétérosexuel.

"Alle, die sich in der alten, von Katholizismus und bürgerlichem Gesetzbuch regierten Gesellschaft in die Enge getrieben fühlten, allen, denen man eine Befreiung vorgegaukelt hat, an die sie legitimerweise geglaubt haben, Frauen, Jugendliche, Homosexuelle, Dunkelhäutige, Juden, Protestanten, Atheisten, alle, die sich innerhalb der weißen männlichen Mehrheit als eine von der Mehrheit wenig geschätzte Minderheit fühlten, haben mit Freuden unter den abgehackten Rhythmen der wackelnden Hüften Mick Jaggers die Statue vom Sockel gestoßen, und sie alle waren die nützlichen Idioten eines Ausrottungskriegs gegen den weißen heterosexuellen Mann."

https://ripostelaique.com/texte-integral-ce-qua-vraiment-dit-eric-zemmour-a-la-convention-de-la-droite.html

Meine Zeit ist leider knapp, Frau und Kind warten. Noch schnell ein Beispiel. Im folgenden Video bespricht die weithin bekannte Ruth Elkrief mit Phillipppe de Vielliers dessen aktuelles Buch.

Knusprig, wie de Villiers ausführt, daß die Amis nach dem Krieg den Nazi-Juristen Walter Hallstein umgedreht und als ihren Statthalter zum ersten Präsidenten der EU-Kommission gemacht haben.

De Villiers: "Europa verhält sich wie eine Kolonie der USA".

Und: "Man ist dabei, die Völker auszutauschen", sagt er Ruth Elkrief ins Gesicht, die zur Verteidigung der höheren messianischen Interessen den alten Nazi Walter Hallstein in Schutz nimmt.

https://www.youtube.com/watch?v=hUZPkr0aTsI

Man vergleich solche Informationen mit dem was Heino Bosselmann hier abliefert.

Maiordomus
30. Oktober 2019 16:37

@Laurenz. Ernesto Che Guevara entstammt anscheinend einem weitverzweigten vornehmen kastilischen Adelsgeschlecht, ausgezeichnet im Kampf gegen den Islam, das der Kirche u.a. den von El Greco gemalten Gross-Inquisitor zu Diensten gestellt hat; eine politisch nicht unintelligente Kolossal-Figur, die Schiller und Dostojewskij zu ihren weltliterarisch unvergleichlichen Darstellungen dieses Typus animierte. Gemäss einer literarischen Studie von Hans Magnus Enzensberger soll Che, als es ihm selber an den Kragen ging, als die letzten Worte das Stossgebet "Ave Maria Purissima" gestammelt haben; immerhin kein Bekenntnis weder zum Marxismus-Leninismus noch zum Bolschewismus, sondern die intimste, politisch nicht rückführbare Apotheose des hochemotionalen mediterranen Katholizismus. U.a. eine Bestätigung des 1854 von Papst Pius IX. verkündeten Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis, worauf zum Beispiel der Kult von Lourdes beruht. In ein solches Denken könnten sich indes GrünInnen wie Roth wohl in der Tat nicht einfühlen, auch nicht der gottlose Flügel der NSDAP um weiland Heydrich, Bormann, Himmler, Leers (später zwar Muslim geworden) und die Brüder Conti. Die Abrechnung mit der katholischen Kirche war indes erst für die Zeit nach dem "Endsieg" vorgesehen.

t.gygax
30. Oktober 2019 18:00

@Maiordomus
Danke, dass Sie hier in diesem blog den Mut aufbringen, sich für einen "Unberührbaren" einzusetzen.
Zu Ausdrucksformen der Gesichter: schauen Sie bitte den Film " Die Anwälte" aus dem Jahr 2008 an, in dem eine mutige Regisseurin nachhaltige Gespräche mit den drei RAF Anwälten Schily, Mahler und Ströbele führt. Und dann vergleichen Sie einmal Mahlers Gesichtsausdruck mit dem von Schily und Ströbele- völlig unabhängig von den Worten, die gesagt werden.
Ich habe diesen Film einmal einer Klasse von Abendgymnasiasten
gezeigt. ( Thema: RAF) Spontaner Kommentar einer Schülerin mit ganz dunkler Hautfarbe: " das ist ja völlig anders, als das, was man immer gesagt bekommt- der Mahler kommt ja ganz sympathisch rüber"......

Kaiza
30. Oktober 2019 20:56

Ein wichtiger Unterschied zwischen denen wie der RAF und jenen die heute das linke Spektrum abbilden ist der, dass früher noch selbst angepackt wurde. Arbeitermentalität.
Die heutigen Manager-Linken lassen töten. Früher hatte man noch den Mut das selbst zu tun.

Ich glaube auch, dass sich die Linke (nicht nur die Partei) keine Mühe gibt. Man will nicht kulturschaffend sein. Kulturell war man nur, wenn es darum ging zu dekonstruieren.
Jetzt, wo Deutschland sich selbst nicht mehr kennen will, ist das Ziel erreicht. Nur noch abwarten.

Die Linke und ihre unterstützenden Mächte im Hintergrund leben vom Hass auf Deutschland.
Dieses Deutschland gibt es nicht mehr. Die Aufgabe ist erfüllt. Es gibt schlichtweg keinen Grund weiterzumachen.

limes
30. Oktober 2019 21:22

»Spießig, plüschig und dekadent, Karikaturen ihrer selbst?« Oh ja!

Die Linke zehrt noch immer von revolutionärer Attitüde und erhält mit der geballten Macht ihrer Medien und Vorfeld-Organisationen diese Potemkinsche Fassade aufrecht - obgleich sie längst zum Establishment verkommen ist, das seine Macht und Pfründe wider eigene revolutionäre Ansprüche mit Zähnen und Klauen verteidigt.

Faszinierend sind für mich immer wieder Texte, die »links« oder »rechts« gelesen werden können. Zum Beispiel das Gedicht »Was keiner wagt«, das unter anderem von Konstantin Wecker interpretiert wurde. Ich habe noch nicht herausgefunden, ob es tatsächlich aus der Feder von Walter Flex stammt oder vom Theologen Lothar Zenetti, dem es im Mainstream zugeschrieben wird. Kann mir jemand in dieser Frage weiterhelfen?

Laurenz
30. Oktober 2019 22:00

@Maiordomus .... ich will nicht ausdrücken, daß Sie etwas falsches geschrieben haben, sicherlich nicht. Auch ich hatte vor langer Zeit schon mal einen Vortrag Horst Mahlers im Auditorium erlebt. Er ist ein Intellektueller, kombiniert mit dem Charakter eines "Querulanten", mir nicht unsympathisch. Allerdings ist das einzige, was Er mit Seiner Sturheit erreicht hat, aufzuzeigen, daß es in dieser Ex-Republik politische Häftlinge gibt.
Den weiteren Beweis, den Er noch angetreten hat, ist unser staatlicher Umgang mit unserer Geschichte, ein offizieller Weg, der sich von seriöser Wissenschaft schon immer abgelöst hatte. Wahrheiten brauchen keine Offensichtlichkeits-Klauseln.

In den Auseinandersetzungen/Debatten mit unserem Koks-Michel aus Frankfurt ist Horst Mahler eher ungeschickt, wenig talentiert. Herr Friedman ist doch in einer Debatte recht einfach zu zerlegen, eher einer der Leichtgewichte der CDU und unter unseren politischen Gegnern.

Von daher bin ich der Meinung, daß Herr Bosselmann gut daran tat, Herrn Mahler außen vor zu lassen. Wir sollten uns eher mit den aktuellen Themen auseinandersetzen, als in Debatten, in denen nichts zu gewinnen ist. Gottesdienstlicher Unterricht in den Schulen läßt sich nicht einmal durch politische Mehrheiten mir nichts dir nichts in einen von Fakten bestimmten Unterricht ändern.
Und Herr Gauland hat gegenüber Herrn Mahler sicherlich keine historischen Defizite. Und ich, Maiordomus, übrigens auch nicht.

@Hartwig aus LG8 ... ja, das stimmt, es ist kein Artikel der großen Schlußfolgerungen, sondern eher ein gekonntes literarisches Gemälde.

Wahrheitssucher
30. Oktober 2019 23:31

@ Maiordomus

„Aber was ist - im geistigen Sinn und existentiell - eine Freiheit schon wert, deren Bedingung die vom Diskurs ausgeschlossene Unterwerfung wäre?“

Dank an Sie, diese Frage aus jenem Zusammenhang heraus entworfen und formuliert zu haben!

Wer fühlt sich angesprochen, eine Antwort zu geben?

quarz
31. Oktober 2019 08:24

"Jede Bewegung generiert nicht nur ihre Botschaften, sondern über die eigene Ästhetik und Bildwelt hinaus sogar ihr Antlitz."

Da passt auch ins Bild, dass den Verwaltern des aktuellen Zeitgeistes die "Buntheit" als oberste Leitidee für eine gelingende Gesellschaft gilt. Wo noch bis ins späte 20. Jahrhundert hinein Begriffe im Mittelpunkt staatsphilosophischer Reflexion standen, die seit der Antike die fähigsten Köpfe zur Analyse gefordert haben, findet sich nun der Ausfluss einer infantilen Ästhetik im Zentrum politischer Visionen.

Das entsprechende "Antlitz" findet man bei Teilnehmern von "XY bleibt bunt"-Demos, wo sich jene versammeln, die den "Kampf gegen Rechts" arbeitsteilig an den Stellen führen, wo der Testosteronspiegel den Straßenkampf der Antifa mitzugestalten nicht zulässt.

Thomas Martini
31. Oktober 2019 08:48

Die Rechte verliert seit bald 100 Jahren gegen die Linke. Spätestens nach dem Zusammenbruch Deutschlands im Jahre 1945 waren Rechte im Westen nur noch auf dem Rückzug. Seit den 1960er Jahren ist man stets in der Defensive, und seit den 1990er Jahren sogar im Rechtfertigungsmodus. Wofür brauchte es noch eine Rechte vor 2015?

Neulich hörte ich einen Vortrag von Prof. Kallina, zeitlebens ein selbsterklärter Rechter. Weite Teile der bundesdeutschen Bevölkerung werden sich indessen fragen: Professor wer?

Wenn es sich bei den Linken fast ausnahmslos um mißgebildete Versager handelt, wie es uns Heino Bosselmann in der hier vorliegenden Abrechnung weismachen möchte, stellt sich doch wohl die Frage, was für ein Kaliber man auf der rechten Seite des politischen Spektrums vorfindet?

Was gab es denn da auf der demokratischen Theaterbühne außer dem versoffenen und verfressenen Franz-Josef Strauß? Ja, da schau her: Auch Rechte haben menschliche Bedürfnisse und sind nicht automatisch die besseren Menschen, gar "Asketen" oder nur "einfache Leute". Galt Strauß nicht sogar als "König von Bayern"?

Weitere ausgewiesene rechte Politiker der BRD fallen mir indessen nicht auf Anhieb ein, was an und für sich schon ein schlechtes Zeichen ist. Gab es prominente Rechte in der DDR? War der "bescheidene" Helmut Kohl ein Rechter? Gab es Konservative mit "Sexappeal"?

Wenn man schon abfällig den "Kampf gegen Links" propagiert, sollte man das wenigstens durch eigene Strahlkraft untermauern können. Daran hapert es allerdings - insbesondere bei der Neuen Rechten. Was hat man denn anzubieten außer Kubitschek, Kositza, Sellner, Lichtmesz, Sommerfeld, und - last but not least - Bosselmann?

Die AfD mit Weidel und Gauland im Vorstand, dahinter der antisozialistische Redenschreiber Klonovsky, und das war es auch schon. Im Osten noch der "Flügel", mit einem Mann wie Björn Höcke. Bezeichnet der sich eigentlich explizit als "rechts"?

Dann die Gegenseite: Man kann über Greta Thunberg, oder über den YouTuber "Rezo", die beide aus der linken Ecke kommen, lästern wie man will. Tatsache ist, daß beide extrem viel Aufmerksamkeit erregten in diesem Jahr, und zwar mehr als die Neue Rechte insgesamt. Gewiss, das hat Gründe, da die Rechten nicht über die entsprechende Medienmacht verfügen, ich möchte nicht ungerecht urteilen. Aber die "anglo-amerikanische Normalameise" war eben auch bereit für diese Propaganda-Sprechpuppen. Bitte stellen Sie sich selbst einmal die Frage: Wen reißt Heino Bosselmann mit seinen anti-links Pamphleten vom Hocker?

Seien Sie ehrlich, und machen Sie sich nicht größer als Sie sind: Sonderlich viel hat die Neue Rechte nicht zu bieten. Obwohl allgemein soviel Unzufriedenheit über das Kartell der "lingsgrünversifften" Altparteien herrscht, hat die AfD es noch nicht einmal im Osten geschafft, irgendwo stärkste Kraft zu werden. (Vorausgesetzt die Wahlen waren nicht massiv gefälscht).

Wie kommt das, wenn die Linke doch so offensichtlich am Ende ist?

Jetzt wird man wieder argumentieren: Warten Sie nur Herr Martini, bis erst die Wirtschaftskrise kommt, bis Michel und Michaela Deutschmann wach werden, bis uns die nächste große Migrantenflut überrollt, warten Sie bis zum katastrophalen "Blackout", oder kurz gesagt, bis es allen noch viel schlechter geht. Dann wird sie schlagen, die Stunde der Neuen Rechten.

Was aber, wenn ein solches Ereignis ausbleibt? Was ist, wenn das sogenannte "Establishment" die Zügel weiterhin strafft und lockert, wie man es sich es leisten kann? Was ist, wenn das deutsche Restvolk noch zu vielen weiteren schmerzhaften Einschnitten bereit ist, ohne sich den Rechten an den Hals zu schmeißen?

Was ist dann?

In meinem privaten Umfeld sehe ich keine Gegenwehr gegen das herrschende System. Man ergibt sich willenlos, und ist nicht einmal bereit zum inneren Widerstand.

Claudia Roth, Heiko Maas, Ralf Stegner, Robert Habeck und die "Merkelianer" von der CDU können sich im Grunde erlauben was sie wollen, es findet kein Umdenken statt.

Innerhalb der Neuen Rechten ist ebenfalls nur geistige Erstarrung auszumachen. Die meisten Mitmenschen hängen am Tropf der Massenpropaganda und lassen sich von den Medien von einem tagesaktuellen Thema zum anderen treiben.

Dagegen gibt es Rezepte, aber niemand will sie hören. Stattdessen ergeht man sich hier in einem sinnlosen innerdeutschen Gefecht mit der gegenüberliegenden Seite des politischen Spektrums.

Warum nicht endlich "Egalite et Réconciliation"?

Niekisch
31. Oktober 2019 12:04

Die ehemals revoluzzerischen Linken sind zu machtgeilen Spießern verkommen, während die sog. Rechte weit überwiegend von Anfang an spießbürgerlich-angepaßt agiert. Sie wird wohl gar nicht erst in der Revolte ankommen.

Carsten Lucke
31. Oktober 2019 17:21

Der herrlichste Text, den ich über die Roten je gelesen habe - genial!

Imagine
1. November 2019 00:07

Wenn man über die revolutionäre Neue Linke berichtet, dann wäre es interessanter statt über Aussehen und Frisuren zu schreiben über die wichtigsten Debatten der damaligen Zeit zu berichten. Vor allem wäre auf zwei Großdenker, einen Deutschen und einen Tschechen – vermutlich die wichtigsten Theoretiker des 20. Jahrhunderts - und deren revolutionären Erkenntnisse und Werke hinzuweisen, die damals großen Einfluss auf die Theoriediskussion hatten, die aber heute kaum jemand noch kennt und deren Werke auf Wiederentdeckung harren.

Andreas Walter
1. November 2019 07:23

Phantastischer Text.

Bis auf das mit dem Johannes Raus. Ein Fehler oder eben Wortspiel, das ich aber nicht verstehe.

Wobei ich kein Freund und Bewunderer von Radikalen und des radikalem bin, was der Verfasser wohl nach meinem Eindruck ein wenig in der Gegenwart vermisst. Mir sind sanfte aber bestimmte Transienten in die richtige Richtung lieber, versuche mich eher in Überzeugungsarbeit selbst der notorischsten Egoisten, Ignoranten, Selbsternannten und Unverbesserlichen. Wobei die Natur auch immer wieder für unwägbare Überraschungen gut ist, ich mir darum im Grunde um gar nichts Gedanken machen muss.

Es gibt eben Bereiche, in denen getobt werden darf, in jedem Alter, und Andere, in denen man sich gefälligst zu Benehmen hat. Herr der Fliegen oder auch Parasitismus, womöglich sogar Pathogenität, auch Psychische, geht halt nicht, wenn man gleichzeitig in einer Zivilisation leben und von ihren Annehmlichkeiten profitieren will. Das mag vielleicht "Nazi" klingen, ist aber trotzdem richtig und stösst ja auch nur denen übel auf, die sich selbst zu einer der besagten schädlichen Kategorien zählen.

Auch hier existiert eben ein unbestimmtes Gleichgewicht, welches man aber zu keiner Seite zu weit verschieben darf. Weder hin zu Diktatur und Ausrottung, Unterdrückung, aber eben auch nicht zu anything goes und Laissez-faire. Die Neue Rechte wird daher von vielen als der strafende, massregelnde Vater missverstanden, wahrgenommen, ohne den es aber auch nicht geht, beziehungsweise, nichts vernünftiges am Ende dabei rauskommt.

Deutschland war eben zu lange ein Spielplatz von Sozialisten aber auch von ebenso infantilen weil eigensüchtigen Kapitalisten. So etwas hinterlässt auf Dauer Spuren und Effekte, die sich irgendwann nicht mehr ignorieren lassen, und dadurch die Abwehrkräfte, das Immunsystem einer Gesellschaft aktivieren. Alles darum ganz natürliche Vorgänge, sobald man es versteht.

https://youtu.be/thPlGwgEyMw

Franz Bettinger
1. November 2019 08:44

Köstlich, Bosselmanns Abgesang der SPD! Bleibt noch zu erwähnen, dass es der CDU und CSU gelang, ein Bündnis zwischen SPD, Grünen und Linken solange (durch mediales Trommelfeuer und Befeuerung gekränkter Eitelkeiten) zu verhindern, als jene drei zusammen hätten regieren können. Und nun? Jetzt wird in Thüringen - ohne jeden Protest und empörten Aufschrei - die CDU vermutlich mit den Linken ins Bett hüpfen. Berührungsangst? War gestern. Wer hätte das gedacht? Wie blöd die Linken immer schon waren! Sie erkannten nie die Zeichen der Zeit. Querfront? Die wissen gar nicht, was das ist.

Laurenz
1. November 2019 09:49

@Thomas Martini .... was wollen Sie denn sagen? Sie hätten in der DDR auch nicht gegen den Schwarzen Kanal anstinken können. Dank dem Netz existieren überhaupt alternative Medien, selbst die neuen Medien im linken Segment, wie Albrecht Müller, KenFM oder Telepolis sind besser als der etablierte Schrott. Von daher kann sich auch niemand rechts als Charakterkopf etablieren. Jeder hier, in der Redaktion, wie im Forum, überholt Alfred Dregger ausgreifend links. Franz-Josef Strauß hatte sicherlich menschliche Schwächen, vor allem sein Hang zum Steuern sparen und illegaler Zuwendungen.
Ich wäre froh, ich hätte auch nur die Hälfte Seiner Intelligenz. Diese unterschätzen Sie, Thomas Martini, nachhaltig in ihrem narzißtischen Selbstmitleid.

@Imagine .... welche Debatten der Linken wollen Sie den Herrn Bosselmann mitgeben? Da kommt mal gar nichts von Ihnen, und warum? Daß Herr Bosselmann keine historisch linken Debatten anführt, liegt doch daran, daß es keine gibt, die nennenswert wären. Ist doch alles an Unfähigkeit gescheitert, Ost-Politik, anti-zyklische Wirtschafts-Politik, Hartz4 usw. & sofort.

@Carsten Lucke ... jip, ist tatsächlich eine geile Nummer.

Lotta Vorbeck
1. November 2019 09:51

@Franz Bettinger - 1. November 2019 - 08:44 AM

Drei Photos, die bestens illustrieren, was Bosselmann beschrieb und was gerade passiert:

+++ ADM im roten Jäckchen, der Bodo mit roter Krawatte, ZWEI, die sich anscheinend nicht schlecht verstehen:

https://bilder.t-online.de/b/85/52/01/26/id_85520126/tid_da/angela-merkel-und-bodo-ramelow-die-kanzlerin-und-der-thuerinigische-ministerpraesident-auf-der-ost-ministerpraesidentenkonferenz-.jpg

+++ Ministerpräsidenten der mitteldeutschen Bundesländer, in der Bildmitte ADM neben Ramelow

https://media-cdn.sueddeutsche.de/image/sz.1.4395888/704×396

+++ Ramelow verbeugt sich vor ADM

https://cdn1.spiegel.de/images/image-788155-galleryV9-slto-788155.jpg

[aufgestöbert und dokumentiert von Bernhardine]

Franz Bettinger
1. November 2019 10:00

@Maiordomus: Großartiger Beitrag! Obwohl @Laurenzens Einwand, dass damit wohl realpolitisch kein Blumentopf zu gewinnen ist, ja vielleicht sogar Schaden angerichtet wird, nicht völlig falsch ist, fand ich ihre klugen Zeilen zum Casus Horst Mahler als wohltuend! Danke dafür in die Schweiz! Unter den Merkel-Maulkörben des BRiD-Konformismus traut sich ja niemand.

@Thomas Martini: Schön, dass in Frankreich, anders als unter Merkel, der Intellekt nicht völlig von der Ideologie ausgebremst wird. Schön, dass sich dort Rechts und Links noch treffen, zuhören und Gemeinsames erkennen und formulieren können.

Monika
1. November 2019 10:04

@ Thomas Martini
„Wen reißt Heino Bosselmann mit seinen anti-linken Pamphleten vom Hocker ?“
Mich, Herr Martini, mich !!!
Ein amüsanter Text.
IN DES TEUFELS WÖRTERBUCH schreibt Ambrose Bierce:
„Physiognomie, die - Kunst, den Charakter eines anderen zu bestimmen anhand der Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen seinem Gesicht und unserem. Letzteres ist der Maßstab für alles Hervorragende.“
Jetzt betrachten wir die virtuellen Physiognomien im Rechten Forum. Da gibt es Waldgänger, Subversive, Starhembergs, Schopenhauers, Senecas, Old Shatterhands, Niekischs, Lettow Vorbecks, Adler, Drachen, Gotlandfahrer, Elvis‘, Gehenkte. Über alle und allem wacht der Hausmeier. Da platzt einem die Zeitschnur. Imagine !
Unser Gesicht ist der Maßstab für alles Hervorragende...
Der Text von Herrn Bosselmann ist hervor-ragend...👍👍👍
Gruß Monika

cso
1. November 2019 11:06

@Thomas Martini

"(...) hat die AfD es noch nicht einmal im Osten geschafft, irgendwo stärkste Kraft zu werden. (Vorausgesetzt die Wahlen waren nicht massiv gefälscht)"

Achten Sie doch einmal darauf, in welchen Altersgruppen die AfD jüngst, bspw. in Thüringen, besonders gut abgeschnitten bzw. gewonnen hat. Das könnte Ihren Beitrag relativieren.

Ratwolf
1. November 2019 12:36

Sozialdemokratie - Braucht man das?

Dafür, dass der Arbeiter seinen gerechten Anteil bekommen nicht. Man kann sich verständigen.

Die Zwischeninstanz von monopolisierten Vermittlern (SPD/DGB) bewirken zus. Kosten, Streit, Verwirrung, Reibungs- und Zeitverluste, Korruption, Vetternwirtschaft, ...

(Das kann übrigens auch für die echten Sozialarbeiter mit Diplom gelten)

Wenn sich Ausführende und Eigentümer verstehen und wenn alles gut läuft, dann ist die SPD in Not. Einheit, Volk und Nation sind eine Bedrohung für das Geschäftsmodell der SPD (und der Linken)

Wenn es zu gut läuft müssen die Bedingungen verschlechtert werden:
- Schlechtere Bildung
- Mehr Arbeitslose
- Harz4-Proletariat
- Asyl-Proletariat
- Ein-Euro-Proletariat
- Mehr Migranten, welche nicht Arbeiten und duchgefüttert werden
- Überzogene Umweltthemen zur verschlecherung der Rahmenbedingungen
- Polarisierung und Wählerstimmengewinnung durch förderung von innerstaatliche ethnischen und religiösen Konflikten müssen her (siehe Chebli)

MontanG, MitbestimmungsG, DrittelbeteiligungsG, Betriebsratsabzocke, etc gehören auch zu diesen Themenkreis.

Den klassischen Ausbeuter der würdelos mit seinen Leuten umgeht gibt es. Hat er einen Gewinn davon?

Wenn er den Bogen übespannt, dann kommen die sozialen Bewegungen oder die guten Leute gehen zur Konkurrenz.
So stellten sich die schlimmsten Arbeiterverächter später als Sozis heraus.

Der Konflikt ist also notwendig (für die "SPD").

Abstrakt ist es eine Form der Gemeinschaftsverhinderung.
Über Schulen, Medien und Kirchen werden solche Irrtümer den Eltern und ihren Kindern weitergegeben.

"Der letzte Sozialdemokrat" (Helmut Schmidt) ist gescheitert. Seine Sozialdemokratie konnte nicht funktionieren. Sie ist weder Fleisch noch Fisch.
Unter Helmut Schmidt führte sie in das gelobte Land der verbeamteten Ortsverbände. Das fand er auch gut. Weil er selber einer von denen war. Dummerweise müssen andere für so etwas noch mehr arbeiten. Orwells "Farm der Tiere" lässt Grüßen. Das kann man Helmut Schmidt nicht zuschreiben. Aber bei vielen anderen.

Heute sind es zusätzlich die Anette-Kahane-Stiftungen und all die ASB/DGB/ARD/ZDF/DRadio/..

Sie halten sich für etwas besseres und leben von der Arbeit der "einfachen Menschen"

Warum gibt es die SPD dann?

Im Nachkriegstdeutschland setzte die SPD auf Blockfreiheit und die Einheit Deutschlands.

Sie wurde von den Besatzern auf die Oppositionsbank gesetzt und hat gelernt wie man sich benimmt.

Sie mussten dann warten, bis die BRD klar eingeordnet war und es keine andere Möglichkeit für eine Wiedervereinigung gab, als der Fall des ost-kommunistischen Reiches und der Freiwerdung der dort brach liegenden Ressourcen.

Nach der Verfestigung des Ost-West-Konfliktes war die Zeit gekommen.

Die SPD konnte am Volk vorbei die deutschen Ostgebiete für einen Geländegewinn gegen den Ostkommunismus (OSZE Akte, Erleichterungen) eintauschen.

Die SPD ist also ein Unterdrückungsinstrument von Nation und Volk (auch die Akifs, Naidoos und eingedeutsche Pole von Nebenan)

Wahrheitssucher
1. November 2019 13:30

@ Thomas Martini

Versuch der Ehrenrettung für Franz-Josef Strauß:
Ihn auf „versoffen“ und „verfressen“ zu reduzieren, wird vor allem seinen geistigen Gaben nicht gerecht.
Nennen Sie mir aus seiner Zeit einen Darsteller der „demokratischen Theaterbühne“ (herrliche Formulierung), der ihm intellektuell gewachsen war...
Andere respektable Persönlichkeiten hätten Sie zumindest erwähnen können: Dregger, Carstens, Stoltenberg, Mende, Schönhuber...

Wahrheitssucher
1. November 2019 13:38

@ Laurenz

„Und Herr Gauland hat gegenüber Herrn Mahler sicherlich keine historischen Defizite. Und ich...übrigens auch nicht.“

Wie war das mit dem „Fliegenschiss“?
Ganz gleich, von welcher Seite man sich der Sache nähert, mehr defizitär geht wohl nicht.
Und zu Ihnen: Können Sie das wirklich beurteilen?

heinrichbrueck
1. November 2019 15:28

„Aber was ist - im geistigen Sinn und existentiell - eine Freiheit schon wert, deren Bedingung die vom Diskurs ausgeschlossene Unterwerfung wäre?“

Fühle mich nicht angesprochen, die Frage ist falsch gestellt. Oder was soll ein Normalsterblicher, der seinen täglichen Arbeiten nachgehen muß, für einen Diskurs haben? Kommen irgendwelche Boote über das Mittelmeer, haben Kriegsschiffe die Sache in die Hand zu nehmen und nicht der Bäcker an der Ecke.

Wahrheitssucher
1. November 2019 16:24

@ heinrichbrueck

"Diskurs" = politische Streitkultur

Und Sie fühlen sich nicht angesprochen?
Sie betreiben ihn doch hier - in diesem Rahmen - auch selber!

Wobei ich Ihrem letzten Satz nicht widersprechen möchte...

Laurenz
1. November 2019 16:54

@Wahrheitssucher .... wenn Sie eine historische Debatte führen wollen, und die SiN-Redaktion dies zuläßt, gerne. Allerdings debattiere ich mit Ihnen öffentlich keine Themen, die das Grundgesetz ausschließt. Dazu müssen Sie Sich schon mit mir in einem Cafe verabreden, wo wir eine Debatte, privat, legalisieren können.

Und mit Verlaub, die "Fliegenschiß"-Debatte wurde doch gar nicht geführt, Sie ging in einem propagandistischen Inferno unter.
Hier beginnt doch schon jegliche Absurdität. Der Konflikt einer kleinen ökonomischen Großmacht, gegen das größte koloniale Imperium, welches die Erde je sah, an der kontinentalen europäischen Großmacht, unfähig zur globalen Seekriegsführung, aufzuhängen, ist, objektiv betrachtet, vollkommen lächerlich, aber unsere Möchtegern-Historiker machen da mit, was sie als solches und als Menschen entehrt. Aber auch hier kann man den "Knopps" menschlich verzeihen, denn sie sind das Synonym für das Machbare im (historischen) Totalitarismus. Und ehren wir die Irvings als Opfer dieses Totalitarismus'.

Und solange Sie, Wahrheitssucher, hier keine Fakten auf den Tisch legen, bleibe ich bei meiner Aussage. Und ich kenne hier keinen, der mir historisch das "Wasser" reichen könnte, außer Maiordomus im mittelalterlichen Kleinklein.
Natürlich kenne ich mir überlegene Geschichts-Interessierte, aber die schreiben nicht auf SiN. Und Horst Mahler verbrachte, wie jeder Akademiker, die beste Zeit Seines Lebens mit Seinem Fachgebiet, der Juristerei. Das blieb aufgrund meines Charakters zum Glück mir erspart.
Bei Herrn Kubitschek kann ich es nicht beurteilen, Er schreibt wenig über die Historie, denn dort ist politisch auch nur sehr bedingt etwas zu gewinnen. Zur Geschichtsbetrachtung gehört, zeitbedingt, auch Alter. Insofern ist Herr Bosselmann unter den SiN-Autoren klar im Vorteil was historische Betrachtungen angeht.

Pit
1. November 2019 16:56

"Aussehen" ist zentral in der sozialen Interaktion.
Die Behauptung, Aussehen habe keine Bedeutung, ist eine Lüge der Hasser, um unsere Gemeinschaften zu zerstören.
Es ist, wie immer, die Pathologisierung des Natürlichen: "der gehört nicht zu uns, der sieht nicht wie wir aus", dieses selbstverständliche Empfinden wird verboten. Bekanntlich erkennen Babies von 6 Monaten Rasse, weshalb ihnen das in Orwell-Großbritannien in den Kitas aberzogen werden muß.

Zu glauben, Aussehen habe keine Bedeutung, ist die Haltung des typisch verkopften Westlers, nur westlichen Rationalisten kann man so einen Quark einreden:
woher weiß denn der Mann, welche Frau er begehren soll? Vom Aussehen her. Er begehrt die junge Frau. Woher weiß er, daß sie jung ist? Vom Aussehen her. Er begehrt nicht die Oma von 70 Jahren. Woher weiß er, daß sie nicht das geeignete Objekt für die Fortpflanzungsabsicht ist? Vom Aussehen her.
Woher weiß ein Mensch überhaupt, wen er begehren soll? Weil ein Mann wie ein Mann aussieht und eine Frau wie eine Frau.
Peinlich, wenn man Selbstverständlichkeiten ausbuchstabieren muß... aber ist es schon mal jemand aufgefallen, daß es ein spezifisches Aussehen für Frauen gibt und ein spezifisches Aussehen für Männer? Aber "Aussehen" hat keine Bedeutung, nicht wahr, Herr aufgeklärter westlicher Rationalist?

Also: unsere soziale Interaktion wird von Aussehen gesteuert. Das soll uns verboten werden, natürlich mit der Absicht, uns zu zerstören.
Es wird uns verboten auszusprechen, daß bestimmte Menschen NICHT ZU UNS GEHÖREN AUFGRUND IHRES AUSSEHENS. Ja das schmerzt den Christ und doch ist es so: unsere Gemeinschaften werden NICHT funktionieren, wenn zusammengezwungen wird, was nicht zusammengehört. Die Menschen wollen es nicht, und wenn der aufgeklärte Rationalistenkopf es noch so sehr als wahr erkannt hat.

Franz Bettinger
1. November 2019 23:14

@Thomas Martini: Ich verstehe die Verzweiflung, aber das Einpeitschen auf die (wenigen), die den Karren weg vom Abgrund nach Rechts ziehen wollen, das Einpeitschen auf die ohnehin Geplagten, es nützt nichts. Es frustriert eher und macht die Eingepeitschten nur mutloser. Ich betrachte uns Rechte als die letzten Mohikaner. Ich respektiere jeden, der hier mitmacht; egal, wie das Ende aussieht; egal, ob wir das Schicksal noch wenden können. Der Rechte erlaubt sich nicht berechnend zu sein, denn das wäre link. Der Rechte ist, was er ist, aus sich heraus. - Meine Devise: Dem Tiefen Staat einen anständigen Kampf liefern! Anständigkeit ist Deep State nicht gewohnt. Es macht ihn wahnsinnig. Die auf der grünen und linken Seite angesiedelten Zerstörer ärgern, so gut es geht! Lachend zur Hölle fahren! Wer nur seinen eigenen Arsch (noch ein bisschen länger) retten will, läuft auf der anderen Seite mit, der Seite der Blinden und Linken Einäugigen. Etiam si omnes, ego non! (=Auch wenn alle mitmachen, ich nicht.) Den Märtyrern und Revolutions-Romantikern sei gesagt: Die Mauern, die uns umgeben, sind nicht aus Beton, sondern aus zähem perfidem Neu-Sprech, Orwell-Gummi. Mit dem Hammer auf sie einzuschlagen ist vergebens. Gummi aber ist nicht unzerstörbar. Säure, die einsickert, löst ihn auf. Seien wir die Säure! Ätzen wir sie weg, die Propaganda. Mit Ironie, Witz und mit Sarkasmus. Jeder, wo er steht, und wie er kann!

@Monika: über unsere Physiognomien: great, LOL!

@Pit hat es richtig erkannt: Das Äußere - Rasse, Wuchs, Statur, Alter, Hautfarbe, Haut-Beschaffenheit, Haarkleid, gesunde Ausstrahlung, Schönheit, Sex-Appeal; aber auch der Geruch - kurz: die Physiognomie eines Menschen hat eine herausragende Bedeutung bei sozialen Interaktionen. Das abzustreiten und das Gegenteil zu behaupten, ist die zentrale Lüge der erfolglosen Gleichmacher aka der linken Looser. Picasso hat die Frau auf drei Striche reduziert (ok, abstrahiert): die zwei Brüste und das pubische Dreieck (die Scham). Neunjährige Buben und Veterinär-Mediziner tun Ähnliches (mit Kühen). Es funktioniert. Will sagen: Es gibt Wesentliches und Unwesentliches.

heinrichbrueck
1. November 2019 23:58

@ Wahrheitssucher
Mit "politischer Streitkultur" habe ich nichts am Hut. Wir haben hier einen Diskurs? Mir hat auch die "Unterwerfung" in dem Satz nicht gefallen, klingt im Kontext doch ein bißchen arg antideutsch ressentimentgeladen. Dieser komische Totalitarismusvorwurf Richtung Deutschland, als ob diese kleinen Peripherieländer jemals deutsche Herausforderungen zu bewältigen gehabt hätten. Diskurs ist ein vollkommen falsches Konzept. Klingt nach Basar

Simplicius Teutsch
2. November 2019 00:21

@Maiordomus: „Nun sitzt der verfemteste aller 68er abermals und immer noch als politischer Gefangener ...“

Das haben Sie gut geschrieben. Aber ist es nicht gefährlich, seinen Namen überhaupt ins Spiel zu bringen und ihn ins Licht des Widerstandes gegen die BRD-Meinungsdiktatur zu stellen?

@Maiordomus: „Das Endziel eines jeden Totalitarismus ist und bleibt die geistige Unterwerfung.“

Als vor etwas mehr als zehn Jahren das „Vanity Fair“-Skandal-Interview zwischen Michel Friedman und Horst Mahler veröffentlicht wurde, hatte ich mir sogar extra diese Hochglanz-Zeitschrift gekauft. Horst Mahler, der Meinungstäter, der Unbeugsame, der deutsche Graf von Brandenburg a. d. Havel, - dort sitzt er gerade. Es scheint, dass dieser hochintelligente Mann, einst Freund (?) von Bundeskanzler Gerhard Schröder, dem BRD-System zum Trotz nicht vergehen will.

Da der berühmte Bertolt Brecht,
soweit ich weiß, dem linken zivilgesellschaftlichen Moralkodex noch nicht zum Opfer gefallen ist, kann man ihn hier wohl gefahrlos zitieren:

„Immer schreibt der Sieger
die Geschichte der Besiegten.

Dem Erschlagenen
entstellt der Schläger die Züge.

Aus der Welt geht der Schwächere,
und zurück bleibt die Lüge.“

(Ich bin kein besonderer Brecht-Kenner, das obige Zitat habe ich heute im Postkasten gefunden, und zwar in dem Heftchen „Vergißmeinnicht“, denen ich ab und zu eine kleine Spende zukommen lasse.)

Lotta Vorbeck
2. November 2019 12:36

@Simplicius Teutsch - 2. November 2019 - 00:21 AM

„Vergißmeinnicht“

********************

Es ist der Inbegriff einer Sisyphosarbeit, welche da ganz im Südosten mit minimalem Budget und von nicht mehr als einer handvoll (verfemter) Helfer geleistet wird.

Laurenz
2. November 2019 12:46

@Jan @ Gustav Grambauer

...... der Anti-Amerikanismus ist noch mehr begründet, als Gustav Grambauer es formuliert. Und GG formulierte es hervorragend.

Politisch Interessierte in Deutschland wußten seinerzeit, was in der Sowjetunion passiert war, das russische Bürgertum quasi nicht mehr existent war. Hören Sie Sich doch einfach mal Hitlers Monolog gegenüber Mannerheim an, und wie er den Zustand der sowjetischen Arbeiterschaft empfand. Wenn schon der Bösewicht des Planeten und deutsche Che Guevara dies so empfand, wie sollen es erst dann "normale" Menschen empfinden?

Militärisch waren die Verbände der Roten Armee, die auf das Reich zu marschierten, "wie die Tiere", um Hitlers Worte aus dem Monolog zu verwenden, aber was will man nach 20 Jahren Bolschewismus/Stalinismus nach der großen Säuberung auch anderes erwarten?
Die Verbände der Roten Armee, die gegen Budapest und nach Böhmen marschierten, werden bei den einschlägigen Autoren als "ziviler" beschrieben.
Die Sowjets, vor allem die Komissare, brachten auch Häftlinge an die Front, die in Ketten auf die deutschen Linien zu rannten, damit die deutschen MG-Stellungen ihre Munition verbrauchten, hinter diesen Einheiten der Roten Armee standen die Komissare mit der Kalaschnikow. Das erzähle ich Ihnen deswegen, um Ihnen die damalige "Kultur" der Roten Armee zu beschreiben. Die Sowjetunion war bereits zu Zeiten Lenins aus allen völkerrechtlichen bindenden Kriegsabkommen, wie den Genfer Konventionen, ausgetreten, wohl um ohne Konsequenzen den bestialischen Bürgerkrieg gegen die "Weißgardisten" führen zu können.

Die US Amerikaner führten den Vernichtungskrieg subtiler. Bis auf den hier beschriebenen Kampf im Hürtgenwald, der Ardennen-Offensive oder der Schlacht in der Normandie gab es im Vergleich zum Osten nur "wenige" Kampfhandlungen im Westen. Sobald us amerikanische Panzer-Kommandanten auf Widerstand stießen, riefen sie nach der Air-Force, die alles kurz und klein schoß.

Der totale Vernichtungskrieg gegen Deutschland, der sich, mit Logik betrachtet, auch aus propagandistischen Schulbüchern ergibt, wäre ohne die ökonomische Stärke der USA nicht möglich gewesen. Der politische Wille in DC ist für den gesamten Krieg und die Folgen verantwortlich, das gilt auch für den 1. Weltkrieg.

Eine Debatte, warum politische Kräfte in Britannien die Entmachtung Europas, einschließlich Britanniens, vorantrieben, ist als einer der größten politischen Blödheiten in der Menschheitsgeschichte, schwer zu ergründen und führte hier zu weit. Aber klar ist, ohne 2 zermürbende Weltkriege wären die USA nie zur Weltmacht Nummer 1 aufgestiegen. Für alle damaligen Großmächte waren die technischen Entwicklungen, Nuklear-Technologie, Raketen-Technik, Jet-Antrieb, Agrar-Patente ganz offensichtlich so eminent, daß quasi ein Wettlauf um die totale Niederwerfung Deutschlands entstand. Täglich von einer (Kriegs-)Schuld Deutschlands zu sprechen, läßt die aussprechenden Medien und Politiker einem selbst gewählten Wahnsinn anheim fallen, wie unnatürlich oder welch ein krankes Leben Propagandisten führen, jeden Tag sich selbst und die eigene Geschichte verleugnend. 

Die Augenzeugenberichte meines Großvaters, in 1945 im Alter von 45 Jahren Kriegs-Gefangener auf den Rheinwiesen, sind fast unaussprechlich. Meine beiden Großväter wurden in us amerikanische und französische Kriegsgefangenschaft nach Marseille deportiert und kehrten beide mit einem Lebendgewicht von 55 KG aus der Gefangenschaft zurück, etwas, was viele der dort inhaftierten Kameraden nicht taten.

Die Implementierung des Marshall-Plans, über den in der Schule falsch berichtet wird (dazu existiert eine hervorragende ARTE-Doku), war nicht menschlich oder ökonomisch notwendig, sondern einzig der Perversion der Existenz Stalins geschuldet. Vor allem für verhungernde Menschen, Opfer eines der größten Holodomors der Menschheitsgeschichte gilt das Sprichwort "Wes' Brot ich ess', des' Lied ich sing'". Die Gefahr, daß die hungernden Deutschen zu Stalin überliefen, weil er Ihnen etwas zu essen gab, war zu eminent. 

Mit dem schon 1945 fallenden eisernen Vorhang entstand die Erkenntnis der Notwendigkeit eines Wohlstandsgefälles von Ost nach West, eine rein Macht-politische Entscheidung. 

Trotzdem waren diese beiden Weltkriege, um die Renegaten und revoltierenden Kultur-Nationen, Japan und Deutschland, zu zerstören, so Kräfte raubend, daß Israel sich etablieren konnte, und die weltweiten Kolonien sich, zumindest formal, von den faschistischen Westmächten/Alliierten befreien konnten, was teils in Kriegen, wie in Vietnam, 30 Jahre andauerte. Geschichte währt immer länger als man glaubt. Die Europäer begingen ihre Fehler schon im amerikanischen Bürgerkrieg, als die Sezession zuwenig Unterstützung erfuhr oder zuvor, als sich die Briten das Weltmacht-Dasein alleine aufbürdeten.

Schon im Korea-Krieg zeigte sich das globale Patt und die Unbesiegbarkeit Chinas. 

Nur eine späte Sezession der USA und eine Re-Manufakturierung des Westens zurück aus China, kann uns den menschlichen Frieden bringen, der den meisten Menschen wünschenswert erscheint. Die Menschen-verachtende blutrünstige us amerikanische Non-Kultur braucht noch mindestens 500 Jahre der Kultivierung, bevor sie zu den menschlichen Kulturen gehören mag. Von daher ist Anti-Amerikanismus die Pflicht eines jeden nach Freiheit strebenden lebenden Erdenbürgers. Deswegen bedeuten Liberalismus und Pro-Amerikanismus auch einen inneren Widerspruch. Die Kuhtreiber beherrschen den Planeten mit vorgehaltener Knarre, etwas was unsere Trans-Atlantiker bis heute nicht verstanden haben, oder im ungünstigeren Falle, dabei sein wollen, wie man andere knechtet.

Wahrheitssucher
2. November 2019 14:39

@ heinrichbrueck

Sie haben (mich) nicht verstanden...

Uodal
3. November 2019 11:19

Von der Physiognomie über den Weltbürgerkrieg zurück zur Physiognomie.

Das äußere Erscheinungsbild von Stegner, Merkel, veganen grünlinken Anti-Vorlesungs-Kämpfern als Ausdruck des gesellschaftlichen Zustands? Hängende Mundwinkel als Menetekel der zunehmenden Auto-agression eines zum Schmoren im Stillstand gezwungen Westens.

Ein durch aufgezwungene Hypermoral und Schuldkult gefesselter Riese, der seine Schaffenskraft, seinen faustischen Geist nun gegen sich selbst richtet und als kleinbürgerlicher Blockwart jede noch so kleine Abweichung hysterisch verfolgt. Zurück gefallen in mittelalterliche Angst, sich zu infizieren durch eine andere, nicht von oben erlaubte Meinung. Weil man
durch jahrelangen sedierenden Nanny-Politikstil alles im Staatsfunk ungehörte als ungehörig und "Pfui" annimmt.

Spießige, plüschige und dekadente Karikaturen derjenigen mutigen Männer, die in winzigen Schiffen über den Atlantik in's Unbekannte segelten - und weil's so schön war, auch noch über den Pazifik und weil immer noch Lust und Kraft da waren, umstiegen in's Raumschiff und gleich noch bis zum Mond. Seit dem - Stillstand. Weil böse, weil alte weiße Männer und politisch inkorrekt und keine Gendertoiletten auf der Santa Maria.

Und jetzt? Wie geht's weiter? Für uns? Wenn es stimmt, das durch die Digitalisierung einfache Tätigkeiten, ja ganze Berufszweige überflüssig werden und für die Menschen "nur" noch die nicht standardisierten Aufgaben übrig bleiben. Die, bei denen Kreativität, Originalität, Selbstbewusstsein und Mut zur Normab-weichung erforderlich sind, was machen dann all die angepassten, normgerechten, systemkonformen, politisch korrekten, gutmenschlichen Normalameisen? Nichts mehr! Weil überflüssig. Also - viel Spass all ihr Linken, die Zukunft gehört uns. Dies ist nun Mal der zwangsläufige, dialektische Geschichtsprozess - sagt Marx.

Maiordomus
3. November 2019 11:57

@Bettinger. Ihre Bewunderung für Picasso, an dessen Genialität es zwar auch aus meiner Sicht nichts zu bezweifeln gibt, vergisst, wovor Reinhold Schneider 1940, zu einem heiklen Zeitpunkt der europäischen Geschichte, im Insel-Buch "Macht und Gnade" gewarnt hat, mit Rückbezug auf Clemens Brentano: dass Genie nämlich auch eine Versuchung sein kann, etwas Dämonisches, mit entsprechender Verschwisterung mit dem Zeitgeist. So wie der junge Le Corbusier programmatisch den Abbruch der mittelalterlichen Stadtkerne mit ausdrücklicher Nennung der Dome und Kathedralen forderte, an deren Stelle Glaspaläste zu errichten seien. Er meinte es, wie die Anhänger Maos. als Kulturrevolutionär durchaus ernst. Seine Vorstellungen auch vom Wohnungsbau, die sich in vielem durchgesetzt haben (minus Genialität, siehe die Künstler, die Picasso nachahmten), wären mit dem Gedanken des Bevölkerungsaustauschs durchaus kompatibel gewesen und bleiben dies vermutlich auch.

"A ta santé, Staline", war Picassos Devise damals, was ihn übrigens nicht davon abhielt, in Paris noch auf Ernst Jünger grosse Stücke zu halten, welcher seinerseits sich dem Dämonischen in der Kunst gestellt hat, vgl. noch seine Friedenschrift zu Kriegsende und sein Buch "Autor und Autorschaft", nich zu vergessen, dass er die Bibel des Alten und des Neuen Testamentes zeilengenau gelesen hat, dafür auf Zeitungslektüre weitestgehend verzichtete. Von diesem Dämonischen in der Kunst war übrigens auch ein Arno Breker nicht frei. Als ich den letzteren in einem Buch "hochbegabt" nannte, wurde dasselbe hauptsächlich deswegen verrissen. Wer politisch nicht auf der richtigen Seite steht, kann doch nicht hochbegabt sein!

Zurück zu Picasso: Ohne sein Frühwerk hätte es auch sein Durchbruch zur sogenannten Moderne nicht auf die gleiche Bedeutung gebracht. Bei genauerer Analyse war es doch, ähnlich wie es dem Architekten Le Corbusier im Buch "Mord an Apollo" von Alexander von Senger, Thomas Verlag, ca. 1960, vorgeworfen wurde, wie viele Elemente der modernen Kunst, natürlich eine Attacke auf das abendländische Menschenbild, eben "Mord an Apollo". Dies ändert nichts daran, dass Le Corbusier, im Gegensatz zu Picasso, in seinen späten Jahren einen Weg zurück gefunden hat, mit dem grandiosen Ronchamps, so wie die Bruder-Klaus-Feld-Kapelle von Peter Zumthor in Wachendorf irgendwo zwischen Dülmen und Köln aus meiner Sicht das bedeutendste Zeugnis christlicher Kultur in Deutschland ist und bleibt, so weit sich eine solche in den letzten vierzig Jahren noch artikulierte. Ähnlich eindrucksvoll scheint mir indes das 2014 erstellte Kirchenfenster des Künstlers Weber im Dorf Hochheim 14 Kilometer nördlich von Gotha, der Heimatgemeinde von Meister Eckhart, zur Thematik "Die Gottesgeburt in der Seele". Es dürfte klar sein, dass nicht das Geschwätz der Kleriker und auch der sonstigen von Kirchensteuergeldnern gemästeten Funktionäre für die Substanz eines Zeitalters von Bedeutung bleiben, sondern jene kulturellen Denkmäler, die man möglicherweise und hoffentlich-mutmasslich auch in 500 Jahren noch als einigermassen bedeutende Zeugnisse unserer Zeit zur Kenntnis nehmen dürfte. Zumthor und Weber müssen sich da wohl vor Picasso nicht verstecken, und in 1000 Jahren wird auch wohl kaum jemand den Architekten von Ronchamps wegen seinen Schnittmengen zu faschistischen und modernistischen Ideologien verurteilen.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.