1. April 2018

Die 21

Götz Kubitschek

PDF der Druckfassung aus Sezession 83/ April 2018

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Was man kaum für möglich hielt - jeden Tag läßt es sich beobachten: Die Schere öffnet sich immer weiter zwischen denen, die das normale Leben kennen und leben, und solchen, die unbeirrt als schreckliche Kinder der Neuzeit ihre verrückte Agenda durchziehen. Wir erleben die Aufspreizung  der  »Gesellschaft«  (hier  ist  dieses Unwort ausnahmsweise einmal am Platz) auf einen Abstand außerhalb der Rufweite. Die längst gestörte Verständigung ist abgebrochen, und es faseln die »Sprecher« der anderen, der noch regierenden Seite irgend etwas zusammen, um dem eigenen Treiben noch einen Hauch von Sattelfestigkeit, eine Ahnung von begrifflicher Faßbarkeit zu verleihen.

In Kandel stehen 5000 Teilnehmer des Marsches für die Sicherheit unserer  Frauen,  Schwestern,  Töchter gegen ein »breites Bündnis«, das nur noch einen Bruchteil der empörten Masse aufzubieten in der Lage ist.  Regierungsvertreter  und  selbsternannte Schmarotzer der »Zivilgesellschaft« begreifen eines nicht mehr: daß immer mehr Deutsche ihr Dorf, ihren Stadtteil, ihr Leben, ihre homezone an den Fuß des Vesuvs versetzt wähnen, nicht wissend, wann das »Verhängnis« glutheiß wie Vulkanasche auf uns herabregnen wird. Tag für Tag ins Geschirr sich stemmen für einen von Parteiapparaten erbeuteten Staat, der uns das einzige nicht mehr gewährt, wofür wir ihm gerne gehorchten: Sicherheit?

Und nun weitere vier Jahre unter einem Regierungsbündnis aus Niederlage und Untergang ausharren, vier Jahre, in denen das große Experiment unter Einberechnung von Schäden, Zerstörungen, Verwerfungen und Leid weitergeführt wird – unter dem Zugeständnis selbst seiner Betreiber, daß ganz und gar nicht gewiß sei, ob am Ende ein feines Werkstück oder ein Kampf in Ruinen dabei herauskommt?

Selbst solche, die qua Amtes an Ruinen und Abbrüchen keinerlei Interesse haben können, beteiligen sich an der Zerstörung der Substanz. Es hält beispielsweise der Kölner Kardinal Woelki die Hand über seinen Kommunikationsdirektor, der in einem Anfall von pompadourschem Humor den Tschechen die Sachsen im Tausch gegen deren Atommüll anbot. Man möchte beide Herren ihrem eigenen Experiment zum Opfer fallen sehen, möchte ihrer Heimsuchung beiwohnen (oder wenigstens der Szene, in der sie aus einem der großen deut- schen Bauten geprügelt werden: aus dem Kölner Dom die Treppen hinunter bis auf die berüchtigte Platte).

»Hilf Herr, wir verderben – da ist niemand, der uns schützt und dem wir trauen können, außer Dir allein«, heißt es abseits solcher (meiner) Haßbilder in einem »Gebet um Errettung des deutschen  Volkes«,  das  von  einer  Mönchsgemeinschaft  gesprochen  wird.  (Von diesen  Männern  wäre  viel  zu  erzählen, ich bin gerne bereit dazu.) Es sind solche Orte, an denen der Schirm  über  der  abendländischen Christenheit aufgespannt bleibt und ein Erbe verteidigt wird, das unverhandelbar ist.

Auch   ein   Buch,   ein   stiftendes Buch, kann ein solcher Ort sein. Dem  Schriftsteller  Martin  Mosebach ist mit seiner Arbeit über die an der  libyischen  Küste  enthaupteten koptischen Christen eine solche Stiftung gelungen: Die 21 heißt sein Werk (jüngst erschienen bei Rowohlt, Hamburg), es ist eine Demütigung für den Westen im allgemeinen und für unseren Widerstand im besonderen. Denn man kann es als eine einzige, große Frage lesen: Während es für die 21 koptischen Männer (einfache  Leute,  unintellektuell  tiefgläubig)  keine Frage war, daß es nun für den Glauben und in der Nachfolge Christi das Martyrium zu durchleiden gelte, hätte wohl kaum ein Deutscher die (eher  geringe)  Chance  ausgeschlagen,  durch Konversion  zum  Islam  (also:  Glaubensverrat) das eigene Leben (das irdische Leben) zu verlängern (und das ewige damit wohl zu verspielen).

Bevor  sich  jemand  (ich  eingeschlossen) glaubenseifrig  in  die  Brust  wirft:  Lippenbekenntnisse sind wohlfeil, gewogen wird in Lagen  wie  solchen  am  libyschen  Strand.  Aber dennoch: Auf welchen unerschütterbaren Säulen ruht denn unser Eigenes, Eigentliches? Auf dem säkularen Staat? Auf dem Mythos unseres Weges durch die Geschichte? Auf dem, was wir »daraus« gelernt haben? Wie auch immer: Diese Säule (ein vertikales Gebilde!) wäre das, was wir verteidigen müßten, ginge es uns tatsächlich um die »Errettung des deutschen Volkes«. Und zuvor müßten wir sie wieder aufrichten, diese Vertikale.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


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