1. April 2018

Kulturscheide

Ellen Kositza

PDF der Druckfassung aus Sezession 83/April 2018

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Der zeitgenössische Leser ist in den meisten Fällen eine Leserin. Das schlägt im Buchhandel deutlich, im Zeitschriftenverkauf überdeutlich durch. Man denke an all die Blätter und Blättchen, die Brigitte, Emma usw. heißen! Sie haben keine Marco oder Benny betitelten Pendants. Was uns das sagt? Sind die Männer das eigentlich »andere Geschlecht«?
Gibt es da kein Gruppendenken, wollen die Herren nicht up to date und eingemeindet sein? Scheint so! Das uralte Mainstream - Schlachtschiff Brigitte jedenfalls hat derzeit eine Auflage von knapp 400000 Stück (zur Jahrtausendwende war es knapp eine Million), die kämpferische Emma läßt nicht mehr offiziell zählen, seit sie 2007 unter die 45000-Marke gerutscht ist.

Es erscheinen in Deutschland – Gemeindebriefe mal außen vor gelassen – regelmäßig Hunderte christliche Zeitungen und Zeitschriften. Darf man da von »Entchristlichung« reden? In der Summe sind es zig Millionen »christliche« Druckerzeugnisse, die jährlich an den Leser gehen.
Darunter sind possierliche Spartenblätter wie Christ und Sozialist (Auflage: 500),Teens erleben Christus (1800) und Instanzen wie das Deutsche Pfarrerblatt (immerhin 20000).

Die christliche Frauenzeitschrift Frau und Mutter prunkt mit einer Auflage von 534000 Stück. Sie erscheint seit 1909. Zunächst hieß das Blatt Die Mutter ab den dreißiger Jahren Frau und Mutter. In den achtziger Jahren verkleinerte man den mütterlichen Aspekt: Frau und Mutter hieß es nun: »Damit sollte ein Akzent gesetzt werden in der Diskussion um die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Kirche und Gesellschaft.« Es konnte nicht ausbleiben, daß in der Folge auch die Frau zur frau verkleinert wurde. Das ökonomisch gestreßt wirkende frau u. mutter, siehe nebenan, Ausgabe 1998, Frau mit UV-Schutz-Hut und Ersatzkatze auf Plastikstuhl vor Plastiklamellen, pflegte man nur kurz.

Nun, worum handelt es sich bei diesem weitverbreiteten Druckerzeugnis, das dennoch unterhalb der Wahrnehmung des öffentlichen Radars segelt?
frau und mutter ist die Mitgliederzeitschrift des kfd, ausgeschrieben: Katholische  Frauengemeinschaft  Deutschlands. Jedes einzelne Wort ist purer Anachronismus: Katholisch! Frauengemeinschaft! Deutschland! Das klingt nach einem Kampfbündnis, nach Ansage.

Vielleicht war es das, annodazumal. Wie hieß es in der Ausgabe Januar 1913? »Und vor allem, christliche Mutter, vergiß doch nie, daß dir deine Kinder und dein eigenes Leben anvertraut sind für die Ewigkeit. Für die große Ewigkeit gilt es zu schaffen, zu arbeiten, zu streben, zu beten: für die große Ewigkeit deine Kinder zu erziehen, dort erst ist das Ziel unseres ganzen Seins.«

Betrachten wir das Titelbild der Zeitschrift (Magazin sagte man damals noch nicht – aus naheliegenden Gründen) vom März 1931. Das Editorial (sagte man damals auch nicht: »Magd des  Herrn«  als  Überschrift  mußte  genügen) wird  geprägt  von  einer  spätmittelalterlichen Verkündigungsszene aus der hohen Kunst. Wir lesen: »Kürzlich sagte mir eine Sterbende: Sagen Sie den Frauen, so oft Sie nur können, es gibt kein größeres Frauenwort als dieses: ›Ich bin die Magd des Herrn‹, es gibt nichts Herrlicheres und Beglückenderes als – Magd des Herrn zu sein, d.h., sich selbst vergessen und dienen dür- fen dort, wohin Gott sie stellt.«

Das sei wichtig in einer Zeit, »wo Frauen so viel Gerede und Getue machen, wo alles auf äußere Wirkung berechnet ist und es steckt nur so wenig dahinter! […] Die Frauen, die in den ›Illustrierten‹ vorgestellt werden, sind nicht die wertvollsten. Im Gegenteil, die wertvollsten sind diejenigen, von denen man am wenigsten spricht.« 1939 – da zählte man knapp eine Million Leserinnen! – wurde die Zeitung von den Nationalsozialisten verboten, erst 1948 erschien sie wieder, offenkundig ungebrochen.

Der Titel der Februarausgabe 1949 bildet einen Holzschnitt ab: Eine dörfliche Landschaft, ein Pfad führt in eine strahlende Zukunft, und das Leuchten geht vom Wegkreuz – Maria mit dem Kinde – aus. Noch bis in die frühen sechziger Jahre wurden diese Bildsprache und der Fokus auf das geistige Leben beibehalten. Zur Mitte  jenes  Jahrzehnts,  das  grundstürzende Zweite  Vatikanische  Konzil  war  virulent,  erfolgte dann ein Bruch in Stil und Inhalt, eine echte kulturelle Wegscheide: Die eigentümliche katholische Nachkriegsästhetik, die nun Altäre, Medaillons, Kruzifixe und Plakate prägen sollte, nahm hier ihren Anfang: Die Heiligen und ihre Umgebung werden in groteskem Expressionismus verzerrt, ausgedünnt; eine hagere, puritanische Bildsprache entsteht.
Christus und seinen Jüngern ist jeder ikonische Charakter verlorengegangen, sie sind nun zu verwechseln mit den fernsehbekannten Armen aus der Sahelzone. Und ohnehin findet sich fortan eher der Mensch, wie er leibt und lebt, oder ein weltliches Symbolbild (Frauen lieben Pflanzen!) auf dem Titel.

Ausgabe 1/1984 zeigt vier Frauen bei der Selbstverwirklichung: In drei Fällen wirkt dieses neu proklamierte Frauenleben sehr anstrengend (mußten Frauen tatsächlich einmal solche Krawatten tragen?), allein die Blonde mit dem Bobschnitt in der Boutique hat gut lachen. Etwas später, so brüsten sich die Zeitungsmacher, kamen  erstmals  auch  ostdeutsche  Frauen  in Berührung mit »einer freien Presse«. Das hieß zu diesem Wendezeitpunkt: Nun ging es nicht mehr  wie  Jahrzehnte  zuvor  darum,  per  christum »in eine halbe Million Mütterherzen Trost und Licht und Mut und Vertrauen« zu bringen; es ging nun: um feministische Theologie, frauengerechte  Sprache  und  »Vielfalt  der  Lebensformen«. Der Untertitel lautet nicht mehr »Monatsschrift für die katholische Frau in Familie und Beruf«, sondern in nichtssagender Schickheit und schnödem Doppelsinn »Menschen Leben Vielfalt«.

Für gewöhnlich dominieren heute solche Themen: »Neue Liebe im Alter«, Frauen in Männerberufen (wo sie, logo, »doppelt so gut wie Männer sein müssen«), Tanzprojekte zwecks Integration von Roma, eine tolle Künstlerin, die Seelen zeichnet und Eva keck mit Zigarette darstellt.
Die neueste Ausgabe hat das Photo einer keimenden Pflanze als Titel. Das ist freilich mehrdeutig im Vergleich zur überkommenen »Magd des Herrn«. Man darf »es keimt« (was auch eklig sein kann) assoziieren, oder »Frühling – wie jedes Jahr« oder »so herrlich  grün«,  was  zur  politischen  Ausrichtung des Blattes passen dürfte. Die Titelthemen lauten »#metoo« und »Wenn der Partner dement wird«.

Ersteres dürfte zur angestrebten, letzteres zur tatsächlichen Leserschaft passen. Die kfd versteht sich heute als Verband, »in dem Frauen Vielfalt erleben, u.a. durch Kontakte und Begegnungen mit Frauen anderer Konfessionen und Kulturen«. Man engagiert sich ausweislich »für gewaltfreie und nachhaltige Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Einen Welt«, zu Fragen des Klimaschutzes, des fairen Handels, der Flüchtlingsthematik und, Achtung, man »fördert das Miteinander der Website.« Was nicht Nichts ist! Ach frau. Himmel, hilf!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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