Es soll uns nie gegeben haben

PDF der Druckfassung aus Sezession 83/April 2018

 Gastbeitrag

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Die Angrif­fe auf das Selbst­be­wußt­sein, das Geschichts­ver­ständ­nis, die Lebens­wei­se, das Kunst­ver­ständ­nis und die zen­tra­len Erzäh­lun­gen euro­päi­scher und nord­ame­ri­ka­ni­scher Gesell­schaf­ten neh­men zur Zeit mit rasan­ter Geschwin­dig­keit zu. Man kann buch­stäb­lich zuse­hen, wie sie an Zahl und an Wucht gewinnen.

In Tote wei­ße Män­ner lie­ben habe ich beschrie­ben, wie sich anti­tra­di­tio­na­lis­ti­sche, ras­sis­ti­sche anti­wei­ße und män­ner­feind­li­che Ele­men­te zu einem Dis­kurs ver­fil­zen, der, wenn über­haupt jemals einer, die Bezeich­nung »hate­speech« ver­dient hat.

Lord Nel­son von sei­ner Säu­le stür­zen zu wol­len, Akte aus dem Muse­um oder Shake­speare aus den Lese­lis­ten zu ver­ban­nen, ist eine Tak­tik, kel­ti­sche Krie­ger, den Achil­les der Ili­as oder Prin­zen aus dem roman­ti­schen Mär­chen durch Far­bi­ge zu erset­zen (wie soeben der MDR), eine ande­re. Wer aller­dings behaup­tet, eine west­li­che Kul­tur exis­tie­re über­haupt nicht, der ver­sucht nun wirk­lich, das Übel an der Wur­zel zu packen.

»The­re is no such thing as Wes­tern civi­li­sa­ti­on«, so schrieb es kurz und bün­dig der an der New York Uni­ver­si­ty leh­ren­de gha­na­isch-ame­ri­ka­ni­sche Sprach- und Kul­tur­phi­lo­soph Kwa­me Antho­ny Appiah im bri­ti­schen Guar­di­an vom 9. Novem­ber 2016. Der weit aus­grei­fen­de Essay erweist sich im Rück­blick als Teil der mitt­ler­wei­le auf Hoch­tou­ren lau­fen­den Kam­pa­gne zur Dis­kre­di­tie­rung und Auf­lö­sung euro­päi­scher und, qua­si neben­bei, ame­ri­ka­ni­scher Iden­ti­tät. (Nicht zufäl­lig trug die ers­te Ver­si­on des Arti­kels den Titel »Mista­ken Iden­ti­ties«). Appia­hs zen­tra­le Behaup­tung: Den antik-jüdisch-christ­li­chen »gol­de­nen Kern« west­li­cher Kul­tur gibt es nicht, eine die abend­län­di­sche Kul­tur fun­die­ren­de Tri­as Jerusalem–Athen–Rom ist nicht mehr als Fik­ti­on. Kul­tu­ren las­sen sich nicht gegen­ein­an­der abgren­zen, ins­be­son­de­re die Unter­schei­dung einer »west­li­chen« von einer isla­mi­schen Kul­tur ist für den Vor­kämp­fer eines auf­ge­klär­ten Kos­mo­po­li­tis­mus hinfällig.

Wie geht Appiah zu Wer­ke, um dem Leser die­se (vor­sich­tig gespro­chen) kon­train­tui­ti­ve Auf­fas­sung schmack­haft zu machen?

Die Angriffs­li­nie ist mehr­fach gestaf­felt. Und um eine sol­che han­delt es sich, denn wie ein Pfer­de­fuß schaut aus der aka­de­mi­schen Rhe­to­rik das Res­sen­ti­ment gegen den »Wes­ten« her­vor und pro­du­ziert Aus­sa­gen wie die­se: »Jemand frag­te Mahat­ma Gan­dhi, was er von der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on hiel­te, und er ant­wor­te­te: ›Ich glau­be, sie wäre eine sehr gute Idee.‹ Wie vie­le der bes­ten Geschich­ten ist auch die­se wohl lei­der anek­do- tisch; aber, eben­so wie vie­le der bes­ten Geschich­ten, hat sie über­lebt, weil ihr der Geschmack der Wahr­heit anhaf­tet. Mei­ne eige­ne Ant­wort wäre aller­dings sehr anders aus­ge­fal­len: Ich den­ke, man soll­te die Vor­stel­lung einer west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on fal­len las­sen. Sie ist im bes­ten Fall die Quel­le gro­ßer Ver­wir­rung, im schlech­tes­ten hin­dert sie uns dar­an, uns eini­gen der gro­ßen poli­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit zu stel­len. Ich zöge­re, selbst dem Gan­dhi der Legen­de zu wider­spre­chen, aber ich glau­be, daß west­li­che Zivi­li­sa­ti­on über­haupt kei­ne gute Idee ist und daß west­li­che Kul­tur kei­ne Ver­bes­se­rung darstellt.«

Appia­hs ers­ter Kri­tik­punkt betrifft die Unschär­fe des Begriffs »Wes­ten«. Sei­ne Beschwer­de, die Begriffs­ver­wen­dung wer­fe ganz unter­schied­li­che Gesell­schaf­ten unter dem Eti­kett »nicht­west­lich« auf einen Hau­fen, ist gegen­stand­los. Bestim­mun­gen wie »Reich der Mit­te« oder »Dar-al-Islam« ver­fah­ren nicht anders. Man grenzt das Eige­ne vom ande­ren (also von allem übri­gen) ab: eine nicht nur legi­ti­me, son­dern letzt­lich unver­meid­ba­re Ope­ra­ti­on, weil Beob­ach­tung stand­ort­be­zo­gen ist. Wahr­neh­mun­gen die­ser Art las­sen sich dem­nach nicht aberzie­hen und unter­drükken – uni­ver­sa­lis­ti­sche Nebel­ker­zen­wer­fer dürf­ten hier ihr Ziel verfehlen.

Es ist rich­tig, daß der Begriff des Wes­tens sich auf kom­pli­zier­te Wei­se mit dem der Chris­ten­heit und Euro­pas über­schnei­det und daß er im Lauf der Geschich­te auf unter­schied­li­che Gebil­de bezo­gen wur­de. Der Wes­ten gegen einen geheim­nis­vol­len »(fer­nen) Osten« (Kipling), als Staa­ten dies­seits des Eiser­nen Vor­hangs, als Ein­heit von Euro­pa und den USA gegen den Rest der Welt – sicher, ein glei­ten­der Begriff. Dar­aus zu fol­gern, er wäre gegen­stands­los, ist frei­lich absurd. Wer die zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaf­ten des Wes­tens ver­mis­sen muß, weiß genau, was ihm abgeht. Wer ande­rer­seits in Dubai oder Sau­di-Ara­bi­en mit »west­li­chem« Kom­fort ver­wöhnt wird, wird sich aufs schärfs­te bewußt sein, daß die­se das Wesen des Wes­tens nicht aus­ma­chen, vor allem aber nicht erschöp­fen. Eben­so­we­nig trägt Appia­hs Argu­ment, die trans­la­tio stu­dii (oder imperii), also die Vor­stel­lung der Wei­ter­ga­be von Wis­sen (oder Herr­schaft) von Athen über Rom auf das Hei­li­ge Römi­sche Reich nach Art eines Staf­fel­laufs, bewei­se eine man­geln­de Ein­heit und wäre mit dem Chris­ten­tum nicht kom­pa­ti­bel. Als Selbst­be­schrei­bungs­for­mel führt die­ses Motiv ein­drucks­voll das Gegen­teil vor: näm­lich, daß es das Wesen des Abend­lan­des (der Vor­gän­ger­fi­gur des Wes­tens) ist, anti­kes und christ­li­ches Erbe inte­griert zu haben.

Wie kommt Appiah aber zu der Annah­me, daß sich euro­pä­isch – west­li­che und isla­mi­sche Kul­tur nicht von­ein­an­der abgren­zen las­sen? »Der ers­te Beleg für den Gebrauch des Wor­tes ›Euro­pä­er‹ ent­springt die­ser Kon­flikt­ge­schich­te. In einer latei­ni­schen, 754 in Tours ver­faß­ten Chro­nik, bezeich­net der Autor die Sie­ger der Schlacht von Tours als ›Euro­pen­ses‹. Ein­fach gesagt, die Idee des Euro­pä­ers fin­det ihre ers­te Ver­wen­dung, um Chris­ten und Mos­lems zu unter­schei­den.« (Her­vor­he­bung S.L.) Sofern das zutrifft, ist das Zitat gera­de nicht geeig­net, Appia­hs The­se zu stützen.

Die (ziem­lich wack­li­ge) piè­ce de résis­tance bil­det wie immer das Argu­ment, daß die Ara­ber Aris­to­te­les über­setzt und im Mit­tel­al­ter dem Okzi­dent medi­zi­ni­sches Wis­sen ver­mit­telt hät­ten. Aller­dings machen Über­nah­men die­ser Art noch lan­ge kei­ne gemein­sa­me Kul­tur, eben­so wenig, wie es eine gemein­sa­me Kul­tur macht, daß Mus­li­me heu­te west­li­che Tech­nik ein­kau­fen und in ihren All­tag inte­grie­ren. Die Gren­zen die­ser Argu­men­ta­ti­on wer­den deut­lich, sobald man nach­fragt, was denn nach die­ser so gern bemüh­ten his­to­ri­schen Pha­se los war. Säku­la­re Phi­lo­so­phie, Wei­ter­ent­wick­lung der Medi­zin und Natur­wis­sen­schaf­ten schei­nen sich dann auf die »west­li­che Zivi­li­sa­ti­on«, die es eigent­lich gar nicht gibt, zu kon­zen­trie­ren. Am Ran­de bemerkt, grenzt es ange­sichts der haßer­füll­ten Zer­stö­rung anti­ken Kul­tur­guts an Zynis­mus zu erklä­ren, daß der Islam und der »Wes­ten« ein gemein­sa­mes anti­kes Erbe tei­len. Als Erbe kann man wohl nur sinn­voll bezeich­nen, was sich eine Kul­tur dau­er­haft aneig­net und inkorporiert.

Die hef­ti­gen Emo­tio­nen, die die Debat­te gera­de über die Aris­to­te­les- Über­set­zun­gen beglei­te­ten, haben sicht­lich viel mit Ideo­lo­gie und wenig mit Wis­sen­schaft zu tun. Die Ergeb­nis­se des Medi­ävis­ten Syl­va­in Gou­guen­heim, der dar­leg­te, daß es ein von der ara­bi­schen Über­lie­fe­rung unab­hän­gi­ges Über­le­ben des Grie­chi­schen gege­ben habe, erreg­ten jedoch Mus­li­men, die eine Poli­ti­sie­rung ermög­licht hät­te), reicht aber kul­tur­his­to­risch viel wei­ter zurück. Sie gehört mei­nes Erach­tens in die Rei­he jener phan­ta­sier­ten Gegen­bil­der, wel­che sich Intel­lek­tu­el­le form­ten, die es mit der Prä­senz über­mäch­ti­ger kirch­li­cher Insti­tu­tio­nen zu tun hat­ten und daher stets auf der Suche nach ima­gi­nä­ren Gegen­rei­chen waren. Neben der anhal­tend idea­li­sier­ten grie­chi­schen Anti­ke gehört als bekann­tes­tes Motiv die para­die­si­sche Welt der »Wil­den« in die­se Gale­rie. Die isla­mi­sche Welt emp­fahl sich durch den Vor­zug, im Gegen­zug zu den »Pri­mi­ti­ven« eine Hoch­kul­tur zu bie­ten, im Gegen­zug zur Anti­ke gegen­wär­tig und gege­be­nen­falls ber­eis­bar zu sein. Im Gegen­satz zu den bei­den ande­ren bot sie das Modell einer abra­ha­mi­ti­schen Reli­gi­on, die gleich­zei­tig weit genug vom euro­päi­schen Chris­ten­tum ent­fernt war, um Kon­flik­te wie die mit dem Juden­tum nicht auf­kom­men zu lassen.

Drit­tens führt Appiah als Gegen­ar­gu­ment die »Unein­heit­lich­keit« einer Kul­tur an, die nicht über­all und zu jeder Zeit von »west­li­chen« Wer­ten im Sin­ne der Auf­klä­rung gekenn­zeich­net ist. Pri­mi­ti­ve Prak­ti­ken wie Zau­be­rei und Aber­glau­ben las­sen sich auch im Euro­pa des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts fin­den. Dies trifft zu, stellt aber kein Argu­ment dar: Der Unter­schied besteht doch wohl dar­in, daß dies in Euro­pa eine rand­stän­di­ge und fast schon exo­ti­sche Pra­xis dar­stellt, die gera­de nicht cha­rak­te­ris­tisch für die Beson­der­heit west­li­cher Kultur(en) ist. Das Argu­ment steht in Zusam­men­hang mit einer wesent­li­chen begriffs­ge­schicht­li­chen Fehl­kon­zep­ti­on: Für Appiah ist der »Wes­ten« ein Kon­zept, das erst Ende des 19. Jahr­hun­derts(!) auf den Plan tritt.

Die Geschich­te der Begrif­fe »Abend­land« und »Okzi­dent«, die nichts ande­res bedeu­ten, geht in sei­ne Über­le­gun­gen offen­bar nicht ein. Daher iden­ti­fi­ziert er »west­li­che« mit »moder­ner« Kul­tur, eine Ver­kür­zung, die dann ermög­licht, vor­mo­der­ne Prak­ti­ken als Argu­ment gegen die Exis­tenz einer der­art ver­kürzt defi­nier­ten west­li­chen Kul­tur zu behandeln.

Es scheint aus­ge­schlos­sen, daß Appiah sich die­ser Ver­kür­zung nicht bewußt ist. Aber es geht ja, wie bei allen revi­sio­nis­ti­schen Ver­su­chen auch nicht wirk­lich um Kul­tur­ge­schich­te, son­dern um Defi­ni­ti­ons­macht. Die­se Beses­sen­heit, eine Kul­tur zu negie­ren, für die Appiah in sei­ner Erschei­nung als Intel­lek­tu­el­ler selbst höchst cha­rak­te­ris­tisch ist, ver­strickt ihn unwei­ger­lich in Widersprüche.

Sein Leit­be­griff des Kos­mo­po­li­tis­mus steht in einer Tra­di­ti­on, die naht­los in die Glo­ba­li­sie­rungs­de­li­ri­en der Gegen­wart über­geht: »Auf­klä­rung und Welt­bür­ger­tum sind eng mit­ein­an­der ver­bun­den. […] Vor­aus­set­zung des bür­ger­li­chen Kos­mo­po­li­tis­mus war der (natur­recht­li­che) Uni­ver­sa­lis­mus, dem­zu­fol­ge die Men­schen über­all und zu allen Zei­ten gleich sind. […] So betrach­te­te man­cher Früh­auf­klä­rer die gan­ze Welt als sein Vater­land und alle Men­schen als sei­ne Brü­der. […] Unge­ach­tet des ›zu- fäl­li­gen Unter­schieds‹ von Kli­ma, Spra­che, Sit­ten und Ver­fas­sung soll­te er jedem Men­schen in Not bei­ste­hen. Frei von Vor­ur­tei­len ver­wirk­lich­te er die wah­re Bestim­mung des Men­schen…« (Lexi­kon der Auf­klä­rung. Deutsch­land und Euro­pa, Arti­kel Kosmopolitismus).

Das hört sich nicht zufäl­lig an wie Juncker, Mer­kel und Haber­mas in einer Per­son. Bei Appiah klingt das dann, umwelt­be­wußt etwas angepaßt, so: »Wir leben mit sie­ben Mil­li­ar­den Men­schen auf einem klei­nen sich erwär­men­den Pla­ne­ten. Der kos­mo­po­li­ti­sche Impuls, der sich auf unse­re gemein­sa­me Mensch­lich­keit stützt, ist kein Luxus mehr, er ist zur Not­wen­dig­keit gewor­den. Ich kann es nicht bes­ser sagen als der Dra­ma­ti­ker Terenz, ein Ex-Skla­ve aus dem römi­schen Afri­ka, der sich Ter­en­ti­us Afer (Terenz der Afri­ka­ner) nann­te. Er schrieb einst: ›Mensch bin ich, nichts Mensch­li­ches, den­ke ich, ist mir fremd.‹ Nun, das ist eine Iden­ti­tät, an der es sich fest­zu­hal­ten lohnt.«

Das ist die pas­sen­de Begleit­mu­sik zur Glo­ba­li­sie­rung, rhe­to­ri­sche rosa Pom­pons auf dem grau­en Pro­zeß fina­ler Iden­ti­täts­zer­stö­rung. Ers­tens, ist Mensch-Sein kei­ne Iden­ti­tät, weil die­se sich in der Unter­schei­dung bil­det. Was ich mit allen Men­schen tei­le (oder zu tei­len mei­ne), ist all das, was bei einer Iden­ti­täts­bil­dung kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­det. Zwei­tens ist Terenz kein glück­li­ches Bei­spiel, wenn er hier für ein irgend­wie kul­tur­un­ab­hän­gi­ges All­ge­mein­mensch­li­ches ste­hen soll: Er stamm­te aus einer römi­schen Pro­vinz, in der römi­sche Spiel­re­geln und Geset­ze gal­ten und es war offen­bar eine klas­si­sche Aus­bil­dung (und kein mul­ti­kul­tu­rel­les Cross­over), die ihn befä­hig­te, Sät­ze wie den obi­gen hervorzubringen.

Nun läßt sich ver­mu­ten, daß kein Den­ken (auch kein iden­ti­tä­res Den­ken übri­gens) ohne eine Art uni­ver­sa­lis­ti­sches Mini­mum aus­kom­men kann. Das satt­sam bekann­te »mora­li­sche Gespräch zwi­schen Men­schen aus ver­schie­de­nen Gesell­schaf­ten« bewegt sich aller­dings im rei­nen Raum der Geis­ter, der fatal an einen schlecht gelüf­te­ten Semi­nar­raum erin­nert. Man fühlt sich an den berüch­tig­ten Wunsch Mar­got Käß­manns erin­nert, ein­mal ganz herr­schafts­frei mit den Tali­ban dis­ku­tie­ren zu können.

Pas­send zu die­sem uni­ver­sa­lis­ti­schen Roko­ko, das stark an die Welt erin­nert, in der Marie –  Antoi­net­te im Park von Ver­sailles Schä­fe­rin spiel­te, geht Appia­hs im August erschei­nen­des Buch auf eine mit »Mista­ken Iden­ti­ties. Creeds, Coun­try, Color, Class, Cul­tu­re« über­schrie­be­ne Vor­trags­rei­he zurück. Das Buch selbst trägt den Titel The Lies that Bind – damit cha­rak­te­ri­siert er sei­nen Iden­ti­täts­be­griff. Hin­der­li­che Lügen, im bes­ten Fall irr­tüm­li­che Zuschrei­bun­gen sind die genann­ten Kate­go­rien Reli­gi­on, Natio­na­li­tät, Haut­far­be, Klas­se und Kul­tur. Die­ser Ver­such, Iden­ti­tät zu domes­ti­zie­ren, wird nicht funk­tio­nie­ren. Der kos­mo­po­li­ti­sche, huma­ni­tä­re Impuls selbst, von dem Appiah aus­geht, ist durch und durch »west­lich«, euro­pä­isch geprägt. Er ist eben nicht uni­ver­sell, außer dem Anspruch nach.

Der Arti­kel, eine Art huma­nis­ti­scher Taschen­spie­ler­trick, ent­fal­tet ein Para­dox: Er führt vor, wie man die cha­rak­te­ris­tisch »west­li­che« Wert- (oder Wahn) vor­stel­lung unbe­grenz­ter Gesprächs­be­reit­schaft ein­for­dern und gleich­zei­tig behaup­ten kann, daß es etwas wie unter­scheid­ba­re west­li­che Wer­te nicht gibt. Irri­tie­rend ist nicht die­ser Zir­kel­schluß, der sich im poli­tisch kor­rek­ten Lager allent­hal­ben fin­det, son­dern das beharr­li­che Res­sen­ti­ment gegen die eige­ne Kul­tur, das die­se Über­le­gun­gen grun­diert. Appiah iden­ti­fi­ziert sich in sei­nen For­de­run­gen mit einem glo­ba­len Süden (den es im Gegen­satz zum Wes­ten offen­sicht­lich gibt), eine Iden­ti­fi­ka­ti­on, die schon des­halb höchst wider­sprüch­lich ist, weil der Phi­lo­soph, der vor kur­zem sei­nen Part­ner ›gehei­ra­tet‹ hat, in sei­nem Pri­vat­le­ben von den Mög­lich­kei­ten jenes nicht-exis­ten­ten Wes­tens in einer Wei­se pro­fi­tiert, die ihm in kei­nem isla­mi­schen oder über­haupt nicht-west­li­chen Staat mög­lich wäre. Die­se Hal­tung fin­det man in sozia­len Netz­wer­ken in allen mög­li­chen Vari­an­ten wie­der. Appiah hat dem exis­ten­ti­el­len und logi­schen Dau­er-Wider­spruch ledig­lich einen aka­de­mi­sier­ten Aus­druck ver­lie­hen. Offen­bar sind unse­re uni­ver­sa­lis­tisch ver­wäs­ser­ten Gesell­schaf­ten trotz oder wegen ihrer Groß­zü­gig­keit außer­stan­de, sogar bei denen, die davon am meis­ten pro­fi­tie­ren, Loya­li­tät zu mobi­li­sie­ren. Über­nom­men wer­den die Iden­ti­tä­ten, ganz unbe­küm­mert um die pro­fes­so­ra­le Erklä­rung ihrer Nichtigkeit.

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