Sezession
1. Januar 2006

Provokation!

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 12 / Januar 2006

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

sez_nr_12Angesichts der Heerscharen blinzelnder Deutscher; angesichts der verantwortungslosen politischen Führung der letzten dreißig Jahre, die ihre Rente in dem Bewußtsein zu verprassen nun ansetzt, daß es für sie noch reichen wird; angesichts der sitzenden Schimpfer – selbst die jungen Hartz IV-Empfänger schimpfen sitzend, bei Laune gehalten durch ein warmes Wohnzimmer, Nachschub an Fraß und Flüssigem, eine Spielkonsole, Fernseher, DVD-Gerät und der Möglichkeit, dank der Pille folgenlos die Restenergie über der Freundin zu entladen; angesichts der gescheiterten und der nie gemachten Experimente eines zersplitterten, personell und materiell schwachen rechten Flügels unserer politischen Landschaft; weiterhin angesichts der Krise, die eine grundlegende Veränderung der Tonlage im Land notwendig macht; angesichts der verrinnenden Zeit – ständig läuft jemandes Zeit ab: die der nie gezeugten, die der ungeboren gemordeten, die der jämmerlich erzogenen Kinder: Es ist jedesmal die Vorbereitungszeit auf die Zukunft Deutschlands, die da verstreicht, ohne daß etwas Zukunftsträchtiges geschähe; angesichts dieser Lage also sollte vor einer Umwälzung der Verhältnisse keine Angst herrschen. Das Grausen sollte uns nur dann packen, wenn wir feststellen müssen, daß unser Volk – und das sind in diesem Fall die jungen Männer und Frauen – keine Kraft mehr zu einer Umwälzung hat.

Karlheinz Weißmann beschreibt in seinem Beitrag über das „Lob der Krise“ (S. 8 – 12) mit Jacob Burckhardt die Krise als fiebrigen Zustand. In ihm müsse sich erweisen, ob für eine Genesung noch genügend Kraft im kranken Körper steckt. Im kritischen Zustand werden also stets zwei Wege sichtbar. Der eine führt nach vorn und erprobt das Neue, der andere verweist zurück in einen Zustand des Sich-Dreinschickens: Zwar ist der Moment der Krise überstanden, das fiebrige Gefühl verflogen; an seinen Platz aber ist kein neues Leben, sondern bloß erneutes, halbzufriedenes Siechtum getreten.
So ist der kritische Zustand der Moment des Möglichen: Möglich ist, was vorher unvorstellbar war. Die Krise bedrängt, bedroht den Kranken und weckt seinen Mut, ins Unvorhersehbare abzuspringen: Nur kein Rückfall ins Siechtum, ins Latente, ins Erdulden! Und so beseitigt die Krise auch die „ganz unverhältnismäßig angewachsene Scheu vor ‚Störung‘ und bringt frische und mächtige Individuen hervor.“ Dann ist kein Halten mehr, dann „pflanzen sich die aufrührerischen Ideen wie im Funkenflug fort, finden sich überall Mutige, die den Angriff auf die eben noch uneinnehmbaren Bastionen wagen, bricht sich ein Enthusiasmus des Anfangs Bahn und wird die Beseitigung des gerade noch allgemein Anerkannten ohne Zögern ins Werk gesetzt“ (Weißmann, S. 11).
Was sich wie eine physikalische oder biologische Gesetzmäßigkeit liest, ist keinesfalls ein zwangsläufiger Prozeß: Was geschieht, wenn der Drang nach Genesung, nach einem Sprung ins Offene, nach Erneuerung, nach Umwälzung nicht stark genug ist? Was, wenn die Sicherheitsdenker – die dem Durchwurschteln, dem kleinen Leben etwas abgewinnen können – den Schritt nach vorn verhindern? Wenn das Volk, die Mehrheit, die Gesellschaft träge und schwer keinen Ruck verspüren, sondern weiterblinzeln möchte? Auch dann ändert sich die Lage: etwas geschieht. Es fällt da keine Entscheidung, es handelt da niemand und es steht nicht die nach vorn gerichtete Frage im Raum: „Was werden wir tun, um die Krise zu überwinden?“. Vielmehr läßt ein Volk, eine Gesellschaft einfach etwas geschehen, läßt etwas mit sich machen und duldet amorph. Dies ist der Moment, in dem uns das Grausen packt.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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