Sezession
1. Januar 2006

Provokation!

Götz Kubitschek

Vieles läßt sich leicht beantworten: Angesichts des Zustands unseres Lands ist praktisch jedes Mittel legitim, das zu Veränderungen führt. Provokation muß, wenn sie der Auftakt zu Umwälzungen sein will, als Baustein innerhalb einer Strategie ihren Platz haben. Sie ist oft das einzige Mittel der Schwachen: Wer über Machtmittel verfügt, drückt, was er möchte, einfach durch, erzählt, was er möchte, einfach auf allen Kanälen. Wer keine Macht hat, bereitet sich lange und gründlich vor, studiert die Reflexschemata des Medienzeitalters und erzwingt durch einen Coup öffentliche Wahrnehmung. Denn daran muß sich der Provokateur messen lassen: Was nicht in den Medien war, war nicht. Für die stille Bildungsarbeit mögen andere Gesetze gelten: Provokationen leben von der Wahrnehmung, denn ihr Ziel ist, eine Reaktion (und sei es nur die Verblüffung) hervorzurufen.
Wahrgenommen wird das Unerwartete, wahrgenommen wird der gezielte Regelverstoß, wahrgenommen, zwingend wahrgenommen wird die bewußte oder unbewußte Verletzung der Tabus, die auch unsere derzeitige, nur scheinbar nach allen Seiten offene Herrschaftsstruktur absichern, bewehren. Im kommunikativen Bereich, dem „miteinander Reden“ (dem Kernstück demokratischer Verfaßtheit also), sind der Konsensdiskurs und Folgenlosigkeit tabubewehrt. Der Konsensdiskurs ist die flächendeckende talkshow, die Christiansenisierung der Gesellschaft: Über fast alles wird geredet, nichts wird entschieden, Konsens auf einem Minimalnenner ist stets und unausgesprochen der Zielpunkt. Die Folgenlosigkeit ist die zweite Grundvoraussetzung solcher Zusammenkünfte. Sie ist der sichere Ausweg für jeden, der von zuviel Ernst in die Enge getrieben wird. Nie konkret werden, die Dinge einfach einmal ungeschützt dahersagen, so frei von der Leber weg mal ein paar Ideen haben: Wer den Unernst dieser sanften Denker nicht als Spielregel begreifen, nicht stehenlassen will, findet auf den Sofas der Konsensrunden keinen Platz.
Und so ist denn auch die Provokation vieler Künstler, Quer-, In- und Vordenker von der, über die wir sprechen, zu unterscheiden. Für jene ist Provokation der Versuch, eine Einladung an die Futtertröge zu erhalten. Für uns ist Provokation kein Ich-Projekt, keine Verkaufsstrategie, und die Hoffnung auf den Einbau in den satten Diskurs gäbe all unser Tun der Lächerlichkeit preis. Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party. Provokation ist das Hinweisschild an unerwarteter Stelle, ist ein Zündeln am Holzstoß, der Holzstoß bleiben oder Signalfeuer werden kann, ist die Heimsuchung derer, die nicht gestört werden wollen. Und diese Furcht vor Störung, Unruhe, kennzeichnet die heraufziehende Krise. Ungebeten wird das sein, was wir tun sollten. Ungebetene Gäste mit unerwünschten Fragen erscheinen am konsensschwangeren Ort und konfrontieren den unangestrengten Star inmitten seiner Heimspiel-Atmosphäre. Wann zuletzt wurde, um einmal konkret zu werden, Jürgen Habermas vor Publikum und völlig unerwartet mit dem konfrontiert, was er vor dreißig Jahren sehenden Auges zur experimentellen Umsetzung am lebenden Objekt „Deutschland“ empfahl? Wann zuletzt schlug ihm nicht nur erwartungsloses Wohlwollen entgegen, sondern plötzlich und ungebeten so etwas wie Verachtung oder echter Mangel an Versöhnung? Wann zuletzt fühlte dieser Mann sich wirklich gestört, verunsichert, angekratzt? Weiß jemand, wann das war? Weiß jemand, ob dies je so war? Jedenfalls wird es Zeit dafür.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.