2. November 2019

Netzfundstücke (31) – Kontinuität, Faschismus

Jonas Schick / 40 Kommentare

»Eine Kontinuität ist schon erkennbar«

Unter dieser verschämten Überschrift veröffentlichte faz.net am Mittwoch ein Interview mit Prof. Dr. Harald Meller, dem Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle (Saale), in dem über die neuste archäologische Forschung bezüglich der Germanen mit besonderem Fokus auf das Bundesland Sachsen-Anhalt gesprochen wurde (das Interview können Sie hier nachlesen).

Mellers Antwort auf die »nicht unproblematische« Frage, ob eine Kontinuität zwischen der Bronzezeit und den Germanen, zwischen all den Funden, die in seinem Museum versammelt sind, zu erkennen sei: »Wir sprechen heute noch diese Sprachen [indogermanisch – Anm. d. Verf.], die Gene tragen wir heute noch in uns, so daß wir mit einer gewissen Berechtigung zwischen der Zeit um 2000 bis heute von einer Bevölkerungskontinuität ausgehen können.«

Die letzten Jahrzehnte der Dekonstruktionsbemühungen an der ethnischen Kontinuität der Deutschen seitens linker Agitatoren aus Politik und »Wissenschaft« haben ihre Spuren hinterlassen: die Deutschen als Nachfahren der Germanen? Das sei politische Propaganda des wilhelminischen Kaiserreichs zur Legitimation des ersten deutschen Nationalstaates gewesen, was in der nationalsozialistischen Konzeption des »Ariers« seinen Kulminationspunkt erreichte.

Der linksliberale Zeitgeist erblickt in der historischen Erzählung des »Deutschen« nichts als menschenverachtende, auf Exklusion ausgerichtete Konstruktion. Hellers beschwichtigenden Formulierungen sind Zeugnisse dieses Dogmas – bloß keine falschen Assoziationen wecken.

Was die aktuellen Funde der Archäologen und die neuste archäogenetische Forschung jedoch zutage fördern, läßt vielmehr folgende Formulierungen zu: »Eine Kontinuität ist klar erkennbar« und » […], so daß wir mit ziemlicher Sicherheit zwischen der Zeit um 2000 bis heute von einer Bevölkerungskontinuität ausgehen können«. Nicht zuletzt der Anthropologe Andreas Vonderach hat der zersetzenden Methode der Dekonstruktion des Volkes, die schlußendlich nur als Rechtfertigung für die linksliberale Politik der Heterogenisierung fungiert, stetig fundierte Arbeiten entgegengehalten, die mit dem Mythos der Konstruktion des »Deutschen« aufräumen.

Sein jüngstes Werk für den Verlag Antaios, »Gab es Germanen? Eine Spurensuche« (hier bestellbar), setzt genau an der Thematik des FAZ-Interviews an und kommt zu einem mit Heller übereinstimmenden Ergebnis: Es gab uns doch!

Indessen beschäftigen sich am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena verschiedenste Forschungsgruppen mit diesem Themenkomplex. Hervorzuheben ist hierbei der Bereich »Archäogenetik« unter der Leitung von Prof. Dr. Johannes Krause (hier geht es zur Netzpräsenz). Aktuellste wissenschaftliche Publikationen, die »genetische Beziehungen, geographische Ursprünge, Selektionsprozesse oder genetische Strukturen von historischen und prähistorischen humanen, pflanzlichen, tierischen oder gar pathogenen Organismen« analysieren, sind über die Präsenz frei verfügbar.

Wer einen etwas leichteren Zugang bevorzugt, dem sei die Netzseite »Eupedia« empfohlen. Hier werden aktuelle Ergebnisse der Forschung zusammengetragen und anschaulich dargestellt. Jedoch besteht auch bei diesem Forschungsfeld die Problematik der Anglisierung des wissenschaftlichen Betriebs – wesentliche Publikationen, auch von deutschen Wissenschaftlern, sind fast nur noch in englischer Sprache verfaßt. Wer kein gutes Englisch beherrscht, der steht vor einer unüberwindbaren Mauer.


»BjÖrN HöCkE iSt gErIcHtLiCh bEsTäTiGtEr FaScHiSt!!!«

Seitdem die AfD bei der Landtagswahl in Thüringen mit 23,4 % ein phänomenales Ergebnis einfuhr, befindet sich die deutsche Linke nun endgültig im emotionalen Ausnahmezustand. Mittlerweile handelt es sich bei der AfD nicht mehr nur um eine »rechtspopulistische« Partei, sondern man hat in ihr – in Björn Höcke ganz speziell – jetzt die stets beschworene Wiederkehr des Faschismus ausgemacht; sogar gerichtlich bestätigt!

Der Hauptgegner nimmt die nächste Stufe der Eskalation, räumt jedwede Möglichkeit der Verständigung aus dem Weg und buddelt sich tiefer im Schützengraben ein. Mit Faschisten redet man nicht, Faschismus ist keine Meinung, Faschismus ist das Böse!

Die Funktion derartiger Deklarationen: die uneingeschränkte Mobilisierung des eigenen Lagers, um den politischen Feind mit allen möglichen Mitteln mindestens aus dem Diskurs zu verbannen. Es geht um Machterhaltung – alles, was die linksliberalen Pfründe ernsthaft gefährdet und das Land nachhaltig auf einen anderen Weg bringen möchte, muß mit dem Vorschlaghammer plattgeprügelt werden. Stigmatisierung ist nun das oberste Gebot.

Bei so viel Faschismus wird es selbst der linksextremen Natascha Strobl zu bunt. Der Begriff verkommt in der nunmehr immer wieder als »antifaschistisch« ausgerufenen Bundesrepublik zur Leerformel. Eine stichhaltige Definition des politischen Phänomens werden nur die wenigsten kongruent wiederzugeben wissen. Einer der ersten Kardinalfehler, dem Sie bei den meisten Erklärungsversuchen der lautstarken Anschuldiger begegnen werden, wird der Verweis auf »reaktionäres Gedankengut« sein. Dass das Revolutionäre für den Faschismus zwingende Voraussetzung ist, gehört nicht zu ihrem aus antifaschistischen Versatzstücken zusammengeklaubten Zerrbild.

Einen Versuch das Phänomen »Faschismus« objektiv zu erfassen, nahm dereinst der Historiker Ernst Nolte mit seinem Klassiker »Der Faschismus in seiner Epoche« vor. Er sah im Faschismus hauptsächlich eine Gegenbewegung zum Marxismus, eine Reaktion auf den Erfolg kommunistischer Revolutionen. Noltes Analysen finden sich auch im Band »Faschismus. Von Mussolini zu Hitler: Texte, Bilder, Dokumente« wieder (hier erhältlich).

Zu einem etwas anderen Schluß kommt derweil der britische Historiker Roger Griffin, der trotz seiner unverkennbaren geistigen Verwurzelung im linksliberalen Establishment wesentliche Aspekte des Faschismus treffenden analysiert. Den faschistischen Kerngedanken macht er in der revolutionären Wiedergeburt der Nation aus. Faschismus ist für Griffin weniger die Antwort eines spezifischen Teils der Rechten auf den Marxismus als vielmehr die Antwort auf die Moderne und ihre Krisen. In folgendem Interview, das die Rosa-Luxemburg-Stiftung der Partei DIE LINKE mit Griffin führte, gibt er seine zentralen Thesen griffig wieder:

Eine dezidiert rechte Sicht auf den Faschismus finden Sie indessen bei Karlheinz Weißmann in seinem formidablen kaplaken »Faschismus – Eine Klarstellung« (hier erhältlich). Außerdem widmete sich die Sezession 34 (hier frei verfügbar) diesem politischen Phänomen des frühen 20. Jahrhunderts ausgiebig.

Der Publizist Johannes Groß faßte es Anfang der 1970er folgendermaßen:

Die Ideologie des Faschismus und Nationalsozialismus kann auch verstanden werden als ein Ausdruck des europäischen Selbstbewußtseins zwischen den Kriegen – der dritte Weg zwischen der liberalen Demokratie des Kapitalismus und der kommunistischen Diktatur des Proletariats. Der Faschist ist notwendig Zweifrontenkämpfer, weil er das »Soziale« mit dem »Nationalen« verbinden will, die revolutionäre und die nationale Tradition – so fordert er die legitimen Verfechter beider als Feind heraus, Kommunisten wie Kapitalisten, Sozialisten wie Konservative.


Eine weitere Spitze des geistigen Kontrollverlustes der Linken stellt der Twitter-Hashtag #baseballschlaegerjahre dar. Unter dieser Wortschöpfung findet sich allerlei Selbstmitleid, Phantastisches, Selbstentlastung und linke Opfermentalität wieder.

Ein gekonntes Ablenkungsmanöver von der Gewaltausübung des eigenen Spektrums oder der schon alltäglich gewordenen Migrantengewalt im Hier und Jetzt, das insbesondere von linken Akteuren aus dem weitverzweigten und alimentierten NGO-Getriebe forciert wird. Da brüht man olle Kamellen von vor fast 30 Jahren auf, mal frei erfunden mal verklärt ausgeschmückt, um sich eine flächendeckende Problematik rechtsextremer Gewalt herbeizureden. Ein Tweet des Recherche-Accounts »Recherche Halle« trifft den Nagel auf den Kopf und hält den linken Heuchlern den Spiegel vor:

Eine Auswahl an Orten, an denen die #Baseballschlaegerjahre für Andersdenkende mit einem nicht-linken Weltbild nie aufgehört haben:

- Leipzig-Connewitz

- Rigaer Straße in Friedrichshain

- Das Viertel in Bremen

- Hamburger Schanzenviertel

#LinkeHeuchelei



Kommentare (40)

Nemo Obligatur
2. November 2019 13:35

Zur Kontinuität.

Interessantes Interview, auf das Sie da verlinken. Aber ich glaube, von einer "verschämten Überschrift" zu sprechen, ist etwas zu harsch. Wissenschaftler formulieren meistens vorsichtig, in Hypothesen. So auch hier: Es gab eine gewisse Kontinuität der Bevölkerung, aber starke kulturelle Brüche. Erkennbar etwa an Bestattungsriten. Was soll man da höher gewichten? Was macht überhaupt eine Kultur, ein Volk aus?

Sehr interessant auch der Hinweis, dass die Germanen wohl erst im Kontakt mit den (oder im Widerstand gegen die) Römern ihre nachmalige Stammesstruktur geformt haben. Wer weiß, was es da alles an neuen Sitten und Moden gab. Neue Götter, auch davon war im Interview die Rede. Lassen wir uns überraschen, was die Forschung noch alles ausgräbt.

Notabene: Dass der größte, weithin sichtbare Grabhügel, der Bornhöck war und damit fast so heißt, wie der größte, weithin sichtbare Oppositionspolitiker der Region (wenn auch etwas weiter südlich) - das ist schon eine feine Ironie der Geschichte.

Laurenz
2. November 2019 14:23

Klasse Artikel, Herr Schick, vor allem die wohldurchdachten Zusammenhänge gefallen mir sehr gut. Ich habe nur ein Bitte, könnten Sie Ihre Artikel, ähnlich, wie manche Ihrer Kollegen es handhaben, so verlinken, daß man SiN nicht verläßt, stattdessen ein neues Fenster aufruft? Das mag ja Geschmackssache sein, aber ich finde, man kann beim lesen oder kommentieren besser auf die von Ihnen geposteten Quellen zugreifen.

Herr Meller leistet sicher gute Arbeit, aber man bemerkt an Seiner Lebenswelt ein mangelndes Verständnis für den Föderalismus der Germanen in der vor-römischen Zeit. Fördergelder für Archäologen sind nun mal von einer zentralistischen imperialen Macht abhängig, so auch das Selbstverständnis Herrn Mellers und Seiner Schwierigkeit Seine eigenen Leute zu verstehen.

Auch das Frankenreich zwang andere europäische Stämme, die sich nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches wieder eine mehr föderale Struktur zulegten, zur Zentralisierung des Macht, da kam das totalitäre katholische Christentum als Mittel zum Zweck gerade Recht. Jeder, der Bluetooth ( Harald Blauzahn) benutzt, sollte das eigentlich wissen. 

Die Annahme einer mehr friedlichen Kultur in der vor-römischen Bronze - und Eisenzeit mag ich nicht ganz so glauben. Hier im Taunus und der weiteren Umgebung waren die keltischen Ringwall-Burgen und Oppida bereits verlassen, bevor die Römer hier aufschlugen. Daß die Kelten freiwillig vor den einsickernden Germanen nach Westen abzogen, mag wenig plausibel erscheinen. 

Hier liegt wohl auch ein Fehler im linken deutschen Selbstverständnis zugrunde. Jeder rechte Deutsche hat doch kein Problem, ob man nun an seiner Gestalt, seinem Gesicht, mehr einen Wanen oder einen Asen (Skytho-Sarmaten) erkennt. Klimatische Einflüsse sind ebenso zu berücksichtigen, Skandis gibt es noch gar nicht solange, jeder kann im Netz nachschauen, wann das "ewige" Eis der letzten Eiszeit Skandinavien überhaupt freigab.

Die These Herrn Mellers, pro hundert Jahre 5 Generationen zu implementieren, erscheint zu hoch, 3 oder maximal 4 sind wesentlich plausibler. Warum sollten unsere Altvorderen anders ticken als wir? Der von Herrn Meller falsch verstandene Existenzkampf in einer föderalen Struktur in unseren Breiten zeigt einfach die tatsächlichen Lebensumstände. Deswegen war Italien schon immer beliebt, mehr Ernten mit weniger Arbeit.

Das Video-Interview der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit Herrn Griffin ist ziemlich cool, zeigt aber auch direkt die kolossale Blödheit der Linken auf. Die Faschismus-Analyse Herrn Griffins ist in einfacher Form brillant, aber der Haken liegt in Herrn Griffins Schlußfolgerung. Er sagt uns linken Volldeppen zwar, daß und wie wir den Neo-Faschismus bekämpfen sollen, aber nicht warum? Weil dann seine Forschungsgelder weg wären, oder was ist denn die Grundlage des sogenannten Anti-Faschismus? Irgendwie brachte Herr Griffin nur Argumente für den Faschismus der originalen Autoren ins Spiel, warum denn diese überhaupt zu Faschisten wurden. Und den Grund, den Herr Schick hier mit Nolte & Co. anführt, liegt doch, um Herrn Griffins Worte zu gebrauchen, in der "Krise". Krisen sind doch nicht Gott-gegeben. Sie werden durch Menschen verursacht, im wesentlichen durch Groß-Kapitalisten, Marxisten, Bolschewisten, Anti-Faschisten, etc., alles Worte für ein und dieselben Agitatoren und Kultur-Vernichter.

Eigentlich sollten es unsere ehemaligen AgitProp-Profis der SED es besser wissen. Mit primitiver Diffamierung des politischen Gegners, wie gehabt im Warschauer Pakt, kommt man nicht weit, wenn sich die sozialen Lebensumstände nicht dauerhaft verbessern. Ewig gestrig mit Trotzki zu kommen, damit sich die Lebensumstände global verschlechtern, scheitert doch grundsätzlich am Konglomerat linker Unfähigkeit, schon gar im Zeitalter des Netzes.

Gemäß Silones großem Satz ist die Linke faschistisch, imperial, ausgrenzend in ihrer Methodik, davon riet Griffin indirekt ab. Aber über ein Jahrhundert, nehmen wir die Kirchengeschichte dazu, eineinhalb Jahrtausende Phrasen dreschen, hat eben auch Auswirkung auf das Denkvermögen der Propagandisten, welch ein Glück für uns Mosaik-Rechte, ideologisch könnten wir uns sogar mit wenig Hirn behaupten. Inklusive Björn Höcke kämpfen wir doch einzig um bürgerliche Selbstbestimmung, mehr bürgerliche Verantwortung, weniger Arbeit um dies möglich zu machen, gegen die Verdummung des Bildungswesens, gegen den Imperialismus, und um die unterschiedlichen Kulturen des Planeten. Das Versagen der Bürgerlichen im Angesicht des linken Totalitarismus provozierte den historischen Faschismus, welcher den Teufel mit dem Beelzebub bekämpfte, zwangsläufig wegen der krisenhaften Existenz der Linken. 

Also liebe linke Dummbatzen, hört auf die Welt vor Euch selbst zu warnen, und arbeitet mal was. Fegt die Straße, ist Sinn-bringender als ein vergebliches Relotius-Leben zu führen.

zeitschnur
2. November 2019 15:11

Dass das Gericht nicht festgestellt hat, dass Höcke ein Faschist sei, wurde inzwischen schon öfter bemerkt. Das Gericht hat festgestellt, dass in dem speziellen Fall, in dem er so genannt wurde, diese Benennung durch die Meinungsfreiheit gedeckt war. Ob er es IST, wurde dabei gar nicht berührt. Das sollte ein intelligenter Mensch vielleicht selbst prüfen - soviel sapere aude sollte schon sein.
Leider ist ein großer Teil der Medienschaffenden ebenso wie ihrer Rezipienten zu dumm, um den Unterschied zwischen "eine Meinung zulassen" und "sie teilen" zu verstehen. Was an Höcke allerdings auffällt ist, dass er immer wieder eine Kritik am globalen Finanzkapitalismus äußert, und ich denke, das ist auch letztendlich der Grund für die Hatz gegen ihn. Alles andere ist Blödsinn, irgendwelcher an den Haaren herbeigezogener Unsinn. Und mit dieser Neigung spricht er eben auch die Menschen im Osten an, denen diese Kritik aufgrund der DDR-Sozialisation vertraut vorkommt. Höcke will diesem globalen Faschismus durch Festigung der Nation entrinnen. Ob er sie seinerseits faschistisch aufbauen will, würde ich eher bezweifeln nach allem, was ich von ihm gehört und gelesen habe.

Das Gericht hätte ein IST des Faschismus bei Höcke im übrigen ja nur dann feststellen können, wenn eine eindeutige klare, ein für allemal und endgültig, dogmatisch festgestellte Faschismusdefinition durch ein unfehlbares Lehramt definiert worden wäre, wobei auch das dann nur verbindlich für die Gläubigen dieses unfehlbaren Amtes verbindlich wäre.
Ich werde aber den Verdacht nicht los, dass wir in einem Volk leben, dass allerseits heimlich oder offen nach nichts mehr lechzt als solchen unfehlbaren Lehrentscheidungen. Fleischtöpfe Ägyptens eben.

Im verlinkten Aufsatz "Gibt es eine faschistische Philosophie?" von Erik Lehnert wird Karlheinz Weißmann zitiert mit einer Definition:

"Was Faschismus ist, bleibt umstritten. Karlheinz Weißmann hat jüngst Merkmale aufgezählt: Danach handele es sich beim Faschismus um »eine politische Bewegung, deren Ziel die vollständige Integration einer
von Desintegration bedrohten Gesellschaft« sei, was Gewalt gegen die »Desintegrierer« als Mittel der Durchsetzung einschließe. Dazu gehöre die Kombination des Nationalismus mit sozialistischen Ideen ebenso wie
das Vorhandensein idealistischer und voluntaristischer Überzeugungen. Der Faschismus leite sich nicht von einer Person oder einer geistigen Strömung ab, sondern erfahre in jedem Land seine eigene Ausprägung und Tradition – vom Klerikalfaschismus bis zum Nationalsozialismus." (Sezession 34, S. 19)

Ich finde es immer wieder auffallend, wie sehr alle Definitionen den Nationalismus als zwingendes Element meinen nennen zu müssen. Sie tun dies deshalb, weil der Faschismus zur Zeit der 100 Jahre zwischen ca. 1870 bis 1970 immer im Gewand eines Nationalstaates auftrat.
Dies ist aber mE lediglich historisch bedingt und muss nicht so sein. Faschismus beinhaltet immer sozialistische Elemente, die aber nicht zwingend Privatwirtschaft aufheben. Aber was heißt "sozialistisch"? Das sind alles Schlagworte, die auch irreführen können. Es geht im wesentlichen um die politische Gleichschaltung des ganzen Volkes, der Großen und Kleinen, nur der ganz Großen nicht. Katholisch nennt man das "Integralismus".
Der unleugbare Zusammenhang von Kirche und Faschismus sollte uns hellhörig machen: die Kirche ist niemals nationalistisch gewesen und hat niemals auf die Nation gesetzt, aber es war Pius XI., der Mussolini zum Aufstieg verholfen hat und Pius X., der französische Faschisten unterstützte, auch wenn man das heute gerne vertuscht.
Ebenso baute Pius X. einen mehrstöckigen Geheimdienst auf, das sodalitium pianum, der Mann dafür hieß Benigni. Dieser Benigni baute später ähnliche Strukturen für den säkularen faschistischen Staat auf.

Der Faschismus ist wesentlich das, was man präziser Integralismus nennt. In ihm überlässt man alles, was in irgendeiner Weise informell und von da aus womöglich sogar formell führend werden könnte, eben nicht einem lebendigen demokratischen Prozess, sondern zwingt die Führung dem Volk offen oder verdeckt auf. Dass dieses Volk sich irgendwie, wie immer, als eine Einheit erleben soll, trifft zwar zu, muss aber nicht an die Nation gekoppelt werden. Die Kirche zeigt uns, dass diese Einheit sehr wohl auch supranational gedacht werden kann, ja, sie offenbart uns, dass ein nationalistischer Faschismus Vorstufe für den supranationalen Integralismus sein kann.
Weißmanns Zitat lässt diese Perspektive sehr wohl zu, auch die Tatsache, dass es inhaltlich nahezu gleichgültig ist, womit man dieses Einheitsgefühl schafft. Faschismus sieht den "Feind" daher grundsätzlich im Individualismus bzw der Höherwertung der Freiheit des Einzelnen vor der Gemeinschaft. Einen Zerfall der gesellschaftlichen Potenzen in nicht-koordinierbare Mächte lehnt er strikt ab. Alle natürlichen, an-archischen Strukturen versucht er, zu überwachen bzw total einzubinden, v.a. die Familie.
Insofern ist der Marxismus genauso faschistisch wie der Ständestaat oder das 3. Reich oder der geplante und so oft (auch gerade von Rom!) geforderte "Weltstaat".

Ich finde es unendlich bedrückend, dass fast alle Deutschen sich einem dieser mehr oder weniger faschistischen Modelle zuwenden und den echten Liberalismus abwehren bzw den globalen Kapitalismus allen Ernstes für "liberalistisch" halten. Das ewige Wiegespiel zwischen Rechts und Links ist ein Ablenkungsmanöver und man kann sich fragen: Cui bono?

Zu fragen wäre, wie genau die Traditionslinie verläuft - etwa über den Feudalismus hin zum Faschismus oder über die prinzipielle Hochwertung einer Aristokratie göttlicher Abstammung, die Gesellschaften komplett verwaltet und die Untertanen als "Subjekte" der eigenen "Objektivität" ansieht. In keinem Fall jedenfalls ist der Faschismus ein "modernes Phänomen", sondern nur in der Beliebigkeit seiner inhaltlichen Motive und Technisierung potenter als ältere Vorformen dafür.

Simplicius Teutsch
2. November 2019 15:25

„terrible reality in Germany today“ (CNN)

@Jonas Schick: „Mittlerweile handelt es sich bei der AfD nicht mehr nur um eine »rechtspopulistische« Partei, sondern man hat in ihr – in Björn Höcke ganz speziell – jetzt die stets beschworene Wiederkehr des Faschismus ausgemacht; sogar gerichtlich bestätigt!“

Die Bedeutung von und die Bedrohung durch Björn Höcke wird global (hochgeblasen). Gestern Abend zufällig auf CNN, dem totalen Anti-Trump-Sender, in der Nachrichten-Sendung „Amanpour“ ein Interview mit dem Autor Brendan Simms, „Hitler. A Global Biography“, gesehen.

Auch „Hocke“ war Thema und Befürchtung im Hinblick auf das jüngste AfD-Ergebnis bei den Landtagswahlen in Thüringen: „Terrible reality in Germany today“, hieß es von Seiten der Stichwortgeberin Amanpour vor einem im Hintergrund groß eingeblendeten Bild Björn Höckes vom Wahlabend, vor dem Mikrophon stehend, neben ihm Alexander Gauland und andere AfDler.

Da kannst ja Angst krie-ng, wirklich wohr.

heinrichbrueck
2. November 2019 15:55

Faschismus ist eigentlich unnatürlich, wirkt er sich weltanschaulich negativ aus. Eine negative Ideologie wäre totalitär unterwegs. Der Antifaschismus als Kampf gegen die Vergangenheit, der ohne große Diskussion eingezogene Rundfunkbeitrag im Dienste des Systems, kann wohl als nicht besonders natürliche Entwicklung wahrgenommen werden. Wird der Faschismus im Sinne von natürlich oder unnatürlich gemessen, trägt die Regierungskonstellation faschistische Züge. Die Neue Rechte regiert nicht, kann also nicht verantwortlich gemacht werden. Der Landeszustand hängt davon ab, was die Regierung bisher getan hatte. Und die Sichtbarkeit der Regierungsverantwortung, deren verolgene Verschleierungsformen jede Wirklichkeit in Mitleidenschaft zieht, wirkt in einer Demokratie besonders perfide, wird dieselbige als antifaschistisches System propagiert. Natürlich und positiv, im Sinne der traditionsmächtigen Überlieferung, ist die Möglichkeit einer Zukunft; unnatürlich die Vernichtung des Volkes. Machtmißbrauch wäre negativ. Und wenn das Volk den negativen Faschismus nicht erkennen kann? Dem Volk wird Demokratie verkauft: ein Antifaschismussystem. Es kennt die antifaschistische Freiheit, wird im Gegenmodell mit der Unterstellungsmaßnahme einer faschistischen Unfreiheit konfrontiert. Den möglichen Entwicklungsraum kann es nicht beurteilen.

Simplicius Teutsch
2. November 2019 16:19

Dresden is going global.
Spontaner, aktueller Nachtrag am Beispiel des ausgerufenen „Nazi-Notstand“ in Deutschland:

„Dresden: The German City that declared a Nazi emergency“. - So die durchlaufende, ständig wiederkehrende „HEADLINES“-Unterzeile auf BBC World News.

Die spinnen, d i e Deutschen!

Andreas Walter
2. November 2019 16:29

Beste Umfrage der Woche:

"In welche politische Richtung bewegt sich Ihrer Meinung nach die AfD aktuell?"

https://www.focus.de/politik/deutschland/stephan-brandner-forderung-nach-ruecktritt-aus-allen-richtungen-afd-mann-empoert-mit-lindenberg-attacke_id_11303223.html

Hätte nie gedacht, dass es auch nach rechts anscheinend kein Halten, kein Grenzen gibt. Nach oben, na klar, das weiß jeder, aber auch nach rechts? Wobei der "journalistische" Zeitgeist dann wahrscheinlich bereits mit dem Superlativ Hypernazi liebäugelt, denn was soll bitte sonst noch alles nach "rechtsextrem" und "rechtsradikal" kommen? Supernazi? Das zieht heute auch nicht mehr, Mega muss es schon sein. Arme Schweine daher, diese Hysteriker und Propagandisten der impertinenten Mehrheit. Sie haben ihr ganzes Pulver schon fast verschossen. Denn Monsternazi klingt auch irgendwie albern, ist auch zu leicht als Schmonzes durchschaubar.

"Hyper hyper! So beautiful to see your hands [up] in the air!" Scooter, Englisch mangelhaft.

Caroline Sommerfeld
2. November 2019 17:17

Zitiere aus einem bei Klonovsky kürzlich zitierten Lexikon, welches uns eine erstaunlich frische - man könnte fast versucht sein, sie "revisionistisch" zu nennen - Lesart des historischen Phänomens "Nazismus" (vielleicht nicht verkehrt, um "Faschismus" endlich von der "NS"-Erscheinungsform begrifflich zu trennen, @zeitschnur?) präsentiert.

acta diurna, 4.9.19:
"Leser *** sendet mir den Abschnitt "Nazismus" aus der soeben erschienenem "Magyar politikai enciklopédia" (Ungarische politische Enzyklopädie). Ich gestatte mir, daraus zu zitieren:

"Als Ideologie ein aus der Krise des Marxschen universalen Sozialismus gesuchter Ausweg, die deutsche Version der nicht internationalistischen Sozialismen (italienischer Faschismus, Austromarxismus etc.). Er ist in vieler Hinsicht der Erbe des Jugendkultes der 1920er-1930er Jahre, aber es mündeten in ihn auch andere geistige Bewegungen, zum Beispiel die aus dem angelsächsischen Kulturkreis übernommene Rassentheorie, die Attitüde der Auflehnung gegen die dekadente bürgerliche Gesellschaft, der mystische Umweltschutz, der bzw. die heidnisch gefärbte Idealismus und Christenfeindlichkeit.

Als Bewegung war die NSDAP, nach Programm und Mitgliedern eine sozialistische Arbeiterpartei, der Antipode der internationalistischen (moskautreuen) KPD. (...) Der Wahlerfolg war nicht der Ideologie, sondern in erster Linie der Tatsache zuzuschreiben, dass die demokratische Weimarer Republik keinen Ausweg aus dem Versailler Diktat und der von der Weltkrise verursachten gesellschaftlich-wirtschaftlichen Katastrophe zeigen konnte. (...)

Zu den obersten Zielen des NS gehörte es, die traditionelle deutsche Klassenstruktur abzubauen, die Privilegien der herrschenden Schichten zu beenden und all jenen gleiche Chancen zu sichern, die als zur nationalen Gemeinschaft gehörig betrachtet wurden. (...)

Das Regime galt weltweit als akzeptable Alternative zum stalinistischen Terrorsystem. Zu seinen größten Leistungen gehörte es, dass es (unter Anwendung des Keynesschen Rezepts) innerhalb von zwei Jahren die Arbeitslosigkeit auf ein Fünftel senkte. (...) Die führenden Kreise der NSDAP betrachteten als Vorbilder teilweise die sowjetische Planwirtschaft, teilweise die Wirtschaft und technisch-industrielle Rationalität der Vereinigten Staaten, freilich unter Verwerfung des kapitalistischen freien Wettbewerbs und der demokratischen Staatsform.
Die zweite Phase (1939-1945) war charakterisiert von Krieg und militärischer Expansion. (...) Hitlers Bolschewismusgegnerschaft und Rassentheorie verflocht sich mit seinem geopolitischen Ziel, Deutschland mittels der östlichen Expansion zu einer mit den Vereinigten Staaten gleichrangigen Großmacht zu gestalten. Zwei Drittel des Kriegsbudgets wurden von den Beiträgen der eroberten Staaten, der Zwangsarbeit und dem beschlagnahmten Vermögen der europäischen Juden gedeckt. Die letzten Jahre des Systems sind von den Atrozitäten gegen die slavischen Völker und der planmäßigen Vernichtung der europäischen Judenheit (Holocaust) geprägt. Die Verbrechen der zweiten Phase bleiben nicht hinter jenen des internationalen Kommunismus zurück"."

Niekisch
2. November 2019 19:08

"Eine stichhaltige Definition des politischen Phänomens werden nur die wenigsten kongruent wiederzugeben wissen."

Das ist angesichts der vielen Teilaspekte auch schwer. Jedenfalls ist der Faschismus vom Nationalsozialismus zu scheiden, weil ersterer unbiologistisch auf den Staat zielt, letzterer auf das möglichst homogene Volk im Staat als bloßes Haus. Vom Liberalistischen wiederum trennen beide revolutionärer Antrieb, Antiinternationalismus, Soldatisches, Sozialbewußtsein, Opferbereitschaft für ein höheres Ganzes, Sendungsbewußtsein, Traditionspflege, Gemeinschaftssinn gepaart mit Persönlichkeitspflege, Eigenwirtschaft unter Anerkennung des Privateigentums bis zur Autarkie, striktes Ablehnen von Geheimbünden.

W. Wagner
2. November 2019 19:35

Es ist längst an der Zeit, in Deutschland das Werk von Renzo De Felice und Emilio Gentile als Übersetzung zu veröffentlichen. In diesem Jahr erschien in dem renommierten Verlag Editori Laterza von Emilio Gentile “Chi è fascista” (“Wer ist Faschist”), ein Interview, das er mit sich selbst führt. Gegen Dummheit, Verwirrung von Begriffen etc. hilft nur und einzig Bildung, Wissen, Kenntnisse. Übrigens wird dem die hier mitlesende Intellektuelle Linke zustimmen dürfen/können, ansonsten erinnern wir sie an Luciano Canfora “Das Auge des Zeus - Deutsche Geschichtsschreibung zwischen Dummheit und Demagogie” (2006, PapyRossa Verlag). ;)

zeitschnur
2. November 2019 21:01

@ Sommerfeld

Für mich ist es begrifflich ein Stammbaum: Faschismus als "Vater", der NS eine Ausprägung davon, die aber wesentlich inkonsistenter war als etwa der Ustasha-Faschismus (ich weiß, dass diskutiert wird, ob das überhaupt ein F. war, für mich aber schon). Der NS schillerte, es gibt einige Untersuchungen darüber, wie bestimmte politische Leitvorstellungen sich vollkommen veränderten im Laufe der 12 Jahre, zB die NS-Frauenpolitik (hier besonders Gisela Bocks Forschungen). Ebenso war auch die Rassenpolitik keineswegs ein monolithischer Block von Anfang bis Ende. Wie richtig bemerkt wird in dem Zitat stammt er nicht aus "rechtem" Denken, sondern in seiner Endausprägung aus der angelsächsischen, fabianischen Eugenikbewegung, der auch Keynes offen anhing. Anfangs wollte der NS eher auf Segregation, nicht Vernichtung hinaus. Es ist bis heute ungeklärt, was eigentlich genau die Evakuierungspläne Berlins in einen knallharten Vernichtungsplan umwandelte. Das sind erheblich unterschiedliche Dinge, wenn auch beide angesichts jahrhundertealter Gemeinschaften in Deutschland, die längst gut integriert waren, zu verurteilen sind. Es sind aber dennoch zwei unterschiedliche Dinge, die anscheinend „ineinander übergingen“, aber so sicher bin ich mir da nicht angesichts der desolaten Forschungslage zu der Frage.
So kann man immer weiter fragen und entdeckt, wie ungereimt und brüchig der NS ideologisch war. Rosenbergs Vorhaben, die alten Erzählungen (bei ihm v.a. ein katholischer und protestantischer "Mythus") unserer Kultur abzuschaffen und zu ersetzen durch einen neuen "Mythus", der voluntaristisch kreiert wird, ließ letztendlich neben der "völkischen" Erzählung, die aber nicht mit der ethnokulturellen deutschen Identität verwechselt werden darf, immer neue "Mythen" zu, die das Staatsgebilde zu einem wuchernden Rhizom machte, das interessanterweise heute als innovatives "Ideal" bemüht wird, und zwar von angeblich links und staatlich gefördert, obwohl auch dies wiederum ein eindeutig faschistisches Ideal ist. Warum merkt das denn keiner dieser verbohrten linken Idioten?
Insofern war der NS faschistisch, weil der Faschismus keine inhaltliche oder philosophische Konsistenz braucht - er braucht nur die totale Politisierung und Gleichschaltung der Gesellschaft, die er je zeitgemäß füllt.
Der Orwellstaat ist ebenfalls faschistisch, wenn auch in einer dystopischen Ausprägung, der wir inzwischen sehr nah sind.
In jedem Fall ist der Faschismus kein bloß "historisches Phänomen", der NS dagegen schon.

RMH
2. November 2019 21:14

@zeitschnur,
mit Ihren Anmerkungen zum Urteil bzgl. "Höcke, Faschist" haben Sie meiner Meinung nach vollkommen recht. Wenn ich die Pressemitteilung des Gerichts richtig verstanden habe, war Höcke ja noch nicht einmal Beteiligter des Verfahrens, auch das ein klarer, weiterer Hinweis, dass es eben mitnichten "gerichtlich bestätigt sei, dass B.H. Faschist genannt werden darf". Hier wird also mit einem Urteil 100% Schindluder seitens unserer Wahrheitsmedien und seitens des politischen Gegners getrieben.

Auch mit Ihren Ausführungen zum integralen Charakter des Faschismus haben Sie meiner Meinung nach recht (J. Evola könnte man als weiteren Beleg dafür nennen). Dieser integrale Charakter macht den Islam dem Faschismus ähnlicher als - wie aber von Teilen der pi-Autoren behauptet - dem NS. Hierzu bzw. zu den Unterscheidungen hat @Niekisch Treffendes ausgeführt.

Der Islam und der NS decken sich einfach nicht und werden auch nicht dadurch passend, dass es einen Großmufti von Jerusalem gab, der mit Hitler kooperierte. Das will aber ein Teil der sog. "Islamkritik" einfach nicht wahrhaben. Das der Islam faschistische Züge entwickeln kann bzw. Parallelen hat, ist hingegen eine These, die man nicht so ohne weiteres gleich von der Hand weisen kann.

Auch kann ein theoretischer "Weltstaat" faschistisch gedacht werden (so wie der Islam ja auch Weltgeltung beansprucht), der NS hingegen passt entweder zu einem in einem Staatsgebiet versammelten Volk oder gar nicht. Weltstaat geht hier rein theoretisch nur dann, wenn dieses eine Volk alle anderen erobert hätte - aber dann würde auch hier eine andere Struktur, nämliche eine imperiale, den NS ablösen (alles rein theoretische Gedankenspiele!).

Thomas Martini
3. November 2019 05:43

"Ich finde es unendlich bedrückend, dass fast alle Deutschen sich einem dieser mehr oder weniger faschistischen Modelle zuwenden und den echten Liberalismus abwehren bzw den globalen Kapitalismus allen Ernstes für "liberalistisch" halten." - zeitschnur

Der "echte" Liberalismus, was soll das sein? Ein gesamtgesellschaftliches Politikmodell, oder bloß Ausdruck einer individuellen Haltung?

Ersteres jedenfalls exisitiert höchstens in der Phantasie und wäre somit eine hochtrabende Wunschvorstellung.

Davon abgesehen: Sie selbst begehen leider den Kardinalfehler der politischen Analyse. Sie unterscheiden gar nicht zwischen den Zielen und Absichten der jeweiligen Systeme, sondern nur nach den Methoden, die bei der Machtausübung zur Anwendung gebracht werden. Letztere lassen sich jedoch äußerst schwer unterscheiden und auseinanderhalten. Daran scheiterte u. a. Ernst Nolte grandios, der mehr methodische Gemeinsamkeiten zwischen Stalins Kommunismus und Hitlers Nationalsozialismus erkannte, als Trennendes. Das kommt davon, wenn man die Absichten aus dem Blick verliert, und sich stattdessen nur auf die Durchführung konzentriert.

Sinnbildlich gesprochen, sollte man stets beachten, welches Gericht ein Koch aufzutischen gedenkt, und weniger danach fragen, wie er das Mahl zubereitet. Letzlich kochen nämlich alle nur mit Wasser, wie man so schön sagt, und in der Politik ist es nicht anders.

Wer zu der Schlußfolgerung gelangt, dass sich alle Deutschen "einem dieser mehr oder weniger faschistischen Modelle zuwenden und den echten Liberalismus abwehren", der drückt damit nur seine persönliche politische Präferenz aus. Hier der böse, verhasste Faschismus, dort der moralisch höherwertige, geliebte Liberalismus.

Das ist weit von einer brauchbaren Studie entfernt, wie sie beispielsweise Prof. Maurice Bardèche mit "Sparte et les sudistes" im Jahre 1969 vorlegte. Karlheinz Weißmann meinte in dem folgenden Beitrag, die "Schwäche der Interpretationen von Wippermann wie Bardèche liegt darin, daß sie den Faschismus zu formal bestimmen und die Bedeutung der mobilisierenden Idee unterschätzen."

https://sezession.de/2368/faschismus-prae

Einspruch, Euer Ehren: Die "Bedeutung der mobilisierendenen Idee" kommt bei allen neuzeitlichen Systemen auf dasselbe raus, bei Demokratie, Kommunismus und Faschismus. Es bringt wenig, diesem Aspekt eine herausragende Bedeutung beizumessen.

Traurigerweise verschwieg Weißmann seinen Lesern die eigentlichen Schwerpunkte von Bardéches Arbeit, der Hinweis auf die Ziele des Faschismus, die sich von jenen der Demokratie und des Kommunismus ganz erheblich unterscheiden.

Prof. Bardéche zufolge, waren alle faschistischen Bewegungen auf die Befreiung von der "Konfiskation der tatsächlichen Macht" durch den "kosmopolitischen Kapitalismus" ausgerichtet. Somit war der Faschismus der "fundamentalen Unehrlichkeit der demokratischen Regime" [sic!] entgegengesetzt, die das Volk seines Rechts der Partizipation zu berauben pflegen.

Die Faschisten hätten der Macht des "vaterlandslosen Kapitalismus" im Wege gestanden, den "Usurpatoren der nationalen Souveränität". Ziel des Faschismus sei es gewesen, das nationale Interesse über das der Kapitalisten zu stellen. Man habe folglich die Absicht gehabt, den Schutz des Volkes und das Recht zu sichern, wie das früher die Könige gegen die Exzesse der Feudalmacht getan haben.

So sieht eine brauchbare politische Analyse aus, und es kommt nicht von ungefähr, daß man solche Erkenntnisse nur und auschließlich bei französischen Autoren findet, während man sich in Europas "Flachland" (Friedrich Nietzsche) lieber an der Frage festbeißt, wie und mit welchen Mitteln Macht durchgesetzt wird. Für die Deutschen zählt also weniger, was auf den Tisch kommt, dafür umso mehr, wie es zubereitet wird.

Der_Juergen
3. November 2019 09:40

Ich finde sowohl den Artikel von Jonas Schick als auch den Kommentar von @Zeitschnur sehr gelungen. Letzterer hält fest, dass jede Spielart des Faschismus den "Individualismus" als Feind einstufe. Dies ist nicht falsch, aber einseitig, weil sich der Faschismus zum Führerprinzip bekennt und ein tüchtiger Führer ein besonders begabtes Individuum sein muss. Eliteschulen wie die Napola im Dritten Reich waren bestrebt, individuelle Fähigkeiten maximal zu entwickeln. Antiindividualistisch ist der Faschismus insofern, als er den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Einzelnen betont.

Es liegt eine gewisse Ironie, ein naturgegebener Widerspruch darin, dass die hier und auf anderen niveauvollen rechten Foren schreibenden Autoren einerseits unverkennbare Persönlichkeiten mit einer starken Individualität sind, andererseits als bekennende Rechte den Vorrang des Volksinteresses vor den Interessen Einzelner betonen.

Franz Bettinger
3. November 2019 11:53

@zeitschnur: Was Höcke und Lafontaine gemein haben, ist ihre - berechtigte - Kritik am globalen Finanz-Kapitalismus. Deshalb auch die Hatz gegen beide; einst gegen den Linken („gefährlichster Mann Europas“), heute gegen den Rechten. Querfront? Ha! Darf nicht sein. Zu blöd für Deutschland!

Franz Bettinger
3. November 2019 11:57

@zeitschnur: Sie vergaloppieren sich wieder mal wegen der Kirche; ohne die kämen Sie weiter: Ihr Begriff vom globalen Faschismus ist ein Widerspruch in sich. Faschismus ist per definitionem nie global, immer national. Er ist, wie schon so oft gesagt, einfach die Kombination von Sozialismus und Nation (= Identität) oder anders gesagt: die Kombination von Oben und Unten, National- und Kümmerstaat, Rechts und Links, und deshalb so attraktiv. Deshalb - @Laurenz hat schon schön drauf hingewiesen - deshalb redet Griffin am Ende am Thema vorbei und pro domo, denn WARUM sollte so etwas (Harmonisches) bekämpft werden müssen? Nur weil F und NS mit Verbrechen assoziiert werden? Das werden Christentum, Islam, Kapitalismus, Kommunismus, Maoismus, Amerikanismus… auch und überlebten doch als Ideologie oder Religion. Nun ja, der Unterschied ist halt: All die überlebenden großen Schurken sind keine Deutschen und haben keine Kriege verloren (WW1 und 2). Sie sind (als Begriffe) nicht verbrannt, F und NS schon. Dumm, wie man um die zutreffenden Idiome herum-eiert, nur um sie nicht positiv konnotieren zu müssen. Verbrannte Erde! Oder irre ich, und ist die Gleichschaltung (aka Integralismus) das Wesentliche? Nun, Gleichschaltungen gab es unter Mao und Stalin, dem Islam und den Päpsten auch. Das wäre also nicht das Alleinstellungs-Merkmal. Wichtig: F und NS hatten gar keine Zeit, zu zeigen, was in ihnen steckt oder auch nicht. Das Führer-Prinzip scheint mir von der Idee her entbehrlich und nur zur Überwindung einer Krise (w.z.B. Versailles) notwendig (gewesen zu sein), wie im alten Rom in höchster Not die Berufung eines Diktators (eines consul sine collegam).

Maiordomus
3. November 2019 12:22

@Sommerfeld. Erlaubte mir im Echo auf @Kubitschek in seinem hier vorausgehenden Artikel zum Stichwort "Allerseelen" noch eine kleine Blattkritik des gedrucken Heftes Sezession anzumerken, wo Ihr philosophisch hochstehender Beitrag über das individualethische und kollektivethische Dilemma bei der Masseneinwanderung lobend analysiert wird, wenngleich nur in sehr gebotener Kürze. Auch auf die Besprechung Bosselmanns, Ihr Buch über Erziehung betreffend, gehe ich ein. Würde Ihnen dringend empfehlen, den Emile von Rousseau einmal ganz genau zu lesen und dessen Potential für die Kritik am heute dominierenden Erziehungssystem auszuschöpfen.

Es geht mithin um eine Lesetechnik, wie sie @Kubitschek exemplarisch am Buch "Propaganda" demonstriert hat. Leider hat sich die diesbezügliche Intelligenz Kubitscheks nicht mal im eigenen Lager genügend herumgesprochen. Ein Beispiel vielleicht dafür, dass in Sachen Kultur die Dummheit wohl leider vielleicht auch dann in der Mehrheit bleiben würde, sollten sich Zeitgeist und Mainstream eines Tages in Richtung rechts verändern, welche "Gefahr" aber kaum absehbar ist. Selbst noch viel grössere und effektive Wahlsiege der Rechten würden ja nichts daran ändern, dass neue Mehrheitsverhältnisse etwa in Parlament und Regierung bestenfalls Einfluss gewinnen könnten auf die Polizei und die öffentliche Ordnung, aber nicht auf die tatsächlichen Machtverhältnisse wirklich verändernd sich auaswirken. Man sieht ja derzeit anschaulich, wie wenig etwa selbst ein Trump an den tatsächlichen Verhältnissen in Amerika etwas zu ändern vermag. Darüber macht sich vermutlich nicht mal Putin Illusionen.

Tante Blecki
3. November 2019 13:43

Die Linken werden durch die rechte Aufholjagd immer nervöser, das ist gut so. CDU/CSU und SPD (FDP lasse ich jetzt mal) sind mit sich beschäftigt und fragen sich, wie lange Merkel noch ertragen wird. Die Grünen sind vornehmlich in Umwelt- und Genderfragen gefangen und können nicht glaubhaft versichern, etwa in sozialen Fragen kompetent zu sein. Die soziale Frage wird aber in Zukunft noch wichtiger, als sie es je war: Eine Rezession wird erwartet, die Digitalisierung ist in Planung und Entwicklung in den Silicon Valleys dieser Welt sowie in den führenden Unternehmen weiter, als es Politik und Volk ahnen (natürlich global wirksam, aber wir sehen erstmal auf Deutschland). Die Politik verschläft durch die Bank jede Planung notwendiger Maßnahmen, um das Volk darauf vorzubereiten und abzusichern. Im Gegenteil, weiterhin werden etliche Milliarden Euro ins Ausland verteilt (Merkel kauft gerade Fachkräfte in Indien ein) und auch hierzulande ausgegeben, um willige Neukonsumenten sowie Menschenmaterial zur Nachzucht der nächsten noch genügsameren Geringstverdiener-Generation aus aller Herren Länder - vornehmlich aus arabischen und afrikanischen Gegenden - großzügig zu alimentieren. Ob darunter eher "Fachkräfte" sind oder nicht, ändert sich in der Bewertung und in der öffentlichen Diskussion mit der jeweiligen Windrichtung. Nun wird man erfahrungsgemäß Inder weniger für die Handwerksbranche, sondern vornehmlich für den IT- und den Forschungsbetrieb anwerben. Merkel wiederholt hier, was Gauck schon 2014 betrieb: "Kommt zu uns, wir haben Platz, wir brauchen euch". Die Millionen deutscher Arbeitsloser (darunter viele, die mit 50 entlassen worden sind und kaum wieder eingestellt werden, aber bis 70 arbeiten sollen) verrotten auf dem Abstellgleis von ALG 1 und ALG 2. Und diese Entwicklung wird umso heftiger, wenn die Digitalisierung richtig durchgreift. Sie wird laut Joe Kaeser/Siemens die deutsche Mittelschicht vernichten. Was bleibt: Soziale Unruhen durch Verteilungskämpfe. Die Rechte darf soziale Fragen nicht als linke Themen definieren, sondern muss diese übernehmen und besser lösen! Und die Neue Rechte muss die Verantwortung für an sich nehmen, wie die deutsche Kultur sich in den kommenden schweren Zeiten weiterentwickeln soll. Dieses Sich-gesundstoßen sollte von der Neuen Rechten kontrolliert werden, denn unter linker Hoheit wird es ein Marsch in den Abgrund. Deshalb darf kein Vertreter von rechts, schon gar nicht in der vornehmlich öffentlich wahrgenommenen AfD, sich von sozialen Fragen entfernen, und es darf keinerlei Jammerei und Opferverhalten geben und sichtbar werden. Das kann man den Gegnern überlassen. Volksnah, in sozialen Fragen überlegen und stark wahrnehmbar muss die Rechte rüberkommen und - sein! In der nächsten Generation scheinen sich jetzt Leute warmzulaufen (aktuelle Protestbewegungen), die - freilich noch komfortabel versorgt - weg wollen vom ewigen kapitalistischen Wachstumsbestreben, das auch wirklich unheilvoll ist. Die suchen nach starken Anführern und scheinen Gemeinschaften bilden zu wollen, so mein Eindruck. Die anderen Parteien sind überfordert. Wenn diese jungen Leute erst erfassen, wie sehr sie von links und "Mitte" enttäuscht werden, kann die Rechte mit ehrlichen Angeboten punkten. Ohne eine echte Wende mit Abkehr von dem süßen Gift des westlichen Einflusses (Konsum über alles, Spaßgesellschaft, betreutes Denken) wird Deutschland keine Zukunft haben. Entschuldigung, dass ich vom Artikel-Thema abgewichen bin, ich bezog mich hier auf den Hinweis zu dem Opferverhalten der Linken.

Vox
3. November 2019 13:56

"Mittlerweile handelt es sich bei der AfD nicht mehr nur um eine »rechtspopulistische« Partei, sondern man hat in ihr – in Björn Höcke ganz speziell – jetzt die stets beschworene Wiederkehr des Faschismus ausgemacht; sogar gerichtlich bestätigt!"

Das stimmt nicht.

1. ging es darum, ob Höcke als "Faschist" bezeichnet werden darf. Das hat ein Gericht in einem Eilverfahren vorläufig bestätigt. Eine endgültige Endscheidung aber steht noch aus.

2. Dass er als "Faschist" bezeichnet werden darf, besagt noch lange nicht, dass er einer ist. Man darf so ziemlich alles und jeden als Faschist bezeichnen.

Gibt dazu einen guten Artikel auf Conservo.

Andreas Walter
3. November 2019 21:04

Achtung, Achtung! Grosses Gewinnspiel jetzt zum Wochenende. Welche der vier folgenden Kampagnen hat der mutige Springer-Chef Mathias Döpfner verteidigt:

a) Der Springer-Chef verteidigte in dem Gespräch auch die jüngste Kampagne der "Bild"-Zeitung gegen Antislawismus. Das Blatt hatte darin russlandkritische Politiker und Journalisten als Förderer des Antislawismus an den Pranger gestellt.

b) Der Springer-Chef verteidigte in dem Gespräch auch die jüngste Kampagne der "Bild"-Zeitung gegen Antigermanismus. Das Blatt hatte darin deutschlandkritische Politiker und Journalisten als Förderer des Antigermanismus an den Pranger gestellt.

c) Der Springer-Chef verteidigte in dem Gespräch auch die jüngste Kampagne der "Bild"-Zeitung gegen Antisinologismus. Das Blatt hatte darin chinakritische Politiker und Journalisten als Förderer des Antisinologismus an den Pranger gestellt.

d) Der Springer-Chef verteidigte in dem Gespräch auch die jüngste Kampagne der "Bild"-Zeitung gegen Antisemitismus. Das Blatt hatte darin israelkritische Politiker und Journalisten als Förderer des Antisemitismus an den Pranger gestellt.

Ja, das ist eine richtig harte Nuss. Die richtige Antwort, falls Sie sie noch nicht erahnen, finden sie hier:

https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/mathias-doepfner-im-interview-der-diskurs-ist-politisch-korrekt-sediert-a-1294452.html

limes
3. November 2019 21:57

»Der Kern des faschistischen Mythos liegt also in der Wiederauferstehung der Nation«, bemerkt Griffin (Minute 0.45 im Interview-Video). Transportieren Asterix-Comics einen faschistischen Mythos?

Aber ernsthaft: Die mögliche »Wiederauferstehung« einer Nation legt die Frage nahe, warum und auf welche Weise eine Nation niedergeht (oder zu Boden gebracht wird), weil ein Niedergang ja Grundlage für eine »Wiederauferstehung« ist. Die »Moderne und ihre Krisen« macht Jonas Schick als Motor des Niedergangs von Nationen aus. Sind Krisen schicksalhaft Begleiterinnen einer vorbestimmten Moderne? Oder können Krisen gezielt entfacht und Richtung sowie Tempo der Moderne gesteuert werden?

Sind Bestrebungen zur Wiederherstellung einer niedergegangenen Nation besonders verwerflich? Verwerflicher als das Niederringen einer Nation? Tibet? Die Kurden? Wounded Knee?

zeitschnur
4. November 2019 09:09

@ Franz Bettinger

Ball flach halten von wegen, ich hätte mich "vergaloppiert" mit dem Hinweis auf die Kirche.
Ich denke, dass ich das in keinem Fall habe - egal wie man zu der Frage steht. Die aktive Unterstützung und Beförderung sämtlicher Faschismen durch die Kirche ist ein Faktum. Wie tief sie letztendlich auch den NS befördert und unterstützt hat, ist eine heftige Frage bis heute mit durchaus kontroversen Positionen, die sich erst dann auflösen würden, wenn die Kirche endlich den vollständigen Bestand der Archivalien zu Pius XII herausgeben würde, der Jesuitenorden einen unbehinderten Einblick in seine Archive zuließe und das, was jeder auch so schon an Quellen finden kann, aufrichtig beforscht würde. Die Kirche agierte niemals plump, sondern subtil, aber andererseits hochwirksam. Ich gehe davon aus, dass Sie sich mit der Problematik nie ernsthaft befasst haben und daher nicht wissen, auf was man da so stößt, sobald man damit anfängt.
Pardon, also mein Herr, aber darüber gibt es - trotz eines tobenden Deutungskampfes - auch ganz jenseits meiner Ansichten dazu eine dermaßen erschlagende Forschungsliteratur, dass ich Sie warnen will vor der Verwerfung von Tatsachen um einer vielleicht falschen bzw. verkürzten/kurzsichtigen Definition von Faschismus willen, die nur einem Zweck dienen könnte: uns zu vernebeln, dass wir bereits mit einem Bein schon wieder im Faschismus stehen. Der Merkelismus weist aus mS ziemlich eindeutig Merkmale davon auf und täglich wird es schlimmer. Das medial-regierungskonforme Gekreische "gegen rechts" ist doch nichts weiter als eine Selbstentlarvung Berlins: was sie selbst deutlich erkennbar sind, hängen sie ihren Kritikern meist ohne irgendein sauberes Argument an.

Denn anders als @ Martini, der sich mE etwas zu großspurig zu einem komplizierten Thema äußert, geht es beim F. tatsächlich vorrangig um eine Struktur und Methode und nicht um Inhalte, die die Massen bewegen (die sind nur panem et circenses, um die Struktur durchzusetzen!).
Auch wenn er es vielleicht nicht gerne hört, ist es jedem Freiheitsliebenden zurecht völlig gleich, ob er nun das "Gericht" einer kollektivistischen Gesellschaft, die ihn total formt und hält auf marxistische oder sonstwie faschistische Weise essen und schlucken muss.

@ Martini

Mit "echtem Liberalismus" meinte ich natürlich nicht den globalen Finanzkapitalismus, meine Güte! Ich drücke mich doch deutlich aus.
Ich meine dabei eine echte Marktwirtschaft, eine weitgehende Entstaatlichung, Abschaffung der Zentralverwaltung des Geldes. Eine Rückbesinnung auf unmittelbare Solidarität erfolgt dann automatisch, ohne totalitäre Nachhilfe, sofern der Einzelne es will. Wenn er nicht will - seine Sache, lasst ihn doch. Unmittelbare Solidarität wird die ewigen Zerwürfnisse zwischen Mann und Frau schnell beenden, Ehen wieder stabil machen, Familien wieder zusammenschweißen und auch ethokulturelle Einheiten zu einer anerkannten und geschätzten Grundlage für vernünftigen Welthandel machen. Die Gefahr von Rassismus wird ebenfalls ausgeschlossen, weil die individuelle Gestalt grundsätzlich den höheren Wert vor irgendwelchen Meinungen und Ideologien haben wird.

Für mich scheint klar zu sein, dass ein Mensch sich nur unter zwei Bedingungen in totalem Individualismus verliert und anderen damit massiv schadet:
a. wenn man ihn dazu anstachelt und aufhetzt (wie das die vergangenen Jahrzehnte geschah!)
b. wenn er zuviel Macht hat
In jedem anderen Fall wird ein gesunder Mensch Gemeinschaft schätzen (was aber nichts mit "Kollektiv" zu tun hat). Es ist seine Sache, welche Gemeinschaften er wählt - ob natürliche (wie Familie und Volk) oder positiv gesetzte (wie etwa eine Ordensgemeinschaft oder Genossenschaften).
Und genau das verstehe ich unter "echtem Liberalismus".
In ökonomischer Hinsicht würde eine Dezentralisierung und Aufhebung der Geldwirtschaft ebenfalls automatisch vieles zum Gesunden bringen, ohne den einzelnen um die Früchte seines Fleißes zu betrügen.

zeitschnur
4. November 2019 09:51

@ RMH

Hamed Abdel Samad ist glaube ich derjenige, der die These vertritt, der Islam sei faschistisch.
Ich kann das nicht wirklich beurteilen, habe aber den Eindruck, dass ihm, der lange bei den Muslimbrüdern war (der Organisation, der der Großmufti von J. vorstand), dessen Vater dem als Imam wohl auch nahestand, eine bestimmte Ausprägung des Islam vor Augen steht, die mit allen Mitteln seit 100 Jahren an die Stelle islamischer Variationen gesetzt wird. Ein sehr koran-positivistisches Verständnis ist hier impliziert. Wir wissen, dass dies aber nicht zwingend war, obgleich die Überbetonung eines Offenbarungsbuches natürlich immer die Gefahr solchen Positivismus bedeutet.
Ich bin hier sehr vorsichtig mit meinen Gedanken, weil ich nicht weiß, woher der Islam wirklich kommt. Viele Forscher zeigen uns immer klarer, dass die "haeresis Saracenorum" erst im Hochmittelalter klarer beschrieben wurde, bevor dann das wurde, was heute "Islam" genannt wird. Manche hören das ja nicht gern, aber der Islam hängt genuin mit der Entwicklung der dogmatischen Trinitätslehre der Kirche zusammen und ist unmittelbare Reaktion darauf. Wer das aber initiiert hat und warum - ich stehe vor Rätseln. Hier ist Forschungsbedarf. Auffallend ist jedoch, dass die RKK trotz scheinbarer Differenz zum Islam, mit ihm immer den Schulterschluss sucht, sobald es brenzlig wird. Man beobachte nur einmal Papst Franziskus oder auch Johannes Paul II., aber eben auch den Schulterschluss der kroatisch-katholischen Ustashisten mit den bosnischen Muslimen.
Ich weiß nicht, was hier verborgen liegt, aber es liegt in jedem Fall etwas verborgen. Der Islam ist so etwas wie eine christliche Deviation, eine Art Vorratskeller, aus dem man politisch immer wieder schöpft, wenn es opportun ist.
Kompatibilität zum Faschismus ist sicher da, ob mehr als andere Kulturen, kann ich nicht wirklich beurteilen.

Ratwolf
4. November 2019 23:44

Das Buch »Gab es Germanen? Eine Spurensuche« von Andreas Vonderach ist eines der wenigen Bücher der letzten Jahre, welches ich mit großen Vergnügen zu Ende gelesen habe.

Eine "entfernte" Bekannte aus dem links-liberalen Milieu und studierte Abschreibewissenschaftlerin der Germanistik wollte ihre Vorurteile bestätigen sehen und schlug gleich das Literaturverzeichnis auf...

Ihr fehlten wohl die Worte, weil sie nichts abwertendes gefunden hatte, außer ihre Vorurteile.

Franz Bettinger
5. November 2019 07:50

@zeitschnur: Mon dieu, „Merkmale" des F aufzuweisen, das ist doch im Rahmen der Definition völlig irrelevant. Gewalt? Gleichschaltung? National-Staatlichkeit? Sozialismus? Das alles gab und gibt es überall - mehr oder weniger in allen Ideologien und Religionen. Deshalb haben diese noch lange nichts National-Sozialisches oder Faschistisches an sich. Es muss eben die komplette Kombination von Nationalismus und Sozialismus und temporärem oder bei Bedarf nötigem Führer-Prinzip vorliegen, um von F oder NS (= Faschismus plus Rassismus) reden zu können, und nicht von einzelnen Elementen oder Merkmalen, auch in der Kirchengeschichte. Der Merkelismus ist ein großes Unglück, vielleicht gar das größte überhaupt, das den Deutschen jemals zugestoßen ist, aber deshalb noch lange kein Faschismus, weil Merkel, Maas und Konsorten gerade das Gegenteil vom Schützen und Hegen der deutschen Nation zum Ziele haben. Sehen Sie, so leicht geht das Falsifizieren, und schwups ist er weg, der Verdacht, Merkel sei eine Faschistin. Sie ist vieles, nur das nicht. Ich wundere mich oft über die Unfähigkeit vieler zu klaren Definitionen. Es fehlt vor lauter Belesenheit der Durchblick auf den Kern einer Sache.

Und hier hat @Martini wieder ins Schwarze getroffen. Er hat sehr zu recht einmal darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, Absicht und Ziel eines Systems (F oder NS) im Visier zu haben und weniger dessen Verwirklichungs-Methoden. Wie gesagt, die Methoden von rechts und links, Heiden und Christen etc. ähneln sich durchaus (Propaganda, Gewalt, Gleichschaltung, Auslöschung der Opposition) und doch sind die hehren (?) Ziele ganz verschieden. Auf sie kommt es aber in der Tat an. "Der Kern des Faschismus liegt in der Wiederauferstehung der Nation,“ bemerkt ja auch Griffin richtig.

zeitschnur
5. November 2019 09:46

@ Franz Bettinger

Faschismus ist nicht primär durch die Verknüpfung von "national" und "sozial" unter Führerprinzip gekennzeichnet! Auch wenn das immer wieder behauptet wird, ist das angesichts der Phänomene falsch. F. kann sich so ausprägen, muss aber nicht, v.a. heute nicht mehr. Diese ewiggestrigen "Definitionen" machen uns realitätsuntauglich.
Das Leitbild des F. war und ist die Bündelung der gesellschaftlichen Potenzen zu einer einzigen (Gleichschaltung), das berühmte Liktorenbündel, das über alle macht vefügt, der sich jeder beugen muss - mit Führerprinzip in der harten oder weichen Form oder auch einer plutokratischen (selbsternennten) Elite -, das symbolisch überall auftaucht und auch kennzeichnet, dass hier faschistische Kräfte am Wirken sind. Faschismus bedarf immer einer geheimbündischen Basis. Es ist ja eben gerade nicht das Volk, das sich hier organisiert, sondern es wird als solches organisiert. Mit Ihrer Definition wäre auch die soziale Marktwirtschaft in der BRD der Sechziger ein faschistischer Staat gewesen. das ist natürlich Unsinn. Alleine das Strukturmerkmal der Gleichschaltung und Bündelung der elitären Kräfte offenbart, dass von daher die Definition, wer das Volk ist, der Willkür der Elite untersteht. Wo bitteschön, war denn welchen Faschisten je die "Nation" wichtig?! Im Ernst: wo, sagen Sie es mir, das ist aus meiner Sicht eine balkendicke Legende, nichts weiter! Ohne geheimbündische Basis ließen sich jedenfalls die heterogenen Potenzen gar nicht ohne weiteres zusammenbündeln, und sie stehen dem Volk strukturell und darum auch faktisch immer entgegen. Faschismus ist im wesentlichen eine gigantische mafiose Struktur.
Vermutlich wachen neben verblendeten Pseudo-Linken vor allem viele auf die "Nation" fixierte Rechte diesbezüglich erst auf, wenn es wieder zu spät ist: Die Bündelung selbsternannter elitärer Kräfte unter Merkel ist so handgreiflich zugespitzt worden, dass schon einiges dazugehört, dies nicht wahrnehmen zu wollen. Gerade unter Merkel hat sich doch ein "weiches" Führerprinzip re-etabliert, und ich bin wahrlich nicht die einzige, die das wahrnimmt. Wenn Sie etwa Gertrud Höhlers Buch über Merkel dazu lesen ("Die Patin"), sollte Ihnen das aufgehen. Dass in der "weichen" Realisation anscheinende Gegenkräfte aufgebaut werden können, soll suggerieren, dass hier keine elitäre Gleichschaltung stattfände. Aus mS einer der fatalsten Irrtümer. Postmoderner Faschismus hat aber eine mafios-supranationale Struktur über der jeweils weichen "nationalen", d.h. Merkel ist eine Vollstreckerin für Eliten, die sich nicht zeigen. Die Bündelung dieser Eliten ist nicht mit einer "Harmonisierung" der Eliten zu verwechseln.
Es ergibt für mich aber wenig Sinn, dies an der Oberfläche zu debattieren. Interessantweise sind an diesem Punkt vor allem einige kluge Linke wesentlich wacher als die meisten Rechten.

RMH
5. November 2019 12:15

"Auf sie kommt es aber in der Tat an. "Der Kern des Faschismus liegt in der Wiederauferstehung der Nation,“ bemerkt ja auch Griffin richtig."

So etwas wie eine "Nation" hat ein Faschismus eigentlich nicht nötig (im Gegensatz zum Nationalsozialismus). Natürlich hat der historische Faschismus immer starke patriotische Appelle und Strömungen gehabt, aber als Staats- und Ordnungsfunktion kann ein faschistisches System theoretisch auch über die absolute "diversity" in einem Land bzw. über irgendeine Menschenmenge innerhalb eines Landes gestülpt werden. In Spanien wurde er über verschiedensprachige Subnationen errichtet, die Italiener wollten ihn imperial über ihre Kolonien ausdehnen. Daran erkennt man bereits in Ansätzen die grundsätzliche Beliebigkeit der Substrats, über welches eine faschistische Herrschaft errichtet werden kann.

Und es ist sehr wohl zulässig, sich die Mittel einer konkreten Herrschaftsausübung anzusehen, wenn man nicht blankem Nützlichkeitsdenken im Sinne von "der Zweck heiligt die Mittel" predigen will.

Und das here Ziel der Wiedererrichtung oder Wiederauferstehung einer Nation rechtfertigt, wenn man kein Extremist ist, eben noch lange nicht jedes Mittel, genauso wie es unsere genuinen Argumente als rechte Opposition sind, dass der Zweck der aktuell Regierenden nicht her ist und die Mittel dazu (unregulierte Grenzöffnung, Förderung des Schlepperwesens etc.) schon gleich gar nicht.

Beachten Sie bitte: Die Position des faktisch Schwächeren impliziert eine Beharren auf dem Recht. Schily hatte in anderem Zusammenhang vollkommen zurecht den berühmten Satz gesagt:

"Wir führen gegenüber der Macht das Argument des Rechts ins Feld."

Deswegen werden ja auch die Rechtsposition des "Volkes" oder die Existenz von Völkern oder gar ein Selbstbestimmungsrecht der Völker grundsätzlich von linker Seite aus bestritten, ausgehölt, unterwandert etc.

Atz
5. November 2019 20:57

@sommerfeld
Unterhaltsam sind ja momentan grad die zirkulierenden Faschismuskriterien, die wie der Konstruktionsplan der FFF Bewegung klingen. Und dann dekorieren die Syrer noch in Reichsfarben ihre Ladenzeilen. Spannend wie die in Trinidad ihre Staatsfarben erklären.

Franz Bettinger
5. November 2019 21:35

@Definitions-Dschungel. Meine Definition von Rechts = das Eigene, Eigenes und Eigenheiten fördern und verteidigen. Das ist das Ziel. (Die Methode ist egal. Da hat @Martini etwas sehr Wichtiges betont.) Links = der Wunsch oder gar die Utopie, es gäbe kein Eigenes (und auch kein Eigentum). Das ist das linke Ziel: Alle sollen in jeder Beziehung und nicht nur vor dem Recht gleich sein. Die linke Methode ist die Gleichmacherei (im Steuerwesen; in der Bildung: keine Note schlechter als drei; Behinderten-, Frauen-, Ausländer-Quoten usw.). Mit diesen zwei Definitionen im Kopf komm ich gut durch den Begriffs-Dschungel. Damit schlägt man sich auch in Debatten vortrefflich. Wäre schön, wenn man sich generell auf diese eine Version von Rechts als Minimum verständigen könnte. „Rechts“ muss ein Schild werden zur Abwehr von Keulen! Deshalb muss „Rechts“ (und Links) von uns KLAR definiert sein. Die Selbst-Definition ist der Fremd -Definition überlegen. Es spielt gar keine Rolle, ob man die Rechts-Links-Dichotomie für antiquiert oder obsolet hält. Sie existiert nun einmal, sie wird (vom Gegner meist) (und gegen uns) eingesetzt. Wir können das nicht ignorieren, wir müssen darauf mit unserer eigenen Definition reagieren. Unsere Antwort kann der Gegner nicht ignorieren. Sie wird zum Diskussion-Gegenstand werden müssen. Wenn unsere Defintion (Rechts = Eigenes schützen) publik wird, haben wir die Schlacht vielleicht schon gewonnen.

Franz Bettinger
5. November 2019 22:39

@zeitschnur meint, die Fasces (das Liktorenbündel), also die Bündelung aller Potenzen eines Volkes sei der Kern des Faschismus. Nun gut, schön gesagt ist das allemal, und es stimmt sogar. Ja, dem kann ich mich anschließen. Denn in diesem Bündel steckt zu allererst das Wort Volk und dann "Alle" (Oben und Unten, Rechts und Links, alle Schichten). Hier sind wir uns einig (auch wenn Sie von Gesellschaft, statt von Volk gesprochen haben). Und das ist in der Tat ein Riesen-Unterscheidungs-Merkmal zu vielen anderen politischen Systemen: das Verschmelzen (oder besser das "für einander da sein") von Oben und Unten. Das ist auch, was der F und der NS unter "völkisch" verstanden haben. Sie geben damit nolens volens zu, dass Nation und Soziales im F eine Verbindung eingeht (obwohl Ihr Eingangs-Satz dies zunächst mal reflexartig bestreitet). Die beschworene faschistische Gleichschaltung darf übrigens keine (wie im Stalinismus) von Oben oktroyierte sein, sondern eine, die sich freiwillig von unten ergibt (wie im NS durch breite, ja begeisterte Akklamation im Volk).

Sie fragen "Wo war denn welchen Faschisten je die Nation wichtig?!“ - Seltsame Frage! Verehrte @zeitschnur, schon mal was vom Slogan „Heim ins Reich!“ gehört? Hitler war das enorm wichtig. Bis auf Süd-Tirol (und den deutschen Teil der Schweiz - aber darüber könnte man diskutieren) hat er ja alle durch den Versailler Vertrag abgetrennten deutschen Lande heim ins ehemalige Reich zurückgeholt. (Definition: Nation = Sprach- und Kultur-gleiche Länder).

Auch das Geheimbündische, das Sie für so wichtig halten, hat es im F und NS kaum gegeben. Die Nazis waren sehr ausgesprochen und sehr offen in allem, sogar in heute unverständlichen (verbrecherischen?) Gesetzen (wie den Nürnbergern) oder in Befehlen wie dem Kommissar- oder dem Kommando-Befehl. Die Nazis redeten nicht hinten rum und verschämt, sondern Tacheles, like it or not.

Übrigens ist das im Merkel-Regime ähnlich: Der Wille zur Unterdrückung der Opposition, zum 'Kampf gegen Rechts' ("bis aufs Messer“) - damals waren’s die Juden, heute der rechtsgesinnte Teil des Volkes - und die politischen Utopien - Klimasteuer, Plastikgeld, Abschaffung des Autos … - das alles wird ja offen vor dem Volk ausgerollt. Das ist beinahe erschreckender als ein geheimer Plan zum Bevölkerungs-Austausch. Auch dieser Plan ist ja ganz offiziell in den EU- und UN-Papieren nachzulesen! So sicher fühlen sich die neuen Despoten! Nur eins haben sie nicht: die begeisterte Unterstützung im Volk - trotz aller orchestrierter Lichter-Ketten und Gegen-Demos. Und die werden sie auch nicht kriegen, da können sie noch so viel Propaganda betreiben.

@zeitschnur, beim Weiterlesen ihrer Zeilen wird mir klar: Sie haben von jenem Teil der Geschichte (1921 - 45) keine Ahnung, und Sie können sich auch emphatisch (etwa über den Kontakt zu ihren Eltern und Verwandten) nicht in jene Zeit (mehr) hineinversetzen. Sie sehen und interpretieren vom End-Ergebnis her, also vom verlorenen Krieg her, und Sie denken, dieses Debakel wäre System-immanent und unvermeidbar gewesen. Hier tun sie der geschlagenen Generation unserer Eltern / Großeltern Unrecht, und hier trennen uns Welten.

Gracchus
6. November 2019 01:24

Eine knackige Definition des Faschismus gibt es also nicht. Vielleicht - ich asoziiere mal wild - weil der Faschismus sich wie alles Dämonische abdunkelt und auch keine kohärente Ideologie besitzt, weil er überhaupt keine Ideologie benötigt, um Herrschaft zu legitimieren: Denn Herrschaft legitimiert sich dadurch, dass sie herrscht, und sie dient auch keinem höheren Zweck als sich selbst, weil es keinen höheren Zweck als Herrschaft gibt. Der Faschismus stellt sozusagen die Tautologie der Herrschaft aus. Mehr als eine Ideologie benötigt er ästhetische Inszenierung und Auserwählungs- bzw. Dekadenz-Mythen. Die Herrschaft ist streng hierarisch aufgebaut und wird von einer sich als Elite und vom Schicksal dazu ausersehen oder von der Natur dazu bestimmt wähnenden Gruppe über ein Volk von überwiegend Sklavennaturen ausgeübt, denen man den größten Gefallen damit tut, dass man sie vor der Überforderung durch zu viel Freiheit schützt. Frei nach Freud: Wo Ich ist, soll Volk werden. Im Gegenzug darf das Volk, wenn es sich der Herrschaft bzw. Ordnung unterwirft und dadurch überhaupt erst von einer amorphen Masse zum Volk wird, ebenfalls als auserwählt wähnen und auf Unsterblichkeit hoffen - eben als Volk, das sich und seine Ordnung durch die Zeiten fortzeugt und sich im Daseinskampf behauptet. Deshalb muss auch alles Schwache, Kranke eliminiert oder unter Quarantäne gestellt werden, weil es ja den gesamten Organismus zu infizieren und zu schwöchen und zu zersetzen droht.

Der Faschismus birgt mit Sicherheit einige Attraktivität und Faszination, kann sich überdies auf erfahrbare Realität stützen. Der Wille zu Macht und Form ist ja etwas Gutes. Das Bedürfnis, sich als Teil eines größeren Ganzen zu fühlen ist ebenfalls natürlich. Auch Hingabe und Opferbereitschaft sind etwas Edles. Im Faschismus wird dies aber pervertiert und missbraucht.

Die Antifa unterschätzt diese Faszination, sie bekämpft auch keine Faschisten, sie bekämpft die eigene uneingestandene Faszination für den Faschismus, deshalb braucht sie immer Nachschub an Faschisten, auf die sie ihre Faszination projizieren kann, um sich davon frei zu wähnen.

Die Nähe von Richtungen des Islam und Faschismus rührt womöglich daher, dass für beide so etwas wie die Kenosis Gottes, die Wahl der Ohnmacht, kulminierend im freiwilligen Kreuzestod, eine Denkunmöglichkeit darstellen, so als wäre Gott wahnsinnig geworden.

RMH
6. November 2019 07:32

@zeitschnur,
jetzt bitte einmal nicht zu sehr ins Verschwörerische ("Geheimbünde" ,"gigantisch mafiöse Struktur") Abdriften.

Beim Thema Faschismus kann das theoretisch, wie bei jeder Herrschaftsform sein (auch aktuell gibt es mafiöse Strukturen, Geheimbünde etc.), bei den historisch relevanten "Faschismen" waren Geheimbünde oder "Hintergrundmächte" (katholische Kirche als Hintergrundmacht?) aber deutlich weniger bis gar nicht am Werk, als bspw. bei den noch nicht einmal groß "geheim" operierenden Freimaurern bei der Gründung und beim Heranwachsen der USA (wenn man denn "die Freimaurer" - alleine die Sammelbezeichnung ist schon problematisch - überhaupt unter den mehr als schwammigen Begriff der Geheimbünde einordnen will. Das halte ich persönlich schon gar nicht so einfach).

Es gibt überall und für alle Staatsformen die Thesen von Hintergrundmächten und Geheimbünden (auch und gerade bei den sozialistischen/kommunistischen Regimes) - so auch beim NS in Deutschland. Schaut man dann genauer darauf, sind zumindest alle die Gruppen, die alleine, weil sie bekannt sind, schon eigentlich nicht mehr geheim sind, deutlich weniger einflussreich gewesen, als gemutmaßt wird. Bestes Beispiel dafür die ominöse Thule Gesellschaft, die maßlos überschätzt wurde/ wird.

Man darf nur wegen der Existenz von Netzwerken, die es immer und überall gibt, nicht gleich darauf schließen, dass dort wunder was besprochen, geplant und organisiert wird. Netzwerke sind nur ein Teil von einem viel Größeren, was sich in Summe dann eben Gesellschaft eines Landes nennen lässt.

zeitschnur
6. November 2019 10:51

@ Franz Bettinger

Sie paraphrasieren mich falsch - ich schrieb nicht, dass die Potenzen eines "Volkes" gebündelt werden, sondern die "gesellschaftlichen" Potenzen, und das ist etwas anderes, weiter Gefasstes.

Ansonsten wäre ich an Ihrer Stelle mal vorsichtig damit, dass ich "keine Ahnung" hätte. Ich denke auch nicht, dass das Miterlebthaben unbedingt Erkenntnis fördert. Wer von den Heutigen kapiert denn, was wirklich abgeht? Außerdem setze ich voraus, dass Sie noch keine 100 Jahre alt sind, andernfalls haben Sie den NS mit Ach und Krach vielleicht noch als Kind oder Pubertierender miterlebt.
Mit "geheimbündisch" meinte ich genau das, was das Wort sagt. Und dass das heute immer noch wirksam ist, habe ich ja gerade nicht bestritten, sondern nahegelegt. Bitte lesen Sie doch mal einfach genauer, was ich schreibe.

Das würde hier zu weit führen, aber definitiv kam keiner der Faschismen ohne die geheimbündische Grundlage aus. Und dass angeblich die Gleichschaltung von "unten nach oben" wuchs - also wirklich, @ FB, woher haben Sie das denn?
Sowohl der NS wurzelte sogar extrem in esoterischen Logen und wurde von amerikanischen Großfinanziers aufgebaut, u.a. dem Bush-Großvater, der wiederum Skull and Bones-Mann war wie seine Söhne. Ob da wohl keinerlei innerer Zusammenhang zwischen der Totenkopfsymbolik der SS und Skull and Bones ist? Und von Himmler und seiner esoterischen Aufstellung der SS haben Sie doch sicher gehört, von seltsamen Ritualen, der Wewelsburg, die er sprengen ließ, bevor die Alliierten kamen, von den vielen Fragen, die bis heute offen sind, weil hier etwas Geheimbündisches vor sich ging? Nein? Es wäre Zeit aufzuwachen aus irgendwelchen theoretischen Fantasien. Ob "Heim ins Reich" meinte, dass man die "Nation" im Blick hatte - nein wirklich, @ Franz Bettinger, das erscheint mir mehr als naiv, so zu argumentieren. Das ist ungefähr so plausibel wie zu glauben, die Club of Rome-Klimabewegung habe nur unser Bestes im Sinn.

Mit Ihrem Posting vor der Antwort an mich legen Sie nun auch noch gefühlt nahe, dass "rechts" "faschistisch" ist (eben immer besorgt ums "Eigene"). Damit geben Sie allen recht, die den Rechten genau das vorwerfen. Wollten Sie das wirklich ausdrücken?

Manchmal muss man sich von alten Illusionen verabschieden, um die Kraft zu bekommen, das zu überwinden, was so destruktiv wirkt. Uns droht ein erneuter Faschismus, diesmal global angelegt, und es geht nicht mehr drum, ob dieser Faschismus rechte oder linke Elemente in sich trägt, sondern darum, dass er insgesamt abzulehnen ist und die Freiheit der Menschen kassiert. Und letzteres ist die einzige wichtige Frage. Wenn die Deutschen auf ihr Eigenes pfeifen, dann ist auch das eine freie Entscheidung. Allerdings müssen diese Deutschen dann dafür einstehen und sich bewusst machen, dass sie sich verabschiedet haben aus ihrer Kultur.
Man muss aber nicht "rechts" sein oder gar "faschistisch", um als freier Deutscher weitermachen zu wollen.

zeitschnur
6. November 2019 10:55

@ Gracchus

Sehr gut, Ihre Beschreibung des Faschismus und auch Ihrer Analyse der "Antifa"!

Lotta Vorbeck
6. November 2019 15:22

@zeitschnur - 6. November 2019 - 10:51 AM

an @Franz Bettinger

"... Mit Ihrem Posting vor der Antwort an mich legen Sie nun auch noch gefühlt nahe, dass "rechts" "faschistisch" ist (eben immer besorgt ums "Eigene"). Damit geben Sie allen recht, die den Rechten genau das vorwerfen. Wollten Sie das wirklich ausdrücken?

Manchmal muss man sich von alten Illusionen verabschieden, um die Kraft zu bekommen, das zu überwinden, was so destruktiv wirkt. Uns droht ein erneuter Faschismus, diesmal global angelegt, und es geht nicht mehr drum, ob dieser Faschismus rechte oder linke Elemente in sich trägt, sondern darum, dass er insgesamt abzulehnen ist und die Freiheit der Menschen kassiert. ..."

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Mag sein, daß sich der nunmehr unübersehbar dräuende, neue Faschismus, welcher im Bett der Großmutter liegend, schlecht camoufliert mit deren Nachthemd bekleidet, den Enkelkindern vorgaukelt der Antifaschiusmus zu sein, sich aus der Perspektive seiner Exekutoren als "global angelegt" empfindet.

Für die Leute, beispielsweise in Katmandu ändert sich dadurch genausowenig, wie für die Leute in Singapore, Seoul, Kuala Lumpur oder Luanda.

Das was sich abzeichnet, läßt sich unter dem Stichwort "White Genocide" nachlesen, wird als Hauptkriegsschauplatz in West-, Süd- und Mitteleuropa sowie Nordamerika, als Nebenkriegsschauplatz in Australien und Neuseeland ins Werk gesetzt.

Wie die Angelegenheit in Nordamerika und Ozeanien ausgehen wird, scheint zumindest offen.

Der Zukunftsforscher Gerald Celente prophezeite bereits vor Jahren, daß sich weite Teile Europas in ein verslumtes, von Clanstrukturen durchzogenes, unregierbares Shithole verwandeln werden.

Cugel
6. November 2019 21:32

@RMH
"So etwas wie eine "Nation" hat ein Faschismus eigentlich nicht nötig..."

Warum haben sich dann alle historischen Faschismen auf die Nation bezogen? Haben die ihre eigene Ideologie nicht verstanden?

Franz Bettinger
7. November 2019 07:28

@Allgemein: Begriffe wie NS / Faschismus (Führer, Volk und Vaterland), Kommunismus (Vergemeinschaftlichung allen Eigentums), Links (Gleichmacherei, die Pflege des Fremden), Rechts (Pflege des Eigenen, Leistung-Prinzip), Kitsch, Kunst usw., alle diese Begriffe machen nur Sinn, wenn sie von jedem Mann und jeder Frau auf der Straße auf Anhieb verstanden (oder auch erfühlt) werden. Alle diese Begriffe (vor allem die politischen) müssen plakativ sein, sollen sie etwas bewirken. Und das sollen sie doch! Jedes philosophische Gequassel dazu ist kontraproduktiv. Wenn Sie mehr als einen kurzen Satz brauchen, um den Leuten zu erklären, was F oder K ist, hören die schon nicht mehr zu. Das Theoretisieren über und das Zerreden von an sich guten griffigen Begriffen annihiliert diese bis zu ihrer Bedeutungslosigkeit. Ist denn jeder, der Gewalt anwendet, Faschist? Unsinn! Schlimm, wenn die "Begriffs-Experten" dann nach ellenlangem Geschwurbel nicht mal zum Kern einer Sache vorzudringen in der Lage sind. Schlimm!

@zeitschnur: Sie sind den Orwellismen der Linken (und der Besatzer, würde @Martini sagen) auf den Leim gegangen. Sie haben sich ihr Hirn gegen den Strich kämmen lassen. Ihre Tabus und Vorurteile (gegen F, NS, und sogar gegen den harmlosen Begriff Rechts) sitzen fest wie ein 70 Jahre alter Kaugummi im Gummistiefel. Den kriegen Sie nicht mehr ab. Sie wollen auch gar nicht. Sei’s drum. Gott sei Dank haben die meisten hier auf dem SiN-Forum kein Problem, sich Rechts zu nennen. Sie, @zeitschnur, haben eins, sehen's aber nicht als Problem an. Dann müssen Sie logischerweise beinah alle anderen hier als problematisch einstufen. Warum sind Sie hier bei so 'ner Schwefelbande? Ist schon gut, sehen Sie’s als rhetorische Frage. No need to answer. - Ich bin 64. Mich würde einmal interessieren, was ihre Eltern/Großeltern unter Hitler so getan haben. Waren die dumm oder böse? Oder saßen die alle, wie sich das so gehört nach heutiger Auffassung der Alleswisser, im KZ? Lieben Sie ihre Eltern/Großeltern? Wieso eigentlich, wenn die doch, was ich annehme, nicht im KZ saßen? Sehen Sie nicht den Widerspruch? Okay, ich gebe zu, das sprengt die Möglichkeiten dieses Forums. Vielleicht ergibt sich ja mal ein „Feuer-Gespräch“. Die haben (übrigens) schon Wunder bewirkt. Ha!

zeitschnur
7. November 2019 10:09

@ Franz Bettinger

Ich empfinde Ihren Kommentar als beleidigend und persönlich diffamierend - wenn das "rechts" ist, dann gute Nacht, der Zwillingsbruder der Linken eben. Wohl dem, der innerlich abständig und souverän bleibt. Und ja: es kamen von den Meinen welche im KZ um. Darüber will ich aber mit Ihnen nicht diskutieren.

Franz Bettinger
7. November 2019 11:09

@Zeitschnur: von den Meinen saßen auch drei in KZs. Weil sie katholisch waren und dies nicht nur mit Worten, auch mit Taten! (Kreuzstreit an Schulen.) In meiner Stammlinie lebten viele Mönche und auch ein Kardinal von München-Freising. Nur zur Komplettierung des Bildes. - Mein Vater diente allerdings an der Ostfront (als Fekdunterarzt), und auch viele andere in der Verwandschaft "dienten"!

Götz Kubitschek
7. November 2019 12:14

schnell badeschluß! was für eine kopf-und-kragen-diskussion!

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