Sonntagsheld (126) – Wenig zu lachen…

...hat derzeit Uwe Steimle. Oder?

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…hat der­zeit Uwe Stei­m­le. Oder?

Uwe Stei­m­le gilt als belieb­tes­ter Kaba­ret­tist Mit­tel­deutsch­lands. Zumin­dest, wenn man den Ein­schalt­quo­ten Glau­ben schen­ken darf. Für den Mit­tel­deut­schen Rund­funk wird das in regel­mä­ßi­gen Abstän­den zum Pro­blem, zeich­net doch der „Seis­mo­graph sei­ner Zeit“ (da gab es doch noch jeman­den…) in sei­ner Sen­dung „Stei­m­les Welt“ ein herz­li­ches und ehr­li­ches Bild des betref­fen­den Sen­de­ge­bie­tes, das mit dem Auf­klä­rungs- und Erzie­hungs­an­spruch der Öffent­lich-Recht­li­chen anschei­nend nicht so recht ver­ein­bar ist.

Für Unru­he sor­gen immer mal wie­der und auch in den ver­gan­ge­nen Tagen: Die­ses Inter­view in der Jun­gen Frei­heit und ein „Nig­gi“ (T‑Shirt) mit der Auf­schrift „Kraft durch Freun­de“, das der Sach­se ent­wor­fen hat. „Öde!“ will man da rufen, „Lang­wei­lig!“ und „Hat­ten wir schon!“ – die Auf­re­ger waren wirk­lich schon­mal grö­ßer und doch rei­chen die­se auf­ge­wärm­ten Kamel­len, um den MDR zu einer „inhalt­li­chen Neu­auf­stel­lung des Bereichs Kaba­rett und Sati­re“ zu bewegen.

Ent­schei­dungs­zeit also beim Bezahl­fern­se­hen, und das bedeu­tet in Deutsch­land auch: Kei­ne Zwi­schen­tö­ne mehr zulas­sen, taub wer­den für Ambi­va­len­zen und Viel­schich­tig­keit. Durch die­se Pola­ri­sie­rung rutscht Stei­m­le, der sich nach Eigen­aus­sa­ge als Lin­ker eigent­lich eher bei Sah­ra Wagen­knecht wohl­fühlt, all­mäh­lich in eine Posi­ti­on, in der sich vor ihm schon vie­le ande­re wie­der­fan­den: In die rech­te Ecke.

Der Begriff der rech­ten Ecke ist zwei­fels­oh­ne eine auf­schluss­rei­che Feind­vo­ka­bel. In der rech­ten Ecke, da hat der unge­zo­ge­ne Schü­ler zu ste­hen und sich zu schä­men. Er steht da ohne Aus­weg und hat so lan­ge wie ein Idi­ot an die Wand zu star­ren, bis er durch flei­ßi­ges Rezi­tie­ren sei­nes Anti­fa-ABCs nach einem Gna­den­akt des güti­gen Leh­rers wie­der in die Klas­sen­ge­mein­schaft zurück­keh­ren darf.

Ich weiß gar nicht, ob es das heu­te in der Schu­le wirk­lich noch gibt – in-der-Ecke-Ste­hen, Nach­sit­zen, Straf­ar­bei­ten und das alles; ich erin­ne­re mich jeden­falls noch gut an sol­che Dis­zi­pli­nar­maß­nah­men. Wor­an ich mich aber auch erin­ne­re, das ist das plötz­li­che Gefühl der Soli­da­ri­tät mit jedem, der das eige­ne Schick­sal teilte.

Wur­den etwa zwei Streit­häh­ne wegen einer Rau­fe­rei zum gemein­sa­men Abschrei­ben der Schul­ord­nung ver­don­nert, so war klar, dass sich die bei­den sogleich gegen die Lehr­kraft ver­bün­de­ten und die ver­an­schlag­te Drei­vier­tel­stun­de im leer­ste­hen­den Klas­sen­zim­mer sicher mit allem mög­li­chen Scha­ber­nack ver­brach­ten, nur nicht mit der ihnen auf­er­leg­ten Stra­fe. In sol­chen Fäl­len konn­te noch der ver­hass­tes­te Kon­kur­rent aus der Par­al­lel­klas­se, den man viel­leicht im Arrest auf dem Gang traf, zum Inti­mus wer­den, wenn es nur dar­um ging, ein­an­der der Unge­rech­tig­keit der Straf­maß­nah­me und der eige­nen Unschuld zu versichern.

Wie ist das also, wenn da einer in der rech­ten Ecke steht, und dann kommt plötz­lich ein zwei­ter dazu und dann noch einer und dann wenig spä­ter ein Vier­ter? Wie ist das, wenn irgend­wann ein Vier­tel, ein Drit­tel, oder in Gör­litz die Hälf­te der Klas­se in die­ser Ecke steht und gemein­sam Rich­tung Wand guckt? Was pas­siert, wenn mal einer den Blick zur Sei­te wagt und sei­ne Neben­män­ner anschaut und: Wann steht der ers­te im Klas­sen­raum auf und stellt sich frei­wil­lig dazu?

Sicher, der eine oder ande­re wird dabei sein, der immer wie­der mit fle­hen­dem Blick zum Leh­rer schleicht und mit Ver­weis auf sein hygie­nisch sau­ber geführ­tes Haus­auf­ga­ben­heft­chen dar­um bit­tet, end­lich wie­der an sei­nem Pult Platz neh­men zu dür­fen. Er wird nicht ver­ste­hen, wes­halb er zu den bösen Jungs in die Ecke geschickt wird, deren wil­de Spie­le in der Gro­ßen Pau­se ihm zu rau und zu ernst sind, wie er doch stets ver­si­cher­te. Brin­gen wird ihm das nichts außer ein paar zünf­ti­gen Remp­lern und einem ein­sa­men Ein­zel­platz am Ran­de der ver­sam­mel­ten Geächteten.

Wir wis­sen: Inzwi­schen steht mehr als nur eine gute Hand­voll in der Ecke. Manch einer hadert noch mit sei­nem Schick­sal, manch einer mus­tert sto­isch die Tape­te, ande­re hin­ge­gen wer­den all­mäh­lich unru­hig. Sie fan­gen an die Köp­fe zusam­men­zu­ste­cken und mit ver­schwö­re­ri­schem Blick nach dem Leh­rer zu blin­zeln; und ihr Flüs­tern wird lauter.


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Kommentare (5)

Ein gebuertiger Hesse

4. November 2019 07:48

"... und ihr Flüstern wird lauter". Ein schönes, wogendes Verheißungsbild zum Wochenanfang - danke dafür!

Laurenz

4. November 2019 14:44

Bald steht das gesamte Volk in der Ecke. Die Profiteure aus Politbüro und Zentralkomitee werden vom virtuellen Wandlitz aus die Schergen steuern, welche die Ecke überwachen. Reichsführer der Stasi-Gestapo ist heute schon Frau Kahane.

Tante Blecki

4. November 2019 18:06

Ich war dreimal links abgebogen und plötzlich rechts unterwegs. Inzwischen fühle ich mich rechts sehr wohl. In der rechten Ecke ist es nicht so tot und dumpf wie in der linken. Man bekommt zwar laufend Aluhüte geschenkt, muss sie aber ja nicht aufsetzen. Und die neue Brille hat meinen Blick geschärft. Sehr guter Artikel, Herr Wessels!!

Nordlicht

4. November 2019 21:09

Richtig links war ich nie, aber gut sozialdemokratisch (- Brandt und Schmidt).
Und dann auch für Natur- und Umweltschutz, was mich mit der Zweitstimme die Grünen wählen liess.

Und nun, mehr aus Notwehr denn als Übereinstimmung: AfD.

(Erzähle aber niemandem.)

Ratwolf

4. November 2019 23:55

Während die Neue Rechte eher konstant bleibt und unbeirrt weiter mach, wird die alte Linke (ARD, faz/taz bis Zeit) immer wilder und steigert sich in immer neue, extremere Phantasien hinein, welche sich orgiastisch in Ausbrüchen entladen.

Vielleicht sollte man Wilhelm Reich noch mal hervorholen, um die derzeitige Massenpsychologie des (linken) Faschismus in den Medien und in den Köpfen besser zu verstehen.

Vielleicht haben ja auch Pappi oder Mami noch ein Exemplar im Schrank.

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