Sätze über Bildung

von Heino Bosselmann - Über Bildung längst kein klares Gespräch mehr möglich, denn der Begriff ist so positiv konnotiert wie inhaltlich unklar.

 Gastbeitrag

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Sein poli­ti­scher Dau­erge­brauch griff ihn ab und unter­warf ihn agi­ta­to­ri­schen Zwe­cken. Die­se grund­sätz­li­che Schwie­rig­keit wird noch ver­grö­ßert durch das Regie­rungs­be­dürf­nis, eine hart durch­ra­tio­na­li­sier­te und leis­tungs­fä­hi­ge Basis möge aus­ge­gli­chen wer­den von einem wei­chen gerech­tig­keits­rhe­to­ri­schen Über­bau, der einen Erziehungs‑, ja Volks­bil­dungs­so­zia­lis­mus sug­ge­riert, wäh­rend es ander­seits eher um Para­me­ter von Repro­duk­ti­ons­pro­zes­sen bei der „gewinn­ori­en­tier­ten Ver­wal­tung der Welt“ (Rai­ner Bucher) geht.

Bil­dungs­po­li­tik ver­spricht, was nicht mehr zu hal­ten ist, weil die sub­stan­ti­el­le Wis­sens­ver­mitt­lung und bereits das Erler­nen basa­ler Fähig­kei­ten wie Lesen, Schrei­ben, Rech­nen durch die ver­meint­li­chen Refor­men der letz­ten drei­ßig Jah­re behin­dert, ja teil­wei­se ver­hin­dert wor­den sind. In der Repu­blik kön­nen über sechs Mil­lio­nen Erwach­se­ne, meist Mut­ter­sprach­ler, nicht mehr rich­tig lesen und schrei­ben. Und dies nicht trotz, son­dern wegen der Schule.

Wich­ti­ger als die Aus­bil­dung qua­li­fi­zier­ter Urteils­kraft auf der Basis umfas­sen­der geschicht­li­cher, lite­ra­ri­scher und sozio­lo­gi­scher Kennt­nis­se ist der Regie­rung gegen­wär­tig die „Erzie­hung zur Demo­kra­tie“. Zur Demo­kra­tie aber gehört Oppo­si­ti­on, die der­zeit von der Exe­ku­ti­ve und den ihr angepaß­ten Medi­en nicht nur gefürch­tet, son­dern denun­ziert und bekämpft wird. Schü­ler und Abitu­ri­en­ten wer­den bes­ser für das Nach­spre­chen ideo­lo­gi­scher Bekennt­nis­se beno­tet als für kri­ti­sches Argu­men­tie­ren. Das erin­nert an die DDR-„Volksbildung“.

Noch unheil­vol­ler mutet an, daß direkt zur Denun­zia­ti­on auf­ge­ru­fen wird, geht es doch nie allein um die Abwen­dung rechts­ex­tre­mis­ti­scher Gefahr, son­dern unwei­ger­lich um die Zuschrei­bung, wer oder was rechts­ex­trem sei.

Wäh­rend die Poli­tik als öffent­li­che Ange­le­gen­heit der Nati­on lan­ge an Leben­dig­keit ein­ge­büßt hat­te und auf ein Manage­ment prag­ma­ti­scher Ver­brau­cher­ent­schei­dun­gen geschrumpft schien, revi­ta­li­sier­te sie sich spä­tes­tens seit der Flücht­lings­kri­se von 2015. Zur enor­men Beun­ru­hi­gung der Funk­tio­nä­re, Ver­wal­ter und Leit­li­ni­en­be­stim­mer, die im uner­war­te­ten Gegen­wind die Sprech­bla­sen „Demo­kra­tie“, „Tole­ranz“, „Plu­ra­lis­mus“ und „Welt­of­fen­heit“ auf­blie­sen und unterm Pop­be­griff der „bun­ten Repu­blik“ ver­sam­mel­ten, so als wol­le sich die ver­un­si­cher­te „poli­ti­sche Klas­se“ ihrer selbst in eif­ri­gen Bekennt­nis­übun­gen versichern.

Das Feind­bild AfD ließ das Estab­lish­ment zusam­men­rü­cken und Lin­ke und libe­ra­les Neu­bür­ger­tum einen spe­zi­fi­schen Inter­es­sen­kom­pro­miß „gegen Rechts“ her­aus­bil­den. Gegen die Kri­tik durch kon­ser­va­ti­ve Ver­nunft und noch mehr gegen Ver­su­che iden­ti­tä­rer Selbst­be­stim­mung unter der Jugend wur­de ins­be­son­de­re die Schu­le verpflichtet.

Wenn, wie Hei­ke Schmoll in der F.A.Z. pro­ble­ma­ti­siert, ein Drit­tel bis die Hälf­te der „Stu­die­ren­den“ sich ent­schie­den dage­gen aus­spre­chen, „daß Men­schen mit kon­tro­ver­sen Stand­punk­ten über­haupt an der Uni­ver­si­tät reden dür­fen“ und sogar dafür ein­tre­ten, „die Bücher unbe­que­mer Anders­den­ken­der aus der Uni­ver­si­tät zu ver­ban­nen“, so sind dies jene Absol­ven­ten, die sich die Schu­le als „beken­nen­de Demo­kra­ten“ genau so wünscht. Sie wol­len und kön­nen nicht pro­duk­tiv strei­ten und debat­tie­ren, son­dern wis­sen sich nur zu beken­nen. Die­se intel­lek­tu­el­le Arm­se­lig­keit gilt neu­er­dings als „Cou­ra­ge“.

Die als his­to­ri­sche Errun­gen­schaft immens wert­vol­len bür­ger­li­chen Grund­rech­te, für deren Wahr­neh­mung es eines Fun­da­ments sprach­li­cher und kul­tu­rel­ler Fähig­kei­ten bedarf, fan­den sich vor den Erfol­gen der AfD von immer weni­ger Bür­gern genutzt und gepflegt, son­dern allen­falls von leicht­ge­wich­ti­gen Talk­shows und Blog­ge­rei ersetzt – einer­seits unter­halt­sam und gewitzt, dabei aber unpo­si­tio­niert und als Gequas­sel des blo­ßen Mei­nens im Unge­fäh­ren verbleibend.

Neu­er­dings wer­den die­se Shows pro­pa­gan­dis­tisch geschärft und so insze­niert, daß die ver­meint­lich Kor­rek­ten die ver­meint­lich Inkor­rek­ten vor­zu­füh­ren ver­su­chen, mit dem Ziel, sie als nazis­tisch infi­ziert zu verunglimpfen.

Die jun­ge und jün­ge­re Genera­ti­on, die einer­seits durch den Gebrauch der digi­ta­len Medi­en mehr als jede ande­re vor ihr auf das Wort ange­wie­sen ist, beherrscht die­ses schul­be­dingt weni­ger als ihre Vor­gän­ger und hat sich unkom­pli­ziert auf den Kon­sens geei­nigt, dass schon rich­tig ist, was irgend­wie ver­stan­den wird.

Man set­ze dazu nicht gleich das klas­si­sche Bil­dungs­bür­ger­tum in Kon­trast, son­dern erin­ne­re sich bei­spiels­wei­se an die Arbei­ter­bil­dungs­ver­ei­ne und damit an die Unter­pri­vi­le­gier­ten des vor­vo­ri­gen Jahr­hun­derts, denen bewußt war, daß ech­te Teil­ha­be mit dem Ver­mö­gen zur kul­tu­rel­len Par­ti­zi­pa­ti­on beginnt, die man sich errin­gen muß, weil sie einem eben nicht zuge­reicht wird.

His­to­risch wäre inter­es­sant danach zu fra­gen, wann hin­sicht­lich „Bil­dung“ eine poli­tisch vor­ge­schrie­be­ne Anthro­po­lo­gie Raum griff, die per se allen alles zutraut, jeden zum Talent erklärt, aber die Brin­ge­schuld des schu­li­schen Erfolgs auf die Leh­rer ver­legt, das Schwer­ge­wicht des Schu­li­schen von Inhalt und Sub­stanz weg auf Metho­de und „Kern­kom­pe­ten­zen“ ver­schob, von der Inklu­si­on aller Limi­tier­ten per Dekret Gerech­tig­keit erwar­tet und über die Redu­zie­rung von Anfor­de­run­gen und eine damit ein­her­ge­hen­de Ent­wer­tung von Abitur und Hoch­schul­ab­schlüs­sen so gut wie jedem sehr gute Zeug­nis­se aus­zu­dru­cken bereit ist – im Wunsch­den­ken, damit schaf­fe man end­lich sehr ver­ein­facht „Chan­cen­gleich­heit“. Die jedoch liegt bereits in recht­lich längst garan­tier­ten glei­chen Vor­aus­set­zun­gen und eben nicht in ver­spro­che­nen Garan­tie von Abschlüs­sen, die immer weni­ger aus­sa­gen, weil immer mehr ein Anrecht dar­auf haben.

Wes­halb fällt nie­man­dem auf, daß es einer­seits so vie­le Abitu­ri­en­ten und Hoch­schul­ab­sol­ven­ten mit Best­no­ten wie noch nie gibt, ande­rer­seits aber Fach­kräf­te­man­gel sowie ele­men­ta­res Unver­mö­gen von Lehr­lin­gen und Stu­den­ten zu bekla­gen sind? Der Zusam­men­hang ist genau dar­in zu suchen, daß zwar immer mehr Schü­ler und Stu­den­ten als abitura­bel und stu­dier­fä­hig gel­ten und durch­ge­reicht wer­den, aber immer weni­ger davon tat­säch­lich etwas kön­nen, am wenigs­ten im MINT-Bereich und im Sprachlichen.

Mag ja sein, es wer­den längst viel weni­ger „Spe­zia­lis­ten“ gebraucht, und eine immer klei­ne­re Grup­pe an Wis­sen­schaft­lern, Inge­nieu­ren und Infor­ma­ti­kern erscheint tech­nisch und arbeits­tei­lig in der Lage, eine wach­sen­de Mas­se ein­fa­cher Kon­su­men­ten zu ver­wal­ten, die pas­sa­bel über den flo­rie­ren­den und res­sour­cen­ver­schlei­ßen­den Super-Markt lebt, sich von der Medi­en-Indus­trie unter­hal­ten fin­det und längst kein Bedürf­nis mehr nach dem Poli­ti­schem oder ihre Exis­tenz bestim­men­den Ideen hat.

Das Bür­ger­tum der begin­nen­den Moder­ne wünsch­te sich einst den kom­pe­ten­ten Leis­tungs- und Ent­schei­dungs­trä­ger, der in der Lage ist, Ver­ant­wor­tung für sich und ande­re zu über­neh­men. Die Arbei­ter­schaft woll­te damit ehr­gei­zig gleich­zie­hen und setz­te auf ech­ten Bil­dungs­er­folg. Das ist, scheint es, end­gül­tig vorbei.

Eine gera­de in ihrem gesam­ten Reich­tum sozi­al unge­rech­te Gesell­schaft erwar­tet aller­dings weit­ge­hen­de Über­ein­stim­mung mit drei maß­geb­li­chen „Grund­ver­ein­ba­run­gen“, die in sich eben­so unklar sind wie sakro­sankt: „Mehr Euro­pa!“ – „Gegen Rechts!“ – „Mehr Bil­dung!“ So als leg­te sich die neo­li­be­ra­le Umge­stal­tung wer­be­wirk­sa­me Legi­ti­ma­ti­ons­le­gen­den zu, denen selbst ihre Geg­ner zuzu­stim­men bereit sind.

Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den immer neue Begrif­fe gene­riert, von denen sich die Herr­schafts­po­li­tik Ret­tung erwar­tet. „Ganz­tags­schu­le“ ist ein sol­ches Wort. Es steht für eine Schu­le, die den Her­an­wach­sen­den wei­test­ge­hend aus der offen­bar als böse emp­fun­de­nen „Welt da drau­ßen“ her­aus­hält, die „Pro­jek­te“ insze­niert, anstatt am Leben selbst zu schu­len, und die mit all ihrer Betreu­ung abschirmt von den pro­duk­ti­ven Wider­sprü­chen der Gesell­schaft. Ganz abge­se­hen davon, daß sie Her­an­wach­sen­de bis min­des­tens 16.00 Uhr inter­niert und in Ver­an­stal­tun­gen zwingt, die nach­voll­zieh­bar meist als Pflicht und Nöti­gung erlebt wer­den. Ver­mut­lich gilt sich die gesam­te Ber­li­ner Repu­blik als eine poli­ti­sche Ganz­tags­schu­le im Sin­ne eines hoff­nungs­vol­len Als-ob jen­seits der als uner­quick­lich emp­fun­de­nen Realität.

Beson­ders der ethi­sche Zen­tral­be­griff der Men­schen­wür­de erfährt neu­er­dings eine Umdeu­tung: Er fun­giert nicht mehr als Grund­le­gung eines indi­vi­du­el­len Per­sön­lich­keits­rechts aller, son­dern als Anrecht auf „maxi­ma­le Teil­ha­be“. Der Staat garan­tiert als freund­li­cher Dienst­leis­ter allen etwas, was nicht zu garan­tie­ren ist und letzt­lich zur Aus­stel­lung unge­deck­ter Schecks führt. Inso­fern agiert staat­li­che Bil­dung wie eine Pleitebank.

Hohe Bil­dungs­ab­schlüs­se, für die einst Wis­sen und Fähig­kei­ten nach­zu­wei­sen waren, sol­len nicht län­ger nur recht­lich glei­che Mög­lich­keit, son­dern sogleich schon Wirk­lich­keit sein. Begrif­fe wie Anstren­gungs­be­reit­schaft und Selbst­über­win­dung kennt die „Bil­dungs­for­schung“ über­haupt nicht mehr; sie ist bereit, jeden dort abzu­ho­len, wo er steht. Selbst bewe­gen muß er sich nicht mehr, denn For­de­run­gen gel­ten schnell als Über­for­de­run­gen und somit als diskriminierend.

Nach der Her­lei­tung Imma­nu­el Kants kommt dem Men­schen Wür­de zu, weil er in der Lage ist, frei und ver­nünf­tig über sei­ne Geschi­cke zu ent­schei­den. Dafür ist aber zwei­er­lei nötig – der Staat, der dafür Will­kürfrei­heit gewährt und ander­seits sei­ne Ver­ant­wor­tung dar­in sieht, Men­schen aus­bil­dend zu befä­hi­gen, sich wür­dig zu ver­hal­ten. Um das zu errei­chen, bedarf es aber ein­gangs einer Bil­dung, die noch aus­bil­det und zu Hal­tun­gen erzieht. Bei­des in einem durch­aus mühe­vol­len Pro­zess, der Kul­tur­for­men etabliert.

Inso­fern neben weit­ge­hen­dem Erzie­hungs­ver­sa­gen ein eben­so weit­ge­hen­der Ver­zicht dar­auf erfolgt, ele­men­ta­ren kul­tu­rel­len Fähig­kei­ten wie rich­ti­gem Schrei­ben, Lesen und Rech­nen sowie einem umfas­sen­den natur­wis­sen­schaft­li­chen Welt­bild ganz ent­schei­den­den Wert zuzu­mes­sen, ver­nach­läs­sigt die Gesell­schaft die Aus­bil­dung mün­di­ger Bür­ger, deren vor­züg­li­che Befä­hi­gung letzt­lich die Urteils­kraft wäre. Mit die­sem Defi­zit aber wird die Demo­kra­tie von innen gefährdet.

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Kommentare (22)

Franz Bettinger

6. November 2019 08:35

Die sog. Ganztagsschule ist weniger eine Schule als eine Verwahranstalt für Sprösslinge. Ihr einziger Zweck ist, die Eltern der jetzt ganztags Kasernierten, insbesondere die Mütter, für die Erwerbsarbeit freizustellen. Vorbild: DDR. Das Wort Schule ist angesichts der dort (heute zusätzlich) stattfindenden Indoktrination und Regime-Propaganda ein klassischer Orwellismus!

zeitschnur

6. November 2019 09:03

"Bildung" meint allerdings schon vom Prinzip her, dass man auf irgendetwas hin "gebildet" wird, wie Ton in der Hand des Töpfers. Es wäre sehr blauäugig, wenn man glaubte, in früheren Jahren hätte der Staat Interesse daran gehabt, den Bürgern etwas Gutes zu tun. Es wurde immer auf die Systeminteressen hin "gebildet".

Und hier liegt der Hase auch im Pfeffer: die Interessen des Systems haben sich ganz offenkundig stark gewandelt und wandeln sich im Sekundentakt immer weiter. Man braucht derzeit willfähriges, verblödetes Bildungsvieh, das man mit Bildungsscheinen versieht, die an die berühmten "Blechorden" erinnern. Der "Gebildete" soll rezeptionsfähig, aber nicht denkfähig sein, er soll keine eigenen, starken Interessen entwickeln und nicht etwa auf eigene Faust lernen. Er soll jederzeit "umgeschult" werden können, letztendlich ein Persönlichkeits-Wrack sein. Die Einbildung der Blechscheinbesitzer wächst sich forciert immer mehr aus: schließlich haben sie ja dies oder jenes "studiert" oder "gelernt". Und das ist das Ultimum der Autorität: ich kann es, weil es ein Papier gibt, auf dem steht, dass ich es kann. Das Argument in Debatten "Das habe ich aber anders gelernt" kommt nicht erst seit der "Bildungsmisere" aus den Mäulern deutscher Spießbürger: Etwas IST so oder so, weil sie es so gelernt haben ... Eine schlimmere Konterkarierung der Aufklärung ist nicht denkbar. Die Rückseite des Landes der Dichter und Denker. Wo viel Licht, da viel Schatten — das war wohl in Deutschland immer so. Und Lebensläufe, in denen selbst 60jährige noch v.a allem anderen angeben, bei wem sie "studiert" haben, anstatt ihre eigenen Lebensleistungen aufzuzählen. Auch das ist Deutschland nicht erst heute. Ich kenne es in Deutschland nicht anders und habe mich dagegen immer gewehrt.

Natürlich habe ich mich - von früh auf immer die Nase in Büchern - gefragt, wieso - zB - ein Heinrich Ignaz Franz Biber mit 16 oder 17 Jahren das Gymnasium absolvierte und sofort - SOFORT – als Geiger in eine fürstliche Kapelle aufgenommen wurde, warum er mit ein paar Jahren einfachem Geigenunterricht einer der größten Violinvirtuosen seiner Zeit sein konnte, dessen Kompositionen heute nur von Leuten gespielt werden "dürfen", die irgendwelche hochgeschraubten Konzertausbildungen gemacht haben, und entsprechend „ausgebildet“ und „standardisiert“ klingt alles. Man komme nun nicht mit Einzelfall und so: das ist Unsinn, denn diese Einzelfälle gab es in früheren Jahrhunderten auffallend häufig und heute definitiv GAR nicht mehr.
Es werden aber sicher heute keine unbegabteren Menschen geboren als damals.
Sehen wir der Wahrheit ins Auge: das Bildungssystem ist eine Talentfalle, ein Talentzerstörer.

Wer sich - neben wenigen wichtigen und notwendigen Impulsen durch Lehrer - nicht trotzdem v.a. autodidaktisch voranbringt, kann nicht für gebildet angesehen werden, wenn man unter Bildung die Entfaltung und Formung der eigenen Talente versteht und NICHT Systemkonformität.

Und ein Hochschuldozent sagte mir einmal in meiner eigenen Studienzeit lapidar: Jahrhundetelang geschah die Erreichung von höchsten Fertigkeiten ohne all den Bildungswasserkopf.

Der Wille zu etwas ist er beste Lehrer und er führt den, der etwas erreichen will, zu seinen Meistern. In den Biografien großer indischer Musiker wird daher oft genau dieses Phänomen beschrieben: ein Junger hört einen Alten, sein Herz wird ergriffen davon, wie er spielt, er bittet ihn um Unterricht, oft, wenn kein Geld vorhanden, sogar um den Preis, zugleich sein Diener sein zu dürfen. So werden große Entfaltungen geboren. Ein jüngeres Beispiel dafür ist der Film des südindischen Regisseurs Rajnesh Domalpalli, der die Geschichte einer jungen Kuchipudi-Tänzerin beschreibt, die trotz aller Widrigkeiten ihre Meisterin sucht, ihren Willen zum Tanz nicht aufgibt und damit auch Erfolg hat: Interessant ist hier, dass die alte Meisterin sie am Ende unterrichtet, WEIL das Kind den unbedingten Willen hat. Der Film ist sehr zu empfehlen: https://www.youtube.com/watch?v=hSitQwosuLw

Das Mädchen entfloh der Schule förmlich, um dort zu lernen, wo sie spürte, vorwärts zu kommen.

Unser System sorgt allerdings dafür, dass solche Menschen erst gar nicht mehr hoch kommen und erweist sich damit als selbst rückständigen feudalen Verhältnissen unterlegen.

Maiordomus

6. November 2019 09:47

Über diesen Ihren Artikel hier, @Herr Bosselmann, wurde gegen Schluss von Kubitscheks anregender "Allerseelen"-Debatte zur Thematik des Romans "Propaganda" von Kopetzky bereits diskutiert. Es geht darum, dass es in der Tat, obwohl es nicht gemacht wird, weit einfacher wäre, das Mittelmeer mit Kriegsschiffen abzusperren (wofür aber die Mittelmeer-Anrainerstaaten hauptsächlich zuständig wären), als die von Ihnen hier oben skizzierten Probleme zu lösen, die engstens und ursächlich mit der geistigen Krise der Zeit zu tun haben. Dieser geistige Krebs scheint mir die wahre Krankheit zu sein, und weit weniger der Schaden, den zum Beispiel zugereiste Imame anrichten könnten.

Als relativierende Kritik ist anzumerken, dass die von Ihnen skizzierten Probleme längst vor dem Aufkommen der AfD am Tage lagen, nicht zuletzt, was die Frageverbote, Diskursbegrenzungen und die sog." Konsens-Objektivität" betrifft. Richtig bleibt indes, dass sich in allerneuester Zeit die Lage sichbar verschärft ha, bis hin zur Bekenntniswut, der mit der Zeit noch ein Bekenntniszwang auf dem Fusse folgen wird. Die These von Max Weber, dass Politik nicht in den Hörsaal gehöre, wird derzeit, etwa in den geisteswissenschaftlichen Abteilungen der Hochschulen, zum Teil auf eine Art unterlaufen, wie es - wenigstens an den besseren Hochschulen - seit 1933 kaum mehr der Fall war.

Lotta Vorbeck

6. November 2019 12:07

@zeitschnur - 6. November 2019 - 09:03 AM

"... Das Mädchen entfloh der Schule förmlich, um dort zu lernen, wo sie spürte, vorwärts zu kommen.

Unser System sorgt allerdings dafür, dass solche Menschen erst gar nicht mehr hoch kommen und erweist sich damit als selbst rückständigen feudalen Verhältnissen unterlegen."

***************************

Teilweise werden diese Schüler, weil als vermeintlich "verhaltensauffällig" identifiziert, gar ihnen keineswegs zuträglichen Therapien unterworfen.

Lotta Vorbeck

6. November 2019 12:15

@Maiordomus - 6. November 2019 - 09:47 AM

"... die von Ihnen hier oben skizzierten Probleme zu lösen, die engstens und ursächlich mit der geistigen Krise der Zeit zu tun haben. Dieser geistige Krebs scheint mir die wahre Krankheit zu sein ..."

+++ Damit beschreiben Sie des Pudels Kern.

"... Als relativierende Kritik ist anzumerken, dass die von Ihnen skizzierten Probleme längst vor dem Aufkommen der AfD am Tage lagen,

...

dass sich ... die Lage sichtbar verschärft hat, bis hin zur Bekenntniswut, der mit der Zeit noch ein Bekenntniszwang auf dem Fusse folgen wird. ..."

+++ Geschichte wiederholt sich nicht - heißt es.
Dennoch scheint es offenbar so zu sein - gilt im Kleinen, wie im Großen - daß, wer aus der Geschichte nicht lernt, wohl dazu verdammt ist, sie ein zweites Mal zu erleben.

heinrichbrueck

6. November 2019 14:47

Die BRD muß als Nachkriegskonstrukt abgewickelt, Merkel als eine Art Insolvenzverwalterin angesehen werden. Seit 2015 wird die Fratze öffentlicher gezeigt, war aber schon im Grundsatzpogramm der Nachkriegsordnung angelegt. Falls jemand seine Heimatlosigkeit erst im Verlaufe der letzten Jahre bemerkte, lag es bestimmt nicht an einer besseren Ordnung vor dieser Markierung. Die Zielsetzung der Bildung, die in einer Insolvenzblase keine Früchte mehr trägt, außer verlorene Bemühungen und Offensichtlichkeiten zutage treten zu lassen, ist verloren - sie hat ihre Gewißheit eingebüßt. Der kleine gebildete Weltmarktsklave, dem die Insolvenz die eigene Anspruchslosigkeit vor Augen führt, dürfte ein bißchen genervt sein. Er ist ein Knecht, der genug verdienen kann, als Wandernomade aber - über den globalistisch vorgegebenen Bildungsanspruch - nicht zu entscheiden hat. Die Pleite der Moderne wird keine schwarzen Bildungszahlen schreiben können, solange der Intellekt die Vernunft in ihren Möglichkeiten überschätzt. Paulus lobte die Torheit, Luther wollte einen Sprung in den Glauben, die Vernunft war nie oberste Ratgeberin. Wüßte auch nicht, was die eigene Urteilskraft, die meistens ein Gefühl tendiert, mit dem Zerstörungspotenzial der Demokratie zu tun hätte. Die Antifarevoluzzer können ihrer Bankrotterklärung nicht entgehen, es treibt sie geradezu der Selbstkampf in die Umwandlung. Sie müssen ihren Selbsthaß überwinden und heilen. Ihre Eineweltbildung wird sie nicht retten, ist sie doch ein gemeinschaftszerstörender Nihilismus, der jede Insolvenz in eine Feuerparty verwandelt. Der Schein wird dem Sein weichen müssen. Die Gewißheit und der Glaube, sie werden Wissen und Bildung überholen. Bildung kann keine Gemeinschaft ersetzen. Die Vereinzelung kann ihre Bildung einsalzen, sie ist wertlos. Deshalb fordern auch alle mehr Bildung, wie der Alkoholiker mehr Schnaps. Genießt die Zielsetzung der modernen Bildung immer noch Vertrauen? Geistige Krise hin oder her; Kleinkinder toben ziemlich gesund durch die Gartenanlage, sehen überhaupt nicht angekränkelt aus. Wer induziert ihnen die Krise? Aus diesen gesunden deutschen Kindern moderne Wracks zu bilden, dahinter steckt eine Ideologie. Und mit mehr dieser ideologisch verseuchten Bildung, wird nur der gewünschte Tod die Krise beenden. Die geistige Krise - eine Abrechnung der Moderne? Krisenbewältigung ist auch eine Frage der nationalen Macht. Eine Gemeinschaftsfrage.

Gustav Grambauer

6. November 2019 16:52

"Er ist ein Knecht, der genug verdienen kann, als Wandernomade aber - über den globalistisch vorgegebenen Bildungsanspruch - nicht zu entscheiden hat."

Dieser Satz von heinrichbrueck ist der maßgebliche, und er gilt nicht nur für Wandernomaden sondern für jedermann, sogar für den Zögling der teuersten Privatschule im teuersten Offshore-Steuerparadies der Welt, wobei gerade die Zöglinge der teuersten Privatschulen meist die Disposition zu anywheres mitbringen. Es wird unter keinen Umständen geduldet, daß irgendjemandem mehr oder andere als die vorgegebene Bildung zuteil wird. Das zentrale Instrument hierfür ist die UNESCO. Auch bei den wenigen Staaten, die nicht Mitglieder der UNO sind, hat die UNESCO unentrinnbar ihre klebrigen Finger im Bildungssystem drin:

http://unkt.org/un-agencies/unesco/

Somit haben sich alle Lehrpläne in allen Schulen der Welt an die Rahmensetzungen der UNESCO zu halten und alle Schulen, auch die Privatschulen, bis in den hintersten Winkel der Welt werden hierbei jeweils staatlich kontrolliert. Der vom Weltversteher ad M. L. im anderen Strang empfohlene Heimunterricht erlaubt hier nur teilweise den Ausbruch, weil die Prüfungen letztlich staatlich vorgegeben oder sogar staatlich abgenommen werden. Immer muß man mit "unangemeldeten Hospitatoren", allein zur Demütigung, rechnen. Die allermeisten Leute sehen dabei die Kafkaeske gar nicht mehr. Was geht es eigentlich den Staat an, was Kinder im Schulunterricht lernen?!

Unter diesen Bedingungen kann es gar keine Bildung in der wohlverstandenen Bedeutung des Wortes mehr geben, nur noch Zementierung der Sklaverei. Da bekanntlich die beste Versklavung die Selbstversklavung ist, läßt man dort, aber auch nur dort, wo die Infrastruktur sowieso zur Niederschleißung vorgesehen ist, allerhand Raum für soziale Laborrattenexperimente wie "Selbstbestimmtes / Gewaltfreies Lernen", "Peacemaker" auf den Kindergefängnishöfen, morgendliche "Emo-Barometer" (wo jeder Kind erstmal mit einem Zeiger vor der Klasse bekunden muß, wie es sich "fühlt"), "Kinderrechte", "Kuschelecken" u. dgl., angefeuert mit der immer noch unabgenutzten Parole von der "Entfaltung des wahren Potentials" von skurillen Politoffizieren / lyssenkistischen Scharlatanen wie Hüther, die als "Hirnforscher" im "Bildungsbürgertum" hoch angesehen sind.

Dabei wird von den "Bildungspolitikern" nie vergessen: "Die Siege und Niederlagen im Kriege werden auf den Schulbänken der Kinder entschieden." - J. F. Kennedy

- G. G.

Nemo Obligatur

6. November 2019 21:27

Sehr geschätzter Herr Bosselmann,

ich teile ihre Klage über die Schule nicht und Ihre allgemeine Analyse nur zum Teil. Was Sie über Bildung schreiben, klingt schön und gut: Befähigung zur Würde. Kant und so. Aber wann hätte das je gestimmt?

Ich bin in den Siebziger- und Achtzigerjahren in einer westdeutschen Großstadt aufgewachsen. Sagen wir so: Ich habe mich so durchgeschlagen. Wie die meisten meiner Mitschüler auch. Heute bin ich selbst Vater. Im vergleichenden Rückblick habe ich nicht den Eindruck, dass die Schule heute schlechter ist (zugegeben, sind andere Bundesländer). Dass anno Dazumal nur wahre Geistesrecken das Abitur abgelegt haben und jeder Hauptschüler den Dreisatz beherrschte, halte ich für eine Legende. Ich würde vermuten, dass man mindestens zwei Drittel der Fertigkeiten, die man im Leben braucht, ebendort lernt: im Leben. Wer Glück hat, hat ein gutes Elternhaus, einen akzeptablen Freundeskreis und trifft auch mal einen Lehrer, der ihn inspiriert. Im Sportverein etwa, oder in einer AG. Dann klappt es auch mit dem Lernen viel besser.

Das Problem heute ist weniger eine schlechte Schule als vielmehr die gehäufte und geballte Ablenkung vor allem auf den elektronischen Kanälen, gesteigert durch eine gewisse Verwahrlosung. Morgens um sieben in der U-Bahn können Sie Jugendliche sehen, die sich irgendwelche dümmlich-brutalen Filme reinziehen Auf den Spielplätzen lungern Halbstarke herum, die basslastige Musik auf tragbaren Boxen abspielen, und womit die sich dann daheim beschäftigen, wollen Sie lieber nicht wisssen. Mit Schule, egal wie gut, werden Sie dagegen nichts mehr ausrichten.

Nemesis

6. November 2019 23:47

Wenn denn die Bildung früher soviel besser gewesen ist,
so stellt sich doch die Frage,
wie wir in einen Zustand geraten konnten,
der dem Heutigen entspricht?

Daraus wäre aus meiner Sicht zweierlei zu schlußfolgern:
1. Entweder war sie nicht so gut, wie die Annahme ist,
oder
2. sie war gut, aber offensichtlich nicht ausreichend.

Wenn sie aber nicht ausreichend war,
so wäre doch die Frage:
Was fehlte?

Ich vermute, daß es mit Ausbildung und Haltung alleine eben nicht getan ist.

Die Frage die sich dann daraus ergibt:
Was fehlte dann?

Gracchus

6. November 2019 23:57

Wenn ich Ganztagsschule höre, wie froh bin ich, das hinter mir zu haben. Die eigenen "Bildungs"interessen zu verfolgen, dafür bliebe ja dann überhaupt keine Zeit mehr, und als am glücklichsten aus meiner Kindheit in Erinnerung ist mir die Zeit, in der ich mit anderen Kindern unbeaufsichtigt in Feld, Wald und Wiese tollen konnte. Wie @Franz Bettinger denke ich auch, dass das Modell die Eltern für die Erwerbsarbeit freistellen soll. Und wie @zeitschnur - den Film klingt tatsächlich interessant, ich werde ihn mir mal anschauen - sagt, folgt die aktuelle Entwicklung der Logik des Systems, das auf Standardisierung ausgerichtet ist - nur dass es, folgt man Herrn Bosselmann, keine Standards mehr einhalten oder definieren kann.

Was mich nur immer erstaunt hat: dass Schüler/Studenten anscheinend nix anderes wollen. Ich habe da kaum je mal echte Begeisterung für einen Gegenstand erlebt; dass man zum Beispiel mal in der Pause weiter diskutiert hätte über den Stoff, den man durchgenommen hatte. An der Uni ehrlich gesagt dasselbe. Immer die Frage, was muss ich lernen, um die Prüfung zu bestehen. Bildung oder Erkenntnis - so schien mir - blieb den meisten etwas Äußeres und Fremdes, zu dem sie keine persönliche Beziehung entwickeln konnten.

Amos

7. November 2019 07:55

Dass der Staat dem Individuum das Glück schulde findet Arnold Gehlen schon bei Babeuf. Das Denken in Anspruchsrechten und das Missverstehen der Grundrechte als solche und nicht in ihrem eigentlichen Sinne als Abwehrrechte reicht also mindestens bis ins Aufklärungszeitalter zurück. Zu diesem Anspruch auf Glück, Bildung und alles Wünschbare kommt der Widerspruch, dass linkes Denken den Menschen als von Natur aus „gut“ denkt. Bildung steht somit unter dem Verdacht Werkstatt des Verderbers, Diener von Zivilisation und aktueller, zu überwindender, Gesellschaftsform zu sein. Deshalb ist sie permanent zu reformieren, aber immer im Sinne des „Naturzustandes“ von Gleichheit und Gerechtigkeit, nie im Sinne von Steigerung und Veredelung von Natur aus unfertiger Anlagen.

Utz

7. November 2019 09:46

Am Anfang (bei uns nach dem zweiten Weltkrieg) geht es darum aufzubauen. Da ist es am sinnvollsten einen Wettbewerb zu ermöglichen, an dem möglichst viele teilnehmen können, damit die fähigsten zum Zug kommen können, damit es möglich wird das Land gut aufzubauen. Hat es ein Vater in dieser Generation zu etwas gebracht, will er natürlich dasselbe für seinen Sohn, und zwar selbst dann, wenn sein Sohn nicht seine Fähigkeiten hat. Das allein verwässert schon das ehemals gute System. Da gibt es dann Landeselternverbände und sonstige Gruppen, die für "mehr Menschlichkeit" plädieren und wollen, daß die Leistungsanforderungen heruntergesetzt werden. Ein zweites ist die Verweiblichung des Lehrpersonals, die in die selbe Richtung zielt. Es zählt nur noch das Gefühl und nicht mehr die Leistung.

In meiner Heimatzeitung stand vor einigen Jahren ein Artikel (Thema Übertritt ans Gymnasium) über die kleine Lisa, die doch so gerne ans Gymnasium wollte, weil ihr Berufstraum Lehrerin war, aber die böse Grundschule wollte ihr diesen Weg verwehren. Der Artikel triefte vor Gefühl. Keiner stellte die Frage, ob man, wenn man schon fordert kein Kind solle betrübt werden, jeder soll seinen Wunschberuf ergreifen können, ob man dann dem kleinen Kevin auch erlauben soll Brückenbauer zu werden, selbst wenn er sich mit Mathematik und (später) Statik etwas schwer tut.

Wird sind ein altes Land, das keinen Mut mehr hat, klare Entscheidungen zu treffen. Lebenspläne dürfen mit gutem Gewissen nur mehr bei den vermeintlich Rechten zerstört werden.

zeitschnur

7. November 2019 09:47

@ Amos

Der Staat schuldet dem einzelnen natürlich Glück, weil der einzelne dem Staat umgekehrt Aspekte von Leib, Leben und Eigentum schuldet. Wer das absurd findet, sollte zu Ende denken: Nur wenn der Staat nicht mehr existiert und keine Ansprüche auf mich hat, ist er mir auch nichts mehr schuldig. Wer etatistisch denkt, muss auch anerkennen, dass der Staat für mein Glück zuständig ist.

@ Gracchus

Die weitgehende Interessenlosigkeit der Jugend fällt mir auch auf. Sie wissen nicht, was sie wollen, auch nicht, was sie wollen sollen. Und es ist nicht ihre Schuld. Andererseits muss man fragen, ob jährlich immer minutiöser anschwellende Bildungspläne, die schon die Begeisterung der Lehrer vollkommen zum Erlöschen bringen, nicht folgerichtig auch eine mögliche Entzündung der Schüler für einzelne Fächer ausschließen.

Wenn ich das Gejammer höre, die Lehrer seien nicht gut genug ausgebildet für ihren Beruf, frage ich mich, ob wir in Deutschland einen Sprung in der Schüssel haben: die Lehrer sind zu verbildet, das ist das Problem und sind meist fachlich schlecht, dafür pädagogisch völlig überfrachtet. Jahrtausende gab es keine "Pädagogik" und dennoch lernten die Menschen voneinander.
Der Schlüssel ist nicht Pädagogik, sondern die Begeisterung fürs eigene Fach, in dem man möglichst Meister sein sollte, wenn man lehren will. Allenfalls fachdidaktisches Wissen sollte berücksichtigt werden, der ganze Rest an Pädagogik: ab in den Müllschlucker. Ob einer gut unterrichtet sollte der tatsächliche "Markt" erweisen. Im allgemeinen spricht es sich herum, ob man bei jemandem etwas lernt.
Aber solange wir in einem System "staatlich geprüfter Lehrer" leben, dürfte alleine schon wegen der erzwungenen Beamtenloyalität nichts Vernünftiges mehr zu erwarten sein: diese Lehrer haben einen Eid geschworen und müssen jeden Mist, der in den Kultusministerien ausgegoren wird, kritiklos mitmachen - das ist der Preis für die Versorgungsmentalität, die sie ja meist überhaupt erst hat staatliche Lehrer werden lassen.
Ich kenne übrigens sehr viele Lehrer, die so schnell wie möglich in Pension gingen - es sind mE die wirklich guten Lehrer gewesen - weil sie den didaktisch-pädagogischen Stuss nicht mehr mitmachen wollten, weil sie ihr Fach lieben und darin Meister sind.
Die Jugend will schlicht begeistert werden. Sie will Erwachsene sehen, die etwas können und lieben. Und die Jugend spiegelt eins zu eins wieder, was die Alten ihnen vormachen. Sie will, dass sie uns das Wichtigste sind, weil sie diejenigen wären, die die Stafetten übernehmen sollten.
Stattdessen treibt man einen Keil zwischen die Generationen, was für die Jugend faktisch den totalen Traditionsausschluss bedeutet.

Laurenz

7. November 2019 10:07

Möchte hier den Beitrag Herrn Bosselmanns verteidigen, denn meine Schulkarriere wird eine ähnliche, wie seine gewesen sein. Ich bin ein Jahr jünger.
Auch wenn ich erst nach der Oberstufen-Reform (glaube 1979) ein humanistisches Gymnasium besuchte, waren selbst meine Alt68er Lehrer noch außerordentlich streng, wobei auch damals schon Links-Konformisten besser benotet wurden, als wir Konservativen. Der Unterschied zu heute war ein gesellschaftlicher.

Man verwechselte noch nicht ganz Bildung mit Erziehung.
Damals war es für einen Facharbeiter noch möglich alleine eine Familie mit Frau und 3 Kindern zu ernähren, und ggf. die Kinder auf eine höhere Schule zu schicken. Frau konnte die eigenen Kinder noch selbst erziehen. Heute gehen Mann und Frau arbeiten, um weniger zu verdienen. Die Erziehung sollen Pädagogen übernehmen, was diese in der realen Welt überfordert.
Paul Kennedy begründet in Seinem berühmten Buch "The Rise and Fall of the Great Powers" die Überlegenheit des deutschen Soldaten in beiden Weltkriegen damit, daß der Deutsche Soldat bis in die untersten Ränge eine bessere Ausbildung besaß als seine zahlenmäßig weit überlegenen Gegner. Auch der Deutsche IQ war höher.
Als ich in den frühen 80ern mehrmals einen Schüler-Austausch nach Frankreich (in den Speckgürtel Lyons) unternehmen durfte, wurde mir auch klar, warum die Deutschen den Franzosen überlegen waren und vielleicht auch noch sind. Auf dem von mir besuchten französischen Elite-Gymnasium war alles strenger, anstrengender. Egal, in welchen Fach, die Lehrer dozierten nur (wie an der Uni) und die Schüler schrieben mit. Wir Teutonen hingegen wurden in unseren Schulen verpflichtet uns selbst zu überlegen, wie wir kreativ zu einem stimmigen Ergebnis kommen. Insofern hat @Nemo Obligatur Unrecht. Zu lernen "sich durchzuwurschteln" ist eine wichtige Überlebensschulung zum selbständigen Handeln. Und man sieht, daß der totalitäre französische Bildungsansatz in Asien viel mehr Einfluß besitzt als der ehemalige deutsche.

Marc_Aurel

7. November 2019 10:19

Nemesis
"...
Die Frage die sich dann daraus ergibt:
Was fehlte dann?
"

Ich glaube man muss hier unterscheiden zwischen der Bildung im Allgemeinen und politischer Bildung, das sind zwei paar verschiedenen Schuhe und zwei Felder mit ganz unterschiedlichen Spielregeln.

Es gibt heutzutage viele Bürger mit guter bis sehr guter allgemeiner und fachspezifischer Bildung, die beruflich wie privat erfolgreich sind/es zu etwas gebracht haben, aber auf politischem Gebiet völlig naiv und unzurechnungsfähig sind und gern auch utopischen Weltbildern nachhängen. Menschen, die fast alles glauben, was ihnen Medien und Politik vorsetzen.

Das was fehlt ist also politische Bildung. Wenn ich sage politische Bildung, dann meine ich damit nicht, dass man brav aufsagen kann, wie viele Abgeordnete im Parlament sitzen, wer gerade in welchen Ressort Minister ist oder aller wieviel Jahre Wahlen stattfinden oder was der Inhalt der letzten Steuergesetzänderung war, sondern ich meine zum Beispiel die Fähigkeit zwischen Worten und Taten unterscheiden und zwischen den Zeilen lesen zu können, auch einen gewissen Instinkt für politische Dinge zu entwickeln. Dazu wichtig ein gewisses Maß an Kenntnissen in Geschichte und Geopolitik usw.

Natürlich werden diese Felder aber entweder nicht oder bewusst falsch bespielt, denn mündige Bürger sind schließlich nicht gewünscht.

Franz Bettinger

7. November 2019 10:53

@Zeitschnur: Gott, jetzt ist der Staat auch noch für das Glück zuständig. Nicht für die Rahmen-Bedingungen oder - wie die amerikanische Verfassung will - „for the pursuit of happiness“ (das STREBEN NACH Glück), nein, für’s ganz persönliche Glück, also für das Häuschen mit Garten und Gartenzwergen. Wenn das wenigstens in der taz gefordert worden würde, von linken Versagern, die alle und jeden für ihr Unglück verantwortlich machen, nur sich selbst nicht; aber hier auf SiN? - Wohin einen die Vergeistigung führen kann!

Gotlandfahrer

7. November 2019 11:13

Was zeigt, dass wir eigentlich kein Kohlendioxid- , sondern ein Kohlenmonoxidproblem haben. "Neue Bildung" ist das Kohlenmonoxid, das die Überflüssigen in einen dämmrigen Zustand der Wahrnehmungsunfähigkeit herabsediert. Und das ist gut so, denn das ist human! Humane Sterbehilfe, was will man mehr?

zeitschnur

7. November 2019 12:53

@ Franz Bettinger

Sie haben wieder nicht begriffen, was ich geschrieben habe: ich bin keine Etatistin, klingelt es da nicht vielleicht?
Aber ich habe eine Kausalbeziehung aufgezeigt, die eingefleischten Etatisten aufzeigen soll, dass aus der Staatsgläubigkeit automatisch, wenn man nicht in totalem Zynismus versinken will, eben das folgt: wenn der Staat Zugriffrechte auf das Eigentum des Einzelnen hat (und das hat er in hohem Maße in JEDEM Staat!), dann ist er umgekehrt, wenn er keine bloße Sklavenkolonie ist, auch für das Glück des "Bürgers" zumindest MIT-zuständig.
Finden Sie sich damit ab, dass ich mir meine eigenen Gedanken (mein Eigenes!) erlaube, die vielleicht in der Form noch keiner vorgekaut hat, dem Sie akklamieren können.
Ich bin ja offen für Widerspruch, aber dazu müssten Sie erst einmal verstanden haben, was ich meinte. Ich mache mir ernsthafte Gedanken und suche nach Lösungen in einer total verfahrenen Lage, und mein Land ist mir durchaus nicht scheißegal. Die leierartige, leere bzw abstrakte Rezitation pseudorechter Plattitüden wird jedenfalls der Aufgabenstellung, vor der wir stehen, auch nicht gerecht.

Grobschlosser

7. November 2019 14:31

das Private ist politisch ( oder eben auch nicht ) .

eine Frau Schwesig (spd) aus Mecklenburg hat sich für eine Privatschule entschieden;ihr kleiner Sohn wird jetzt an einer weitgehend gewaltfreien Schule gut auf das Leben vorbereitet - die Suchmaschine liefert entsprechende Berichte ; die Systempresse verteidigt tapfer die Entscheidung einer Politikerin die im professionellen Kontext die Gesamtschule propagiert .

Eine süddeutsche Realschule mag die Kinder besser auf das Berufsleben vorbereiten als ein bremer Gymnasium - debattieren wir tatsächlich über unterschiedliche Schulformen ? Ob eine Schule für den Schüler gut funktioniert hängt von verschiedenen Faktoren ab :

1) Lehrinhalte
2) Qualifikation der Lehrkräfte
3) strukturierter Schulbetrieb ? ( kann der Schulleiter erkrankte Lehrer zeitnah ersetzen und den Lehrbetrieb garantieren ? )
4) das soziale Umfeld .

wir gehen die Liste mal durch ; die Punkte 1 bis 3 ... passt - mehr oder weniger - ein Ausbildungsmeister wünscht sich event. mehr Mathe & Physik ; bestimmte Milieus bevorzugen Latein und Philosophie . Die Geschmäcker sind verschieden - Eltern und Schüler haben unterschiedliche Wünsche / unterschiedliche Lebensplanungen .

Punkt 4 : das gesellschaftspolitische Umfeld : die Lebensrealität an deutschen Gesamtschulen ist inzwischen hinlänglich bekannt - schwere und schwerste Gewalttaten , Übergriffe , sexuelle Nötigung wird nicht einmal mehr von der sozialdemokratischen Presse ernsthaft geleugnet .

Frau Schwesig handelt also im Rahmen ihrer Mutterrolle vernünftig und richtig - entsprechend werde ich sie dafür nicht kritisieren ;weshalb sollte ausgerechnet ihr Kind unter den Folgen einer rotrotgrünen Experimentalpädagogik leiden ? Ist ihr Sohn für die Integration gewaltaffiner Orientalen zuständig ? natürlich nicht .

Die Klassenkampfrealität manifestiert sich an den Gesamtschulen dieser Republik : deutsche Arbeiterkinder werden regelmäßig verprügelt , verletzt , erniedrigt - die "verantwortlichen" Lehrer und Schulleiter leugnen das seit mehr als 40 Jahren bestehende Problem .

Der rotrotgrüne Klassenkampf gegen wehrlose Kinder ist kein Betriebsunfall der schwachsinnigen brd Bildungspolitik sondern ein Instrument der herrschenden ,habemasgeschulten Klasse. Das neue revolutionäre Subjekt ist der Drittweltler ; warum ? nun : der deutsche ( europäische ) Arbeiter hat die feinsinnige Linksbourgeoisie arg enttäuscht - Facharbeiter wählen rechte Parteien ( schon immer ) , Facharbeiter mögen keine hippen Veränderungsagenten , sie lehnen Multikulti ab und sie werden den Traum von der roten Weltrevolution niemals unterstützen .

Folge : neue , revolutionäre Subjekte müssen her ; zwar meidet das Personal der rotgrünen Republik die o.g. Gewaltorientalen wie der Teufel das Weihwassser - aber die "Integration der Geflüchteten in unser Schulsystem ist völlig o.k. " .

der alarmgesicherte , security-geschütze Wellnessraum der linksliberal-ökologistischen Klasse ist weißen , akademisch geschulten Oberschichtlern vorbehalten ; hier sieht das Leben tatsächlich so aus wie in der Schokoladenbonbonwerbung - braun ist hier nur das überraschende Ei und vielleicht noch der "unangenehme Gärtner der irgendwie faschomäßig ist " ( O-Ton einer Praktikantin / Gespräch in der Kaffeeküche ) .

richtiges Politsprech , richtige Gesinnung ; hermetisch isolierte Lebenswelten - beste Voraussetzungen um das rotrotgrüne Milieu zu reproduzieren ; vergeistigte KinderInnen die ihre unbegründete Überheblichkeit gegenüber deutschen Arbeiterkindern ganz selbstverständlich zur Schau tragen wie das neueste Telefon aus Amerika .

der brutale Alltag an "deutschen" Schulen geht nicht spurlos an den Kindern vorbei - Eltern sind verzweifelt ; zynische Lehrkräfte bestreiten gegenüber den Eltern die Existenz eines Problems ( "wenn Sie hier eine Gewaltproblematik erkennen sollten Sie sich professionelle Hilfe holen ; Sie nehmen Dinge wahr die es so gar nicht gibt " (SIC) so die Lehrerin an einer norddeutschen Gesamtschule zu einer Mutter .

Pathologisierung politischer Gegner ; Pathologisierung der Umwelt wenn diese die sozio-ökonomische Realität anders bewertet als der verbeamtete Bolschewist .

kommt es dann aber irgendwann hart auf hart weil die Zustände an den Schule unerträglich geworden sind wird gedroht " WIR ( die Lehrer ) können auch anders - wir können Jugendämter informieren ..." (SIC) womit aber der Kindesentzug gemeint ist .

ein stark vergeistigter Bildungspolitiker einer norddeutschen Großstadt erklärte im Rahmen einer halböffentlichen Veranstaltung :" die Erfolge der sozialdemokratischen Bildungspolitik in unserer Stadt werden von Faschisten und Verschwörungstheoretikern geleugnet , sie wollen unsere erfolgreiche , langjährige Bildungsarbeit beim Bürger madig machen ...usw usw" .

es gab dann noch ein paar Nachfragen einiger Bürger , auch weil die Gewaltproblematik vom Politiker völlig ignoriert wurde - DANN aber - kurz vor Schluss diese Worte :

" die Dame da hinten , ja sie - warum sprechen sie denn niemals mit den türkischen Eltern , haben sie Vorbehalte ? mögen Sie keine Menschen türkischer Herkunft ? ich merke mir mal ihren Redebeitrag und werde morgen den Direx der XY - Gesamtschule anrufen um mich zu erkundigen " .

Die Bürgerin war nach dieser unverschämten Einlassung der herrschenden Klasse am Boden zerstört .

wer in den Plattenbauten der "NEUEN HEIMAT" leben muss ist bei Ämtern und Behörden den Bolschewisten und auf der Straße den Migranten ausgeliefert .

Amos

7. November 2019 17:52

@zeitschnur Ihr Einwurf ist schnell zu Ende gedacht. Googeln Sie einfach nach dem Begriff der „Strukturellen Gewalt“ oder stellen Sie sich vor, der Staat müsste tatsächlich so etwas wie Glück oder Bedürfnisbefriedigung garantieren. Er würde in die Lage kommen Menschen dazu zu zwingen, die Bedürfnisse anderer zu befriedigen, wozu er die Freiheitsrechte verletzen müsste. Eine irre Kaskade von Widersprüchen wäre die Folge dieses Staatsverständnisses.

Nemesis

7. November 2019 23:34

@Marc_Aurel
Danke für Ihre Rückmeldung.
Ich fasse mal kurz - in ungeordneter Reihenfolge - zusammen, was bisher genannt wurde:

1.Ausbildung und Haltung, Anstrengungsbereitschaft und Selbstüberwindung (Bosselmann)
2. geschichtlicher, literarischer und soziologischer Kenntnisse, kulturellen Partizipation (Bosselmann)
3. richtiges Schreiben, Lesen und Rechnen, umfassendes naturwissenschaftlichen Weltbild (Bosselmann)
4. politische und geschichtliche Bildung (Marc_Aurel)
5. Wertschätzung und die Anerkennung Leistungen Anderer, Demut (Grobschlosser)
6. soziales Umfeld (Grobschlosser)
7. Begeisterung und Freude an Erkenntnis als intrinsische Motivation (Graccus, Zeitschnur)
8.Bildung der Entfaltung und Formung der eigenen Talente (Zeitschnur)
9- Willensentwicklung (Zeitschnur)
10. unnötige Pädagogik (Zeitschnur)
11. fehlender Praxisbezug (Nemo Obligatur)
12. Steigerung und Veredelung von Natur aus unfertiger Anlagen (Amos)
13. Wettbewerb (Utz)
14. durchwurschteln als wichtige Überlebensschulung zum selbständigen Handeln (Laurenz)

Weitere Ideen?

Götz Kubitschek

8. November 2019 07:45

weitere ideen ein andermal. für diesmal: badeschluß.

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