Don Quijote als Stratege: Federico Krutwig Sagredo und die ETA

PDF der Druckfassung aus Sezession 83/April 2018

 Gastbeitrag

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Zu den Klas­si­kern der fran­zö­si­schen Résis­tance-Lite­ra­tur gehört Joseph Kes­sels Roman Armee im Schat­ten (fr. Ori­gi­nal: L’armée des ombres, ver­faßt 1943). Dar­in diri­giert ein gewis­ser Luc Jar­die sei­ne Kom­man­dos im besetz­ten Frank­reich. Ein scheu­er, unprak­ti­scher Intel­lek­tu­el­ler, der nur in die Welt der Bücher zu gehö­ren scheint, der aber neben gepfleg­ter Kon­ver­sa­ti­on zu einer tie­fen Men­schen­kennt­nis sowie gna­den­lo­sen Stra­te­gie fähig ist. Von allen wird er lie­be­voll »Saint Luc« genannt. Und alle gehor­chen ihm aufs Wort. Für ihn wird gestor­ben, für ihn wird getötet.

Ob es solch eine Rol­le gewe­sen sein mag, die sich der Deutsch-Bas­ke Feder­i­co Krut­wig Sag­re­do (1921–1998) für das eige­ne Leben gewünscht hät­te, ist nicht mehr aus­zu­ma­chen. Feder­i­co Krut­wig Sag­re­do gehört zu den intel­lek­tu­el­len Vätern der bas­ki­schen Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on Eus­ka­di Ta Aska­tasu­na (ETA; bas­kisch für »Bas­ken­land und Frei­heit«), von der er sich de fac­to, nie de jure, wie er sagt, bereits sehr früh wie­der getrennt hat­te. Er ist kein Gian­gia­co­mo Fel­tri­nel­li, auch kei­ne Ulri­ke Mein­hof. Sein Gast­spiel in den Kon­flikt­sze­na­ri­en der 60er und 70er Jah­re ist eher kurz und marginal.

Letz­te­res war auch das umkämpf­te spa­ni­sche Bas­ken­land der Fran­co-Ära, um das es ihm zeit­le­bens ging. Sei­ne lar­moy­an­ten Qua­si-Memoi­ren Años de pere­gri­n­ación y de lucha muß man nicht gele­sen haben, eben­so wenig das Werk, das ihn am längs­ten mit der ETA ver­bin­den soll­te, Vas­co­nia. Wes­halb aller­dings doch der eine oder ande­re sei­ner Gedan­ken für unser Heu­te ver­wert­bar ist, hängt mit sei­ner frü­hen War­nung vor der Ent­kop­pe­lung einer Wider­stands­or­ga­ni­sa­ti­on von breit- gefä­cher­ten stra­te­gi­schen Aus­rich­tun­gen zusam­men. Trä­te dies näm­lich ein, wür­de aus Wider­stand sehr schnell Ver­bre­chen. Die Geschich­te der ETA, die von einer jugend­lich-idea­lis­ti­schen Wider­stands­be­we­gung mit Sym­pa­thien über das Bas­ken­land hin­aus zu einer fana­ti­schen Assas­si­nen- Sek­te her­ab­sank, scheint ihm Recht zu geben.

I. Der lan­ge Marsch zum Anfang: Bas­ki­scher Wider­stand vor ETA
ETA ist ohne die Vor­ge­schich­te des bas­ki­schen Natio­na­lis­mus im 19. Jahr- hun­dert nicht zu den­ken. Vie­le sei­ner Refle­xe und ideo­lo­gi­schen Vor­ga­ben hat sie spä­ter über­nom­men. Die Gali­ons­fi­gur von damals war Sabi­no Ara­na Goiri (1865–1903), dem man gern auch den Bei­na­men »bas­ki­scher Bolí­var« ver­leiht. Der Sohn einer wohl­ha­ben­den alt­ein­ge­ses­se­nen Fami­lie aus Bil­bao wid­me­te sein Leben der ideo­lo­gi­schen Grun­die­rung des bas- kischen Natio­nal­ge­fühls. Die­ses wur­de bis dahin vor allem von den Jesui­ten am Leben gehal­ten, aus deren Rei­hen auch die ers­te Gram­ma­tik des Eus­ka­ra, der bas­ki­schen Spra­che, stammt, einer Spra­che, die nicht zur indo­ger­ma­ni­schen Fami­lie gehört und bis dahin kaum schrift­li­che Quel­len auf­wei­sen konnte.

Es war denn auch in einer Schu­le der Jesui­ten, dem Kol­leg San­ta María de Ordu­ña, wo der jun­ge Sabi­no Ara­na mit der Geschich­te und den Legen­den des bas­ki­schen Vol­kes bekannt gemacht wur­de. Hier form­te sich sein Welt­bild aus bas­ki­schem Eth­no­zen­tris­mus, ja Ras­sis­mus und streng anti­mo­der­ner katho­li­scher Reli­gio­si­tät. Die Socie­tas Jesu, über­haupt die Kir­che des Bas­ken­lan­des, soll­te viel spä­ter eine ähn­lich wahr­nehm­ba­re Rol­le bei der Neu­kon­sti­tu­ie­rung des jugend­li­chen bas­ki­schen Natio­na­lis­mus spie­len. Fast alle der ers­ten Grün­der und Mit­glie­der der ETA waren tief reli­giö­se Men­schen und hat­ten kirch­li­che Schu­len durch­lau­fen. Krut­wig Sag­re­do wird sich spä­ter wun­dern, wie peni­bel man­che die Fast­ta­ge ein­hiel­ten. Die V. Ver­samm­lung der ETA, bei der er als Refe­rent auf­tre­ten soll­te, wur­de in einem Exer­zi­ti­en­haus der Jesui­ten abgehalten.

Sabi­no und sein Bru­der Luis pro­pa­gier­ten bald den unver­söhn­li­chen Gegen­satz von altem bas­ki­schen Selbst­be­haup­tungs­wil­len, sym­bo­li­siert in den früh­mit­tel­al­ter­li­chen Fuer­os, den Son­der­rech­ten aus den kantabri­schen Ber­gen und allem, was von außen her­ein­kam. Dazu zähl­ten die Idea­le der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und des auf­kom­men­den Sozia­lis­mus eben­so wie die neue Form des Kapi­ta­lis­mus, in des­sen Fahr­was­ser, neben dem Sit­ten­ver­fall, Scha­ren von Ein­wan­de­rern aus den ärme­ren Regio­nen Spa­ni­ens nach Eus­ka­di (bas­ki­sche Bezeich­nung für das Bas­ken- land) dräng­ten. Mit ihnen wur­de eine Gefahr akut, die spä­ter auch bei den ers­ten ETA-Akti­vis­ten stets im Vor­der­grund ste­hen soll­te: das Ver- schwin­den der bas­ki­schen Spra­che und mit ihr der bas­ki­schen Kul­tur durch Masseneinwanderung.
Und so ver­stand Sabi­no Ara­na sei­ne Bemü­hun­gen auf publi­zis­ti­schem Gebiet als Weck­ruf, als Alarm­glo­cke, die vom Todes­kampf kün­den, vor dem nahen­den Ende war­nen und alle natio­na­len Kräf­te ver­ei­nen soll­te. Als Ban­ner kre­ierte er die Ikur­ri­ña, die bas­ki­sche Fah­ne. Daß im Wort Ago­nie der Kampf steckt, war für ihn, der immer von einem Kampf­or­den nach jesui­ti­schem Vor­bild geträumt hat­te, wesent­lich. Hier­für schuf er im Jahr 1894 das Sam­mel­be­cken Eus­kal­dun Bat­zo­ki­ja, das ein Vor­läu­fer der heu­te noch exis­tie­ren­den Par­tei Par­ti­do Nacio­na­lis­ta Vas­co, kurz PNV oder bas­kisch EAJ war. In ihrem Schat­ten wuchs in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts eine Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on her­an, die ein über­ra­schend dyna­mi­sches und bald auch tod­brin­gen­des Eigen­le­ben an den Tag legte.

II. Der bas­ki­sche Gott Mars: Gewalt als Kathar­sis und Selbstläufer
Die Geschich­te der ETA ist auch die Geschich­te eines Genera­tio­nen­kon­flikts. Es ist die Geschich­te einer poli­ti­sier­ten bas­ki­schen Jugend, wel­che den Spa­ni­schen Bür­ger­krieg mit­samt dem fran­quis­ti­schen Nach­spiel nicht mehr mit­er­lebt hat­te und das Zau­dern der alten Par­tei­ka­der nicht mehr ver­ste­hen woll­te. Dabei hat­te alles so har­mo­nisch begonnen.
Nach der Nie­der­la­ge im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg, der den repu­bli­ka­ni­schen Tei­len des Bas­ken­lan­des eine Auto­no­mie bescher­te, die fak­tisch an eine ter­ri­to­ria­le Unab­hän­gig­keit her­an­kam, ver­harr­te die bas­ki­sche Regie­rungs­par­tei PNV in der Deckung. Der legen­dä­re Regie­rungs­chef (bas­kisch Lehenda­ka­ri) José Anto­nio Aguir­re ver­such­te vom Exil aus, die Geschi­cke der bas­ki­schen Sache zu len­ken. Er glaub­te, wie so vie­le, daß 1945 mit dem Ende Hit­ler­deutsch­lands nun auch das Ende der Fran­co- Dik­ta­tur in Spa­ni­en gekom­men sei und nahm Kon­takt zu US-Prä­si­dent Tru­man auf. Er grün­de­te gar eine eige­ne bas­ki­sche Miliz, die Euz­ko Naia, deren Mit­glie­der im spa­ni­schen Bas­ken­land aller­dings nur zu dis­kre­tem Per­so­nen­schutz her­an­ge­zo­gen wur­den. Das eng­ma­schi­ge Netz fran­quis­ti­scher Repres­si­on leg­te sich auf alles und jeden und zog, spä­tes­tens nach der Ent­las­sung Spa­ni­ens aus der diplo­ma­ti­schen Qua­ran­tä­ne, die Exil- PNV in die Resi­gna­ti­on. Sie ver­rich­te­te den Wider­stand nun­mehr kon­tem­pla­tiv, wir Krut­wig Sag­re­do bis­sig for­mu­lier­te (»un tan­to contemplativa«).
Inzwi­schen war eine jun­ge Genera­ti­on her­an­ge­wach­sen, die im ver­ord­ne­ten Ein­heits-Spa­ni­en begon­nen hat­te, sich für ihre bas­ki­schen Wur­zeln zu inter­es­sie­ren. Zum Zweck der kul­tu­rel­len und lin­gu­is­ti­schen Wei­ter­bil­dung grün­de­ten die jun­gen Leu­te 1955 die Ver­ei­ni­gung EKIN, aus der am Fest­tag des Hl. Igna­ti­us von Loyo­la, am 31. Juli 1959, die ETA her­vor­ging. Alles begann mit der bas­ki­schen Kul­tur. Bücher hier­zu muß­ten umständ­lich aus dem Aus­land, vor allem von der bas­ki­schen Gemein­de in Süd­ame­ri­ka, beschafft wer­den. Auch die ers­ten Gel­der für eine mili­tä­ri­sche ETA wür­den von Über­see kom­men. Bald schon began­nen die miß­trau­isch gewor­de­nen »alten Kämp­fer« des PNV das Pathos der Jugend in ihrem Sin­ne ein­zu­he­gen, was schließ­lich zum Bruch zwi­schen Alt und Jung füh­ren sollte.
ETA durf­te nach Mei­nung ihrer jun­gen Grün­der kein Arm einer Par­tei wer­den, son­dern soll­te sich als eigen­stän­di­ge Bewe­gung prä­sen­tie­ren. Sie hat kei­nen Grün­der­va­ter, son­dern zählt meh­re­re intel­lek­tu­el­le Geburts­hel­fer, die aller­dings alle­samt die Orga­ni­sa­ti­on spä­ter wie­der ver­lie­ßen oder von kon­se­quen­te­ren und kom­pro­miß­lo­se­ren Gestal­ten, wie den Brü­dern José Anto­nio und Txabi Etxe­bar­rie­ta, her­aus­ge­drängt wur­den. Vor allem jener José Anto­nio wird von Krut­wig Sag­re­do, der damals schon über die 40 war und einer ande­ren Zeit ange­hör­te, abschät­zig als »Cow­boy« tituliert.

Bereits in die­ser frü­hen Pha­se zeich­net sich ein Kon­flikt­feld ab, das die Ent­wick­lung die­ser Orga­ni­sa­ti­on über wei­te Stre­cken ihrer Geschich­te beherr­schen soll­te: Wer hat den Fin­ger am Abzug, der Intel­lek­tu­el­le oder der Mili­tan­te? Wer domi­niert ETA, die Poli­tik oder die Waf­fen? Und schließ­lich: Ver­trägt sich der bas­ki­sche Natio­na­lis­mus mit den lin­ken Pro­test- und Wider­stands­be­we­gun­gen, wie sie in den 68iger Jah­ren aller­or­ten »en vogue« waren? In den ver­schie­de­nen »ETA-Kon­zi­li­en« wur­de bis in die 1970er Jah­re hin­ein um eine ideo­lo­gi­sche Schär­fung gerungen.

Jedes Ein­bet­ten der Bewe­gung in eine gesamt­spa­ni­sche Stra­te­gie zur Befrei­ung von der Fran­co-Dik­ta­tur und vom kapi­ta­lis­ti­schen Impe­ria­lis­mus all­ge­mein wur­de als klamm­heim­li­che his­pa­nis­ti­sche Unter­wan­de­rung der wich­tigs­ten Trieb­fe­der, des bas­ki­schen Natio­na­lis­mus, ange­se­hen und ent­spre­chend suk­zes­si­ve ver­wor­fen. Bas­ken soll­ten nach den Wor­ten Krut­wig Sag­re­dos nicht die »Sene­ga­le­sen« für frem­de Ideen und Inter­es­sen sein. Beson­ders deut­lich wur­de dies, als in den 1980er Jah­ren aus­ge­rech­net die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Regie­rung von Feli­pe Gon­zá­lez mit Staats­ter­ror und gedun­ge­nen Kil­lern der bas­ki­schen Sepa­ra­tis­ten Herr zu wer­den ver­such­te. Dies ver­schaff­te der ETA im demo­kra­ti­schen Spa­ni­en den bis­lang größ­ten Zulauf.
Der radi­ka­le Anti-His­pa­nis­mus war und blieb durch die Jahr­zehn­te die geis­ti­ge Kon­stan­te, auch, als dem spa­ni­schen Bas­ken­land von Madrid eine weit­rei­chen­de Auto­no­mie zuge­stan­den wur­de. Spa­ni­en blieb für sie das Aus­land, dem nicht zu trau­en war. Aus einer tat­säch­li­chen Beset­zung durch das Fran­co-Regime wur­de in der Demo­kra­tie der Ver­dacht einer Beset­zung wirt­schaft­li­cher Art.

Am Schluß all die­ser Debat­ten stand nur noch der mili­tä­ri­sche Appa­rat oder ETAm (für mili­tar) genannt. Wäh­rend die Par­tei­gän­ger einer poli­ti­schen Durch­drin­gung noch dis­ku­tier­ten, war die Frak­ti­on ETAm bereits seit lan­gem zum Angriff über­ge­gan­gen, was zum Pres­ti­ge ihrer Füh­rer erheb­lich bei­trug. Sag­re­do hat­te die ETA da bereits ver­las­sen, da sei­ne Vor­schlä­ge für eine zivi­le Lei­tung mit nach­ge­ord­ne­tem mili­tä­ri­schem Appa­rat auf der V. Ver­samm­lung ange­nom­men, aber nie­mals umge­setzt wur­den. Die Gewalt hat­te ihre ver­füh­re­ri­sche Wir­kung entfaltet.

Das ers­te pro­mi­nen­te Todes­op­fer der mili­tä­ri­schen ETA war 1968 der Chef der poli­ti­schen Poli­zei in San Sebas­tián, Meli­tón Manzanas, der als Fol­te­rer (mit frü­he­rem Prak­ti­kum bei der Gesta­po) bei allen Oppo­si­tio­nel­len im Land ver­haßt war. Sein Mör­der ist bis heu­te unbe­kannt. Der Slo­gan »Meli­tón haben wir alle umge­bracht!« wur­de zum Pro­pa­gan- dacoup der ETA. Den größ­ten Schlag ver­setz­te sie dem Regime mit dem spek­ta­ku­lä­ren Bom­ben­an­schlag auf Fran­cos Pre­mier und Ver­trau­ten Admi­ral Luis Car­re­ro Blan­co am 20. Dezem­ber 1973, der die Grup­pe inter­na­tio­nal bekannt machte.

In den eige­nen Rei­hen war die Mili­ta­ri­sie­rung kaum noch umzu­keh­ren. ETA-Füh­rer wur­den zu Volks­hel­den, so wie der Draht­zie­her des Car­re­ro Blan­co-Atten­tats José Miguel Beña­ran, genannt »Arga­la« (der Schmäch­ti­ge), in sei­ner Jugend ein Bewun­de­rer der phi­lo­fa­schis­ti­schen Falan­ge, von dem der Aus­spruch über­lie­fert wird: »Ich dis­ku­tie­re mit allen. Ich intel­lek­tua­li­sie­re die Mili­tan­ten und mili­ta­ri­sie­re die Intellektuellen.«

In Anleh­nung an die his­to­ri­schen bas­ki­schen Frei­schär­ler, den Guda­ris, ver­stan­den sich die­se ETA-Kämp­fer als Par­ti­sa­nen der natio­na­len Befrei­ung und soli­da­ri­sier­ten sich mit Befrei­ungs­be­we­gun­gen der Drit­ten Welt. Die Roman­tik hielt frei­lich nicht lan­ge, zumal auch der staat­li­che Fahn­dungs­ap­pa­rat mit der Zeit effi­zi­en­ter wur­de. Als Frank­reich sei­ne Poli­tik der Dul­dung von Rück­zugs­ge­bie­ten im Süden des Lan­des been­de­te (etwa ab 1986), trat ETA den Weg in die Iso­la­ti­on an, aus der her­aus die Anschlä­ge will­kür­li­cher wur­den. Aus Wider­stand war längst Ter­ro­ris­mus gewor­den. Bei Ver­kün­di­gung der Waf­fen­ru­he am 20. Okto­ber 2011 waren etwa 850 Tote zu beklagen.

III. Zwei Apo­rien: Anfan­gen und Auf­hö­ren können
Gewalt­tä­ti­ge Orga­ni­sa­tio­nen in West­eu­ro­pa – ETA, IRA, OAS, RAF etc. – haben ihre Spu­ren hin­ter­las­sen und sind nur noch als Nega­tiv-Foli­en zu ver­wen­den. Das jewei­li­ge Ende hat auch den Blick auf die Anfän­ge geprägt. Die­ses Wis­sen ist der Tür­ste­her aller unse­rer Dis­kus­sio­nen, die momen­tan geführt wer­den. Die Gewalt als Opti­on ist ein­zig dem Rechts­staat über­las­sen und ansons­ten ein unge­be­te­ner Gast in allen Erör­te­run­gen, vor­aus­ge­setzt der Staat ist hand­lungs­fä­hig (und ‑wil­lig). Was nun, wenn er es nicht oder nicht mehr ist?
Begon­nen habe ich die­sen Auf­satz mit dem Ver­weis auf Joseph Kes­sels berühm­ten Roman. Die Gewalt, die dort als Reak­ti­on auf die demü­ti­gen­de deut­sche Beset­zung Frank­reichs The­ma ist, wird von den Aus- füh­ren­den als ers­ter Akt der Befrei­ung erlebt, als Kathar­sis gera­de­zu, die beim eige­nen Selbst ansetzt, um sich dann nach außen, auf die Nati­on bezo­gen, fort­zu­set­zen und zu erfül­len. Daß sie auch zur Dro­ge wer­den kann, ver­deut­licht der ETA-Wer­de­gang, daher die Figur des »Saint Luc«, der bei allen Ope­ra­tio­nen sei­nen Män­nern und Frau­en ein­schärft »Je n’accepte pas la hai­ne« (»Ich akzep­tie­re kei­nen Haß«). Sie braucht die fes­ten Zügel der Intel­li­genz, so lau­te­te auch das Cre­do von Feder­i­co Krut­wig Sagredo.

Um unse­re Pro­ble­ma­tik schär­fer zu fas­sen, soll­ten wir die Begrif­fe ändern. Man könn­te auch unser Land, unse­ren Kon­ti­nent als von Beset­zung bedroht bezeich­nen. Natür­lich ist nicht jeder Migrant ein Besat­zer; aber die frem­de Kul­tur des Islam denkt raum­grei­fend und unter­wer­fend. Hat unse­re Regie­rung immer hart genug gegen die­se Land­nah­me gehan­delt? Und wie in jeder Beset­zung gibt es auch bei uns Kol­la­bo­ra­ti­on. Was, wenn der Rechts­staat sel­ber zum Kol­la­bo­ra­teur wird, eine Prä­fe­renz einer­seits und eine Ver­nach­läs­si­gung ande­rer­seits erken­nen lie­ße? Die Beset­zung ist frei­lich nicht ganz so offen­kun­dig, da kei­ne frem­den Uni­for­men im Stra­ßen­bild zu sehen sind.
Alles wird in einer Schwe­be gehal­ten, die den inne­ren Druck und Frust jedes Betrof­fe­nen aus­zu­ta­rie­ren ver­sucht. Viel­leicht gehört es zum unein­ge­stan­de­nen Erbe alles umgrei­fen­der 68-Päd­ago­gik, daß ange­sichts die­ser Ent­wick­lung die blo­ße Nen­nung von Gewalt all­er­gi­sche Reak­tio­nen hervorruft.
Wer in die­ser Optik den ers­ten Schuß abgibt, macht sich schul­dig, im Sin­ne von Emma­nu­el Lévinas, der von dem Schmerz sprach, den man füh­len müs­se, wenn man für ein Ide­al zu den Waf­fen greife.
Es bleibt abzu­war­ten, wohin letzt­lich die Ent­wick­lung füh­ren wird und wel­che Kon­se­quen­zen sich zukünf­tig auf­drän­gen. Bis dahin mag uns die Lite­ra­tur Halt geben. Joseph Kes­sel läßt einen Résis­tance-Akti­vist im besag­ten Roman fest­stel­len: »Mais cet­te guer­re est un acte de hai­ne et un acte d’amour. Un acte de vie« (»Aber die­ser Krieg ist ein Akt des Has­ses, ein Akt der Lie­be. Er ist ein Akt des Lebens«).

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