Sezession
1. Januar 2006

Vergangenheitsbewältigung – ein Qualitätssprung?

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 12 / Januar 2006

sez_nr_12von Franz Uhle-Wettler

Höchstwahrscheinlich ist ein Qualitätssprung bei derjenigen Art von Vergangenheitsbewältigung zu vermelden, die zwar wissenschaftlich fragwürdig, aber weit verbreitet und deshalb wichtig ist. Zur Erinnerung: Zu den Grundpfeilern des Marxismus gehört die Lehre, daß in allen Bereichen des Universums, vom Innersten der Atome bis zu den fernsten Galaxien, allmähliche Änderungen der „Quantität“ zu einer plötzlichen und in menschlichen Gesellschaften revolutionären Änderung der „Qualität“ führen. So bewirkt eine quantitative Änderung, Zuführung von Wärme, unabänderlich bei null sowie hundert Grad eine sprungweise Änderung der Qualität: Eis wird zu Wasser und dann zu Dampf.

Das quantitative Wachsen des Bürgertums bewirkte in den absolutistischen Staaten den Qualitätssprung zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Die Grenzen der Doktrin sind allerdings offensichtlich: In den demokratisch-kapitalistischen Gesellschaften soll die quantitative Vermehrung des verelendenden Proletariats mit naturgesetzlicher Sicherheit zu einem revolutionären Qualitätssprung, also über die Diktatur des Proletariats zur sozialistischen und schließlich kommunistischen Gesellschaft führen.
Bisher waren dort, wo die Vergangenheitsbewältigung mit übergroßem Eifer und fragwürdigen Methoden betrieben wurde, nur quantitative Änderungen festzustellen. Noch vor vierzig oder dreißig Jahren wäre es kaum denkbar gewesen, Soldaten pauschal als Mörder und die Wehrmacht pauschal als „marschierendes Schlachthaus“ zu bezeichnen. Doch seitdem haben Einäugigkeit, Verschweigen der dem gewünschten Urteil entgegenstehenden Tatsachen und Dokumente sowie manch anderes quantitativ weiter zugenommen, wie die (anfängliche) Begeisterung über die Wehrmachtausstellungen zeigt. Aber in einem Chorgesang fallen nur die lautesten Stimmen auf. Wer Beifall begehrt, muß also noch lauter singen. So wird der Chorgesang immer lauter (eine quantitative Änderung) und kann in eine neue Qualität umschlagen. Dieser Qualitätssprung scheint nun zu geschehen. Das läßt sich an den letzten Veröffentlichungen des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) der Bundeswehr aufzeigen.
Das Amt veröffentlicht unter anderem Militärgeschichte – Zeitschrift für historische Bildung; warum die Zeitschrift wichtig ist, sei später dargelegt. Sogar in einem einzigen der neueren Hefte finden sich gleich zwei Aufsätze, die die Vermutung nahelegen, der Qualitätssprung der Vergangenheitsbewältigung sei vollbracht. Der erste Aufsatz hatte den „Mythos“ Tannenberg und damit eine deutsche „Legende“ als Titel.
Schon das weckt Interesse. Immerhin ist sogar genialen Heerführern die Einschließung und damit Vernichtung eines feindlichen Heeres nur selten gelungen: Hannibal bei Cannae, Cäsar bei Ilerda, Napoleon bei Ulm und Moltke bei Metz sowie bei Sedan. Hindenburg und Ludendorff konnten 1914 bei Tannenberg die sogar etwas stärkere russische Zweite Armee in einer mehrtägigen Schlacht einschließen – und das, obwohl die nur ein bis anderthalb Tagesmärsche entfernte russische Erste Armee praktisch keine deutschen Truppen mehr vor sich hatte und dauernd einzugreifen drohte. Warum ein solcher Sieg so sehr „Mythos“ und „Legende“ sein soll, ist schwer erkennbar. Doch das ist hier nicht Thema. Also nur der Hinweis, daß Niveau und Aussage des Aufsatzes dem Titel entsprechen.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.