26. November 2019

Weihnachtsempfehlungen 2019 – Ellen Kositza

Ellen Kositza / 22 Kommentare

Zu Weihnachten veröffentlichen wir (wie jedes Jahr) Buchempfehlungen aus unserer Redaktion: Wahres, Gutes und Schönes. Heute: Ellen Kositza.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wahres

Eugen Ruge: Metropol. Roman, Hamburg: Rowohlt 2019. 432 S., 24 €

Was für ein krasses Buch! Gerade noch, 2018, hatten wir den Amerikaner Amor Towles gepriesen, der mit Ein Gentleman in Moskau den jahrzehntewährenden „Hausarrest“ des Grafen Rostov im Moskauer Luxushotel „Metropol“ in Romanform brachte.

Nun geht es um dasselbe Hotel; diesmal führt der deutsche Romancier (und studierte Mathematiker) Eugen Ruge (*1954) die Feder. Ruge wurde im Juni 1954 geboren, ein halbes Jahr nach Stalins Tod. 2011 hatte Ruge den mehrfach ausgezeichneten Familienroman In Zeiten des abnehmenden Licht vorgelegt, einen DDR- und Wenderoman.

Mit Metropol hat er die damals ausgeklammerte Lebensgeschichte seiner Großmutter Charlotte nachgereicht, verdichtet auf jene 477 Tage, die sie gemeinsam mit ihrem Mann im Hotel Metropol, Moskau, verbringen mußte. Hier werden nach und nach unter Verdacht geratene Mitglieder der kommunistischen Internationalen (Komintern) einquartiert.

In den Jahren 1936 bis 1938, der Zeit der stalinistischen "Säuberungen", wurde auch der Nachrichtendienst der Komintern, die sogenannte OMS, liquidiert. Im Epilog, einem editorischen Bericht Ruges über seine Recherchen und den unglaublichen Zufall, der seine Großmutter überleben ließ, sind die reellen Personen hinter den Romanfiguren aufgelistet: Jeder Absatz schließt mit dem Datum der Erschießung oder des Todes im Gulag.

Wie funktioniert Gehirnwäsche? Hier sagt einer, der es wissen muß: „Die Menschen glauben, was sie glauben wollen. (…) Man kann ihnen Fakten liefern, man kann sie widerlegen, es hilft nichts. Im Gegenteil, wer etwas glauben will, findet einen Weg. Er wird sich durch den winzigen Spalt quetschen, den die Wahrheit ihm lässt. Wird die Dinge so lange drehen und wenden, bis sie wieder in seinen Glauben hineinpassen, und seine ganze Klugheit wird ihn nicht etwa daran hindern, sondern ihm noch dabei behilflich sein.“

Sprechen wir über damals oder auch über - heute? Höchst erstaunlich, daß ein Rugetext zur Deutsch-Abi-Prüfung im Jahre 2018 (Sachsen-Anhalt) zugelassen wurde.

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Gutes

Patrizia Schlosser: Im Untergrund, Hamburg: Hoffmann und Campe 2019, 251 S., 18 €

Den Untertitel nenne ich hier nicht. Er hätte vermutlich dazu geführt, daß ich dieses Buch keines Blickes gewürdigt hätte. Was definitiv ein Fehler gewesen wäre! Die Reportage der jungen Journalistin Patrizia Schlosser ist ein echter Glücksfall. Ein aufschlußreiches Lesevergnügen  für „m/w/d“, für Akademiker wie für praktisch Orientierte, für Linke wie Rechte.

Darum geht es: Frau Schlosser steckt noch in journalistischen Kinderschuhen. Ihr fehlt gewissermaßen das Knallerthema. Sie hört nun davon, daß drei Leute, die der „3. Generation“ der RAF zugrechnet werden, immer noch aktiv seien: Daniela Klette, Ernst-Volker Straub und Burkhard Garweg.

Sie sollen, mittlerweile als „RAF-Rentner“ immer noch im Untergrund leben und durch Raubüberfälle ihr Unwesen treiben. Patrizias Schlosser eigener Vater war „damals“ zu Hochzeiten der „Fraktion“, Kriminalbeamter. Mittlerweile führt er ein grummelndes Rentnerdasein. Sie holt ihn – gegen erhebliche Widerstände – ins Boot bei ihrer zu Beginn fast infantilen, dann immer reiferen Ermittlungsarbeit.

Patrizia Schlosser verschickt dutzende Anfragen, an Leute, die etwas wissen könnten über die Untergründler und ihre Motive. Sie trifft sich mit verrücktesten Leuten -echten „Systemaussteigern“, Paranoiden und Fachmännern mit Vergangenheit. Sie wird bedroht. Sie fühlt sich links, der Papa liefert den Gegenpol. Erst spät stellt sich heraus, wie direkt Vater Schlosser damals mit der RAF zu tun hatte… Abenteuerlich gut geschrieben: wie eine kluge Frau von ihren linken Utopien läßt. Jedenfalls so halbwegs.

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Schönes

Sebastian Schütze: Caravaggio. Das vollständige Werk. Köln: Taschen 2019, 524 S., 50 €

Caravaggio, der Prachtmaler des Frühbarock: das, Kinder, ist Kunst! Eine Zeitlang pflegten wir als ehrgeizige Eltern mit unseren Kindern „Kunstthemenmonate“. Das hieß: Jeden Monat gab es ein Bild und gewissermaßen abendliche „Meditationen“ dazu. Was wird hier gezeigt? Warum auf diese Weise? Welche Mittel nutzt der Künstler?  Was fällt euch noch auf? In welcher Zeit befinden wir uns? Was malten damals andere Künstler?

Das war so ambitioniert, daß wir es irgendwann sein ließen. Die Kinder mochten diese kleinen Unterrichtssequenzen nach dem Abendbrot eigentlich gern. (Nur, wenn es in Abfragungen ausartete - "Und welches Ereignis, W., hatte damals gerade stattgefunden? Hatten wir doch vorgestern im Detail!"- verdrehten sie die Augen.)

Mit diesem wunderbaren Bildband will ich neu beginnen. Mit abendländischer Meisterschaft!  Für mich ein konservativer Revolutionär avant la lettre!

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Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (22)

t.gygax
26. November 2019 10:38

Kleine Leseempfehlung: "Rote Asche" BrinkhausVerlag/Schweiz, Verfasser der Ex SVP Poltiker Oskar Freysinger.
Eine literarische Abrechnung mit dem Kommunismus in der UDSSR, speziell der Zeit der "großen Säuberung" Stalins 1935-1938.
Fiktional, das Ganze, aber gut erzählt- wesentlich besser als etwa sea changes/Notre Dame 2018/Guerilla und ähnlich dystopische Bücher, und vor allem: Freysinger hat einen ganz eigenen Stil, nicht umsonst kamen aus der Schweiz früher große Erzähler.Mich hat das Buch nicht mehr losgelasssen, obwohl der Inhalt mehr als unerfreulich ist...und jeder, der gerne Schach spielt, findet hier einige tiefsinnige Gedaken zu diesem Spiel.
Leider ist es in der BRD nicht erhältlich, ich musste eine Menge Zeit, Geld und Mühe aufwenden, um mir das Buch von einem Bekannten , der nahe der Schweizer Grenze wohnt, besorgen zu lassen. Und selbst der hatte in der Schweiz Mühe, das Buch zu erhalten...was er mir nachher von seinen Erfahrungen in Schweizer Buchläden erzählte, wäre Stoff für eine hüsche Kurzgeschichte...
Aber wie gesagt: das Buch ist es wert gelesen zu werden, und Freysinger tat gut daran, suich nach seinem Poiltikerleben wieder ganz dem Schreiben zuzuwenden.

Ein gebuertiger Hesse
26. November 2019 11:02

Sehr schön die Empfehlung für das Caravaggio-Buch (tolles Cover auch - der Blick der jungen Frau ist reine Gemütsgegenwart; wieviel Können und Klugheit war bei so einem Portrait am Werk). Kunst - echte! - sollte in unserer Sphäre häufiger gewürdigt werden. Die didaktischen "Meditationen" sind ebenfalls das eigene Ausprobieren wert, nicht nur gegenüber Kindern; auf die Weise bilden sich kanonische Wertschätzungen.

H. M. Richter
26. November 2019 12:12

Mit Dank für die Empfehlungen eine Frage:

Wenn'Rote Asche' von Freysinger tatsächlich so gut und schwer beschaffbar ist wie beschrieben, wäre es dann möglich, daß der Verlag Antaios im schönen Städtchen Horw beim Brinkhaus Verlag einige Exemplare beschafft und danach der hiesigen Leserschaft ein Zeichen gibt? Wenn ja, ist ein Exemplar hiermit vorbestellt.

Anschließend könnte der Werbespruch "Antaios liefert jedes Buch" nicht nur in bisher noch unbekanntem, zusätzlichem Lichte erstrahlen, sondern vielleicht sogar um einen Zusatz ergänzt werden.

Notfalls müßten die beiden uns verbundenen, in der Schweiz lebenden Meister hinzugezogen werden, aber vermutlich ist dies gar nicht nötig ...

Maiordomus
26. November 2019 12:16

@Kositza. Ich bewundere Sie für die Unentwegtheit, auch Geduld und Freude an der Arbeit, womit Sie Jahr für Jahr und Saison für Saison Bücher empfehlen. Und zwar keineswegs nur Produktionen aus dem eigenen Verlag oder gar nur aus dem sogenannten "rechten Lager". Über die Jahre erweckten Sie in mir den Verdacht, in Ihrer Belesenheit einen breiteren und weiteren Horizont sich erarbeitet zu haben als es bei vielen führenden Feuilletonisten und Feuilletonistinnen der noch existierenden, im Abbau begriffenen Literaturabteilungen der grösseren Zeitungen der Fall ist.

Caravaggio vermag mich besonders zu interessieren; über diesen Künstler hat mal ein Militärdienstkollege von mir einen durchaus tauglichen, wenn auch nicht gerade umwerfenden Roman geschrieben; italienische Künstler dieser Liga sind unerschöpflich, natürlich nicht nur diese: der Besuch des Ateliers zum Beispiel von Delacroix war für mich diesen Herbst schon allein eine Reise nach Paris wert, wegen der Masse des Publikums habe ich mir aber die Da-Vinci-Ausstellung im Louvre geschenkt, die ich eigentlich primär besuchen wollte. In diesem Sinn wünsche ich dem Caravaggio-Buch Käufer, warum nicht via Antaios bestellen?

@Gygax. Mein geschätzter Kollege Freysinger hat sich leider zur Hauptsache nicht nur dem Schreiben zugewandt. Zum Beispiel war er dieses Jahr Wahlkampfleiter seiner Partei in der Westschweiz, was mehr mit sich bringt als nur eine Hobby-Tätigkeit. Sein gelungenstes und eindrücklichstes Oeuvre seit seiner Abwahl als Regierungsrat scheint mir der Wallis-Roman "Bergfried" zu sein, ein Buch, das jedoch wegen dem gleichzeitigen Erscheinen von Freysingers überflüssigen politischen Memoiren kaum beachtet wurde, trotzdem sein wohl bester Text über ein tiefsinniges weibliches Dorforiginal, auch eine Liebesgeschichte gemäss Kor I, 13. Sein Walliser Bergtal kennt Freysinger nun mal einschliesslich des darin enthaltenen Hintergründigen. Für das Thema der Stalinschen Säuberungen indes, das hier angesprochen ist, gibt es hervorragende Literatur, nicht zuletzt den noch immer höchst lesenswerten "Archipel Gulag" von Solschenizyn, den die jüngere Generation über den Titel hinaus kaum zur Kenntnis genommen hat. Als absolut bedeutendstes Werk über den Stalinismus in Romanform schätze ich "Der erste Kreis der Hölle", ebenfalls von Solschenizynm ein, wobei die dort eingeschobene Novelle "Das Löcheln des Buddha" über den Besuch von Eleanor Roosevelt im Moskauer Butyrka-Gefängnis der wohl absolut stärkste Text zur Einschätzung des Gutmenschentums à la Roosevelt ist, andererseits zugleich das stärkste Zeugnis für den religiös radikalen Empfang des "Abendmahls" oder "Kommunion" in der vielleicht gesamten christlichen Literatur der letzten 500 Jahre. Die literarische Struktur der Erzählung ist in russischer Lügentradition das Potemkinsche Dorf, weil das Gefängnis für den Besuch der Präsidentenwitwe voll auf Show renoviert und umgerüstet wird, u.a. mit Bibel in jeder Zelle, die jedoch nach dem Besuch wieder eingezogen wird. Dass nun aber bei dieser Gelegenheit ein Gefangener die Bergpredigt aus der "Gefängnisbibel" herausgerissen hat, deswegen gefilzt wurde, und in seiner physischen, geistigen und spirituellen Not im letzten Moment vor dem Filzen den Text verschluckt hat, scheint mir, so sehe ich es wenigstens, als ein absolutes Maximum politischer Mystik vor, bezogen auf die Geschichte des modernen Totalitarismus. Ich erwähne dies, weil man wegen der Kürze des Lebens sich in Sachen Literatur auf das Allerbeste konzentrieren sollte; so zum Beispiel neben der genannten Geschichte um Eleanor Roosevelt von Solschenizyn etwa auf die Legende vom Grossinquisitor von Dostojewskij. Mit Ausnahme der Evangelienberichte die wohl stärkste Darstellung von Jesus in der Weltliteratur. Ein Schüler von mir, heute Religionslehrer, erkühnte sich zur Behauptung, Dostojewskij habe Jesus womöglich noch besser verstanden als die Bibelverfasser. Sicher scheint indes, dass die Jünger den Mann nicht ausreichend verstanden haben. Ob allerdings dieser Ruge an die beste Literatur zum Thema, siehe meine Ausführungen an @Gygax, herankommt, wage ich in Frage zu stellen, schliesse aber eine Lektüre nicht aus. Zur Zeit des Kalten Krieges habe ich indesen über 300 Bücher zu dieser Thematik gelesen, welche es heute eher nicht mehr gibt. Sowieso ist es für den Zeitgeist wichtig, dass wieder Neues geschrieben wird, siehe die "Auschwitz"-Literatur, die mit der Menge und der Wiederholung nicht automatisch besser wird, meist im Gegenteil. Schicken Sie es mir gleich, Sie haben meine Adresse. Eher zögere ich aber noch mit der Bestellung des Romans von Patrizia Schlosser. Trotz Riesenproduktion sind im neuen Jahrtausend auf Deutsch fast keine Romane von Klasse geschrieben worden; äussere mich da zurückhaltend, weil sonst Kollegen indigniert sein könnten. Wenn ich nur denke, wie miserabel missglückt die Romanversuche von Sloterdijk sind, wiewohl dieser Mann, den Marc Jongen für ein Genie hält, doch einiges auf dem Kasten hat und im Prinzip schreiben kann! Unter den aus meiner Sicht noch begabten Autoren, die es auf meisterhafte Weise verstehen, verbotene Botschaften zu streuen, sehe ich den hier schon ein paarmal erwähnten Volker Mohr. Er realisiert indes, dass relativ kürzere Erzählungen im Vergleich zu Romanen, die heute meist fast nichts mehr hergeben, eine noch mögliche literarische Form sind. Will man als Belletrist ausserhalb des Literaturbetriebs der Frustration entgehen, empfiehlt sich eine Beschränkung auf eine Auflage von 200 Stück, so gehandhabt beim Bändchen "Das Riesenrad", erhältlich im Schaffhauser Antiquariat unweit der Bibliothek am Münsterplatz.

Monika
26. November 2019 13:22

Zu Schönes
Ich bin ein absoluter Fan der der italienischen Renaissance. Meiner hervorragenden Kunstlehrerin im Gymnasium, Frau Dr. Stein, sei es gedankt .
Und - mochte Caravaggio nie besonders. Denn, er ist kein und schon gar nicht der Prachtmaler der Renaissance !
Er ist der Begründer der römischen Barockmalerei (Frühbarock) . Ein Zeitgenosse von Peter Paul Rubens, beide berühmte für die Hell-Dunkel Malerei.
So viel Ordnung muss sein.

Maiordomus
26. November 2019 13:53

@ Monika. A propos italienische Kunst, nicht nur Renaissance: Einer der besten "Führer" in dieser Sache erschien schon vor bald 150 Jahren, der "Cicerone" von Jacob Burckhardt. Das Besondere bleibt, dass Burckhardt, in dessen Büchern es kaum Illustrationen gab, seine Kunst-Vision i n W o r t e fassen musste. Das wurde grosse Literatur, hat notabene für Generationen die Kunstgeschichtsschreibung geprägt. Wegen des noch berühmteren Werks von Burckhardt, "Die Kultur der Renaissance in Italien", neigt das Publikum dazu, die italienische Kunst über diese grosse Epoche hinaus, nicht zu vergessen den Manierismus, bis in den Barock hinein pauschlisierend als Renaissance zu bezeichnen. Schulmässig ist das natürlich falsch. Dank dem italienischen Film, nicht zuletzt Fellini und Bertolucci, kann man vielleicht sogar noch im 20. Jahrhundert im übertragenen Sinn von renaissancehafter und barocker Bilderfreude sprechen.

Monika
26. November 2019 15:13

@Maiordomus
Mit Jakob Burckhardts „ Die Kultur der Renaissance in Italien“ in der Lederfransentasche durchstreiften wir mit unserem Kunstkurs Florenz und Umgebung.
Schön ist die Jugend. Anhand dieses Buches lernten wir, die einzelnen Stilrichtungen genau zu unterscheiden.
Vor kurzem wurden aus einer hiesigen Schulbibliothek zahlreiche Bücher ausgeschieden. Mir fiel Jacob Burckhardts Werk „Die Zeit Constantins des Großen“ in die Hände. Es wäre sonst wohl im Papiermüll gelandet.

Old Linkerhand
26. November 2019 16:51

Die Begriffe Renaissance, Gotik und Manierismus stammen von Giorgio Vasari, der mit seinen Viten über die Künstler seiner Zeit berühmt wurde und so wohl auch als erster Kunsthistoriker bezeichnet werden muss. Ob Caravaggio der Spätrenaissance, dem Manierismus oder dem Frühbarock zu zuordnen ist, darüber ließe sich trefflich streiten. Jedenfalls scheint Kositza ein echter Fan zu sein, ihr Twitterprofil schmückt sich etwas abgründig mit „Judith und Holofernes“.
Ansonsten möchte ich mich insistierend @H. M. Richter anschließen und dann noch Warlam Schalamow als besten Chronisten des sowjetischen Gulagsystem ins Spiel bringen.
@Frauenarzt: Viele Literaten haben über Schach „tiefsinnige“ Gedanken verfaßt, allerdings waren alle lausige Spieler. Im Schach ist es so wie in der Politik: die wirklich guten Züge sind dem Zuschauer / Wähler nicht vermittelbar.
Politiker, die Spieltheorie nicht verstehen, sollten dann wenigstens etwas Schach können. Aber nicht so wie der beinfreie Peer Steinbrück oder Helmut Schmidt, denen wohl nichts zu peinlich ist.

Maiordomus
26. November 2019 20:58

@Monika. Das Schönste am Buch "Der Cicerone" von Burckhardt ist der Untertitel: "Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens". Dass Burckhardt aus der Schulbibliothek verschwindet, hängt mit dem Verhältnis zum Lesen überhaupt zusammen. Burckhardt, wiewohl ein brillanter und klarer Stilist, ist als Bildungsbürger, der den jungen Nietzsche, ehemaligen Portaschüler, faszinieren konnte, für heutige Junge wegen seinem humanistischen Horizont kaum mehr lesbar.

Maiordomus
26. November 2019 21:42

PS: Der Hinweis auf Burckhardts Untertitel: "Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens" scheint mir sinngemäss auf Kositzas Buchempfehlung von Sebastian Schütze "Caravaggio" anwendbar, war auf jeden Fall so gemeint und nicht bloss als Bildungsreminiszenz.

Ellen Kositza
27. November 2019 08:47

Ja! Ich bin lernfähig und habs geändert. (Renaissance.)

Monika
27. November 2019 09:31

Immer wieder amüsant, wenn man durch eine kleine Anmerkung ( Korrektur) , weil man‘s vielleicht mal etwas genauer gelernt hat, die konservative Bildungselite triggert.
Man traut sich schon gar nicht mehr, was zu sagen. Ich möchte eigentlich nicht trefflich streiten. Jedenfalls nicht über so etwas.
Als u.a. gelernte Chemielaborantin streite ich mich hin und wieder schon trefflich mit Freunden, Nachbarn, Verwandten über die richtigen Bodepflege- und Haarfärbemittel ( von wegen krebserregend). Mein Schluss der Weisheit, was man denn noch verwenden könne:
Dann nehmt halt Schmierseife oder Spüli. Einfach das Normale halt.

Franz Bettinger
27. November 2019 09:35

@Richter: Gute Idee! Ich schließe mich Ihrem Vorschlag an und bestelle ein Buch, falls Antaios es besorgen kann (am liebsten wäre mir die französische Variante, aber egal).
Das Oskar Feysinger Buch 'Rote Asche' ist bei Amazon auf französisch als Taschenbuch erhältlich als "Cendre rouge", allerdings zu dem unglaublichen Preis von 50€ plus 22,65€ Versandkosten. Uff, das ist steil.

Hartwig aus LG8
27. November 2019 10:41

Frau Kositza ist bei mir spätestens seit ihrem Verriss von Houellebecqs "Serotonin" während ihrer Dreierrunde "Aufgeblättert Zugeschlagen" keine Instanz für literarische Empfehlungen mehr.
Aber zu Patrizia Schlosser: Ab kurz nach 16 Uhr sitze ich meist im Auto. Der einzige Ort, an dem ich Radio höre. 16:10 werktäglich Büchermarkt auf DLF. Erst kürzlich sprach Rüdiger Safranski über seine neu erschienene Hölderlin-Biographie. Und vor ca. zwei Wochen wurde diese Patrizia Schlosser interviewt. Es ging um ihr Buch "Untergrund". Zunächst plapperte da eine jugendliche Mädchenstimme über ihre Beweggründe, sich mit der dritten RAF-Generation zu befassen. Im Verlauf des Gespräches wurde die Autorin immer sympathischer, sagte eher kluge Dinge und sorgte dafür, dass ich am Ende des Interviews genau hinhörte, als Titel und Autorin nochmal genannt wurden. Und ohne es gelesen zu haben, würde ich sie wahrscheinlich eher unter "Wahres" statt "Gutes" gruppieren.

Kositza: Bin exakt genauso auf das Buch aufmerksam geworden! Serotonin, ich bitte Sie. Das ist doch keine Literatur.

RMH
27. November 2019 12:20

"Serotonin, ich bitte Sie. Das ist doch keine Literatur."

Doch - und zwar gute!

@Hartwig aus LG8
"Frau Kositza ist bei mir spätestens seit ihrem Verriss von Houellebecqs "Serotonin" während ihrer Dreierrunde "Aufgeblättert Zugeschlagen" keine Instanz für literarische Empfehlungen mehr."

Da stand sie aber eher alleine mit Ihrer Meinung in dieser Runde und das war auch ihr gutes Recht! Finde es etwas abwegig, aus der offen gezeigten Abneigung gegen einen bestimmten Autor oder eine bestimmte Literatur da jetzt eine allgemeine Regel daraus zu stricken.

Das vor Urzeiten auf Sezessions-Seiten gelobte "Bleiche Herz der Revolution" fand ich beispielsweise nicht als gute Literatur sondern eher unerträgliches Geschmiere - sehe es aber dennoch nicht als verschwendete Zeit an, es einmal aufgrund der Besprechung in der Sezession gelesen zu haben. So hat halt eben jeder seine Neigungen, aber dennoch bin ich dankbar für jede Rezension, die hier oder im gedruckten Heft erscheint. Ohne die Besprechung von G.K. wäre mir bspw. auch sicher Leif Randts "Schimmernder Dunst über Coby County" entgangen und noch so manches eben mehr (könnte ich einiges aufzählen, würde zu lang).

Von daher von mir: Volle Unterstützung - hier wird handwerklich bestes Feuilleton gemacht, auch wenn ich nicht immer der der selben Meinung bin (wäre ja auch noch schöner).

Cugel
27. November 2019 15:50

Auf Youtube ist das Ergebnis einer Kooperation Patrizia Schlossers mit dem Nazijäger Julian Feldmann (NDR) unter dem Titel "Nazi-Terror auf der Spur - Wie gefährlich ist Combat 18?" (YT-Einstelldatum Juli 2018) zu sehen. Herr Feldmann hat in seinem flachen Hinterkopf viel Platz für Gerechtigkeit und läßt keine Gelegenheit aus, dieser zum späten Sieg zu verhelfen. So hat er unlängst dafür gesorgt, daß der greise Karl Münter, der in WKII an einer Vergeltungsaktion der SS gegen die Zivilbevölkerung eines französischen Dorfes beteiligt war, in den Fokus antifaschistischer Handarbeiter geraten ist. Nach einem Berichts Feldmanns über sein Gespräch mit Münter (nach Münters Angaben hat ihn Feldmann dabei über seine wahren Absichten getäuscht) wurde dieser Ziel einer internationalen medialen Hetzkampagne, in deren Verlauf der hochbetagte Mann 2018 in seiner Wohnung überfallen, ausgeraubt (Geld und Orden) und stundenlang gefesselt auf dem Fußboden liegengelassen wurde. Münter ist inzwischen verstorben. Nun ist Fräulein Schlosser zwar nicht Herr Feldmann, aber offensichtlich eine haltungsbewußte wackere Antifaschistin. Wer solche Leute durch Erwerb ihrer Ergüsse finanziell unterstützen möchte, zusätzlich zu der Steuerknete, die sie ohnehin abziehen, kann das gerne tun. Mir fiele so etwas nicht im schlechtesten Traum ein, ob ihr Buch nun lesenswert ist oder nicht.

Hartwig aus LG8
27. November 2019 16:40

@ RMH

Nicht so bierernst. Hätte ich vielleicht ein Smiley an meinen Eingangssatz machen sollen? Ich nehme einmal zu Gunsten von E.K. an, dass sie ihre Bemerkung, Serotonin sei "KEINE Literatur" ebenfalls überspitzt gemeint hat. Oder??? (drei Fragezeichen bedeuten: jetzt blos keine falsche Antwort.)

Ellen Kositza
27. November 2019 20:22

@Hartwig, nee, wir haben uns schon verstanden! Allerdings hat... ein enger Mitarbeiter von mir Ihren Kommentar auch so gelesen wie RMH!

RMH
27. November 2019 20:53

"Hätte ich vielleicht ein Smiley an meinen Eingangssatz machen sollen? "

Manchmal kann so neumodisches Zeug doch recht praktisch sein … ;)
:)

Gracchus
27. November 2019 22:50

Den Caravaggio-Band hab ich sogar im Regal stehen. Ist natürlich schön, allerdings finde ich Caravaggio oft zu effekthascherich.

Diesmal schließe ich mich wieder @Maiordomus an: Dostojewski lesen! (obgleich ich derzeit Tolstoi lese, danach aber wieder Dostojewski) und überhaupt die Russen! Ich empfehle Lyrik: Christian Saalberg und Arsenij Tarkowski, Vater von Andrej (in dessen Filmen ja oft Gedichte des Vaters rezitiert werden).

belisarius
29. November 2019 00:57

"Ohne die Besprechung von G.K. wäre mir bspw. auch sicher Leif Randts "Schimmernder Dunst über Coby County" entgangen und noch so manches eben mehr (könnte ich einiges aufzählen, würde zu lang)."

@RMH

Serotonin hat mich mit seiner Tiefe und seiner versteckten Spiritualität überrascht. Ich war davor schon Houellebecq-Fan, einfach weil er zu unterhalten weiss, und weil er einer der wenigen wirklich zeitgemäss denkenden und schreibenden Europäer ist (wobei ich nicht den Anspruch erhebe da eine wirkliche Übersicht zu besitzen). Randt schätze ich aus dem gleichen Grund. Ihre Liste interessiert mich sehr!

Ratwolf
1. Dezember 2019 15:08

Manchmal wünsche ich mir, dass ich wieder die Verfassung und die Ruhe besitze, um solche Bücher zu lesen.

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