Weihnachtsempfehlungen 2019 – Ellen Kositza

Zu Weihnachten veröffentlichen wir (wie jedes Jahr) Buchempfehlungen aus unserer Redaktion: Wahres, Gutes und Schönes. Heute: Ellen Kositza.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wah­res

Eugen Ruge: Metro­pol. Roman, Ham­burg: Rowohlt 2019. 432 S., 24 €

Was für ein kras­ses Buch! Gera­de noch, 2018, hat­ten wir den Ame­ri­ka­ner Amor Tow­les geprie­sen, der mit Ein Gen­tle­man in Mos­kau den jahr­zehn­te­wäh­ren­den „Haus­ar­rest“ des Gra­fen Ros­tov im Mos­kau­er Luxus­ho­tel „Metro­pol“ in Roman­form brachte.

Nun geht es um das­sel­be Hotel; dies­mal führt der deut­sche Roman­cier (und stu­dier­te Mathe­ma­ti­ker) Eugen Ruge (*1954) die Feder. Ruge wur­de im Juni 1954 gebo­ren, ein hal­bes Jahr nach Sta­lins Tod. 2011 hat­te Ruge den mehr­fach aus­ge­zeich­ne­ten Fami­li­en­ro­man In Zei­ten des abneh­men­den Licht vor­ge­legt, einen DDR- und Wenderoman.

Mit Metro­pol hat er die damals aus­ge­klam­mer­te Lebens­ge­schich­te sei­ner Groß­mutter Char­lot­te nach­ge­reicht, ver­dich­tet auf jene 477 Tage, die sie gemein­sam mit ihrem Mann im Hotel Metro­pol, Mos­kau, ver­brin­gen muß­te. Hier wer­den nach und nach unter Ver­dacht gera­te­ne Mit­glie­der der kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­len (Kom­in­tern) einquartiert.

In den Jah­ren 1936 bis 1938, der Zeit der sta­li­nis­ti­schen “Säu­be­run­gen”, wur­de auch der Nach­rich­ten­dienst der Kom­in­tern, die soge­nann­te OMS, liqui­diert. Im Epi­log, einem edi­to­ri­schen Bericht Ruges über sei­ne Recher­chen und den unglaub­li­chen Zufall, der sei­ne Groß­mutter über­le­ben ließ, sind die reel­len Per­so­nen hin­ter den Roman­fi­gu­ren auf­ge­lis­tet: Jeder Absatz schließt mit dem Datum der Erschie­ßung oder des Todes im Gulag.

Wie funk­tio­niert Gehirn­wä­sche? Hier sagt einer, der es wis­sen muß: „Die Men­schen glau­ben, was sie glau­ben wol­len. (…) Man kann ihnen Fak­ten lie­fern, man kann sie wider­le­gen, es hilft nichts. Im Gegen­teil, wer etwas glau­ben will, fin­det einen Weg. Er wird sich durch den win­zi­gen Spalt quet­schen, den die Wahr­heit ihm lässt. Wird die Din­ge so lan­ge dre­hen und wen­den, bis sie wie­der in sei­nen Glau­ben hin­ein­pas­sen, und sei­ne gan­ze Klug­heit wird ihn nicht etwa dar­an hin­dern, son­dern ihm noch dabei behilf­lich sein.“

Spre­chen wir über damals oder auch über – heu­te? Höchst erstaun­lich, daß ein Ruge­text zur Deutsch-Abi-Prü­fung im Jah­re 2018 (Sach­sen-Anhalt) zuge­las­sen wurde.

Ruges Metro­polhier bestel­len!

– – –

Gutes

Patri­zia Schlos­ser: Im Unter­grund, Ham­burg: Hoff­mann und Cam­pe 2019, 251 S., 18 €

Den Unter­ti­tel nen­ne ich hier nicht. Er hät­te ver­mut­lich dazu geführt, daß ich die­ses Buch kei­nes Bli­ckes gewür­digt hät­te. Was defi­ni­tiv ein Feh­ler gewe­sen wäre! Die Repor­ta­ge der jun­gen Jour­na­lis­tin Patri­zia Schlos­ser ist ein ech­ter Glücks­fall. Ein auf­schluß­rei­ches Lese­ver­gnü­gen  für „m/w/d“, für Aka­de­mi­ker wie für prak­tisch Ori­en­tier­te, für Lin­ke wie Rechte.

Dar­um geht es: Frau Schlos­ser steckt noch in jour­na­lis­ti­schen Kin­der­schu­hen. Ihr fehlt gewis­ser­ma­ßen das Knal­ler­the­ma. Sie hört nun davon, daß drei Leu­te, die der „3. Genera­ti­on“ der RAF zug­rech­net wer­den, immer noch aktiv sei­en: Danie­la Klet­te, Ernst-Vol­ker Straub und Burk­hard Garweg.

Sie sol­len, mitt­ler­wei­le als „RAF-Rent­ner“ immer noch im Unter­grund leben und durch Raub­über­fäl­le ihr Unwe­sen trei­ben. Patri­zi­as Schlos­ser eige­ner Vater war „damals“ zu Hoch­zei­ten der „Frak­ti­on“, Kri­mi­nal­be­am­ter. Mitt­ler­wei­le führt er ein grum­meln­des Rent­ner­da­sein. Sie holt ihn – gegen erheb­li­che Wider­stän­de – ins Boot bei ihrer zu Beginn fast infan­ti­len, dann immer rei­fe­ren Ermittlungsarbeit.

Patri­zia Schlos­ser ver­schickt dut­zen­de Anfra­gen, an Leu­te, die etwas wis­sen könn­ten über die Unter­gründ­ler und ihre Moti­ve. Sie trifft sich mit ver­rück­tes­ten Leu­ten ‑ech­ten „Sys­tem­aus­stei­gern“, Para­no­iden und Fach­män­nern mit Ver­gan­gen­heit. Sie wird bedroht. Sie fühlt sich links, der Papa lie­fert den Gegen­pol. Erst spät stellt sich her­aus, wie direkt Vater Schlos­ser damals mit der RAF zu tun hat­te… Aben­teu­er­lich gut geschrie­ben: wie eine klu­ge Frau von ihren lin­ken Uto­pien läßt. Jeden­falls so halbwegs.

Schlos­sers Im Unter­grund hier bestel­len!

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Schö­nes

Sebas­ti­an Schüt­ze: Cara­vag­gio. Das voll­stän­di­ge Werk. Köln: Taschen 2019, 524 S., 50 €

Cara­vag­gio, der Pracht­ma­ler des Früh­ba­rock: das, Kin­der, ist Kunst! Eine Zeit­lang pfleg­ten wir als ehr­gei­zi­ge Eltern mit unse­ren Kin­dern „Kunst­the­men­mo­na­te“. Das hieß: Jeden Monat gab es ein Bild und gewis­ser­ma­ßen abend­li­che „Medi­ta­tio­nen“ dazu. Was wird hier gezeigt? War­um auf die­se Wei­se? Wel­che Mit­tel nutzt der Künst­ler?  Was fällt euch noch auf? In wel­cher Zeit befin­den wir uns? Was mal­ten damals ande­re Künstler?

Das war so ambi­tio­niert, daß wir es irgend­wann sein lie­ßen. Die Kin­der moch­ten die­se klei­nen Unter­richts­se­quen­zen nach dem Abend­brot eigent­lich gern. (Nur, wenn es in Abfra­gun­gen aus­ar­te­te – “Und wel­ches Ereig­nis, W., hat­te damals gera­de statt­ge­fun­den? Hat­ten wir doch vor­ges­tern im Detail!”- ver­dreh­ten sie die Augen.)

Mit die­sem wun­der­ba­ren Bild­band will ich neu begin­nen. Mit abend­län­di­scher Meis­ter­schaft!  Für mich ein kon­ser­va­ti­ver Revo­lu­tio­när avant la lett­re!

Schütze/Caravaggio: hier bestel­len!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (22)

t.gygax

26. November 2019 10:38

Kleine Leseempfehlung: "Rote Asche" BrinkhausVerlag/Schweiz, Verfasser der Ex SVP Poltiker Oskar Freysinger.
Eine literarische Abrechnung mit dem Kommunismus in der UDSSR, speziell der Zeit der "großen Säuberung" Stalins 1935-1938.
Fiktional, das Ganze, aber gut erzählt- wesentlich besser als etwa sea changes/Notre Dame 2018/Guerilla und ähnlich dystopische Bücher, und vor allem: Freysinger hat einen ganz eigenen Stil, nicht umsonst kamen aus der Schweiz früher große Erzähler.Mich hat das Buch nicht mehr losgelasssen, obwohl der Inhalt mehr als unerfreulich ist...und jeder, der gerne Schach spielt, findet hier einige tiefsinnige Gedaken zu diesem Spiel.
Leider ist es in der BRD nicht erhältlich, ich musste eine Menge Zeit, Geld und Mühe aufwenden, um mir das Buch von einem Bekannten , der nahe der Schweizer Grenze wohnt, besorgen zu lassen. Und selbst der hatte in der Schweiz Mühe, das Buch zu erhalten...was er mir nachher von seinen Erfahrungen in Schweizer Buchläden erzählte, wäre Stoff für eine hüsche Kurzgeschichte...
Aber wie gesagt: das Buch ist es wert gelesen zu werden, und Freysinger tat gut daran, suich nach seinem Poiltikerleben wieder ganz dem Schreiben zuzuwenden.

Ein gebuertiger Hesse

26. November 2019 11:02

Sehr schön die Empfehlung für das Caravaggio-Buch (tolles Cover auch - der Blick der jungen Frau ist reine Gemütsgegenwart; wieviel Können und Klugheit war bei so einem Portrait am Werk). Kunst - echte! - sollte in unserer Sphäre häufiger gewürdigt werden. Die didaktischen "Meditationen" sind ebenfalls das eigene Ausprobieren wert, nicht nur gegenüber Kindern; auf die Weise bilden sich kanonische Wertschätzungen.

H. M. Richter

26. November 2019 12:12

Mit Dank für die Empfehlungen eine Frage:

Wenn'Rote Asche' von Freysinger tatsächlich so gut und schwer beschaffbar ist wie beschrieben, wäre es dann möglich, daß der Verlag Antaios im schönen Städtchen Horw beim Brinkhaus Verlag einige Exemplare beschafft und danach der hiesigen Leserschaft ein Zeichen gibt? Wenn ja, ist ein Exemplar hiermit vorbestellt.

Anschließend könnte der Werbespruch "Antaios liefert jedes Buch" nicht nur in bisher noch unbekanntem, zusätzlichem Lichte erstrahlen, sondern vielleicht sogar um einen Zusatz ergänzt werden.

Notfalls müßten die beiden uns verbundenen, in der Schweiz lebenden Meister hinzugezogen werden, aber vermutlich ist dies gar nicht nötig ...

Maiordomus

26. November 2019 12:16

@Kositza. Ich bewundere Sie für die Unentwegtheit, auch Geduld und Freude an der Arbeit, womit Sie Jahr für Jahr und Saison für Saison Bücher empfehlen. Und zwar keineswegs nur Produktionen aus dem eigenen Verlag oder gar nur aus dem sogenannten "rechten Lager". Über die Jahre erweckten Sie in mir den Verdacht, in Ihrer Belesenheit einen breiteren und weiteren Horizont sich erarbeitet zu haben als es bei vielen führenden Feuilletonisten und Feuilletonistinnen der noch existierenden, im Abbau begriffenen Literaturabteilungen der grösseren Zeitungen der Fall ist.

Caravaggio vermag mich besonders zu interessieren; über diesen Künstler hat mal ein Militärdienstkollege von mir einen durchaus tauglichen, wenn auch nicht gerade umwerfenden Roman geschrieben; italienische Künstler dieser Liga sind unerschöpflich, natürlich nicht nur diese: der Besuch des Ateliers zum Beispiel von Delacroix war für mich diesen Herbst schon allein eine Reise nach Paris wert, wegen der Masse des Publikums habe ich mir aber die Da-Vinci-Ausstellung im Louvre geschenkt, die ich eigentlich primär besuchen wollte. In diesem Sinn wünsche ich dem Caravaggio-Buch Käufer, warum nicht via Antaios bestellen?

@Gygax. Mein geschätzter Kollege Freysinger hat sich leider zur Hauptsache nicht nur dem Schreiben zugewandt. Zum Beispiel war er dieses Jahr Wahlkampfleiter seiner Partei in der Westschweiz, was mehr mit sich bringt als nur eine Hobby-Tätigkeit. Sein gelungenstes und eindrücklichstes Oeuvre seit seiner Abwahl als Regierungsrat scheint mir der Wallis-Roman "Bergfried" zu sein, ein Buch, das jedoch wegen dem gleichzeitigen Erscheinen von Freysingers überflüssigen politischen Memoiren kaum beachtet wurde, trotzdem sein wohl bester Text über ein tiefsinniges weibliches Dorforiginal, auch eine Liebesgeschichte gemäss Kor I, 13. Sein Walliser Bergtal kennt Freysinger nun mal einschliesslich des darin enthaltenen Hintergründigen. Für das Thema der Stalinschen Säuberungen indes, das hier angesprochen ist, gibt es hervorragende Literatur, nicht zuletzt den noch immer höchst lesenswerten "Archipel Gulag" von Solschenizyn, den die jüngere Generation über den Titel hinaus kaum zur Kenntnis genommen hat. Als absolut bedeutendstes Werk über den Stalinismus in Romanform schätze ich "Der erste Kreis der Hölle", ebenfalls von Solschenizynm ein, wobei die dort eingeschobene Novelle "Das Löcheln des Buddha" über den Besuch von Eleanor Roosevelt im Moskauer Butyrka-Gefängnis der wohl absolut stärkste Text zur Einschätzung des Gutmenschentums à la Roosevelt ist, andererseits zugleich das stärkste Zeugnis für den religiös radikalen Empfang des "Abendmahls" oder "Kommunion" in der vielleicht gesamten christlichen Literatur der letzten 500 Jahre. Die literarische Struktur der Erzählung ist in russischer Lügentradition das Potemkinsche Dorf, weil das Gefängnis für den Besuch der Präsidentenwitwe voll auf Show renoviert und umgerüstet wird, u.a. mit Bibel in jeder Zelle, die jedoch nach dem Besuch wieder eingezogen wird. Dass nun aber bei dieser Gelegenheit ein Gefangener die Bergpredigt aus der "Gefängnisbibel" herausgerissen hat, deswegen gefilzt wurde, und in seiner physischen, geistigen und spirituellen Not im letzten Moment vor dem Filzen den Text verschluckt hat, scheint mir, so sehe ich es wenigstens, als ein absolutes Maximum politischer Mystik vor, bezogen auf die Geschichte des modernen Totalitarismus. Ich erwähne dies, weil man wegen der Kürze des Lebens sich in Sachen Literatur auf das Allerbeste konzentrieren sollte; so zum Beispiel neben der genannten Geschichte um Eleanor Roosevelt von Solschenizyn etwa auf die Legende vom Grossinquisitor von Dostojewskij. Mit Ausnahme der Evangelienberichte die wohl stärkste Darstellung von Jesus in der Weltliteratur. Ein Schüler von mir, heute Religionslehrer, erkühnte sich zur Behauptung, Dostojewskij habe Jesus womöglich noch besser verstanden als die Bibelverfasser. Sicher scheint indes, dass die Jünger den Mann nicht ausreichend verstanden haben. Ob allerdings dieser Ruge an die beste Literatur zum Thema, siehe meine Ausführungen an @Gygax, herankommt, wage ich in Frage zu stellen, schliesse aber eine Lektüre nicht aus. Zur Zeit des Kalten Krieges habe ich indesen über 300 Bücher zu dieser Thematik gelesen, welche es heute eher nicht mehr gibt. Sowieso ist es für den Zeitgeist wichtig, dass wieder Neues geschrieben wird, siehe die "Auschwitz"-Literatur, die mit der Menge und der Wiederholung nicht automatisch besser wird, meist im Gegenteil. Schicken Sie es mir gleich, Sie haben meine Adresse. Eher zögere ich aber noch mit der Bestellung des Romans von Patrizia Schlosser. Trotz Riesenproduktion sind im neuen Jahrtausend auf Deutsch fast keine Romane von Klasse geschrieben worden; äussere mich da zurückhaltend, weil sonst Kollegen indigniert sein könnten. Wenn ich nur denke, wie miserabel missglückt die Romanversuche von Sloterdijk sind, wiewohl dieser Mann, den Marc Jongen für ein Genie hält, doch einiges auf dem Kasten hat und im Prinzip schreiben kann! Unter den aus meiner Sicht noch begabten Autoren, die es auf meisterhafte Weise verstehen, verbotene Botschaften zu streuen, sehe ich den hier schon ein paarmal erwähnten Volker Mohr. Er realisiert indes, dass relativ kürzere Erzählungen im Vergleich zu Romanen, die heute meist fast nichts mehr hergeben, eine noch mögliche literarische Form sind. Will man als Belletrist ausserhalb des Literaturbetriebs der Frustration entgehen, empfiehlt sich eine Beschränkung auf eine Auflage von 200 Stück, so gehandhabt beim Bändchen "Das Riesenrad", erhältlich im Schaffhauser Antiquariat unweit der Bibliothek am Münsterplatz.

Monika

26. November 2019 13:22

Zu Schönes
Ich bin ein absoluter Fan der der italienischen Renaissance. Meiner hervorragenden Kunstlehrerin im Gymnasium, Frau Dr. Stein, sei es gedankt .
Und - mochte Caravaggio nie besonders. Denn, er ist kein und schon gar nicht der Prachtmaler der Renaissance !
Er ist der Begründer der römischen Barockmalerei (Frühbarock) . Ein Zeitgenosse von Peter Paul Rubens, beide berühmte für die Hell-Dunkel Malerei.
So viel Ordnung muss sein.

Maiordomus

26. November 2019 13:53

@ Monika. A propos italienische Kunst, nicht nur Renaissance: Einer der besten "Führer" in dieser Sache erschien schon vor bald 150 Jahren, der "Cicerone" von Jacob Burckhardt. Das Besondere bleibt, dass Burckhardt, in dessen Büchern es kaum Illustrationen gab, seine Kunst-Vision i n W o r t e fassen musste. Das wurde grosse Literatur, hat notabene für Generationen die Kunstgeschichtsschreibung geprägt. Wegen des noch berühmteren Werks von Burckhardt, "Die Kultur der Renaissance in Italien", neigt das Publikum dazu, die italienische Kunst über diese grosse Epoche hinaus, nicht zu vergessen den Manierismus, bis in den Barock hinein pauschlisierend als Renaissance zu bezeichnen. Schulmässig ist das natürlich falsch. Dank dem italienischen Film, nicht zuletzt Fellini und Bertolucci, kann man vielleicht sogar noch im 20. Jahrhundert im übertragenen Sinn von renaissancehafter und barocker Bilderfreude sprechen.

Monika

26. November 2019 15:13

@Maiordomus
Mit Jakob Burckhardts „ Die Kultur der Renaissance in Italien“ in der Lederfransentasche durchstreiften wir mit unserem Kunstkurs Florenz und Umgebung.
Schön ist die Jugend. Anhand dieses Buches lernten wir, die einzelnen Stilrichtungen genau zu unterscheiden.
Vor kurzem wurden aus einer hiesigen Schulbibliothek zahlreiche Bücher ausgeschieden. Mir fiel Jacob Burckhardts Werk „Die Zeit Constantins des Großen“ in die Hände. Es wäre sonst wohl im Papiermüll gelandet.

Old Linkerhand

26. November 2019 16:51

Die Begriffe Renaissance, Gotik und Manierismus stammen von Giorgio Vasari, der mit seinen Viten über die Künstler seiner Zeit berühmt wurde und so wohl auch als erster Kunsthistoriker bezeichnet werden muss. Ob Caravaggio der Spätrenaissance, dem Manierismus oder dem Frühbarock zu zuordnen ist, darüber ließe sich trefflich streiten. Jedenfalls scheint Kositza ein echter Fan zu sein, ihr Twitterprofil schmückt sich etwas abgründig mit „Judith und Holofernes“.
Ansonsten möchte ich mich insistierend @H. M. Richter anschließen und dann noch Warlam Schalamow als besten Chronisten des sowjetischen Gulagsystem ins Spiel bringen.
@Frauenarzt: Viele Literaten haben über Schach „tiefsinnige“ Gedanken verfaßt, allerdings waren alle lausige Spieler. Im Schach ist es so wie in der Politik: die wirklich guten Züge sind dem Zuschauer / Wähler nicht vermittelbar.
Politiker, die Spieltheorie nicht verstehen, sollten dann wenigstens etwas Schach können. Aber nicht so wie der beinfreie Peer Steinbrück oder Helmut Schmidt, denen wohl nichts zu peinlich ist.

Maiordomus

26. November 2019 20:58

@Monika. Das Schönste am Buch "Der Cicerone" von Burckhardt ist der Untertitel: "Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens". Dass Burckhardt aus der Schulbibliothek verschwindet, hängt mit dem Verhältnis zum Lesen überhaupt zusammen. Burckhardt, wiewohl ein brillanter und klarer Stilist, ist als Bildungsbürger, der den jungen Nietzsche, ehemaligen Portaschüler, faszinieren konnte, für heutige Junge wegen seinem humanistischen Horizont kaum mehr lesbar.

Maiordomus

26. November 2019 21:42

PS: Der Hinweis auf Burckhardts Untertitel: "Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens" scheint mir sinngemäss auf Kositzas Buchempfehlung von Sebastian Schütze "Caravaggio" anwendbar, war auf jeden Fall so gemeint und nicht bloss als Bildungsreminiszenz.

Ellen Kositza

27. November 2019 08:47

Ja! Ich bin lernfähig und habs geändert. (Renaissance.)

Monika

27. November 2019 09:31

Immer wieder amüsant, wenn man durch eine kleine Anmerkung ( Korrektur) , weil man‘s vielleicht mal etwas genauer gelernt hat, die konservative Bildungselite triggert.
Man traut sich schon gar nicht mehr, was zu sagen. Ich möchte eigentlich nicht trefflich streiten. Jedenfalls nicht über so etwas.
Als u.a. gelernte Chemielaborantin streite ich mich hin und wieder schon trefflich mit Freunden, Nachbarn, Verwandten über die richtigen Bodepflege- und Haarfärbemittel ( von wegen krebserregend). Mein Schluss der Weisheit, was man denn noch verwenden könne:
Dann nehmt halt Schmierseife oder Spüli. Einfach das Normale halt.

Franz Bettinger

27. November 2019 09:35

@Richter: Gute Idee! Ich schließe mich Ihrem Vorschlag an und bestelle ein Buch, falls Antaios es besorgen kann (am liebsten wäre mir die französische Variante, aber egal).
Das Oskar Feysinger Buch 'Rote Asche' ist bei Amazon auf französisch als Taschenbuch erhältlich als "Cendre rouge", allerdings zu dem unglaublichen Preis von 50€ plus 22,65€ Versandkosten. Uff, das ist steil.

Hartwig aus LG8

27. November 2019 10:41

Frau Kositza ist bei mir spätestens seit ihrem Verriss von Houellebecqs "Serotonin" während ihrer Dreierrunde "Aufgeblättert Zugeschlagen" keine Instanz für literarische Empfehlungen mehr.
Aber zu Patrizia Schlosser: Ab kurz nach 16 Uhr sitze ich meist im Auto. Der einzige Ort, an dem ich Radio höre. 16:10 werktäglich Büchermarkt auf DLF. Erst kürzlich sprach Rüdiger Safranski über seine neu erschienene Hölderlin-Biographie. Und vor ca. zwei Wochen wurde diese Patrizia Schlosser interviewt. Es ging um ihr Buch "Untergrund". Zunächst plapperte da eine jugendliche Mädchenstimme über ihre Beweggründe, sich mit der dritten RAF-Generation zu befassen. Im Verlauf des Gespräches wurde die Autorin immer sympathischer, sagte eher kluge Dinge und sorgte dafür, dass ich am Ende des Interviews genau hinhörte, als Titel und Autorin nochmal genannt wurden. Und ohne es gelesen zu haben, würde ich sie wahrscheinlich eher unter "Wahres" statt "Gutes" gruppieren.

Kositza: Bin exakt genauso auf das Buch aufmerksam geworden! Serotonin, ich bitte Sie. Das ist doch keine Literatur.

RMH

27. November 2019 12:20

"Serotonin, ich bitte Sie. Das ist doch keine Literatur."

Doch - und zwar gute!

@Hartwig aus LG8
"Frau Kositza ist bei mir spätestens seit ihrem Verriss von Houellebecqs "Serotonin" während ihrer Dreierrunde "Aufgeblättert Zugeschlagen" keine Instanz für literarische Empfehlungen mehr."

Da stand sie aber eher alleine mit Ihrer Meinung in dieser Runde und das war auch ihr gutes Recht! Finde es etwas abwegig, aus der offen gezeigten Abneigung gegen einen bestimmten Autor oder eine bestimmte Literatur da jetzt eine allgemeine Regel daraus zu stricken.

Das vor Urzeiten auf Sezessions-Seiten gelobte "Bleiche Herz der Revolution" fand ich beispielsweise nicht als gute Literatur sondern eher unerträgliches Geschmiere - sehe es aber dennoch nicht als verschwendete Zeit an, es einmal aufgrund der Besprechung in der Sezession gelesen zu haben. So hat halt eben jeder seine Neigungen, aber dennoch bin ich dankbar für jede Rezension, die hier oder im gedruckten Heft erscheint. Ohne die Besprechung von G.K. wäre mir bspw. auch sicher Leif Randts "Schimmernder Dunst über Coby County" entgangen und noch so manches eben mehr (könnte ich einiges aufzählen, würde zu lang).

Von daher von mir: Volle Unterstützung - hier wird handwerklich bestes Feuilleton gemacht, auch wenn ich nicht immer der der selben Meinung bin (wäre ja auch noch schöner).

Cugel

27. November 2019 15:50

Auf Youtube ist das Ergebnis einer Kooperation Patrizia Schlossers mit dem Nazijäger Julian Feldmann (NDR) unter dem Titel "Nazi-Terror auf der Spur - Wie gefährlich ist Combat 18?" (YT-Einstelldatum Juli 2018) zu sehen. Herr Feldmann hat in seinem flachen Hinterkopf viel Platz für Gerechtigkeit und läßt keine Gelegenheit aus, dieser zum späten Sieg zu verhelfen. So hat er unlängst dafür gesorgt, daß der greise Karl Münter, der in WKII an einer Vergeltungsaktion der SS gegen die Zivilbevölkerung eines französischen Dorfes beteiligt war, in den Fokus antifaschistischer Handarbeiter geraten ist. Nach einem Berichts Feldmanns über sein Gespräch mit Münter (nach Münters Angaben hat ihn Feldmann dabei über seine wahren Absichten getäuscht) wurde dieser Ziel einer internationalen medialen Hetzkampagne, in deren Verlauf der hochbetagte Mann 2018 in seiner Wohnung überfallen, ausgeraubt (Geld und Orden) und stundenlang gefesselt auf dem Fußboden liegengelassen wurde. Münter ist inzwischen verstorben. Nun ist Fräulein Schlosser zwar nicht Herr Feldmann, aber offensichtlich eine haltungsbewußte wackere Antifaschistin. Wer solche Leute durch Erwerb ihrer Ergüsse finanziell unterstützen möchte, zusätzlich zu der Steuerknete, die sie ohnehin abziehen, kann das gerne tun. Mir fiele so etwas nicht im schlechtesten Traum ein, ob ihr Buch nun lesenswert ist oder nicht.

Hartwig aus LG8

27. November 2019 16:40

@ RMH

Nicht so bierernst. Hätte ich vielleicht ein Smiley an meinen Eingangssatz machen sollen? Ich nehme einmal zu Gunsten von E.K. an, dass sie ihre Bemerkung, Serotonin sei "KEINE Literatur" ebenfalls überspitzt gemeint hat. Oder??? (drei Fragezeichen bedeuten: jetzt blos keine falsche Antwort.)

Ellen Kositza

27. November 2019 20:22

@Hartwig, nee, wir haben uns schon verstanden! Allerdings hat... ein enger Mitarbeiter von mir Ihren Kommentar auch so gelesen wie RMH!

RMH

27. November 2019 20:53

"Hätte ich vielleicht ein Smiley an meinen Eingangssatz machen sollen? "

Manchmal kann so neumodisches Zeug doch recht praktisch sein … ;)
:)

Gracchus

27. November 2019 22:50

Den Caravaggio-Band hab ich sogar im Regal stehen. Ist natürlich schön, allerdings finde ich Caravaggio oft zu effekthascherich.

Diesmal schließe ich mich wieder @Maiordomus an: Dostojewski lesen! (obgleich ich derzeit Tolstoi lese, danach aber wieder Dostojewski) und überhaupt die Russen! Ich empfehle Lyrik: Christian Saalberg und Arsenij Tarkowski, Vater von Andrej (in dessen Filmen ja oft Gedichte des Vaters rezitiert werden).

belisarius

29. November 2019 00:57

"Ohne die Besprechung von G.K. wäre mir bspw. auch sicher Leif Randts "Schimmernder Dunst über Coby County" entgangen und noch so manches eben mehr (könnte ich einiges aufzählen, würde zu lang)."

@RMH

Serotonin hat mich mit seiner Tiefe und seiner versteckten Spiritualität überrascht. Ich war davor schon Houellebecq-Fan, einfach weil er zu unterhalten weiss, und weil er einer der wenigen wirklich zeitgemäss denkenden und schreibenden Europäer ist (wobei ich nicht den Anspruch erhebe da eine wirkliche Übersicht zu besitzen). Randt schätze ich aus dem gleichen Grund. Ihre Liste interessiert mich sehr!

Ratwolf

1. Dezember 2019 15:08

Manchmal wünsche ich mir, dass ich wieder die Verfassung und die Ruhe besitze, um solche Bücher zu lesen.

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