4. Dezember 2019

Weihnachtsempfehlungen – Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld / 22 Kommentare

Geschenkempfehlungen zu Weihnachten in Buchform – wie jedes Jahr aus unserer Redaktion. Teil 3: Caroline Sommerfeld.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Wahres

Michael Winterhoff: Deutschland verdummt. Wie das Bildungssystem die Zukunft unserer Kinder verbaut, Gütersloher Verlagshaus 2019, 221 S., 20 €.

Dummer Titel, also wirklich! Aber vielleicht ist dem Volke nicht mehr anders nahe zu kommen als mit reißerischen Aufmachungen. Zwischen den Buchdeckeln steckt allerdings wirklich Zündstoff. Der bekannteste deutsche Kinderpsychiater hat sich in diesem Buch das Bildungssystem vorgeknöpft. Der Grund dafür: das Elternhaus hat seines Erachtens versagt, an die Familien oder was von ihnen übrig ist, kommt man mit Expertenappellen nicht mehr heran. Das Bildungssystem, insonderheit also die Schulen und Kindergärten, haben auf Befreiungspädagogik gesetzt. Offener Unterricht, digitales Klassenzimmer, Kuschelecke, Morgenkreis, Lernstationen. Ich sah einmal einen Kindergarten von innen, in welchem ein „Snoezelen“-Raum zur Verfügung stand: die Kinder sollten darin bequem liegend oder sitzend, umgeben von leisen Klängen und Melodien, sanfte Lichteffekte betrachten. Wenn das das Denkmodell der Bildungsanstalten sein soll – Pathologisierung plus Virtualisierung – dann: gute Nacht!

Winterhoffs Buch ist zum Bestseller geworden, weil diese „antiautoritäre“ Tendenz, die Eltern, Lehrer, Freizeitpädagogen und Therapeuten überdeutlich wahrnehmen, zwar nicht flächendeckend das System lahmlegt, jedoch zunehmend ist. Wir haben es nicht mehr mit 68er-Revolutionspädagogik zu tun, sondern mit ihrer sanft totalitären Weiterentwicklung. Es ist diese Mischung aus Leistungsschule und Rundumbetreuung, die Kinder zwischen Hypertonie und Hypotonie einspannt, ohne ihnen zu vermitteln, worauf es ankommt: Du mußt dein Leben führen!

Wenn Winterhoff nun sowohl für den klassischen Frontalunterricht als auch fürs Herumstrolchen im Wald plädiert, ist das vor allem: altmodisch. Der Verkauf von Deutschland verdummt läuft gut (der „Sarrazin der Erziehung“ wird Michael Winterhoff genannt), weil er den gesunden Menschen- und Volksverstand einfängt, der sich bei seinen Lesern aus ihrer eigenen Kindheit speist. Hier liegt natürlich, ganz natürlich, das was Psychologen einen bias nennen: die Absolutsetzung der eigenen Erfahrungen.

Doch man könnte, und ich denke: man muß, um zu retten, was zu retten ist, doch froh sein über solche Volksverstandsreste, über noch fortwirkende Strukturen aus früheren Generationen. Aber kann ein Experte, der täglich nur pathologische Fälle sieht, daraus gültig auf den Zustand unseres Bildungssystems schließen? Auch der Autor, nicht nur seine Leser, leidet womöglich unter einem bias. Ich empfehle dieses voreingenommene Buch trotzdem der Sezession-Leserschaft, um sie zu immunisieren gegen die Versprechungen des weltoffenen, kompetenzorientierten, digitalen Psy-Op-Ganztagsklassenzimmers. So paradox es ist: Voreingenommenheit kann mitunter vor Verdummung schützen.

Winterhoffs Deutschland verdummt hier bestellen.

-- -- --

Gutes

Josef Pieper: Über den Begriff der Sünde. Tyrolia Verlag Innsbruck 2019, 112 S., 11,00€.

Josef Pieper (1904-1997) war ein deutscher christlicher Philosoph, einer der ganz großen des 20. Jahrhunderts, möchte man hinzufügen. Solcherart Größe liegt nicht in akademischen Würden (die ihm keineswegs verwehrt blieben), sondern in der Faßlichkeit und gleichzeitigen Denktiefe seines Schreibens. Existenzphilosophen und Mystikern gelingt dies, Theologen eher selten.

Pieper stürzt sich mit einer solchen Ergriffenheit auf den Begriff der Sünde, daß es eine Lust ist, ihn zu lesen. Das heuer neu herausgegebene Bändchen Über den Begriff der Sünde, das 1977 im Kösel-Verlag erschienen war, enthält eine Kompilation aus drei Aufsätzen Piepers aus den 60er/70er Jahren. Der alberne kleine grüne Kaktus auf dem Titel muß als läßliche Sünde in Kauf genommen werden.

Schon 1968, als er seine „Vorüberlegungen zum Thema 'Sünde'“ verfaßte, war dieses Wort „hinter einer Wolke von Mißdeutung und auch Gelächter“ verborgen. Der Alltagsmensch sprach und spricht nur mehr süffisant grinsend davon. Genau wenn so etwas passiert – ein Existenzial wird der Verarschung ausgeliefert, ist das ein Indiz dafür, daß ein Schmerzpunkt betäubt wird, man ihn aber wieder zu voller Schmerzhaftigkeit erwecken kann. Dazu bedarf es gar keiner theologischen Reflexion. Es kann nämlich geschehen, daß „eine starke existentielle Erschütterung diese verborgene Tiefe des mit einem Wort Gemeinten plötzlich vor den Blick bringt und wenn sich dann dies gleiche, bisher nur in seinem vordergründigen Sinn gebrauchte Wort spontan in einer anscheinend ganz neuen Bedeutung einstellt und auf die Lippen drängt“ – ich habe gesündigt.

Josef Piepers Texte bohren in den neuralgischen Punkt: wir sind jederzeit imstande, etwas zu tun, das schlechthin unentschuldbar ist, und worüber man nicht durch Juristerei und Psychotherapie hinwegkommt und durch Emanzipation schon gar nicht.

„Hier drängt sich die bestürzende Einsicht auf, wie nah solche dämonische Unbekehrbarkeit einer autonomistischen Selbstmißdeutung des Menschen benachbart ist. Friedrich Nietzsche hat sie als Fröhliche Wissenschaft verkündet: »Lieber schuldig bleiben, als mit einer Münze zahlen, die nicht unser Bild trägt; so will es unsere Souveränität!« Hierzu wäre mancherlei zu sagen, vor allem aber, daß Reue nichts anderes bedeutet als genau dies: daß wir mit einer Münze zahlen, die unser Bild trägt!“

Diese luziden knappen Gedanken zur Sünde lege ich Ihnen bereits für den Advent nahe, denn das Warten auf Erlösung gehört in diese Zeit.

Piepers Über den Begriff der Sünde hier bestellen.

-- -- --

Schönes

Anke Klaaßen / Daniela Drescher: Das Nebelmännle vom Bodensee. Verlag Urachhaus, Stuttgart 2019, 35 S., 18,50€.

Warst du schon mal am Bodensee? Und alles hing voller grauer Schwaden? Das war das Nebelmännle. Anke Klaaßen hat zu den Deutschen Volksmärchen aus Schwaben und Ludwig Uhlands Schwäbischer Sagenkunde gegriffen und nacherzählt, wie der Ritter vom Bodman eines Tages beschließt, den Nebel aus seinen Weinbergen zu vertreiben mithilfe einer Nebelglocke. Doch diese Glocke schlägt das Nebelmännle in die Flucht, zu arg dröhnt sie ihm um Kopf und empfindliche Ohren.

Fort sind Kühle und Nässe, der Ritter frohlockt. Doch nicht lange dauert es, bis sich Schwermut auf ihn legt, die er durch Reisen in weite Fernen loswerden will – irgendwo in der Wüste dann, verzweifelt, nach sieben rastlosen Jahren, trifft er: das Nebelmännle, das hierhin geflohen war. Er muß ihm versprechen, die Glocke auf den Grund des Bodensees zu versenken, und dann rasch nach Haus auf seine Burg zu eilen, denn eben ist seine Frau im Begriff, einen anderen zum Manne zu nehmen.

Gerade noch geht alles gut, er hat seine Heimat wieder. „Und der Ritter, der sonst immer nur nach seinen Reben gesehen hatte, blickte auf den See, und zum ersten Mal hatte er ein Auge für die Schönheit des Nebels“.

Die Bilder von Daniela Drescher sind wahrlich zauberhaft, versponnen und naturgetreu zugleich. Sprachlich hat dieses Bilderbuch Adjektivschätze zu bieten: „seit schlangenlangen Zeiten“ oder „krallwütige Tiger, großmäulige Krokodile und giftbezahnte Schlangen“, und bald waren die Diener des Wüstenflüchtlings „so staubig, dass nur noch das Weiße ihrer Augen aus dem Sandmeer aufblitzte“.

Für Erwachsene ist das wohl mitunter zu viel Schnörkelei, ein, zwei schmucke Beiwörter weniger wären mehr, aber Vier- bis Siebenjährige merken sich genau diese. Klaaßen läßt den Ritter „genervt“ vom Nebel sein, da er oft „zu spät zu seinen Geschäftsterminen“ kam, das lag nämlich daran, daß ein paar Sätze später „Wassernymphen und Wellenkugler, Moosfeen und Baumtrolle“ ihr großes Nebelfest feierten. So muß man Volksmärchen nacherzählen! Und wenn dann auch noch solche Bilder hinzukommen, taugt Das Nebelmännlein vom Bodensee als feines Weihnachtsgeschenk, nicht nur für Enkel, Neffen und Nichten, die dort leben.

Klaaßen/Dreschers Nebelmännle hier bestellen.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


Kommentare (22)

Franz Bettinger
4. Dezember 2019 11:28

@Caroline Sommerfeld: schreibt: „Der gesunde Menschen-Verstand speist sich aus der Kindheit. Psychologen nennen das bias: die Absolut-Setzung der eigenen Erfahrungen.“

Streng genommen bedeutet bias nur das Vorurteil oder die Voreingenommenheit. Man weiß normalerweise, dass man Vorurteile stets neu auf ihre Richtigkeit überprüfen muss. Nebenbei: Viele Vorurteil bewähren sich. Ohne sie könnte man gar nicht leben, nicht einen Tag lang.

Der_Juergen
4. Dezember 2019 12:51

Kein Kommentar, sondern ein Fehlerhinweis. Wenn Pieper von 1094 bis 1997 gelebt hat, muss er älter als Methusalem geworden sein, und das mutet eher unwahrscheinlich an.

Maiordomus
4. Dezember 2019 13:11

@Gewaltig, Ihre heutigen Empfehlungen. Wissen Sie, dass das berühmteste Nebelgedicht der deutschen Literatur, Hermann Hesses "Im Nebel" in Gaienhofen am Bodensee entstanden ist? Dass indes "Deutschland verdummt", müssen ich und wohl noch andere Foristen nicht noch zuerst in einem Buch nachlesen. Umso bedeutsamer scheint mir Ihr Hinweis auf Josef Pieper. Wenig bekannt ist, dass der in Sachen Stil und Brillanz bis heute unübertroffene "Kathole" noch aus der Generation von Reinhold Schneider und Erich Przywara ursprünglich als Soziologe und Sozialphilosoph begonnen hat. Sein stärkster Beitrag in Wahrnehmung geistiger Freiheit zur Zeit des 3. Reiches war seine bis heute als philosophische Analyse unübertroffene Studie über die Tapferkeit von 1937. Er grenzte auf der Basis der Nikomachischen Ethik von Aritoteles und natürlich Thomas von Aquin, dessen bester deutschsprachiger Vermittler er bis heute bleibt, ein irrationales Verständnis von Tapferkeit gegenüber reiner Gefolgschaftstreue sowie Mut und Tollkühnheit phänomenologisch grossartig ab, wobei er sogar und nicht zuletzt an Ernst Jünger substanzielle Kritik übte. (Trotzdem hatte das Buch damals, freilich zumal in katholischen Buchhandlungen, weniger Hindernisse beim Verkauf als heute Produkte aus rechten Verlagen, was eigentlich im Zusammenhang mit geistiger Freiheit zu denken geben sollte.)

Man muss nicht Katholik sein, um Piepers philosophische Studien grossartig zu finden. Unglaublich zum Beispiel sein Büchlein "Über das Schweigen Goethes", in der Liga von Leopold Ziegler und Ortega y Gasset "Um einen Goethe von innen bittend". Und erst recht die Auseinandersetzung mit Ideologien zum Weltuntergang in "Über das Ende der Zeit"! Den 68ern gab Pieper angemessene Antworten in meisterhaften ethischen Büchern über die Liebe einerseits und über den Tod andererseits, letzteres eine grandiose Kritik an vordergründiger Verniedlichung des Todes auch durch wohlmeinende Gläubige incl. Theologen.

Das Thema "Sünde", heute oft auf Schokolade essen reduziert, bleibt aktuell, zumal Papst Franziskus jetzt angeblich als erster auf die Umweltsünden gekommen ist. Diese Thema, das Verhältnis des Menschen zur Natur und seine diesbezügliche Verantwortung, war Inhalt meines Prüfungsgesprächs im Fach Philosophie (mit einem Benediktinermönch als Lehrer) an der Matura 1967. Dass das Töten von Tieren und verantwortungsloses Verhalten der Natur gegenüber Sünde sein kann, insbesondere zum Beispiel die Ausrottung ganzer Tierarten, war intelligenten oder wenigstens sensiblen Christen schon immer bewusst, wurde aber tatsächlich im Religionsunterricht selten betont. Immerhin hebt die Volkssage des Alpenraums hervor, dass etwa Pferde-und Viehquäler nach ihrem Tode als Geister umgehen müssen. So etwas wusste man im Kanton Uri "schon immer". Hingegen lohnt es sich tatsächlich, zumal heute zu einem stärker reflektierten Bewusstsein von "Sünde" zu gelangen. Wer Pieper kennt, weiss, dass er diesbezüglich kein Prediger des Skrupulantismus ist.

limes
4. Dezember 2019 13:39

Liebe Frau Sommerfeld, Ihre Empfehlung für das »Nebelmännle« spricht mich an. Der Auffassung aber, dass sich Sprache und Lebenswelt von Märchen – und seien es neu erzählte – dem Zeitgeist anpassen sollten, widerspreche ich.

Märchensprache gehört untrennbar zur Märchenwelt: aus der Zeit gefallen. So wie man es nicht Roy Lichtenstein überlassen sollte, christliche Ikonen zu malen.

Ein Ritter, der zu Geschäftsterminen unterwegs ist, tendiert zum austauschbaren Protagonisten. Ein Ritter, der »genervt« ist, hat den Nimbus des Edlen verloren.

Schließlich gehört die Welt der Ritter und Naturgeister mitsamt ikonischer Erzählweise auch zum kulturellen und seelischen Erbe Deutschlands. Muss man das denn ausgerechnet hier bei SiN erklären?

Kommentar Sommerfeld:
Wissen Sie was? Sie haben mich überzeugt. Mein Bedürfnis, das ganze Bilderbüchlein famos zu finden, hat mich diese Zeitgeistanpassung nicht bloß schlucken, sondern auch noch als etwas Schönes zurechtbiegen lassen.

limes
4. Dezember 2019 13:45

@Franz Bettinger: »bias« kenne ich vor allem als taktischen Kampfbegriff junger Anywheres.

Thomas Martini
4. Dezember 2019 15:44

Nassschuppige Karpfen, buntflügelige Schmetterlinge, stummelschwänzige Hamster, dickrüsselige Elefanten, breitfächrige Stachelschweine und holzhornige Ziegenböcke, oder eben „krallwütige Tiger, großmäulige Krokodile und giftbezahnte Schlangen“: Das sind „Adjektivschätze“, nach denen seit schnurwurmlangen Zeiten kein vierzehiger Hahn krähte. Mit solchen Wortschöpfungen bereichert man weder die deutsche Sprache, noch die Fantasie von Kindern – geschweige denn die Literatur.

Und hierbei vertrete ich keine Meinung, sondern berufe mich auf Friedirch Schiller, Johann Wolfgang v. Goethe, Jean Paul, Arthur Schopenhauer, und viele andere deutsche Meister, die es nie nötig hatten, Texte zu schreiben, in denen es von Adjektiven nur so wimmelt. Warum wohl? Weil sie sich keine „Adjektivschätze“ wie „langhälsige“ Giraffen oder „springwütige“ Kängurus denken konnten? Oder weil sie darum gerungen haben, eine möglichst schlanke Sprache zu pflegen?

Kommentar Sommerfeld: Es heißt "langhalsig", ohne Umlaut. Wie in der Buchempfehlung bereits erwähnt, lobe ich die Adjektivitis aus dem Blickwinkel des erwachsenen Vorlesers gerade nicht. Mir geht sie sogar auf den langschnurigen Senkel und den spitzigen Zeiger. Ihre Schulmeisterei allerdings nicht minder. Wenn Ihnen nicht bald mehr einfällt zu den auf Sezession im Netz erscheinenden Texten, empfehle ich Sie gern weiter an ein Sprachpflegeforum.

Thomas Martini
4. Dezember 2019 17:35

"Wie in der Buchempfehlung bereits erwähnt, lobe ich die Adjektivitis aus dem Blickwinkel des erwachsenen Vorlesers gerade nicht. Mir geht sie sogar auf den langschnurigen Senkel und den spitzigen Zeiger." - Caroline Sommerfeld

Damit ich das richtig verstehe, Frau Doktor: Vom Blickwinkel "des erwachsenen Vorlesers" aus betrachtet handelt es sich also, ganz meine Rede, um "Adjektivitis", und sie geht Ihnen auf den Zeiger. Aber unter welchem Blickwinkel loben Sie dann die "Adjektivschätze"?

Kommentar Sommerfeld: Na unter dem eines Sechsjährigen. Ich zerkugel mich ja auch nicht unterm Tisch wegen der "bimbambolischen Küche" mit der "bimbambolischen Kuh" oder "Kinder kommt und ratet, was im Ofen bratet! Der Kipfel, der Kapfel, der Zipfel, der Zapfel, der goldgelbe - Apfel!" Ah, a propos, ich hab noch vier Boskop, die schieb ich jetzt in die Röhre.

Gracchus
4. Dezember 2019 17:58

Jean Paul pflegte eine schlanke [email protected] Martini. Nicht ihr Ernst, oder?

Monika
4. Dezember 2019 19:00

Für mich sind unter den Buchempfehlungen von Frau Sommerfeld zwei Volltreffer !
Es ist ganz wunderbar, dass Josef Pieper wieder empfohlen und aufgelegt wird. Die Illustration mit dem Kaktus ist leider völlig daneben und ich bin froh, dass ich noch viele der schlicht und edel gebundenen Bändchen aus den Kösel-Verlag besitze. Alles über die Tugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß. „Über die Liebe“, „Tod und Unsterblichkeit“, „Glück und Kontemplation“. Diese Bücher begleiten einem das ganze Leben.
2. Wunderbar illustriert sind die Bücher von Daniela Drescher. Nicht nur das Nebelmännlein, sondern etwa auch die Geschichte von der schönen Lau von Eduard Mörike .
Schon als kleines Mädchen liebte ich schön illustrierte Kinderbücher und habe auch heute noch eine Schwäche für sie.

Franz Bettinger
4. Dezember 2019 19:02

@limes schreibt: „Das Wort 'bias' kenne ich vor allem als taktischen Kampfbegriff junger Anywheres.“ Stimmt, das Wort hat, wie das Wort Vorurteil im Deutschen, auch im Englischen einen negativen Beigeschmack. Zu recht?

Ein Vorurteil? Bei jedem Neu-Verstehen-Wollen brauchen wir es. Ohne ein bereits vorausgegangenes Urteil könnten wir gar nichts verstehen, weil das Neu-zu-Verstehende immer auf etwas fällt, das schon da ist, einen Instinkt, mit der das Neue verglichen wird. Das Entscheidende ist nicht, ob man Vorurteile hat - die hat man von Natur aus ohnehin - sondern ob man regelmäßig prüft, ob sie noch stimmen. Beim Verstehenwollen kommt es zu einem Schlagabtausch zwischen dem Vorurteil und der neuen Lage. Es findet ein Vergleich statt zwischen dem, was man bereits weiß und dem, was diesmal vielleicht anders ist. Es gibt positive und negative Vorurteile; beide sind berechtigt, und beide haben sich in der Evolution bewährt. Wir "wissen", dass 97% aller Schlangen harmlos sind, das Vorurteil warnt uns indessen, dass ein paar davon tödlich sein können. Unser "Wissen" sollte uns nicht dazu verführen, die nächstbeste Schlange zu streicheln. Ich glaube, es war Jürgen Fritz, der das hier verfranzelt Kondensierte mal niedergeschrieben hat.

Franz Bettinger
4. Dezember 2019 19:21

Noch @limes und confirmation bias:
Man kann nicht über eine Sache diskutieren, von der der andere keine Ahnung an. Nicht über die Cholesterin-Lüge, nicht über 9/11, das Dritte Reich oder das Objektivitäts-Postulat. Um mitreden zu können, muss man sich mit dem Thema gründlich befasst haben. Trotzdem kann man irren. Deshalb zieht es kluge Menschen in die Diskussion. Kluge wollen widerlegt werden, weil sie nur durch (gescheiterte) Falsifikations-Versuche einer Wahrheit näher kommen. Dumme wollen bestätigt werden, weil sie dadurch ihrem Ego näher kommen. Dieses Problem nennen die Engländer confirmation bias, deutsch: die Vorurteilsfalle (eigentlich: Bestätigung-Falle, also der Wunsch, bestätigt zu werden). Ich bin schon früh durch einen hervorragenden Chirurgen (Dr. Blandfort) auf die überragende Rolle der Falsifikation (Widerlegung) aufmerksam geworden.

"Jeder Trottel findet Dinge, die seine Sicht zu bestätigen scheinen," sagte mir der große Chirurg: "Dahinter stecken Wünsche und selektive Wahrnehmungen. Weiter bringen uns aber nur die Dinge, die nicht ins Schema passen; das sind experimentelle oder auch statistische Ergebnisse, die beweisen, dass bisherige Annahmen falsch sein müssen." Warum Helmut Schmidt als Kettenraucher fast 98 Jahre alt werden konnte. Wieso die Franzosen ein viel geringeres Herzinfarkt-Risiko haben als die Finnen, obwohl beide Völker vergleichbare (mittlere) Cholesterin-Spiegel haben. Warum zwei Eisberge bis nach Dunedin, NZ, also Richtung Äquator treiben konnten, wenn es doch angeblich ständig wärmer wird. Warum bei dem angeblichen Terrorangriff 9/11/2001 das Gebäude WTC 7 wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzte, obwohl es nicht von einem Flugzeug getroffen wurde. Diese Sachverhalte legen nah, dass die bisherigen Vorstellungen sehr wahrscheinlich falsch sind.

Und nun zu den Linken:
Das Problem liegt darin, dass viele Unwissende sich für informiert halten, ohne es zu sein. Sie verwechseln die Propaganda der 'Öffentlichen Meinung' mit objektiven Fakten. Sie glauben, was sie im Fernsehen hören und in Zeitungen lesen. Durch viele Wiederholungen in möglichst vielen Medien wird ein Konsens (Wahrheit) vorgetäuscht. Diese Methode funktioniert recht zuverlässig, es sei denn man übertreibt die Lügen. Das ist in Europa geschehen. Mit den Boni und astronomischen Gehältern der Manager, Fußballer und Banker (Geld, ohne das sie ja alle weglaufen würden). Mit dem Gelddrucken, dem staatlichen und dem privaten Schulden-Machen, den Flüchtlingen (die uns reich machen und nix kosten sollen), der Ausländer-Kriminalität (die verschwiegen oder als Einzelfallproblem abgetan wird) und mit dem Breitmachen des Islam (der nur eine Religion wie viele andere sein soll). Da schütteln sogar die Dummen den Kopf. Es gibt einen simplen Test, den "Heuchler-Test“: Stell dir die Frage: Wäre deine Reaktion anders, wenn die andere politische Seite dasselbe gesagt hätte? Wenn Ja, könntest du ein Heuchler sein.

Monika
4. Dezember 2019 19:37

@ Maiordomus
Anregend, dass Sie auf Piepers Kritik an Ernst Jüngers Verständnis von Tapferkeit und Disziplin hinweisen.
In dem Lesebuch „Von den Tugenden des menschlichen Herzens“ ( Topos) findet sich folgende Passage:
„Die „Disziplin“, so sagt Ernst Jünger in seiner bemerkenswerten Abhandlung „Über den Schmerz“, habe keine andere Bedeutung als diese: das Leben in ununterbrochener Fühlung mit dem Schmerz zu halten und dadurch in der Bereitschaft, „zu jeder Stunde im Sinn einer höheren Ordnung zum Einsatz gebracht“ zu werden. Nun ist zwar der maskenhaft-starre Jüngersche Begriff der „Disziplin“ durchaus unterschieden gegen den christlichen der Zucht und des Maßes; niemals etwa vermöchte Jünger den Satz des Thomas von Aquin mitzuvollziehen: „Ziel und Norm der Zucht ist die Glückseligkeit.“ ( Josef Pieper).
Darüber lässt sich nun wirklich trefflich streiten...

limes
4. Dezember 2019 20:21

@Caroline Sommerfeld: Danke für Ihre faire und souveräne Antwort auf meinen Kommentar. Intuitiv haben Sie erkannt, dass mein abschließender Satz: »Muss man das denn ausgerechnet hier bei SiN erklären?« augenzwinkernd gemeint war.

Nemesis
4. Dezember 2019 21:42

@Franz Bettinger
"Jeder Trottel findet Dinge, die seine Sicht zu bestätigen scheinen," sagte mir der große Chirurg: "Dahinter stecken Wünsche und selektive Wahrnehmungen. Weiter bringen uns aber nur die Dinge, die nicht ins Schema passen; das sind experimentelle oder auch statistische Ergebnisse, die beweisen, dass bisherige Annahmen falsch sein müssen.""Weiter bringen uns aber nur die Dinge, die nicht ins Schema passen; das sind experimentelle oder auch statistische Ergebnisse, die beweisen, dass bisherige Annahmen falsch sein müssen."

Wo kann ich unterschreiben?

Zur Statistik:
Statistik ist wie ein Bikini:
Sie zeigt viel, verhüllt aber das Wesentliche.

(Und nein, ich bin nicht gänzlich gegen Statistik...)

Gracchus
4. Dezember 2019 23:29

Josef Pieper ist eine goldrichtige Empfehlung. Gerne hätte ich ihn kennengelernt. Das kann man wohl nur über die wenigsten Philosophen sagen. Seine Schriften haben so etwas ritterlich Hochgemutes, seine Sprache ist luzide - das ist so ein Kritikerwort, hier aber trifft es - und klar wie Quellwasser, klar und erfrischend. Wohltuend auch seine Abneigung gegen intellektuelle Verstiegenheiten. Dabei erhellt er Zusammenhänge, die sonst - scheint mir - wenig Beachtung finden, ich habe zuletzt "Musse und Kult" gelesen und darin mein latentes Unbehagen an rein säkularen Festen und Events und Parties bzw. wie heute kirchliche Feiertage begangen werden, in einen größeren, objektiveren Zusammenhang gestellt gefunden.

Maiordomus
5. Dezember 2019 00:15

@Monika. Jünger hat sich als "Älterer" im übrigen stark an die Position von Pieper und generell der abendländischen Philosophia perennis angenähert, sowieso studierte er zur Zeit des 2. Weltkrieges und später die Bibel vollständig sehr genau; trat dann noch in die katholische Kirche über, was zwar an seinem Denken grundsätzlich nichts änderte. Der Anarch, schrieb er mal sinngemäss, fährt seinen eigenen Kurs, auch wenn er in Reih' und Glied marschiert.

Vera
5. Dezember 2019 01:17

Mich hat der "genervte" Ritter auch sofort genervt. Ich finde es aber großartig, daß Sie hier Ihre Fehleinschätzung so freiherzig einräumen, chapeau! Daniela Drescher ist (für mich) eine wunderbare Neuentdeckung aus Ihrem und EK's Buch "Vorlesen" (Danke dafür, man will ja nicht nur kritisieren). Dreschers Illustrationen sind wirklich liebevoll und herzerwärmend. Ob das eine das andere aufwiegt?

Maiordomus
5. Dezember 2019 09:16

@Monika. Noch was zu Ernst Jünger. Der "Anarch" verdient es, korrekt zitiert zu werden. Er drückte sich so aus:

"Der Anarch führt seinen eigenen Krieg, auch wenn er in Reih' und Glied marschiert."

Gegen katholischen und pazifistischen Moralismus bleibt festzuhalten, dass der Kriegsbegriff bei Ernst Jünger nun mal "Jenseits von Gut und Böse" anzusezten ist: zur Hauptsache wohl basierend auf dem einschlägigen Absatz über den Krieg bei Nietzsches "Also sprach Zarathustra". Es handelt sich um eine phänomenologische und existentielle Kategorie, unabhängig von politischen und moralischen Kriegszwecken (ausser dass man nicht verlieren will) und anderen ideologischen Kategorien. Militär, einschliesslich des Ernstfalls "Krieg" waren für Jünger eine existentielle Erfahrungskategorie, und, was man natürlich fragwürdig finden kann, ein anthropologisches Experiment. So war es für ihn schon zumal im 1. Weltkrieg, weshalb zum Beispiel persönlicher Hass auf den Feind für ihn weder notwendig noch vernünftig war und im Prinzip wirklich unnötig. Weltbilder mit einem Menschheitsfeind, also zum Beispiel Kommunismus, Nationalsozialismus, Antifaschismus usw. passten jedenfalls nicht in sein philosophisches Konzept, selbst wenn es zumal beim frühen Jünger antisemitische Aussagen gibt. Im Militär, etwa Fremdenlegion, und Krieg hat Jünger Beobachtungen gemacht, die für ihn so elementar waren, auch existentiell im Hinblick auf Leben und Tod, wie beispielsweise bei einer Frau die Erfahrung einer Geburt. Erwähne ich, obwohl es nicht ein Zitat jenes Denkers ist, wegen dem hochinteressanten Buch des kürzlich verstorbenen wohl noch zur Zeit bedeutendsten lebenden Denkers Deutschland, Ludger Lütkehaus (1943 . 2019), "Natalität", 2006 in der gleichen "grauen Edition" erschienen wie Kaltenbrunners "Dionysios". Fast hat man den Eindruck, für Jünger sei, wenigstens prinzipiell und phänomenologisch, ähnlich wie bei Nietzsche vorformuliert, die den Ernstfall einbeziehende soldatische Erfahrung die männliche Entsprechung zur weiblichen Elementarerfahrung der Geburt. Insofern scheint es nicht viel zu bringen, wenn Frauen militarisiert werden und Männer in ihren stärksten Jahren mit Babyurlaub domestiziert. Es bleibt aber dabei, dass Jüngers philosophisch durchaus sauber durchdachte Sicht des Phänomens "Krieg" nicht nur für Linke (wo Krieg, besonders Bürgerkrieg, ein bedingungslos ein gerechter Krieg sein muss ohne die geringste Legitimation für den "Feind"), in Konfrontation mit der entsprechende Lehre der katholischen Kirche über den Krieg ketzerisch anmutet. Zu schweigen von den verschiedenen Spielarten des Pazifismus, die nach meiner Überzeugung durchwegs auf einem falschen, verkitschten Menschenbild vom Glauben an das Gute im Menschen beruhen. Einen Glauben, den zum Beispiel Jean-Jacques Rousseau, der (rein theoretische) Begründer des Bürgersoldaten, nicht teilte. Diesen Typus Soldaten gab es indes in der Schweiz gemäss der Chronik von Hans Fründ über den Alten Zürichkrieg schon 1439, als noch in Kriegerversammlungen auf dem Feld demokratisch abgestimmt wurde, ob und wann man den Feind angreifen solle. Krieg war gemäss dem Standardwerk von Schaufelberger, "Der alte Schweizer und sein Krieg", keine Ideologie, sondern Bestandteil des Brauchtums. So hat es natürlich später ein Clausewitz nicht sehen können, doch hat diese archaische Sicht des Krieges, die es schon bei den alten Griechen gab, einen Zusammenhang mit der phänomenologischen, nicht ideologischen Sicht von Ernst Jünger. Manches freilich, was er formulierte, auch, wie er es formulierte, gehört im Prinzip in einen geistigen Giftschrank. Man muss, im übertragenen Sinn, gelernter Apotheker sein, um damit richtig umgehen zu können. Diejenigen, welche hauptverantwortlich sind für den 2. Weltkrieg, waren in dieser Hinsicht bestenfalls "Zauberlehrlinge" im Sinne von Goethes gleichnamiger Ballade.

@Monika. In den Zusammenhang von Jüngers Kriegsbegriff gehört natürlich auch seine von Josef Pieper zur Zeit des 3. Reiches durchaus mutig kritisierte Auffassung von "Disziplin", was Sie oben verdienstvoll zitieren.

PS. Will man Jünger richtig verstehen, muss man sich Folgendes klar machen: die Moralisierung des Krieges, besonders die bedingungslose Moralisierung, macht denselben nicht humaner, sondern konsequent erbarmungslos in Richtung des Endsieges des Guten gegen das Böse. Zwischen dem "Guten" und dem "Bösen" kann es keinen Frieden geben. Dies ist auch lehrreich für Länder am Rande eines Kalten oder Heissen Bürgerkrieges. Wer zum Beispiel die Antifa wirklich verstehen will, sich voll empathisch in sie einfühlen, müsste zuvor diesen Befund analysiert haben. Über Jünger (und auch dessen gegenüber dem "Freund" von Neid zerfressenen Weggefährten Carl Schmitt) würde ich den folgenden Aphorismus wagen: Jünger und Schmitt sind dort schlimm, wo sich geirrt haben. Am schlimmsten aber sind sie dort, wo sie recht haben! (Dafür können sie so wenig wie Machiavelli, der in der Politik jeweils umso mehr recht behält, desto schlimmer seine Analysen ausfallen.)

Was gewisse Irrtümer, ich würde sagen Einseitigkeiten von Jünger betrifft, glaube ich, dass Josef Pieper zu einer Zeit, da "antifaschistischer" Mut noch nicht gratis war, eine zumal für das Publikum von damals bedeutsame Kritik artikuliert hat. Mit Sicherheit ist Jüngers Begriff der "Disziplin" etwas anderes, als was Aristoteles, Thomas von Aquin und Pieper unter "Zucht und Mass" verstanden haben.

Maiordomus
5. Dezember 2019 10:43

Korr. Im obigen Text von mir ein missglückter Satz: Den Vergleich der militärischen Erfahrung im Ernstfall als männliche Grunderfahrung (bei Ernst Jünger) mit der weiblichen Erfahrung der Geburt erwähnte ich wegen dem hochinteressanten Buch des kürzlich verstorbenen und wohl noch zur Zeit bedeutendsten Denkers Deutschlands, Ludger Lütkehaus (1943 - 2019), mit dem Titel "Natalität", erschienen in der selben Grauen Edition (Zug 2006), in welcher zum Beispiel das Buch von Gerd Klaus Kaltenbrunner über Dionysios herausgekommen ist.

Hinweis zur Bedeutung von Lütkehaus: Als wohl unübertroffener Schopenhauer-Kenner, fast einziger Ergründer (auch Herausgeber) von Fritz Mauthner, brillanter Autor, Verfasser des Standardwerks "Nichts. Abschied von der Angst" ist er meines Erachtens der adäquate Fortsetzer von so grundlegenden Werken wie "Sein und Zeit" von Martin Heidegger einerseits, und "Das Sein und das Nichts" von Jean-Paul Sartre andererseits. Auf diese Fragestellungen gibt das rund 800seitige Standardwerk "Nichts" eine Art Antwort. Lütkehaus repräsentiert ein ganz andere Liga als die Fernsehphilosophen und Geschwätzwissenschafter und Geschwätzwissenschafterinnen. Am meisten ernst zu nehmen ist Lütkehaus aus meiner nicht gerade gleichgesinnten Sicht als Atheist. Vulgäratheisten in der Tradition von Marx, Feuerbach, Büchner, Virchow (nicht dem Dichter) gehören gemäss Nietzsche als "unvollständige Nihilisten" ins Lager der pseudoaufgeklärten Ideologen. Die wahren Atheisten wären diejenigen, welche im Sinne Nietzsches die gewaltige Leerstelle realisieren, welche durch den "Tod Gottes" entstanden ist und entsprechend in der Lage sind, den Nihilismus im Sinne metaphysischer Freiheitsfähigkeit auszuhalten. In diese Richtung philosophiert bzw. philosophierte Lütkehaus. Und noch an @Sommerfeld. Ich lernte keinen anderen männlichen Denker kennen, der mit den "Existentialien" des Weiblichen, nicht zuletzt der "Geburt"-Erfahrung, so viel anfangen konnte wie der heute beste Kenner des Medea-Mythos (eben Lütkehaus, siehe sein entsprechendes Buch) wie auch sein Standardwerk über Geburt und Geburtlichkeit. Seine einzige schwache Stelle bleibt die blödsinnige und unwissenschaftliche, schon von Paracelsus grossartig widerlegte Auffassung, als sei die Geburt der Beginn der menschlichen Existenz, womit bekanntlich der Embryo und der Fötus, naturwissenschaftlich gesehen ein vollständiger Mensch, unter den Status einer Schnecke und eines Wurms runtergedrückt wird, womit die heute bedeutendste Lebenslüge des Feminismus sowie der Gutmenschenideologie samt der erbarmungswürdigen LGTB-Ideologie (ich bringe die Buchstaben nicht auf die Reihe) geschont wird, nicht zuletzt im Rückbezug auf die überschätze Hannah Arendt. Das ist aber nicht die Hauptsache bei Lütkehaus: Sein bedeutendster Anreger war und blieb der Exmann der Arendt, Günther Anders, der wohl radikalste Antipode von Ernst Bloch, auch vernichtender Kritiker von Bertolt Brecht und konsequentester ethischer Pessiminst des 20. Jahrhunderts. Als Atheisten halte ich indes Schopenhauer, Nietzsche, Fritz Mauthner Anders und als Jüngstverstorbenen Lütkehaus für so bedeutend, dass ihr Gewicht letztlich höher einzuschätzen ist als etwa dasjenige führender Theologen von Karl Barth, Karl Rahner bis Hans Küng und Ratzinger, deren "kritisch" gemeinte Sicht der Dinge durch den genannten radikalen, nicht bloss ideologischen Atheismus einer mutmasslich immerwährenden Herausforderung ausgesetzt bleibt. Falls es einen Ausweg gibt, dann vielleicht mit der These von Karl Rahner: dass der Christ der Zukunft zu einem Mystiker finden müsse. Wird dies freilich mit Irrationalismus verwechselt, würde man hinter Meister Eckhart zurückfallen.

Für Nichtleser: Auf youtube ist Lütkehaus anzutreffen mit einem höchst beeindruckenden Vortrag zum Thema ¨"Uberproduktion", auch eine Auseinandersetzung mit Marx und wenn schon, "vernünftig grün". Wohl selbst für die Fraktion "Marx von rechts", der ich selber nicht angehöre, mit Gewinn hörbar. Gemäss der Rückmeldung eines Autorenkollegen ist Lütkehaus in dieser Aufnahme auch physiognomisch ein Ereignis.

Warum Lütkehaus über Heidegger und Sartre hinauskam: Heidegger verirrte sich in seinem Anrennen gegen den Nihilismus in die "Entschlossenheit" (vulgär gesehen: rechts) und Sartre ins "Engagement" (vulgär gesehen: links). Lütkehaus hat in seinem Standardwerk, unterdessen 6. Auflage, den Versuch gewagt, den Nihilismus auszuhalten. Vielleicht fragt man eines Tages: "Wer war Habermas?" Antwort: "Ein Philosoph aus der Zeit von Lütkehaus."

Maiordomus
5. Dezember 2019 10:54

@Gracchus. Ja, Kompliment, wie Sie Josef Pieper weit kürzer, als ich es leider zustandebrachte, auf den Punkt als grossen philosophischen Autor bringen. Sein Buch "Tod und Unsterblichkeit" bleibt für mich eine der wenigen gültigen, extrem nicht dummen Antworten auf die Herausforderungen des Nihilismus. Dieser ist ernst zu nehmen, im Gegensatz zur herkömmlich frommen Beschönigung des Todes, welcher Pieper wie kaum ein anderer christlicher Autor intellektuell Paroli bietet. Aber eben der Nihilismus, so schwer zu widerlegen wie Mephisto bei Goethes Faust! Nur deswegen verwies ich auf den als grossen Intellektuellen für mich unvergesslichen Ludger Lütkehaus. Wie Pieper widmete er eines seiner wichtigsten Bücher dem Andenken seiner Mutter.

Maiordomus
6. Dezember 2019 07:47

Zum Abschluss ein bleibendes Kompliment für die Buchempfehlungen von Sommerfeld. Auch bei der in der Debatte oben eher vernachlässigten Thematik von "Deutschland verdummt" bleibt es dabei, dass "Winterhoff" ein heute noch und noch zu wiederholender Hinweis war. Natürlich müssen wir uns im Kampf gegen die Selbstverdummung immer wieder Bildungsfragen stellen, was zum Beispiel in die dieser Tage noch geführte Debatte um "Harry Potter" bei Kositza und um unser Verhältnis zum Film bei Herrn Waldner hineinspielt. Bildung hätte, vom Kinderbuch bis zu Standardwerken der Philosophie, immer wieder mit dem Elementaren zu tun. Weswegen ich mir zum Beispiel erlaubte, gegen Schluss der Potter-Debatte auf die Märchen der Brüder Grimm hinzuweisen, dem neben der Bibel wohl bedeutendsten deutschen Hausbuch. Und bei Josef Pieper, dem erfreulichsten Thema auf diesen Spalten, muss man sich klar machen, dass ohne zum Beispiel die Nikomachische Ethik von Aristoteles, vorzüglich kommentiert von Thomas Aquin, von abendländischer Ethik wenig mehr als Geschwätz übrig bleibt.

Der von mir im Vergleich zum heutigen Hochschul- und Fernseh-Philosopie-Betrieb und auch als konstruktiver Tipp für die geschätzten "Ungläubigen" in diesen Spalten aus Anlass seines Todes hoch gelobte Ludger Lütkehaus bleibt leider bei seinen grossartigen Ansätzen - wie das Bergwerk Nietzsche - allzu sehr noch Belletrist ohne die manchmal nun mal geforderte methodische Strenge. Diese führt zum Elementaren zurück, was Lütkehaus zwar mit der Frage nach dem Anfang, dem Geburtlichen, und der Perspektive des Endes grundsätzlich trifft, weswegen er den Namen eines Philosophen verdient, unbeschadet seines Studienabschluss "bloss" als Germanist. Am Anfang der Philosophie stehen ganz einfache Fragestellungen, siehe Sokrates, siehe sauberes Verständnis von Allgemeinbegriffen (Universalienstreit), schlichte Logik und dergleichen. Ich bewunderte einst den kalten Krieger und Exkommunisten William S. Schlamm für sein Bekenntnis: "Mein Programm ist das Einmaleins, die Zehn Gebote und Mozart!"

In diesem Sinn wünsche ich den Autoren und Foristen am heutigen Tag von St. Niklaus - Bari ist immer eine Reise wert - gesegnete Festtage in Richtung "Mehr Licht" (Goethe).

Franz Bettinger
7. Dezember 2019 09:04

Lesen ist ja Teilhaben am Erleben anderer. Stefan Zeig, Hermann Hesse und Joachim Fernau waren für mich wichtig, aber auch Luis Trenker und Reinhold Messner, Menschen, die ihre Abenteuer gekonnt in Worte packen konnten. In letzter Zeit las ich zu viel Theorie-, Politik- und Geschichts-Bücher. Belletristik tut not. So war mir auch Kubitscheks Schmaler Grad und Kositzas Tristesse Droite gerade recht und eine gute Einführung ins Denken und Tun der Schnellrodaer. À recommander!

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.