8. Dezember 2019

Weihnachtsempfehlungen 2019 – Götz Kubitschek

Götz Kubitschek / 12 Kommentare

Geschenkempfehlungen zu Weihnachten in Buchform – Teil 4: Kubitschek, der das "Gute" nicht zu Ende lesen kann, trotz dreimaligen Anlaufs.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Wahres

Benedikt Kaiser hat das angekündigt - ich erfülle die Erwartung und preise noch ein Mal den Roman Propaganda (496 Seiten, gebunden 25 €, hier bestellen) aus der Feder des Schriftstellers Steffen Kopetzky an. (Ich habe mich zu Allerseelen über dieses großartige Buch ausführlich verbreitet, denn im Zentrum des aus Rückblicken und Vorausschauen komponierten Romans steht die Allerseelenschlacht vom November 1944.

Damals erreichten die Kämpfe im Hürtgenwald südlich von Aachen ihren Höhepunkt, die Allerseelenschlacht war nur eine von mehreren, und bis heute gelten die Verteidigungsstrategie der Wehrmacht im Hürtgenwald und ihre taktisch-operative Umsetzung vor Ort als Lehrbeispiele.

Kopetzky zieht die Linie bis in den Vietnamkrieg, aber er fädelt auch das literarische Schreiben, die Kriegspropaganda und seine eigene Herangehensweise als Roman-Schriftsteller ineinander: Was ist wahr? Woher wissen wir, ob das, was erzählt wird, so geschehen ist und ob das, was wir für wahr halten, nicht bloß plausibel erfunden wurde?

Was ist Propaganda für ein Buch? In meiner Rezension schrieb ich:

Zunächst: ein Männerbuch, ein genial ineinandergewobenes Geflecht aus historischem Schauplatz, militärischer Tragödie, einsamem Wolf, Kriegspiel, Leid, Risiko. Dann: eine Ehrenrettung, eine Beschreibung der Wirkmacht propagandistischer Verdrehung, ein Blick hinter die Kulissen, eine Entzauberung, ein Geraderücken.

Kopetzkys Propaganda, mein "Wahres", kann man hier bestellen.

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Schönes

Das kann ich knapp machen: Im kommenden Jahr jährt sich Friedrich Hölderlins Geburtstag zum 250. Mal - schon erscheinen Werkausgaben, Auswahlbände, Auseinandersetzungen mit den oft hermetischen Gedichten dieser Ausnahmegestalt. Ich selbst schrieb 1998 meine Staatsexamensarbeit über Hölderlins Hyperion.

Nun hat, die Gerüchte stimmten, Rüdiger Safranski überpünktlich eine Hölderlin-Biographie vorgelegt (400 Seiten, gebunden, 28€) . Wer Safranskis Romantik-Buch oder auch das über E.T.A. Hofmann gelesen hat, wird meine Freude teilen: Und tatsächlich - ein tiefsinniger Genuß, ein Buch, das nur einer schreiben konnte, mein Schönes, weil auf Safranski Verlaß ist - er hat auch das noch gestemmt.

Rüdiger Safranskis Hölderlin hier bestellen.

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Gutes

Es gibt etliche Bücher, die ich nicht zuende las: Warum schlechten Texten gute Zeit hinterhertragen? Lieber abbrechen - es gibt in jeder Buchhandlung, im eigenen Bücherschrank gleich etwas besseres, einen neuen Versuch, etwas Altbewährtes, etwas erneut Gutes.

Daß ich ein Buch abbrach, obwohl es mich ganz und gar in den Bann schlug, ist aber bisher nur ein einziges Mal vorgekommen, und zwar bei Jörg Bernigs Roman Niemandszeit.

Er spielt in der Endphase der wilden und brutalen Vertreibung der Sudentendeutschen aus ihren Dörfern, und da gibt es ein Dorf, das abgeschnitten und wie vergessen hinter einer verschütteten Waldstraße liegt. Dort sammeln sich die Versprengten, Verfolgten, vom Krieg und vom Völkerwahn Entwurzelten, die Tschechen, Deutschen, Zivilisten, Soldaten, und wir erfahren ihre Lebensgeschichten, erfahren, wie eine unsichtbare Hand sie ausriß, beutelte, zerquetschte, wegschleuderte.

Aber mit letzter Kraft sind sie in dieses Dorf gekrochen, in dem noch alles den Frühling und den Sommer über so bereitet wurde, daß man jetzt ernten kann, ohne gesät zu haben. In dieser "Niemandszeit", in der alles überreif wird und gekostet werden darf, blitzt eine Versöhnung aus Übermüdung, aus Ermattung und aus Einsicht auf.

Aber es ist eben doch keine "Niemandszeit", kein ganz und gar vergessenes Dorf, und der eine Mann aus dem Häschertrupp, den Vertreibern und Rachsüchtigen, hat ein feineres Gespür als die anderen. Und so tritt die Truppe aus dem Waldrand über dem Dorf.

An dieser Stelle habe ich vor wenigen Wochen erst zum dritten Mal abgebrochen. Es geht halt nicht. Ich habe auch in Bosnien, kurz nach dem Krieg, den Gang durch solche Dörfer kaum ertragen.

Nun das: Jörg Bernig (er ist zuallererst Schriftsteller!) gehört zu den wenigen überparteilichen, gesellschaftspolitisch "kritischen" Stimmen, die unser trauriges Land noch vorzuweisen hat. Er hat sich unter anderem in seiner Kamenzer Rede von 2016 entsprechend geäußert und auch die "Gemeinsame Erklärung 2018" unterzeichnet.

Niemandszeit, das 2002 in der DVA erschienen war und zuletzt im Mitteldeutschen Verlag noch einmal neu aufgelegt worden ist, wurde ebendort aus dem Sortiment genommen. Was nun? Susanne Dagen, die Loschwitzer Buchhändlerin, hat die Restbestände übernommen, sie war schneller als wir! Aber 150 Exemplare haben wir nun abgekriegt.

Hier kann man eines erwerben, für 14.95 €.

(Und ich darf doch um die ein oder andere Mitteilung bitten, wie man diesen großartigen Roman mit seinem - vermutlich - schlimmen Ende zuende liest.)


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (12)

Nemo Obligatur

8. Dezember 2019 18:44

Habe den Kopetzky inzwischen gelesen. Ich verstehe aber die allgemeine Begeisterung nicht. Das Buch liest sich, als habe Kopetzky Forest Gump umgeschrieben und die Hauptfigur durch einen Streber ersetzt. Name: Hans im Glück, oder nein, lieber John Glueck, spielt ja teilweise in Amerika. Entsprechend ist das Buch völlig humorlos. Dazu dann dieses Name-Dropping von Hemingway bis Salinger. Ich habe schon lange nicht mehr so ein uninspirierendes Buch gelesen. Der Indianer Van Seneca erinnert an Karl May. Die Nebennebenfigur Dr. Stüttgen ist hölzern und hat eigentlich nur einen kurzen Auftritt, in dem er zackig salutiert und anschließend operiert. War der richtige Dr. Stüttgen so? Ich wette dagegen. Und dann dieser superoriginelle Einfall, dass der John Glück, quasi ein Schreiber, den Ex-Freund und Schergen vom SD ausgerechnet mit einem Bleistift (quasi sein Arbeitsgerät) des kunstbeflissenen Wachtmeisters tötet. Die A4 (auch bekannt als V2) war übrigens kein "Marschflugkörper" (das wäre eher die V1 gewesen), sondern eine ballistische Rakete. Solche Technik-Schnitzer lassen mich alle übrigen Angaben eher mit Vorsicht genießen, insbesondere die Schlenderhan-Episode. Nein, zu Weihnachten greife ich lieber zu einem Klassiker. Dieses Jahr bietet sich ja Fontane besonders an.

Nordlicht

8. Dezember 2019 19:28

"... Mitteilung bitten, wie man diesen großartigen Roman mit seinem - vermutlich - schlimmen Ende zuende liest."

Nein, das muss man nicht weiter lesen. Auf innere Barrieren sollte man hören.

Ich möchte ein Buch vorschlagen, dass mich beindruckte und veranlasst hat, anders als in Deutschland üblich auf den Vietnamkrieg zu schauen: "Duc, der Deutsche: Mein Vietnam. Warum die Falschen siegten" von Uwe Simon-Netto. Es gibt es noch bei Amazon, würde aber auch in Ihren Verlag passen. (Hat ein Vorwort von Soll-Latour.)

Martin Heinrich

8. Dezember 2019 21:45

Was "Propaganda" betrifft, da kann ich mich Nemo Obligatur nur anschließen. Ich habe ihn erst zu 2/3 gelesen. Für mich wirkt der Roman bis jetzt konstruiert und zusammengesetzt. Hemingway taucht schwer atmend auf und verschwindet wieder. Der indianische Fährtensucher killt Nazis und erzählt von seiner matriarchalischen Stammesgesellschaft; der diskriminierte, ausgebeutete, lastwagenfahrende US-Neger-Soldat darf seinen coolen Blues singen, ... Pervitin macht natürlich auch die Runde. Und John Glück immer glücklich mitten drin. Aber trotz aller aneinander gereihter Geschichtlein und mancher interessanter Details will ein richtiger Spannungsbogen bislang leider nicht aufkommen. Ist das letzte Drittel des Buches besser? Ich werde sehen. Aber ein "großer" Roman ist es definitiv nicht.

Maiordomus

9. Dezember 2019 09:40

Ja, Hölderlin, lieber Kubitschek, setzte, trotz Verkennung durch Goethe und Schiller, Massstäbe. "Leben die Bücher bald?", könnte ein Motto der Weihnachtsempfehlungen sein. Anstelle der auf dieser Seite bis zum Überdruss praktizierten Internet-Verweise der Foristen zitiere ich lieber den Text selber, aus den Epigrammatischen Oden:

Leben die Bücher bald?

"Denn ihr Deutschen, auch ihr seid
Tatenarm und gedankenvoll.

Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt,
Aus Gedanken die Tat? Leben die Bücher bald?
O ihr Lieben, so nimmt mich,
Dass ich büsse die Lästerung."

Als Deutschlehrer erinnere ich mich noch an lebhafte Debatten nicht nur über diese Gedichte, auch den bis heute unübertroffenen Text über die Deutschen, gemeint die Philister, im Briefroman "Hyperion". Über die ersten beiden Zeilen aus dem Gedicht oben kam es wiederholt zu einer Hitler-Assoziation: "Es kam dann ein Österreicher aus Braunau nach Deutschland und bewies Hölderlin das Gegenteil!" (Im Stundenprotokoll wurde diesbezüglich "Heiterkeit" vermerkt.)

A propos Österreicher in diesen Spalten: Deren kritische Meinung über die Verhältnisse in Deutschland kann sich nicht selten auf leider zutreffende Argumente stützen. Aber in erster Linie sollten die Ösis, wenn schon, zuerst Österreich retten wollen und nicht unbedingt Deutschland, über dessen Rettung vom Pariser Exil aus sich Heinrich Heine (in seinen Nachtgedanken) ironisch ausgelassen hat, im Gedanken an seine alte Mutter:

"Das Vaterland kann nicht verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben."

So glaube ich denn auch nicht, dass Deutschland via Schweiz "gerettet" werden könnte, wohl kau durch die Kopie unseres in Jahrhunderten entstandenen, heute in äusserster Bedrohung begriffenen erzföderalistischen direkt-demokratischen Verfassungssystems. Wobei meines Erachtens aber gilt: Vom intellektuellen Niveau ist die deutsche Rechte, von der Jungen Freiheit bis zum gedruckten Heft "Sezession", früher Criticon, der gegenwärtigen Schweizer politischen Rechten auf beeindruckende Weise überlegen; die "dümmere" Schweizer Rechte hat jedoch einen Vorteil: Generationenlange beziehungsweise jahrhundertelange Erfahrung im vernünftigen Gebrauch der Demokratie einschliesslich des Stolzes auf das Kleinsein, wozu aber leider stets ein oft nicht kleines Mass an Borniertheit gehörte: kleinstädtische Beschränktheit, wie etwa von Johann Georg Zimmermann im 18. Jahrhundert beschrieben in seinem Katechismus für Kleinstädte, später von Gottfried Keller mit dem fiktiven schweizerisch "idealtypischen" Städtchen Seldwyla umgesetzt. In einem Schweizer Dorf (in den grösseren Städten bin ich mir nicht sicher) wäre ein Joschka Fischer, der auf einen Polizisten eingeprügelt hat, vom Volk nicht zum Schulpfleger gewählt worden, so wenig wie Hitler und Mussolini es hätten zum Gemeindepräsidenten schaffen können.

Ein gebuertiger Hesse

9. Dezember 2019 14:29

Sehr gut, ans Eingemachte gehend, der Hinweis auf "Niemandszeit". Nicht weiterlesen können, nicht hinschauen können: meine Mutter, als Kleinkind Schlesienvertriebene, konnte Zeit ihres Lebens partout keine Bilder von in die Ferne abziehenden Flüchtlingstrecks auf Bildern sehen. Wenn was im Fernsehen lief, rang sie sofort mit den Tränen und ging aus dem Zimmer. Ich, als Kriegsenkel im Sinn von Sabine Bode, sehe es als zuinnerst stimmig und konsequent an, daß ein Haudegen wie Kubitschek ebenfalls an entsprechender Stelle NICHT WEITER KANN. Da rührt etwas an ein unaussprechliches Herz, das uns ausgerissen wurde und das wir in diesem Leben vielleicht, wahrscheinlich sogar, nicht wiederfinden können, es sei denn als zerschundenes.

t.gygax

9. Dezember 2019 15:04

@ein gebuertiger Hesse
"das uns ausgerissen wurde und das wir in diesem Leben vielleicht, wahrscheinlich sogar, nicht wiederfinden können, es sei denn als zerschundenes"
Genau so ist es, und das ist eine traurige Wahrheit. Deswegen darf sie heute nicht mehr öffentlich geäußert werden, denn das stört die allzeit lustige und immer so vergnügte Spaß- und Eventgesellschaft, vor allem jetzt in der Vorweihnachtszeit, in der ich die Massen so unendlich beglückt einkaufen sehe (............)

RMH

9. Dezember 2019 15:10

Zu 1:
"... und erzählt von seiner matriarchalischen Stammesgesellschaft;"

Echt, macht er dass? Damit sitzt er der üblichen Verwechslung von Matrilinearität mit der Legende vom Matriarchat auf, wie die meisten in früheren Zeiten. In der Ethnologie wird der Begriff Matriarchat nicht ohne Grund nicht mehr verwendet.

Das Buch Propaganda kaufe ich nicht, mir fehlt aktuell auch die Zeit dafür.

Zu Empfehlung 2:

Werde ich definitiv kaufen (oder mir zu Weihnachten schenken lassen) und hoffentlich bald auch zum Lesen des Buches kommen. Safranski ist bei mir mit seinen biografisch unterlegten Werken, die ja weit über eine reine Darstellung eines Lebens hinausgehen, "gesetzt" (sehr gut auch die Werke über Schopenhauer und Heidegger). Ich habe es anderer Stelle in diesem Blog bereits einmal geschrieben:

Für mich macht Safranski da weiter, wo einstmals vor ca. 100 Jahren H. St. Chamberlain mit Werken wie "Goethe" und "Immanuel Kant. Die Persönlichkeit als Einführung in das Werk" begonnen hat. Beste Sekundärliteratur, wie man sie sich als Nicht-Student oder Nicht-Absolvent der entsprechenden Fachgebiete nur wünschen kann. Echt allgemeinbildend, Prädikat besonders wertvoll. Seit der Lektüre von Chamberlains "Goethe" vor über 25 Jahren habe ich einen komplett anderen Zugang zu dessen Werk und habe auch die entsprechenden Werke Safranskis, wo Goethe eine Rolle spielte, mit diesem Hintergrund gelesen und ich hege den Verdacht, dass auch Safranski seinen Chamberlain gelesen hat, ihn aber aus politischer Hygiene und Selbstschutz nicht in den Literaturverzeichnissen erwähnt.

Zu Empfehlung 3:

Hier kann ich G.K. nur voll nachempfinden. Habe sudetendeutsche Wurzeln und meine Familie wurde massiv durch die Vertreibung gebeutelt und geschädigt und hatte hohe Opfer, einschließlich Todesopfer, zu bringen.

Ich bekam daher bereits Beklemmungen, als ich die Empfehlung von B. Kaiser zu "Winterbergs letzte Reise" gelesen habe und dort Formulierungen wie "Man muß nicht zwingend tschechophil sein," und "Auch, wer sich geistig nicht zwischen Reichenberg/Liberec ... heimisch fühlt" sowie "unterhaltsamen und geistreichen Schelmenroman" lesen durfte.

Bitte nicht falsch verstehen, das Buch mag literarisch hervorragend sein, aber bei jemandem, der gerade in der Gegend um Reichenberg nicht nur geistig, sondern auch physisch seine Wurzeln hat, bei dem zieht sich da etwas innerlich zusammen und ein Lesen ist einfach nicht mehr möglich. Ggf. dämliche Vorurteile oder ich muss doch einmal auf die "Couch" ... so lange es aber vermeidbar ist, werde ich das nicht tun und wegen eines Buches auch sicher nicht.

Aber er es gibt eben solche Momente beim Lesen - und dank an G.K., dass er das auch einmal offen anspricht. Ohne diesen Anlass hätte ich jetzt auch nichts dazu geschrieben.

Ein gebuertiger Hesse

9. Dezember 2019 15:35

@t.gygax
Ach, da sollten Sie den Leuten vielleicht keinen allzu großen Vorwurf machen. Nicht jeder, der sich im Heute bejahend etwas zuwendet - und sei es dem Konsum -, negiert dadurch die Annäherung an einen grundlegenden Verlust und Schmerz aus der Vergangenheit. Daß wir, die Nachgeborenen, allerdings mit der zumindest geistigen ZURÜCKHOLUNG dessen befaßt sein müssen, was unseren Eltern oder Großeltern entzogen wurde, ist bereits eine psychologische Notwendigkeit, die sich ohne eigenes Zutun einstellt. Besser, man gehorcht ihr mithilfe des Bewußtseins, als daß man zum Getriebenen wird. Um den Schmerz wiederum kommt man nicht herum, alles andere wäre Betrug an einem selbst.

Nemesis

9. Dezember 2019 20:48

@G.K.
"Und ich darf doch um die ein oder andere Mitteilung bitten, wie man diesen großartigen Roman mit seinem - vermutlich -schlimmen Ende zuende liest."

Von mir aus hätte ich es nicht geschrieben.
Da Sie aber die Frage stellen, hier meine Antwort:

Die Frage klären, warum man es eigentlich unbedingt lesen will.
a) aus literarischem Interesse
b) aus (auto)biographischem Interesse (Verarbeitung)
c) aus Lerninteresse an den darin geschilderten Abläufen und was davon zu lernen ist.

Blockierung kommt - i.d.R. - aus b).

Fünf Möglichkeiten:

1. Zeitrichtung umdrehen.
Vom Ende her lesen. Das macht die (möglicherweise schlimmen) Handlungen zwar nicht weniger schlimm, aber die Identifizierung mit den Charakteren ist noch nicht so ausgeprägt. Bei dreimaligem Ansatz, ist das aber u.U. gar nicht mehr machbar.

2. Wenn etwas partout nicht gehen will, dann hat es i.d.R. seine Gründe. Weglegen und ruhenlassen.
Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem es gehen wird.
Oder auch nicht. Dann ist es eben so.
Das alles gibt es - und noch viel mehr.

3. Mit Leuten sprechen, die das Buch gelesen haben.
Sich in groben Zügen das Ende kurz skizzieren lassen.
Dann sich u.U. für 2. oder für ein

4. ganz langsames Herantasten entscheiden (Weiterlesen (und wenn es eben nur 1 oder 2 Seiten im Quartal (oder noch länger) sind)). Sich Zeit zur Verarbeitung geben.

5. eine Flasche Rotwein (oder etwas Adäquates) und durch.
Manchmal muß man sich seinen Dämonen stellen.
Wesentlich ist da aber der Zeitpunkt, an dem man das durchzieht.
Es gibt Zeiten in denen das geht und Andere an denen es unmöglich ist.

6. Darauf vertrauen, daß seine Entscheidung - welche der
Möglichkeiten auch immer - gut ist.

Ratwolf

9. Dezember 2019 23:10

Die Faszination des Grauens ist eine Tendenz des menschlichen Geistes, welche nur situativ eine Linderung verspricht.

Subjektiv wird es als einzig ware Daseinsform erlebt. Man steigert sich in etwas hinein. Es ist ein Leiden um des Leidens willen. Alle anderen sind dann oberflächlich und "Herzlos". Ohne Tiefgang.

Objektiv ist derjenige mindestens in der Situation Handlungsunfähig.

Warum sollte man sich seinen eigenen Traumatisierungen immer wieder aussetzen?
Es gibt keine Pflicht, sich selber immer wieder Schmerzen zuzufügen.

Es gibt da keine Lösung. Was einmal im Kopf drin ist, geht nicht wieder raus. Es bleibt gespeichert.

Hier mit Härte (Abhärtung) und Verdrängung zu reagieren, macht keinen Sinn, wenn man nicht im täglichen Einsatz bleibt. Die Fallhöhe zum neuen alltäglichen Leben ist zu groß.

Das Grauen des Krieges, das Grauen in den Lagern, die Behandlungsgeschichte Hölderlins oder das Leid der Deutschen in den fernen Gebieten ist mir bekannt. Ich brauche mir nicht weitere Details anschauen. Dazu habe ich selber genug Grauen gesehen, oder von meinen Vorfahren erzählen lassen.

Mit zunehmenden Alter nähert man sich seinen eigenen physischen Ende. Es wird einen klar, dass die eigenen Hülle von Würmern und Maden zerfressen wird, oder dass das eigene Fleisch verbrannt wird und die Knochen zermahlen werden.

Das reicht mir, um den Augenblick zu genieße und mit Freude und Zuversicht in den Kampf zu ziehen.

Maiordomus

10. Dezember 2019 11:31

@Ratwolf. Die Behandlungsgeschichte Hölderlins im Turm von Tübingen war im Vergleich zum damaligen Umgang mit "Geisteskranken" immer noch relativ human. Er durfte weiter dichten und erhielt dann und wann prominente Besuche. Robert Walser, später Psychiatriepatient in der Klinik Waldau und später bei Herisau (Appenzell), fand das Schicksal Hölderlins den Umständen entsprechend nicht mal absonderlich bedauerlich.

Ratwolf

11. Dezember 2019 03:51

@Maiordomus:
Ich habe das Buch von Rüdiger Safranski über Hölderlin noch nicht gelesen. Vielleicht ist es nicht so schockierend, wie ich vermute. Herr Safranski ist mir sehr sympathisch. Er ist offen und ehrlich.

Hölderlin hat mich nicht begeistert. Den Hyperion fand ich als Kind schwer verständlich. Es wirkte alles schon von seinen späteren Problemen angefärbt. Ich mag so etwas nicht. Ein Autor sollte für mich eine positive Ausstrahlung haben. Wie Safranski.

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