27. Dezember 2019

Neosozialismus

Gastbeitrag / 46 Kommentare

von Heino Bosselmann -- Alle Politik gründet in Menschenbildern und in daraus abgeleiteten Vereinbarungen.

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Wenn Grünen-Chef Robert Habeck 4000 in Griechenland festsitzende „Flüchtlingskinder“, die eigentlich „unbegleitete“ jugendliche Sozialmigranten sind, per Luftbrücke ins gelobte Deutschland holen lassen will, steht dahinter das grüne Menschenbild. Für Habeck gilt als per se vereinbart, daß man ihnen zu helfen hat, indem man sie sogleich ans Ziel ihrer Träume bringt, zumal die Bedingungen in griechischen Lagern miserabel seien.

Was Habeck für richtig und geboten hält, hat seiner Auffassung nach unbedingte Geltung. Und wer das kritisch sieht, der sieht es eben nicht „menschlich“, sondern „unmenschlich“, selbst wenn er nur zu bedenken gibt, daß dem Elend der Welt nicht in Kampagne-Aktionen abzuhelfen ist. –

Es mag vielleicht nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich die im Überbau entstandenen irren Gerechtigkeits- und Teilhabephantasien so aufgeblasen haben, daß sie auf die Basis übergreifen und eine ökonomische Umwertung entscheidender Werte beginnt. Sowohl Grüne als auch Sozialdemokraten weisen in diese Richtung, der Linken selbst ist der „Antikapitalismus“ seit Hingang und Verklärung ihrer DDR programmatisches Ziel.

Der Schwache soll die stärksten Rechte haben, der Leistungsfähige muß ihm helfen; dieser Anspruch klingt christlich und humanitär und will verdeutlichen, wie konsequent die Politik Gerechtigkeit anstrebt – als Reflex auf die angeblich von neoliberaler Deregulierung seit den Neunzigern verursachten Exklusionsprozesse. Das neue Bekenntnis zu „umfassender Teilhabe“ reagiert darauf, daß immer mehr das beschleunigte Tempo nicht mitgehen können und anderen kognitiv wie sprachlich – selbst- oder systemverschuldet – das Potential fehlt, zu den Fachkräften zu avancieren, die ein Hightech-Standort bräuchte.

Im Folgenden ist hinsichtlich der Inklusion nie von körperlich oder geistig Behinderten die Rede, denen jede Form der Unterstützung gebührt, sondern von Nichtbehinderten, die kraft gleicher Rechte gleiche Pflichten wahrnehmen sollten, zuerst jene sich selbst gegenüber.

Nicht wenige Auszubildende, denen die Schule immer versprach, sie würden dort abgeholt, wo sie stehen, kommen morgens schlecht hoch, weil ihnen dazu der minimale Impetus abgeht. Tatsächlich scheitern die meisten Berufsausbildungen nicht an Noten, sondern an asozialer Haltung.

Gerhard Schröders Agenda 2010 war der letzte größer angelegte Versuch, Eigenverantwortung einzufordern. Daß gerade ein Sozialdemokrat dies wagte, erschien ungewöhnlich, war aber gleichwohl sehr verdienstvoll. Und funktionierte! Während die Genossen mit Schröder bis heute hadern, zollen ihm Konservative und Liberale stillen Respekt, heilfroh allerdings darüber, daß nicht sie sich an solchem Programm verschleißen mußten, sondern der letzte sozialdemokratische Kanzler.

Seit mindestens zehn Jahren aber offenbart die Berliner Republik eine Tendenz zum Sozialismus. Im Bildungssystem ist der nach Menschenbild, Inhalten und Struktur bereits vollständig umgesetzt, im öffentlichen Dienst wird er praktisch gelebt, im Staatsfunk und den ihm beigeschalteten Medien generiert er eine Propaganda der Gleichheit aller – eben nicht allein vorm Gesetz, was liberaler Grundbestand rechtlicher Emanzipation wäre, sondern als Forderung nach Egalität.

Wer es nichts bringt, bedarf jetzt der Förderpläne, Nachteilsausgleiche und Maßnahmekarrieren. Keine Frage, daß den Schwachen geholfen werden muß, aber perspektivisch erscheint es hochproblematisch, wenn Minderleistungen von Minimalisten zum Maßstab werden und einer Erwartung Vorschub leisten, Luxus stünde einem per se zu, auch wenn man dafür nichts leistet. Mindestens in der Bildung ist dem bereits so, daher die fortschreitende Reduzierung der Inhalte und Anforderungen und die weitere Entwertung der Benotungen und Zeugnisse, daher eine Erziehung, die für alles Verständnis hat, die Schwachmaten und Verhaltensgestörte intensiv fördern möchte, aber Forderungen als Kränkung versteht.

Wer immer noch Leistung verlangt und dabei nicht nur von Rechten, sondern ebenso von Pflichten spricht, dem wird Diskriminierung vorgeworfen; wer die Talentierten favorisiert, der diskreditierte, heißt es, jene mit „Handicap“; wer von der natürlichen Verschiedenheit der Persönlichkeiten, Charaktere und Eigenheiten ausginge und die forcierte Inklusionskampagne für fragwürdig hielte, der selektiere und beschwöre damit den bösen Geist der düsteren Vergangenheit herauf.

Denn jene, die trotz der längst durchgesetzten Chancengleichheit einfach nicht wollen, weil sie keinen Bock auf Anstrengung haben, offenbaren, so die Diagnostiker, „sonderpädagogischen Förderbedarf“, weil sie beispielsweise an einer Störung ihrer „emotionalen und sozialen Entwicklung“ leiden.

Für die wachsende Zahl dieser „Förderfälle“ gibt es mittlerweile finanziell sehr großzügig ausgestatte pädagogische Inklusionsprogramme und Institute, in denen sich unterrichtsflüchtige Lehrer und „Bildungsforscher“ mit der „Qualitätssicherung“ jener Schulen beschäftigen, die sie als Praktiker längst aufatmend verließen.

Wendete man die immensen Investitionen in die vermeintliche Inklusion für die Förderung der Interessierten, Fleißigen und Begabten auf, erreichte man bei Bildungstest endlich die Levels jener Länder, die man so beneidet. Und die Schulen brächten jene Absolventen hervor, derer man für Natur- und Ingenieurwissenschaften sowie Informatik in Deutschland dringlich bedarf.

Aber es läuft anders: Daß Schüler, die sich infolge von Erziehungsdefiziten unfähiger oder kulturferner Eltern nicht mehr zu steuern oder ihren Aufgaben zu widmen verstehen, einen allein für sie zuständigen Erwachsenen, einen „Inklusionshelfer“, zur Seite gestellt bekommen, der mit ihnen im Unterricht sitzt und beim Allereinfachsten hilft, etwa beim Aufräumen ihrer Arbeitsmittel, ist mittlerweile Alltag. In manchen Klassen befinden sich bereits drei, mitunter vier dieser Helfer, die ihren jeweiligen Schützlingen den Alltag organisieren und sie geduldig zu motivieren versuchen, wenn sie mal wieder abdriften, oder sie zur Ruhe bringen, wenn sie abdrehen.

Trotz all der Kampagnen zugunsten der Willensschwachen, Limitierten und Gestörten werfen die diversen Test- und Vergleichsverfahren namentlich Deutschland stereotyp vor, der Schulerfolg hinge hierzulande allzu sehr von der sozialen Herkunft ab. Genau darin erweise sich ja die Ungerechtigkeit, heißt es.

Daß sozial bessergestellte Haushalte eben eher zur Leistungsbereitschaft erziehen und für gutes Niveau Sorge tragen, gilt nicht als lobenswert, sondern als ungerecht den Unterprivilegierten gegenüber, die sich eben nicht gleichermaßen auf anspruchsvolle Beiträge zur frühkindlichen Entwicklung verstehen.

Das Recht gleicher Bildung für alle, eine der wichtigsten Errungenschaften des letzten Jahrhunderts, reicht angeblich längst nicht. Vielmehr ist das Zugeständnis von Erleichterungen und das Zureichen von Erfolgen ohne Gegenleistung vonnöten, damit selbst jene durchkommen, die es selbst gar nicht wollen und denen die Schule ebenso einerlei ist wie die Nation, von der sowieso besser nicht mehr die Rede sein soll. Wer nichts bringt, ruft am lautesten nach Gerechtigkeit und „Teilhabe“. Etwas dafür zu leisten ist offenbar zuviel verlangt, insofern „Teilhabe“ doch neuerdings jedem per se zustehe, so wie jedem eben Würde zukomme.

Friedrich Nietzsche galt späteren Sozialisten als eine Art Präfaschist. Das scheint aus der Perspektive heutiger Gerechtigkeitsphantasie – zumal solcher, wie Habeck sie gerade entwickelte – nachvollziehbar, wenn man das Folgende liest, das 259. Stück aus „Jenseits von Gut und Böse“:

Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung – aber wozu sollte man immer gerade solche Worte gebrauchen, denen von alters her eine verleumderische Absicht eingeprägt ist? Auch jener Körper, innerhalb dessen, wie vorher angenommen wurde, die einzelnen sich als gleich behandeln – es geschieht in jeder gesunden Aristokratie –, muß selber, falls er ein lebendiger und nicht ein absterbender Körper ist, alles das gegen andre Körper tun, wessen sich die einzelnen in ihm gegeneinander enthalten: er wird der leibhafte Wille zur Macht sein müssen, er wird wachsen, um sich greifen, an sich ziehen, Übergewicht gewinnen wollen – nicht aus irgendeiner Moralität oder Immoralität heraus, sondern weil er lebt, und weil Leben eben Wille zur Macht ist. In keinem Punkte ist aber das gemeine Bewußtsein der Europäer widerwilliger gegen Belehrung als hier; man schwärmt jetzt überall, unter wissenschaftlichen Verkleidungen sogar, von kommenden Zuständen der Gesellschaft, denen "der ausbeuterische Charakter" abgehen soll – das klingt in meinen Ohren, als ob man ein Leben zu erfinden verspräche, welches sich aller organischen Funktionen enthielte. Die "Ausbeutung" gehört nicht einer verderbten oder unvollkommenen und primitiven Gesellschaft an: sie gehört ins Wesen des Lebendigen, als organische Grundfunktion, sie ist eine Folge des eigentlichen Willens zur Macht, der eben der Wille des Lebens ist. – Gesetzt, dies ist als Theorie eine Neuerung – als Realität ist es das Ur-Faktum aller Geschichte: man sei doch so weit gegen sich ehrlich!

Man sei doch so weit gegen sich ehrlich! – So weit wenigstens einzusehen, daß dieses Prinzip die Menschheit erst in die Lage brachte, vom Sozialismus zu träumen, denn Jahrhunderte, ach Jahrtausende Ausbeutung und Sklaverei, Ausplünderung des Planeten und seiner natürlichen, mithin auch menschlichen Ressourcen – all die ungeschlachten Grobheiten, die Menschen sich antun – brachten die Gesellschaft mindestens einiger „hochentwickelter“ Länder dahin, einen technischen und kulturellen Komfort zu erreichen, in dem eingerichtet es sich wieder bequem von der großen Gerechtigkeit sinnieren läßt, so als wäre endlich ein Paradies wiederzuerlangen, das es allerdings so nie gegeben hat.

Denn im Paradies verblieben die Mitgeschöpfe, nicht wir. Unsere blutige Erfolgsgeschichte begann gerade mit der Vertreibung aus dem Naturzustand, die wir selbst bewerkstelligten, weil wir in der Natur, kein Zuhause fanden. Wir begannen damit, sie, die Natur, zu verstoffwechseln und die Mitgeschöpfe zu verwursten, weil es ansonsten für uns kein Überleben gegeben hätte.

Wir konnten nicht anders! Ohne die latente Schuld, ohne das Prinzip der Erbsünde, ohne unser Kainsmal kamen wir nicht durch. Wir verzweifelten daran und suchten Trost in allen möglichen Religionen, die eben Ausdruck unserer ewigen unausweichlichen Schuld und des damit verbundenen Erlösungsbedürfnisses sind. Und als wir an die großen alten Erzählungen nicht mehr so recht glauben konnten, generierten wir weltanschauliche Ideologien des Heils, die zwar den Himmel auf Erden verkündeten, aber die Hölle öffneten.

Leben wir demütig mit unserer Verzweiflung, denn wir selbst können uns nicht davon befreien. Das ist realistischer und redlicher, als eine Gesellschaft konstruieren zu wollen, in der wir ohne Fehl und Tadel endlich nicht nur das Recht sichern, sondern die umfassende Gerechtigkeit ausrufen. Belassen wir es beim Recht. Alles, was sozialistisch eine höhere Gerechtigkeit hienieden herstellen möchte, führt letztlich im Extrem dazu, daß die schlimmsten Alpträume Wirklichkeit werden.

Die „Internationale“ irrte an der entscheidenden Stelle, nämlich darin, wir könnten uns aus vom Elend selbst erlösen. Solche Hoffnungen infizieren mit dem Bösen. Die Linke ist von ihrer eigenen Wirkungsgeschichte erschüttert, wenn sie sich ausnahmsweise mal kritisch damit befaßt; und wer sich nach den letzten beiden Jahrhunderten umschaut, ist danach eben kein Linker mehr, weil er sich abwendet von den Verbrechen, zu denen Utopien verlocken. Oder er träumt eben weiter. Vom Blochschen „Prinzip Hoffnung“. Besser es bleibt beim Traum, sonst beginnt der Horror.

Mietendeckelung, Umverteilung, Lastenausgleiche, bloße Dekretierung von Teilhabe – wer damit therapieren will, sollte aufmerksam lange Beipackzettel Historie lesen. Was sein Maß behält, mag sozial erfordert und sogar nützlich sein; aber wenn das Maß verloren geht und „von unten auf“ die Maßlosigkeit des Forderns beginnt, bedarf es der konservativen Mahner.

Wenn die Gerechtigkeitsutopien dann sogar dreist materielle Gewalt werden, braucht es den Reaktionär. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal: Im Gegensatz zum Revolutionär weiß der um seine Schuld, ohne die wir nicht durchkommen.


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Kommentare (46)

Niekisch
27. Dezember 2019 16:56

"Wenn die Gerechtigkeitsutopien dann sogar dreist materielle Gewalt werden, braucht es den Reaktionär."

Und wen brauchen wir, wenn die Ungerechtigkeitsrealität wie heute längst in materielle Gewalt ausgeartet ist?

bb
27. Dezember 2019 17:02

Sie interpretieren zu viel in den Linksextremismus hinein. Linke sind im Grunde ihres Herzens egoistische und faule Menschen mit großem Anspruchsdenken. Bei ihrer Berufswahl scheuen sie ehrliche und harte Arbeit wie der Teufel das Weihwasser. Darum sah man auch selten einen Linken am Fließband oder in der Putzkolonne. Für sie ist das Arbeit unter ihrem Niveau. Darum glauben sie auch im Gegensatz zu normalen Menschen, die Verrichtung einer solchen Tätigkeit zum marktüblichen Lohn sei anrüchig oder menschenverachtend. Ein Linker wird diese Menschen aufhetzen und sie benutzen, um sich selbst einen zwangsfinanzierten Posten als „Kümmerer“ zu sichern. Um nichts anderes als die Ausweitung dieser Zwangsfinanzierung geht es bei linker Politik. Die Vorgehensweise ist dabei immer die gleiche:

1. Schaffe durch „Öffentlichkeitsarbeit“ eine neue Opfergruppe
2. Schaffe zwangsfinanzierte Posten zur Unterstützung dieser Opfergruppe
3. Automatisch sammeln sich Linke auf diesen Posten, da niemand sonst Sozialarbeiter, Genderwissenschaftler, Streetworker, Psychologe und dergleichen als ehrbaren Beruf ansehen würde.
4. Wiederhole 1-3, bis zum Kollaps
5. Beschuldige den politischen Gegner nach der Katastrophe

Bei rechter Politik sollte es nicht darum gehen, die Zwangsfinanzierung in andere Kanäle umzuleiten (Elitenförderung statt Inklusion), sondern der Zwangsfinanzierung (Umverteilung von fleißig nach überflüssig) ein Ende zu bereiten. Die Nebenwirkung: Das Volk kann steuerlich entlastet werden, das Bürokratiedickicht lichtet sich und den Menschen wird die Eigenverantwortung über ihr Leben zurückgegeben. Harte Arbeit, tugendhaftes Verhalten und langfristiges Denken wird wieder belohnt; der Mensch an seinen Urzustand herangeführt. In diesem Urzustand werden ungeahnte Kräfte in jedem von uns freigesetzt. Kräfte mit denen wir den Widrigkeiten des Lebens trotzen. Kräfte die uns vom Amboss zum Schmied werden lassen.

Caroline Sommerfeld
27. Dezember 2019 19:21

"Betrachten Sie auch die unendliche Ohnmacht aller und vor allem die wundersame Abwesenheit eines überlegenen Menschen, eine Sache, die in der Geschichte noch nie vorgekommen ist. Es ist nicht mehr der Zeitpunkt, um Vermutungen anzustellen oder Zukunftsprojekte zu schmieden. Auf dem Boden warten, wie die Staubkörner auf den Sturm warten, mit ganzem Herzen beten und sich für das Martyrium bereiten, das ist, was Gott von seinen Freunden, von den sehr wenigen Freunden, die ihm geblieben sind, verlangt. Es gibt nichts anderes zu tun." (Léon Bloy, 1916, Brief an den Bruder Dacien. In: ders.: Diesseits von Gut und Böse, Briefe - Tagebücher - Prosa. Matthes&Seitz, Berlin 2019)

Den nenne ich einen Reaktionär reinsten Wassers! Wie aber, verehrter Herr Bosselmann, weisen Sie die Forderung nach dem "Sozialstaat", den ja auch die meisten Rechten erhalten wollen, ab? Mit Nietzsche als Ressentiment der Schwachen? Mit Bloy als teuflisches Sedativum, das den Menschen davon abhält, durch Leiden Gott näherzukommen?

Ich fürchte, wir müssen hier mal wieder Ebenen trennen. Behelfsweise vielleicht (Gruß an zeitschnur!) so: die untere Ebene ist diejenige der heutzutage unaufgebbaren sozialen Forderungen. Klar sind diese falsch gewickelt, führen abwärts, verhausschweinen und verknechten den Menschen (i.S. v. Berdjejews "Von der Freiheit und Knechtschaft des Menschen"). Aber genauso wie man einer scheidungswilligen Person heute nicht vorhält, besser für das Volk wäre es doch, Scheidungen wären unmöglich, oder einem Schwulen, besser wäre es, sein Begehren würde kuriert, kann man auf der sozialen Ebene einem Sozialhilfeempfänger, Kassenpatienten oder am Arbeitsmarkt Unvermittelbaren nicht Nietzsches Argument ins Gesicht klatschen.
Darüber liegt freilich die, sagen wir mal: systemische oder genetische (i.S. der Genese eines Jetztzustandes) Ebene. Auf der darf man ungestraft und bitte völlig frei von Vorwürfen, man verhielte sich bspw. als Intellektueller, als Rechter oder als Frau selber parasitär zum Sozialstaat, alle grundsätzliche Kritik plazieren. So eben auch Ihre anthropologische, Nietzsches kollektivpsychologische und Bloys christlich-reaktionäre.

Her mit noch mehr grundsätzlicher Kritik, denn nur auf dieser ungeschützten Gedankenebene können wir sie ventilieren und müssen es auch tun, um dann auf der sozialen Eben nicht alle Forderungen zu schlucken.

heinrichbrueck
27. Dezember 2019 19:35

Und? Dieses ganze Gemenschel interessiert doch keine Sau mehr. Ein solches intellektuelles Jenseits ist ganz interessant, aber wen soll es kümmern?
Leben wir demütig mit unserer Verzweiflung? Und woher kommt die Verzweiflung? Von diesem "wir" ganz zu schweigen; denn der Urwald kann damit nicht gemeint sein, schließlich brauchen die Indianer kein Geld. Die Indianer hatten keine Internationale, und wäre ein Fremder auf die Idee gekommen, sie mit solcherart Virus zu infizieren, sie hätten ihn der Stammesgemeinschaft verwiesen... Wo liegt der Betrug?

Die nackte Dschungelrealität ist keine grüne Menschenbildideologie. Im Wald pendeln sich die natürlichen Stammesstrukturen ein; dem Stamm geht es dann gut, wenn der Häuptling weise ist. Psychopathen haben die Chance getötet zu werden.
Die Menschheit träumte vom Sozialismus? Vielleicht vom Überleben. Keine Utopie, nur ein halbwegs gesättigter Magen. Ausbeutung in Grenzen. Keine globalistische Zerstörungswut.
Zwei Geschlechter; Rassenunterschiede. Viele Völker, die alle überleben wollen, wenn sie dürfen. Ist das Ziel der Abgrund, muß es erst verstanden werden.

Der Maßstab als brd-Verwirklichung, dem das Offensichtliche immer noch nicht offensichtlich genug ist, redet schon wieder in systemlogischer Sprachverwirrung. Dabei ist jede Gegenwartsanalyse in wenigen Minuten zu leisten: Man vergleiche die Zusammensetzung des Volkes, also der demographischen Jetztzeit mit der vergangenen Heimat. Im Systemdenken gefangen zu sein, wird die Gedankenfolge logisch, auch in vorgegebener Betrugsform, als Wahrheit gedacht. Was dann grün unters Volk gebracht wird, könnte auch unsinnig sein. Der Titel Neosozialismus: Verschweigung durch Pseudonymisierung. Wird die Abzocke wirklich nicht verstanden? Und in diesem System soll man wollen? Die Anstrengung in die Selbstabschaffung, oder?

Bildungstest oder Selbstoptimierung, den Globalisten die besten Sklaven und verwertbarsten Selbstabschaffungskandidaten, so ist es aber nicht gemeint. Die Systemlogik gibt eine harte Nuß zu knacken: entweder Geld machen innerhalb der hartnäckigen Vorgaben, den Todesstrukturen, oder man ist eben draußen, was zu kreativen Anpassungspirouetten führen dürfte.
Überlebenskämpfen und daraus abgeleiteten Plänen, schon eher, jedenfalls nicht so sehr als Menschenbildern und den daraus abgeleiteten Vereinbarungen.

Wer in den Systemstrukturen gefangen ist, dazu gehören alle Parteien, hat seine Prozentanteile über Wahlmanipulation zusammengescheffelt; aber auch darauf kommt es im Prinzip nicht an. Trägheitsprinzip. Der Indianer kennt seinen zukünftigen Platz, wird der Urwald weggerodet; aber der moderne Großstadtmensch halt kein Indianer, sondern eingebildet ist.

Maiordomus
27. Dezember 2019 21:08

Diese Sache mit den Schwachen, allenfalls gar den Faulen als Massstab für die Politik als "christlich" zu bezeichnen, siehe das biblische Gleichnis von den "Talenten" (eine Art alte Währung), die unbeschadet einer völlig unterschiedlichen Tagesleistung am Ende des Tagewerks ausgeteilt werden, beruht auf dem fundamentalen Missverständnis, der "Ratschluss Gottes" könne gesetzlich geregelt werden. Dass vor Gott ein Trisomie21-Kind nicht nur gleich, allenfalls sogar weit höher gewertet werden kann als ein Ingenieur, Hochleistungsakademiker, Spitzensportler, Kanzlerin oder wer auch immer, das hat nun mal mit den "Gesetzen des Himmels" zu tun. Das versteht jeder religiöse Mensch, hätte vielleicht sogar von Johannes Kepler, Isaac Newton und Leonhard Euler (begraben in St. Petersburg) unterschrieben werden können; von denen ich im Gegensatz zu Einstein weiss, dass und wie sie gläubig waren.

Gemäss dem späteren Tübinger Psychiatriepatienten Hölderlin hat aber nichts so sehr den Staat zur Hölle gemacht, als dass der Mensch denselben zu seinem Himmel machen wollte. Ein auf jeden Fall tiefsinniger Satz aus dem unvergleichlichen Hyperion, einem Text, der wie Schillers Stellungnahme zum Parlamentarismus hier einige Mitblogger überforderte. Ich bitte diejenigen um Geduld. Ich könnte eher und lieber auf ein Jahr Fernsehen verzichten als auf eine Seite Hölderlin.

Ihre Beiträge aber, Herr Kollega, scheinen mir fast mal für mal (jedem, mir erst recht, kann mal eine schwächere Nummer passieren) überaus gehaltvoll. Jemanden wie Sie einmal persönlich zu sehen und zu hören, zum Beispiel bei den diskreten Treffen der "Sezession"-Leser etwas weit südlich von Preussen, wöre für mich und wohl noch für andere ein echter Gewinn. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ein gesegnetes 2021.

PS. "Selbstoptimierung" ist ein Buchtitel einer aus meiner Sicht eher aussenseiterischen, aber wirklich intelligenten und ideenreichen Philosophin und Musikerin aus Tübingen, Dagmar Fenner.

zeitschnur
27. Dezember 2019 22:55

Ach, ich weiß nicht, ob Sie das alles nicht manchmal spiegelverkehrt sehen ... ich meine: was ist da Henne und was Ei? Das ganze Hin und Her vom Fördernwollenmüssensollendürfen führt nach meiner Erfahrung dazu, dass die tatsächlich Leistungswilligen und vor allen die wirklich Begabten von kleinauf aussortiert und gnadenlos zu Idioten abgestempelt werden, es sei denn, sie haben tatkräftige oder aber schlicht mächtige Eltern, wobei letztere fleißig dafür sorgen, dass der Charakter der Kinder verdorben und ihre Seelen früh verkauft werden. Hilfe, ein Freigeist! Hilfe, ein Autodidakt! Wehe dem, der jenseits staatlicher Geprüftheit glänzende Leistung bringt und nicht auf dem Altar der Finsternis opfert!
Es sind beileibe nicht nur Kinder aus sozial schwachen oder bildungsfernen Familien, die immer ungebildeter sind. Ich erlebe da ganz andere Konstellationen: die Kinder des satanischen Systems kommen hoch, die anderen nicht. Sie verkennen mE, dass auch diese total verkorksten „Bildungsverweigerer“ (das sind sie nicht — sie tun genau das, was sie sollen!) gewollte Ergebnisse des Systems sind. Man muss heute seine Seele an den Satan verkaufen, um noch erfolgreich durchzukommen. Oder aber man ist ein Gotteskind, unantastbar, davidisch, versiegelt gegen den Leviathan, den Goliath der Neuzeit. Nach Hobbes ist niemand mehr aufgrund einer ständischen Ordnung, die — will man ihr Positives abgewinnen, immer auch ein Loyalitätssytem ausbildet, das auch soziale Züge trägt. Man muss schon lange seine Seele dem Staat verkaufen, und der ist nicht umsonst mit dem Namen eines monströsen Ungeheuers benannt worden ist.
Pädagogik als Manipulationsinstrument für den Leviathan.
Intelligente UND unabhängige Menschen: eine echte Gefahr für die Herrschaft des Leviathans.
Das System braucht Leute, die intelligent genug sind, um im System zu funktionieren, aber charakterlos und damit auch dumm genug, sich dagegen nicht zu verwahren. Darauf hin zielt alle "Bildung".
Der Abschaum instruiert den Abschaum und dekoriert sich gegenseitig mit Blechorden und wertlosem Tand nach oben, Verdienstkreuze, Tattoos, Kennzeichnung, wer einen besitzt.

Inzwischen herrscht im fortgeschrittenen Leviathanstadium Tohuwabohu, man weiß nicht mehr wo anfangen. Ich fürchte, der Karren muss erst an die Wand, und es ist nicht sonderlich fair, nun irgendwelche Rundumschläge gegen die vielen brainwashed Krücken zu machen, die gelernt haben, im Hamsterrad zu laufen, ohne sich anzustrengen (es wird für sie ebenso gedreht wie man ihre Beine per E-step führt), ohne je auch nur von ferne geschmeckt zu haben, wie es wäre, aus eigener Kraft zu schaffen. Nietzsche greift hier wie so oft, viel zu kurz und leert seinen Kropf mithilfe gallengelber Überzeichnung. Ich halte ihm entgegen: Der Wille zur Macht ist NICHT Leben, sondern Tod. Der Wille zur Macht gestaltet das ganze Leben als Todeskampf der anderen, bis es einen selbst erwischt.
Man muss wenigstens ein wenig wissen, dass man selbst laufen kann. Haben die Menschen, gegen die er schießt, wirklich alle je die Chance gehabt, so etwas wie einen Willen zur Macht zu entwickeln? Sind es nicht die Erwählten Poseidons, die man dazu animiert, die anderen dagegen zum Spuren, zur Unterordnung und Leibeigenschaft?
Und wenn nicht, - er findets ja okay, sie zu schlachten. Sauber. Jetzt bitte kein Lamento, dann bitte konsequent bis in den Abgrund weiterdenken: Und genau das passiert ja gerade mit uns Deutschen, einem seit 120 Jahren systematisch verblödeten Volk, das es sich gerne gefallen ließ und dessen Kinder kaum mehr einen Begriff von Freiheit und Unabhängigkeit haben. Orgiastisch schlagen sie sich an ihre Sklavenbrust und hassen den, der die Ketten lösen will.
Wer lebenslang gelähmt wird, ist kaum mehr zu belangen, jeder Vorwurf an ihn ist unsinnig. Schröder war daher mit seinem Programm schlicht zu spät. Das hätte viel früher kommen müssen. Viel viel früher.

Wer heute noch irgendetwas ein bisschen gut machen will, sollte sich intensiv mit seinen Kindern befassen, mit ihnen sprechen, diskutieren und sich an ihnen und mit ihnen reiben, damit sie sich selbst entdecken und stark werden.

Das System wird eh an die Wand fahren. Für eine forcierte, sozioökonomische Brüskierung jahrzehntelang gehandicapter Mitmenschen kann und will ich aus Mitgefühl nicht plädieren. Solange der Karren noch läuft, muss man sie irgendwie mitschleppen - oder wollen wir sie unter die Brücken schicken, die wir nicht haben? Sehen wir zu, dass man nicht auch uns alles raubt, obwohl wir leistungsstark waren. Es ist schon mancher unter der Brücke gelandet, der einst feines Tuch trug. Mir ist eher zum Heulen zumute, wenn ich Deutschland sehe. Man ist um den Schlaf gebracht. Und ein Zurück gibt es auch nicht mehr.

Wenn es also nur noch ein Vorwärts gibt, in ein tiefes Tal hinein, ist geistiges Preparing angesagt. Nur das wird bestehen lassen. Alles andere wird scheitern, es reicht nicht wie das zu knapp bemessene Öl der törichten Jungfrauen.

Ich glaube, wir sehen jetzt noch nicht ab, wie sich die Dinge dann konkret entwickeln werden. Erst wenn es sich abzeichnet, kann man konkrete Interventionen anpacken. Sie müssen aber unbedingt durch diese geistige Auseinandersetzung vorbereitet werden und durch den Mut zu Kindern, die man unverdrossen und ohne Wenn und Aber durch das eigene Vorbild anregt - auch falls sie opponieren, nehmen sie es doch im letzten Ende an. Auf ihre Weise.

Maiordomus
28. Dezember 2019 06:47

@bb. Ihre Charakterisierung der Linken enthält Treffliches.

Zu Ihrer Beruhigung kann ich Ihnen aber als gelegentlicher Weiterbildner von Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen sagen, dass es bei denen immer mehr gibt, welche aufgrund persönlicher Erfahrung sich desillusionierungsfähig zeigen. Einige macht es sauer, von der eigenen "Kundschaft" als rassistisch und angeblich unmenschlich eingeschätzt bzw. beschimpft zu werden. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter dieser nicht bedingungslos linken Sorte sind indes nicht selten als nicht gerade verwöhnte Kinder in ländlichen Verhältnissen oder im Arbeitermilieu aufgewachsen. Einer, den ich kannte, war in einem Schweizer Dorf, bis zu seiner Abwahl, SVP-Gemeinderat.

Maiordomus
28. Dezember 2019 07:08

PS. @Bosselmann. Die guten Wünsche an Sie und andere betreffen natürlich bereits das Jahr 2020. Vor 40 Jahren vermutete ich in einer Publikation, dass es schwierig werden würde, dass in diesem künftigen Jahre noch einer Bischof sein wolle. Nun haben wir aber diejenigen, welche wir nun mal haben. In der Jungen Freiheit schrieb jemand, man fühle sich zum Kirchenaustritt von den Kirchenoberen geradezu "angefleht". Es gibt indes, zumal noch in den mittleren Kadern, auch solche, die einen nicht gerade dazu anflehen würden. Sie sehen bei ihren Vorgesetzten eher Gottes Zulassung als Gottes Vorsehung. Einen Pfarrer freilich in der Art des "Pfarrers vom Kar", ursprünglicher Novellentitel für "Kalkstein" bei Adalbert Stifter, wird man, wenn überhaupt, im europäischen Alpenraum nur noch ganz selten oder gar nicht finden. Es ist aber schon schön und ersetzt einen Gottesdienst, sich vom wahrscheinlich schon damals mehr literarischen Pfarrer bei Stifter erbauen zu lassen. Schon wie derselbe sich ernährt! Im Vergleich etwa zu der bereits von Herbert Eisenreich in "Das kleine Stifterbuch" (1967) und bei anderen angemahnten "Verfressenheit" des Autors Stifter, dessen Figur ungefähr derjenigen des Kardinals Marx entsprach. Immerhin trug der in den Naturwissenschaften kundige Pfarrer vom Kar stets geputzte, gepflegte, wiewohl nicht neue Kleider und hatte schon zur Biedermeierzeit eine spezielle chemische Technik, im Sommer den Wein abzukühlen. In diesem Sinn, auch wenn Sie den Spritzigen aus dem Kühlschrank nehmen: Prosit Neujahr 2020!

Franz Bettinger
28. Dezember 2019 09:48

Wenn Schulen und Universitäten versagen und nicht mehr als Begabten-Sieb funktionieren, dann tut es das Leben. Gesiebt jedenfalls wird! - Auf das Maß des Sozialstaates kommt es an. Und das Maß? Es ist längst voll. - Frage an Radio Eriwan: "Könnte Deutschland nach der Verrottung wenigstens anderen als abschreckendes Beispiel dienen?" Antwort von Radio Eriwan: "Im Prinzip schon. Aber wem?“

@bb: den Linken sehr schön beschrieben!

RMH
28. Dezember 2019 10:44

Nietzsche spricht meiner Meinung nach allgemeine Lebensprinzipien an, die sich unabhängig von der vom Menschen sich erschaffenen Gesellschaftsform ausbilden. Auch im real existierendem Sozialismus gab es oben und unten, Leute, die eben gleicher als gleich waren, Profiteure, Systemgewinnler, Trittbrettfahrer, Parasiten, Psychopathen etc., nur dass eben ein gutes Stück weit offenkundige Heuchelei dazu kam (im Nichtsozialismus war die Heuchelei nach meinem Geschmack üblicherweise immer subtiler und besser verpackt - das diese Subtilität mittlerweile verloren gegangen ist, ist ein wichtiger Indikator!), eben auch (aber nicht nur) das, was die Sozialisten/Marxisten etc. beim Bourgeois unter anderem als notwendig falsches Bewusstsein recht schlau erkannt haben.

Nietzsche hat nach meiner Auffassung grundsätzlich überhaupt keine Ressentiments gegenüber Schwachen - er mag nur nicht ihre schleimig-widerliche Art, sich über Moral und Religion in andere Stellungen bringen zu wollen, als sie ihnen natürlicherweise zukämen. Dabei ist auch dieses Verhalten letztlich Willen zur Macht. Verfügt man über keine physische, offenkundige Macht, dann wählt man einen Weg, wie man auch ohne eigene physische Kraft seinen Willen verwirklichen kann. Moral und Religion sind dazu sehr gut geeignet.

Und grundsätzlich sind wir damit auch wieder bei der "Ordnung", dem "Stand", der früher auch mit entsprechendem Stolz und Selbstbewusstsein der jeweiligen Mitglieder einhergegangen war.

Ich stimme der Analyse von bb daher grundsätzlich zu, das Linke will den Leuten ihren Stolz auf ihren Stand nehmen und die Klassen gegeneinander ausspielen, in der bloßen Hoffnung, dass es irgendwann zu einer klassenlosten Gesellschaft kommen wird. Bis dahin sichert man sich aber über dieses Spiel recht gut erst einmal seine eigenen Pfründe. In einem Punkt melde ich aber Widerspruch zu den Ausführungen von bb an:

"Linke sind im Grunde ihres Herzens egoistische und faule Menschen mit großem Anspruchsdenken."

Das trifft im Grunde genommen auf die meisten bzw. den deutlich überwiegenden Teil Menschen zu (oder gar alle? Ausnahmen bestätigen die Regel) - unabhängig von Rechts und Links. Die Strategien, diese Neigungen ausleben zu können, sind aber unterschiedlich und sehr vielfältig. Die Neigungen an und für sich sind - konservativ betrachtet - aber Teil der menschlichen Grundausstattung und an diesem set up kann selbst die beste Erziehung nichts grundlegend verändern. Der Konservative akzeptiert dies und geht damit angemessen um - womit er sich grundlegend von allen Weltverbesserern linker, aber auch rechter Art, unterscheidet.

Im Übrigen schließe ich mich dem Lob von M.D. in Bezug auf Herrn Bosselmann an. Ich lese seine Texte sehr gerne.

quarz
28. Dezember 2019 12:06

Die Senkung des Anforderungsniveaus im Bildungsbereich ist in engem Zusammenhang mit dem Umstand zu sehen, dass die großteils aus Niedrig-IQ-Ländern stammenden Migrantenmassen im Anschein intellektueller Äquivalenz integriert werden müssen.

Damit dieser Anschein gewahrt bleibt, muss um jeden Preis verhindert werden, dass Landesteile ethnisch allzu homogen bleiben, bildungsstatistisch auffallen und dadurch Kausalfragen aufwerfen.

Die Herkulesaufgabe, die im kommenden Jahrzehnt angesichts solcher Bestrebungen auf die dissidenten Kräfte wartet: zu verhindern, dass der Multikulturalismus in den Osten metastasiert.

tearjerker
28. Dezember 2019 12:30

Es geht nicht mehr um Bildungsdebatten, links, rechts, Reaktion oder sowas, sondern darum sich von den Trägern dieser Veranstaltung zu befreien. Getrennte Wege, eigene Strukturen, Sezession. Die Voraussetzungen dafür verbessern sich täglich und die grotesken und hysterischen Reaktionen der Gegenseite zeigen, dass die Richtung stimmt.

Gracchus
28. Dezember 2019 14:48

Ich finde Bosselmanns Beitrag etwas unausgegoren.

Grundsätzlich ist Nietzsche zuzustimmen, meinetwegen kann man das präfaschistisch nennen, sollte dann aber sehen, dass dies zu den Grundbedingungen des irdischen Lebens gehört und insoweit niemand - keine Gesellschaft und kein Individuum - davor gefeit ist. Das ist so ähnlich wie mit der von Eibl-Eibesfeldt diagnostizierten sogenannten Fremdenscheu, was, wenn ich mich und andere beobachtet, natürlich ist, denn woher weiss ich, dass ein Fremder mir wohlgesonnen ist, im linken Diskurs für Empörung sorgt. Ich würde Nietzsches Position eher als vitalistisch bezeichnen; starken Einfluss hatte sie m. E. auf Gilles Deleuze, den Vordenker der digitalen Boheme, der sich von Foucault, meine ich, denselben Vorwurf eingehandelt hat. Denn der Wille zum Leben impliziert den Willen zur Macht, geht darin nicht auf, da die meisten sich offenkundig mit der Rolle als Mitläufer und Opportunisten begnügen.

Unausgegoren finde ich aber die Aufforderung am Schluss, sich ehrlich zu machen: Wenn allein der Wille zur Macht zählt, gehört Ehrlichkeit nicht dazu. Macht beruht auch immer auf Täuschung. Die Linke gehorcht dem Willen zur Macht, ganz offenkundig; das empfinde ich ja als das Verlogene daran. Damit appelliert man aber nicht an den Willen zur Macht, sondern an den Willen zur Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, letztlich also Wahrheit.

Zur Wahrheit gehört auch, dass wir in einer hochselektiven Gesellschaft leben, die kaum oder schlecht - jedenfalls unter dem Standard - ausgebildeten Migranten keine Perspektive bietet. Wenn ich das als Faktum konstatiere, heisst das nicht, dass ich das gut finde. Anscheinend bietet sich nämlich mehr und mehr Indigenen keine erstrebenswerte Perspektive mehr; es ist ja nicht normal, mit dem Arsch nicht aus dem Bett zu kommen; anscheinend ist da der angeborene Lebenswille gehemmt oder gelähmt, es fehlt die Vitalität. Vitalität speist sich m. E. nicht in erster Linie aus dem Willen zur Macht, sondern aus Lebensfreude. Und die Frage, die man sich stellen sollte, ist: wieviel Lebensfreude bleibt noch unter einem gnadenlosen Leistungsdiktat? Ferner kann man m. E. die Pisa-Studien, die ständigen Leistungsmessungen als kritisch, d. h. als stumpfsinnig und geistfeindlich betrachten. Warum dem das Wort geredet wird, erschließt sich mir nicht.

Recht ohne Gerechtigkeit einzufordern, erscheint mir ebenfalls als kurzsichtig. M. E. wird eine solche Rechtsordnung nicht von Dauer sein und für Unmut sorgen. Auf welcher Basis sollte die Rechtsordnung denn Gehorsam einfordern dürfen? Auf dem Willen zur Macht der Regierenden? Diese wird ihren Willen zur Macht kaschieren und sich keinesfalls hinstellen und sagen: Das Recht dient dazu, damit wir euch, liebe Untergebenen, besser ausbeuten können!

Laurenz
28. Dezember 2019 14:52

Werter Herr Bosselmann, Sie analysieren hervorragend die politisch gesellschaftlichen Zustände, aber in der Schlußfolgerung verwechseln Sie, in meinen Augen, Ursache und Wirkung. Die Habecks & Kühnerts dieser Welt sind nicht in der Lage, einen Produktions-Betrieb erfolgreich zu führen. Und das wissen diese Flaschen auch nur zu genau. Würden sie es tun, endete das wie der Warschauer Pakt oder der BER. In der Sowjetunion wären Robert Habeck und Kevin Kühnert Gulag-Leiter geworden, denn nur der Gulag verbrieft Gerechtigkeit.
Um aber in unserer Gesellschaft der eigenen nutzlosen linken Existenz und ihresgleichen parasitär ein kapitalistisches Leben zu ermöglichen, muß man die melken, die produktiv sind, dazu gehört aber die Diskurshoheit. Es geht also gar nicht um junge Menschen, welche die Welt nicht braucht, und die in einer darwinistischen archaischen Gesellschaft längst verhungert wären, sondern um die sinnlos beschäftigten Betreuer, es handelt sich um die zu verteilenden Brotkrumen an die Unterstützer, die am Tisch der links-feudalen Tafel der Herrschenden abfallen.
Allerdings, so dürfen sogar Philosophen im deutschen Haß- und Hetzblatt Nr. 1, Der Relotius, über die Bigotterie der Deutschen Oberschicht schreiben, diejenigen mit dem dicksten desaströsen ökologischen Fußabdruck wählen grün gefärbt.
Hier zeigt sich doch nur zu deutlich, daß diese linken Inhalte nicht in sozial-prekären Regionen entstehen, sondern die hundert Jahre Frauenwahlrecht in unseren reichen Landkreisen versagen. Die Frauen von Männern, die mehr als 100k Euro im Jahr verdienen, wählen Robert Habeck und schicken ihre Kinder auf FFF-Demos. Und das ist gut so. Die meisten dieser Mütter werden den Schmerz des Scheiterns ihrer Kinder noch erleben.
Von daher, Herr Bosselmann, haken Sie Ihren Rückfall in Ihre liberalistischen Sehnsüchte ab. Ihre Rechtfertigung Gerhard Schröders und Joschka Fischers am Diebstahl der Sozial-Versicherten, die Enteignung des Volkes über die radikale Abwertung des Währung, bringen uns nicht weiter. Wenn wir gewählt werden wollen, brauchen wir weder aSozialdemokratische Steuerfreiheit von Veräußerungsgewinnen von Kapitalgesellschaften noch Kriege im europäischen Ausland.
Wo sollen wir denn enden? Wie die aSPD? Unter 10%, da wo sie hingehört?
Die Grokotz hat doch wieder eine neuen Aderlaß des Volkes beschlossen. Lassen Sie uns doch denjenigen zuwenden, die noch produktiv sind und zuwenig verdienen, eben weil sie zu sehr geschröpft werden, egal ob Unternehmer oder Arbeitnehmer. Allerdings werden wir solange warten müssen, bis der Schmerz jene Mitbürger an der Wahlurne schlauer macht. Die SiN-Redaktion, Benedikt Kaiser & Co. haben doch die letzten 3 Wahlen im Osten explizit analysiert. Nur die blöden Ost-Rentner ab 60 haben ihre eigenen Henker wieder gewählt und werden weiterhin die Tafel in größerer Anzahl besuchen dürfen. Aber diese verblödeten Rentner werden jedes Jahr um eine knappe Million weniger. Viele unter 60 haben bereits verstanden, welche moralisch gerechtfertigten Vampire ihnen das Blut abzapfen. Ihr liberalistischer Weg, Herr Bosselmann, den Sie aufzeigen, führt jedenfalls geradewegs tiefer in den Bolschewismus.

limes
28. Dezember 2019 17:43

Heino Bosselmann preist die Agenda-Politik Gerhard Schröders, die für ihn der »letzte größer angelegte Versuch, Eigenverantwortung einzufordern« ist und fährt verwundert fort: »Seit mindestens zehn Jahren aber offenbart die Berliner Republik eine Tendenz zum Sozialismus.«

Die Koinzidenz von kapitalistischem und sozialistischem Durchgreifen ist aus heutiger Perspektive alles andere als erstaunlich. Gleich im ersten Kapitel des Kaplaken-Bändchens »Blick nach Links« zitiert Benedikt Kaiser den Publizisten Norbert Borrmann mit den Worten, »daß sich mit Kapital und Linksideologie zwei Teile gefunden haben, die überaus kompatibel sind« und führt dies im Folgenden sehr überzeugend aus.

Zurück zu Schröder: Der hat Deutschland für die Globalisierung sturmreif geschossen, indem er die deutschen Arbeitnehmer zum Wohle der export- und wachstumsfixierten Wirtschaft in prekäre Verhältnisse zwang, sie durch das Gebot maximaler »Flexibilität« ihrer Heimat entfremdete und entwurzelte. Wenn nach der »Agenda 2010« bei vielen Deutschen ein Einkommen nicht mehr ausreichte, die Familie zu ernähren, war dies sowohl im Sinne der Konzerne als auch der Sozialisten. Letztere konnten mit dem Zwang zur Ökonomisierung der Frau den Feminismus als »Emanzipation« in ihrem Sinne vorantreiben und mit dem Zwang zur Aufbewahrung des Nachwuchses in Kitas die »Lufthoheit über Kinderbetten« gewinnen.

Als – oh Wunder! - die Gebärfreudigkeit der deutschen Frauen weiter abnahm, war die Gelegenheit gekommen, die bereits im Jahr 2000 formulierte UN-Agenda für »Replacement Migration« offensiv zu verfechten.

Für Konservative gibt es also keineswegs Anlass, Schröders Agenda-Politik Respekt zu zollen, wie Heino Bosselmann meint.

Niekisch
28. Dezember 2019 18:05

"liberalistischer Weg...führt jedenfalls geradewegs tiefer in den Bolschewismus.."

Ja, Laurenz, deswegen muss das principium individuationis als Scheunentor für Klassenkampfdenken sowohl von oben als auch von unten radikal überwunden werden. Es darf in unserer gegenwärtigen Lage nur noch im rein privaten Bereich gelten. Politisch muss bei uns eine aus evolutiv verankerter sozialistischer Charakterlichkeit entspringende Gemeinschaftsgesinnung zum Durchbruch kommen. Im jetzigen Krieg um den Bestand aller Dinge geht es nicht anders.
Keine Form des Liberalismus kennt eine echte politische Existenz, kennt eine verteidigungsbereite Gemeinschaft. Was der Liberalismus Gemeinschaft nennt, ist nur eine organisatorische Zusammenfassung von Einzelmenschen ohne Rücksicht auf ihre ethnische Identität. Liberalismus, der vorgibt, die Gemeinschaft schützend zu handeln, betrügt.

Andreas Walter
28. Dezember 2019 18:22

@bb

Was Sie beschreiben trifft aber auch im hohen Maß auf viele Eliten und Kapitalisten zu.

Doch auch bei Leuten die sich von morgens bis abends abplacken und schinden frage ich mich, was die an dieser Härte gut finden. Ist das nicht auch pathologisch (pathetisch, páthos)? Nicht selten auch religiös extremistisch motiviert?

Protestantischer Arbeitseifer wird das darum manchmal auch genannt, wenn man nicht als Antisemit beschimpft werden möchte.

Also ich lasse gerne Maschinen die ganze (Drecks-)Arbeit für mich machen beziehungsweise Energie produzieren, und bediene und warte sie lediglich, gelegentlich.

Doch diesen Held-der-Arbeit-Schwachsinn hatten auch die Bolis mit der Bolo-Mauser am Koppel (Peitsche war nicht mehr zeitgemäß).

"Entrollt euren Marsch, Burschen von Bord!
Schluß mit dem Zank und Gezauder.
Still da, ihr Redner!
Du hast das Wort,
rede, Genosse Mauser!"

(Gedicht Linker Marsch, Wladimir Wladimirowitsch Majakowski)

Allerdings, auch die Maschinen und Kraftwerke müssen gebaut werden, selbst die Fahrräder und Öko-Vollholzmöbel. Dazu braucht man aber trotzdem keine 10 Milliarden Menschen.

Das wird alles daher nicht auf Sozialismus hinauslaufen, sondern auf Krieg. Selbst die Einführung des Bolschewismus in Europa war darum ein Massaker ohne historisches Vorbild gegen alle, die sich dagegen gewehrt haben.

Die Macht und das Selbstbewusstsein dieses Mannes wächst nicht ohne Grund jeden Tag, ein Krieg gegen ihn immer unmöglicher:

https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/spahns-spitzwege/wie-krieg-unvermeidbar-wird-das-tuerkische-libyen-experiment/

Keine Armee wird nämlich in den Krieg ziehen können. Weder die Deutsche noch die Britische noch die Französische, weil alle deren Soldaten dann bereits an der Heimatfront gebunden sein werden.

Was daher jetzt passieren muss ist klar. Sonst haben wir bald Verhältnisse in Westeuropa wie in Jugoslawien.

Laurenz
29. Dezember 2019 00:16

@Niekisch .... limes hat es im Grunde noch schöner, treffender formuliert als ich. Herr Bosselmann hat nun mal diese AM-Neigung zu Hayek. Diese Haltung ist natürlich nie haltbar, vor allem dann nicht, wenn man Mehrheiten gewinnen will, was bedeutet, sich vom Lobbyismus abzuwenden. Freie Märkte sind sowas wie die unbefleckte Empfängnis, ein lächerliches Glaubens-Konstrukt. Nur Politik, die den Lobbyismus tatsächlich dienen läßt, kann Lösungen finden. Allerdings können das nur junge Leute bewegen, weil diese von der Politik noch nicht leben (wollen).

Franz Bettinger
29. Dezember 2019 00:41

@zeitschnur schreibt (selbst mit gelber Galle): "Nietzsche greift wie so oft zu kurz. Ich halte dagegen: Der Wille zur Macht ist NICHT (FB: die Triebfeder / Motivation / Sinn des) Leben, sondern Tod.“

Meine Liebe, Sie schweben über den Wolken. Wenn Sie in den Maschinenraum Ihrer Seele (aka ihrer Motivationen) hinabsteigen könnten, würden Sie staunen, was Sie dort finden. Aber in dieses Basement gelangen Sie nie, der Weg dahin ist nämlich schmutzig.

Übrigens fällt mir auf, dass ich Sie fast immer negativ kritisiere. Das ist ungerecht und soll hier explizit korrigiert werden: Sie schreiben auch viel Lesenswertes, gerade auch ihre Ausarbeitung zum Thema Indoktrinierung der Jugend. Glänzend beobachtet!

@RMH und @Gracchus haben einiges bzgl. Nietzsches Willen zur Macht trefflich zurechtgerückt. Danke. Moral und Religion (vor allem die christliche) sind in der Tat die (mit Pseudo-Menschlichkeit vergifteten) Schwerter in der Hand der Zukurzgekommenen. Der Wille zur Macht wohnt jedem Leben inne, schon dem Bakterium oder der Amöbe: andere auffressen, wachsen, sich teilen, vermehren, mehr fressen, mehr, mehr, mehr. Dem eine Ende bereiten kann nur ein anderer, ein stärkerer Wille zur Macht: der Feind. Manche nennen ihn das Immunsystem; ist aber auch egal. So sieht’s aus unten im Maschinenraum!

Seltsam, dass ich mich selbst nicht vermehrt habe, und das nicht zufällig, sondern gewollt. Bin ich im @zeitschnurschen Sinne somit ein Guter?? Ha! Muss drüber nachdenken.

Utz
29. Dezember 2019 09:09

Ich kann limes nur zustimmen. Für mich ist weit und breit kein Neosozialismus zu sehen, nur eine Linke, die vor einen Karren gespannt wurde und sich dessen kaum bewußt ist. Nach wie vor gibt es in unserem Land Parteispenden von Leuten, die genug Geld haben. Deren Ziele sind keine sozialistischen. Die sind nach wie vor nicht für eine Umverteilung von oben nach unten. Bestenfalls für eine gemäßigte Ruhigstellung auf Kosten des Mittelstandes. Das Ziel, das immer klarer sichtbar wird, ist die Schleifung des Nationalstaates. Dafür werden vorübergehend Bündnisse mit Teilen der Gesellschaft eingegangen, die man zuvor immer links ließ. Diese glauben, daß dabei am Ende mehr Sozialismus rauskommt. Aber sie werden sich getäuscht haben.

bb
29. Dezember 2019 12:28

@Andreas Walther
„ Also ich lasse gerne Maschinen die ganze (Drecks-)Arbeit für mich machen beziehungsweise Energie produzieren, und bediene und warte sie lediglich, gelegentlich.“

Und ich hätte gerne etwas Unterstützung beim Entwurf dieser Maschinen, beim Entwickeln und Verfeinern der Werkstoffe, bei der Konstruktion von Werkzeug, beim Bau dieser Maschinen, bei der Softwareentwicklung, in der Qualitätskontrolle, beim Vertrieb und bei der Installation. Machen sie sich doch nichts vor. Diese Maschinen erfordern mehr als alles andere eine fleißige und intelligente Gesellschaft. Sie werden ihren Komfort, ihre Möglichkeiten und ihre Absicherung vor existenzieller Not vervielfachen. Die Notwendigkeit, dafür ihren Beitrag in Form von Arbeit zu leisten, wird nicht schwinden.

Laurenz
29. Dezember 2019 13:21

@Utz ... Ihr Beitrag ist die ewige Phantasterei der Linken, ein sinnentleerter Glaube. Auch für den globalen Großkapitalisten ist der Marxismus/Bolschewismus die ideale Staatsform. Der Kapitalismus bietet jedem Menschen, zumindest theoretisch, die Möglichkeit, ein noch größerer Großkapitalist zu werden. Der Kapitalismus bietet also keine absolute Macht. Im Marxismus/Bolschewismus ist Macht absolut. Von daher unterstützten Groß-Kapitalisten schon immer Christen (die antiken Marxisten) und Bolschewisten, um Teil der absoluten Macht zu sein.

Cugel
29. Dezember 2019 14:15

@Utz
"Diese glauben, daß dabei am Ende mehr Sozialismus rauskommt. Aber sie werden sich getäuscht haben."

Das ist wahr, und es sei ihnen von Herzen gegönnt. Während die Masse wie immer lange Gesichter ziehen wird, wird der Rest sich an einem behaglichen Plätzchen im Süden am Meer (oder sonstwo, jedenfalls fernab der Malaise) am eingestrichenen Profit und ggf. auch in der streng wissenschaftlichen, daher objektiven Gewißheit trösten, daß ein weiterer Schritt in der notwendigen Entwicklung der Produktionsverhältnisse vollzogen wurde und daß in jedem Fall mit Deutschland endlich Schluß ist.

Cugel
29. Dezember 2019 14:39

@Franz Bettinger
Wahre Worte. Ich stelle (auch im persönlichen Umfeld) fest, daß im Verein mit der Heuchelei der Selbstbetrug grassiert, den ich für noch schlimmer halte, weswegen ich immer mal wieder auf die eigene Nasenspitze schiele.

Verspätet danke ich Ihnen für Ihre freundlichen Worte im Nachbarbecken, welches mir just vor meiner weisen Nase geschlossen ward. Ich schätze Ihren nüchternen aber nicht verbissenenen, vielmehr humorigen Blick auf den Menschen und die Welt. Ihre Gelassenheit ist mir (leider noch unerreichtes) Vorbild. Sollte ich mal wieder ans Meer gelangen, werde ich jedenfalls Ihr Gedankenexperiment zum Meeresspiegelanstieg durchführen.

Cugel
29. Dezember 2019 15:11

@bb
"Die Notwendigkeit, dafür ihren Beitrag in Form von Arbeit zu leisten, wird nicht schwinden."

Ich sehe keinen Selbstbetrug in Andreas Walters Beitrag, lediglich eine saloppe Formulierung.
Anders bei Marx und seinen Jüngern: Irgendwann macht es Puff, das Proletariat kommt auf den Trichter, alle Menschen werden gleiche Brüder (Loretta aka Stan: "Und Schwestern!") und machen sich einen Lenz mit den Maschinen, die die Kapitalisten entwickelt haben. Es ist nicht zuletzt diese Ignoranz und Unehrlichkeit, die den marxistischen Linken vom Konservativen unterscheidet.

Simplicius Teutsch
29. Dezember 2019 15:22

„Linke sind im Grunde ihres Herzens egoistische und faule Menschen mit großem Anspruchsdenken. Bei ihrer Berufswahl scheuen sie ehrliche und harte Arbeit wie der Teufel das Weihwasser ...“

@bb - da haben Sie die Linken schön zutreffend dargestellt. Darum werden viele Linke ja auch verbeamtete Lehrer oder viele Lehrer sind Linke. Die Hälfte der Lehrerschaft sind nach meiner abgeschlossenen Erfahrung mit vier Kindern faule und teils gefährliche pädagogische Versager. Womit ich aber gleichzeitig auch meinen Hut vor der anderen Hälfte ziehe.

Ergänzend möchte ich noch, aus der eigenen Naherfahrung, die linke, oft überquellende Geschwätzigkeit nennen; diese linken Leute schwätzen lieber von hoher Warte und über jeden Scheiß, als dass sie arbeiten bzw. „anpacken“ oder wegputzen, was aber nicht selten in Betrieben zum Posten des Betriebsrats oder der -rätin führt; Leute, die gerne zu FFF- und ähnlichen zivilcouragierten Weltrettungs-Veranstaltungen gehen und im privaten Bereich daran zu erkennen sind, dass bei jedem Wohnungs-Umzug von Bekannten und Verwandten die schwere Couch die Anderen das Treppenhaus runter- und hochtragen. Wenn Sie so jemanden kennen, können Sie sicher sein, dass er politisch linksgrün wählt. Darum sind diese linken Leute ja auch für immer mehr Zuzug von unqualifizierten Arbeitnehmern, aber humanitär-selbstverständlich mit akzeptablem Mindestlohn. Einer muss ja die Drecksarbeit machen.

Jene FFF-Kids, die heutzutage die Nachrichten füllen, haben ja auch nur eine diffuse existentielle, aber nicht unbegründete Angst um eine bequeme sichere Zukunft, die offensichtlich auf dem Spiel steht. Es ist der reine Egoismus, der sie treibt. „Das Haus brennt!“ (Greta). Irgendwann werden sie schon darauf kommen, dass nicht die AfD am heutigen Zustand der Welt schuld ist. Das hoffe ich zumindest. „Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr uns die Zukunft klaut!“ Für den Anfang zur Erkenntnis der Lage ist das nicht wenig.

Laurenz
29. Dezember 2019 16:37

@Cugel .... melden Sie Sich bei Franz Bettinger oder der SiN-Redaktion. Ich fahre Sie gerne an Nord- oder Ostsee und schaue Ihnen dann bei Ihrem Gedanken-Experiment zu.
Zu kälteren Zeiten war natürlich die Nordsee ein Flußtal und später die Doggerbank eine riesige Insel, Hel(i)goland ein weithin sichtbarer heiliger Fels. Das Heilige Land ist uns näher als die meisten wissen.
Hier eine Karte der letzten Eiszeit. Midgard ist gut zu sehen.
https://www.wissen.de/sites/default/files/styles/lightbox/public/wissensserver/jadis/incoming/k05_115.jpg?itok=_5sLmyXN

Gracchus
29. Dezember 2019 17:25

@Franz Bettinger
Na, ich meinte meinen Kommentar auch kritisch. Insgesamt neige ich mehr dem "Herrn der Ringe" zu: Damit Frodo seine Mission erfüllt und Frieden in Mittelerde einkehrt, muss er dem Willen zur Macht im entscheidenden Moment entsagen. Chesterton hat in diesem Sinne über Nietzsche gespottet und gemeint, Nietzsches Philosophie könne man bereits bei Shakespeare finden, dort aus dem Munde eines Wahnsinnigen. Ich weiss nicht mehr, welches Shakespeare-Stück er zitiert, mir fällt aber spontan Macbeth ein, dessen Wille zur Macht im Wahn endet. Auch Nietzsche endete bekanntlich im Wahn.

Wahnhaft ist es, immer noch "Mehr, mehr, mehr" zu schreien, wenn man satt ist. Wenn im Maschinenraum der Wille zur Macht herrschte, würde dies ja stets in Meuterei führen.

Utz
29. Dezember 2019 18:43

@ Laurenz
>> Der Kapitalismus bietet also keine absolute Macht. Im Marxismus/Bolschewismus ist Macht absolut.<<

So lange sie halt dauert, dann muß man eventuell nach Südamerika fliehen.

zeitschnur
29. Dezember 2019 20:29

Beglückwünschen wir uns gegenseitig immer dann, wenn einer das sagt, was einem in den Kram, werten wir alles um, wenn es ums eigene Denklager geht - so gewinnt man keinen Blumentopf, liebe Mitdiskutanten. Diese Nabelschau ist greulich.

Ich fürchte, alle "Staatsformen" sind schon durchprobiert, es gibt einfach keine neuen Entwürfe mehr, und die alten haben sich alle als untauglich erwiesen. Daher fehlt es allenthalben an Verve, an Leidenschaft. Und das Pack, das uns von ganz oben im Zangengriff hält und noch ein bisschen herumzappeln lässt, hat keine Ideale. es hat nur "Willen zu macht" und darauf schon lange und zäh über Generationen weg hin aufgebaut. Und der, der mit deren Waffen kämpfen will, ist kein Mensch mehr. Diesem Abschaum ist nichts heilig. und ich denke nicht, dass unsere erklärten Materialisten hier Leute sind, denen nichts heilig ist. In die verkommene Bewusstseinlage unserer Gubernatoren kann sich hier wohl kaum einer auch nur von ferne reindenken, ob nun christlich oder nicht - dazu muss man total pervers sein. Und genau deshalb kommt man gegen dieses Pack auch nicht mehr an: der größere Teil des Volkes rechnet mit dessen abgrundtiefer Bosheit nicht, der andere und glaubt allen Ernstes, Mutti und der Club of Rome samt ihren Claqueuren (darunter auch "Rechte") meine es gut mit uns, der andere Teil sieht zwar ansatzweise deren Bosheit, ist aber naiv genug zu glauben, man käme in diesem System der Bosheit gegen sie mit legalen Mitteln an.
Wenn man alleine die Rechtbrüche Merkels ansieht: dazu gehört eine kriminelle Energie, die man legal nicht mehr schlagen kann. Wie viele ordentliche Leute haben versucht, gegen diese Dinge zu klagen und wurden schon wie durch Zauberhand im Vorfeld abgewiesen. Wer so illegal vorgeht wie die, die uns beherrschen, der sorgt auch dafür, dass die Legalität keinen Fuß mehr auf den Boden bekommt.

Einem rechtsstaatlichen Konzept muss man daher aber auch mit großer Skepsis entgegentreten: allem, dem es dem Anschein und der Absicht nach einen Riegel vorschieben sollte, wurde durch den Rechtstaat erst möglich und ein Ende dieses Niedergangs ist nicht abzusehen. Es ist alles verdreht.

Das Lamento, das hier so oft veranstaltet wird in endlosen Tiraden bringt nichts. Gut: auch ich habe manchmal den Wunsch, einfach nur mal aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen.

Aber, @ Bettinger, unser aller Problem ist, dass wir selbst durch Fehlentscheidungen in unserem leben mit dazu beigetragen haben, dass alles so gekommen ist und weiterhin kommt.

Ich verstehe allmählich immer besser, warum Jona dem verkommenen Ninive ansagen ließ, das es nur noch durch einen Bußgang gerettet werden könne. Interessant ist dabei, dass Ninive aufhörte, sich gegenseitig zu beschuldigen: alle trugen Sackgewänder und bereuten ihre schwere Schuld, ohne zu fragen, ob der Nachbar vielleicht noch schuldiger ist, als erster tat es der König, und selbst die Tiere trugen Säcke, ja lest das mal, es kann einem unter die Haut gehen. und vielleicht wäre auch nur das wirklich der Anfang einer Besserung auch für uns.

links ist wo der daumen rechts ist
30. Dezember 2019 00:28

Vom Vorteil von Windleitblechen

Verzeihung, perdon, Herr Bosselmann, aber selten habe ich einen größeren Pofel gelesen.

Wissen Sie ansatzweise, wie Pensionssysteme in den sog. westlichen Industriestaaten funktioniert haben?
In Deutschland grassiert die Altersarmut, aber ihrem Weltbild zufolge sind natürlich alle selber daran schuld.
Bildungsmisere? Klar, die Alt-68er sind schuld.
Vom Einfluß etwa der Bertelsmann-Stiftung auf den Bologna-Prozeß noch nie was gehört?
Mietwucher? Klar, die Bolschewiken wollen die armen Hausherren enteignen.
Daß die Mieten exorbitant steigen und es zugleich fast nur noch befristete Verträge gibt (ohne Abschläge – wozu auch, die Hausherren könnten ja verhungern), ist natürlich v.a. für Familien mit schulpflichtigen Kindern herrlich! Aber wozu überhaupt Miete, wenn doch der österr. Kinderkanzler zur Maxime erhoben hat, nur Eigentum wäre das Wahre (und dann auch gleich noch ein paar Anlage-Wohnungen). Aber wie soll das gelingen, wenn die Reallöhne und damit auch die Kreditwürdigkeit sinken? Achwas, das sind doch nur Leistungsverweigerer, Loser, Penner – der linke Pöbel eben.

Bei all dem: Neid eines Zukurzgekommenen?
I wo, ich gehöre nur zu den alten Sturschädeln, die Chancengleichheit UND Leistungswillen fordern.
Und paradoxerweise wird gerade Letzteres durch die Entwicklung in einem neofeudalen Staat wie Österreich konterkariert. Vertikalen Tribalismus gibt es auch bei Autochthonen, akademische Titel werden tatsächlich vererbt. Und wer seine Adoleszenz von der Matura bis zur Habil mittels Stipendien bis Mitte Vierzig ausdehnt, hat meist ein wohlhabendes, „intaktes“ Elternhaus (soll ich zig Beispiele nennen?).
Den „Erfolg“ strunzdummer Bürgerkinder garantieren dann maximal 20% eigene Intelligenz und 80% elterlicher Ehrgeiz.
Die Bourgeoise reproduziert sich und ihr endogen schwachsinniges Sozialprestige. Wer etwa das Pech hat, durch die Scheidung seiner Eltern sozial deklassiert zu werden, kann das auch durch Intelligenz, Ehrgeiz, Fleiß, Loyalität und Bereitschaft zu (schwerer) körperlicher Arbeit nicht mehr wettmachen.

„Reaktionäres“ Denken kann man dann nicht einmal mehr als Sarkasmus durchgehen lassen.
Lesen Sie Cioran – und wir unterhalten uns gerne über die Wonnen der Entropie.

Nein, diese freiwillige Selbstpreisgabe kann und will ich nicht verstehen.
Wozu sind denn unsere Altvorderen 1914ff in den Schützengräben verreckt, wenn es nicht um die große Synthese aus Rechts und Links GEGEN den angelsächsischen Kapitalismus gegangen wäre?
Zu faul Sieferles "Konservative Revolution" zu lesen?
Übrig bleiben bei den Neurechten dann halt ein paar dumme Sprüche, die man wahlweise Hindenburg oder Churchill zuschreibt.
Und dieses Linken-Bashing als bloße Hetz („Linke sind faul und scheuen körperliche Arbeit, deshalb werden sie Beamte, vermutlich Lehrer...“) ist einfach nur mehr dumpfbackig.
Der Anspruch, das bedeutendste deutschsprachige rechtsintellektuelle Medium zu sein, dürfte damit endgültig verspielt sein; übrig bleibt ein rechter Stammtisch, der seine eigenen Ideale verraten oder vergessen hat.

Nichtsdestoweniger – man weiß ja nicht was kommt – vor Jahresende einmal ausdrücklichen Dank an die Mitforisten @RMH, @Nemesis, @Gracchus und @qvc1753; noble konservative Naturen, Respekt.
Der Rest, naja, die könnten auch in einem Modellbahnforum über Windleitbleche diskutieren, wäre ähnlich ergiebig.

Laurenz
30. Dezember 2019 03:11

@Utz .... Kein Sterblicher rennt so schnell, daß ihn das, wo vor er wegrennt, nicht einholte.

Laurenz
30. Dezember 2019 03:16

@zeitschnur ... Ihre Beschwerde über gesellschaftliche Systeme oder Staatsformen haben ihre Ursache in der begrenzten Wahrnehmung des Menschen. In der Regel kann jeder insgesamt ein Dorf, also 200-250 Individuen persönlich, individuell wahrnehmen, aber dann ist Schluß. Von daher lag Nietzsche am besten. Wir sind halt bloß der Fußpilz der Schöpfung und nicht die Krone.

Laurenz
30. Dezember 2019 09:14

@links ist wo der daumen rechts ist .....

Zitat-Wissen Sie ansatzweise, wie Pensionssysteme in den sog. westlichen Industriestaaten funktioniert haben?
In Deutschland grassiert die Altersarmut, aber ihrem Weltbild zufolge sind natürlich alle selber daran schuld.-Zitatende

Ein Beispiel grassierender Blödheit Ihres Beitrags. Es gibt natürlich arme Rentner, vor allem in den Neuen Ländern, aber die Rentner sind im Schnitt noch diejenigen, die Geld haben. Betriebsrenten von Arbeitnehmern vor 1980 erworben, existieren in der heutigen Arbeitswelt nicht mehr. Wer befeuert die Kreuzfahrt-Industrie? Rentner.
Rentner haben die aSPD, auch nach Gerhard Schröder, nur 4 Jahre nicht in die Regierung gewählt, sind also "selbst" schuld an der Besteuerung ihrer Renten.

Zitat-Bildungsmisere? Klar, die Alt-68er sind schuld.
Vom Einfluß etwa der Bertelsmann-Stiftung auf den Bologna-Prozeß noch nie was gehört?-Zitatende

Wer promotet denn seit 40 Jahren die Gesamtschule und bringt seine Kindern in privaten Internaten unter? Auch für Reinhard Mohn waren die horizontalen Fähigkeiten seiner späteren Frau und Erbin das wichtigste, ähnlich den "intellektuellen" Frauen der RAF, die Andreas Bader vor allem wegen seiner Gockel-Fähigkeiten schätzten, ein pseudo-feministischer Harem in der extremsten deutschen Linken. Finden Sie nicht, daß die Peter-Feldmann-AWO-Affäre typisch linkes wirtschaften darstellt? Der Mann hat nicht mal das Rückgrat wenigstens zurückzutreten, so wie Sie.

Zitat - Wer etwa das Pech hat, durch die Scheidung seiner Eltern sozial deklassiert zu werden, kann das auch durch Intelligenz, Ehrgeiz, Fleiß, Loyalität und Bereitschaft zu (schwerer) körperlicher Arbeit nicht mehr wettmachen.-Zitatende

Woher wissen Sie das? Mehr als 5 Mio. deutsche Soldaten kamen nicht nachhause. Sind deswegen deren Kinder, zB Gerhard Schröder, nichts geworden?

Und was Ihren kurzen Kanzler ohne Berufsabschluß angeht, so haben ihn die Ösis gewählt, auch wenn er in Irland, wegen Berufs-Quote gar nicht ins Parlament gekommen wäre. Hier handelt es sich um eine linke Marotte, die mit Paul Ziemiak auch in der CDU beispielhaft geworden ist. Weder Kurz noch Tauber und Spahn haben jemals im Leben gearbeitet.

Zitat - Der Anspruch, das bedeutendste deutschsprachige rechtsintellektuelle Medium zu sein, dürfte damit endgültig verspielt sein; übrig bleibt ein rechter Stammtisch, der seine eigenen Ideale verraten oder vergessen hat. -Zitatende

Einige hier vertreten nicht die Haltung Herrn Bosselmanns, werden aber nicht, wie Sie, persönlich, sondern argumentieren. Sie kommen bloß mit Sieferle, sind selbst zu faul und links eigene Argumente zu formulieren. Wenn uns hier einer unter ein Stammtisch-Niveau nach links absenkt, sind Sie das. Tun Sie was für uns, erleichtern uns und bleiben einfach weg. Mit Verlaub, Sie sind ein charakterlicher Schließmuskel, eben link.

Gustav
30. Dezember 2019 10:23

@ Laurenz

"Wir sind halt bloß der Fußpilz der Schöpfung und nicht die Krone....."

Die Dummheiten sterben nicht aus, weiß Gómez Dávila, sie wachsen mit jeder Generation erneut nach.

Die Dummheit mag hier oder da aufklärungstechnisch und volkspädagogisch behebbar sein, generell ist sie nicht zu tilgen – sie ist ein unausrottbarer Faktor des menschlichen Zusammenlebens und der Geschichte.

Gómez Dávila reiht sich damit ein in die Tradition derjenigen, die mit der Dummheit als historisch-politischem Faktor rechneten und das Treiben der Menschen mit, so scheint es, eiskaltem Blick analysierten: „Von Thukydides bis zu seinen Nachfolgern von heute betont eine imperiale Reihe souveräner Geister, kalter und unbewegter Beobachter der Geschichte durch ihre bloße Gegenwart die unheilbare Dummheit unserer elenden Rasse.“
Diese Dummheit, mit der sich der Reaktionär in seinem Kampf anlegt, ist indes, wie wir erschreckt feststellen müssen – ein Gebot der Selbsterkenntnis – immer auch die eigene: „Das Leben ist ein täglicher Kampf gegen die eigene Dummheit“, eine Maxime, die stark an die enttäuschenden Sätze eines Baltasar Gracián erinnert, der Bildung als permanenten Prozeß der Desillusionierung in einer Welt begriff, die von Schein und Trug beherrscht wird.

Till Kinzel: Nicolás Gómez Dávila. Parteigänger verlorener Sachen. Schnellroda 2003

zeitschnur
30. Dezember 2019 10:35

@ Laurenz

Das war keine Beschwerde, sondern eine Feststellung! Wir haben alles durch - bloß noch nicht den Weltstaat, aber der wurde im 17. Jh in Paraguay und im 20. Jh in Form nationalistischer und sozialistischer Projekte schon mal experimentell ausprobiert und ist im wesentlichen noch schlimmer gescheitert als Tausende von Jahren Feudalismus.

Was ich meinte ist: Ratlosigkeit.

Wenn ich dieses ewiggestrige, oft so geschwollene Geschwätz von ganz links oder rechts außen höre, kann ich nur den Kopf schütteln: dort herrscht eine Geschichtsvergessenheit, die natürlich auch die grundsätzlichen philosophischen Schlüsse nicht ziehen kann. Wir erleben keinen "Neo-Feudalismus" - ein Zurück dorthin gibt es nicht mehr. Wir erleben anonymisierte und im ganzen Wortsinn ungeheuerliche Leviathan-Verhältnisse, in denen alles, was den Feudalismus voraussetzte, umgewertet und pervertiert, in manchem natürlich ein Spiegelbild von dessen Schatten ist. Dabei ist manche (einseitig ökonomische) Analyse des 20. Jh nicht ganz verkehrt, etwa die StaMoKap-These (Staatsmonopolkapitalismus - hier besonders Hilferding, Luxemburg) bzw erweist sich im Nachhinein doch als richtig getroffen, wobei pikantes Detail ist, dass die, die das analysierten, von denselben Monopolkräften finanziert und forciert wurden, wenn auch vorerst noch nach Osten ausgelagert.
Wenn man sich das alles nach und nach (man lernt nie aus!) vor Augen führt, muss man zugeben, dass es weder ein Zurück noch eine Alternative gibt. ich wüsste jedenfalls nicht welche. Es ist alles gescheitert und die Formel "Man hat es halt nie richtig gewagt" oder dergleichen sind obsolet, denn es sollte ja nie gewagt werden. Den Traum von der Gerechtigkeit hat man dem konditionierten menschen wie ein Wurscht immer wieder vor der Nase baumeln lassen, die er nie schnappen konnte.
Sie irren sich gewaltig, @ Laurenz: es gibt einige, die Überblicke geschaffen haben. Reden Sie sich nur weiter klein, das gefällt diesen Kräften, seien Sie Fußpilz, mehr braucht es nicht, um total beherrscht zu werden. Diese Skrupellosen da oben aber: die halten sich nicht für einen Fußpilz, sie halten sich auch nicht für die Krone der Schöpfung, sondern sie halten sich für Schöpfer.

Um Ihre verköcherten Sichten aufs Christentum etwas aufzulockern, aber auch teilweise anzuerkennen: Der Mensch ist - aus christlicher Sicht - die Krone der Schöpfung, aber er ist auch gefallen. Und diesen zweiten Teil ließen und lassen viele Christen gerne weg. Gefallen sind immer nur die, über die sie sich erheben können. Sie selbst sind natürlich von Gott zur Herrschaft beauftragt. Fast satirisches Beispiel dafür der einstmalige preußische Offizier, der sich das Leben nahm, weil das Dienstmädchen, das er geschwängert hatte, öffentlich sagte, von wem sie das Kind hat - eine unverzeihliche Schuld an dem armen Mann! Das Dienstmädchen musste sehen, dass es außer Landes kam.

Auf Ihren Fußpilz können wir uns leider nicht herausreden - das ist einfach nur Feigheit. Und Nietzsche war im Grunde nichts als ein Feigling, ein Zaungast am Leben, der selbst nichts wagte und am Hoftor lümmelnd kommentierte, dem preußischen Offizier sehr wohl verwandt, nur vermutlich erheblich begabter und sprachmächtiger.

@ links daumen

Haben Sie eigentlich den Aufsatz oben gelesen? Oder war das ein abschließendes Urteil über eine irgendwie gefühlte Meinung des Herrn Bosselmann, die Sie, wo nicht geäußert, mit Ihrem verdrossenen Magen noch ungezogen-possierlich zuschreiben? Der arme Bosselmann als Projektionsfläche?
Lassen Sie es sich gesagt sein: Sie vor allem haben auch schon mal Besseres hier geschrieben. Ich hoffe, das gibt sich wieder nächstes Jahr.

Heino Bosselmann
30. Dezember 2019 11:10

Angemerkt: Es tut mir leid, wenn das provokante Wort von „Neosozialismus“ Allergieschübe auslöst. – Selbstverständlich erwarte ich keine grundstürzende bolschewistische Revolution, die den Staat und seine Institutionen aus den Angeln hebt und die Eigentumsverhältnisse ändert, indem sie rigoros vergesellschaftet. Zudem sehe ich, an welchen Ungerechtigkeiten und Diskrepanzen die Gesellschaft sozial krankt. Die Geldpolitik (u. a. Negativzinsen bei geringer Inflation, Ausweichen in Immobilieninvestitionen u. a.) trägt zu weiterer Umverteilung bei. – Nur meine ich, daß eine Art „Kultur-Sozialismus“ augenfällig ist, der sich überbaulich gerade als Reflex auf Deregulierung und Umverteilung fest etablierte und der, zunächst rhetorisch, eine Gerechtigkeit predigt, die so nicht realisierbar ist. Nach meinem Empfinden, haben – abgesehen von der AfD in ihrem Teil des Spektrums – derzeit sozialistische Forderungen und Leitlinien die Initiative. Und wenn man sich das Bildungssystem anschaut, so ist das darin neuerdings gepflegte Menschenbild beinahe durchweg sozialistisch. – Dies rief ich auf, weil uns hier stets die Gegenbewegung interessiert. Es wird nicht immer bei Worten bleiben, erst recht nicht, wenn die nächste unausweichliche Krise greift. Mindestens für eine Währungskrise scheint mir genügend Gefahrenpotential vorhanden. Die Beobachtung, daß die Wirtschaftsliberalen die Salonlinken und Emotionsgrünen für sich einzuspannen wussten (zu deren perplexer Verblüffung, sobald ihr kritisches Nachdenken mal einsetzt), ist unbedingt richtig; dennoch erwartbar, daß sich die Linke neu emanzipiert. Auf der Straße geschieht dies m. E. bereits.

Lotta Vorbeck
30. Dezember 2019 17:59

@links ist wo der daumen rechts ist - 30. Dezember 2019 - 00:28

Vom Vorteil von Windleitblechen

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Da wir gerade über Windleitbleche reden:
Bei der Lokomotive, von der die jemals erreichte Höchststückzahl in Serie gebaut worden ist, hatte man sie zunächst komplett weggelassen, die Windleitbleche.

Der Nutzen von Windleitblechen besteht darin - dies sei hier kurz nachgetragen - von der Lokomotive ausgestoßenen Rauch und Abdampf so fortzuleiten, daß bei schneller Fahrt die Sicht auf die Strecke für das Lokpersonal nicht durch Rauch und Abdampf beeinträchtigt wird.

Cugel
30. Dezember 2019 21:19

Holla, Laurenz,
da hat der 68er Sie aber ordentlich getriggert. Sicher ist sein Verdikt unangemessen, aber seine Polemik ist nicht unsubstantiiert. Es gibt einen moralischen Verfall im dynastischen Besitzbürgertum, dort ist viel Unappetitliches, das einen schon mächtig anfressen kann. Sie haben wiederum recht, wenn Sie entgegnen, daß Aufstieg auch aus geringem Stand gelingen kann. Was die Privatschulpräferenz der scheinheiligen Linken angeht, so vermute ich, daß Sie damit bei links-ist... eine offene Tür einrennen.
Gleichviel, Chancengleichheit ist ein utopischer, ihrem Materialismus geschuldeter Fetisch der Linken. Was es bringt, an dieser Stelle mit der Brechstange statt mit Augenmaß ans Werk zu gehen, zeigt das kaputtreformierte Bildungssystem der BRD. Was haben die Sozen erreicht außer Verschärfung der Ungleichheit unter Zerstörung für das Gemeinwohl vitaler Institutionen und Prinzipien? Bestenfalls gut gemeint, Bruch, wohin man sieht. Im übrigen dürften die Wenigsten hier im Forum gegen leistungsbasierte Förderung sein. Das eigentliche Problem liegt doch nicht im Zugang zur Bildung (der ist in der BRD so leicht wie nie zuvor und nirgends sonst), sondern in den Schranken, die weiter oben existieren und an denen auch Schröder seinen Wegezoll entrichtet haben dürfte. Insgesamt muß sich die Linke vorhalten lassen, daß sie korrumpiert und in weiten Teilen eher vom Neid der zumindest subjektiv Unterprivilegierten getrieben ist (bzw. diesen instrumentalisiert) als vom Gerechtigkeitsgedanken. Sie vertritt Partikularinteressen, mit ihrer Klassenpropaganda zerreißt sie das Volk.
links ist... hat zu recht auf die Konservative Revolution verwiesen, deren Begriff ich aus dem Geschichtsunterricht, einem meiner Lieblingsfächer, nicht erinnern kann, im Gegensatz zu Dolchstoßlegende, Demokratiedefizit, Tag von Potsdam, Ermächtigungsgesetz, Antisemitismus rauf und runter. Ist es nicht so, daß die KR jene Ideen hatte, deren Ermangelung zeitschnur feststellt?

links ist wo der daumen rechts ist
30. Dezember 2019 22:01

@ Laurenz
Vermutlich das erste und letzte Mal antworte ich einem goscherten Kerl wie Ihnen.
Vorweg: das einzig logisch Stringente an Ihrem Kommentar sind meine Zitate, der Rest ist sinnentleertes Gebrabbel, das einem aufgeweckten Vierjährigen alle Ehre machen würde, aber bei Ihnen auf eine mittelschwere dissoziale Störung schließen läßt.
Oder Sie gehören einfach zu den komplett asozialen Typen, die mangels realer sozialer Kontakte sich häuslich in einem Forum einrichten und mit der Stechuhr schreiben.
Erschreckend, wie jemand ganz ohne Bücherlektüre sein vermeintliches „Wissen“ ausschließlich aus dem Internet bezieht und schamlos vor sich ausbreitet.
Und faseln Sie mir bitte nicht von Charakter, ich habe oft genug in einem nervenden linksliberalen Umfeld rechte Positionen verteidigt.

@zeitschnur
Im Gegensatz zu dem o.a. Kerl sind Sie immerhin satisfaktionsfähig und sondern auch viel Kluges zwischen Ihren langwierigen Habil-Exzerpten ab, deshalb in Kürze:
Natürlich habe ich den Artikel und die z.T. schwer erträglichen Kommentare gelesen und weiß, wann ich über die Stränge schlage, von Ihnen bevormunden lassen muß ich mich aber nicht. Oder wollen Sie gemeinsam mit dem Hausmeier Mama und Papa des Forums sein?
Und weil andeutungsweise so viel von Nietzsches „Genealogie der Moral“ die Rede war: Wer ist denn noch nie seinem Ressentiment gefolgt, hat sich wissentlich ins Unrecht gesetzt und ließ sich in Folge von den „Vornehmen“ beschämen? Aus dem Ressentiment dann aber keine Ideologie einer rächenden Befreiung zu machen wie Amery via Fanon und im Gegenzug die Erfahrung der Scham und Ohnmacht, i.e. Nicht-Macht bis zum bitteren Ende durchzuexerzieren, können halt nur Ausnahmemenschen wie Kafka oder unsere großen Melancholiker.

Deshalb auch Respekt betr. Herrn Bosselmanns relativ souveräner Antwort.
Meine Haltung in Kurzform: wenn ein Boot Schlagseite bekommt, wechselt man kurz die Seite.
Nur @Laurenz dürfte schon mehrmals über Bord gegangen sein.

Nemesis
30. Dezember 2019 22:41

@links ist wo der daumen rechts ist
Dank zurück.
Und natürlich an alle Anderen.

Ich hatte mir schon eine Replik auf den Bosselmannschen Text zurechtgelegt, aber im Wesentlichen haben Sie und Gracchus
es bereits gesagt.

Vielleicht das noch, kurz ergänzend:
"Wer es nicht bringt, bedarf jetzt der Förderpläne, Nachteilsausgleiche und Maßnahmekarrieren. . ...

Es ist evident, daß die Sicht auf die Dinge nach allen Maßgaben gefördert wird. Und sie ist ja, wie Bosselmann auch anerkennt, nicht gänzlich falsch. Zudem ist es auch wichtig, die Sache mal von der anderen Seite her aufzuzäumen.
Aber - satt mit Nitzsche ins Gegenteil zu verfallen - wäre es aus meiner Sicht angebrachter, sich nicht zum Spielball zu machen.
Die gesellschaftliche Ordnung wird immer der Spielball derjenigen sein, die sie für Ihre Zwecke mißbrauchen. Und daß sie - in Mehrheit von denen, die sie propagieren - nicht gelebt wird, ist doch mehr als offensichtlich.

Die Einen hauen kaputt. Die Anderen - weil leistungsorientiert - wieder auf.
Die aus meiner Sicht entscheidende Frage wird im Bosselmannschen Text aber gar nicht tangiert: Wozu?

Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Mensch der nicht geliebt und gebraucht wird, eine Gefahr für die Allgemeinheit werden kann, ist nicht gering. Und zudem es gibt auch solche, die es sind, obwohl diese Bedingungen für sie erfüllt sind.
Muß man das verstehen?

Bei dieser ganzen Bildungsdiskussion geht es aus meiner Sicht um etwas Anderes:
Es geht um den originären Platz eines Menschen innerhalb einer Gesellschaft, in die er gestellt ist. Dort, wo er gebraucht wird, weil er dort seine Begabung(en) hat.

Alles andere ist der Versuch etwas heilen zu wollen, was so nicht heilbar ist.

Pisa?
Ernst jetzt?

@Laurenz
"Mit Verlaub, Sie sind ein charakterlicher Schließmuskel, eben link."

Ich bin ja eigentlich so gar kein Fan vom ÖRR.
Aber das hier - und da wir ja dann nun mal beim Thema Schließmuskel und Bildung - angekommen sind, klammert das Ganze:

https://www.youtube.com/watch?v=G-TFxd2sZgc

In diesem Sinne und Allen - von welcher Seite auch immer kommend - einen guten Rutsch und ein gutes Neues Jahr.
Was immer es auch bringen mag.

Gracchus
31. Dezember 2019 14:46

@links
Vielen Dank und Dank zurück! Ich hoffe, Ihre Kommentare auch im neuen Jahr lesen zu dürfen.

"Meine Haltung in Kurzform: wenn ein Boot Schlagseite bekommt, wechselt man kurz die Seite." Kann ich vollends unterstreichen.

Maiordomus
31. Dezember 2019 16:19

"Der Wille zur Macht" als "Gewährenlassen"

Altjahreskehraus zur "Entlastung" von Nietzsche vor alt- und neurechten Missverständnissen

@bettinger
@zeitschnur
@gracchus

Bei Annäherung der verschiedenen Positionen verbleiben Distanzen, gilt auch für mich Ihnen gegenüber. Es steht Ihnen gewiss zu, als hochgebildete Erwachsene sich von einem wie mir gegen das Schulmeistern zu verwahren. Das würde auch gegenüber Nietzsche gelten, dem es in Basel als Gymnasialehrer - ähnlich wie seinem Promotor Jacob Burckhardt - möglicherweise wohler war wie als Hochschullehrer.

Zum Jahresschluss kann es aber nicht um das Schulmeistern gehen. Wenn schon, ist ein näher textbezogenes Nietzsche-Verständnis erforderlich. Zum Beispiel bei der Begrifflichkeit "Wille zur Macht". Man war und ist versucht, diese Formel in Richtung jenes Unverständnisses zu kolportieren, wie es zum Beispiel wohl nicht nur bei Mussolini vorkam, der zum Studium des "Lieblingsphilosophen des Führers" vom Braunauer eine lederne Nietzsche-Prachtausgabe geschenkt erhielt.

Dass ich vor sehr langer Zeit (März 1979) mal eine seminaristische Probevorlesung halten durfte zu Ihrer @bettinger Thematik, wozu @zeitschnur unterstellt, dass Nietzsche, "wie oft", zu kurz greife, war damals dem Anliegen gewidmet, dass nicht Nietzsche zu kurz greift, sondern diejenigen, die "Wille zur Macht" im Munde führen wie marxistische Propagandisten zum Beispiel das Wort "Klassenkampf", als blosses Schlagwort. Wobei aber Marx und Engels ihren immerhin noch differenziert mehrdeutig gefassten "Klassenkampf" stets als politisches Schlagwort mitgemeint haben. Nie und nimmer jedoch der späte, zwar schon von der Krankheit angegriffene Friedrich Nietzsche seine vielfach geschändete geschändete Formel aus dem Giftschrank der Philosophie: "Wille zur Macht".

Zum realen Verständnis wäre zum Beispiel das genaue Studium von Heideggers Ausführungen zum Begriff der "Gerechtigkeit" und "Willen zur Macht" bei Nietzsche wohl schlicht unentbehrlich. Weil man sonst ohne die nötigen Grundlagen debattiert, wie Sie es getan haben. Am besten und am verständlichsten wäre es in Heideggers Essay-Band "Holzwege" nachzulesen, ferner in der Vorlesung "Der Wille zur Macht als Erkenntnis" in der bei Vittorio Klostermann publizierten Gesamtausgabe.

Endlich zur Sache. Ich bitte Sie, sich nicht von mir, sondern wenn schon von Nietzsche selber belehren zu lassen, teilweise aber auch von seinem Interpreten Heidegger, der den "Willen zur Macht" meines Erachtens hundertfach besser verstanden hat als der von ihm massiv überschätzte "Führer". Beim Existentiale des "Willens zur Macht" geht es nämlich bei Nietzsche um ein nach-nihilistisches Verständnis von Gerechtigkeit, letzteres gemäss Nietzsche, "was dem Rechten gemäss ist", womit er aber gewiss nicht vordergründig eine wie immer geartete "politische Rechte" gemeint haben dürfte. Bei dem Menschen, welcher in einem Denk- und Reifungsprozess den unvollständigen Nihilismus überwunden hat, womit Nietzsche alle modernen Ideologien und Sozialreligionen (Voegelin) meint, geht es darum, ein "Mass aufzurichten , an welchem gemessen wird; und je mächtiger einer ist, desto weiter kann er gehen im ‚Gewährenlassen'."

Bei Heidegger ist nun tatsächlich solch ein mächtiges "Gewährenlassen", gemäss einer fundamentalen Notiz aus dem Nachlass zum "Willen zur Macht" ein absoluter Hauptschlüssel zu Nietzsche, was aber meines Erachtens - sage ich als Pädagoge - für den ehemaligen Porta-Schüler Nietzsche gewiss weder mit permissiver Erziehung noch mit permissiver Gesellschaft im Sinne der 68er und ihrer Nachfolger zu verwechseln ist, für welche gemäss Eugène Ionesco (Salzburg 1972) galt: "Wer heute sagt, 'Es ist verboten zu verbieten', sagt morgen 'Es darf nur noch verboten werden'."

Nietzsches Satz, den ich jetzt zwar nur sinngemäss zitiere "Der Mächtige ist Stärkste im Gewährenlassen", hat jedenfalls mit dem Verständnis "Wille zur Macht" bei Zeitschnur und Bettinger nichts zu tun, wie gross die gegenseitigen Meinungsverschiedenheiten auch sein mögen. Und es ist bei Nietzsche, im Gegensatz zu zahlreichen seiner Aphorismen, keineswegs "zu kurz gegriffen". Nicht dass ich dies hier für Sie noch weiter ausführen wollte oder könnte: Wer im Sinne von Nietzsches Verständnis von "Der Wille zur Macht" lebt und denkt, scheint fürwahr ein "magnanimus", wie es der von Nietzsche zwar auch schon mal mit Recht kritisierte Thomas von Aquin in seinem Kommentar zur Nikomachischen Ethik von Aristoteles auf den Punkt gebracht hat: Ein Grossherziger, Grosszügiger, mit einem Stück von jenem Geist, der zum Beispiel die Kunstwerke der Renaissance (vgl. Jacob Burckhardt) hervorgebracht hat. Und er ist derart mächtig und seiner Sache so sicher, dass er viel mehr nicht im Sinn des heutigen Wortes "tolerieren", sondern schlicht - näher bei Meister Eckhart - einfach mal lassen kann.

Diese etwas grössere Gelassenheit im Geiste von Nietzsches Verständnis des "Willens zur Macht" und der "Gerechtigkeit" gemäss Heidegger wünsche ich Ihnen allen. Man müsste dann im Jahre 2020 nicht auf Niveau "Schliessmuskel", siehe oben, unsere Erörterungen machen.

Warum ich Mühe habe mit Nietzsche als Gegenstand des philosophischen Stammtisches und noch mehr mit der unbegrenzten Zitiererei desselben im herkömmlichen akademischen Diskurs: Sich im Staatsarchiv Basel ein Fakultätsprotokoll mit der feinen Originalhandschrift des Philologen (das war er zuallererst), Philosophen, nicht habilitierten Ordinarius und Gymnasiallehrers F.N. durch seine Hände gleiten zu lassen, lässt einen Vulgär-Vorstellungen des "Willens zur Macht" schlicht vergessen. Vergleichbare Erfahrungen machte ich fast nur noch mit Rousseau-Manuskripten. Es bleibt nun aber dabei, dass "Wille zur Macht" im Sinn von Nietzsche nicht zu verstehen bleibt ohne eine philologische und textkritische Untersuchung seines Verständnisses von "Mass" und "Gerechtigkeit", welche Begrifflichkeiten vielfach den christlichen Kirchen und den Linken für ihre frommen "Rundschreiben" überlassen bleiben.

Dass "Mässigung den Erdkreis bezwingt", ist ein Satz von Adalbert Stifter, mit dem wohl nicht einfach die gemässigten Flügel von Blockparteien oder auch Oppositionsparteien in ihrem heutigen Verhältnis zu Problemlösungen angesprochen sind. Eher schon das bei Nietzsche bei seiner Philosophie des "Willens zur Macht" angestrebte Mass. Schon nach Aristoteles das Schwierigste, kann hundertfach verfehlt werden. Dabei hielt der ehemalige Porta-Schüler den "Nachsommer" für eines der vier oder fünf besten deutschen Bücher. Ein Hinweis darauf, dass er unter "Mass" in "Der Wille zur Macht" etwas Ähnliches verstanden haben könnte wie Stifter.

links ist wo der daumen rechts ist
31. Dezember 2019 16:44

@ Bosselmann

Ich bin nach wie vor überzeugt, daß Ihnen in Ihrem Artikel einige kategoriale Denkfehler unterlaufen sind. Das werden wir aber im alten Jahr alles im Detail nicht mehr klären können.
Zudem kenne ich die deutschen Verhältnisse nur mittelbar, glaube aber, daß vieles von Ihnen Geschilderte nicht mit einem ominösen „Sozialismus“ zu tun hat, sondern einfach damit, daß man in D halt generell viele Dinge zum Extrem treibt. Als kleines Gegen-Beispiel aus Ö: es war gerade die rote Stadtregierung in Wien, die den dringend notwendigen Förderunterricht an öffentlichen Schulen gestrichen hat.
Zum konterkarierten Leistungsanspruch von rechts war gemeint, daß hier vieles zum bloßen Fetisch wird; echte Leistung zählt nicht. Dazu gehören z.B. auch die vielen Internate, in denen v.a. die Kinder „aus besserem Hause“ mit Ach und Krach durch die Matura geschleust werden.
Ich persönlich bin eine strikter Anhänger des guten alten humanistischen Gymnasiums und wäre auch für einen Numerus Clausus bei den meisten Studienfächern.
Links = Nivellierung, rechts = Elitenbildung stimmt so nicht mehr. Die große Vereinfachung kommt vom großen Feind Liberalismus, der, da haben Sie recht, das linken Lager fast komplett vereinnahmt hat. Warum aber das kleine gallische Dorf „Nationalkonservatismus“ die kampflose Übergabe plant, ist mir ein Rätsel.
Daß man als Sohn eines Alt-68er-Lehrers, den man seit gut 15 Jahren pflegt und dessen Weltbild (nicht meines!) schon in den 90ern angesichts massiver rechter Gewalt im Klassenzimmer zerbrochen ist, einige Dinge anders sieht, ist klar; aber familiäre Loyalität kommt eben vor unmenschlichem Gutmenschentum, eine rechte Einsicht, wenn's recht ist.

Ein weiterer Denkfehler:
Schröder gegen Habeck sozusagen auszuspielen, ist – auch um der Pointe willen – zu kurz gedacht. Zufällig fiel mir dieses Buch in die Hand:
Nicolas Berggruen/Nathan Gardels, Klug regieren. Politik für das 21.Jahrhundert (Herder 2013) - mit einem Vorwort von, erraten, Gerhard Schröder. Der gute Gerd schwadroniert darüber, daß das dumme Wahlvolk halt nicht reif sei für „große Lösungen“. Im Buch selber kann man dem „chinesischen Modell“ sehr viel abgewinnen, die üblichen Verdächtigen wie Henry K. werden ausgiebig zitiert.
Schließen wir hier einmal den Jahresbogen mit einem erneuten Hinweis auf das von GK propagierte Buch „Propaganda“. Der Held dieses Buches wird gegen Ende als McKinsey-Mitarbeiter Berater der, erraten, KPCh.

@ Lotta Vorbeck

Sie haben meine sehr versteckte Ironie erahnt; natürlich zähle ich mich zum Rest und schreibe auch – horribile dictu – in einem Modellbahnforum.
Deshalb nehme ich an, daß sie mit der erwähnten Lok die Kriegslok BR52 meinen.
Tja, die Epoche II ist nicht uninteressant...
Ich habe zwar die letzten Dampfloks nur mehr als Taferlklassler mitbekommen, aber mich fasziniert bis heute, wie eine technische Erfindung mit einem Wirkungsgrad von max. 10% gut 150 Jahre bestehen konnte. War's eine melancholische Anhänglichkeit?

In diesem Sinne ausnahmslos allen Mitforisten, der Redaktion und v.a. unserem mehr als geduldigen Hausherrenpaar ein gutes Neues Jahr!

zeitschnur
31. Dezember 2019 22:30

@ Maiordomus

Dafür, dass Sie soviel geschrieben haben, wird erstaunlich wenig klarer, was Sie glauben, dass "Wille zur Macht" sei. Vielleicht muss man sich nicht durch Heidegger pflügen, um selbst nach der Zarathustra-Lektüre einen Eindruck zu haben.
Ich weiß aber etwas, was Sie vielleicht aus den Augen verlieren: Es gibt über diesen Begriff eine Debatte, die sich nun mal nicht einfach so auflösen lässt, weil der Lehrer Lämpel uns endlich sein Licht steckt.
Ich bleibe dabei: für mich greift diese dionysische Haltung zu kurz, versackt letztendlich unter pathetischer Vorgabe eines Shiva-Tanzes, wo nur Hilflosigkeit ist. So kann man sich über sich selbst irren, würde ich sagen. Aus der großen Not trotzig eine Tugend gemacht... Lassen Sie es doch einfach auf Augenhöhe stehen.

@ links daumen

Jetzt ist es wieder okay - ich wollte Sie nicht "bevormunden". Falls das so rüberkam, tut es mir leid. Es war einfach diese ungerechte Kritik ad personam noch dazu im Bezug auf Dinge, die gar nicht im Artikel stehen und nicht aus ihm folgen. Aber vergessen wir es einfach.
Auf ein Neues im Neuen Jahr!

Die Vermutung, dass hinter vielem, was derzeit geschieht, "Sozialismus" oder "Neosozialismus" steckt, kann ich so polarisiert zum Faschistischen nicht teilen. Es ist ein gigantomanischer, global aufgestellter Monopolkapitalismus, der mit sozialistischem Wortgeklingel darüber wegtäuscht, dass er die Massen auf kleinstem Level alle gleich niedrighalten will. Oben das elitäre Getue des Fürsten der Welt, unten für die Strunzdummen und die Gutartigen Sozialismus. Der Liberalismus wäre unsere Chance gewesen, das zu durchschauen und rechtzeitig nein zu sagen.

Ich sage es noch mal: die Bildungsmisere geht aufs Konto dieser planenden Eliten. Sie wollen offenkundig keine Völker hochgebildeter, unabhängiger Geister. Das sollte einem aber eigentlich auch so klar sein. Ich stehe daher Herrn Bosselmann einerseits in der Bewertung der Vorgänge als "Sozialismus" eher kritisch gegenüber, andererseits denke ich, dass seine Schelte die Falschen trifft. Den Frust darüber, dass das Volk aber auch in aller Verblödung mitmacht, was es als Ganzes und in den Einzelnen zerstört - diesen Frust kann ich sehr wohl verstehen. Denn was immer das Gesocks in den Eliten sich ausdenkt in seinen Thinktanks: dass es funktioniert braucht immer die Zustimmung der vera...ten Seite, und an dem Punkt gebe ich Herrn B. recht.

Allen ein gutes Neues Jahr 2020. Golden wird das kommende Jahrzehnt nicht. Mögen wir es immer besser verstehen, unsere Zustimmung (s.o) nicht zu geben und dies wirksam.

Maiordomus
1. Januar 2020 09:05

PS. Der oben zitierte Satz von Nietzsche, wesentlich für sein Verständnis seines Leitbegriffs "Wille zur Macht", muss lauten: "D e r M ä c h t i g e i s t der Stärkste im G e w ä h r e n l a s s e n." Ich fürchte, in den obigen Debatten wurde dieses Verständnis nicht mitreflektiert. Das bemerkenswerte Zitat von Ionesco in seiner Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1972 "Wer heute sagt: 'Es ist verboten zu verbieten', sagt morgen 'Es darf nur noch verboten werden', kenne ich nicht vom Herumsurfen, sondern habe ich damals als an den Salzburger Hochschulwochen Engagierter selber so gehört. Es war wohl die bemerkenswerteste Aussage, die ein grosser Autor über die 68-er je zum darüber Nachdenken formuliert hat. Der Rumäne Ionesco stand damals und noch später in freundschaftlichem Kontakt mit Friedrich Dürrenmatt.

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