30. Dezember 2019

Theodor Fontane – 200. Geburtstag

Erik Lehnert / 18 Kommentare

Heute feiert mit Theodor Fontane einer unserer Großen seinen 200. Geburtstag.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Das Land Brandenburg hat ihm, als einen ihrer größten literarischen Söhne (wir wollen Kleist nicht vergessen), das ganze Jahr gewidmet, mithin monatelang auf den heutigen Tag hingefeiert. Wir wollen den Dichter an seinem Ehrentag selbst zu Wort kommen lassen. Nicht den Lyriker, den jeder aus der Schule kennen dürfte (zumindest „John Maynard“), nicht den Romancier, den auch fast jeder aus der Schule kennen dürfte (zumindest „Effi Briest“), sondern den Journalisten.

Mit diesem Beruf begann die schriftstellerische Karriere des gelernten Apothekers aus Neuruppin in der Weltstadt Berlin, und dieser Beruf sicherte Fontane Zeit seines Lebens sein Einkommen. Auch seine berühmteste Schöpfung, die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ haben hier ihren Ursprung. Fontane, der Nachkomme im 17. Jahrhundert eingewanderter Hugenotten, war Märker und Preuße, liebte die Mark und die Märker und setzte ihnen mit seinem Werk ein Denkmal.

Was Fontanes Werk so sympathisch und zeitlos macht, ist neben seiner feinen Beobachtungsgabe und seiner Liebe zum Detail, der nüchterne Ausdruck seiner Liebe, die nie in kritiklose Schwärmerei abgleitet. Der nachstehende Text stellt einen Auszug aus einem umfangreicheren Artikel dar, der 1889 unter dem Titel „Die Märker und die Berliner und wie sich das Berlinertum entwickelte“ erschien; eine pointierte Herleitung seiner eigenen Art zu Denken und zu Schreiben.

Wie sich das Berlinertum entwickelte

Die frühsten Anfänge gehen bis auf die Zeit unter König Friedrich I. zurück, bis auf die philosophische Königin (Sophie Charlotte), die nicht bloß philosophisch, sondern, ihrer märkischen Umgebung vorauseilend, auch sehr witzig war, gehen zurück bis auf das Kolbe-Wartenbergsche Haus, darin namentlich die Frau etwas von einem Kraftgenie hatte. Damals fing es an, um sich dann, unter des ersten Königs Nachfolger, rasch weiterzuentwickeln.

Dieser (Friedrich Wilhelm I.) versicherte freilich bei jeder Gelegenheit, „daß er ein gut holländisch Herz habe“, was einem Protest gegen das Französische, will sagen gegen das Espritvolle ziemlich gleichkam, aber dafür desto besser zu dem im niederdeutschen Wesen tief begründeten Till Eulenspiegeltum paßte, das alsbald in seinen, unter dem Zeichen der holländischen Tonpfeife stehenden Versammlungen zum Ausdruck kam, also in seinem Tabakskollegium, das nun eine Schule der Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart und dadurch zur ersten Grundlage des Berlinertums wurde. So daß die Geburtsstätte dieses Berlinertums eigentlich auch wieder in Potsdam zu suchen ist, in Potsdam, aus dem schließlich alles stammt oder doch das meiste.

Das Tabakskollegium war nach einer bestimmten Seite hin nichts als eine Wiederbelebung des Hofnarrentums einer früheren Epoche, zugleich aber war es etwas durchaus andres, was in der eigenartigen, alle Klassen der Gesellschaft (das Bürgertum als solches zählte noch nicht mit) umfassenden Zusammensetzung dieses Konviviums lag. Eine Welt Shakespearescher Figuren war darin vertreten, am wenigsten vielleicht der „Narr“, gleichviel ob wir den Learschen mit seinen geistreichen Unverständlichkeiten oder den italienischen in „Was ihr wollt“ im Auge haben, wogegen sich Falstaff, Polonius und Kent am stärksten vertreten fanden.

Es genügt unter vielen, ihnen gleich oder ähnlich Gearteten Personen wie Faßmann, Gundling, Grumbkow, Pannewitz und Leopold von Dessau zu nennen, um zu wissen, wie sich die Rollen ungefähr verteilten. Der Ton, in dem alle diese sprachen, drang auch nach außen und übte da seine Macht; die Hauptsache blieb aber doch der König selbst, der an Originalität und deshalb an Einwirkung auf die Volksseele seiner Umgebung weit überlegen war, was in jedem seiner intimen Gespräche, vor allem aber in seinen großen Regierungsakten, in seinen von ihm persönlich redigierten Erlassen zum Ausdruck kam.

S. K. Majestät sind in der Jugend auch durch die Schule geloffen und haben das lateinische Sprichwort gelernt: Fiat justitia et pereat mundus. Also wollen Sie hiermit, daß der Katte mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht werden solle. Wenn das Kriegsrecht aber dem Katte die Sentenz publiziert, so soll ihm gesagt werden, daß es Sr. K. M. leid täte, daß es aber besser sei, daß er stürbe, als daß die Justiz aus der Welt käme,

– ein Kabinettserlaß ohnegleichen, den ich hier aus dem Gedächtnis zitiere, nicht bloß um seines historischen Gehaltes, sondern vorwiegend um seines Ausdrucks willen, als eine merkwürdige Stilprobe voll dämonischen Humors, der, in seiner phrasenlosen Kerngesundheit, für alles, auch für das Leben und Sterben, einen freien, darüberstehenden und an das Rechtsgefühl des Verurteilten appellierenden Ausdruck hat. Ich frage jeden, der neben den bedenklichen auch die guten Seiten des Berlinertums kennt, ob er in dem hier gegebenen Zitate nicht etwas Vorbildliches für das findet, was diese guten Seiten ausmacht?

Die Vertrauten aus dem Tabakskollegium, - sie bildeten, zu nicht zu geringem Teil, das Armee- und Regierungsmaterial, das Friedrich der Große 1740 vorfand, energische, lebenslustige Herren mit Pontaknasen (man sehe nur ihre Bilder in den Galerien) und einer ganz eigentümlichen Seelenverfassung, von der man vielleicht sagen konnte: Klug auf der Hut / Und immer voll Mut.

Jeder kannte die Gefahr, in der er stand, und ging ihr nach Möglichkeit aus dem Wege; sobald aber Pflicht und Ehre das Gegenteil forderten, war ihnen eine Widerstandskraft eigen, nach der man heutzutage vergeblich suchen würde. Sie hingen an Vermögen, Stellung und Einfluß und waren doch auch wieder, in richtiger Taxierung alles Irdischen, von der „Wurstigkeit“ aller dieser Dinge tief durchdrungen. Etwas Bismarcksches, in Erscheinung, Anschauung und Lebensweise, war ihnen eigen, und das Kanzlerwort: „Sei mäßig in der Arbeit, mäßig im Essen und mitunter auch im Trinken“ war recht eigentlich der Bannerspruch, unter dem die damaligen Paladine kämpften und siegten. Es herrschte jene merkwürdige Freiheit, die, nach der Lehre vom Druck und Gegendruck, unter dem Absolutismus am besten zu gedeihen scheint. Ausgesprochene Charaktere, das Individuum in Blüte.

So war, um es zu wiederholen, das Material, das Friedrich der Große vom Vater her übernahm und das bis zum Siebenjährigen Kriege ziemlich unverändert dasselbe blieb, auch bleiben mußte, weil der Sohn in der einen Hälfte seiner Doppelnatur sehr viel Ähnlichkeit mit dem Vater hatte. Ganz zuletzt erst, als Voltaire nicht mehr bloß persönlicher Gast in Sanssouci, sondern die geistig bestimmende Macht in den Köpfen des märkischen Adels und der zu Hofe gehenden Generale geworden war, vollzog sich der Umschwung, und dieselben Kreise, die bis 1740 Repräsentanten der ausgelassensten Till Eulenspiegelei, des „bon sens“ und der „practical jokes“ gewesen waren, dieselben Kreise wurden jetzt Repräsentanten des Witzes, der Pointe, der Antithese. Vor allem des Reparti.

Die vornehme Welt, bis dahin im wesentlichen tot für Kunst und Dichtung, war in weniger als einem Menschenalter literarisch geworden, und zwar in einem Grade, wovon sich nur der eine richtige Vorstellung machen kann, der auf unseren alten Edelhöfen über und über verstaubten und wurmzernagten Bibliothekschätzen aus der friderizianischen Zeit begegnet ist, Büchermassen, um die sich heute niemand mehr kümmert.

Aus der Epoche des glücklichsten und gelegentlich auch übermütigsten Humors war man in die der Geistreichigkeit getreten, und alles durfte gewagt werden, wenn das „Reparti“ witzig war. „Wieviel hat Er denn eigentlich aus der Hubertusburger Plünderung herausgeschlagen?“ fragte der König über die Tafel hin einen seiner alten Generale. „Das müssen Majestät am besten wissen; wir haben ja geteilt.“ In ähnlichen Wendungen ging vielfach die Tischunterhaltung, und wer Esprit hatte, war schon dadurch gefeit.

Der Ton auf Sanssouci während der zweiten Hälfte der friderizianischen Regierung war die literarisch verfeinerte Fortsetzung des Tons im Tabakskollegium, und mit Hilfe dieser auf das Pointierte gestellten Sanssouci-Sprache war man, so möcht' ich sagen dürfen, dem „Berlinischen“ abermals um einen guten Schritt näher gerückt.

Aber freilich, diese pointierte Sanssouci-Sprache war immerhin nur die Sprache bestimmter Gesellschaftsschichten, deren Verbindung mit dem eigentlichen Volke gering war, und wenn sich's um ebendiese Zeit auch in diesem letzteren bereits witzig zu regen begann, so konnte dies nur, wenn überhaupt, in einem losen Zusammenhange mit dem Hof- und höheren Gesellschaftsleben stehen und mußte noch andere Quellen haben.

Und in der Tat, diese anderen Quellen waren vorhanden und fanden sich vor allem in der friderizianischen Armee, besonders in den Potsdam-Berlinischen Elitetruppen.

Außer dem, was der „Kanton“ hergab, fanden sich in der Armee die wunderlichsten Existenzen zusammen; alle Sprachen wurden gesprochen, und das preußische Werbesystem, das sich über halb Europa hin ausdehnte, stellte nicht bloß verlorene, sondern oft auch, soweit Moral mitsprach, durchaus unanfechtbare und nur leider vom Unglück verfolgte Genies unter die Fahne. Nun standen sie in Reih und Glied, in vielen Stücken bevorzugt, aber doch immer noch einer eisernen Disziplin unterworfen, und bildeten jenen merkwürdigen Geist einerseits militärisch-friderizianischen Selbstgefühls, andererseits innerster Auflehnung aus, einer gedanklichen Opposition, die vor nichts und niemandem zurückschreckte.

So verging ihr Leben. Alt geworden, traten sie dann in die bürgerliche Gesellschaft zurück, um nun in dieser, so gut es ging, ihr Dasein zu fristen, als Lohndiener und Tafeldecker, als Schreib- und Sprachlehrer, als Teppichflechter und Stiefelputzer. Das waren die Leute, die nach einer ganz bestimmten und zwar im wesentlichen immer Kritik übenden Seite hin die Lehrmeister des Berliner Volkes wurden, die den König heut in den Himmel hoben und morgen das fabelhaft Tollste von ihm aussagten, alles in einer zynisch-rücksichtslosen Sprache, die bei dem Rest höherer Bildung, der vielen unter ihnen verblieben war, oft einer allerwitzigsten Zuspitzung nicht entbehrte.

Diese zu Spießbürgern umgemodelten friderizianischen Grenadiere waren es, die den berlinischen Räsoniercharakter und vor allem auch den alsbald von alt und jung begierig angenommenen berlinischen Ausdruck für dies Räsonnement schufen. Ein Umwandlungsprozeß, der bald nach dem Siebenjährigen Kriege seinen Anfang nahm und sich derartig rasch entwickelte, daß, als der Große König seinen stillen Platz unter der Kanzel der Potsdamer Garnisonkirche bezog, der erste Berliner Schusterjunge bereits geboren war.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Kommentare (18)

KlausD.

30. Dezember 2019 17:01

Eine kleine Ergänzung zum Berlinertum aus einem Brief von Theodor Fontane an Theodor Storm vom 19.3.1853:
Das "Berliner Wesen", das Einem auf der Straße und in der Kneipe, überhaupt im alltäglichen Leben entgegentritt, ist anfangs ungenießbar. Schärfe, Unverschämtheit, Lieblosigkeit bringen den Fremden um. Aber hinter diesen trostlosen Erscheinungen die sich aufdrängen, gibt es wohltuende, die sich verbergen und die man kennenlernen muß, um nicht voll ungerechter Vorurteile uns wieder zu verlassen. Auch unser Bestes, was wir bieten können - ich weiß es wohl ! - hat etwas von jener Schärfe, die seit den Tagen des Alten Fritz hier in der Luft zu liegen scheint, aber in gehöriger Verdünnung hat diese Schärfe ihren Reiz und söhnt uns zuletzt auch mit den starken Dosen aus, die schließlich ... zur Quelle unseres Vergnügens und herzlichen Gelächters werden. Die Süddeutschen und wir verhalten uns zu einander wie die "Fliegenden Blätter" zum "Kladderadatsch". Ich glaube, wir sind ihnen um eine ganze Pferdelänge voraus.

Andreas Walter

31. Dezember 2019 06:17

Off topic (oder vielleicht doch nicht?), aber auch ein Jubiläum (und heute die letzte Chance es zu feiern):

100 Jahre Klimawandeldiskussion.

(und noch mindestens 100 dazu, wie aus dem Inhalt des Buches selbst hervorgeht):

https://xml2lms.in-chemnitz.de/dp/eiszeit/eiszeit.html

Damals noch Klimawechsel genannt ist Wilhelm Bölsche wohl ein Vertreter der Fraktion der Beruhiger vor einer bald drohenden Eiszeit (1919?). Sogar die Menge an verbrannter Kohle bis zurück nach 1860 wird darum darin erwähnt und auch Goethe scheint das Thema bereits vor 1821 beschäftigt, Sorge gemacht zu haben. Möglicherweise damals unter dem gewaltigen Eindruck des Tambora, der 1815 ausgebrochen war und auch in Europa für Kälte selbst im Sommer gesorgt hat:

https://www.welt.de/wissenschaft/article150483265/Der-Vulkan-der-in-Europa-Tausende-verhungern-liess.html.

Theodor Fontane wurde gerade mal 3 Jahre nach dem Jahr ohne Sommer von 1816 geboren, in eines der drei kältesten Jahrzehnte in Europa der letzten 2.000 Jahre. Noch 1821 war darum in Europa auch der kälteste Sommer seit Christi Geburt. Mehrere Jahre mit schlechten Ernten waren die Folge und auch 1832 bis 1841 gilt als eines der 8 kältesten Jahrzehnte in Europa seit dem Jahr des Herrn. Doch auch andernorts scheint es zu der Zeit ähnliche Not gegeben zu haben, wodurch die Cholera ab 1817 ihren ersten weltweiten Siegeszug nahm eben wegen auch starker Migrations- und Auswanderungswellen.

Ratwolf

1. Januar 2020 02:01

Sehr schön geschrieben. Man liest so etwas gerne.

Der Kabinettserlaß im Wortlaut war mir neu. Beeindruckend. Der Schreiber war sich genau bewusst, was er schrieb. Der Frage würde ich zustimmen. Landesflucht ist Verrat. Auch in diesen Tagen.

Auch Friedrich Wilhelm I. war ein feinfühliger Mensch. Er konnte es sich nur nicht leisten. er musste schnell und direkt handeln, als er sein Erbe angetreten hatte. Er hat sich sogar die Abstraktion der Sprache verweigert, und genauso geschrieben, wie es geklungen hat. Direkter geht es nicht. Unter welcher Angst und welchen Stress muss er gestanden haben.

Beeindrucken ist auch sein schonungsloses Selbstportrait. Welche Politiker oder Herrscher hätte sich so gemalt?

Tabakskollegium, Essen, Alkohol und die Liebe in Maßen und nicht in Massen. Das ist eine Kunst. Der Sohn hat sich dem komplett verweigert und ist älter geworden. Ob sein Leben schöner gewesen ist?

Maiordomus

2. Januar 2020 11:44

Für Fontane-Muffel "Unterm Birnbaum" - Ein Dorfkrimi aus dem Oderbruch

Trotz seines enormen Autoren-Formates vermochte sich Fontane etwa im Vergleich zu den berühmtesten Engländern, Amerikanern, Franzosen und Russen weltliterarisch nicht ganz adäquat durchzusetzen. Zum Beispiel wurde die Wirkung eines E.T.A. Hoffmann auf die genannten Literaturen ungleich höher. Ehrlich gesagt gibt es auch weit mehr Deutschsprachige, welche zwar die eine oder anderen Fontane-Ballade auswendig gelernt haben, noch dazu die eine oder andere Verfilmung von "Effi Briest" genossen. Aber wer schon hätte den "Stechlin" zu Ende gelesen? Vergleiche Stifters "Nachsommer" (zwar hier gibt es erstaunlich viele Total-Fans) und Thomas Manns "Der Zauberberg". Es bleibt wohl dabei, dass der sog. Plot bei Fontane so ziemlich das Gegenteil von Steven King repräsentiert. Handlungsarmut kennzeichnet nun mal zahlreiche Prosawerke Fontanes. Dabeo erinnerte sich Ernst Jünger gemäss "70 verweht" (oder "Autor und Autorschaft"?) exakter an seine Lektüre von "Irrungen, Wirrungen" im Schützengraben des 1. Weltkrieges als an viele weiteren Details damals. Das will etwas heissen. Der besagte Berlin-Roman ist nicht weniger stark als "Effi Briest", deren Modell, Elisabeth von Ardenne, Grossmutter von Manfred von Ardenne, im Alter von 99 Jahren in Lindau starb, aber im Brandenburgischen begraben liegt.

Für Fontane-Muffel gibt es nun aber die spannendste und am stärksten novellistische Geschichte bei Fontane zu empfehlen. Ursprünglich ein Fortsetzungsroman für die "Gartenlaube", für den Meister wohl deshalb ein Nebenwerk: "Unterm Birnbaum", als Kriminalroman, der sorgfältigst aus dem Oderbruch-Dorfmilieu heraus komponiert wird, in jedem (für das Verständnis der Tathandlung relevanten) Nebensatz und einer absolut unvergleichlichen Dialogführung d a s M e i s t e r w e r k des deutschen Dorfromans und zugleich allen Kriterien eines Kriminalromans der Weltspitzenklasse genügend, wobei anstelle des Detektivs, ähnlich wie später bei Agatha Christie (ihre Miss Marple), eine schrullige neugierige von aussen total unterschätzte kluge Alte, Quasi-Dorfhexe, die Nachbarin Jeschke, einen Charakter von Weltklasse darstellt, genau so wie zum Beispiel die frustrierte Ehefrau des Hauptverdächtigen "Sie war zu ihrer Zeit eine schöne Frau gewesen, und sie war es beinahe noch" und die verschiedenen Dorfmächtigen. Das Sprichwort-Motto des Dorfkrimis, der sich so wenig wie die weit brutalere "Shining"-Geschichte keineswegs für eine Serie eignet, hat heute eine auch politische Bedeutung:

"Es ist nichts so fein gesponnen,
Es kommt doch an die Sonnen."

Zum Beispiel was es mit den eingangs von "Unterm Birnbaum" episch beschriebenen Fässern für eine Bewandtnis habr, die vor dem Kramladen der Hauptperson aufgestellt sind, mit der Zeit herumgerollt werden.

KlausD.

2. Januar 2020 21:07

@Maiordomus 2. Januar 2020 11:44

Im ersten Teil Ihres Kommentars erinnern Sie mich an die Figur des Baron Duquede, Legationsrat a.D, aus Fontanes Roman L´Adultera, mit seinem hervorstechendsten Charakterzug des Absprechens, Verkleinerns und Verneines („so daß er, infolge davon, den Beinamen „Herr Negationsrat“ erhalten hatte“).

Drei Fragen an Sie:
Wie haben Sie ermittelt, daß die Wirkung eines E.T.A. Hoffmann auf die genannten „Literaturen“ ungleich höher ist?
Wie kommen Sie zu der Annahme, daß niemand den Roman „Der Stechlin“ zu Ende gelesen hat?
Was soll der, pardon, blödsinnige Vergleich Theodor Fontanes mit einem Steven King und der damit verbundene Hinweis auf Handlungsarmut in Fontanes Werken?

Daß Sie abschließend eine Lanze für die Ihrer Meinung nach „spannendste und am stärksten novellistische“ Geschichte bei Fontane (nicht Ellernklipp, nicht Grete Minde?), brechen, kann man gelten lassen ...

RMH

3. Januar 2020 02:24

".... die Wirkung eines E.T.A. Hoffmann …"
Die neuzeitliche Verklärung der angeblich so nachhaltigen Wirkung eines E.T.A Hofmann konnte ich persönlich nie so ganz nachvollziehen. Zu Lebzeiten jedenfalls hat E.T.A Hofmann die Juristerei offenbar mehr eingebracht, als sein Künstlertum, aber er wäre ja nicht der erste Künstler, dem erst posthum eine angemessene Würdigung zukommt.

Rein persönlich bevorzuge ich hier Fontane, auch wenn dieser schon rein biografisch erst später als E.T. A. Hofmann sein künstlerisches Wirken und zu einer anderen Zeit entfaltete. Zum Kanon der hier im Artikel und auch in den bisherigen Beiträgen genannten Werke Fontanes möchte ich noch die Erzählung "Schach von Wuthenow" hinzufügen. Danach hat man einen etwas anderen Blick auf Preußens Gloria …

Maiordomus

3. Januar 2020 11:24

@Klaus D./RMH

E.T.A. Hoffmann war nachweisbar der deutschsprachige Autor des 19. Jahrhunderts mit der grössten Wirkung auf die europäische Literatur: In Russland wurde mit Bezug auf Hoffmann der wohl wichtigste Literatenclub um Gogol u. Co. "Die Serapionsbrüder" genannt; die berühmten englischen Gespenstergeschichten, etwa "Das verfluchte Haus von der Oxford-Street" von Bulwer-Lytton oder "A Christmas Carol" von Dickens wären ohne Hoffmanns Vorarbeit schlicht nicht zu schreiben gewesen; Edgar Allan Poes Prosa ist eine Fussnote zu Hoffmann; als Lyriker ist Poe freilich eine Hoffmann und sogar Novalis noch überragende Grösse vgl. "The Raven" und "Annabel Lee"; Baudelaire und Balzac zeigten und bekannten sich wesentlich als von Hoffmann geprägt. Vgl. die Habilitationsschrift von Prof. Peter von Matt "Die Augen des Automaten", über Hoffmann, wo es freilich dann noch mehr um die Fernwirkung auf Freud geht.

Gegen Hoffmann (vgl. das einschlägige Museum in Dresden), der auch am leichtesten übersetzbar war, etwa das für die Kriminalromangeschichte unerhört bedeutende "Fräulein von Scudéry", haben nun mal so grosse Autoren wie Kleist, Stifter und Fontane im Hinblick auf Rezeption, Beachtung und Nachwirkung leider über ihren Sprachraum hinaus kaum einen Stich, wiewohl Kleist es wenigstens zum Geheimtipp schaffte, z.B in Frankreich mit der "Marquise von O" spektakulär verfilmt wurde, zu schweigen von den Aufführungen des "Prinzen von Homburg" in Paris zu Zeiten der deutschen Besatzung.

Ich habe nicht behauptet, "niemand" habe den "Stechlin" zu Ende gelesen, der etwa für den bedeutendsten Schweizer Autor der letzten 35 Jahre, meinen Studienkollegen Hermann Burger, das massgebliche Werk war. Auch den "Zauberberg" hat eine ansehnliche Minderheit der damit Beschenkten zu Ende gelesen. Aber populär wurde nun mal "Der Stechlin" nie, zumindest nicht ausserhalb Preussens. Selber würde ich Grete Minde, Ellernklipp und L'adultera gewiss nicht in künstlerischer Qualität unter dem "Birnbaum" einschätzen; bezüglich dessen kommt jedoch das grosse A b e r: der Kriminalroman wurde ab dem 20. Jahrhundert und bis zur Gegenwart die meistgelesene Literaturgattung, so wie "Tatort" und andere Krimi-Serien in Sachen populäre Fernsehspiele eigentlich keine Konkurrenz haben. Weil nun mal die Gattung Kriminalroman d i e bestgelesene Literaturgattung ist, gewinnt nun mal das in dieser Hinsicht ausgeprägteste Prosastück bei Fontane, "Unterm Birnbaum", an literarhistorischer Relevanz. Vergleiche mit Arthur Conan Doyle und zumal Agatha Christie drängen sich auf, wobei die unübertreffliche Stärke Fontanes im Bereich der präzisesten Milieu-Schilderung einschliesslich des "Einsatzes" von Mundart-"Dialekt" auszumachen ist, weil ja bei Fontane, das gilt auch bei den von Ihnen genannten Werken, jede Person ihre eigene Sprache, ganz persönliche Ausdrucksweise findet, bis zu "Louise, das ist aber ein zu weites Feld" des alten Briest.

Ich danke Ihnen noch für Ihren Hinweis auf "Schach von Wuthenow". Dieses Werk von Fontane habe ich mir bisher leider nicht vorgenommen. Hingegen hatte ich vor etwa dreissig Jahren mal das Vergnügen, ein Seminar "Kriminalliteratur" zu leiten, bei welchem ich meine Auffassung von Fontane entwickelt habe, nicht zuletzt im Vergleich mit angelsächsischen Autoren. Erst später wurde mir indes klar, in welch enormem Ausmass auch ein Georges Simenon Weltklasse darstellt. Aber ein Dorf-Kriminalroman als vollgültiger u.a. auch Fontanescher Eheroman in der Klasse von "Unterm Birnbaum" ist mir bis anhin nicht untergekommen, wiewohl ich aus volkskundlichem Interesse die Dorfromane seit Jahrzehnten verfolge, in der Schweiz etwa Heinrich Zschokke (aus Magdeburg), Jeremias Gotthelf, Alfred Huggenberger, Meinrad Inglin und noch andere. In der Romantik begründete u.a. Clemens Brentano mit der Geschichte vom braven Annerl mithin diese Gattung.

PS. Noch zu Fontane: Wie "Unterm Birnbaum" waren auch "Der Richter und sein Henker" sowie "Der Verdacht" von Friedrich Dürrenmatt für den Augenblick und den kurzfristigen Broterwerb verfasste Fortsetzungsromane für ein populäres Magazin, im Fall Dürrenmatt "Der Schweizerische Beobachter", hat heute noch eine Grossauflage. Nur hatte Dürrenmatt im Gegensatz zu Fontane bei Beginn des Abdrucks die Geschichte nicht mal fertiggeschrieben; bei verzögerter Lieferung wurde ihm gedroht, würde die Redaktion den Roman weiterschreiben beziehungsweise zu Ende schreiben, was dann meines Wissens dann doch nicht der Fall war.

PS 2: Eine noch grössere Wirkung als E.T.A. Hoffmann auf die europäische Literatur hatte unter dessen Zeitgenossen noch Goethe mit seinem Frühwerk "Die Leiden des jungen Werthers", allein von Napoleon siebenmal gelesen und bekanntlich in ganz Europa Nachahmungshandlungen auslösend. Der Schwerpunkt der Wirkung von Werther als Goethes einzigem Weltbestseller betraf jedoch noch das 18. Jahrhundert. Goethe lehnte Hoffmann ganz ab, meinte zumal ihn, als er die romantische Literatur als "das Kranke" bezeichnete. Für Madame de Staël war jedoch dann Deutschland "le pays de Goethe et Hoffmann".

King, den ich so wenig mag wie Sie (kein Vergleich freilich mit Filmfassungen, etwa von Kubrick) bleibt heute im Sinn von Goethe bedeutend: "Wer nicht eine Million Leser erwartet, soll keine Zeile schreiben." Er hat, wie Hermann Hesse und Karl May, offenbar einiges richtig gemacht. Als Schul-Lektüre waren hingegen die Romane von Fontane, mit Ausnahme von "Unterm Birnbaum", wegen der spezifischen Epik Fontanes mit der langsamen und ausführlichen Entwicklung der Charaktere, für die literarisch weniger interessierten Jugendlichen als Förderung ihres Interesses an grosser Literatur kaum geeignet.

@RMH. Wenn Sie einen Text lesen wollen (vielleicht haben Sie diese Geschichte schon gelesen) mit Schauplatz Berlin, wo eine Schnittmenge E.T.A. Hoffmann - Theodor Fontane sich anzudeuten scheint, dann: "Ritter Gluck" von Hoffmann, als "musikalische" Novelle wohl so genial wie "Unterm Birnbaum" als Dorfkrimi. Beide Autoren treffen in diesen Texten überaus meisterlich jeweils die Atmosphäre.

Der_Juergen

3. Januar 2020 12:42

@Maiordomus

"Steven King, den ich so wenig mag wie Sie..."

Kennen Sie Kings "Die grüne Meile"? Meines Erachtens ein Meisterwerk der Literatur, allen anderen Erzählungen dieses Autors weit überlegen. Die Verfilmung mit Tom Hanks ist ziemlich gut, aber im Gegensatz zu "The Shining" ist das Buch hier wesentlich stärker als der Film.
- Bei Dürrenmatt wunderte es mich, dass Sie "Der Richter und sein Henker" sowie "Der Verdacht" erwähnen, nicht aber den düstersten und besten seiner Kriminalromane, "Das Versprechen". (Als "The Pledge" verfilmt, wie "The Shining" mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Habe diesen Streifen noch nicht gesehen, werde dies jedoch bald nachholen.)

Zu Hoffmann wäre vielleicht noch zu ergänzen, dass er Tschaikowski mit seinem "Nussknacker" das Motiv zu einem Ballett der Extraklasse geliefert hat. Von seinen Romanen kenne ich bisher nur "Die Elixiere des Teufels", die mich nicht dazu bewogen haben, mehr von ihm zu lesen. Mag ja ein Fehler gewesen sein, den man berichtigen kann.

Maiordomus

3. Januar 2020 12:56

@Klaus D. Die Art und Weise, wie Sie gegenüber Fontane aus persönlicher Leseerfahrung I h r e n Respekt ausdrücken, beeindruckt, zumal das Beispiel betreffend den Herrn "Negationsrat" aus "L'Adultera". Ich würde die Betitelung nur insofern annehmen, als ich, bis zum Beweis des Gegenteils, zur Auffassung neige: Trotz sehr bedenklicher Entwicklungen (wie diese z.B. auf dieser Seite, in den politischen Artikeln, kritisiert werden), geht es uns, über alles gesehen, in vielem besser als zu Zeiten Fontanes. Nur stelle ich, und zwar nicht nur die Literatur betreffend, einen behaupteten kulturellen Fortschritt in Frage.

Ein solcher scheint mir in Literatur, Musik, Kunst, über weite Strecken auch Architektur und sogar Mode, schlicht nicht objektivierbar.

Aber vergleichen Sie mal, und hier führe ich keinen Steven King in bezug auf Fontane ins Feld, die letzten 10 Seiten von Martin Walsers Roman "Ein liebender Mann" (räumlich und kulturell und im Aufbau der Geschichte mit einem Fontane-Plot absolut vergleichbar) mit irgendeinem Romanschluss von Fontane; nicht nur stilistisch, auch als erzählerisches Porträt - in diesem Fall des alten Goethe mit seiner Liebesgeschichte mit Ulrike Levetzow. Nach meiner Einschätzung kassiert da M. Walser gegen Fontane eine Kanterniederlage in zweistelliger Höhe, um es mal salopp in der Sprache des Fussballs auszudrücken. Ja, in diesem Urteil über ein sogenannt repräsentatives, von der Kritik immerhin gelobtes Werk aus der Zeit nach der Jahrtausendwende, bekenne ich mich als "Negationsrat". Nur würde ich es mir nicht herausnehmen, bei eingeschalteter Kamera eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders das Buch in den Kübel zu werfen.

KlausD.

3. Januar 2020 13:36

RMH 3. Januar 2020 02:24

Danke für Ihren Hinweis auf Fontanes Roman „Schach von Wuthenow“, tauchen wir doch damit in interessante Kapitel preußischer Geschichte ein. Ihn allerdings als gegen Preußens Gloria allgemein gerichtet zu interpretieren, geht entschieden zu weit. Fontane bezeichnet sich selbst als ein in der Wolle gefärbter Preuße und war zeitlebens stolz auf die militärische Erfolge Preußens.
Der Roman wurde zwar 1879 geschrieben, also kurz nach den großen militärischen Erfolgen der preußischen Armee, den Siegen gegen Dänemark 1864, Österreich 1866 und Frankreich 1871, spielt jedoch in der Zeit von 1805 auf 1806, also am Vorabend der Entscheidungsschlacht von Jena und Auerstedt gegen Napoleon und damit einer verheerenden Niederlage der Armee und des Staates Preußens gleichermaßen.
Mit diesem Roman warnte er letztlich vor Überheblichkeit, Dekadenz und einem Sichausruhen auf militärischen Erfolgen.
Wie schreibt Gotthard Erler in seinem Nachwort zur Ausgabe von 1972 im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar:
„Schach von Wuthenow repräsentiert eine Armee, die … statt der Ehre nur noch Dünkel und statt der Seele nur noch ein Uhrwerk hat … daß dieses durch und durch demoralisierte Offizierskorps, das noch immer vom abgelebten Ruhm Friedrichs II. zehrt, den disziplinierten Napoleonischen Truppen bei der Entscheidung von Jena nicht gewachsen sein konnte, das hat Fontane in seinem Schach von Wuthenow überzeugender nachgewiesen als mancher bürgerliche Historiker.“
Und weiter:
„Freilich hielt man in Deutschland am Ausgang der siebziger Jahre nicht viel von dergleichen kritischen Rückblicken … Aber je mehr sich diese Legende von Preußens deutscher Sendung konsolidierte, um so kritischer wurde Fontanes Haltung diesem Preußen gegenüber. Er sah immer klarer, daß seine „märkischen Pappenheimer“ aus der Niederlage von Jena nichts gelernt hatten ...“

Maiordomus

3. Januar 2020 13:38

@Der Jürgen. "Das Versprechen" war kein Fortsetzungsroman für den "Beobachter", womit lediglich der Vergleich mit Fontanes "Unterm Birnbaum" abgedeckt war, in der "Gartenlaube" vor und nach herkömmlicher Kolportage veröffentlicht und also über Generationen kein ernst genommener Teil von Fontanes Gesamtwerk. Ich betonte oben bereits, dass Steven King angesichts seines Erfolges vieles "nicht falsch gemacht haben" konnte. Meine Empörung über den aktuellen "Doktor Sleep", den Shining-Film, zu dem er im Gegensatz zur Kubrick-Fassung sich zu bekennen scheint, war aber so gross, dass mein Appetit auf diesen Autor für längere Zeit vergangen ist. Bei seiner gewaltigen Produktion und seiner tatsächlichen Begabung für Plots kann ich mir höchst gelungene Werke von ihm sehr gut vorstellen.

1985 publizierte ich mal über Schweiz-Bezüge im kulturgeschichtlich fast unübertrefflich reichhaltigen Buch "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" von Theodor Fontane. Eineinhalb Jahrzehnte zuvor zeigte ich mich von Fontane beeindruckt bei einer Seminararbeit über die Emser Depesche, gehörte doch der damalige Apotheker zu den ganz hervorragenden Berichterstattern des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71. Das Seminar bei Prof. Leonhard von Muralt erfolgte zum hundertjährigen Gedenken jenes Krieges.

RMH

3. Januar 2020 15:37

"Ihn allerdings als gegen Preußens Gloria allgemein gerichtet zu interpretieren, geht entschieden zu weit."

@Klaus D.
so pauschal wollte ich meinen Beitrag auch nicht verstanden wissen. Fakt ist, dass Fontane einfach ein viel zu guter Erzähler/ Beschreiber war, der gerade nicht einfach nur einen oberflächlichen Plot zum Besten gab, sondern eben tiefer eindringen konnte. Dazu haben Sie ja treffendes geschrieben.

Fontane war eben Apotheker und damit per se zu genauer Beobachtung und daraus resultierend detailreichen Beschreibungen fähig. In diesem Zusammenhang (Apotheker) sei auf anderem künstlerischen Gebiet an einen süddeutschen Zeitgenossen Fontanes erinnert, der ebenfalls von seiner Ausbildung her Apotheker war und gleichfalls sehr detail- und facettenreiche Kunst abgeliefert hat, Carl Spitzweg.

Ratwolf

4. Januar 2020 23:12

Auf Wikipedia (04.01.2020) wird Fontane und die „Judenfrage“ besprochen.

Er wird von den Autoren und Administratoren freigesprochen und de-facto entnazifiziert.

Wir können Fontane also gemeinsam lesen.
Linke, Rechte und was-auch-immer...

KlausD.

5. Januar 2020 17:10

Maiordomus 3. Januar 2020 11:24 u. 12:56

Ich möchte es nicht versäumen, Ihnen noch dafür zu danken, daß Sie doch so ernsthaft und ausführlich auf meine Fragen eingegangen sind. Sie haben recht, ich bin nur ein begeisterter Leser, den die besondere Schreibweise Fontanes anspricht und über das Lesen seiner Bücher Interesse an seinem Leben gefunden hat. Zum Glück gibt es sehr viel Material darüber und je mehr man darüber erfährt, desto besser versteht man rückwirkend seine Werke. Darüber hinaus taucht man gleichzeitig in das gesamte gesellschaftliche Leben des 19. Jahrhunderts hinein, das ja so überaus abwechselungsreich war und, insbesondere in seiner zweiten Hälfte, in hoher kultureller Blüte stand. Diesbezüglich kann ich Ihre Meinung „einen behaupteten kulturellen Fortschritt in Frage zu stellen, und zwar nicht nur die Literatur betreffend“, nur unterstützen.
Daß Sie jedoch besonders auf seine Kriminalnovelle „Unterm Birnbaum“ so „abfahren“, hat mich dann doch etwas überrascht. Hängt wohl mit Ihrer Vorliebe für Dorfkrimis zusammen. In diese Kategorie ist auch die unmittelbar darauffolgende Novelle „Quitt“ einzuordnen. Geht es doch auch hier um einen Mord und dessen Aufklärung. Aber auch „Ellernklipp“ und „Grete Minde“ können als (dramatische) Dorfgeschichten bezeichnet werden. Nebenbei gesagt basieren diese Sachen, ebenso wie eigentlich alle seine Werke, auf wahren Begebenheiten.
Besondere Bedeutung und Aufmerksamkeit erlangten jedoch seine Gesellschaftsromane, die in ihrer realistischen Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen, insbesondere zwischen Menschen unterschiedlicher Schichten der Gesellschaft wie Adel, Bourgeoisie und Arbeiter, oft auch provozierend wirkten und für Furore sorgten. In diese Kategorie fallen die Romane L´Adultera (Ehebruch von Seiten der Frau – hier anders als bei Effi Briest mit „Happy End“) sowie „Irrungen und Wirrungen“ (Voreheliche Beziehung). Was damals ein Skandal war ist heute fast Alltag.

Maiordomus

5. Januar 2020 22:32

¦@KlausD. Ja, dramatische Dorfgeschichten; "Irrungen Wirrungen" ist freilich eine Stadtgeschichte, nicht mit der vorehelichen Beziehung, sondern dem Vorrang des Status vor dem persönlichen Glück sowie überhaupt mit der wohl eindrücklichsten kritischen Schilderung der spätfeudalen und auch kapitalistisch-bürgerlichen Ständegesellschaft in einem Stadtroman. Letztlich kommt es aber auf einen engagierten Leser wie Sie absolut an und nicht auf Philologen/Kulturhistoriker. Ja, Fontane vermag heute noch anzusprechen, dabei freilich - auch im Vergleich zur Generation Gartenlaube - beim heutigen Leser etwas Bildung voraussetzend, als Schullektüre erweisen sich zumal Gesellschaftsromane des 19. Jahrhundert heute als einigermassen schwierig. "Quitt" ist in der Tat ein Nachfolger von "Unterm Birnbaum", wenngleich noch längst nicht ein Serienprodukt. Beim Hervorheben des "Birnbaums" ging es mir nicht darum, dieses Standard-Beispiel anderen Werken von Fontane qualitativ vorzuziehen, eher schon auf dessen Bedeutung für die Geschichte des Kriminalromans zu verweisen, so wie dies natürlich für Hoffmanns "Das Fräulein von Scudéry" und mit gewissen Einschränkungen noch für Friedrich Halms "Die Marzipanliese" zutrifft. Die eigentlich Literaturgattung des Detektivromans wurde freilich mit Poes "Mord in der Rue Morgue" begründet, jedoch - mit Schauplatz des anarchisch-unheimlichen nächtlichen Paris und Betonung der völlig überraschenden Lösung - schon klar in der Nachfolge von Hoffmanns "Fräulein", welche Dame jedoch trotz ihrem gesunden Menschenverstand mit einem Detektiv nicht zu verwechseln ist. Noch beeindruckend bei Hoffmann, was im herkömmlichen Krimi nicht der Fall ist, das Misstrauen gegenüber der Polizei. Klassisch ist hingegen beim Krimi an sich die Betonung der geistigen Schwerfälligkeit der Polizei bis hin zur Dummheit, im Gegensatz jeweils zum Privatdetektiv oder dann mit der Zeit im Gegensatz zum genialischen Kommissar. Bei Fontanes "Unterm Birnbaum" gehört der Dorfgendarm Geelhaar, etwa im Vergleich zur klugen Frau Jeschke (Miss Marple des 19. Jahrhunderts), bereits zur Sorte des eher beschränkten Normalpolizisten, deren Mutmassungen in fast jedem traditionellen Krimi von begabteren Ermittlern über den Haufen geworfen werden.

PS. "Das Parfüm" von Süskind ist übrigens auch schon nur eine reine Fussnote zu Hoffmanns "Das Fräulein von Scudéry", zumal noch mit dem Motiv der Identität eines genialen Künstlers mit einem Verbrecher, was zu Hoffmanns schwarzromantischem Weltbild passt, welches wiederum für Poe, Balzac, Dickens und Bulwer-Lytton wichtig wurde.

Laurenz

6. Januar 2020 02:06

Es gibt etwas Gutes am Berliner Wesen? Arg zweifelhafte These.

KlausD.

6. Januar 2020 11:46

Ratwolf 4. Januar 2020 23:12

Pardon, aber ob und wie sich die (ich glaube von @Laurenz so treffend bezeichnete) "Lügipedia" zu dieser "Frage" äußert, ist für meine Fontanebegeisterung irrelevant. Hier gilt, wie immer in solchen Fällen: Die Dinge sind in ihrer Zeit zu betrachten.
Ähnliches gilt übrigens für die "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirche.
Siehe hier:
https://www.mdr.de/kultur/themen/michael-wolffsohn-zum-streit-ums-judensau-relief-100.html

Maiordomus

6. Januar 2020 12:20

@KlausD. Eine entsprechende "Judensau" finden Sie, mit distanzierender Gedenktafel darunter, auch an einer Aussenwand der Kathedrale von Regensburg.

Für eine Dorfgeschichte mit kriminalistischem Hintergrund, ein Mord aus (homosexueller) Leidenschaft führte zuletzt noch am 30. September 1817 zu einer Hinrichtung auf dem Rad, empfehle ich Ihnen das Buch ISBN 3-86612-023-0 umständehalber ohne Angabe des Autors und des Titels. Die erste Hälfte, die eigentliche Kriminalgeschichte, scheint in der Orientierung nach oben genannten Klassikern, noch gelungen zu sein, die Beschreibung der Hinrichtung (der Verurteilte, Dr. iur. Franz Desgouttes, wurde zuerst immerhin mit einer Schnur erwürgt, erst nachher aufs Rad gespannt) ist eine der exaktesten und am stärksten auf Originalquellen bezogene in der Geschichte dieser Textsorte, mehr eine nach Dokumenten erzählte Dorfgeschichte denn ein Kriminalroman.

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