9. Januar 2020

Gegenaufklärung: Reaktion befreit

Gastbeitrag / 38 Kommentare

von Heino Bosselmann -- Man muß im Gestern leben können, um für das Morgen gerüstet zu sein. »Ewiggestrige« haben vielleicht doch Vorteile.

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Nur der Blick in die Vergangenheit mag lehren, was zeitlosen Wesens ist und worauf es immer neu ankommt. Ferner läßt insbesondere die Geschichte noch eher als die Philosophie erkennen, daß nach vorn, in die Zukunft, nicht alles möglich ist, was sich Menschen erträumen und dreist einfordern. Die Geschichte illustriert in lebenden Bildern das Drama, in dem der Mensch stets stand; in ihr finden sich die Möglichkeiten der technischen wie die Grenzen der sozialen Utopie illustriert.

Während man die Geschichte der Technik fasziniert anschaut, bietet die Sozial- bzw. Politikgeschichte die notwendigen bitteren Lehrstücke. Ohne einander sind beide, die wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten wie die daran anschließenden politischen Träume, nicht zu denken, verleiteten doch die technischen Faszinationen zu der Illusion, dem Menschen wäre ebenso gesellschaftspolitisch alles möglich, er könne sich in seiner eigenen geistigen und körperlichen Substanz quasi technisch weiterentwickeln, „upgraden“, also als Konstrukt seiner selbst die natürlichen Grenzen überschreiten und zu einem utopisch anmutenden Androiden werden.

Insbesondere die bolschewistisch-stalinistische Variante des Kommunismus führte solche Perversion bis in die gestaltete Bildwelt ihrer Künste und Propaganda hinein aus und zündete damit eine gewaltige Inspirationskraft, die zunächst den Blick auf die Verbrechen verstellte, ohne die dieses fatale Experiment nicht zu haben war.

Der Kommunismus scheint vorerst erledigt, aber seine utopistische Genetik spinnt weiter fort. Marxismus ist der Versuch einer materialistischen Weltanschauung mit der schwierigen Erblast des deutschen Idealismus, der, vor allem in der Gestalt von Hegels Geschichtsphilosophie, die Erlösungshoffnung des Christentums „wissenschaftlich“ weitertrug. Marx wiederum fand dafür neue Jünger. Letztlich verteidigt die „Antifa“ mit kindlicher Wut das unerreichbare Ziel des „Prinzips Hoffnung“.

Die Linke versteht sich bis heute als Vollstreckerin der Aufklärung. Selbst das, was linksgrüne Politiker wie Habeck-Baerbock verkünden, klingt zunächst verlockend gut, weil es dem Menschen als ethischem Wesen ein Kompliment nach dem anderen macht. Das ist moralisches Jakobinertum in freundlicher Gestalt. Gerade der Moralismus und das falsche Versprechen, Welt und Mensch endlich retten zu können, entwickeln eine erotische Anziehungskraft, vermutlich weil Welt und Mensch eben nicht zu retten sind – eine Tragik, mit der es jedoch zu leben gilt.

Der Aufklärung und allem, was daraus wurde, hat die Menschheit einerseits viel zu danken, wie etwa die (vermutlich nur vorübergehende) Abgrenzung von religiösem Wahn, zu dem derzeit insbesondere der massiv antiaufklärerische Islam prädestiniert. Anderseits hat die Aufklärung in ihrer fortschrittsgläubigen Euphorie – und dabei weitgehend blind gegenüber der Janusköpfigkeit von Wissenschaft und Technologie – den Menschen in seinen Möglichkeiten weit überschätzt. Und genau hier liegt die Antwort auf die Frage, vor der Adorno und Horkheimer standen:

Was wir uns vorgesetzt hatten, war tatsächlich nicht weniger als die Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt.

In ihrer „Dialektik der Aufklärung“ entwickelten sie ihre Schlußfolgerungen auf schwierig überbildete, aber deutlich desillusionierte Weise und formulierten dazu eine komplizierte Argumentation, die die intellektuelle Linke seither ungelenk zu begreifen und auszulegen versucht.

Und tatsächlich ist – nicht nur von rechts – gar eine einfachere Antwort möglich, und sie war seit Genesis 3 sogar längst und vielfach gegeben: Der Mensch gerät mit seinen Vorhaben und Werken nämlich stets und ständig, und zwar ganz unweigerlich in Barbarei, sobald ihn wissenschaftliche und technische Möglichkeiten dazu verleiten, sich selbst zu entgrenzen. Diese Einsicht ist Grundbestand aller Mythologie. Nur meinte die liberale und später die marxistische Intellektualität, daß eben mit der Aufklärung und ihrer radikalen Forcierung und Ausweitung die Vorgeschichte der Menschheit beendet wäre und kraft vermeintlicher Vernunft in der Moderne endlich doch alles möglich sei.

Mit diesem geschichtsoptimistischen Fanal begann die Ouvertüre zur Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, die im einundzwanzigsten ihr Fortsetzung finden wird, weil dem Menschen die Grundannahme, er könnte die in seiner Natur liegenden Probleme technisch lösen, sie in toto quasi totalitär regeln, nie mehr auszutreiben sein wird. Immer neue Welt- und Menschenbeglücker werden also immer neues Welt- und Menschenelend heraufbeschwören, bis der technische Zugriff auf die ganze Welt – dank „Big Data“ so wie noch nie möglich – eben die gesamte Welt erledigt, mindestens ihre Biosphäre vergewaltigt haben wird.

Figuren wie Habeck-Baerbock sind mit Blick aufs Ganze freilich nur neudeutsche Komparsen, folgen aber enthusiasmiert genau diesem Prinzip und begreifen als politische Komödianten die den Prozessen eingeschriebene Tragödie nicht.

Was kann man dagegen tun? Nichts. Eigenverantwortung und Verantwortung gegenüber dem anderen und den Mitgeschöpfen ist nurmehr in einer reaktionären Grundhaltung denkbar, die sich dem Unvermeidlichen sogar unvermeidlich erfolglos entgegenstemmt und also immer nur zeitweise auf letztlich verlorenem Posten noch befriedete Refugien sichert, ohne jedoch siegen zu können.

Siegen wird das Prinzip Aufklärung, mindestens in deren versachlicht rational-pragmatischer Gestalt, aber es siegt sich und alles andere eben zu Tode. Jeder Revolution stellt der Reaktionär seine Reaktion entgegen. Seine einzige Stärke: Er weiß um seine Vergeblichkeit, der Revolutionär nicht. –

Die Forderung nach „Klimaschutz“ und Emissionsreduzierung, wie sie von den „Kiddies“ der Fridays-for-Future-Bewegung unterm Beifall der Altlinken so vermeintlich liebenswert vertreten wird, erscheint unfreiwillig tragikomisch, weil weder diese Instagram- und Spotify-Kinder noch deren Biomarkt-Eltern in der Lage sein werden, ihren Hedonismus zu revidieren. Es bleibt wiederum beim Wunsch, weil alle Einschränkung des Komforts sogleich als unzumutbar empfunden würde.

Was Technik verspricht, will der Konsum halten. Jene, die gerade die Wachstumsgesellschaft kritisieren, sind deren Geschöpfe. Sie haben sich in Deutschland und Europa zwar vom unbedingten Leistungsgedanken abgekoppelt, weil dank Technik und internationaler Arbeitsteilung Anstrengungsbereitschaft kaum noch nötig erscheint; aber an der Bedürfnisbefriedigung können und wollen sie keine Abstriche zulassen.

Sie träumen sich eine gesündere Welt, ja, aber sie sind nicht ansatzweise in der Lage, dazu durch eigene Opfer beizutragen. Opfer sind ihnen per se fremd. Und Demut, Verzicht sowie Reduzierung der eigenen Ansprüche haben in der Geschichte noch nie ohne äußere Not die Massen ergriffen. Unvorstellbar, denn Einsicht reicht dazu nicht.

Darin besteht eben die Illusion der Aufklärung, daß der Mensch, zumal als Menschheit, vernünftig wäre. Daher die Suche nach dem Wunder der innovativen Technologien. Aber selbst diese werden Ressourcen ausschöpfen; wenn nicht die bisherigen weitgehend bereits erschöpften, dann eben andere, neu aufgerissene, die noch gewinnträchtig auszubeuten sind.

Der Idealismus, die Bereitschaft zum Opfer, mindestens die Orientierung auf die Kraft durch Askese, auf jeden Fall aber die Selbstbeherrschung in der Haltung des Trotzdem, des Dennoch, das sind vielmehr Wesenszüge des Konservatismus und seiner rechten Flügelposten.

In seinen Grenzen und seiner Beschränktheit kann sich der Mensch, ebenso wie in seiner naturbedingten Schuld, nur einzeln begreifen, niemals als „Weltbürger“, der ohnehin eine weitere utopische und technoide Konstruktion darstellt.

Der Reaktionär wird nie erfolgreich sein und ist zudem der Verunglimpfung durch seine „progressiven“ Zeitgenossen gewiß. Aber er personifiziert den notwendigen Widerstand, der für die Sicherung einer je noch lebbaren Frist notwendig ist. Gewinnen werden letztlich weder die Linken noch die Rechten, denn die einen wie die anderen überwindet das allumfassende Schicksal der Menschheit, von der technisch alles, im Natürlichen aber wenig zu erwarten ist. Ja, die Menschen wagen tiefe Blicke, selbst in All hinein, aber in sich selbst finden sie letztlich den Abgrund, auf den sie zulaufen.

Damit leben zu können, das braucht Stärke, weil es – wie alle tiefe Philosophie – den Tod vor Augen hat. Und genau deswegen läßt sich daraus keine anziehende Weltanschauung generieren, die eine Mehrheit je apart finden könnte.


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Kommentare (38)

Homeland

9. Januar 2020 21:42

Die Endlichkeit des Sein, des Planeten im Generellen, des Menschen damit im Besonderen, als tatsächlichen Rahmen anzuerkennen und also anzunehmen, Realität zu sehen, erscheint doch als grundgesetzliches Prinzip, nicht weil es zweckmäßig ist, sondern unabänderlich.

Der Entgrenzungsversuch des Menschen, gerade der in ihrer Eigenwahrnehmung als Elite beschriebenen Parallelgesellschaft, ist doch damit nicht weniger als die Formulierung einer Utopie in geradezu religiösem Ausmaß.

Der Gegenentwurf, diese Begrenztheit doch gerade anzunehmen, erscheint demnach nicht nur aufrichtig, sondern zwangsläufig richtig. Ich sehe daraus abgeleitet nicht die Aufhebung des Finalen, sondern einen schlussigen, weil rationalen Umgang damit. Und zwar erst einmal und vornehmlich jenseits des allgegenwärtigen Materialismus, dem zugewandt, was wir dabei sind zu verlieren.

Franz Bettinger

9. Januar 2020 22:16

Heino Bosselmann schreibt: "Marxismus ist der Versuch einer materialistischen Weltanschauung mit der Erblast des deutschen Idealismus, der (vor allem in Gestalt von Hegels Geschichtsphilosophie) die Erlösungshoffnung des Christentums weitertrug. Marx fand dafür neue Jünger.“

Bemerkenswert: @H. Bosselmann bestätigt hier die These (von @Laurenz) vom bolschewistischen Christentum, also vom Christentum als Ur-Kommunismus.

Franz Bettinger

9. Januar 2020 22:43

@Bosselmann: großartiger Artikel! Mir lief es stellenweise eiskalt den Rücken runter, zum Beispiel hier (verfranzelt): „So optimistisch begann die Ouvertüre zur Katastrophe des 20. Jahrhunderts, die im 21. ihre Fortsetzung finden wird, weil dem Menschen die Grundannahme, er könnte die in seiner Natur liegenden Probleme technisch lösen, sie in toto aka totalitär regeln, nie mehr auszutreiben sein wird. Immer neue Welt- und Menschen-Beglücker werden immer neues Welt- und Menschen-Elend heraufbeschwören, bis der technische Zugriff auf die ganze Welt eben die ganze Welt erledigt haben wird. … Was uns zu tun bleibt? Nichts. Außer sich der unvermeidlichen Katastrophe unvermeidlich erfolglos entgegen zu stemmen.“ Chapeau!

RMH

10. Januar 2020 07:47

Ergänzend zu dem Artikel, der zur Recht auch auf die "Dialektik der Aufklärung" eingeht, sei auf all das, was unter dem Begriff "Transhumanismus" diskutiert wird, hingewiesen. Ausnahmsweise der Einfachheit halber verlinke ich für alle, die ad hoc nur wenig mit dem Begriff anfangen können, zum ersten Einstieg auf wiki:

https://de.wikipedia.org/wiki/Transhumanismus

Was tatsächlich im 21. Jhdt. im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten neu ist: Die technisch-, wissenschaftlichen Möglichkeiten sind z.T. vorhanden, z.T. kurz vor dem Durchbruch. Nie gab es solche Möglichkeiten, wie heute.

Wenn man frühere Utopien oder Dystopien zum Gesamtthema ansieht, dann finden diese zumeist in Welten statt, bei denen aus irgendeinem Grund es zu einer drastischen Verkleinerung der Menschheit kam und dann sich eine transhumanistische Elite bildete und irgendwo auf der Welt dann noch Zonen der "Wilden" (so u.a. auch bei dem noch nicht so alten Buch "Die Möglichkeit einer Insel" von Michel Houellebecq).

Die Idee, dass die Menschheit sich irgendwie selber zu einem großen Teil auslöscht oder aber durch Katastrophen oder einem Mix aus allem (so bei "Möglichkeiten einer Insel" s.o.) - früher gerne durch den "Atomkrieg", heute eben durch den "Klimawandel" - treibt an und bildet auf politischem Gebiet einen zugkräftigen "Mythos" im Sinne Sorels (Grundlegend: Réflexions sur la violence von G. Sorel).

Der Reaktionär, der Konservative, verfügt über keine oder nur schwache oder aber komplett tabuisierte mobilisierenden Mythen. Außerdem ist er grundsätzlich zu rational und zu nah an der Wirklichkeit (bspw. Ansatz A. Gehlen: Der Mensch als Mängelwesen). Er sollte aber berücksichtigten, dass die lange Zeit, in der das Potential des Menschen rein biologisch begrenzt war, ja fast auf ewig gleich erschein, sich wohl in der Tat dem Ende zu neigt und "Transhumanismus" in den Bereich des Möglichen kommt. Die oben erwähnten technisch- biologisch-genetischen Möglichkeiten (inkl. sog. KI, Cyberspace, "Quantencomputer" etc.) sind aktuell gigantisch und bei 8 Mrd. Menschen wissen wir alle nicht, wo, was evtl. bereits umgesetzt wird, wurde etc. und was, wo in der berühmten "pipeline" ist.

Gotlandfahrer

10. Januar 2020 09:05

"Marxismus ist der Versuch einer materialistischen Weltanschauung mit der schwierigen Erblast des deutschen Idealismus, der, vor allem in der Gestalt von Hegels Geschichtsphilosophie, die Erlösungshoffnung des Christentums „wissenschaftlich“ weitertrug."

Ja, da ist bestimmt was dran. Ich mache mir die Welt einfacher, auf mich wirken die bekannten Feststellungen überzeugend, dass man nicht nur nicht nicht kommunizieren kann, sondern auch nicht ohne Herrschaft / Hierarchie herumgemeinschaften kann. Vermutlich allein schon weil die Dinge, um die es geht (und sei es nur durch Nachahmung) knapp sind. Also entstehen begehrte Plätze, deren Erringung bei Tierrudeln oft lediglich von körperlicher Stärke abhängt, mit steigender „sozialer Komplexität“ aber umso mehr von der Fähigkeit zur gemeinschaftlichen Vorteilsnahe zu Lasten Dritter. Und damit – ich hatte ja behauptet einfacher draufzuschauen – entsteht ein mieses Spiel, das den schlauen Egoisten die Möglichkeit eröffnet, sowohl die dummen Egoisten als auch die dummen Altruisten für sich gegen die schlauen Altruisten zu benutzen, denn der schlaue Egoist braucht sich bei seinem Vorgehen altruistische Aspekte nicht wahrhaftig sondern nur vorgeblich auferlegen.

Der schlaue Egoist ist somit im Vorteil, weswegen soziale Großsysteme zyklisch dazu tendieren, vorgeblich altruistische Zustimmungsgründe zu pervertieren. Und zwar so lange, bis das System aufgrund des maskierten Egoismus nur noch aus ausgehöhlten Altruismus besteht und sich nicht mehr erhalten kann, weil sein Kitt zerbröselt und seine geistigen Allmenden verwahrlosen.

Noch einfacher: Der „Erlösungsanteil“ des Christentums, also der vergebende Gott, ist von den schlauen Egoisten genauso missbrauchbar wie die an sich völlig gerechtfertigen sozialen Fragen industriell geprägter Gemeinschaften, die im Kommunismus ihre extreme Zuspitzung gefunden haben. Beides birgt gedeihliche Impulse solange sie nicht von den schlauen Egoisten zwecks Manipulation beider Dummen-Gruppen verabsolutiert werden, um die schlauen Altruisten aus dem miesen Spiel zu bringen.

Der "anständige", gemeinwohlorientierte Bürger ist immer nur in einer Übergangsphase zwischen Chaos n und Chaos n+1 prägend für das Erscheinungsbild der Gemeinschaft.

Was man dagegen tun kann? Wer sich in der Philosophie verteidigt, ist besiegt (Davilá).

Franz Bettinger

10. Januar 2020 09:13

@RMH. Mein Mythos: Gigantische, selbst mit der heutigen Technik nicht konstruierbare Pyramiden (überall auf der Welt) mit den perfekt ineinander gefügten Stein-Kolossen legen (mir) nahe, dass es in vorgeschichtlicher Zeit eine Hochkultur gegeben haben muss, die der heutigen weit überlegen war. Das nicht spurlose, aber seltsamer Weise geschichtslose und sang- wie klanglose Verschwinden jener hoch entwickelten Zivilisation legt (mir) nahe, dass dies wieder geschehen könnte: mit uns.

Maiordomus

10. Januar 2020 09:48

Was heisst da schon Gegenaufklärung? Mit zum Problem gehört, dass man sowohl mit Linken wie mit Rechten oft kaum verünftig über das Problem des Fortschritts und seiner Nebenfolgen diskutieren kann, weil via die marxistische Engführung des Fortschrittsbegriffs ganze Erdteile zum Beispiel der Hegelschen Philosophie aus dem Blickfeld geraten sind. Wer kennt schon Friedrich Wilhelm Garové, den Vordenker der burschenschaftlichen Bewegung vor 200 Jahren, der über die kritische Reflexion der Französischen Revolution, wie es auch Baader geleistet hat, zu einer durchaus fortschrittsbejahenden Philosophie gelangt ist. Dies gilt generell für die Hegelsche Rechte. Es lohnt sich, über die Fortschrittsperspektiven der Industriegesellschaft nachzudenken, wie es vor 20 Jahren im Prinzip Sloterdijk, obwohl in seinem Gesamtwerk viel Geschwätz absondernd, in seiner zwar umstrittenen "Rede über den Menschenpark" geleistet hat. Es ist bei jetzt 8 Milliarden Menschen zu 99,,99% ausgeschlossen, dass in einer Million Jahren nicht ebenfalls Menschen existieren werden. Wer zum Beispiel ökologisch und naturwissenschaftlich denkt, sollte sich solchen Perspektiven stellen. Nicht dass dies bei der vergessenen Hegelschen Rechten gerade im Vordergrund stünde (ausser dass sie sich optimistisch dem Gedanken der Reformierbarkeit von Staat und Geselschaft stellen), aber die Pespektiven sind doch in einem wohltuenden Gegensatz zu einem von Hegel mit Recht ausgeschlossenen völlig irrationalen Pessimismus. Von Aufklärung kann freilich in einer Gesellschaft kaum die Rede sein, wo man zwar einerseits "masslos informiert" ist (Karl Steinbuch), andererseits von zureichendem Grundwissen selbst bei Eliten, die rechten inbegriffen, nicht sprechen kann. Was übrigens die gegenwärtige Klima-Debatte betrifft, las ich dieser Tage über den britischen "Sonnenforscher" M. Lockwood die Perspektive, dass im Vergleich zum CO2-Ausstoss immerhin von "einem leicht kühlenden Einfluss der Sonne auf das Erdklima" ausgegangen werden könne. Erinnert mich etwas an den Trump-Witz über die Landung eines amerikanischen Astronauten-Teams auf der Sonne gegen Ende der 2. Amtseit des Präsidenten. Auf die Frage, ob es auf der Sonne für dieses Unternehmen nicht etwas zu heiss sein könne, soll Donald Trump geantwortet haben.: "Wir denken selbstverständlich an alles. Darum wird die Landung auf der Sonne nachts erfolgen!"

Es gibt keinen Grund, am Glauben an die menschliche Vollkommenheit zu verweifeln! Bei der Hegelschen Rechten, zu welcher man im Zusammenhang mit der Gegenwartsphilosophie allenfalls den nunmehr 93jährigen Hermann Lübbe rechnen kann, setzt man sich im Prinzip mit den Steuerungsfragen des Fortschritts auseinander, ohne jedoch sich über die rein menschlichen Leistungsmöglichkeiten in dieser Hinsicht Illusionen zu machen. Das menschliche Dasein, das Individuum, bleibt, zumal nach Hegel, absolut kontingent in seinem Dasein. Dies bedeutet u.a., dass der Mensch Religion braucht. Was freilich noch längst keine finale Rechtfertigung der gegenwärtigen Weltreligionen zu sein braucht. Wie früher schon mal hier angemerkt, werden diese in einer Million Jahren wohl kaum mehr in ihrer jetzigen Erscheinungsform erkennbar sein.

Die Hegelsche Rechte

Texte aus den Werken von F. W. Carové, J. E. Erdmann, K. Fischer, E. Gans, F. F. W. Hinrichs, C. I. Michelet, H. B. Oppenheim, K. Rosenkranz und C. Rössler.
Ausgewählt und eingeleitet von Hermann Lübbe.
Texte aus den Werken von Friedrich Wilhelm Carové, Johann Eduard Erdmann, Kuno Fischer, Eduard Gans, Hermann Friedrich Wilhelm Hinrichs, Karl Ludwig Michelet, Heinrich Bernhard Oppenheim, Karl Rosenkranz und Constantin Rössler.
Umschlagfoto
1962
300 S., 17,8 x 21,5 cm.
Leinen
Deutsch
ISBN 978-3-7728-0196-9
Lieferbar
Einzelpreis:
€ 74,–
Schlagwörter
Philosophie
Politikwissenschaft
Geschichtswissenschaft

Diese repräsentative Auswahl widerlegt das gängige Vorurteil vom reaktionären Charakter der Hegelschen Rechten. Ihre Vertreter bekennen sich im Geiste Hegels zu einem evolutionären Liberalismus. Auch nach 1848 üben sie Kritik an Staat und Gesellschaft ihrer Zeit.
Inhalt:

Einleitung von Hermann Lübbe

Kuno Fischer: Geschichte der Philosophie als Wissenschaft

Karl Rosenkranz: Hegel

Eduard Gans: (Aus:) Vorlesungen über die Geschichte der letzten fünfzig Jahre

Friedrich Wilhelm Carové: (Aus:) Rückblick auf die Ursachen der Französischen Revolution

Karl Rosenkranz: Kurzer Begriff der öffentlichen Meinung

K. Rosenkranz: Über den Begriff der politischen Partei

Hermann Firedrich Wilhelm Hinrichs: (Aus:) Politische Vorlesungen

K. Rosenkranz: Die Bedeutung der gegenwärtigen Revolution und die daraus entspringende Aufgabe der Abgeordneten

K. Rosenkranz: Die organische Gestaltung der Einheit Deutschlands

K. Rosenkranz: Republik und constitutionelle Monarchie

Carl Ludwig Michelet: (Aus:) Zur Verfassungsfrage

Heinrich Bernhard Oppenheim: Philosophie des Rechts und der Gesellschaft

Heinrich Bernhard Oppenheim: Über politische und staatsbürgerliche Pflichterfüllung

Johann Eduard Erdmann: (Aus:) Philosophische Vorlesungen über den Staat

Constantin Rössler: (Aus:) System der Staatslehre

quarz

10. Januar 2020 10:49

@Bettinger

"Christentum als Ur-Kommunismus."

Eine solche Auffassung ist mit dem Umstand unvereinbar, dass das Christentum (im Gegensatz zum Islam) nicht als politisches Projekt angelegt ist, sondern dass des Stifters Reich bekanntlich "nicht von dieser Welt" ist und er deshalb empfiehlt, dem Kaiser zu geben, das des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. Mit einer solchen Abtrennung des Telos von der politischen Sphäre könnte sich kein Kommunist abfinden.

zeitschnur

10. Januar 2020 10:49

@ Franz Bettinger

Sie haben überlesen im Zitat Bosselmanns, dass er von einer "wissenschaftlichen" Form sprach, in der christliche Erlösungshoffnung durch Marx weitergetragen wird, die noch dazu vorher durch die Verengungen Hegels "entmystifiziert" worden ist (letzteres meine Worte).

Das bestätigt natürlich nicht @ Laurenz Fixierung auf eine christliche Schuld am Marxismus.

Vielleicht nehmen wir als "Ewiggestrige" zur Kenntnis, dass es auf dieser Welt nichts, aber auch gar nichts gibt, das aus sich selbst heraus geboren wird (im Himmel vielleicht schon). Nicht zuletzt ist auch alles Reaktionäre aus einer bestimmten geistigen Entwicklung des Christentums geboren worden. Und wer hat nun das "Christentum" dabei besser "fortgeführt". Oder anders: Führt er es überhaupt fort oder nutzt er Elemente daraus wie die Bauern früher alte Burgen wie Steinbrüche ansahen und sich herausnahmen, was in ihre neuen Häuser und Schweineställe so passte?
Merkwürdig nur auch, dass diese beiden Kinder des Christentums sich bis aufs Blut hassen...

zeitschnur

10. Januar 2020 11:27

@ Bosselmann

Wenn man das Christentum auf einer äußeren Ebene auffasst - und das tun wohl die allermeisten sowohl Nichtchristen als auch Christen - dann mag man eine "Erlösungshoffnung" darin sehen, die nach Realisation im Hier und Jetzt, eben diesem Äußeren schreit.
Nun ist aber das "aion", das Hier und Jetzt, immer nur und zwangsläufig das Äußere.
Wer allerdings die tradierten, ewiggestrigen Werke tieferer Denker und hier an dem Punkt interessanterweise trotz aller Unterdrückungsversuche eben auch seit Jahrhunderten Denkerinnen liest, entdeckt, dass christlicher Glaube kein Tangramspiel ist, an dem man so lange herumschiebt, bis die ideale Figur endlich erreicht ist und dabei die vorherigen Versuche jeweils gnadenlos zusammendeppert.

Das Christliche ist etwas zutiefst Verborgenes. "Euer Vater im Himmel ist verborgen", sagt Jesus einmal. Der Betende soll deshalb auch im Verborgenen beten. Wer die NT-Briefe aufmerksam daraufhin liest, entdeckt, dass sie in diesem "aion" zur Geduld mahnen, ihm eben noch seine Zeit geben, denn es wird eine andere Zeit kommen, die von vielen als "Ewigkeit" bezeichnet wird (ob es das trifft, weiß ich ehrlich gesagt nicht so recht... auf jeden Fall wird es ein neues aion sein). Diese Zeit hier ist noch Gnandefrist, nicht um die Welt umzustürzen, sondern möglichst viele Menschen mit hineinzunehmen in dieses Innere, das das wahre „Königreich Gottes“ ist, schon begonnen hat und nach einem klaren Ende des aions in anderer Weise manifest werden wird.
Was immer in diesem aion angestellt wird, es wird eines nicht vermögen: aus diesem äußerlichen aion in ein nächstes äußerliches überzugehen.
Die Differenz zwischen Marxismus, seinen Vorläufern im Christentum und ursprünglicher Erlösungshoffnung liegt zwischen äußerer und verborgener, innerer Realisation.

Der "Novus ordo seclorum" auf dem Dollarschein will ja eben nicht diese alte christliche Ordnung der Zeitalter verwirklichen, sondern hier wollen Machtbesessene diese Zeitalterordnung ändern und selbst eine erfinden und durchziehen und erproben eine Utopie nach der andern mit verheerenden Folgen, gegen die die Exzesse der Kirche, die teilweise ähnliche Impulse innehatten, in wenigen Jahrzehnten um Jahrhunderte getoppt haben.
Die, die heute agieren - eine Seilschaft aus Kirche und Monopolkapitalisten, die auch den Kommunismus erfinden ließen und finanzieren (wer es nicht glaubt möge sich alleine schon mal mit den Netzwerken, in denen Marx war, befassen!) - werden die Jahrzehnte des 20. Jh uU um Jahre toppen. Wir rollen abwärts, und es geht immer schneller. Die Route aber wurde oben an der Abfahrtsrampe schon lange festgelegt.

Dabei werden nun, im 20. Jh schon spürbar, auch die leiblichen und bis dato scheinbar unverrückkbaren Gesetze aus den Angeln gehoben, weil man technisch viel erreichen konnte.

Christliche Auferstehungshoffnung dagegen bezieht den ganzen Menschen ein, auch ganz zentral den Leib. Sie setzt nicht auf das „Entweder-du-oder-Ich“ der Materialisten.
Sie verändern derzeit die Völker und die Geschlechter deswegen so massiv, weil sie etwas nach eigener Schöpfung "auferwecken" wollen für ihr neues aion, das sie selbst dem Ende des alten aions, das sie vor Augen haben, entgegensetzen wollen. Das aion hier soll ewig weitergehen, indem man aus ihm alles herauskitzelt, was an Möglichkeiten schlummert oder zu schlummern scheint, und wenn man dabei, ganz faustisch, einen Pakt mit dem Teufel machen musste.
Sie wollen die Menschheit nicht auslöschen, sondern auferwecken. Dafür riskieren sie den Massentod und erproben ihn seit dem 20. Jh. Nicht nur Auschwitz ist ein solches Experiment, sondern auch Dresden, Hiroshima, der Vietnamkrieg, die Nahostkriege und die Finanzierung aller Guerillakriege und geistigen Entzweiungen. Vielleicht auch künstlich erzeugte Naturkatastrophen wie der große Tsunami — wer weiß, was sie da getan haben, jedenfalls können Erd- und Seebeben, wie wir wissen, auch provoziert werden. Vielleicht auch die gigantischen „Waldbrände“, die man sich nicht wirklich erklären kann. Es soll alles kaputt gehen, damit man auf den Trümmern ein neues aion im alten erschaffen kann: ordo ab chao.

Unsere christlichen Denker aber, die nicht ein äußerliches Christentum gedacht und gepredigt haben, haben herausgeschält aus den knappen Sätzen des NT, auch schon des AT, dass die Erlösung bereits "inwendig in uns" wirksam ist, dass das neue aion dem alten vollständig entzogen ist, und das Ende des alten aions in Geduld erwartet. Gott wird alles neu machen. Wir sind hier einerseits Empfänger, aber weil wir erlöst sind, werden wir mit ihm wirken können.
Dazu gehört aber unweigerlich, das Ende des aions kommen zu lassen, ohne vorher schon zu wissen, wie es danach weitergehen wird, wenn man andere geistleibliche Gestalt haben wird.
Die Kräfte, die den novus ordo seclorum wollen, wollen in diesem Leib und auf dieser Reifestufe ewig weitermachen. Sie ähneln den Leuten, die ewig jung bleiben wollen und sich der notwendigen Reife verweigern. Solche Menschen sind natürlich wie Dynamit, wirklich gefährlich.
Es wird ihnen aber dennoch nicht gelingen, was sie vorhaben. Sie haben keine Chance, auch wenn es jetzt noch anders erscheint.

Pit

10. Januar 2020 12:42

Halte die ganze Diskussion, den ganzen Denkansatz für verfehlt. Reine Scheindiskussion. Die Natur überwinden, eh? NIEMAND will diesen Sch*** ! Wer will denn... künstlich erzeugte Babies? Mensch - Roboter - Verschmelzungen? Weltraumsiedlungen? Usw... : niemand will so leben! Die Leute wollen menschliche Interaktion, Austausch, Wärme, sie wollen Natur, grün, Harmonie. Z.B. dieser ganze gender-homo usw Kram: ja warum denn nur geht die Rechte diesem BS auf den Leim? Es gibt doch NIEMANDEN, der sich für diesen Quatsch interessiert ! Wem, bitte schön, macht es denn z.B. Spaß, schwul zu sein? Mal Arme hoch. Schwul ist also... eine "Versuchung"? Ja für wen denn eigentlich? Warum ist das ein Riesenproblem für die Rechten? Wer ist denn, weiterhin, z.B. trans? Wo sind sie denn? Oh wow volle 0.073 % aller Menschen ooh ja das muß das Zentralthema des Widerstands sein! Mann Mann...

Laurenz

10. Januar 2020 12:57

Der Artikel spricht mir (weitgehend) aus dem Herzen.

Der Fluß der Geschichte bestimmt unser Leben.

Daß von mir gern zitierte Kriegsgerichtsurteil und sein Vollzug gegen Admiral John Byng, 1757, bestimmte bis zum 2. Weltkrieg das Verhalten britischer Seeoffiziere, und begründete damit die faschistoide britische Weltherrschaft. 

Quasi jeden Tag werden wir mit der Haßliebe der Deutschen Linken zu Adolf Hitler in den Medien verfolgt, die ihn ständig aus dem Reich des Bösen wieder zum Leben erweckt. Die Linke ist (durch Polarisierung und Ausgrenzung Ungläubiger) ursächlich verantwortlich für "die Gefahr von Rechts". Ohne den Marxismus hätte es Adolf Hitler und Benito Mussolini nie gegeben. Und deswegen haben wir nun, fast unerkannt, Xi Jiping.

Das waren nur 2 kleine Beispiele, wie Geschichte definitiv unser Leben bestimmt.

In der Technik-Frage kann man geteilter Meinung sein. Man kann Technik weder essen noch anziehen und die Technik sorgte für eine unkontrollierte Bevölkerungs-Explosion, die als Thema selbst immer noch einem Tabu unterliegt. Weder CO2 noch Autos sind an sich ein Problem, nur die Zahl der Menschen auf dem Planeten ist es. Da wir aber, wie die Redaktion KenFM Angela Merkel zitiert, dem politischen Primat unterliegen, und Politiker gerne über immer mehr Menschen herrschen wollen, ist dies nie ein Thema. Fast nur China ist politisch in der Lage, tatsächlich seine Bevölkerungszahl zu regelulieren.

Grobschlosser

10. Januar 2020 13:51

gegen den neostalinistischen Gutmenschen helfen keine frommen Worte .

wir haben 1989 den Bolschewismus nicht nachhaltig beseitigt - das rächt sich jetzt .

Utz

10. Januar 2020 14:49

>> Die Forderung nach „Klimaschutz“ und Emissionsreduzierung, wie sie von den „Kiddies“ der Fridays-for-Future-Bewegung unterm Beifall der Altlinken so vermeintlich liebenswert vertreten wird, erscheint unfreiwillig tragikomisch, weil weder diese Instagram- und Spotify-Kinder noch deren Biomarkt-Eltern in der Lage sein werden, ihren Hedonismus zu revidieren. <<

Es geht ja auch nicht darum den EIGENEN Hedonismus zu revidieren. Das wäre zu schwierig, da haben Sie recht. Aber es muß ja revidiert werden. Wie gut, daß es schon Schuldige gibt - wozu war sonst der ganze Kampf gegen rechts da? - und da muß es nur noch ein technisches System geben, so ähnlich wie das chinesische Social-credit-System, mit dem man unterscheiden kann, damit die Einschränkungen die "richtigen" treffen.

Maiordomus

10. Januar 2020 15:34

Um nicht missverstanden zu werden: "Es gibt keinen Grund, am Glauben an die menschliche U n v o l l k o m m e n h e i t zu verzweifeln."

sokrates399

10. Januar 2020 21:02

Ein fulminanter Artikel. Aber vielleicht sollte man begrifflich eher von der „Moderne“ sprechen, von der die „Aufklärung“ ein Teilphänomen ist, und ich möchte, so fragmentarisch dies in diesem Medium möglich ist, den Zusammenhang zwischen dieser und einem technologischen Totalitarismus noch etwas herausarbeiten.
Das Automatische entzieht sich in seiner Unkontrollierbarkeit immer mehr dem Subjekt. So geht zwar der Kunstzeuger He für eine lächerliche Frist ins Gefängnis, doch die Experimente zum Supramenschen bzw. Transhumanen gehen natürlich überall weiter. Zu diesem Problemkreis weise ich auf einen Artikel in TUMULT (Winter 17/18) von Bettina Gruber hin, in dem gezeigt wird, daß die Transhumanisten nicht nur die Aufgabe der Aufteilung der Welt in Mann und Frau fordern, weil es „genau so viele sexuelle Identitäten gebe, wie es Menschen gibt“, sondern jedem das Recht gegeben werden müsse, frei, zeitweilig oder permanent, seine „Identität“ zu wechseln. Hieraus folgt die völlige Montierbarkeit des Individuums, die Beliebigkeit einer nicht mehr vorhandenen Identität, im Prinzip seine Auslöschung in einer nicht mehr aufgreifbaren oder begreifbaren Mischung eines Pseudowesens. Da solche „Entitäten“ nicht nur mit Beliebigem und der Maschine verschmelzen sollen, wird die Dystopie des Maschinenmenschen Realität.
Zum weiteren ist es ein Prinzip der Moderne, daß, je mehr die Mechanisierung der Arbeit dem Automatismus zustrebt, auch das „Denken immer hinauslaufen muß auf ein willenloses Funktionieren“, wie F.G. Jünger in „Die Perfektion der Technik“ schon vor fast 80 Jahren feststellte. Über Bosselmanns These hinaus, daß die Aufklärung den Mythos verbreitet hatte, der Mensch sei vernünftig, sehe ich die Hauptaporie der Moderne, wie wir seit Heidegger wissen, auch darin, daß sie seit ihrer Geburt die Vollendung der Vernunftgeschichte propagierte, den Mensch zum Maß aller Dinge machte, der eine seinsunabhängige Position seiner selbst konstruiert und so die Maßlosigkeit seiner sich selbst überschätzenden Macht schuf. All dies sind natürlich nur Skizzen, und der Meister aus Meßkirch hat dies eloquenter ausgeführt: „In allen Bereichen des Daseins wird der Mensch immer enger umstellt von den Kräften der technischen Apparaturen und der Automaten. Die Mächte, die den Menschen überall und stündlich in irgendeiner Gestalt von technischen Anlagen und Einrichtungen beanspruchen, fesseln, fortziehen und bedrängen - diese Mächte sind längst über den Willen und die Entscheidungsfähigkeit des Menschen hinausgewachsen, weil sie nicht vom Menschen gemacht sind“ (Gelassenheit).

Welche Lösung gibt es? Ich verstehe Bosselmann so, daß er keine anbieten kann außer der Personifizierung eines Widerstands durch die Gestalt des „Reaktionärs“. Und ebenso natürlich kann ich ihm keinen Vorwurf für die Ratlosigkeit des Artikels machen, denn ich habe ebenso keine Lösung. Der „Reaktionär“ ist ja die Figur, die man gemeinhin mit Gómez Dávila verbindet; möglicherweise hat Bosselmann ihn auch im Sinne. Der einsame Kolumbianer wußte natürlich auch, daß er nicht gewinnen würde. Aber seine Worte sind immer wieder Refugium und Konsolation, so hilflos einer meiner Lieblingssätze von ihm auch klingen mag: „Wir müssen mit jeder x–beliebigen Waffe aus jedem x–beliebigen Gestrüpp auf jede x–beliebige moderne Idee schießen, die allein auf dem Wege vorrückt.“ Zwar wird der Fortschrittler, um Dávila zu paraphrasieren, immer triumphieren, aber der Reaktionär wird recht behalten, weil er die Leichen des fünften Aktes voraussagt. „Reaktion“ ist das aktive Entgegenwirken zum Fortschritt.

Andreas Walter

10. Januar 2020 21:15

Ja, es ist derzeit viel in Bewegung. Überall auf der Welt. Die ruhigen Zeiten sind glaube ich erstmal vorbei:

https://de.sputniknews.com/politik/20200110326322596-warschau-sowjetunion-beginn-zweiten-weltkriegs-verantwortlich-moskau-reagiert/

Hat mit dem Aufstieg auch Chinas etwas zu tun, den die VSA zwar auch versuchen aufzuhalten, mit wirklich allen Mitteln, es aber alleine nicht mehr schaffen. Leider haben die Polen das aber auch noch nicht begriffen, dass sie gerade auf's falsche Pferd setzen. Es gibt heute freigegebene Papiere des CIA aus denen hervorgeht, dass die VSA sogar (West-)Deutschland im Stich gelassen hätten, im Kalten Krieg, im Notfall. Die Amis haben daher immer nur eine grosse Schnauze, solange sie ihre technische Überlegenheit ausspielen können. Wo das aber nicht greift oder nicht mehr greift sind sie hoffnungslos überfordert. Es ist wirklich bitter, das auch Deutschland darum so extrem ungünstig liegt, zumindest militärisch betrachtet. Heute so schutzlos wie noch nie zuvor seit 1871, gemessen an den Möglichkeiten.

Fredy

11. Januar 2020 01:05

Bin ich der Einzige, der mit dem ganzen Zeug nichts mehr anfangen kann? Es ist alles gesagt, alles gelesen, alles verstanden, alles "geteilt". Es muss doch irgendwann Schluss sein, oder anders. Aber stattdessen immer wieder gleiche Leiern. Ich will das alles nicht mehr. Nur noch etwas leben, nicht für mich, aber für ein paar wenige, die es verdienen. Aber ich bin bereit, und hänge an nichts. An was könnte man auch schon hängen Früher war selbst der Dreck sauberer.

micfra

11. Januar 2020 01:50

Wir müssen wieder zu einer agonalen Sicht unserer Existenz finden. Zu einer Sicht, die uns beides sehen lässt: die Geburt, die das Leben lebenswert macht, und den Tod, der uns vor der Hybris bewahrt - nd übrigens auch vor dem taedium, dem lebensverengenden Überdruss.

Armin Mohler

micfra

11. Januar 2020 03:12

Die Erlösung, die im neuen Testament versprochen wird, erfolgt nur durch Jesus und kann nicht vom Menschen oder durch den Menschen vollzogen oder erreicht werden. Es ist nicht das Paradies auf Erden, das versprochen wird. Das letztere ist eine menschliche Idee, die in verschiedenen Formen immer wieder auftaucht und nicht erst seit Marx.

Maiordomus

11. Januar 2020 09:52

@sokrates399. Ihr Pseudonym, das Hinrichtungsjahr des Weisen vor Christus markierend, gefällt mir. Der Typus des Reaktionärs wurde meines Erachtens zum Beispiel von Joseph de Maistre, geboren in der Rousseau-Stadt Chambèry, fast ein für allemal geprägt, wobei sein Vorgänger, Edmund Burke, Member of the British Parliament, der Erfinder des antirevolutionären Liberal-Konservatismus, noch stärker die unfreiwillig progressiven, d.h. denkerisch weiterführenden Seiten dieses Typus verkörperte. Dabei gehörte de Maistre ebenso gut zu den Wissenschaftspionieren wie Burke (letzterer u.a. auch ein hochinteressanter Repräsentant der Geschichte der Ästhethik), weil er zu den Mitbegründern des Faches Soziologie gezählt wird, so wie Burke nach dem Österreicher Friedrich Gentz "ein revolutionäres Buch gegen die (französische) Revolution" geschrieben hat, als Dialektiker der damaligen Aufklärung. Mit zum Typus des Reaktionärs gehört der Spanier Juan Donoso Cortez mit seiner erzreaktionären Doppelung "Diktatur der Regierung gegen Diktatur der Empörung", also die klassisch altkonservative Wahl des geringeren Übels. Cortez war natürlich für die Diktatur der Regierung, weswegen er Einfluss gewann etwa auf das Staatsdenken beim Österreicher Metternich.

Dass der Reaktionär "die Leichen des 5. Aktes" richtig vorauszusagen weiss (auch er selber kann zu ihnen gehören). scheint mir eine äusserst geistvolle Aussagen von Ihnen zu sein. Es wurde hier schon mal erwähnt, dass in der Schweiz vor bald 80 Jahren die Gegner der staatlich garantierten Altersrente den Tod der meisten Alten in Heimen und anderen Institutionen voraussagte, so wie die Frauenstimmrechtsgegner die Freigabe der Abtreibung und schon 1838 Eisenbahngegner Nikolaus Lenau die Fällung der heiligen Eichen, 1855 Eisenbahngegner Philipp Saxer im Kanton Aargau Bordellwirtschaften neben Bahnhöfen, was im Fall der von ihm bekämpften Bahnstation 110 Jahre nach seiner Voraussage denn auch propmpt zutraf. Der "Prophet hört den Katarakt aus der Ferne", ist schliesslich eine Formel für das Verständnis des zum religiös konservativen Gewendeten einst revolutionären Autors Clemens Brentano sich als zutreffend erwies.

Es bleibt nun aber dabei, dass wir uns verstärkt mit der Fortschrittsgeschichte befassen sollten. Zu den bedeutendsten und erfolgreichsten deutschen Autoren, welche ihr Leben einem konstruktiv gestalteten Fortschritt gewidmet haben, gehört der Magdeburger Johann Daniel Heinrich Zschokke (1771 - 1848), nachmaliger Schweizer Bürger, dessen 250. Geburtstag in gut einem Jahr in der Schweiz gross gefeiert werden wird. Sein zusammen mit dem Arzt und Philosophen Ignaz Paul Vital Troxler (Schelling-Schüler) ins Leben gerufener "Lehrverein" war sogar so etwas wie eine private Universität, heute schon deshalb undenkbar, weil faktisch alle Dozenten unentgeltlich unterrichteten. Das Durchscnnittsniveau war aber klar höher als heute an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten.

Zschokke hat wie die wenigsten Repräsentanten in der Geschichte des Liberalismus gezeigt, auf welche Weise über den Gedanken der meist nichtstaatlichen oder vorstaatlichen Eigeninitiative der Fortschritt konstruktiv und mit eher geringen negativen Nebenfolgen noch "gestaltet" werden kann. Insofern gehört gerade Zschokke, dessen Villa Blumenhalde in Aarau den Wohnstätten Schillers und Goethes in Weimar nachgebildet ist, ins erweitere Umfeld der von mir oben skizzierten Hegelschen Rechten. In Aarau haben sich die Schweizer Leserinnen und Leser von Sezession auch schon mal bewusst unspektakulär und diskret zu geistigem Austausch getroffen.

PS. In der Neuen Zürcher Zeitung von heute lesen wir von einer Quasi-Rehabilitierung von Mussolini in Russland, dessen Faschismsus eigentlich erst durch die Verbindung mit Hitler sich negativ gewendet habe. Es scheint so, dass Putin, als aussenpolitischer Denker nicht in allem das Gegenteil von Metternich, innenpolitisch noch viel weniger, seinerseits von der Theorie des Reaktionärs Juan Donoso Cortez mitgeprägt scheint, zumal was die für Russen und Chinesen nahe liegende Alternative "Diktatur der Regierung contra Diktatur der Empörung" betrifft. Aus der Sicht eines Sympathisanten der Hegelschen Rechten, mitgeprägt von den konservativen, liberalen und demokratischen europäischen und schweizerischen Traditionen, bleibt dies allerdings - über alles gesehen - eine falsche Alternative.

PS 2: In der Neuen Zürcher Zeitung von heute finden Sie einen äusserst bemerkenswerten, brillant formulierten Artikel des Philosophen und promovierten Physikers Dr. Eduard Kaeser über den "Phänotyp der Stunde", nämlich "die moralische Rampensau". Es geht um den Typus des "penetrant missionierenden Levitenlesers oft privilegierter Herkunft, die uns mit ihrem zur Schau gestellten Gewissen vorrechnen, wie viele Tonnen Kohlendioxys wir täglich verpuffen und wie viele unterbezahlte, unterdrückte, unterernährte Kinder in eine Jeans investiert würden....". Diese "Tugendsignalisierer" zeichnen sich gemäss der Phänomenologie des "moral grandstandings" nach amerikanisch-demokratischem Vorbild wie folgt aus:
1. Dick auftragen (was schon im Trend ist, hypermoralisierend verstärken)
2. Härtere Konsequenzen fordern
3. Anklagen fabrizieren
4. Sich exzessiv empören
5. Selbstgerecht urteilen

Selbst wenn man das alles schon längst kennt und zumal in der Bundesrepublik, die im Artikel nicht ausdrücklich genannt zu werden brauchte, längst Standard ist: der Artikel war und ist derart brillant und in gewissem Sinn überparteilich formuliert, wie er auf diesem Niveau eigentlich bei SiN wohl noch nie anzutreffen war. Soweit Autoren, z.B. Kurt Baier, Justin Tosi und Brandon Warmke zitiert werden, oder Klassiker wie Rousseau, hält sich Kaeser strikt an den Grundsatz, nie ein Buch zu zitieren, das man nicht ganz genau und kritisch gelesen hat. Hier kann der Durchschnitt der Feuilletonisten von links oder liberal Mainstream oder rechts/links Alternativ in der Regel schlicht nicht mithalten. Dass der Anthropologe Rousseau mit genauer Angabe seiner Abhandlung von 1755 mit den exakten Grundbegriffen ("amour de soi", "amour propre") sauber und jenseits von Identifikation und läppischer Distanzierung zitiert wird, setzt ebenfalls Massstäbe. Wollte man, und das ist mit eine Pointe an die Adresse von @Herrn Bosselmann, ein "Lexikon der Reaktionäre" (in seinem Sinn) erstellen, gehörte Rousseau unbedingt auch dazu.

Maiordomus

11. Januar 2020 10:03

@micfra. Wenngleich Bekenntnisse wie die Ihrigen zumal in dieser Kolonne wohl nur Gleichgesinnte überzeugen werden, plädiere ich für die Akzeptabilität Ihrer Aussage.

Sowohl bei den sich noch "christlich" nennenden Parteien (die in der Schweiz will sich immerhin umbenennen) als auch bei den Kirchen neigt man dazu, sich wegen der Schnittmenge mit dem Mainstream-Zeitgeist auf sogenannte "christliche Werte" zu besinnen, wobei dann freilich etwa der Inhalt der Bergpredigt natürlich nicht in den Bischofspalast verlegt, sondern an den Staat delegiert wird.

Dem ist sinngemäss die auf Kierkegaard beruhende These von Karl Barth und anderen entgegenzuhalten, dass es weder "christliche Werte" noch "christliche Politik" gibt, "Jesus Christus allein" ist der existentielle Massstab. Papst Johannes Paul II. brachte dies auf die Formel "totus tuus", was freilich selbst und zumal bei einem Papst schneller gesagt als getan scheint und auch ist. Die "Situation der Gleichförmigkeit mit Jesus Christus" ist indes Bestandteil von Kierkegaards Existenz-Theologie und kann kaum auf ein politisches Programm umformuliert werden. Im Sinn von Sokrates weiss freilich der Christ noch am ehesten, was er wohl nicht tun bzw. nicht verantworten kann als dass er wüsste, was politisch positiv das Richtige sei.

Vox

11. Januar 2020 10:26

Zu den "Ewiggestrigen" zähle ich Sozialisten aller Art. Ob die Vorteile haben?

Laurenz

11. Januar 2020 11:45

@micfra .... falsch, Odin und Freya wählen hälftig diejenigen aus, die nach Walhalla einfahren. Das Gros geht strohtot nach Hel, und manche gehen in den Orkus des Universums, Wergelmir, das absolute nichts, weder Zeit noch Raum.

Monika

11. Januar 2020 13:41

@ Fredy
Nein, Sie sind nicht der Einzige, der mit dem ganzen Zeug nichts mehr anfangen kann !!!
Vielleicht ist das aber eine Altersfrage ?
Auf meinem Nachttisch liegen nur noch zwei Bücher:
1. Seneca , Von der Kürze des Lebens
2. Ernst Wiechert, Das einfache Leben
Das reicht.
„Leben, für ein paar wenige, die es verdienen“
Ja, das ist eine kluge Einstellung.
Die Welt können wir eh nicht retten.

Gracchus

11. Januar 2020 16:17

@sokrates399 zeigt mir, was mich an der reaktionären Haltung stört. "Ich habe recht, der Mensch ist schlecht" befriedigt doch auf Dauer nicht wirklich. Und Dávila? Trotz vieler Perlen: Aphoristische Fliessbandproduktion!

Adorno: unterm Strich eher uncool, wie in den 90ern oder Schnullerjahren, als die Linke sich dem Hedonismus ergab, irgendein SZ-Redakteur schrieb - was ich mir nur deshalb gemerkt hab, weil's Harald Schmidt in seiner Sendung zitiert hat. "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", hatte Schmidt seinerzeit auch zitiert, aber falsch. Woher nimmt Adorno seinen Massstab? Ich glaube bei Teddie: Aus dem verlorenen Paradies seiner mütterlich wohlbehüteten Kindheit. Woher aber Bosselmanns Reaktionär? Aus einer imaginierten Vergangenheit? Für den Reaktionär gilt dann wohl: "Nichts Neues unter Sonne!"

Wenn aber mit dem Christentum wirklich etwas Neues angebrochen ist, ist eine solche Haltung verfehlt. @zeitschnur sieht dies richtig (wenn ich sie richtig verstehe): Das Christentum ist etwas zutiefst Verborgenes. Etwas Unbekanntes. Ich hatte jahrelang damit nichts am Hut, las dann irgendwann - quasi unbeleckt (was ich in Kirche und Religionsunterricht darüber einst gehört hatte, war nur noch schemenhaft vorhanden) - die Evangelien und war erstaunt: so frisch, so gegenwärtig wie am ersten Tag. Mit dem, was ich davon im Kopf hatte, war das überhaupt nicht in Verbindung zu bringen. Das Gefühl: Da ist wirklich etwas Neues angebrochen - was es immer wieder neu zu begreifen gilt.

Nemesis

11. Januar 2020 16:37

Ein guter, weil ehrlicher Text.

„Ja, die Menschen wagen tiefe Blicke, selbst ins All hinein, aber in sich selbst finden sie letztlich den Abgrund, auf den sie zulaufen.“

Letzteres dürfte wohl Grund für Ersteres sein.
Denn der mögliche Blick in den Abgrund - das ist: der Tod - mobilisiert in seiner Wirkmächtigkeit sämtliche Eskapismen, diesem Blick möglichst lange auszuweichen zu können. Techne ist ihrem Ursprung nach nichts anderes, als der Versuch, diesem Abgrund – zumindest temporär – entgehen zu wollen.

Schräg ist Technik nicht an sich. Erst unser Umgang mit ihr macht diese Schrägheit. Es werden ihr Heilsversprechen einbeschrieben, die sie so nicht erfüllen kann.

Denn: Die Letztgültigkeit des Abgrundes ist gesetzt.

Und letztlich:
Wer keinen Frieden mit seiner Endlichkeit gemacht hat, braucht mir mit keiner noch so hehren Technik – weder einer Technologischen noch einer Sozialen - für die Menschheit daherzukommen. Es ist dies - in meinen Augen - der untaugliche Versuch, seiner eigenen Angst vor diesem Blick in den Abgrund entgehen zu wollen. Sei es nun bewußt - als Manipulationstechnik - oder unbewußt - als Ideologie.
Und Bisher das hat noch jedes mal in der Katastrophe geendet.

„Man muß im Gestern leben können, um für das Morgen gerüstet zu sein. »Ewiggestrige« haben vielleicht doch Vorteile.“

Ich würde den Satz umschreiben:
„Man muß auch im Gestern leben können, um für das Morgen gerüstet zu sein. »Ewiggestrige« haben vielleicht doch auch Vorteile .“

Manchmal ist es notwendig stehenzubleiben.
Manchmal zurückzugehen.
Manchmal vorwärtszugehen.

Und der richtige Zeitpunkt, das jeweils Richtige zu tun.

Laurenz

11. Januar 2020 21:50

@quarz @Bettinger ..... Ihre These, das Christentum sei kein politisches Projekt gewesen, ist nicht haltbar. Abrahamitische Religionen, auch das Christentum, sind vordergründig politische Projekte, der Glaube ist sekundär, und dient rein der Erringung von Gefolgschaft der pauperes spiritu. Das ist bis heute nicht anders.
Jesus hatte nie vorm eine Welt-Religion zu gründen. Aus Sicht des Imperiums war er das geistige Oberhaupt (so eine Art Osama bin Laden) einer terroristischen Vereinigung und brach den Pax Romana im Tempel. Er proklamierte, wie später Marx auch, sich für die Belange der Armen und Mittellosen einsetzen zu wollen, was er aber, wie die Marxisten auch, nie bewies, er ging als Agitator ja nicht arbeiten, sondern lebte auf Kosten der Armen. Er polterte gegen das hebräische Establishment, welches mit dem Imperium kollaborierte, etwas, was wir in der Geschichte des Christentums, den Franziskanern, oder bei Eco wiederfinden, alles Politik. Im Westen nichts Neues. Aus jüdisch/hebräischer Sicht, war er eher ein Konservativer und verlangte die Einhaltung der hebräischen Gesetze. Daß er wider dem mosaischen Rassismus umliegende Völker als gleichwertig erachtete, ist aus der politisch militärischen Lage heraus zu bewerten. Die Zeloten waren alleine nicht in der Lage gegen die Römer anzukommen, alle Aufstände wurden, wie üblich, vom Imperium bestialisch niedergeschlagen, auch kein Unterschied zu heute. Insofern hätte nur ein gemeinsamer Schlag mit Stämmen aus der Nachbarschaft ein erfolgversprechendes Szenario abgegeben. Aber dazu war seine Wirkungszeit zu kurz, und er wurde, wie damals bei allen Kriminellen und Aufrührern üblich, ans Kreuz geschlagen, nichts ungewöhnliches, passierte auch in Germanien.

links ist wo der daumen rechts ist

11. Januar 2020 22:10

Lassen Sie es sich gesagt sein:
Der Sozialismus ist tot.
Und der wird auch in nekrophiler Begeisterung für ein zusammengeflicktes Frankenstein-Monster nicht wieder lebendig.
Der große Unhold und Gleichmacher heißt seit den 90ern Neoliberalismus.
Über die schleichende liberale Machtergreifung und Vereinnahmung des linken Lagers hat hellsichtig Schrenck-Notzing in seiner „Charakterwäsche“ das Wesentliche (vorher)gesagt.
Oder wie hier vor einiger Zeit glänzend analysiert wurde (ad George Orwell): die beiden Spielarten des kontinentalen Totalitarismus wurden besiegt, der Globalismus war der lachende Dritte.
Erstaunlich nur, wie eilfertig links UND rechts den Kniefall vollziehen. Ein Gerangel beim Schlußverkauf ist nichts dagegen.
https://www.youtube.com/watch?v=tlCvwdzJLKw
Alternativen nicht für, sondern aus Deutschland (mit Ausnahme der Fliegenschiß-Jahre) hätte es seit 1870 genügend gegeben.
Seit 1917 befanden wir uns im Zeitalter der globalen Propaganda (hier Lenin, dort Wilson).
Sprechen wir also nicht von Umerziehung, sondern von globaler Erziehung; welchen Stellenwert dagegen die Erziehung im Kleinen hat, muß man auf diesen Seiten ja nicht sonderlich erwähnen.
Die deutschen „Ideen von 1914“ blieben leider folgenlos, auch ein – zu wenig gelesener – Rudolf Steiner konnte mit seinen Schriften zum Ersten Weltkrieg nichts mehr bewirken.
Der NS war eine einzige größenwahnsinnige Farce der „Ideen von 1914“, da es nicht um Synthese und Überwindung, sondern um ein hypertrophes Zerstören ging.
Und selbst dort, wo der NS tatsächlich Anleihen nahm und nicht originär war, dem Genozid an den Armeniern, dem Bevölkerungstransfer zwischen Griechen und Türken und Stalins Säuberungswahn, mußte alles undeutsch ins Maßlose gesteigert werden.
Vermutlich war Hitler, der Liquidator Preußens, tatsächlich die „Rache für Königgrätz“ und ein zusammengeflicktes Monster aus Schwarzenbergs Großraumträumen, Conrad von Hötzendorfs Blutsäufertum und Kaiser Karls Dolchstoß-Gelüsten („Sixtus-Affäre“).
Gerade an dem, was daran undeutsch war, werden wir auch ohne Schuldkult-Geseiere noch lange zu knabbern haben.

Aber auch Ihre platte Entgegensetzung Aufklärung – reaktionäres Denken verfängt nicht.
Der Reaktionär radikalster Prägung singt in letzter Instanz das Loblied auf die Entropie.
In einer moderat-liberalen Lesart ist er derjenige, der die jeweils vorhergehenden „progressiven“ Errungenschaften gegen die nachfolgenden verteidigt; vgl. etwa die Debatten um die großen Reformgesetze in England 1832 und 1867 um die Ausweitung des Wahlrechts (zit. in Albert O. Hirschman, Denken gegen die Zukunft. Die Rhetorik der Reaktion. Fischer TB 1995).
Oder Ihre eigenartige Auslegung von Nietzsches Willensmetaphorik im letzten Artikel als Weisheit des Reaktionärs auszugeben: die Schwachen bleiben übrig, aber besser eine ungerechte Welt mit Schuldgefühlen zu ertragen, als den Forderungen der Zukurzgekommenen zu entsprechen. Eine Art Schuldtrotz?
Das Schuldgefühl liegt bereits in der Individuation, vgl. dazu den grandiosen Aufsatz von Werner Hamacher, „Disgregation des Willens“. Nietzsche über Individuum und Individualität (Suhrkamp TB 1998).
Und wenn wir den Endzeit-Pessimisten Schopenhauer und Mainländer via Lütkehaus und Horstmann nicht recht geben wollen, gibt es immer noch moderate Formen „reaktionären“ Denkens, nämlich alle Formen von Schwermut und Melancholie, die dennoch – als letztes Bollwerk gegen die Entropie - künstlerisch produktiv werden, also – willkürlich ausgewählt - die ganze Schaffensbreite von Cioran und Thomas Bernhard bis zu W.G. Sebald.
Also haben wir nun alle Formen vom „progressiven Reaktionär“, dem die Echternacher Springprozession Passion ist, vom Endzeit- und Schuldtrotz-Reaktionär bis zum Melancholiker, der der Vergeblichkeit seine Kunst entgegenhält (mir die sympathischste Variante).

Keine Ahnung aber welches Spiel Sie eigentlich spielen.
Ist es die 200%ige Haltung eines zweimal Konvertierten, geht es um Parolen, um Kampfformation?
Vergessen Sie doch endlich diesen abgeschmackten Klassenkampf von rechts.
Die Losung muß lauten: Konservativismus (rechter und linker Prägung) gegen den neoliberalen Luzifer.
Vergeblichkeitsgelüste lassen sich dann immer noch – künstlerische Begabung vorausgesetzt – ins Ästhetische transformieren.

Franz Bettinger

11. Januar 2020 23:34

@Maiordomus schreibt: "Der 'Prophet hört den Katarakt aus der Ferne‘, und das sei eine Formel für das Verständnis des religiös konservativ Gewendeten.“ -

Das ist unfreiwillig komisch, aber nur für den Materialisten und Realisten, welcher Katarakte aus eigener Anschauung kennt statt aus Büchern und dem Elfenbein-Turm. Denn die Sache verhält sich in Wahrheit umgekehrt: Lärmend laute Katarakte sind (i.d.R) harmlos und rühren von Kiesbänken und ihren Schwällen her. Anfänger ängstigen sich, wenn es vor ihnen auf dem Fluss plötzlich laut zu rauschen anfängt, erfahrene Kajakfahrer nicht. Verschwindet jedoch plötzlich lautlos der Fluss vor einem, reißt also die Wasserlinie ab, so besteht höchste Gefahr: Man nähert sich dem Wasserfall. Und je höher dieser ist, desto stiller ist er (für den, der sich ihm von oben nähert). Ob das als Metapher dienen kann? À la Shakespeare: Viel Läm um Nichts, doch wehe, wenn's still wird.

Dazu sei mir eine weitere Abschweifung erlaubt: Ahnlich verhält es sich mit kranken Kindern / Babys - und deshalb kann ein guter Arzt oft schon Diagnose und Prognose am Telefon stellen: Schreier sind eher harmlos. Kranke Kinder und Babys, die nicht (mehr) schreien, also Richtung Apathy driften, sind hoch gefährdet. In solchen Fällen muss man aus dem Bett, ein Hausbesuch wird fällig. Aber sagen Sie das mal einer hysterischen Mutter.

Andreas Walter

12. Januar 2020 00:26

Schlechte Stimmung hier, obwohl es dafür keinen Grund gibt.

Denn natürlich war auch die Pest eine Katastrophe für Europa, doch auch nicht der Untergang. Oder auch die Völkerwanderung nach diversen Klimaveränderungen kein Zuckerschlecken, doch wir sind trotzdem immer noch da. Genau deswegen. Weil alles Schwache und Fahrlässige, Unpassende und Ungeeignete dadurch immer wieder ausgemerzt wird. Von der Natur selbst. Eben durch solche Ereignisse.

Klar, Land würde ich derzeit auch nicht in Europa kaufen, doch das Problem der Sicherung von Eigentum ist so alt wie die Menschheit selbst. Wozu selbstverständlich auch das Geistige und Kulturelle gehört, nicht nur das Materielle. Derzeit dabei Stand der Dinge ist das hier:

https://www.piql.com/de/galileo-folge-zum-arctic-world-archive-von-millionen-gesehen/

Wo sind unsere Archive für die Zukunft unseres Clans, denn ein Volk sind wir schon lange nicht mehr. Ist es bisher lediglich die Bibliothek von Herrn Kubitschek in Schnellroda und dort auch alles bereits auf wasserfestem Film/Mikrofilm? Denn holografische Kristallspeicher gibt es noch nicht und normales Glas fließt. Sehr langsam zwar, doch verändert es dadurch seine Form. Modernes, säurefreies Papier ist zwar auch schon sehr gut, wiegt allerdings auch einiges.

Ist aber auch eine Frage des Vertrauens, wem man wertvolle, seltene oder womöglich sogar heikle Informationen zur Sicherung, Weitergabe und Pflege überlässt. Es gibt viel darum zu tun.

Maiordomus

12. Januar 2020 11:41

@Bosselmann. Der berühmteste und bedeutendste Reaktionär des Jahrhunderts war für Carl Schmitt nicht gerade der "Papst"-Theoretiker Joseph de Maistre, sondern in der Tat der von mir oben ins Gespräch gebracht Juan Donoso Cortés (nicht Cortez) geschrieben, verstorben 1853. Derselbe war zumal ein vernichtender Kritiker des liberalen Bürgertums, dem er ein untaugliches Verhältnis zur Macht vorwarf, weil dieses Bürgertum im Ernst und naiv an die Kraft des Gedruckten und des Diskurses glauben würde. Die berühmtesten Reden und Abhandlungen desselben erfolgten indes erst um 1848 und später, wobei er tatsächlich von Metternicht anerkannt und bewundert wurde. Metternich war aber in seiner Politik, die zumal die Epoche von 1815 bis 1848 beherrschte, kaum je von Cortés geprägt, sondern er erkannte in den Theorien von Cortés das sozusagen nachträglich formulierte staatstheoretische Modell dessen, was er als Politiker praktiziert hatte. Für die Theorie der Diktatur, die eine vernünftige Diktatur sein wollte, mit Einfluss auf Carl Schmitt wurde Juan Donoso Cortés in der Tat ein Klassiker der Politik. Wie oben angedeutet, scheinen solche Modellvorstellungen in Russland und China massgeblich zu sein, wiewohl mir nicht bekannt wäre, dass Cortés Werke je in diese Sprachen übersetzt worden wären und wenn, dass sie zu direktem Einfluss hätten gelangen könnne. Am ehesten muss allerdings der in westlichen Sprachen kundige und in einschlägigen Schriften bewanderte Fjodor M. Dostojewskij den zeitweilig in Berlin wirkenden Cortés gekannt haben, könnten doch die Argumente des Grossinquisitors in dessen berühmtestem politischen Text fast direkt von Cortés entnommen sein. Ein höchst machiavellistisch denkender Reaktionär! Denkerisch bedeutend, in vielem recht bekommend, aber als Programm für Politik in einem westlichen Land ungeeignet.

Nordlicht

12. Januar 2020 12:05

Betr.: "Während man die Geschichte der Technik fasziniert anschaut ..."

Wer ist hier "man"? Weder in Mainstream-Medien noch in Alternativen wird heutzutage "fasziniert" auf Technik geschaut (- lässt man einmal die Vorstellung eines neuen Porsche in der Breitreifenpresse beiseite). Es gibt natürlich verschiedene Wahrnehmungen der jeweiligen Umgebung, der Gesellschaft, der Welt. Ich begann mit Maschinenbaustudium und -Dissertation und kam nach vielen Stationen bis in ein Berufsumfeld, das überwiegend aus Menschen bestand, die Soziologie, Ökonomie, Jura, Philosophie, Theologie, Pädagogik und dergl. studiert haben.

Angesichts der verbindenden Aufgabe Umwelt+Klima war die Technik und konkret der Ingenieur ein Feindbild; der hat angeblich die Probleme erzeugt, indem er die Natur ausgebeutet, unterdrückt, zerstört hat. Nun versammeln sich in Politik, NGOs und Medien die Absolventen der Laberfächer, um die Welt zu retten. Und vorher beschweren sie sich, dass das Publikum nicht fasziniert auf ihre Fächer schaut.

Erlauben Sie, dass ich lache.

Sara Tempel

12. Januar 2020 18:22

Schöner Artikel, Herr Bosselmann! Gute Kommentare hierzu, vor allem von @zeitschnur, machen Mut nicht nur alleine den Weg zum rechten Christentum zu finden!

Maiordomus

12. Januar 2020 20:23

@Bettinger. Das ist spannend. Die Ausdrucksweise stammt aber in der Tat von Brentano, nicht von mir. Allerdings empfand noch Paracelsus z.B. den Rheinfall als schreckliches Toben und Tosen, er galt um 1500 als das lauteste Geräusch im Alpenraum, was damals die Leute erschreckte.

quarz

12. Januar 2020 21:36

@Laurenz

"Ihre These, das Christentum sei kein politisches Projekt gewesen, ist nicht haltbar"

Doch. Aber das schließt nicht aus, dass es eine konstitutive Rolle in politischen Dingen gespielt hat. Denn diese existieren ja nicht losgelöst von den kulturelle Determinanten. Und eine solche ist das Christentum, wie jede Religion, zweifellos. Der große Reaktionär Roger Scruton, der heute gestorben ist, beschrieb es so: "The core of common culture is religion. Tribes survive and flourish because they have gods, who fuse many wills into a single will, and demand and reward the sacrifices on which social life depends." Allen Grundgesetz-Zombies ins Stammbuch geschrieben.

Laurenz

13. Januar 2020 03:11

@links ist wo der daumen rechts ist .... haben Sie aus dem "Vorwärts" abgeschrieben?

Die billige Standard-Medien- und Schulbuch-Nummer, die Sie uns hier präsentieren, mag überall durchgehen, ist aber nicht von Rationalität geprägt und entbehrt einfach den historischen Hintergründen.
Ich kann Ihnen nur empfehlen, die deutsche Geschichte von 1892 bis 1939 (oder gerne auch bis '45) ausführlich ökonomisch zu betrachten.
Dann lösen sich Ihre ganzen allgemein gültigen Glaubensbekenntnisse auf und Sie würden zum Ketzer.
Hitler sah die 30 Parteien, die er aus dem Reich "hinausfegte", als Energieverschwendung an, ein Experiment, welches schief lief.
Der Korrektheit von Hitlers Analyse muß also eine andere Schlußfolgerung finden. Die kann nur in einem mehr föderalen Bürger-Staat Sinn bringen. Der repräsentative Parteienstaat hat sich doch schon längst selbst erledigt, es hat nur noch keiner gemerkt. Wir leben in einer politischen Pharce. Außerdem müssen wir uns überlegen, wie wir zukünftig den in Asien erfolgreichen Nationalsozialismus begegnen. Dazu ist hier bisher keinem viel eingefallen. Und damit meine ich besonders unsere links-liberalen angeblich so globalistischen Freunde. Diesmal wird es nichts bringen, nach Bomber Harris zu rufen.

Franz Bettinger

13. Januar 2020 08:55

@MD: der Rheinfall galt (und gilt immer noch?) als das schwerste Wildwasser der Welt. Bei Niedrigwasser wurde er von Georg Schauf 1997 auf der südlichen und 2003 auf der nördlichen Route im Kajak erstbefahren. Nach Gerorg hat es neun Jahre keiner mehr gewagt. Der gute Schorchi ist nicht der Schönste und nicht der Schlankste, aber einer der Besten. Das Problem der Rheinfall-Befahrung ist die schwierige Orientierung: https://www.youtube.com/watch?v=NspuM7880WA und https://www.youtube.com/watch?v=IPoYTi2qUOY

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