14. Januar 2020

Winterakademie „Lektüren“ – Nachbetrachtung

Götz Kubitschek / 51 Kommentare

Gestern Nachmittag Besuch aus der Nachbarschaft, man liest empört vom Handy ab: "Gebt uns den Kubitschek. Wir geben ihn zurück - Stück für Stück".

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Das sei da gerufen worden, auf der linken Demo, das habe man selbst gehört, nun stehe es im Internet, und da seien noch ganz andere Sprüche gefallen.

Dem in solchen Situationen üblichen, kommentierenden und empörten Nachsatz "Das geht doch nicht, dagegen muß die Polizei doch was unternehmen", hatte ich auch diesmal nichts hinzuzufügen. Und es wird bei dieser Empörung bleiben. Die Polizei hat nichts dagegen unternommen und wird nichts dagegen unternehmen. Ich könnte Strafanzeige stellen, aber wozu? Der ganzen Lästigkeit noch gutes Geld und gute Zeit hinterherwerfen?

Lieber nicht. Überhaupt erfuhr ich erst aus dem Mund des besorgten Nachbarn vom Spiel der Antifa mit ihren Gewaltphantasien, die - das wissen wir längst und das weiß so langsam jeder, der es wissen will - immer öfter keine Phantasie bleiben, sondern umgesetzt werden. Ich kriege von solchen Vorfällen sowieso nur dann etwas mit, wenn mir jemand davon erzählt. Meine Neigung, mich mit Leuten zu beschäftigen, die ihre kleine politische Bedeutung aus dem Umstand ableiten, daß es uns gibt und ihnen jemand die Anfahrt aus Halle oder Leipzig bezahlt, hält sich nämlich in sehr engen Grenzen.

Überhaupt ist das ein Umstand, auf den ich rätselnd blicke: Wie kann jemand in jedem Text und bei jeder Gelegenheit betonen, unsere Arbeit sei unwichtig, dumm und nicht der Rede wert - und dennoch wird planmäßig gegen uns demonstriert, erscheint monatlich ein Buch über die Arbeit, den Einfluß, die Netzwerke Schnellrodas, beschäftigen sich Dutzende Gegner auf vollen Stellen tagein tagaus mit uns, während wir pro Monat ungefähr zehn, fünfzehn Minuten aufwenden, um zu sehen, ob da mal ein Halbkluger oder Halbfairer dazugestoßen sei.

Die klügeren Linken, also die, von denen Benedikt Kaiser zweieinhalb Regalmeter in seinem Bücherschrank stehen hat, schreiben nämlich nicht denunziatorisch, also wie Deppen über uns, sondern entlang unserer Themen, die sie uns gern wieder abjagen würden. Kaiser nannte in seinem Akademie-Vortrag "Links lesen" Namen wie Mausfeld, Stegemann, Friedrich, Wagenknecht - und eben nicht W oder Sp oder F ... (mehr fallen mir gerade nicht ein).

Wie gut es ist, wenn man sich auf die Inhalte einer Akademie konzentriert! Die Versuchsanordnung war diesesmal so: keine AfD-Prominenz, also keine Dauerschleife inmitten der rechten Gesellschaft des Spektakels, sondern Grundlagenarbeit, Substanz. Ein Versuch war das insofern, als bei den letzten vier, fünf großen Akademien stets die Liste nach drei Tagen geschlossen werden mußte, weil eben das Spektakuläre lockte.

Diesmal dauerte es drei Wochen, bis alle 150 Plätze vergeben waren, und am Ende blieben wieder fast fünfzig Teilnehmer auf der Warteliste. Die anderen konnten eine der besten Akademien besuchen, die wir Organisatoren je erlebt haben (und wir blicken mittlerweile auf die stolze Zahl von 40 Akademien zurück).

Daß diese Akademie so gut gelang, lag auch an den Teilnehmern: Der an gründlicher Lektüre und breit angelegtem Wissensaufbau weniger stark interessierte Teil an jungen Partei-Karrieristen hatte auf eine Teilnahme verzichtet, weil die Chance auf ein Selfi mit Weidel, Gauland Kalbitz oder Meuthen nicht bestand. (Daß Björn Höcke vorbei kam und ein Grußwort sprach, stand erst am Vorabend fest: eine spontane Geste auf der Durchreise.)

Das ist wohl der übergeordnete Erkenntnisgewinn aus diesem Wochenende: daß Parteinachwuchs und jener des metapolitischen Mosaiks keine besonders große Schnittmenge bilden. Aber wie sollte es auch anders sein? Geistige Parteidisziplin beißt sich mit experimentellem, grundsätzlichem und unfertigem Nachdenken.

Es mag innerhalb von Parteistrukturen unzuträglich sein, die Vorläufigkeit des Standpunkts, die Unwissenheit auf Gebieten zuzugeben und die Zeit mit der Lektüre komplexer Texte zu verbringen. Auf Akademien ist aber gerade das die Atmosphäre, die wir brauchen, und wir Organisatoren und Redakteure lernen über die Tage wohl am meisten von allen dazu, denn wir sind es, die schon aus beruflichen Gründen von Tisch zu Tisch gehen und mit jedem Grüppchen ins Gespräch kommen.

Aber auch in der Debatte nach dem eigenen Vortrag kommt es zu sinnvollen Ergänzungen und Korrekturen. In einem Fall war es Hans-Thomas Tillschneider, der als echter Leser (wir lesen oft parallel!) etwas einwarf. Er besuchte wie rund vierzig weitere Tagesgäste (dies ein Rekord!) den Akademie-Sonntag und hielt den Begriff "Innere Emigration" für das ein oder anderen von mir vorgestellte literarische Werk nicht präzise. Er schlug zumindest für einen der Romane (für Kopetzkys Propaganda) "verklemmte Faszination" vor, und ich stimmte ihm zu.

Ob den Demonstranten klar ist, daß man über solche Lektüren sprechen und einander korrigieren und ergänzen kann, während sie draußen ihrem Gelüst Ausdruck verleihen, uns zu Gulasch zu verarbeiten oder wenigstens die Nase einzuschlagen? Ich bin mir sicher: nein. Aber das war schon immer das Problem von Stalkern und Wichtigtuern, und weil sie merken, daß sie wie Junkies an unserer Nadel hängen, wird das ganze immer aggressiver.

Die Mitteldeutsche Zeitung findet das ganz normal. Also, werden sehen, ob diese komische Schnegida aus dem Ruder oder leerläuft. Hoffentlich kriegen wir das dann mit, der Tillschneider und der Lehnert, der Kaiser und die Kositza, die Teilnehmer, das Dorf, die Küche (vorbildliche Arbeit für 150 und sogar 180 Hörer!) und ich, während wir nachdenken, diskutieren, kochen und arbeiten.

Oder es erzählt uns halt einer, hinterher

-- -- --

Wir haben übrigens einen Lektüren-Bücherschrank zusammengestellt, mit einer Literaturauswahl aus den Vorträgen von Erik Lehnert (Geschichtsphilosophie), Linke lesen (Benedikt Kaiser) und Belletristik (das war mein eigener Vortrag). Hier ist er, und ein Hinweis an die Akademie-Teilnehmer: Bücher, die am Wochenende aufgrund der Nachfrage vergriffen waren, sind hier vorrätig und können bestellt werden.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (51)

Nordlicht

13. Januar 2020 16:33

Offen bleibt die Frage, woher die AfD ihren personellen Unterbau bekommt. Auch jetzt noch dürfte die Zahl der wirklich guten Leute gering sein, die wagen zB Wiss. Mitarbeiter eines AfD-Abgeordneten zu sein.

Die Bundestags-Fraktion ist nach meiner Einschätzung organisatorisch schwach bis unbefrieidigend, was man zB daran erkennt, dass man auf Briefe keine Antworten erhält. Es gibt Abgeordnete, die exzellente Reden halten, es gibt auch aktive PR-Leute, aber der Mittelbau und der Unterbau scheinen schwach zu sein.

Die Akademien, so hatte ich einen Text im letzten Jahr verstanden, geben jungen Leuten, die im politischen Geschäft aktiv mitmachen wollen, eine ergänzende "alternative" Bildung. Dies ist notwendig, weil im universitären Bereich alle Disziplinen (- nicht nur Kultur(gechichte), Ökonomie, Soziologie, Recht bis Politologie, sondern auch die wichtigen Technik- und Umweltbereiche) überwiegend gleichgeschaltet sind.

RMH

13. Januar 2020 22:46

".. aber der Mittelbau und der Unterbau scheinen schwach zu sein. "

Ist er, wir haben jetzt in Bayern Kommunalwahlen und die AfD ist meilenweit davon entfernt, halbwegs flächendeckend anzutreten. Dafür hat die bayerische AfD eine Landesvorsitzende, die regelmäßig Videos bei Youtube veröffentlicht. So hat eben jeder seine Prioritäten, wobei ich zu 100% zugestehe, dass sich bei uns im ach so reichen Bayern, wo es keine echten Antifa-Epizentren wie in Connewitz oder in Berlin etc. gibt (aber es gibt sie auch hier!), dennoch kaum bis keine Männer und Frauen mit schulpflichtigen Kindern gibt, die es wagen, für einen kleinen Sitz in ihrem Ort zu kandidieren. Dies erschwert die Flächenausdehnung enorm.

Die Nerven und Unabhängigkeit von Herrn Kubitschek haben dann doch eben die wenigsten. Wie auch immer - der "point of no return" ist lange überschritten. Jetzt muss weitergemacht werden.

Hut ab an alle, die es machen und wagen!

Phil

14. Januar 2020 12:02

Ich frage mich, was solches Gift im Unbewussten mit einem macht.
Dickes Fell hin oder her; es ist besser, manches nicht zu wissen.

links ist wo der daumen rechts ist

14. Januar 2020 18:19

Die Offiziere und wir (Leutnant der Reserve H.L. zum 14.1.2020)

Tja, wir vom Kommentariat z.b.V. sind schon ein verwegener Haufen, alles Freiwillige in einer Bewährungskompanie – und zudem Minensuchdienst, das muß man sich einmal vorstellen!

Unser Altersschnitt ist ja ungewöhnlich hoch, viele aber träumen noch immer von einer Offizierslaufbahn; einmal mit Generaloberst Klonovsky im Offizierscasino speisen, das wär`s. Ein Gentleman, der schreibt wie er spricht und spricht wie er speist. Und diese ewig glattgewichsten Stiefel…

Oder einmal auf dem Rittergut sein in sauberer Uniform, ein frisches Bett, ein gutes Essen… Derzeit werden ja gerade wieder 150 Rekruten ausgebildet, von denen sehen und hören wir aber nie etwas.

Besuch von Frontoffizieren bekommen wir selten. Von Oberleutnant J.S., den wir alle mochten, einem ruhig-besonnenen kameradschaftlichen Kerl, haben wir schon lange nichts mehr gehört. Ab und an eine Rotkreuzschwester mit Hang zum Philosophieren... Am ehesten läßt sich noch Oberleutnant H.B. sehen, der uns immer auf Linie bringen will. Ein nickelbebrillter Theoretiker, der früher Lehrer war und Sozi, wenn nicht sogar Kommunist gewesen sein soll.

Wir sind wie gesagt ein verschworener Haufen, Sorge macht uns nur unser heimlicher Feldwebel Obergefreiter L., er zeigt immer häufiger Symptome eines sogenannten Borderliners (kein Wunder, wenn man an der Front ist). Aber dann stecken wir ihn halt in unser „Beruhigungszelt“ und beschallen ihn mit Schubert.

Wie ja die meisten von uns robuste Naturen sind, gelegentlich aber auch ziemlich melancholisch und mitunter sogar sentimental; bei „Hundert Mann und ein Befehl“ sehe ich bei den Kameraden manchmal Tränen in den Augen. Ja, es soll sogar welche geben, die Remarques „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“ im Tornister haben.

Und dann gibt’s da noch den Freiwilligen aus der Schweiz, von uns Pater Schwätzli genannt, kein Mensch weiß, wie alt er wirklich ist, manche munkeln, er hätte General Guisan noch persönlich gekannt und beraten.

Nachrichten aus der Heimat sind rar, vieles sind auch nur Latrinengerüchte. Vereinzelte Depeschen, Tageslosungen, das war`s dann auch.

Eine kleine Frontbibliothek haben wir auch eingerichtet, einer der letzten Zugänge war das neue Buch von Kopetzky; tja, Ehrenkodex, Ehrenrettung… - wie auch immer. Arme Schweine sind wir an der Front trotzdem.

Umso mehr hat uns eine Meldung aus der Etappe überrascht: Was, Himmelherrgottnochmal, bedeutet der Begriff „verklemmte Faszination“? Wir sind - seit langem wieder einmal - ratlos. Nur L. nicht, der ist noch im Beruhigungszelt.

nom de guerre

14. Januar 2020 19:39

@ linksmitdemdaumen

„Was, Himmelherrgottnochmal, bedeutet der Begriff „verklemmte Faszination“?“ Vorschlag: Jemand hegt eine gewisse Faszination für etwas, traut sich aber nicht so richtig, das zuzugeben, auch (und gerade) nicht vor sich selbst. So würde ich den Begriff jedenfalls in dem Kontext, in dem er gebraucht wird, deuten.

Simplicius Teutsch

14. Januar 2020 22:01

Ist schon beeindruckend, Herr Kubitschek, was sie da (mit anderen) aufziehen gegen die linksgrüne Vernichtungswut. Halten Sie Ihren Schnellrodaer Kreis trotz zielorientierter Verknüpfungen auf unbestechlicher Distanz zum politischen Alltagsdreck. Politik ist ein schmutziges Geschäft; der Spruch ist so abgedroschen wie richtig.

„Wir sind hier“, sagt Rolf Schilling in Das Holde Reich, „um unsere Würde zu behaupten, die Würde der Person und die Würde des Worts. Hier schließt sich ein erster Ring unserer Betrachtung, und die eingangs genannten Wesenszüge erscheinen wieder: das Nationale, das Aristokratische, das Irrationale: als Tradition, als Stil und als Traum.“

Franz Bettinger

14. Januar 2020 22:12

@Links: Ich verstehe Ihren Schmäh nicht. Was wissen Sie schon vom Leben und Leiden der hier Kommentierenden?

Halenberg

15. Januar 2020 09:46

RMH kann ich nur beipflichten, wie meist.

Ein Spötter würde sagen: Wie gut, dass wenigstens ein Björn Höcke der Versuchung von Selfies und anderen Darstellungen widerstehen kann...

Im übrigen denke ich, dass die deutsche Politik vor allem Leute aus dem richtigen Leben braucht. Die gearbeitet haben. Familie. Etc. Schule-Uni-Öffentlicher Dienst-Parteiarbeit, dass kennen wir doch schon, mit all den riesigen Nachteilen, selbst oder vor allem, wenn kan zweieinhalb Regalmeter Bücher im Regal hat. Die AfD war mal eine Chance. Ob das im deutschen Parteinstaat möglich ist, ist allergings mehr als fraglich, siehe die guten Kommentare bei Tichy.

Waldgaenger aus Schwaben

15. Januar 2020 09:58

In welcher Welt leben Sie denn?

Erstens:
Der Spruch der Linken bezüglich "Stück um Stück" ist Satire. Hass, Hetze und Morddrohungen gibt es nur von Rechts.
Hat jemand #eskenfilme verfolgt?
Das ist Hass, Hetze. Das sind Morddrohungen.
Ich hetze gleich mal ein bisschen mit:
#eskenfilme

Kassa Blanka
Gulag-Zilla: Die Königin der Monster
Spiel mir das Lied vom Sozialismus

Zweitens:
Ausbildung, Studieren, Lernen - das ist ewiggestrig.
Laut sein, cool sein, jung und weiblich. Das zählt.
Da bekommt man mit 23 und halbfertigem Studium der Geografie schon einen Posten im Aufsichtsrat angeboten. Ein paar Jahre dort und man kann in den Vorstand wechseln und doofen Ingenieuren, die ihre Lebenszeit im Studium mit Differentialgleichungen und n-dimensionalen Vektorräumen vergeudeten sagen wo es lang geht.

Imagine

15. Januar 2020 15:56

Der normale Mensch denkt und agiert so, wie es das System vorgibt, nämlich marktkonform. Im Zentrum steht für die Individuen daher in der Überflussgesellschaft die erfolgreiche Selbstvermarktung. DEnn es gibt inzwischen nicht nur einen Überfluss im Angebot von Waren, Konsumgütern und Dienstleistungen, sondern ein Hauptproblem der lohnarbeitenden Menschen ist, dass die „Ware Arbeitskraft“ im Überfluss für den Arbeitsmarkt zur Verfügung steht und daher ständig an Wert verliert und zudem die Masse der Arbeitslosen steigt.

Während früher Charakterfestigkeit ein bürgerliches Ideal war, so ist es heute das marktkonforme, erfolgreiche Verhalten zum Ideal geworden. Der moderne Mensch ist ein anpassungsbereiter, flexibler Mensch (Richard Sennett) und seine Persönlichkeitsstruktur ist ein „Marketing-Charakter“ (Erich Fromm).

Während die früheren Linken noch oppositionell waren, sind die heutigen marktkonform „konformistisch“ - nicht alle Linken, aber fast alle.

Oppositionell sind unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen nur diejenigen, die Widerstand leisten wollen und dies auch können.

Diese Menschen sehen sich in ihrem Selbstverständnis heutzutage häufig eher als „rechts“.

Die heutigen Rechten sind eine Mischung aus religiösen Dogmatikern, Rassisten, anti-sozialen Sozialdarwinisten, pro-kapitalistischen Reaktionären, ewig Gestrigen, völkische Sozialromantiker etc. Aber es gibt auch echte Konservative darunter, anständige Menschen mit Gemeinsinn, die aus moralischen Prinzipien und im Interesse des Gemeinwohls handeln. Es sind Kämpfer, die sich in ihrem Selbstverständnis als eine Art „Samurai“ sehen.

Davon zu unterscheiden ist der in Deutschland existierende Rittermythos. Dieses Narrativ von den edlen Menschen hat jedoch mit der tatsächlichen verbrecherischen Realität des Raubrittertums nicht viel gemein (vgl. Niklas Frank: Raubritter. Reichtum aus dem Hinterhalt. Das erschröckliche und geheime Leben der Heckenreiter und Wegelagerer.) Die wenigsten großen Vermögen sind durch große Leistungen entstanden, sondern häufig durch verbrecherische Aktivität.

Die heutigen Rechten denken militärisch und nicht soziologisch. Sie haben klare Feindbilder. Ihre Hauptfeinde sind die Linken. Diese sind ihrer Meinung nach die schlimmsten Volksfeinde. Weil diese die „Umvolkung“ und damit die ethnische und kulturelle „Ent-Deutschung“ des deutschen Volkes ideologisch begrüßen. Ihre Hauptfeinde sind nicht die mächtigen wirklichen Betreiber der Massenimmigration, die damit bestimmte Interessen und Ziele verfolgen. Um diese zu identifizieren, bedürfte es einer soziologischen Analyse.

Militärisches Denken operiert in Freund-Feind-Kategorien. Hauptziel ist es, Kämpfer für die eigene Armee bzw. das eigene Lager zu gewinnen.

Soziologisches Denken hingegen ist analytisch und systemisch. Ziel ist es, den Gesellschaftsprozess in eine andere Richtung zu lenken. In den Individuen werden vor allem durch Sozialisation konditionierte, systemgesteuerte Akteure gesehen, die - weitgehend unbewusst - systemisch vorgegebene Handlungslogiken vollziehen.

Im kapitalistischen System bedeutet dies, dass die Motive der Menschen vor allem dadurch bestimmt sind, zu mehr Geld zu kommen und mehr konsumieren zu können.

Weil die Rechten militärisch und nicht soziologisch-systemisch denken, ist auch ihre Theoriebildung so konfus und widersprüchlich, wie nachfolgende Ausführungen belegen.

Thor v. Waldstein:
„Das Paradoxon der Rechten bestand seit jeher darin, die Beseitigung des politischen (Links-)Liberalismus anzustreben, um im gleichen Atemzug den Wirtschaftsliberalismus und eben auch den Kapitalismus gegen Angriffe von links zu verteidigen. Dieser wenig vorteilhafte Spagat hat sich aus meiner Sicht durch das Anwachsen der libertären Bewegung in Deutschland eher noch verschärft. Die berechtigte Kritik, die man dort an der modernen Staatskrake übt, die sich in alle Lebensbereiche des Volkes einmischt, wollen die Libertären in die Konsequenz münden lassen, dass der Staat als solcher abgelöst und durch eine vertragsbestimmte Privatrechtsgesellschaft ersetzt werden soll. Das Extrem der Hegelschen Staatsvergötterung soll also ersetzt werden durch das Extrem der Hayekschen Staatsverteufelung.“
http://podcast.jungeuropa.de/interview-mit-thor-v-waldstein/

Das ist kein Spagat, sondern Konfusion und Widerspruch. Das ergibt kein „rechtes Mosaik“, sondern das Bild eines Bewusstseins im Stadium kognitiver Dissonanz.

Zur Frage von Nation und Sozialismus bezieht sich v. Waldstein auf Hermann Heller: „Sozialismus bedeutet keineswegs das Ende, sondern die Vollendung der nationalen Gemeinschaft, nicht die Vernichtung der nationalen Volksgemeinschaft durch die Klasse, sondern die Vernichtung der Klasse durch eine wahrhaft nationale Volksgemeinschaft.“

„Wahrhaft nationale Volksgemeinschaft“ ist hier ein Synonym für sozialistische Volksgemeinschaft. Das deckt sich mit der Idee des „demokratischen Sozialismus“, der ja immer verstanden wurde als ein im nationalstaatlichen Rahmen organisierter Sozialismus. Wie sonst? Anders ist er gar nicht als reale gesellschaftliche Praxis denkbar. Ein Sozialismus braucht einen demokratisch organisierten und gesteuerten Staat als Rahmen.

Es geht um die Überwindung des kapitalistischen Klassenstaats, wo sich zwei antagonistische Hauptklassen gegenüberstehen. Im sozialistischen Staat soll dieser Klassenkampf überwunden und durch demokratischen Konsens abgelöst werden. Der Weg dorthin kann nicht, wie es der Arbeitermarxismus in fälschlicher Weise dachte, der Klassenkampf sein, sondern nur eine systemtransformative und emanzipatorische Sammlungsbewegung.

Auf diesen Widerspruch im Denken linker Anhänger des Klassenkampfes hatte Robert Kurz explizit hingewiesen, aber dies ist bei den Linken nicht auf fruchtbaren Boden gefallen. Denn die Linken wollen - wie die Rechten - nicht ihre traditionellen und geliebten Feindbilder und Narrative aufgeben.

Weiterhin schreibt v. Waldstein, dass Heller den „homo oeconomicus“ des Liberalismus und dessen ich-fixiertes, auf nackten Nützlichkeitserwägungen basierendes Weltbild kategorisch ablehnt:
„Der Sozialismus kämpft deshalb gegen den Geist der kalten Rechenhaftigkeit, der die heutigen Gegenseitigkeitsbeziehungen völlig beherrscht. Der Sozialismus ist der Ausdruck der tiefen, im Menschengeschlecht nie ersterbenden Sehnsucht nach Verinnerlichung des Verhältnisses von Mensch zu Mensch; er ist im letzten der Wunsch nach Umgestaltung der äußeren Gesellschaft in innere Gemeinschaft.“

Nation und demokratischer Sozialismus, das ist für 90+ % der heutigen Rechten in Deutschland undenkbar und völlig inakzeptabel. Wer denkt so und propagiert dies in der AfD?

Gast

15. Januar 2020 20:40

RMH

Dafür hat die bayerische AfD eine Landesvorsitzende, die regelmäßig Videos bei Youtube veröffentlicht.

Immerhin sind durch ihre Videos ihr Name und Gesicht nicht einem breiteren Publikum nicht gänzlich unbekannt. Und davon abgesehen: Wenn die derzeitige Vorsitzende (die meines Wissens noch nicht mal ein halbes Jahr amtiert) Ihnen so unangenehm ist ... warum haben Sie nicht einfach selbst kandidiert?

Offenbar kennen Sie ja alle Schwachstellen der bayerischen AfD ... und wären damit doch geradezu berufen diese abzustellen. Sie müßten auch keine narzisstische Öffentlichkeitsarbeit betreiben, sondern könnten sich ganz dem intimen Gespräch mit den AfD-Mitgliedern im Lande widmen.

Franz Bettinger

15. Januar 2020 22:16

@imagine: Herrlich! Es ist so weit. Es gibt immer weniger Arbeit, also werden weniger Arbeiter gebraucht. Das riecht nach Freiheit, Freizeit, der 20-Stunden-Woche, dem Drei-Tage-Bart, dem Drei-Monats-Urlaub im Jahr, natürlich bei vollem Lohnausgleich, und natürlich riecht es nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Nun muss deep state nur noch dafür sorgen, dass sich die Ästhetik durchsetzt, die ja bekanntlich die beste Ethik ist. Auch daran arbeitet unsere Führung schon: den Globus durch globales Handeln ästhetisch zu reinigen. Nur noch schöne Menschen sollen um uns sein, Mischlinge bekanntlich. Auch das kann man schaffen. Und wenn’s zu viel sind? Weg damit! Dafür gibt es Sozial-Spezialisten. Tja, liebe Leute, ich weiß nicht mal, ob es Satire ist, was mir da eben rausrutschte, oder eben doch: die "Brave New World". Warum übersetzt man das Wörtchen 'brave' (tapfer) eigentlich immer mit 'schön'?

Franz Bettinger

15. Januar 2020 22:29

@imagine: Wer (von den Denkern) früher Links war, ist heute Rechts: herrschafts-kritisch. Darunter auch Sarah Wagenknecht. Sie will's nur nicht zugeben. Mit Ihrer Links-Rechts-Querfront rennen Sie bei mir offene Tore ein. Nur traktieren Sie uns nicht dauernd mit Vorwürfen aus der Kommunisten-Schublade, "der Kapitalismus habe schuld" und Blabla! Das ist Schnee der letzten Eiszeit. Bearbeiten Sie lieber ihre linken Freunde, damit sie uns helfen. Das Dach brennt nämlich.

Patrick Zuefle

16. Januar 2020 09:02

Axel Burkart hat sich deutlich gegen die zunehmende Gewalt gegen Rechts ausgesprochen in einem offenen Brief an Herrn Frank-Walter Steinmeier.

https://www.youtube.com/watch?v=Q1ss-O-qHOE&t=2s

RMH

16. Januar 2020 10:35

@Gast,
getroffene Hunde bellen, oder was?
Ich habe nichts von "unangenehm" geschrieben sondern eher auf offenkundige Prioritäten angespielt. Die fehlende, flächenmäßige Ausbreitung und das z.T. leider nur flickenteppichartige Antreten bei der anstehenden Kommunalwahl bei gleichzeitig nach wie vor hohem bayerischen Wählerpotential, welches dadurch nicht ausgeschöpft werden kann, sind auch keine Betriebsgeheimnisse der bayerischen AfD, sondern gleichfalls offenkundig. Einen Grund dafür, habe ich bereits genannt. Also mal bitte die Kirche schön im Dorf lassen - und weiterhin den Youtube-Kanal der bayerischen AfD- Landesvorsitzenden im Abo behalten ... ;) :)

Imagine

16. Januar 2020 10:54

Die zentrale These von Thor v. Waldstein ist doch klar formuliert:
Damit aus einem Staatsvolk eine nationale Gemeinschaft wird bzw. werden kann, braucht es sozialistische Rahmenbedingungen. Volksgemeinschaft und Sozialismus gehören zusammen.

Meine These dazu ist, dass es über diesen Zusammenhang keinen Konsens in der rechten Szene gibt. Sondern in der AfD denkt und agiert die Mehrheit im Rahmen einer wirtschaftsliberalistischen Ideologie (siehe Hayek etc.).

Aufgrund dieses Widerspruchs – man könnte auch von Schizophrenie reden – wird sich aus dieser rechten Szene keine Bewegung zu einer echten Volksgemeinschaft entwickeln (können).

Aus der AfD – so meine Prognose - wird niemals eine Partei mit einer echten und nicht nur populistischen Zielsetzung einer sozialistischen Umgestaltung von Gesellschaft und Wirtschaftssystem werden.

Denn selbst bei den „neuen Rechten“ gibt es keinen Konsens über den Zusammenhang von Nation und Sozialismus.

Statt in Richtung Volksgemeinschaft wird die gesellschaftliche Entwicklung vermutlich weiter in Richtung Bürgerkrieg laufen.

Franz Bettinger

16. Januar 2020 12:01

@imagine: Ach, wir (Rechte und Linke) sollen uns also erst drüber einig werden, welche Bücher wir mal zusammen in den Schrank stellen, ehe wir anfangen, das Hausdach zu löschen. Echt? Sehen Sie nicht, worauf es primär ankommt und worauf im Moment nicht? Im Übrigen sind Rechte und Linke inklusive ihrer Partei-Formationen sehr gemischte Haufen. Klar, ist das Soziale wichtig. Das ist doch trivial. Wozu darüber viele Worte machen! „Die soziale Volks-Gemeinschaft“ (schönes Wort und noch nicht verbrannt, ha!) die kommt eh, wenn überhaupt noch etwas kommt. Konsens, wenn ich das höre! Konsens gibt es in Gulag-Staaten. Was wir in der heutigen Not brauchen rechts und links, ist ein gemeinsames Minimum: die deutsche Nation, Kultur und Identität muss wieder hergestellt werden. Da hapert’s bei den Linken. Bis die das Brett vorm Kopf los sind, sind wir alle mausetot. Außerdem empfehle ich Ihnen dringend, mal das AfD-Partei-Programm durchzulesen.

AfDHSKind

16. Januar 2020 12:08

@RMH:
Ich stimme Ihnen zu, dass wir im Mittel- und Unterbau eine Schwäche haben. Und die Wahlergebnisse in Bayern könnten definitiv höher sein.
Meiner Information nach gab es beim letzten Wahlkampf das Problem, dass teilweise ganze Kreisverbände keine Lokale zur Verfügung hatten. Das ist unser wunder Punkt. Das Wahlergebnis steht und fällt mit der Veranstaltungsdichte und der Qualität dieser Veranstaltungen. Wobei Qualität kein hohes akademisches Niveau bedeutet, sondern dass man mit neuen, interessierten Bürgern möglichst schnell einen tiefen Rapport aufbaut. Bei beidem scheitern viele Stadtverbände krachend. Gut, bei fehlenden Örtlichkeiten gibt es wenig Spielraum. Aber wenn der Rapport trotz Veranstaltung nicht steht, dann IST der Stadtverband schuld, weil er sich entweder in strategischen, organisatorischen oder kommunalen Winzdiskussionen verrennt oder aber stilistisch total am Empfänger vorbeikommuniziert.
Rapport stellt man her, indem sich die Leute gemeinsam aufregen. In dem Sinne hilft Youtube die Lücke zu schließen, die die Kreisverbände schlagen. Insbesondere in dörflichen Gegenden muss man bedenken, dass die Leute kaum Unterhaltung haben. Da wirkt ein Brandner oder eine Miazga natürlich Wunder.

Imagine

16. Januar 2020 13:08

@Franz Bettinger 16. Januar 2020 12:01
„Ach, wir (Rechte und Linke) sollen uns also erst drüber einig werden, welche Bücher wir mal zusammen in den Schrank stellen, ehe wir anfangen, das Hausdach zu löschen.“

Mit Katastrophenszenarien werden die Menschen nur davon abgehalten, klar zu denken.

An den großen deutschen Denkern habe nicht nur ich geschätzt, dass sie gründlich in die Tiefe dachten und nicht nur „pragmatisch“ an der Oberfläche blieben.

Gegenwärtig sehe ich keine schnellen Lösungen. Auch kein unmittelbar bevorstehendes Zusammenbruchszenario. Es gibt also keinen Grund, in Panik zu verfallen.

Mit China gib es erneut eine Systemkonkurrenz zwischen einer kapitalistischen und einer sozialistischen Gesellschaftsordnung.

Das historische Scheitern des leninistischen Revolutions- und Gesellschaftsmodells war von vornherein abzusehen. Das kann man bei Rosa Luxemburg et al. nachlesen.

Die KP China hat sich deshalb vom stalinistisch-maoistischen Entwicklungsmodell verabschiedet und ein neues eigenes konzipiert, das sie bis 2049 zu Blüte bringen will. Die Klassen, der Staat, das Geld und die Herrschaft werden aber nicht verschwunden sein. Mit den sozialistisch-kommunistischen Utopien, die eine herrschaftsfreie und klassenlose Gesellschaft ohne Staat und Geld erwarteten, hat die chinesische Wirklichkeit nichts gemein.

Bei der AfD sammeln sich vor allem Besitzstandwahrer aus der „Mitte“, die sich von Eigentumsverlust und sozialem Abstieg bedroht sehen. Und deshalb den Sozialstaat bekämpfen wollen, weil sie diesen ökonomisch tragen müssen. Die Beschreibung und Interpretation der Soziologin Cornelia Koppetsch erfasst dies, jedenfalls zum Teil m.E. durchaus treffend.

Wie verhält es sich aber mit den Zielen der Hintermänner und Geldgeber der AfD?

Den meisten Deutschen geht es – bezogen auf die übrige Welt – doch noch relativ gut. Von Krieg, Faschismus sowie einer massenhaften Verarmung und Verslumung, wie z.B. in den USA, sind sie noch verschont geblieben. Weshalb sie vermutlich weiterhin – sofern sie wählen gehen – den etablierten Parteien ihre Stimme geben werden.

Phil

16. Januar 2020 13:17

Imagine, es stimmt, dass man da soziologisch rangehen muss. Aber dass 90% von "uns" dafür nicht bereit seien, ist einfach eine Behauptung von Ihnen. Niemand kennt die zahlenmäßige Verteilung der Flügel, Schulen, Sichtweisen. Aber was man weiß, ist, dass viele Arbeiter und Arbeitslose AfD wählen, und dass Höcke, für mich die Lichtgestalt der Partei, sozialpolitisch nach links schielt.

Imagine

16. Januar 2020 17:42

@Phil 16. Januar 2020 13:17
„Aber dass 90% von "uns" dafür nicht bereit seien, ist einfach eine Behauptung von Ihnen. Niemand kennt die zahlenmäßige Verteilung der Flügel, Schulen, Sichtweisen.“

Die Frage ist, wer die zentrale These von Thor v. Waldstein mitträgt und unterstützt?
Damit aus einem Staatsvolk eine nationale Gemeinschaft wird bzw. werden kann, braucht es sozialistische Rahmenbedingungen. Volksgemeinschaft und Sozialismus gehören zusammen.

Phil

16. Januar 2020 17:47

"Ob den Demonstranten klar ist, daß man über solche Lektüren sprechen und einander korrigieren und ergänzen kann [...]?"

Tatsächlich vergessen die, dass Sie ein Mensch sind.

Ich sehe einen Typus, dem es weniger um Politik, als ums Hassen geht. Das "Politische" ist Selbstrechtfertigung.
Ob von "links" oder von "rechts" gehasst wird oder man den leichtesten Weg geht und sich irgendwelche Prominenten als Zielscheibe sucht – auch ein Samuel Koch oder eine Natascha Kampusch bleiben nicht verschont – ist dann individuell verschieden, sozusagen Geschmacksache.

Dazu die Übergriffe auf Rettungskräfte, Krankenhauspersonal usw. – dies müssen Symptome für etwas sein.

Phil

16. Januar 2020 19:39

Volksgemeinschaft und Sozialismus gehören zusammen?
Volksgemeinschaft ist eigentlich ein zu schönes Wort, um "verbrannt" zu sein. Es steht für Wir-Gefühl und für Solidarität nicht aus Zwang, sondern eben aus jenem Wir-Gefühl heraus. Trotzdem ist das Wort "belastet", ebenso mag das Wort Sozialismus in manchem Skepsis säen.
Daher wäre eine andere Begriffswahl für eine im Kern richtige Sache wohl klüger.

Es wirft dann aber die Frage auf: Wer gehört zu uns? Und wer gehört nicht dazu? Wir haben viele Menschen mit fremden Wurzeln im Land. Etliche von ihnen sind hier aufgewachsen.

Nemesis

16. Januar 2020 20:55

@Imagine
„Der Sozialismus kämpft deshalb gegen den Geist der kalten Rechenhaftigkeit, der die heutigen Gegenseitigkeitsbeziehungen völlig beherrscht. Der Sozialismus ist der Ausdruck der tiefen, im Menschengeschlecht nie ersterbenden Sehnsucht nach Verinnerlichung des Verhältnisses von Mensch zu Mensch; er ist im letzten der Wunsch nach Umgestaltung der äußeren Gesellschaft in innere Gemeinschaft.“

Sind Sie historisch blind oder ist das Ausdruck von **** (Selbstzensur)?
Wie ist es denn in der Geschichte gelaufen?
Und willst Du nicht mein Bruder sein (innere Gemeinschaft),
so schlag ich Dir den Schädel ein (Wunsch nach Umgestaltung).
Das wurde und wird aus Ihrem "letzten der Wunsch nach Umgestaltung der äußeren Gesellschaft in innere Gemeinschaft."

Und der Sozialsimus als Kämpfer "gegen den Geist der kalten Rechenhaftigkeit"? Ernsthaft jetzt?

Lesen Sie doch mal Ihre eigenen Beiträge durch.
Für die meisten Menschen in D haben Sie nichts als Verachtung übrig. Sie bezeichnen sie ständig als dumm, dämlich und halten sich selbst als die Creme de la Creme des Intellekts. Warum?
Weil Sie irgendwelche verquasten Theorien auswendig gelernt haben? Weil Sie gelernt haben, irgendwelche statistischen Methoden anzuwenden?
Aber ständig das Wort sozial im Mund führen.
Nah.

Kein Mensch wird sozial aufgrund irgendeiner verordneten Doktrin.
Es sind andere Randparameter, die das entscheiden.

Und nur weil im Wort Sozialismus das Wort sozial steckt, bedeutet es noch lange nicht, daß er es deswegen auch ist.

"Die KP China hat sich deshalb vom stalinistisch-maoistischen Entwicklungsmodell verabschiedet..."

Die Mehrzahl der Taiwanesen folgte ganz offensichtlich nicht Ihrer Anbetung Chinas. Und nun? Alles Sozialdarwinisten?
Wie alle, denen Sie das unterstellen, die nicht Ihrer Meinung sind?

Sandstein

16. Januar 2020 22:37

Ich war am Sonntag das erste Mal in Schnellroda (einer der Tagesgäste) und habe besonders den zweiten Vortrag sehr genossen. Habe zufälligerweise erst über die Weihnachtsfeiertage "Propaganda" (Kopetzky) gelesen und konnte daher mit dem Vortragsthema aber auch den geschilderten Eindrücken viel anfangen.
Danke aus Brandenburg!

Imagine

16. Januar 2020 23:30

@Nemesis

Es geht hier um die Diskussion der These von Thor v. Waldstein, dass Nation und Sozialismus zusammengehören. Dass damit aus einem Staatsvolk eine nationale Gemeinschaft wird bzw. werden kann, es sozialistische Rahmenbedingungen braucht.

Wenn Sie diese These für falsch oder inakzeptabel halten, dann können Sie dagegen Argumente vorbringen.

Dass diese These von Wirtschaftsliberalen und reaktionären Sozialdarwinisten abgelehnt wird, ist klar. Aber die wollen, auch wenn sie davon reden, in Wirklichkeit gar keine echte Volksgemeinschaft, sondern betreiben rechtspopulistische Menschenfängerei zum Zwecke der Selbstbereicherung und des eigenen Machtgewinns, wie damals die Nazis.

Die Frage ist, inwieweit diese These von Thor v. Waldstein auf Seiten der neuen Rechten mitgetragen wird?

Phil

17. Januar 2020 09:37

Dass eine (nationale) Gemeinschaft sozial sein muss, ist logisch. Dass sie sozialistisch sein muss, ist ideologisch.
Es muss einen anderen, besseren Kitt geben.

Maiordomus

17. Januar 2020 10:37

@Imagine. Von mir und wohl noch von ein paar anderen, die sich hier zum Wort melden, wird "diese These von Thor v. Waldstein", "dass Nation und Sozialismus zusammengehören", nicht mitgetragen.

Es ist aber auch wahr, dass die aus meiner Sicht etwas tiefer Denkenden, diejenigen, die als Kritiker des Zeitgeistes und des Mainstreams wirklich gefürchtet werden, eigentlich nicht mit dem neumodischen Schlagwort der deutschen "neuen Rechten" zu erfassen wären. Sie gehören einer Fraktion an, die seit rund 300 Jahren als Metakritiker der Aufklärung nie ganz zum Verstummen gebracht werden konnte. Zu ihren bedeutendsten Denkern gehörten im 18. Jahrhundert der Westfale Justus Möser (in der Schweiz Johann Georg Zimmermann), im 19. Jahrhundert der Bayer Franz von Baader und im 20. Jahrhundert der Badenser Leopold Ziegler, nach Stefan George und Sigmund Freud einer der denkwürdigen drei frühesten Goethe-Preisträger.

Imagine

17. Januar 2020 15:27

@Maiordomus 17. Januar 2020 10:37
„Von mir und wohl noch von ein paar anderen, die sich hier zum Wort melden, wird "diese These von Thor v. Waldstein", "dass Nation und Sozialismus zusammengehören", nicht mitgetragen.“

Das ist nur eine Negation dieser These. Aber was gehört zusammen?

Welche politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, , damit sich eine Nation und echte Volksgemeinschaft entwickeln KANN?

Welche Vorstellungen bestehen das auf Seiten der Rechten, sofern überhaupt klare Vorstellungen vorhanden sind?

Will man
a) einen Ständestaat
b) einen Feudalstaat mit König
c) einen Führerstaat
d) …?

Welches ökonomische System wird angestrebt?
a) Beibehaltung einer Konkurrenzökonomie mit einer Warenwirtschaft als Basis, wo der Mensch und seine Arbeitskraft zur Ware gemacht wird?
b) Eine zentralisierte und gleichgeschaltete Staatswirtschaft wie beim NS-System oder beim Stalinismus?
b) Eine Gemeinwirtschaft mit weitgehender Verstaatlichung der Produktionsmittel?
c) Eine vergesellschaftete = sozialistische Ökonomie?
d)….?

Dabei ist festzuhalten, dass Verstaatlichung nicht gleich Vergesellschaftung ist. Das ist ein Unterschied ums Ganze. In der DDR waren die Produktionsmittel weitgehend verstaatlicht (s. VEB), aber es hatte keine Vergesellschaftung stattgefunden. Folglich war die DDR auch kein sozialistisches System und zudem nicht als Übergangssystem zum Sozialismus geeignet, was sich daran zeigte, dass dieses System scheiterte.

Wollen die Rechten mehr sein als ein Sammelsurium völkischer Romantiker mit diffusen und konfusen politischen und ökonomischen Vorstellungen und wollen sie von sozialwissenschaftlicher Seite ernst genommen werden, dann müssen sie klar machen, welches politische und wirtschaftliche System sie anstreben.

Thor v. Waldstein hat hier mit seiner These einen Schritt getan.

Mboko Lumumbe

17. Januar 2020 16:42

@ Imagine
Ja, Sie haben Recht.

-----------------------

Witziges zum WE:
Was ist das Geheimnis des ewigen Glücks?
Nicht mit Narren zu streiten.
Da bin ich aber ganz anderer Meinung!
Ja, du hast Recht.

Schlaues zum WE:
Sprüche 26.4

Nemesis

17. Januar 2020 20:49

@Imagine
"Es geht hier um die Diskussion der These von Thor v. Waldstein, dass Nation und Sozialismus zusammengehören. Dass damit aus einem Staatsvolk eine nationale Gemeinschaft wird bzw. werden kann, es sozialistische Rahmenbedingungen braucht. Wenn Sie diese These für falsch oder inakzeptabel halten, dann können Sie dagegen Argumente vorbringen...
Dabei ist festzuhalten, dass Verstaatlichung nicht gleich Vergesellschaftung ist. Das ist ein Unterschied ums Ganze. In der DDR waren die Produktionsmittel weitgehend verstaatlicht (s. VEB), aber es hatte keine Vergesellschaftung stattgefunden. Folglich war die DDR auch kein sozialistisches System und zudem nicht als Übergangssystem zum Sozialismus geeignet, was sich daran zeigte, dass dieses System scheiterte."

Und genau das ist mein Problem an der Stelle.
Es gab (und gibt zig) Versuche eine sozialistischen Gesellschaft zu etablieren. Nennen Sie mir Eine, bei der Ihr Ansatz auch nur ansatzweise gelungen wäre. Vielleicht ist es nur meine Unkenntnis, aber ich wüßte keine. Ich lerne allerdings gerne dazu.

Wenn es aber so ist, daß alle sozialistischen Modelle in der Form von Verstaatlichung geendet haben (oder gar nicht darüber hinaus gekommen sind)- mit den entsprechenden Auswirkungen die ich oben ausgeführt hatte - dann muß man sich an dem Punkt doch ehrlich machen und feststellen, daß es - ganz offensichtlich - Randparameter in der menschlichen Existenz gibt, die das so nicht zulassen - aus welchen Gründen auch immer.

Die soziale (nicht sozialistische) Marktwirtschaft war ja ein durchaus erfolgreiches Modell. Uns selbst dieses wurde durch
big player unterlaufen und ausgehebelt.

Wie sollte dies bei einer sozialistischen Gesellschaft - die sich in der Form, trotz Gelegenheiten sie umzusetzen, noch niemals etabliert hat - funktionieren?
Da scheiterte es ja schon an der Umsetzung?

Imagine

18. Januar 2020 00:49

@Nemesis 17. Januar 2020 20:49
„Wenn es aber so ist, daß alle sozialistischen Modelle in der Form von Verstaatlichung geendet haben (oder gar nicht darüber hinaus gekommen sind)- mit den entsprechenden Auswirkungen die ich oben ausgeführt hatte - dann muß man sich an dem Punkt doch ehrlich machen und feststellen, daß es - ganz offensichtlich - Randparameter in der menschlichen Existenz gibt, die das so nicht zulassen - aus welchen Gründen auch immer.“

Dieses Argument ist altbekannt und es wurde wissenschaftlich widerlegt.

Selbstverständlich kennt Thor v. Waldstein dieses Argument und diese Diskussion.

Behandeln Sie bitte jemanden wie Thor v. Waldstein nicht als einen Idioten, der ein gesellschaftliches Modell propagiert, welches an der menschlichen Natur scheitert!

Maiordomus

18. Januar 2020 09:01

@imagine. abc will man sicher nicht, solches grenzt heute beinahe an Wahnvorstellungen. Nicht schlecht wäre es, von Finanzen und Wirtschaft etwas mehr zu verstehen, aber auf diesem Gebiet sind Koreferate auf einem Blog am allerwenigsten sinnvoll. Am ehesten noch, wie ich es gegenüber Frau Sommerfeld versucht habe, wenn es darum ginge, ein Zitat richtig zu verstehen, es in die Proportionen zu weisen und seine Hintergründe zu illustrieren.

Noch was: Bei Ihrer zweiten Aufzählung betr. abc, wo sie noch als Alternativen den Stalinismus und den Sozialismus bringen, bleibt klar, dass beispielsweise in den Standardwerken von Wilhelm Röpke, aber selbst auch von Hayek, im Rahmen dieser Wirtschaft der Mensch in keiner Weise zur Ware gemacht werden. Auch Sombart dachte nicht so. Wer dies behaupten würde, polemisiert nur und hat die Grundlagen nicht studiert. Ich vermute leider auch bei Ihnen auf diesem Gebiet keine ernsthaften Grundlagenstudien. Spielen Sie doch weiterhin Ihre durchaus vorhandenen Stärken aus.

Imagine

18. Januar 2020 12:24

@Maiordomus 18. Januar 2020 09:01
„Noch was: Bei Ihrer zweiten Aufzählung betr. abc, wo sie noch als Alternativen den Stalinismus und den Sozialismus bringen, bleibt klar, dass beispielsweise in den Standardwerken von Wilhelm Röpke, aber selbst auch von Hayek, im Rahmen dieser Wirtschaft der Mensch in keiner Weise zur Ware gemacht werden. Auch Sombart dachte nicht so.“

Sie wollen erzählen, dass es bei diesen Theoretikern keinen Arbeitsmarkt und keine Lohnarbeit gab?

Mit Ihrer Argumentation erinnern Sie an einige meiner Gymnasiallehrer, die papageienhaft herrschende Ideologie reproduzierten und diesen soziologischen und ökonomischen Nonsens als Wissenschaft ausgaben.

Nemesis

18. Januar 2020 14:18

@Imagine
"Dieses Argument ist altbekannt und es wurde wissenschaftlich widerlegt."

Na, dann hat ja alles seine Ordnung.
(Und wie in Ihrer Disziplin wahrscheinlich allgemein so üblich, wahlweise mit Tonnen an wissenschaftlichen Widerlegungen der wissenschaftlichen Widerlegung.)

Leider besteht Ihre Antwort (und nicht die T.v. W., an den ich nicht schrieb), wie fast immer, im Verweisen auf irgendwelche
wissenschaftlichen Theorien Dritter.

Auf meine Frage - speziell der erfolgten praktischen Umsetzung -
ebenfalls wie immer: keine Antwort.

Bias?

Imagine

18. Januar 2020 19:25

Weil es gerade zum Zusammenhang passt:

„Die Auswertung der namentlichen Abstimmung zeigt, dass die Gegner vor allem links und rechts außen saßen, und zwar interessanterweise bei zwei Parteien, die sich ansonsten kein bisschen grün sind. 92,2 Prozent der AfD-Fraktion stimmten gegen die Widerspruchslösung - nur knapp dahinter, mit 89,5 Prozent Ablehnung, die Grünen-Fraktion.“
https://www.zdf.de/nachrichten/politik/auswertung-der-organspende-abstimmung-afd-und-gruene-einig-100.html

Überrascht dies?

Es ist eine Art Psychogramm dieser Politiker, es zeigt deren Mentalität. „Alles mitnehmen, nichts hergeben!“

Lieber lässt man nach seinem Tod die eigenen Organe vergraben oder verbrennen, anstatt damit einem anderen Menschen ein Weiterleben zu ermöglichen.

Es ist ein Ausdruck einer „Geiz-ist-geil“-Mentalität und „Nach uns die Sintflut!“.

In ihrer Anti-Sozialität und ihrer Solisaritätsverweigerung scheinen die rechten PolitikerInnen an der Spitze zu stehen, aber auch bei den grünen und linken sieht es nicht besser aus. Bei den grünen und linken Politikern ist die pseudo-humanistische Heuchelei allerdings ungleich größer.

Selbstverständlich, dass solche Leute nichts vom Sozialismus hören und wissen wollen.

nom de guerre

18. Januar 2020 20:43

@ Imagine

„92,2 Prozent der AfD-Fraktion stimmten gegen die Widerspruchslösung - nur knapp dahinter, mit 89,5 Prozent Ablehnung, die Grünen-Fraktion. […] Lieber lässt man nach seinem Tod die eigenen Organe vergraben oder verbrennen, anstatt damit einem anderen Menschen ein Weiterleben zu ermöglichen. Es ist ein Ausdruck einer „Geiz-ist-geil“-Mentalität und „Nach uns die Sintflut!“.“

Dazu gäbe es einiges zu sagen, das aber zu weit vom hiesigen Thema wegführen würde, daher nur so viel: Sie machen es sich wirklich sehr einfach. Mindestens so einfach, wie Sie es den Gegnern der Widerspruchslösung unterstellen.

Imagine

18. Januar 2020 23:22

@ nom de guerre

Was soll bei der Widerspruchslösung nicht einfach sein?

Entweder ist jemand bereit, nach seinem Tod seine Organe zu spenden oder nicht.

Will er es aus irgendwelchen Gründen nicht, kann er widersprechen.

Wer widerspricht, hat davon keinerlei Nachteile, aber auch keine Vorteile. Sein Leichnam wird ohne Organentnahme beerdigt oder eingeäschert. Oder tiefgefroren, wenn er es will und bezahlt.

Mit der Widerspruchslösung würden viele Leben gerettet werden.

Es gibt kein wirkliches rationales Argument dagegen. Nur vernünftige dafür.

Deshalb bringen Sie kein Argument, sondern behaupten lediglich, das Ganze wäre nicht so einfach.

Vermutlich weil das Ganze so entlarvend für die AfD ist.

Lotta Vorbeck

19. Januar 2020 10:30

@Imagine - 18. Januar 2020 - 11:22 PM

"... Entweder ist jemand bereit, nach seinem Tod seine Organe zu spenden oder nicht. ..."

~~~~~~~~~~~~~~~~~

Nach dem Tode entnommene Organe sind nicht transplantationstauglich. Um an lebende Organe zu kommen, erfand man den "Hirntod".

Imagine

19. Januar 2020 11:57

Ein hirntoter Mensch ist definitiv tot. Ein Hirntod lässt sich nicht mehr mit dem Leben vereinbaren.
Aber man kann maschinell nach einem Hirntod Atmung und Blutkreislauf aufrechterhalten.
Die Überlebensdauer von Zellen ohne Blut- und Sauerstoffzufuhr ist je nach Organ sehr unterschiedlich. Hirnzellen haben nur eine sehr kurze Überlebensdauer, danach sind sie irreversibel abgestorben. Andere Organzellen können Stunden, unter entsprechenden Bedingungen sogar Tage überleben.

Dieses Wissen sollte eigentlich zur Allgemeinbildung gehören.

Frieda Helbig

19. Januar 2020 12:17

Auweia @Imagine. Belesen Sie sich bitte zu den sicheren Todeszeichen. @Lotta Vorbeck hat absolut recht. Das Hirntodkriterium ist ein Vehikel um Transplantationen zu ermöglichen. Abgesehen davon, daß man bestimmte Organe auch lebend spenden kann. Das Thema ist derart ethisch komplex, daß es sich kaum für eine einfache Geiz ist geil und Solidaritätsdiskussion eignet.

Generell könnte man ja auch mal fragen, ob jeglicher medizinischer Fortschritt sinnvoll ist? Oder ob wir ihn tatsächlich um jeden ethischen Preis benötigen?

Franz Bettinger

19. Januar 2020 13:17

@Hirntod: Jedes Organ hat nach dem Ausfall (Tod) eines lebenswichtigen Organs (dazu zählt z. B. das Herz, aber nicht das Hirn) eine eigene Überlebenszeit, die von seiner spezifischen Sauerstoff-Entzugstoleranz abhängt. Hirn 10 Minuten, Herz und Leber 30 Minuten, Muskeln 8 Stunden, Spermien 3 Tage, Hornhaut: länger Ein Hirntoter ist nicht tot im animalischen Sinn; im moralischen Sinn wohl schon. Ich bin deshalb gegen das Organspende-Gesetz, weil eine Organspende (mit Ausnahme der Hornhaut) i. d. R. dem Patienten wenig nutzt oder den mE falschen (selbst an ihrem Organversagen schuldigen) Patienten (Alkoholiker, Raucher) oder Ur-Alten, die besser sterben würden, eine kurze Lebensverlängerung bringt. Der med-tech. Industrie aber bringt der Transplantations-Spaß viel Geld ein. Nur deshalb wird die Werbetrommel so heftig gerührt. Die Zahlen zu den Transplantats-Überlebenszeiten sind - wen wundert's in Staate 'Dänemark' - meistens geschönt und betreffen Zwillinge oder nahe Verwandte oder genetisch passendes Volk.

Imagine

19. Januar 2020 13:21

Die Todeskriterien, welche die Transplantationsmedizin zugrundelegt, sind absolut sicher. Das ist in der wissenschaftlichen Medizin völlig unstrittig. Aber der Stammtisch und die medizinisch ungebildete Plebs wissen dies natürlich besser.

Als nichtbetroffener Mensch kann man solche Fragen stellen wie: „Generell könnte man ja auch mal fragen, ob jeglicher medizinischer Fortschritt sinnvoll ist? Oder ob wir ihn tatsächlich um jeden ethischen Preis benötigen?“

Das ist natürlich dummes Geschwätz, das sich an der Realität des Lebens blamiert. Jeder Mensch will medizinischen Fortschritt, wenn es um das eigene Leben oder das Leben von Angehörigen geht. Transplantationsmedizin handelt ethisch, weil sie Leben erhält, ohne das Leben anderer Menschen zu schädigen oder zu beinträchtigen.

Frieda Helbig

19. Januar 2020 13:59

@Imagine: Stammtisch und medizinisch ungebildet? Starke Worte, die das Niveau hier deutlich heben. Meine Ausbildung und mein Studium und mein jetziges Arbeitsfeld genügen wohl nicht Ihren wissenschaftlichen Anforderungen, seis drum.

Auch ist es für mich nachvollziehbar, daß Sie eine andere Sichtweise zum Fortschritt haben. Für Sie ist Fortschritt generell gut und sinnvoll, egal um welchen Preis (ethisch und monetär). Hier treffen halt unterschiedliche Sichtweisen aufeinander: Ich- vs. Wir-Perspektive. Will heißen: nicht alles, was für den Einzelnen gut ist, muß für die Gemeinschaft gut sein. Allein der Verteilungskonflikt ist hier zu nennen, zuviele Spender warten auf zuwenige Organe. Wer legt bitte objektiv fest, wem welches Organ zusteht? Kinder und Frauen zuerst? Raucher und Ex-Alkoholiker auch? Alte Menschen? Meiner bescheidenen Meinung nach ein ethisches Dilemma. Darf man das in Ihren Augen nicht thematisieren? Ist man dann schon ein ungebildeter Plebs oder gar unsolidarischer engstirniger Landsmann?

Lotta Vorbeck

19. Januar 2020 14:43

@Imagine - 19. Januar 2020 - 01:21 PM

"Die Todeskriterien, welche die Transplantationsmedizin zugrundelegt, sind absolut sicher. Das ist in der wissenschaftlichen Medizin völlig unstrittig. ..."

_____________________________

In der zeitgenössischen Wissenschaft "völlig unstrittig", hatte die Erde einst die Gestalt einer Scheibe.

Die Himmelsgestirne kreisten um die Erdscheibe.

Und wenn sich heuer 97% angeblicher Wissenschaftler, die sich unisono an ein und derselben Quelle laben, einig zu sein vorgeben, sagt dieser Umstand noch rein gar nichts über die Richtigkeit der von diesen Wissenschaftlern propagierten These aus.

Weil's nicht "zur Allgemeinbildung gehört":
Was die Leute berichten, die "Hirntoten" Organe entnahmen, steht dann nochmals auf einem anderen Blatt Papier geschrieben.

Cugel

19. Januar 2020 15:49

@Imagine
"Die Frage ist, wer die zentrale These von Thor v. Waldstein mitträgt und unterstützt?
Damit aus einem Staatsvolk eine nationale Gemeinschaft wird bzw. werden kann, braucht es sozialistische Rahmenbedingungen. Volksgemeinschaft und Sozialismus gehören zusammen."

Vielleicht braucht es umgekehrt eine nationale Gemeinschaft, um sozialistische Bedingungen herzustellen. Im übrigen wäre ein Vergleich Ihrer Vorstellung von Sozialismus mit jener v. Waldsteins interessant. Wie groß ist die Schnittmenge?

Cugel

19. Januar 2020 16:16

@Imagine
"Jeder Mensch will medizinischen Fortschritt, wenn es um das eigene Leben oder das Leben von Angehörigen geht. "

Aber nicht jeder Mensch will JEDEN medizinischen Fortschritt. Das ist es, was Frieda Helbig geschrieben hat. Fortschritt als Definitionsfrage. Schwer zu begreifen für den Hegelianer?

Cugel

19. Januar 2020 16:33

@Imagine
Sie erwiderten oben Maiordomus:
"Sie wollen erzählen, dass es bei diesen Theoretikern keinen Arbeitsmarkt und keine Lohnarbeit gab?"

Derselbe Imagine, der Lohnarbeit als Verdinglichung des Menschen ablehnt, plädiert für die Nutzung des Menschen als Ersatzteillager. Was macht den Menschen nun mehr zur Ware?

heinrichbrueck

19. Januar 2020 16:36

Allgemeinbildung oder nicht, ich weiß von einem konkreten Fall, der nichts anderes als ein Horrorszenario darstellt; als ein potentieller Organspender den Ärzten zuhören durfte, welche Reihenfolge der Organentnahme angesagt sei. Die Sache ging wohl gut aus, sonst hätte er die Geschichte nicht weitererzählen können. Lotta Vorbecks Einwand sollte abgespeichert werden.

Cugel

19. Januar 2020 16:39

@Imagine
"Dieses Argument ist altbekannt und es wurde wissenschaftlich widerlegt.
Selbstverständlich kennt Thor v. Waldstein dieses Argument und diese Diskussion."

Können Sie dazu bitte Quellen angeben ?

nom de guerre

19. Januar 2020 17:40

@ Imagine

„Deshalb bringen Sie kein Argument, sondern behaupten lediglich, das Ganze wäre nicht so einfach.“ Gut, dann ausführlicher:

Ihr Ausspruch „Geiz ist geil“ bringt die Problematik auf eine Ebene, auf die sie aufseiten des potentiellen Spenders nicht gehört, nämlich auf die ökonomische. Weder der Tote noch seine Erben haben wirtschaftlich etwas davon, dass er seine Organe nicht für eine Transplantation zur Verfügung stellt, daher ist Ihr Vergleich schief.

Gegen die Widerspruchslösung spricht deren implizite Annahme, dass die Leiche im Regelfall, d.h. bis auf Widerspruch, dem Staat bzw. demjenigen, der für die Verteilung von Organen zuständig ist, gehört. Warum sollte das aber so sein? In meinem Haus darf ich wohnen, andere dagegen nur, wenn ich es ihnen ausdrücklich erlaube; eine Regelung, die besagt, dass jeder bei mir einziehen darf, es sei denn, ich widerspreche ausdrücklich, wäre im Sinne des Eigentumsbegriffs absurd. Es sollte selbstverständlich sein, dass dies für meinen Körper, der meinem Persönlichkeitskern wesentlich näher steht als mein Haus oder anderes Eigentum, umso stärker gilt, und die Notwendigkeit einer Einverständniserklärung des Spenders für die legale Organentnahme bedeutet genau das. Wenn so wenige Menschen bereit sind, sich einen Organspenderausweis ausstellen zu lassen, sollte man sich fragen, warum das so ist, und ggf. bei diesen Ursachen ansetzen.

Ferner trifft die Aussage, es stünde doch jedem frei, der Entnahme zu widersprechen, zwar zu, aber viele Menschen haben nun einmal Angst vor dem Tod und daher entsprechende Hemmungen, sich mit dem Gedanken daran zu beschäftigen. Diese Angst dürfte im Übrigen zunehmen, je mehr der Tod aus dem normalen Alltag verschwindet, d.h. fern der Angehörigen in einer sterilen Krankenhausumgebung eintritt – was aber wiederum die Voraussetzung für eine Organentnahme ist.

Nun kann man es beklagen, dass sich viele Leute nicht mit ihrem Tod befassen möchten, es ist aber eine Tatsache. Diese auszunutzen und aus der fehlenden Auseinandersetzung mit dem Thema eine Zustimmung zur Organspende zu machen, ist zum einen unserer Rechtsordnung nach meinem Verständnis fremd (Schweigen als Zustimmung gibt es zwar, es ist aber nicht die Regel; den fehlenden Widerspruch ausgerechnet in einer so sensiblen Frage wie ein Einverständnis zu behandeln, erscheint kaum angemessen), und zum anderen moralisch fragwürdig. Der Staat hat die höchstpersönliche Sphäre seiner Bürger zu respektieren. Dies tut die Widerspruchslösung in meinen Augen gerade nicht, da sie dem Bürger in ebendiesem höchstpersönlichen Bereich eine Entscheidung abnötigt, die er häufig nicht zu treffen bereit ist.

Mit der Frage, was es für das Sterben, genauer für den weiteren Weg der Seele ggf. bedeutet, wenn ein klassisches Abschiednehmen nicht mehr möglich ist, sondern der noch warme/warmgehaltene Körper ausgenommen und – je nach „Verwertbarkeit“ der Organe – vielleicht nur noch eine wieder zugenähte leere Hülle beerdigt wird, möchte ich Sie nicht langweilen, da ich vermute, dass sie für Sie nicht relevant ist.

Allerdings gebe ich folgendes zu: Hätte ich selbst ein krankes Kind, das auf ein Spenderorgan angewiesen wäre, wäre mir das alles einigermaßen gleichgültig, ebenso wie der Umstand, dass der Körper (worauf auch @ Franz Bettinger verweist, der mehr davon versteht als ich) ein fremdes Organ sehr häufig nicht annimmt – solange mein Kind nur (etwas länger) leben dürfte. Das ist aber Teil des Dilemmas, das im Nachbarstrang erörtert wurde.

Am Rande: Wieso ist das entlarvend für die AfD? Sie schreiben doch selbst, dass bei den Grünen die Ablehnung fast genauso groß war, was bedeutet, dass man diese Regelung aus unterschiedlichen Richtungen kommend kritisch sehen kann.

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