20. Januar 2020

Sonntagsheld (135) – Mythopoeia

Till-Lucas Wessels / 7 Kommentare

Der Sekretär des letzten Homer

Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.

Es ist unmöglich einen Artikel über den am 15. Januar verstorbenen Christopher Tolkien zu schreiben, ohne mit einem Verweis auf J.R.R. Tolkien zu beginnen, war doch die Herausgabe der umfangreichen Schriften seines Vaters das Lebenswerk des Sohnes. Daß nun allerdings in so manchem Nachruf zu lesen ist, er habe stets im Schatten seines Vaters gestanden, ist dennoch zu kurz gedacht.

Richtiger erscheint mir viel mehr die Vorstellung, daß Vater und Sohn – beide renommierte Mediävisten und Philologen - sich gleichermaßen im Dienst, im Bann und damit letztendlich im Schatten der gemeinsam entdeckten Sagenwelt befanden. Christopher Tolkien beschrieb in einem Interview auch die Distanz seines Vaters zur eigenen Autorschaft: Die frühen Mythen, die den Hauptcorpus des Silmarillion ausmachen, "waren für ihn wie die Mythen der realen Welt, die er beobachten und untersuchen konnte."

Das Verhältnis von Vater, Sohn und Werk war dabei so eng, wie man es sich nur denken kann: Schon als Kind hatte Christopher von seinem Vater die Legenden von Beren und Luthién am abendlichen Kaminfeuer gehört, auf seinen Einsätzen als Kampfpilot begleiteten ihn stets aktuelle Kapitel des in Entstehung befindlichen “Herrn der Ringe”, bei dessen Niederschrift sein Vater ihn um kollegialen Rat fragte.

Insbesondere im Bezug auf das umfangreiche Frühwerk jenseits des “Herrn der Ringe” und des “Hobbits” entwickelte sich auch Christopher immer mehr zum partnerschaftlichen Entdecker einer ganzen Mythologie, die er maßgeblich redigierte, herausgab und später (widerstrebend) mit eigenen Fragmenten vervollständigte. In der Zusammenarbeit mit seinem Vater zeichnete er dabei vor allem für das Kartenmaterial Mittelerdes verantwortlich – die heute den Büchern beiliegenden Abbildungen beruhen in der Regel auf seinen Entwürfen und Zeichnungen. Dabei kam ihm zugute, daß er von Kindesbeinen an in der “Zweitwelt” [im Original: secondary world] seines Vaters aufgewachsen war: “Für mich sind die Städte aus dem Silmarillion realer als Babylon”, sagte er einmal.

Spätestens mit dem Tod J.R.R. Tolkiens übernahm Christopher die komplette Verantwortung für das Gesamtwerk seines Vaters und verwaltete dessen Erbe und Andenken pflichtbewußt. Ihm ist es zu verdanken, daß mit dem Silmarillion 1977 Tolkiens heimliches Hauptwerk veröffentlicht wurde, welches die wesentlich populäreren Geschichten vom Herrn der Ringe und dem Hobbit in einen umfassenden mythologischen Kosmos einband.

Den späteren filmischen Adaptionen des Stoffes stand J.R.R. Tolkiens “chief critic and collaborator” dabei kritisch gegenüber, konnte sie aber aufgrund der noch von seinem Vater veräußerten Filmrechte nicht verhindern. Über die Filme des Regisseurs Peter Jackson sagte er:

Tolkien ist zu einem Monster geworden, das von seiner Popularität verschlungen und von der Absurdität der Zeit absorbiert wird. Die Kluft, die sich zwischen der Schönheit, dem Ernst der Arbeit und dem, was sie ist, aufgetan hat - das alles ist mir ein Rätsel geworden. Ein solcher Grad an Kommerzialisierung reduziert den ästhetischen und philosophischen Umfang dieser Schöpfung auf nichts. Ich habe nur noch eine Lösung: Mich abzuwenden.

Vermutlich gehört es zu den gnädigeren Wendungen des Schicksals, daß Christopher Tolkien nun seinem Vater nachgefolgt ist: Für die kommenden Jahre hat der Streaming-Dienst Amazon Prime mehrere Staffeln einer Herr der Ringe-Serie angekündigt, die den in den Hobbit-Filmen bereits erreichten Grad an Perversion und Textferne vermutlich noch um ein Vielfaches in den Schatten stellen werden.

Bei diesen trüben Aussichten empfiehlt es sich, dem Beispiel der zwei großen Tolkiens zu folgen und sich von Zeit zu Zeit gemeinsam mit ihnen der “Zweitwelt” zuzuwenden: In meinem Regal stehen ihre Werke neben Bibel, Edda, Bhagavad Gita, Ilias und Koran.


Till-Lucas Wessels

Till-Lucas Wessels studiert und ist identitärer Aktivist sowie »Minenhund für zukünftig Zumutbares«.


Kommentare (7)

Homeland
20. Januar 2020 07:29

Lieber Till-Lucas Wessels,
wichtig ist, was Sie in die Erste Welt mit herübernehmen, wie andere auch, aus den zweieinhalb Metern intelligenter Zweitwelt, von der Ihre Vision für die Realität getragen ist, ohne mit dem Schleier der Ratlosigkeit den beabsichtigten Weg bestenfalls nur anzudeuten. Mit ratlosen Andeutungen und dann von da und dort dazu gelieferten Grabbeigaben nämlich, die sich um die eigene Achse drehen, kommen wir jedenfalls nicht weiter, sondern sind nur heimlich schlau, wie die Tolkiens auch. Es sei denn, genau das bliebe das Ziel.
Beste Grüße,
das werte Homeland

RMH
20. Januar 2020 08:17

"die den in den Hobbit-Filmen bereits erreichten Grad an Perversion und Textferne vermutlich noch um ein Vielfaches in den Schatten stellen werden."

Ganz so theatralisch braucht man den Stab über die Verfilmungen jetzt nun auch wieder nicht zu brechen, denn gerade die Verfilmung des "Hobbits" ist sehr textnah - nur reichte der Text eben nicht für drei Teile, also ersann man sich - im wesentlichen für Action Szenen - Neues dazu.

Wie auch immer, das Thema Buch versus Film ist stets das alte und gleiche. Wer ernsthaft noch Zeit hat zu lesen, der soll bitte vorrangig lesen. Er kommt von alleine in diese Welten und wer sich noch in so etwas Altmodisches wie ein Kino setzten mag, der wurde im Vergleich zu den sonstigen Sachen, die über die großen Leinwände flimmern, mit den Jackson Verfilmungen meiner Meinung nach trotz allem nicht schlecht bedient.

Wenn ein Christopher Tolkien sich hier nicht wieder fand, ist es nachvollziehbar. Ändert aber wenig daran, dass die Filmemacher aus dem Inhalt der Bücher eben ihr ganz eigenes "Kunstwerk" geschaffen haben. Und noch kein Buch der Welt wurde auch nur ein Jota schlechter, weil es einmal verfilmt wurde. Mal gelingt es mit der Verfilmung, mal eben nicht.

Und jede Zeit hat die Fantasie-Literatur, die es verdient (ja, die Gralshüter und Lordsiegelbewahrer Tolkiens werden mich alleine schon dafür hassen, dass ich das Wort "Phantasy" im Bereich von Tolkien überhaupt verwende). Das 20 Jhdt. Tolkien, das 21 Jhdt. (wenn auch schon in den 90ern des. 20. Jhdts. begonnen) eben das "Lied von Eis und Feuer" von R.R. Martin (Achtung, soll nicht abwertend gemeint sein: Das "Lied von Eis und Feuer" ist lesenswert! Ob man die beiden - also J.R. R. Tolkien und R.R. Martin - überhaupt vergleichen kann, darf etc. , darüber sollen sich die Gelehrten streiten. Als reiner Literaturkonsument und Laie darf ich aber die beiden in einen Zusammenhang stellen).

C. Tolkien:
Er hat mir durch die Ermöglichung der Veröffentlichung von weiten Teilen des Werkes seines Vaters viele Lesestunden ermöglicht, zuletzt las ich "Der Fall von Gondolin" - ein Buch aus einer anderen Zeit, welches gerade aber auch heute lesenswert ist. Ich bin dankbar dafür.

Franz Bettinger
20. Januar 2020 11:00

Es gibt nur wenige Filme, die besser als das Buch waren. „Einer flog übers Kuckucks-Nest“ ist einer. Das Buch wäre ohne den Film weitgehend unbekannt geblieben. Sehr gut verfilmt wurde auch „Das Parfum“. Der Tolkien-Plott „Der Herr der Ringe" hat mir als Film nicht imponiert. Okay, ist Geschmacksache.

Suedburgunder
20. Januar 2020 11:37

Die Liste der zumindest kongenialen Verfilmungen, werter Bettinger, ließe sich noch ein wenig fortführen. Mir fällt da zunächst ganz spontan Viscontis "Tod in Venedig" ein (obwohl da die Meßlatte der literarischen Vorlage kaum höher liegen kann).

Laurenz
20. Januar 2020 16:38

Hier ist @RMH zuzustimmen. In der Regel wird ein Film-Skript, daß sich an einem Buch orientiert, inhaltlich gekürzt, wie zB "Der Name der Rose", "Das Boot" usw.
Beim "Hobbit" lief es umgekehrt, natürlich aus monetären Gründen, das ist auch legitim. Wenn man schon die ganzen hochkarätigen und hoch-dotierten Schauspieler für längere Zeit nach Neuseeland karrt, ist mit 3 ganzen Filmen mehr Ertrag zu erzielen als mit einem. Insofern hat Peter Jackson alles richtig gemacht.

Und Christopher Tolkien hat dasselbe Problem wie religiöse Schrift-Gelehrte. Man verbleibt im Zeitgeist der Entstehungszeit des Schriftwerks, ein Film übrigens auch, das bedeutet für den Betroffenen das Ende der Evolution. Schon morgen ist das Werk von gestern. Der Zeitgeist und die Sprache wandeln sich, wie alles, permanent. Hier haben Schrift-lose Erzähl-Kulturen einen enormen Vorteil, die Erzählungen transformieren sich mit den jeweils neuen Erzählern, etwas, was in der Edda noch spürbar ist. Aus diesem Standpunkt heraus, hat Peter Jackson auch alles richtig gemacht.
Und wenn J.R.R. Tolkien es anders handhabte, als Seine Kollegen, zB Buchheim, Harrer oder Rowling, die sich Mitsprache-Rechte am Filmwerk sicherten, wird Er Seine Gründe gehabt haben, die zu respektieren sind.

Die Einteilung Christopher Tolkiens in "primary" - und "secondary" World, liegt wohl einer falschen Schlußfolgerung zugrunde. Wie läßt George Lucas einen Jedi (Liam Neeson) sagen:" Deine Realität wird von Deiner Wahrnehmung bestimmt".
Die Welten J.R.R. Tolkiens sind weniger erfunden, sondern vielmehr aus vorhandenen Mythologien adaptiert, ebenso die Sprachen der Elben, Zwerge und die Mordors aus vorhandenen Sprachen, wie zB dem Walisischen entlehnt.
Also wiedermal im Westen nichts Neues, nur gut aufbereitet, was an sich in der Form eine epische Leistung ist. Hinzu kommt, daß "Der Herr der Ringe" quasi 2sprachig geschrieben wurde und J.R.R. Tolkien die Ausdrucksstärke der Deutschen Sprache, im Vergleich zum einfältigen Englisch, liebte.
Besonders interessant ist die Bemerkung Christopher Tolkiens über die Distanziertheit Seines Vaters zum eigenen Werk. Das kommt ja nicht von ungefähr. Natürlich schöpfte J.R.R. Tolkien Seine Schriften aus Seiner extravaganten Bildung heraus, aber die Bücher wurden doch intuitiv in der Absicht des Großen Geistes geschrieben, welcher in Europa zuhause ist. Das hat mit Wissenschaft im technischen Sinne nichts zu tun.
Nicht umsonst wurden selbst die sehr Linken (Elativ) aller Linken von diesen im Grunde faschistoiden und rassistischen Büchern (zumindest nach linker Deutungshoheit) begeistert gelesen. Und keinem fiel auf, was man da eigentlich liest oder las. Die Spannung, die mit diesen Bücher einhergeht, trifft/triggert den Leser in seinem tiefsten Sein, das, was ihn selbst in tausend Generationen geschaffen hat, ein inneres, zugedecktes, verborgenes Wissen. Das hat mit dem süßen linken Leben oder der verkopften Existenz eines katholischen Professors in Britannien nichts zu tun. Seien wir dankbar dafür.
Mein Bücherschrank ähnelt dem Herrn Wessels ungemein. Und es ist ein magischer Luxus, sich befreit vom Kopfe, mit dem eigenen Bewußtsein auf Zeitreise zu gehen, wenn man dazu in der Lage ist. (Es gibt selbst im alten Rom keine Lichtschalter.)
Ich schau da allerdings nur noch ungerne rein. Umso älter man wird umso knapper wird die Zeit, die einem noch bleibt. Wenn man weiß, wer man ist und wo man herkommt, ist es vielleicht zweckdienlicher das Neue zu erschaffen, als dem Alten zuzuwinken.

Maiordomus
20. Januar 2020 19:28

Der wahre Homer bleibt Homer selber, mit sowohl der Ilias und der in keiner Weise zu unterschätzenden Odyssee, weil das dsa Thema Heimat sogar unübertrefflich klassisch illustriert ist.

Wilhelmsmax
21. Januar 2020 10:07

Filme und Bücher können stets nur subjektiv wahrgenommen und bewertet werden. Ich für meinen Teil fand die Bücher sagenhaft, allein Herr der Ringe habe ich 3 mal komplett gelesen (als Jugendlicher), die Filme fand ich dann als Erwachsener nicht minder beeindruckend, textnah und einfach klasse verfilmt. Noch heute schaue ich ca. 1x pro Jahr alle 3 Filme, wenn ich zu Hause mal sturmfrei habe...

"Ein solcher Grad an Kommerzialisierung reduziert den ästhetischen und philosophischen Umfang dieser Schöpfung auf nichts."

C. Tolkien überschätzt hier das Werk. Ich würde es weder als "Schöpfung" beschreiben (das klingt schon fast vermessen) noch als philosophisches Werk. Es ist und bleibt Unterhaltung auf höchstem Niveau, sowohl das Buch als auch die Filme. Jedenfalls für uns Kosumenten, die nicht in der Traumwelt des Vaters aufgewachsen sind. Und das sage ich als ausgesprochener und bekennender HDR-Fan!