Hahn im Korb

PDF der Druckfassung aus Sezession 84/Juni 2018

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ob denen, die anno 1968ff. von einem »aus allen Zwän­gen befrei­ten Indi­vi­du­um« als Zukunfts­vi­si­on schwärm­ten, eine pro­to­ty­pi­sche Phy­sio­gno­mie vor­schweb­te? Dop­pel­kinn, Dau­er­wel­le und Drei­ta­ge­bart dürf­ten aus­schei­den, zu »satu­riert« das eine, zu »nor­ma­tiv« das ande­re, zu »fas­hy« das dritte.

Aber: Wie wäre es mit Sascha Lobo, die­sem Typen, der seit zwölf dunk­len Jah­ren eine kos­me­tisch auf­wen­di­ge rote Iro­ke­sen-Fri­sur trägt? Die­ser Umstand ist aus vie­len Grün­den beacht­lich: Ers­tens, weil Herr Lobo mitt­ler­wei­le 43 Len­ze zählt. Zwei­tens, weil die­se Fri­sur wirk­lich ein Allein­stel­lungs­merk­mal ist (Punks schau­en seit­her, daß sie nicht ver­wech­selt wer­den). Drit­tens wird »kul­tu­rel­le Aneig­nung« (der »Iro­ke­se« gehört den Iro­ke­sen­par­don, den Hau­deno­saunee) seit gerau­mer Zeit äußerst kri­tisch gese­hen. Dies­be­züg­lich Anwür­fe gegen Lobo sind nicht bekannt. (Eine Toch­ter, sie sieht nicht gut, frag­te, war­um der Mann eine CD im Kopf stek­ken habe. Ich fand die­se Ansicht interessant.)

Nun ist Herr Lobo von der­ar­ti­ger Pro­mi­nenz, daß sich das Reden über den Hah­nen­kamm eigent­lich ver­bie­ten müß­te. Er selbst sagt bezüg­lich sei­nes Mar­ken­zei­chens, es sei »ein erhe­ben­des Gefühl, wenn man sich der Pein­lich­keit« aus­set­ze. Und doch besticht die Visi­on, die der Salon­leni­nist Diet­mar Dath in sei­nem Roman Die Abschaf­fung der Arten aus­ge­malt hat. In sei­ner Welt ver­fü­gen die Wesen frei über ihre kör­per­li­chen Pro­duk­ti­ons­mit­tel, es herrscht eine Art Bio­kom­mu­nis­mus: Men­schen und Tie­re kreu­zen sich zu neu­en Arten.

Voi­là! Even­tu­ell tra­gen sie dann das vor, was sich in ihrem Hirn gera­de auf­hält. Even­tu­ell haben sie ein ele­gan­tes, klei­nes Mikro ihrem Ver­laut­ba­rungs­ap­pa­rat vor­ge­schnallt. Herr Lobo kennt die­se Situa­ti­on. Er ist der Ver­laut­ba­rer unse­rer Zeit. Er, der nach 38 Uni­ver­si­täts­se­mes­tern den Stu­di­en­gang Gesell­schafts- und Wirt­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on mit einem Diplom abge­schlos­sen hat, spricht unent­wegt. Er ist gefragt.

Zuletzt war er im Früh­jahr auf der »Digi­tal­kon­fe­renz« re:publica einer der Haupt­red­ner. Wie im ver­gan­ge­nen Jahr ent­warf er dort Schlacht­plä­ne gegen »die Rech­ten« im Netz. Die Quint­essenz sei­nes Vor­trags wur­de für nach­rich­ten­re­le­vant befun­den: »Ich kämp­fe für eine Gesell­schaft, in der eine jüdi­sche, arbeits­lo­se, les­bi­sche She-Male im Biki­ni betrun­ken knut­schend an jedem Ort mit einer stil­len­den schwar­zen behin­der­ten Ex-Mus­li­ma mit Kopf­tuch auf der Stra­ße tan­zen kann – ohne Angst um ihre Exis­tenz haben zu müs­sen – und mit WLAN!« Ja, was, wenn nicht das, ist eine coo­le Visi­on! Darf man an einen Hit des poli­tisch un- ver­däch­ti­gen Lie­der­ma­chers Fun­ny van Dan­nen erinnern?

Natür­lich bin ich kein Rassist,
ich hab vorm Kopf kein Brett
Die meis­ten les­bi­schen, schwarzen
Behin­der­ten sind alle furcht­bar nett (…)
Geht die­ses Lied noch wei­ter, die Antwort
lau­tet »Nein«
Doch auch les­bi­sche, schwar­ze Behinderte
kön­nen ätzend sein

Herr Lobo wür­de das ver­mut­lich nicht leug­nen. Das ist sein Trick: Alles sagen, nichts mei­nen. Alles kann, nichts muß. Aber alles darf sein kön­nen, oder so – was etwas kon­fus klingt. Ist es auch. In Sascha Lobo, die­sem Mikro-Mann, bün­delt sich der Geist der Zeit. Nach eige­nen Anga­ben lebt er, der weder »Jour­na­list« noch »Blog­ger« genannt wer­den will, son­dern »Vor­trags­red­ner« oder »Autor«, zu »rund 90 Pro­zent« vom Schwadronieren.

Der »Netz­ex­per­te« ist für »Reden, Key­notes und Din­ner Spee­ches« buch­bar, er redet für alle über alles. Das geht in jeder Hin­sicht mun­ter durch­ein­an­der. Einer­seits bezeich­net er das blö­de Fuß­volk von PEGIDA etc. als »Latenz-Nazis« (sie­he auf You­Tube »Bus­fah­rer Rad­ke vs. Lobo«), ande­rer­seits äußer­te er 2013: »Gäbe es nur die­se eine Wahl: Jede den­ken­de, jede füh­len­de Per­son wäre lie­ber rechts mit Botho Strauß als links mit Gün­ter Grass.«
Man könn­te fra­gen: Ja, was nun? Lobo wür­de ant­wor­ten: Haupt­sa­che, eine »eige­ne Mei­nung«! Er (»selbst­be­auf­trag­ter Zivil­lob­by­ist mit dem Wirk­be­reich Digi­ta­li­sie­rung und Digi­ta­le Gesell­schaft«) hat jeden­falls immer eine parat. In den letz­ten Jah­ren hielt er (Zitat: »Mit Medi­en des Axel-Sprin­ger-Ver­lags möch­te ich aus Grün­den der Psy­cho­hy­gie­ne so wenig wie mög­lich zu tun haben«) ziel­grup­pen­ge­naue Vor­trä­ge unter ande­rem bei: Aba­tus Ver­mö­gens­ma­nage­ment, Alli­anz, Uni­on Invest­ment, Novar­tis, Roche Phar­ma, Tou­ris­mus Baden-Würt­tem­berg, Mie­le, Indus­trie­ver­band Kör­per­pfle­ge- und Wasch­mit­tel, Bun­des­ver­band Medi­zin­tech­nik, ELITE Gerä­te­händ­ler­fach­ta­gung, Immo­bi­li­en­ver­band Schweiz, Ver­band der Unter­neh­mens­ju­ris­ten, Bun­des­zahn­ärz­te­kam­mer, Bay­ri­sche Zahn­ärz­te­kam­mer, Hes­si­sche Zahn­ärz­te­kam­mer, Bun­des­ver­band Well­pap­pe Indus­trie, Trau­ring Juwe­lier Tagung, IKEA, Otto, DM.

Herr Lobo, der zum 9. Novem­ber artig Stol­per­stei­ne pos­tet und sich für »Free Deniz!« enga­gier­te, kennt alle Ant­wor­ten auf alle Fra­gen. Mot­to: Das, was alle ande­ren sagen, in ein paar kecke dia­lek­ti­sche Schlei­fen ver­pa­cken und mit Vehe­menz zum Vor­trag brin­gen. Wenn eine haupt­säch­lich aus Frau­en bestehen­de Kul­tur­ju­ry 34 Men­schen mit einem Preis aus­zeich­net und dar­un­ter nur vier Frau­en sind, hat Herr Lobo wie­der einen maß­ge­schnei­der­ten Begriff im Jackett ste­cken: »Pim­mel­pa­ra­de«. Die Dis­ket­te im Schä­del spult unent­wegt. So wuß­te er auch zur »Zukunft der Apo­the­ken« (einer der 214 Ziel­grup­pen sei­nes Porte­feuilles) anno 2017 gescheit vor­zu­tra­gen: »Irgend­wann wer­den wir Medi­ka­men­te auch online kaufen!«

Lobo bekennt sich dazu, an ADS zu lei­den und »links­li­be­ral­de­mo­kra­ti­scher Ver­fas­sungs­pa­tri­ot« zu sein. Herr Lobo (Zitat: »wir, die pro­fes­sio­nel­le Medi­en­land­schaft«) ist die Ver­kör­pe­rung des Post-68er Welt­an­schau­ungs­kon­sen­ses. Zu sei­nem ent­schie­den vagen per­sön­li­chen Pro­fil zählt gemäß sei­ner Home­page fol­gen­des: »Grup­pen­be­zo­ge­ne Men­schen­feind­lich­keit ist mir außer­or­dent­lich zuwi­der, ins­be­son­de­re Antisemitismus/Antizionismus, Ras­sis­mus, Homo- und Trans­pho­bie, Sexis­mus, Miso­gy­nie und Behindertenfeindlichkeit.«

Im Rah­men sei­ner Trans­pa­renz-Richt­li­ni­en lis­tet die­ser Mul­ti­mensch auch auf, wem sei­ne »Frau und/oder ich« in den letz­ten Jah­ren Spen­den zukom­men ließ: Unter ande­ren dem Anti­se­mi­tis­mus-Pro­jekt der Ama­deu-Anto­nio-Stif­tung, dem »Rechts«-Aussteiger Pro­jekt Exit und dem Tier­heim Ber­lin. Sei­ne Frau beschreibt ihn als hoch­sen­si­blen Menschen.
Im Tages­spie­gel stand, daß die bei­den »nach den Atten­ta­ten von Paris bis spät nachts wei­nend im Bett« saßen und »im Minu­ten­takt auf Twit­ter oder Face­book oder sonst­wo schau­ten, ob es Neu­ig­kei­ten gab.«

Das von allen Bin­dun­gen frei­ge­las­se­ne Sub­jekt tut also nur so grim­mig, per Kopf-CD, gebü­gel­tem Hemd, und ent­schie­de­nem Lip­pen­schurz. Er will nur spie­len. Wir nen­nen es Arbeit hieß das Buch, das 2006 zeit­gleich mit dem Hah­nen­kamm in die Welt gesetzt wur­de. Gut vor­stell­bar, daß unse­re Uren­kel im Geschichts­buch die »Ära Mer­kel« mit Herrn Lobos Kon­ter­fei illus­triert vorfinden.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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