1. Juni 2018

Gauweilers 68er und das konservative Dilemma

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 84/Juni 2018

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  • Sezession

Peter Gauweiler, Urgestein der CSU, gehört zu den wenigen etablierten Politikern, von denen man über Jahrzehnte mutig-originelle Ansichten fern von parteimäßigem Gruppenzwang oder gebotener »Korrektheit« hören konnte. Um so befremdeter las ich in der Wochenzeitung Junge Freiheit vom 30. März 2018 sein Interview über »68«. Etliche seiner altersmilden Äußerungen erweisen sich als analytische Fehlleistungen von erheblicher Naivität. Führende Rebellen von damals gelten ihm danach sozusagen als »Micky-Maus-Revolutionäre« einer BRD-Politfolklore, die »ganz großes Drama« bot, und ihre Taten als verständliche Jugendsünden mit partiell positiver Wirkung. Sein generöses Gesamturteil verlangt eine Replik!

1.Gauweilers Bilanz

Zum spärlich Negativen, das der Interviewer Moritz Schwarz seinem Gesprächspartner über die 68er entlocken konnte, gehört ihr pharisäischer Haß auf die Elterngeneration, wo sie doch »leider auch für Totalitarismus standen«. Zudem hätten sie die heute immerhin von allen akzeptierte
»Westbindung, repräsentative Demokratie und Marktwirtschaft« attakkiert, dazu zur Auflösung von Werten wie Fleiß, Ordnung, Demut, Vaterlandsliebe, Treue oder der Form beigetragen. Zu ihren Gunsten spreche immerhin der starke Wunsch, »die Welt zu verbessern«, Kritik am Vietnam-Krieg, ihr Hinweis auf die kapitalistische »Fehlkonstruktion im Verhältnis zur Dritten Welt« und auf Verdrängungen der Kriegsgeneration.

Auch »ungesunde gesellschaftliche Zustände, von der Familie bis zur Kirche« hätten sie aufgegriffen in edler jugendbewegter Traditionslinie bis zurück zu den Stürmern und Drängern. Denn »Achtundsechzig bestand auch aus großen Hervorrufungen, die uns freier gemacht haben.«
Auf dieses Urteil trifft seine eigene Feststellung zu: »Die halbe Wahrheit ist die ganze Lüge.« Übernimmt er doch leichtfertig die Heroenlegende vieler Protagonisten der 68er, auf der sich bis heute der linke politmoralische Hegemonialanspruch aufbaut.

Dabei galt ihm zuvor noch deren Anmaßung (exemplarisch: Grete Dutschke), erst ihre antiautoritäre »Therapie« hätte die hiesige Demokratie wirklich belebt, als »Quatsch«. Denn wäre dies so, wie erklärte sich unsere heutige beklagenswerte Duckmäuser-Republik, die anschaulich durch einen Maulkorb symbolisiert wird? Oder nehmen wir als kurioses Symptom den Massenverkauf von Mao-Bibeln, die schon begrifflich auf die quasi religiöse, autoritätshungrige Kehrseite der APO verweisen.

2.Freiheit

Reden wir also zunächst über das kardinale Qualitätsmerkmal eines Gemeinwesens: die Freiheit! Tun wir es ohne retrospektive Besserwisserei, die mir selbst nicht zusteht! Denn mit einer Wunschbiographie, wonach ich damals dem Zeitgeist tapfer Paroli geboten hätte, kann ich nicht die-
nen. Eher sehe ich mich, der nach zwei Jahren Bundeswehr im Herbst 1967 mit dem Studium begann, rückblickend in einer Simplicius-Rolle oder derjenigen Hans Castorps im Zauberberg. Denn etwa ein Jahr lang erlebte ich die Protestszene zwischen Anziehung und Abstoßung.
Ich rauchte zwar keine Joints oder hing Klischees über BRD-»Faschismus« an.

Auch vom realexistierenden Kommunismus, vor dem meine Familie geflohen war, wußte ich zu viel, um ihm zu verfallen. Immerhin träumte ich als Anhänger der Konvergenztheorie von einer spannungsmindernden Annäherung des Ost- und Westblocks oder von Dubceks »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«. Als dann der Warschauer Pakt per Einmarsch in Prag diese Hoffnung niedertrampelte und mir in Heidelberg von irgendwelchen Linksgruppen rechtfertigende Flugblätter in die Hände fielen oder andere, die Solschenizyns Archipel Gulag als bloße CIA-Propaganda abtaten, beendete dies den geistigen Flirt mit solchen Vordenkern.

Konzedieren wir dennoch, daß es für Aufruhr auch nachvollziehbare Gründe gab, vor allem die Schüsse auf Rudi Dutschke. Sie empörten und solidarisierten selbst Menschen außerhalb seiner politischen Gefolgschaft. Noch heute, wo Gewaltattacken meist die rechte Protestszene treffen, empfinde ich Abscheu vor dieser Tat. Hinzu kamen Dekolonialisierungs-Sympathien oder Skepsis angesichts der Art und Motive, mit denen Amerika »Demokratie« exportierte – für Gauweiler ein US-Geschenk an uns.

Oder denken wir an unsägliche Prüderien: Meinem Freund kündigte man die Studentenbude, weil er nach zehn Uhr noch Besuch hatte. § 175 bedrohte Männerliebe mit Gefängnis. Das ARD-Fernsehgericht verhandelte einen Kuppelei-Fall, in dem Eltern den künftigen Schwiegersohn über Nacht beherbergt hatten. Solche Straftatbestände gab es damals noch. Das alles (und leider mehr) wischten an die Macht gelangte 68er mit einem Federstrich beiseite, um dafür allerdings eine kaum weniger abstoßende sexuelle Indoktrination unserer Kleinsten von der Kita bis zum KiKa einzutauschen.

Auch der Inkognito-Enthüller Wallraff galt uns als Star im Kampf gegen BILD, deren tägliche Manipulation auf der Hand lag. Ich übersah damals nur, daß man Springers Lügen- oder Lückenorgane vor allem deshalb verteufelte, um ein linkes Blockmonopol an seine Stelle zu setzen. Denn gänzlich unvorstellbar war mir die heutige Presselandschaft, in der man zwischen Spiegel, taz, ZEIT, FAZ, BILD oder Welt nur mehr Stilunterschiede wahrnimmt oder Differenzen hinsichtlich der Satz- und Artikel-Länge.

Kurzfristig blendete auch die David-gegen-Goliath-Pose, mit der diese Jugendbewegung vorgab, gegen eine starke Bastion autoritärer Väter anzurennen. Wie schwach die in Wirklichkeit waren, durch Selbstzweifel und geschichtliche Drohungen angekränkelt, zeigte sich, als innerhalb eines Jahrzehnts ihre geistigen Fundamente eingerissen waren.

Was von großer revolutionärer Kraft zu zeugen schien, attackierte also lediglich die bereits bröckelige Prunkfassade eines längst verfallenen Gebäudes. Schon erhebliche Teile des universitären Mittelbaus kollaborierten zum Nutzen ihrer Laufbahn.
Ohnehin profitierten die 68er finanziell wie ideell von potenten Unterstützern im Hintergrund, die ihnen trotz ihres Anti-Establishment-Furors von Anfang an eine breitere Machtbasis gaben.

Dazu gehörten Jugendorganisationen von Parteien (insbesondere der SPD), Gewerkschaften, einflußreiche Kräfte der EKD, Geheimdienste der kommunistischen Internationale sowie Vergangenheitsbewältigungs- oder Feminismus-Organisationen. Auch kam ihnen entgegen, daß der proklamierte Marsch durch die Institutionen schon erheblich früher durch trendsetzende Reeducation-Berufungen begonnen hatte. Sie konnten somit auf zahlreiche Vorposten in Rundfunk- und Fernsehanstalten, Presse- und Buchverlagen, Universitäten oder einem Subventionstheater als Multiplikatoren zählen.

Daß übrigens zuvor keine nennenswerte Aufarbeitung der NS- Epoche stattgefunden hätte, ist eine offenbar »unausrottbare Legende« (Manfred Kittel). Es gab in den Medien oder Schulen zwar noch nicht die heute ganzjährige Rundumbetreuung mit antifaschistischem Moralin, aber zweifellos genügend Bücher, Filme, Theaterstücke, Vorträge oder Gedenkveranstaltungen zur Auseinandersetzung mit 1933 /45. Ich nenne stellvertretend Frischs Andorra (Schullektüre wie Anne Frank),
Hochhuths Stellvertreter, Dramen oder Romane von Zuckmayer, Brecht, Borchert, Grass, Walser, Böll, Kuby. Hinzu kommen historisch-politologische Standardwerke von Gerhard Ritter über Eugen Kogon bis Karl Dietrich Bracher, Wolfgang Sauer, Gerhard Schulz oder Hannah Arendt. Kampfschriften und Dokumentationen von Joseph Wulf, Franz Schonauer oder Ernst Loewy widmeten sich (polemisch) den im Dritten Reich gebliebenen Autoren und Künstlern.

Ab Mittelstufe besuchte man klassenweise Erwin Leisters Mein Kampf. Die Textsammlung des unsäglichen Walther Hofer zum Dritten Reich erzielte sechsstellige Auflagen. Der Münchner Germanistentag 1966 nahm sich fachlicher Verstrickungen an, Helmut Heiber und andere beleuchteten Historiker in Nazi-Deutschland. Eine Rede Emil Staigers führte zur vergangenheitspolitischen Polemik des »Zürcher Literaturstreits«.

Selbst der Erste Weltkrieg war mit Fritz Fischers tendenziösem Griff nach der Weltmacht längst in ein Kontinuum »deutscher Daseinsverfehlung« gebracht worden und vieles mehr. Kurz: 1968 trat man viele offene Tore ein.
Meinungsbeschränkungen gab es gleichwohl nicht nur für jegliche Form nazistischer Propaganda. Seit dem Parteienverbot der KPD 1956 hatten kommunistische Aktivisten mit Anklagen zu rechnen. Doch gab es gegen solche Ausgrenzung selbst im bürgerlichen Lager deutlichen Widerspruch, der in SPIEGEL, ZEIT oder Süddeutscher Zeitung bis zum Vorwurf politischer Justiz per Verfassungsgericht reichte.

Nicht zuletzt in Panorama äußerten sich Prominente wie Eugen Kogon dezidiert. Man kann sich Entsprechendes über sogenannte »Rechte« in unserem heutigen Staatsfunk schlicht nicht vorstellen, wo das Systeminteresse überwiegt, sie politisch-moralisch zu kriminalisieren und ihnen Darstellungsplattformen zu verweigern.

Solche Praxis gründet in 68er-Tradition. Denn auch deren Führer ersannen ausgefeilte Techniken und Tricks, Gegner einzuschüchtern oder ihnen das Wort abzuschneiden. Merkten sie doch schnell, daß das Volk, das sie ständig im Munde führten, ihnen nicht wirklich folgte. Die Arbeiter und kleinen Angestellten, die von den Studenten in den Firmen agitiert wurden, standen ihren Vorstellungen ebenso fern wie die Drucker des Springer-Konzerns, deren Gebäude man angezündet hatte. Und rote Fahnen bei Demos mit Sowjetstern oder Mao-Insignien stießen bei denjenigen auf Kopfschütteln, die sie zu befreien vorgaben.

So mußten sich die Agitatoren ihre »proletarische« Legitimation für immer abstrusere, bald terroristische Aktivitäten aus zunehmend exotischen Gegenden entleihen: Peru, Bolivien, Kuba, Kambodscha, Angola, Simbabwe usw. Und die bald nur noch kaderorientierten Politkonzeptionen liefen zunehmend darauf hinaus, daß das Volk von den Erleuchteten erst erzogen werden müsse. Solche Handlungsprämissen haben bei den aktuell Herrschenden überlebt und beeinflussen ihren Regierungsstil gerade heute.

3.Gewalt

Auch Gauweiler kennt 68er-Zerstörungen nach der Devise »Macht kaputt, was euch kaputt macht!« Man hätte »das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Aber jeder weiß das doch.« Eben nicht! Zwar verschweigt der Mainstream Destruktives bis hin zu Terror-Neigungen nicht, aber bagatellisiert sie häufig. Man spricht von Irrwegen einzelner. Etwas Gutes sei aus dem Ruder gelaufen. Wie groß jedoch von Beginn an die Gewaltaffinität führender Agitatoren war, die später in halbseidene Politkarrieren mündete, wie breit die von Hunderttausenden getragene RAF-Unterstützerszene, verdämmert im Bewußtsein, wo Che-Guevara-Poster oder Palästinenserschals eher unter Lifestyle gebucht werden.

Gauweiler selbst verniedlicht die Szene durch Formulierungen, das Ausrufen von Weltrevolution und Volkskrieg seien großes Theater gewesen. Und als Schwarz exemplarisch »Millionen-Meyer« herauspickt, ei- nen von Massenexekutionen schwadronierenden Radikalinski, wiegelt er ab: »Es gibt fürchterliche Zitate aus dieser Zeit. Aber es war eben auch ein Kinderkreuzzug – mit eingeschränkter Zurechnungsfähigkeit aller [!] Akteure.« Die täglichen Beziehungen zur APO hätten auch Spielerisches gehabt, »wenn es nicht die Toten und den Terror gegeben hätte«.

Die allerdings gab es. Rund fünf Dutzend starben durch RAF-Attentate, weit über 200 wurden verletzt, ein Jumbo-Jet wurde entführt, eine Botschaft brannte und manches mehr. Wir reden heute weniger davon als von vermeintlichen Befreiungstaten der Jugendrebellen. Wir reden ja auch selten über Aktionen der »Roten Flora« oder andernorts tätiger Hausbesetzer. Besser nicht genau hinsehen, was Antifa und Autonome so treiben, diese emsigen Zuarbeiter fürs Establishment. Dabei entspringt Etliches davon dem Geist von 68, aus dem sie sich legitimieren. Und schon damals war Gewalt für die Bewegung nicht nur zufällig-unwesentliche Beigabe.

Denn 68 tendierte – auch wenn dies der Masse der Anhänger verborgen blieb – mit gewisser Zwangsläufigkeit zu Gewalt sowie den heutigen Spielarten eines halbtotalitären Tugendterrors. Ohnehin herrscht im Feuilleton bei linken Gewaltprojekten in der Regel ein positives Grundverständnis. Man denke an das gegenwärtige Trierer Jubiläumsspektakel für Karl Marx, dessen angeblicher Humanismus durch eine fünfeinhalb Meter hohe Büste glorifizierend gefeiert wird. Die weltweit hundert Millionen Opfer, die man in seinem Namen schlachtete, zählen da ebenso wenig wie Marx’ persönliche Destruktionswünsche oder rassistische Extremismen.

4.Das große Verständnis

Gauweilers Haltung zu den 68ern ist von christlicher Sanftmut geprägt:
»Tut wohl denen, die Euch hassen!« Dem Haß, den die Politaktivisten seinerzeit der vermeintlich faschistischen Bundesrepublik entgegenbrachten, begegnet er mit geradezu opahafter Nachsicht, die manche Opfer verstören muß: »Im Grunde waren das gute Jungs.« So kann man das sehen, wenn die gleichen Beurteilungskriterien auch für andere militant Entflammte gelten: etwa für zahlreiche junge Europäer, die 1914 ihr August-Erlebnis feierten, oder für jugendlich Erregte, die sich 1933 mit Fakkelzügen am »Tag von Potsdam« berauschten. Viele von ihnen kennzeichnet eine ähnlich schwunghafte Naivität des Anfangs, die im historischen Urteil nicht vollends mit der Schwere des Ausgangs belastet werden sollte.

»Gesinnungen«, formulierte Klonovsky, »sind biographisch bedingt und fast immer tolerierbar. Unverzeihlich bleibt allein die Denunziation.«
Ohnehin geht es nicht darum, jemandem ein Leben lang vorzuhalten, was er vor etlichen Jahrzehnten gedacht, geschrieben oder getan hat. Es geht überhaupt nicht darum, stromlinienförmige Politbiographien einzuklagen. Und nicht darum, menschliche Beziehungen ausschließlich politisch zu bewerten. Wenn Gauweiler also Fritz Teufel schätzte und Scharmützel mit ihm »sehr unterhaltend« fand, ist das seine Sache.

Schließlich gab es unter 68ern neben Betonhirnen fraglos originelle Köpfe oder sprachbegabt-witzige. Auch heutige Oppositionelle von rechts könnten von pointensicheren Provokateuren wie Teufel lernen, der im Gerichtssaal die Anweisung aufzustehen mit dem Bonmot quittierte: »Wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient.«
Auch meine Kontakte beschränk(t)en sich gewiß nicht auf Gleich- gesinnte. Mit einem 68er-Prominenten führte ich über Jahrzehnte trotz schroffer politischer Gegensätze vertraulich-anregende Gespräche. Doch auch wenn wir die Dämonisierung einer nach Hunderttausenden zählen- den Bewegung vermeiden, dürfen wir sie andererseits nicht verniedlichen. Eine nostalgische Erinnerungstrübung ist – um der aktuellen Lagebestimmung willen – unerlaubt. Denn den heutigen Zustand unserer Republik, die eher einer geistigen Zuchtanstalt als einer Demokratie gleicht, verdanken wir zu einem Gutteil dem Einfluß dieser vermeintlichen »Frei- heitsbringer«.

Sie haben die Gesellschaft in Gut und Böse eingeteilt, in eine angeblich dickfellige autoritäre Schuldgeneration und die Jugend, die einen politischen Augiasstall zu reinigen hätte und sich dafür fast jeglicher Zwangsmittel bedienen dürfe. Ihr multikultureller Nationalmasochismus war die positive »alternativlose« Kontrastschablone zu allem, was heute einfallslos als »Nazi« subsumiert wird. Und ihre dogmatische Saat ging auf, als sie den gar nicht so langen Marsch durch die Institutionen beendet hatten.

5.Haben wir gewonnen?

Um so krasser wirkt Gauweilers Ansicht, spätestens 1989 »die große Auseinandersetzung um die alte Bundesrepublik gewonnen« zu haben und daher großmütig urteilen zu sollen. Solche Einschätzung belegt entweder seinen größten Irrtum oder zeigt ihn außerhalb des Spektrums einer nennenswerten Opposition. Denn »gewonnen« hat man gewiß nicht, wenn ein Land sich nach 50 Jahren stärker verändert hat, als selbst wildeste konservative Alpträume in den Endsechzigern prophezeiten. Und eine ideell-administrative feindliche Übernahme ist kein Sieg.

Zwar haben in die Jahre gekommene Revoluzzer Räterepublik, Weltrevolution oder Kapitalismus-Tod von ihrer politischen Menükarte gestrichen und Marxismus durch den »Großen Austausch« ersetzt. Aber ansonsten waren sie erfolgreich wie selten eine Politbewegung, seit die Anführer ihre anarchistischen Flegeljahre hinter sich ließen. Teils selbst überrascht, welch ungeheuren Sozialraum sie bereits mit relativ geringem Aufwand erobert hatten, steckten sie umgehend ihre Karriere-Claims ab. Insofern provoziert Gauweilers naive Feststellung, die meisten 68er hätten doch »ihre zweite Chance genutzt«. Und ob sie das haben!

Nur gewiß nicht zum Segen des Staates, sondern als gesellschaftliche Roßkur, gemixt aus Tugendterror und Pöstchenjagd. Das gilt für die Fischers, Schilys, Trittins, Ströbeles e tutti quanti unseres politmedialen Kartells. Paretos These, daß es bei Revolutionen statt um Klassen-, um Eliten- Austausch gehe, wurde eindrucksvoll bestätigt. Von heute auf morgen sah man sie in hohe Ämter der Kultus- und Justizbürokratie einziehen, in Rundfunkräte, Ordinariate, Direktorenstellen oder solche des Auswärtigen Amts, wo sie sich der »Diplomatenjagd« widmeten (Daniel Koerfer). Sie wurden Minister, Bürgermeister, Intendanten oder Chefredakteure und fungierten damit als »Volkserzieher«. Auch »Millionen-Meyer« cancelte seinen Laufbahnwunsch als Massenmörder und wurde wie so viele bezeichnenderweise Lehrer.

Einige haben sich tatsächlich gewandelt, und es wäre unfair, ihnen lebenslang Jugendsünden vorzuhalten oder für alle haften zu lassen. Aber an den Schalthebeln der Macht mußten die meisten sich nicht einmal groß ändern, sondern zwangen die andern zur Anpassung und Umerziehung. Was martialische Revolutionsaufrufe oder Terror nicht schafften, vollbrachten gesinnungsstarke Bürokraten, teils legal, teils in heimlicher Gewaltallianz mit der Antifa. Sie nutzten die Instrumente des eroberten Staats und trieben die sogenannten Liberalen und sogenannten Konservativen vor sich her. Sie haben das Vergangenheitsbewältigungsspiel als Kampf- und Erpressungsinstrument perfektioniert und auch der erweiterten Bundesrepublik aufgezwungen.

Der Totalitarismus-Ansatz wurde »wissenschaftlich« beerdigt und der frühere Konsens darüber gekündigt. Wichtige Begriffe hat man verwirrt, allen voran die Toleranz. Das bedeutet heute denunziatorisch geförderter Zustimmungszwang – im Dienst eines Weltbilds, das Merkels »Alternativlosigkeit« so idealtypisch repräsentiert. In diesem Sinne hat 68 langfristig fast total gesiegt und stellt jetzt das Establishment – mit dem gravierenden Unterschied, daß die Eroberer von der Schwäche ihrer Gegner gelernt haben und sich mit Zähnen und Klauen gegen eine Reconquista ihrer Besitzstände wehren.

6.Schuldfragen
Auf die 68er-Schuld angesprochen, tut Gauweiler dies als »jakobinisch« ab: Schuld passe doch gar nicht zum Konservativen. Damit greift er begrifflich ähnlich daneben wie mit der Bemerkung, rechter »Verfolgungswahn« sei nicht besser als linker. Natürlich nicht. Doch wo auf der Rechten fände sich der? Im Gegenteil: Rechte guillotiniert man zwar nicht mehr, aber verschont sie gewiß nicht vom strukturellen Rufmord. Das Ganze flankiert durch (öffentlich finanzierte) Straßengewalt, berufliche Einschüchterung oder Vernichtung der bürgerlichen Existenz, etwa durch Kontokündigungen. Jakobiner, um das klarzustellen, stützen sich auf tödliche Exekutivmacht. Sie sprachlich mit der bei der Stange gebliebenen Schar (auch noch uneiniger) Alternativer zu verbinden, die im besten Fall nicht persönlich »zivilgesellschaftlich« angepöbelt, juristisch behelligt oder körperlich attackiert werden, ist grotesk.

Ansonsten wäre es mir auch lieber, wenn in öffentlicher Debatte, statt ständig von Schuld, von auszufechtenden Gegensätzen samt dahinterstehenden Interessen gesprochen würde. Aber seit sieben Jahrzehnten ist hierzulande Schuld nun mal die gängige diskursive Münze, die Sachdebatten umgehend in vergangenheitspolitisch grundierte klebrige Moraltribunale umwandelt – mit festgelegtem Ausgang. Ausgerechnet den Prügelknaben der Nation eine neue Währung des »Großmuts« aufzuerlegen, ist etwas viel verlangt. Gelang es doch 1989 unserer »Elite« einer ernsthaften Erörterung von Verantwortlichkeiten auszuweichen. Stattdessen erlaubte man ihr in unheilvoller Synthese aus westdeutschem Rechten- Bashing und ostdeutscher Stasi-Praxis eine Perfektionierung deutscher Gesinnungsschnüffelei à la Kahane. Wiederholen wir nicht den gleichen Fehler, indem man auf Klärung dessen verzichtet, was uns in diese Mentalitätskloake geführt hat.

7.Was ist Konservativismus?

Den Konservativen zeichne Gelassenheit aus, meint Gauweiler, im Sinne des Gentlemans, der im Salon der »Titanic« den Untergang erwartet. In aussichtslosen Lagen mag dies gelten. Aber solange noch gekämpft wird, erscheint mir das Ausmalen einer solchen Szene als Pose eines Privilegierten, der persönlich auf einen glimpflicheren Verlauf hoffen darf. Ähnliche Haltungen führten in den späten 60ern, als die Voraussetzungen zum Kulturkampf noch erheblich günstiger waren, zur krachenden Niederlage des Konservativismus.

Denn man verkannte damals, indem man sich zeitgemäß »modernisierte«, die wirkliche Dimension der Gefahr oder war – von bemerkenswerten Ausnahmen abgesehen – zu bequem und feige, sich dem linken Zeitgeist zu stellen. Letzteres darf man dem Münchner RCDS- Chef Gauweiler nicht vorwerfen. Damals stand er seinen Mann. Doch daß er im Alter nun die (ideelle, pädagogische und administrative) feindliche Übernahme unseres Staates durch 68 als fast organischen Vorgang beschreibt, der gleichzeitig die nur scheinbar »verlorenen Söhne« geläutert hat, grenzt an Apperzeptionsverweigerung.
Gleichzeitig definiert es Gauweilers heutigen Standpunkt innerhalb nennenswerter Opposition.

Auch als respektabler Querkopf bleibt er Vertreter unseres fatalen Establishments, namentlich einer Mogelpackung CSU, die bei der links-grün-pseudoliberalen Koalitions-Brautschau lediglich etwas zögerlicher konservatives Tafelsilber verjubelt. In Seehofers Heimatministerium mag er – nach Kurtagic – statt zu führen, den »Museumsführer« spielen, etwa mit Vorträgen über König Ludwigs Absetzung als Staatsstreich. Vom viel folgenreicheren legalen »Staatsstreich« durch den Geist der 68er und ihre heutigen Nachfolger hat er wenig wahrgenommen, oder er gleitet darüber mit nostalgischem Lächeln hinweg.

Er hat seinen Frieden mit der geistig und politisch unterwanderten Republik gemacht und gehört letztlich doch nicht zu uns, sondern zu jener Art »Konservativen«, die für ihre Feinde nur die Kastanien aus dem Feuer holen.
Um zu überleben, spottete Kurtagic, geben sie sich links und reduzieren damit ihre Funktion auf »die Organisation der Kapitulation und des Rückzugs, die geordnete Schlüsselübergabe und das Aufrechterhalten von vergeblichen Restaurationswünschen« zur Minderung des revolutionären Risikos. Insofern fungiert Gauweiler weniger als Querdenker denn als Absicherungsfigur am rechten Flügel gegenüber Wählereinbrüchen. Am Ende steht er wie der letzte Trotta in Joseph Roths Kapuzinergruft als Folklorist vor einer innerlich längst ausgehöhlten Tradition. Der Rest ist Schweigen.


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