Emanzipationsfalle

pdf der Druckfassung aus Sezession 12 /Januar 2006

sez_nr_12Daß die „demographische Krise“ derzeit in aller Munde ist, hat man nicht allein der Evidenz der Faktenlage zu verdanken. Die Diskussion um Bevölkerungsrückgang, Überalterung und Fertilitätsquoten hat hierzulande einen Patron: Herwig Birg, bis 2004 Leiter des Instituts für Bevölkerungsforschung der Universität Bielefeld, betätigte sich über Jahrzehnte als nimmermüder Ausrufer eines drohenden demographischen Kollaps, lange auf recht einsamem Feld. Vor wenigen Jahren erst, vor allem, nachdem ökonomische Mißstände – Stichworte: Rentenkassen, Gesundheitssystem – drängender wurden, hielten jene fragilen Bevölkerungspyramiden graphisch Einzug auf den Titelseiten der Leitmedien und wurde die deutsche „1,3-Kinder-Frau“ zum Schlagwort. Seither ist Birg zum kompetenten Bevölkerungspapst avanciert. Zu spät, darf man sagen, denn mit seinen eigenen Worten ist es für die Bundesrepublik „bereits dreißig Minuten nach Zwölf“. Die Eltern nämlich, die heute Kinder zur Welt bringen müßten, sind nie geboren worden. Diese Vakanz einer „ausgefallenen Generation“ trägt sein neues Buch im Titel (Die ausgefallene Generation. Was die Demographie über unsere Zukunft sagt. München: C.H. Beck 2005). Birgs an Zahlen, Statistiken und Schaubildern reiche Schrift, prägnant und mehr im anspruchsvollen Stil eines Fachbuchs denn in dem eines populär aufbereiteten Sachbuchs gehalten, läßt hinsichtlich von Zustandsbeschreibung und Prognose kaum eine Frage offen. Woher die Zeugungsmüdigkeit rührt und was dagegen unternommen werden sollte, kann Birg nur ansatzweise beantworten: Seinen Forderungen nach Ganztagsschulen und Erhöhung finanzieller Leistungen für Familien – dies im Einklang mit sämtlichen Parteiprogrammen ausgesprochen – wird bereits seit Jahrzehnten sukzessive nachgekommen, ohne daß sich die Geburtenrate oder auch nur die Kinderwunschzahl junger Eltern wenigstens stabilisieren würde. Interessanter klingt Birgs Vorschlag für ein Elternbeziehungsweise Familienwahlrecht sowie die Idee, Müttern bei Stellenbesetzungen Priorität vor Kinderlosen einzuräumen – warum, fragt man sich, nicht adäquat – und gerade! – auch Vätern?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Die mög­li­chen Ursa­chen von Gebär­ver­wei­ge­rung und das unpo­pu­lä­rer wer­den­de Leben mit Kin­dern haben längst einen fes­ten Platz in Kom­men­tar­spal­ten und selbst im bei­läu­fi­gen Stra­ßen­ge­spräch gefun­den. Die Motiv­su­che geht gewöhn­lich nach außen und läßt mit­un­ter an das Bild der Gebets­müh­le den­ken: Kin­der­feind­lich­keit, Fami­lien­ar­mut, ins­ge­samt schlech­te Bedin­gun­gen sind jene so viel­zi­tier­ten wie dif­fu­sen Gemein­plät­ze, auf die man die eige­ne Unlust am Kind leicht abwäl­zen kann. Umso inter­es­san­ter ist die Innen­sicht jener „Eman­zi­pa­ti­ons­fal­le“, für die die 38jährige Zeit-Redak­teu­rin Susan­ne Gasch­ke weit tie­fer schürft als es sämt­li­che Kli­schees von Krip­pen­man­gel und Ver­ein­bar­keits­wunsch leis­ten kön­nen (Die Eman­zi­pa­ti­ons­fal­le. Erfolg­reich, ein­sam, kin­der­los. Mün­chen: C. Ber­tels­mann 2005). Der Bevöl­ke­rungs­schwund, so Gasch­kes uner­hör­te The­se, gehe auch auf das Kon­to der deut­schen Frau­en­be­we­gung. Jene eman­zi­pa­to­ri­sche Umwäl­zung vor 35 Jah­ren habe mit all ihren Frei­hei­ten und der Eröff­nung einer mul­ti­op­tio­na­len Lebens­füh­rung für Frau­en die­sel­ben eben auch unter einen gesell­schaft­li­chen und öko­no­mi­schen Druck gesetzt, der die Ent­schei­dung für ein Kind zu einer kom­pli­zier­ten Kopf­ge­burt wer­den las­se. Gasch­kes Buch über Vor- und Nach­teil eines selbst­er­mäch­tig­ten „Bio­gra­fie­de­signs“, über die all­über­all vor­herr­schen­de Sin­gle­äs­the­tik, über die Abschre­ckungs­wir­kung uner­zo­ge­ner Kin­der, über Nut­zen und Nach­teil heu­te gän­gi­ger Sexu­al­auf­klä­rung (die allein eine Anlei­tung zur Kon­tra­zep­ti­on bie­tet), über das „abschich­ten­de erst­mal-Prin­zip“ der Aka­de­mi­ker und damit der Eli­te und Avant­gar­de (erst­mal: „Grund­stu­di­um, erst mal Zwi­schen­prü­fung, erst mal Stu­di­en­ort­wech­sel, erst mal Examen, erst mal beruf­lich Fuß fas­sen, erst mal in der Alt­bau­woh­nung die Die­len abzie­hen, erst mal den rich­ti­gen Part­ner finden.

Und, zwi­schen­durch per­ma­nent: erst mal Spaß haben“), über das „unor­dent­li­che Milieu der Nied­rig­qua­li­fi­zier­ten“ (Überschrift:„Wo Nach­wuchs als natür­lich gilt“) und über die öko­no­mis­ti­sche Wen­de der Fami­li­en­po­li­tik bie­tet eine erle­se­ne Fund­gru­be kaum bedach­ter und haar­scharf for­mu­lier­ter Beobachtungen.
Ein mög­li­cher­wei­se gewich­ti­ger Punkt bleibt sowohl bei Birgs umfas­sen­der Dar­stel­lung des Gebär­streiks und sei­ner Fol­gen als auch bei der tief­grei­fen­den Ana­ly­se mög­li­cher Grün­de durch Gasch­ke uner­wähnt: Zahl und Bedeu­tung der durch Abtrei­bung nicht gebo­re­nen Kin­der. Rund acht Mil­lio­nen unge­bo­re­ne Kin­der – vul­go: „Schwan­ger­schafts­ge­we­be“ – sei­en seit 1974, dem Jahr der Neu­fas­sung des Abtrei­bungs­pa­ra­gra­phen 218 in den Müll­ei­mern von Abtrei­bungs­kli­ni­ken und Arzt­pra­xen gelan­det, rech­net Man­fred Spie­ker vor (Der ver­leug­ne­te Rechts­staat. Anmer­kun­gen zur Kul­tur des Todes in Euro­pa. Pader­born: Schö­ningh 2005). Die Dis­kre­panz jener Zahl, die Abtrei­bungs­geg­ner von einem „Baby­caust“ spre­chen läßt, zu den vom Sta­tis­ti­schen Bun­des­amt ver­öf­fent­lich­ten Zah­len – rund 130.000 Abtrei­bun­gen jähr­lich – kann Spie­ker, Pro­fes­sor für Christ­li­che Sozi­al­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Osna­brück, gründ­lich bele­gen. Bei­spiels­wei­se wer­den deut­lich mehr als die gemel­de­ten Fäl­le von den Kran­ken­kas­sen abge­rech­net, über zehn Pro­zent abtrei­bungs­wil­li­ger deut­scher Frau­en las­sen den Ein­griff im Aus­land vor­neh­men, auch „Mehr­lings­re­duk­tio­nen“ nach künst­li­cher Befruch­tung wer­den von der amt­li­chen Sta­tis­tik nicht erfaßt. Selbst das dem Bun­des­amt für Sta­tis­tik ange­glie­der­te Insti­tut für Bevöl­ke­rungs­for­schung nimmt an, daß nur etwa „60 Pro­zent der Schwan­ger­schafts­ab­brü­che durch die Sta­tis­tik gezählt wer­den“. Spie­ker geht nun davon aus, daß bei einer Nicht­frei­ga­be der Abtrei­bung die vor 1974 ange­nom­me­ne Zahl von 100.000 Abbrü­chen jähr­lich bis heu­te etwa fort­zu­schrei­ben wäre. Dem­nach hät­te Deutsch­land heu­te über 5 Mil­lio­nen Ein­woh­ner – und damit wie­der­um poten­ti­el­le Müt­ter und Väter – mehr. Nun ist es ein wei­ter Schritt von Spie­kers Rech­nung zu Ali­ce Schwar­zers Dik­tum, daß abtrei­bungs­wil­li­ge Frau­en in jedem Fall – also auch gegen das Gesetz – abtrei­ben wür­den. Ob sie es um jeden Preis täten? Rund 90 Pro­zent aller Schwan­ger­schafts­ab­brü­che nach „Bera­tungs­schein“ (also ohne die sel­te­ne­re kri­mi­no­lo­gi­sche oder euge­ni­sche Indi­ka­ti­on) wer­den von den Sozi­al­mi­nis­te­ri­en der Bun­des­län­der bezahlt. Inter­es­sant ist hier­bei, daß jene Zahl zwi­schen den ein­zel­nen Bun­des­län­dern deut­lich vari­iert: Bay­ern zahlt „nur“ gut 60 Pro­zent der Abbrü­che, NRW dem­ge­gen­über 95 Pro­zent. „Ins­ge­samt geben die Bun­des­län­der“, so rech­net Spie­ker vor, „jähr­lich rund 42 Mil­lio­nen Euro für die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der aus.“ Beson­ders pre­kär erscheint, daß zur Berech­nung einer Kos­ten­über­nah­me allein das Ein­kom­men der Frau ange­rech­net wird, das des Man­nes aber unbe­rück­sich­tigt bleibt. Zusätz­lich wird die bei der nor­ma­len Sozi­al­hil­fe gel­ten­de Ein­kom­mens­gren­ze um 30 Pro­zent höher ange­setzt. Spie­ker: „Sozi­al­hil­fe zwecks Tötung eines Kin­des ist also wesent­lich leich­ter zu bezie­hen als Sozi­al­hil­fe zwecks Geburt und Erzie­hung eines Kindes.“
Wer ist nun beru­fen, aus all jenen demo­gra­phi­schen, fami­li­en­po­li­ti­schen wie all­ge­mein gesell­schaft­li­chen Miß­stän­den eine Kehrt­wen­de zu fabri­zie­ren, die zur Bei­le­gung des hart­nä­cki­gen Gebär­streiks führt? Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin von der Ley­en hält das Ruder in der Hand. Daß sie gegen den Strom nicht ansteu­ern wird, zeich­net sich in vie­len Berei­chen ab. Wer trotz sie­ben Kin­dern der beruf­li­chen Voll­zeit-Kar­rie­re den Vor­zug gibt, dürf­te selbst­re­dend für eine Öko­no­mi­sie­rung des fami­liä­ren Berei­ches spre­chen. Jüngst erklär­te sie gegen­über dem Rhei­ni­schen Mer­kur, daß sie den gel­ten­den § 218 nicht anzu­tas­ten geden­ke. Immer­hin dies aber hät­te man von einer in jeder Hin­sicht Mul­ti-Mut­ter und Chris­tin erwar­ten dürfen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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