Sezession
1. Januar 2006

Emanzipationsfalle

Ellen Kositza

pdf der Druckfassung aus Sezession 12 /Januar 2006

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

sez_nr_12Daß die „demographische Krise“ derzeit in aller Munde ist, hat man nicht allein der Evidenz der Faktenlage zu verdanken. Die Diskussion um Bevölkerungsrückgang, Überalterung und Fertilitätsquoten hat hierzulande einen Patron: Herwig Birg, bis 2004 Leiter des Instituts für Bevölkerungsforschung der Universität Bielefeld, betätigte sich über Jahrzehnte als nimmermüder Ausrufer eines drohenden demographischen Kollaps, lange auf recht einsamem Feld. Vor wenigen Jahren erst, vor allem, nachdem ökonomische Mißstände – Stichworte: Rentenkassen, Gesundheitssystem – drängender wurden, hielten jene fragilen Bevölkerungspyramiden graphisch Einzug auf den Titelseiten der Leitmedien und wurde die deutsche „1,3-Kinder-Frau“ zum Schlagwort. Seither ist Birg zum kompetenten Bevölkerungspapst avanciert. Zu spät, darf man sagen, denn mit seinen eigenen Worten ist es für die Bundesrepublik „bereits dreißig Minuten nach Zwölf“. Die Eltern nämlich, die heute Kinder zur Welt bringen müßten, sind nie geboren worden. Diese Vakanz einer „ausgefallenen Generation“ trägt sein neues Buch im Titel (Die ausgefallene Generation. Was die Demographie über unsere Zukunft sagt. München: C.H. Beck 2005). Birgs an Zahlen, Statistiken und Schaubildern reiche Schrift, prägnant und mehr im anspruchsvollen Stil eines Fachbuchs denn in dem eines populär aufbereiteten Sachbuchs gehalten, läßt hinsichtlich von Zustandsbeschreibung und Prognose kaum eine Frage offen. Woher die Zeugungsmüdigkeit rührt und was dagegen unternommen werden sollte, kann Birg nur ansatzweise beantworten: Seinen Forderungen nach Ganztagsschulen und Erhöhung finanzieller Leistungen für Familien – dies im Einklang mit sämtlichen Parteiprogrammen ausgesprochen – wird bereits seit Jahrzehnten sukzessive nachgekommen, ohne daß sich die Geburtenrate oder auch nur die Kinderwunschzahl junger Eltern wenigstens stabilisieren würde. Interessanter klingt Birgs Vorschlag für ein Elternbeziehungsweise Familienwahlrecht sowie die Idee, Müttern bei Stellenbesetzungen Priorität vor Kinderlosen einzuräumen – warum, fragt man sich, nicht adäquat – und gerade! – auch Vätern?

Die möglichen Ursachen von Gebärverweigerung und das unpopulärer werdende Leben mit Kindern haben längst einen festen Platz in Kommentarspalten und selbst im beiläufigen Straßengespräch gefunden. Die Motivsuche geht gewöhnlich nach außen und läßt mitunter an das Bild der Gebetsmühle denken: Kinderfeindlichkeit, Familienarmut, insgesamt schlechte Bedingungen sind jene so vielzitierten wie diffusen Gemeinplätze, auf die man die eigene Unlust am Kind leicht abwälzen kann. Umso interessanter ist die Innensicht jener „Emanzipationsfalle“, für die die 38jährige Zeit-Redakteurin Susanne Gaschke weit tiefer schürft als es sämtliche Klischees von Krippenmangel und Vereinbarkeitswunsch leisten können (Die Emanzipationsfalle. Erfolgreich, einsam, kinderlos. München: C. Bertelsmann 2005). Der Bevölkerungsschwund, so Gaschkes unerhörte These, gehe auch auf das Konto der deutschen Frauenbewegung. Jene emanzipatorische Umwälzung vor 35 Jahren habe mit all ihren Freiheiten und der Eröffnung einer multioptionalen Lebensführung für Frauen dieselben eben auch unter einen gesellschaftlichen und ökonomischen Druck gesetzt, der die Entscheidung für ein Kind zu einer komplizierten Kopfgeburt werden lasse. Gaschkes Buch über Vor- und Nachteil eines selbstermächtigten „Biografiedesigns“, über die allüberall vorherrschende Singleästhetik, über die Abschreckungswirkung unerzogener Kinder, über Nutzen und Nachteil heute gängiger Sexualaufklärung (die allein eine Anleitung zur Kontrazeption bietet), über das „abschichtende erstmal-Prinzip“ der Akademiker und damit der Elite und Avantgarde (erstmal: „Grundstudium, erst mal Zwischenprüfung, erst mal Studienortwechsel, erst mal Examen, erst mal beruflich Fuß fassen, erst mal in der Altbauwohnung die Dielen abziehen, erst mal den richtigen Partner finden.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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