1. August 2018

»Aufgeblättert. Zugeschlagen.« – ein Sekt nach dem Dreh

Ellen Kositza

PDF der Druckfassung aus Sezession 85/August 2018

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

mit Susanne Dagen und Ellen Kositza

KOSITZA: So, Matussek sitzt im Zug. Machen wir den Sekt auf?

DAGEN: Oja! Bitte. Und ob Matussek nun im Zug sitzt, weiß ich nicht. Ich hoffe es.

KOSITZA: Aber Du hast ihn, also Matussek, doch gerade … abgeliefert?

DAGEN: Ich habe ihn zum Bahnhof gebracht, einsteigen muß er selbst. Hätte ich noch Winke-Winke machen sollen?

KOSITZA: Matussek ist echt ein Abenteurer, ich trau ihm zu, daß er auf das Gleis gegangen ist, das ihm am interessantesten vorkam. So, Sekt.

DAGEN: [Plopp]. Herrlichstes Geräusch. Abenteurer? Ich weiß, was Du meinst. Aber eben auch verletzlich. Achtung, läuft über!

KOSITZA: Du meinst, wegen seinem Temperament? Dieser Art, überzuschäumen und begeistert alles an sich zu ziehen …

DAGEN: Nein. Der Sekt läuft über.

KOSITZA: Okay. [Trinkt ab] Aber zu unserem Gesprächspartner: Ich fand’s perfekt. Ich meine, Matussek ist schon irgendwo der Typus mansplainer. Ein Kerl, der im Bewußtsein lebt, einem die Welt erklären zu können. Der hat das Wort an sich gerissen, weil er eben ein sehr leidenschaftlicher Leser ist. Ich fand’s toll, unsere Aufzeichnung, und sie war doch echt meinungsstark! Wir haben uns gut behauptet können, ihm gegenüber, oder?

DAGEN: Naja, er ist schon auch sehr dominant. Aber er machts einem wiederum auch nicht schwer, ihn mal ein bißchen einzubremsen. Irgendwie fühle ich mich jetzt wie nach einem Sprint. Ausgelaugt, aber auch zufrieden mit der Laufzeit. Heute erst habe ich gemerkt, welches Potential in einem solchen literarischen Dreier-Gespräch steckt. Daß es darum geht, gut vorbereitet zu sein und dennoch den unbekannten Dritten so anzunehmen, wie er ist und daraus ein gemeinsames Gespräch zu entwickeln. Ich glaube, er fühlte sich von uns beiden gut bekränzt. Begrenzt auch [lacht].

Schön war, daß er spätestens bei Hartmut Langes Novellen auch seine zarte Seite offenbart hat. Bei der Dorn und bei Bettina Röhls Buch war er doch eher autobiographisch in seinem Urteil. Das fiel ihm sichtbar leichter. Die Lektüre Langes, gegen die er sich ja anfänglich so gesperrt hat, hat einen anderen Matussek gezeigt: den sinnlichen, den nachdenklichen. Das war für mich eine sehr berührende Wandlung.

KOSITZA: Und ich mein’, Matussek ist ja kein Ideologe! Mir kommt er vor wie ein Junge, der zeigt, daß es besonders knifflig oder cool ist, mit überkreuzten Armen Seil zu springen. Und alle anderen sagen: »Nee, gilt nicht, ist gegen die Regeln. Das echte Seilspringen geht ganz anders.« Dabei beherrscht Matussek das Standardseilspringen eh.

DAGEN: Nun, ich denke, er ist sehr geprägt von seiner langen journalistischen Tätigkeit. Davon, sich ständig neu erfinden zu müssen, den Jungen was vor zu machen, auf Geschichtenjagd zu sein. Daß er in dieser Liga nicht mehr mitspielt, ist, so glaube ich, für ihn noch immer ein unbewältigter Beißstein.

KOSITZA: Wobei ich sagen muß, daß unsere beiden Claims, also sowohl »Aufgeblättert-zugeschlagen« als auch der Untertitel »Mit Rechten lesen« schon kraß sind, oder? Ich meine, beides impliziert eine dezidierte Haltung. Wir werten. Und wir werten von einer bestimmten Position aus. Gut, heute hatten wir mit Thea Dorn und Bettina Röhl zwei Sachbücher im Gepäck, über die man eh streiten kann, das ist inbegriffen.

Aber schon unsere August-Sendung wird sich nur um Belletristik, übersetzt: »Schöne Literatur«, drehen. Darf man da »von rechts« lesen?« Also, ich selbst halte mich in Fragen der Kunst nicht für eine Ideologin. Andererseits: Es wäre doch peinlich, Bücher zu lesen und sich dabei völlig freizumachen von irgendeinem … nennen wir’s weltanschaulichem Hintergrund. Das wäre doch naiv, oder? Literatur, auch die Belletristik, entsteht ja nicht im luftleeren Raum.
Wie siehst Du es?

DAGEN: Ich sehe das ein bißchen anders. Wir spielen mit dem Begriff des »Rechten«. Wir spielen an auf die Phrase »Mit Rechten reden!« und wir schreiben uns selbst etwas zu. Mir ging es bei diesem Titel auch darum, all jenen den Wind aus den Segeln zu nehmen, denen diese Zuschreibung des Bösen sofort auf der Zunge lag. »Dagen und Kositza machen eine Literatursendung, ha ha.« Vielleicht ist es irgendwann so, daß man uns beschreibt als zwei Frauen, die ihrer Lieblingsfarbe Rot und ihrer Lieblingsbeschäftigung des Lesens frönen. Und die mit Freude ihrem Affen Zucker geben.

KOSITZA: Ja, Du sagst es – es hat etwas Augenzwinkerndes und auch was Spielerisches, diese Form der Selbstbezichtigung. Ein bißchen ist es doch wie mit dem Bild, das mir zu Matussek eingefallen ist. Seilspringen mit überkreuzten Armen oder sowas. Wir frönen unserer Leidenschaft, punkt. Und dennoch hat man lesend seinen Standpunkt, der in einer umgreifenden Lebenshaltung wurzelt.

DAGEN: Ellen, ich bin gerade sehr glücklich, in Dir eine adäquate Lese-Partnerin gefunden zu haben. Wenn dann noch das Überraschungsmoment des Gastes dabei ist, um so besser! Mir macht es einen Riesenspaß – und ich lerne immer viel dabei.

KOSITZA: Ich auch, Susanne. Aber nochmal, Meine große Klage: Die Rechten – und ich sag Dir, ich kenne diesen heterogenen Großclub mittlerweile zur Genüge! – sind weitgehend amusisch. Klar, es gibt ein paar Rechtsalternative, die so ticken wie wir beide. Ein bißchen öko, auf gute Musik und gute Literatur aus.
Dennoch, und wer weiß, vielleicht sitze ich einem Vorurteil auf, scheint es mir so, als sei die große Liebe zu den schönen Künsten eher links verortet. Oder irre ich mich?

DAGEN: Jetzt sind wir wieder bei diesen Begriffen. Gut, bleiben wir dabei. Ich habe da einen ganz anderen Eindruck. Nun, ich stehe seit über 23 Jahren in meinem Laden, und die Kundenstruktur hat sich in den letzten zwei Jahren nochmal ein bißchen verändert. Ich erlebe da eine beglückende Mischung aus Suchenden, Referierenden und vielen, die nur mit uns sprechen wollen. Da ist Literatur immer ein guter Einstieg. Und ich bin erstaunt über die Bildung und das große Interesse an allem, was die Welt erklärt oder auch (nur) schöner macht. Musik ist da immer ein Thema.

Ob die Liebe zu all diesem eher links verortet ist, kann ich mir nicht vorstellen. Was sollte das sein? Es ist doch vor allem eine Frage des Geistes, sich auf Kunst einzulassen. Des freien Geistes, meine ich.

KOSITZA: Mir kommt es eben so vor, als wären wir wieder einmal die Pioniere für eine Leserschaft, die noch gar nicht weiß, daß sie eine ist.
Ich hab übrigens mal geschaut, wie wir von den sogenannten Zugriffen her dastehen auf YouTube. Wenn ich unsere erste Folge mit Caroline Sommerfeld vergleiche mit dem berühmten »Literarischen Quartett« des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks: Wahnsinn, wir sind ziemlich satisfaktionsfähig!

DAGEN: Wir sollten uns auf das konzentrieren, was uns ausmacht. Und dabei ehrlich begeistert, bestürzt, angewidert oder einfach nur gleichgültig sein. Mein Beruf des Buchhändlers war schon immer beratungsintensiv. Wenn unsere Sendung ein weiterer Kompaß auf der Suche nach schöner, wahrer, guter Literatur ist bin ich zufrieden. Prost!


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (0)