1. August 2018

Henning Eichbergs »Volklichkeit«

Martin Lichtmesz

PDF der Druckfassung aus Sezession 85/August 2018

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Henning Eichberg (1942 – 2017) war so etwas wie der Großvater der heutigen Neuen Rechten und Identitären, aber er hatte auf den ersten Blick
wenig Familienähnlichkeit mit seinen aktuellen Nachkommen. Als ich um 2005 zur Szene hinzustieß, spielte er in der neurechten Rezeption kaum eine Rolle, und ich kann mich nicht erinnern, daß viel von seinem berühmten Schlagwort »Ethnopluralismus« die Rede war.

Dafür tauchte es in so gut wie jeder Antifapublikation »gegen rechts« ad nauseam auf. Das Zentralorgan der Eichberg-Schule, die von Siegfried Bublies seit 1979 herausgegebene Zeitschrift wir selbst war 2002 eingestellt worden (ihr Nachfolger Volkslust brachte es nur auf ein paar wenige Ausgaben), Ellen Kositza hatte sich dort frühe publizistische Sporen verdient.

Eichberg selbst lebte seit den achtziger Jahren in Dänemark, wo er eine akademische Karriere eingeschlagen hatte und Mitglied der rot-grünen Sozialistischen Volkspartei (Socialistisk Folkeparti) geworden war. Er hatte kaum noch Kontakte zur deutschen »Szene« und betrachtete bereits die Junge Freiheit mit Mißfallen. Diese wie auch das Institut für Staatspolitik leiteten sich eher von der Criticón-Linie um Armin Mohler und Caspar von Schrenck-Notzing ab.

Eichberg hatte seit 1973 nicht mehr in dieser Zeitschrift veröffentlicht, und seit Mitte der siebziger Jahre Blätter der unorthodoxen Linken als Publikationsort vorgezogen.

Um diese Zeit wurden die antikapitalistischen »Nationalrevolutionäre« um Eichberg und andere als die eigentliche »Neue Rechte« Deutschlands identifiziert, so etwa in der Studie von Günter Bartsch Revolution von rechts? Ideologie und Organisation der Neuen Rechten (Freiburg i. Breisgau 1975). Liest man als Identitärer des Jahres 2018 Bartschs Buch, so erscheint einem vieles darin ebenso fremd wie vertraut. Die antikapitalistische Emphase ist sehr stark und im Duktus der Zeit gehalten, das heute virulente Einwanderungsproblem wird als »Gastarbeiterfrage« verhandelt, wobei der »große Austausch« der Bevölkerung bereits damals am Horizont auftauchte. So wandte sich das Hamburger Junge Forum, damals Eichbergs publizistisches Hauptquartier, »gegen die gestaltlose Europa - Vorstellung von Wirtschaftstechnokraten, welche die kulturelle und biologische Substanz Europas einem ökonomischen Riesenapparat opfern«.

Bereits 1975 hatte der Spiegel auf der Titelseite die Frage gestellt »Sterben die Deutschen aus?« (13/1975), und den entsprechenden Artikel mit Cartoons
illustriert, die den türkischen Geburtenvorsprung thematisierten.
Eichberg betonte gerne die Bedeutung des »Habitus«, der zu bestimmten politischen Neigungen disponiere, analog zum marxistischen Prinzip von Basis und Überbau. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum er sich zunehmend von den Milieus der Rechten »abgekoppelt« hat. Speziell auf Fotos aus den achtziger und neunziger Jahren wirkt er ausgesprochen feminin und »gutmenschlich«. Runde, weiche Lippen, ein sanfter Blick, ein jugendliches, bartloses Gesicht, ein ergrauender, wilder Lockenkopf, der an Rainer Langhans erinnert, locker sitzende, bunte Kleidung, dazu ein Hauch von evangelischem Jugendlager und Ökosponti.

Schon Günter Bartsch bemerkte, er gelte in seinem Wohnort als »linksradikal« oder als »Anarchist«: »Dieser falsche Eindruck wird bis zu einem gewissen Grade durch Kleidung und Haarschnitt begünstigt.« Damals schrieb Eichberg noch unter seinem Pseudonym »Hartwig Singer«, das Bartsch im Gegensatz zur heute üblichen »Entlarvungsliteratur« nicht lüften wollte.

Er wurde 1978 von einer kommunistischen Studentengruppe »geoutet«, was in der Folge seiner akademischen Karriere schadete (er sprach später gar von einem »Berufsverbot«). Er fand schließlich dauerhaftes Exil – und endlich eine Heimat? – in Dänemark, wo er als Professor für Soziologie in Odense und Kopenhagen lehrte. Dreißig Jahre später besuchte ihn dort der Journalist Toralf Staud in seinem »Büro in einem idyllisch gelegenen Haus auf dem Lande«, an dessen Haustür ein Blechschild mit der Inschrift »Hennings Himmel« angebracht war. Eichberg trug »Hemd, Strickjacke und Cordhose«, »vom ersten Satz an duzt er den Besucher.« (Moderne Nazis. Die neuen Rechten und der Aufstieg der NPD, Köln 2005).

Der einstige Nationalrevolutionär hatte stets den überragenden Einfluß betont, den der jüdische Philosoph Martin Buber mit seiner Schrift Ich und Du auf ihn ausgeübt hatte. Nun war er in ein skandinavisches Land gezogen, wo sich (IKEA-Besucher wissen es) wie in Schweden und Norwegen das Du als übliche Anredeform durchgesetzt hat.

Seit 2013 lebte Eichberg im Blangstedgaard-Viertel von Odensee, das Thomas Wagner, der ihn kurz vor seinem Tod besuchte, so beschrieb: »Hier leben Muslime, Christen, Einwanderer, Leute mit Alkoholproblemen, sogenannte normale Bürger und Studenten eng beieinander.« Eichberg ziehe dieses Viertel den »vornehmeren Teilen der Stadt« vor: »Er liebe die Offenheit und die Vielfalt seiner Nachbarschaft.« (Die Angstmacher, Berlin 2017).

Eichberg ist der Erfinder des Begriffs »Ethnopluralismus«, der in linken Publikationen stets als angebliche »Leitideologie« der Neuen Rechten bezeichnet wird. Die von einschlägigem Personal okkupierte Wikipedia schreibt etwa: »Ethnopluralismus ist ein Weltbild der Neuen Rechten, deren Vertreter eine kulturelle ›Reinhaltung‹ von Staaten und Gesellschaften nach ›Ethnien‹ anstreben«, wobei der Strohmannbegriff »Reinhaltung« in keiner einzigen mir bekannten, maßgeblichen neurechten Schrift auftaucht (Eichberg hat allerdings einmal analog zur »Umweltverschmutzung« den Begriff der »Verwestlichung und Kulturverschmutzung« benutzt).

»Ethnopluralismus« sei eine »kulturalistische Neubegründung der Rassenlehre«, ein »sozialdarwinistischer ›Rassismus ohne Rassen‹« (Bundeszentrale für politische Bildung), führe »konsequent gedacht zur Apartheid als neuer Weltordnung« (Gero Fischer). Der gemeinsame Nenner dieser Zerrbilder ist die Auffassung, es handle sich hierbei um eine Art von »Mimikry«, um eine alte böse Ideologie, die in eine zeitgemäße Sprache verpackt wurde. Ein ganzes Genre von Literatur »gegen rechts« zehrt von diesem Narrativ, nach dessen Muster auch die Doktorarbeit von Clemens Heni über Eichberg mit dem programmatischen Titel »Salonfähigkeit der Neuen Rechten« gestrickt wurde.

Eichberg hat sich zeitlebens mit der »nationalen« Identitätsfrage, nicht nur der Deutschen, sondern der Völker überhaupt, intensiv auseinandergesetzt. Eng damit verknüpft war für ihn aber auch die »soziale« Frage, und selbst sah er sich durchaus als Sozialisten. Geboren wurde er 1942 im niederschlesischen Schweidnitz, dem Heimatort des »roten Barons« Manfred von Richthofen. Die Familie wurde 1945 vertrieben; eine der frühesten Erinnerungen Eichbergs ist die Bombardierung Dresdens, die er als Kind aus der Ferne sehen konnte. Die Heimatvertriebenen waren in der Bundesrepublik jene Volksgruppe, die sich am stärksten ein verlustbedingtes »deutschnationales« Gefühl bewahrt hat.

Die folgenden Jahre verbrachte die Familie in der sowjetischen Besatzungszone Sachsen und gelangte 1950 durch illegalen Grenzübertritt in die Bundesrepublik. Ab 1961 begann er unter anderem für die Zeitschrift Nation Europa zu schreiben, die dem Erbe der Waffen-SS und dem faschistischen Europagedanken verpflichtet war. Seine Positionierung folgte zunächst üblichen rechten Mustern: Wesentliche Anliegen waren ihm die deutsche Einheit, die Wiedergewinnung der Ostgebiete und der Kampf gegen den Kommunismus. Sein Ablöseprozeß von der »alten Rechten« wurde durch Kontakte mit der »Nouvelle Droite« um Alain de Benoist, Jean Mabire und Dominique Venner stark befördert. Schlüsselerlebnis war ein Besuch im Jahre 1966 in einem Zeltlager junger französischer Nationalisten in der Provence, die »Castros Guerillakämpfer« ebenso verehrten wie die »antigaullistische Geheimarmee OAS« und die sich auf nicht-marxistische Sozialisten wie Proudhon oder Sorel bezogen.

Im Sommer 1968 begegnete er in Straßburg europäischen Föderalisten, Nationalisten, Trotzkisten, Anarchisten und Situationisten, die während der Unruhen im Mai
zeitweise auf derselben Seite der Barrikade gestanden hatten. In Deutschland »entheimatet« und »entfremdet« sein, das bedeutete für Eichberg nun von den Siegermächten des Weltkriegs doppelt »kolonisiert« und okkupiert zu sein, im Osten vom russischen Staatsmarxismus, im Westen vom amerikanischen Coca-Cola Kapitalismus, der sich besonders perfide und gründlich auswirkte, weil er zur »Selbstkolonisierung« des Inneren (Herder würde vielleicht sagen: »der Volksseele«) verführte.

Eichbergs gesamtdeutscher Nationalismus verknüpfte sich nun mit den »anti-imperialistischen« Revolten der Dritten Welt, mit der Selbstbehauptung der Ureinwohner Amerikas und der Schwarzen Nordamerikas wie Afrikas, die ihre postkoloniale »négritude« oder ihre »black power« suchten, ebenso wie mit dem Kampf der Basken, Bretonen und Iren, der Waliser und Schotten, der Ungarn, Kroaten und Tschechen um ihre Freiheit und Identität. Damit kamen zunehmend auch kleinere, regionalistische Identitäten und Solidargemeinschaften ins Spiel, in denen Eichberg ein revolutionäres, »emanzipatorisches« Potential erblickte.

So eröffnete sich ihm ein Panorama aus weltweiten Volksidentitäten, eine Internationale oder »Internationalität der Nationalismen«, die zum »Kampf
gegen die multinationalen Konzerne, welche die Völker ihrer Identität berauben und zu gesichtslosen Produzenten-Konsumenten machen« blasen sollte, zum Aufstand gegen die globale »Einheitskultur«, die Eichberg mit der »modernen Industriegesellschaft« und der »Hochmoderne« gleichsetzte.

Erstmalig tauchte der Begriff »Ethnopluralismus« 1973 in dem Aufsatz »›Entwicklungshilfe‹ – Verhaltensumformung nach europäischem Modell?« für die Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (93/1973, nachgedruckt in: Nationale Identität. Entfremdung und nationale Frage in der Industriegesellschaft, München/Wien 1978) auf, und zwar als Gegenbegriff zum europäischen »Ethnozentrismus«.

Er impliziert also eine Kritik und Abkehr von Modellen (nicht nur) der alten Rechten: »Weiße Vorherrschaft«, auserwählte »Herrenrassen«, chauvinistischer oder revanchistischer Nationalismus, die »Bürde des weißen Mannes«, andere Völker per Kolonialisierung und Missionierung zu erziehen, die Vorstellung vom »deutschen Wesen«, an dem »die Welt genesen« soll.

Die Basis von Eichbergs Kritik ist ein radikaler Anti-Universalismus und Kulturrelativismus. Er attackierte das westliche, dualistische »Entwicklungsdenken«, wonach die Welt nach europäischen Maßstäben »zivilisiert« und auf ein gleiches Wirtschaftsniveau gehoben werden müsse.

Dabei würden anderen Völkern durch einen »gelenkten Kulturwandel« Gesellschaftsstrukturen aufgezwungen, die ihrem inneren Wesen fremd seien und sich daher nur destruktiv auswirken könnten. Dagegen betonte Eichberg, daß die »kulturelle Kluft zwischen den Kulturen (…) nicht zu überspringen sei«. Jeder Versuch dieser Art sei »vom Eigenen – und damit von Aneignung her bestimmt. Jeder Versuch, der das vergißt, hat bereits einen Schritt zur Mißachtung und Unterwerfung des Fremden getan.

Politisch gesehen ist dies der Schritt zum Imperialismus.« Eine »Akkulturation« dieser Art könne zum »Völkertod« führen: »Unter diesem Terminus versteht die Ethnologie den Verlust der ethnischen Individualität und Eigenart einer Volksgruppe, ohne daß diese biologisch aussterben muß.«

Der kulturellen folge jedoch »nicht selten die physische Vernichtung der an die neuen Normen nicht angepaßten Ethnien.« Abseits der Frage, ob »sozial« nur »national« möglich sei, bedeutet die Zerstörung der Volksidentitäten und Kulturen auch den Verlust von Sinn und Bedeutung, von Transzendenz, von Vielfalt der Daseinsformen, von Lebensfülle und -tiefe.

Eichberg betrachtet »den Menschen« als wesentlich sozial gebundenes Wesen, das nur innerhalb einer bestimmten »Vergesellschaftung« es selbst sein und werden kann: »Wer von den Völkern nicht sprechen will, soll von den Menschen schweigen.«

Eichberg räumte ein, daß zwar auch das Konzept des »Ethnopluralismus« der »europäischen Wissenschaftlichkeit« entsprang, aber das Potential habe, »das Verhältnis Europas zu den farbigen Völkern auf eine neue Stufe zu stellen«, und »den Schutz der anderen Kulturen in ihrer Eigenart« zu gewährleisten. Dieses Argument hat eine defensive Kehrseite: Wenn alle Kulturen und Völker zwar verschieden, aber gleichwertig sind, dann haben selbstverständlich auch die europäischen Völker das Recht, ihre Eigenart zu bewahren und Eingriffe in ihr Dasein abzuwehren.

Dieser Standpunkt bekommt heute neue Virulenz; so vergleicht etwa Renaud Camus die Besiedelung Europas durch Nord- und Schwarzafrikaner als eine Form von »Okkupation« und Kolonialismus. In der Tat hat der Bevölkerungsexport auch in anderen historischen Fällen imperialistischen Zielen gedient: so die Ansiedlung von Russen im Baltikum, von Chinesen in Tibet und der Mongolei, von Franzosen in Algerien.

Damit stellt sich auch die Frage nach der räumlichen Trennung der Kulturen und Völker, die eines Ortes und Habitats bedürfen, um ihren »Nomos« entfalten zu
können. Sie ist im Zeitalter der Globalisierung, der weltweiten Vernetzung, der industriellen Raum- und Ressourcenvernutzung und der Migrationsströme gewiß nicht leicht zu beantworten. Mit dem daraus resultierenden »Zusammenprall der Kulturen«, wie ihn Samuel Huntington beschrieb, stellt sich die Frage nach der Identität mit gesteigerter Intensität.

Auch für Eichberg war das Verhältnis der Völker zueinander »dialogisch« bestimmt, als »Ich und Du«- oder »Wir und Ihr«-Beziehung. Darum löst die wachsende Präsenz islamischer Populationen, die eine starke Eigenidentität haben, in der westlichen Welt so starke Reaktionen aus, darum steht die Frage nach dem Eigenen so sehr im Zentrum »populistischer« Bewegungen und Parteien.

In der Tat präfiguriert Eichbergs nationalrevolutionärer Ansatz den heutigen Antagonismus zwischen »Populismus« und »Globalismus«. Letzterer ist aus dem amerikanischen »Imperialismus« erwachsen, der sich gegenüber dem Sowjet-Kommunismus als stärkere Form des »Kolonialismus« erwiesen hat, was sich auch daran ablesen läßt, daß die ehemaligen Ostblockländer, inklusive Mitteldeutschland, ihre nationale Identität in größerem Ausmaß bewahrt haben, als die westlichen Staaten, die sich allesamt der Ideologie der »Einen Welt« und des Multikulturalismus verschrieben haben.

So hatte auch die deutsche Einheit von 1990 in Eichbergs Augen die »deutsche Frage« keineswegs gelöst. Anstelle einer tatsächlichen Verbrüderung und Selbstwerdung habe eine »ökonomisch-politische Besetzung der DDR durch Westdeutschland« stattgefunden. Wie die heutige politische Spaltung der späten Bundesrepublik zeigt, ist diese »Umformung« jedoch nicht restlos gelungen. Mitte der neunziger Jahre sollte Eichberg folgerichtig Sympathien für die PDS bekunden, die sich heute in die Linkspartei umgewandelt hat, deren kleiner nationaler Flügel, vertreten durch Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine, weitgehend isoliert ist.

»Volk« hat bei Eichberg auch eine genuin »populistische« – und daher in einem ursprünglichen Sinne »linke«, von »unten« her gedachte – Bedeutung: »Einerseits steht das Volk den Herren gegenüber: Wir hier unten – die da oben. Und andererseits steht ›mein‹ Volk den anderen gegenüber: Wir hier drinnen – die da draussen.«

»Volk und Völker« seien nicht voneinander zu trennen. Dabei sah Eichberg ein Spannungsverhältnis zwischen Volk und Staat: »Das Volk der Moderne will seinen eigenen Staat – erst dadurch erscheint das Volk als politisches Subjekt. Aber zugleich kolonisiert der Staat das zivilgesellschaftliche Volk. Gegenüber
dem exklusiven Nationalstaat ebenso wie gegenüber dem multinationalen Staat entwickelt das Volk anarchistische Qualitäten.«

Während Eichberg einräumte, daß das »Volksleben« auch aus »Konflikten« besteht und keinesfalls immer »harmlos« ist, so kann man in seinem Konzept doch
auch den Wunsch erkennen, die Völker gleichsam aus der Geschichte zu entlassen und in eine Art Ruhestand zu versetzen. Der »Abkoppelung« aus »imperialistischen« oder globalistischen Zusammenhängen entspricht auch der Verzicht auf Feindschaft, »Diskriminierung«, »Ausgrenzung«, »Rassismus«, Krieg und ähnliche eher unerquickliche Formen der Beziehungen zwischen den Völkern.

Man könnte dies eine Art »Nichtaggressionspakt« nennen: Jeder bleibt bei sich zu Hause und läßt den Nachbarn anerkennend so sein, wie es seiner Eigenart entspricht. Das Ideal wäre ein »toleranter«, nicht-chauvinistischer Nationalismus, der gleichzeitig ein nicht-marxistischer, »volkhafter« und volksverbundener Sozialismus ist.

Von zentraler Bedeutung wurden für Eichberg die Lehren des dänischen Reformpädagogen N.F.S. Grundtvig (1783–1871). Dessen Begriff der »folkelighed«, der »Volklichkeit«, wurde für Eichberg zum Paradigma eines sozialen, basisdemokratischen, »warmen«, dabei in der »volklichen« Eigenart verwurzelten Volkstums und Volk-Seins, das eine Alternative zu den belasteten »völkischen« Traditionen Deutschlands bot.

In einem Rückblick auf seine politische Biographie (»Volk, folk und Feind«, wir selbst 1998/1) spielte Eichberg die in sich ruhende dänisch-identitäre
»folkelighed« gegen »die völkische Identifikation vom Feindbild her« aus, die in Deutschland die Norm sei.

Ohnehin kein Freund der »Konservativen Revolution«, attackierte er folgerichtig Carl Schmitts »Begriff des Politischen« als Frucht des deutschen Syndroms. Schmitt denke »von rechts her: kein Volk und keinen Frieden – sondern Staat und Krieg.« Spätestens hier betrieb Eichberg die Wirklichkeitsflucht der Linken, die sich die Positionierungen der Rechten allenfalls psychologisch erklären kann: »Zwischen der in solcher Ordnungslogik angelegten Paranoia und einer grundlegenden Angst – vor ›dem Feind‹ – gibt es eine Verbindung.

Woher kommt diese Angst? (Denn vom Feind her kann sie nicht kommen, da der Feind durch die Angst erst konstruiert wird).« Dieser Realitätverlust äußerte sich auch in einem späten Artikel (»Die anderen und wir selbst«, www.globkult.de, 21. Januar 2016), in dem er den deutschen »Willkommensnationalismus« pries:
»Daß Deutsche sich jetzt mit Gesten der persönlichen Betroffenheit jenen anderen, flüchtenden Menschen zuwandten, das war allerdings die gute Überraschung des Sommers 2015. In der deutschen Zivilgesellschaft geschah etwas Neues und Eindrucksvolles.«

Zur selben Zeit kritisierte ich auf dem Blog der Sezession den Versuch, im postnationalen Deutschland via Bahnhofsklatscherei und Flüchtlingshilfe »eine Art Volksgemeinschaft zu mobilisieren«, deren Formierung das Endziel hat, »ihr eigenes Verschwinden zu beschleunigen« (Karlheinz Weißmann).

Dazu paßt, daß Eichberg der Sezession »fremdenfeindliche Hetze« vorwarf, und die Identitären als »Faschisten« betrachtete. Am Ende war er selbst ein »identitätsflüchtiger Deutscher« (so sein Urteil über Clemens Heni), der sich in eine der gemütlichsten Ecken Europas zurückgezogen hatte – in ein Land, in dem wie überall in Westeuropa der nicht-europäische Ausländeranteil steigt, mit den typischen Folgen. Eine Multikulturalisierung Dänemarks würde unweigerlich auch das Ende der »folkelighed« bedeuten.

Es gibt bestimmte Lagen, in denen ein Volk der »Verfeindung« leider nicht entgehen kann, wenn es es selbst bleiben will, was nicht zuletzt die Geschichte der antikolonialen Bewegungen deutlich vor Augen führt. Es gibt kein Ausweichen vor den Sätzen Schmitts: »Dadurch, daß ein Volk nicht mehr die Kraft oder den Willen hat, sich in der Sphäre des Politischen zu halten, verschwindet das Politische nicht aus der Welt.

Es verschwindet nur ein schwaches Volk.« Auch Eichberg war am Ende blind dafür, daß der Andere tatsächlich anders und zur Verfeindung und Feindschaft fähig und willens ist. Die Massen, die heute in das historisch pensionierte Europa strömen, sind keine »Ethnopluralisten«, und durchaus bereit zur Landnahme, Missionierung und »Kolonisierung«.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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