1. August 2018

Die Lücke, das Volk, die Linke

Benedikt Kaiser

PDF der Druckfassung aus Sezession 85/August 2018

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Das rechtsalternative Spektrum Deutschlands führt im Sommer und Herbst 2018 gewissermaßen einen – gewiß unterschiedlich zu gewichtenden – Kampf an zwei realpolitischen Fronten. Das liegt an Horst Seehofer, Angela Merkel und den Union-internen Verwerfungen einerseits, an Sahra Wagenknecht, ihrem ambitionierten Projekt einer Sammlungsbewegung von links und den Linkspartei-internen Verwerfungen andererseits.

Die kommende Zeit verlangt unserem Milieu dabei besonders große Anstrengungen ab, weil die Rechte nach Jahrzehnten im Niemandsland zwischen Nischenkampf und Anpassung, Strukturaufbau und Neuformierungen das Siegen wiederentdeckt. Der größte Erfolg der meta- wie realpolitisch ausgerichteten (Neuen) Rechten ist die Wiederentdeckung der »sozialen Frage« im Spannungsfeld zwischen kapitalistischer Globalisierung und Massenzuwanderung – neben der eindeutig konnotierten
»nationalen Frage«, einem genuin rechten Selbstläufer.

Das bleibt auch den Establishment-Strukturkonservativen innerhalb christdemokratischer Loyalitätszusammenhänge nicht verborgen. In diesem Zusammenhang müssen die massenmedial aufgewerteten Schattengefechte um Kontrolle und Abweisungen von Migranten an der bayrisch-österreichischen Grenze expliziert werden.

Klar erscheint im alternativen Beritt der Bundesrepublik, daß die bisweilen zirkulierende Mär von einer rechtsgewendeten Union-Minus-Merkel – mit einem Retter Jens Spahn – Realitätsflucht verheißt, und daß der Traum einer bundesweiten CSU als Korrektiv zur Bundespolitik, der zuletzt von Frauke Petry in Interviews mit regionalen Zeitungen aufgefahren wurde, schon seit Armin Mohlers Zeiten ausgeträumt ist.

Ein Wiederaufgreifen würde sich als ein Schachzug all derer entpuppen, die daran interessiert sind, das Bestehende ohne wirkliche (politische, wirtschaftliche) Kehrtwenden in die Zukunft zu hieven.

Auf der linken Seite des politischen Spektrums sind indessen interessantere, aufschlußreiche Bewegungen rund um die Galionsfigur Sahra Wagenknecht und den Dramaturgen Bernd Stegemann, der vielen Beobachtern als Influencer hinter dem Duo Wagenknecht/Lafontaine gilt, zu vernehmen. In einem bundesweit viel beachteten Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung legte Wagenknecht als das Gesicht der für den Herbst dieses Jahres anvisierten neuen linken Sammlungsbewegung erste Umrisse der inhaltlichen wie strategischen Ausrichtung dar.

Es geht um soziale und innere Sicherheit, Identität, Kultur, Fragen der Gerechtigkeit sowie um Einbettung in ein großes Ganzes, das Schutz vor dem »entfesselten Kapitalismus« bietet.
So richtig die Grundtendenz auch sein mag, und so stark entsprechende Ansätze auch auf Unterstützung im Wahlvolk zählen könnten (die Bild schätzt: auf Anhieb etwa 25 Prozent), bleibt doch bereits in statu nascendi zu konstatieren, daß dem Motor der Wagenknecht-Stegemann - Gruppe, also dem bisher überwiegend virtuell aktiven »Team Sahra«, jedwede aktivistische Basis fehlt, so viel Wachstum der gleichnamige Newsletter auch verzeichnen dürfte und so bereitwillig viele auflagenstarke Medien mit kritischer Neugier das Experiment auch beobachten und ihre Standpunkte reproduzieren mögen.

Von kommunistischen und antikapitalistischen Zirkeln in der Linkspartei bis zu jungen außerparlamentarischen Bündnissen – die radikale Linke in all ihren Verästelungen ist im zeitgeistigen Refugees-Welcome-Primat gefangen und lehnt Wagenknechts Kurs überwiegend ab.

Das Konzept einer bundesdeutschen linken Sammlungsbewegung, das derzeit heranreift, ist daher – ganz anders als das jugendvirale Phänomen um Bernie Sanders in den USA oder die Massenunterstützung für Jeremy Corbyn in Großbritannien – ein Kopfprojekt; anders als das mit dem Wagenknecht-Konstrukt vergleichbare »linkspopulistische« Projekt um den Front de Gauche (Linksfront) Jean-Luc Mélenchons in Frankreich, das Wagenknecht als direktes Vorbild begreift.

Nicht nur im richtungsweisenden NZZ-Interview bezog sie sich wiederholt auf die Wahlformation »Unbeugsames Frankreich«, hinter der Mélenchon und seine
Linksfront stehen. Das Jahr 2018 leitete der nationalstaatlich-realistisch orientierte Flügel der Linkspartei konsequent mit dem »Stargast« Mélenchon ein, der jedoch innerhalb weiter Teile der deutschen Linken mit Skepsis beäugt wird, weil er verdächtige Begriffe wie »Volk«, »Nation« und »Wir« mit sozialpopulistischer Programmatik koppelt – mit entsprechendem Erfolg, denn er erzielte knapp 20 Prozent der Stimmen bei der Präsidentschaftswahl 2017 (eine Wahlempfehlung gab auch Alain de Benoist ab).

Frankreich erweist sich einmal mehr als das Mohlersche politische Laboratorium Westeuropas: Denn so wie das bemüht volksnahe Vorgehen Mélenchons nicht ohne die vorhergehenden Erfolge des Front National (jetzt: Rassemblement National) denkbar war, müssen auch die Bemühungen Wagenknechts um eine realistische Zuwanderungspolitik, um die Sorgen des »kleinen Mannes«, um eine sozialreformatorische Sammlungsbewegung von links als eine direkte Reaktion auf die Erfolge des sozialen Flügels der AfD und ihres vergleichbar ausgerichteten metapolitischen Umfelds gedeutet werden; dies muß Ansporn und Auftrag zugleich
sein, diesen Weg weiter zu beschreiten – nur dann kann man Wagenknechts französisches Vorbild entkrampft beobachten und Lehren ziehen.

Ähnlich wie beim Front National liegt beim Front de Gauche eine Weltanschauung zugrunde, für deren Verbreitung man »popular« im Sinne von volksnah und einen Stil der Auseinandersetzung mit den politischen Gegnern wählt, bei der »Volk« offensiv gegen eine volksferne »Elite« kontrastiert wird; es ist dies die »Brechstange des Populismus«

(Bernd Stegemann). Publikumswirksam, unter Anrufung eines allgemeinen Willens, ruft Mélenchon »Platz dem Volk!«, schwärmt »Es lebe das französische Volk!« und fordert »Übernehmt die Macht!«. Die Betonung eines »Wir« gegen die »Anderen« ist jeder Mélenchon-Agenda inhärent, wobei, ähnlich zu Marine Le Pen, die Anderen durch die Macht des Geldes, die Macht Brüssels verkörpert werden – vor allem aber durch »die Deutschen« als Negativentität.

Mélenchons Linkspopulismus ist ohne antideutsche Narrative, die teilweise auf die Grande Guerre 1914/18 und die alte französische Rechte zurückgehen, nicht denkbar. Er steht fest in dieser Traditionslinie.

Bei soviel Themen- und Begriffskongruenz zwischen Rechts- und Linkspopulisten in Frankreich, die zusammen 40 Prozent der Stimmen in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl 2017 gewannen, liegt es nahe, daß Persönlichkeiten aus dem Establishment Kritik üben. Didier Eribon etwa monierte in einem Essay, wie gefährlich der Diskurs à la Mélenchon ist, weil er so nahe an demjenigen Le Pens sei. Eribon warnte vor der Frontstellung »Volk« gegen »Elite«; man bringe »damit Begriffe oder, besser, Affekte in Umlauf, die man nur mit größter Vorsicht verwenden sollte, weil sie sich ganz schnell mit Bedeutungen aufladen lassen, die man vermeiden wollte«.

Der Fall Mélenchon spricht für Alain de Benoists Populismustheorie: In diesen zeitgenössischen Konstellationen endet die klassische politische
»Gesäßgeographie«, zumindest hier heißt es: rechts und links, c’est fini, das war einmal. Denn die von Benoist in Frankreich (wie von Stegemann und Wagenknecht in Deutschland) diagnostizierte Revolte des Volkes gegen die herrschende politische Klasse, als Revolte der Gemeinschaftsbefürworter gegen die liberale Hegemonie, als Revolte der Globalisierungskritiker gegen die »Globalisten« – sie findet sich in der französischen Praxis bei Le Pen und bei Mélenchon.

Trotz dieser Gemeinsamkeiten können in Frankreich wie in Deutschland, im Fall der »linken Sammlungsbewegung« ohne Namen und der »rechten Sammlungsbewegung« namens AfD (und Sammlungs-, d.h. Vereinigungsbewegung muß sie für ihr volles Kraftvolumen auch bleiben), entscheidende Unterschiede diagnostiziert werden, von denen einer durchschlagend ist.

Es ist die Lücke eines jeden linken Populismus, und der Grund dafür, daß entsprechend auch jedes linkspopulare Bauwerk auf wankendem, weil unvollständigem Fundament beruht.Diese (erste) Lücke läßt sich einprägsam anhand zweier intellektueller Köpfe zeigen, und zwar an der Theoretikerin des Linkspopulismus Chantal Mouffe (vgl. Sezession 79) und am neurechten Denker Alain de Benoist.

Dessen Populismustheorie ist zwar mit Mouffe teilweise kongruent. Doch der einschneidende Unterschied zwischen Benoist und linksorientierten Populisten ist, daß Benoist davon ausgeht, daß dem »rechten« Modell der direkteren Demokratie (anstelle der jetzigen, repräsentativ-liberalen) immanent ist, was Mouffe und Co. leugnen: die »Existenz eines relativ homogenen Volkes«, »das sich dessen bewußt ist, was es eigentlich ist«, wie Benoist in seiner Schrift Demokratie konkludiert.

Diametral entgegengesetzt plädiert Mouffe dafür, »jede Idee eines ›Volkes‹ als bereits gegeben und mit einer substantiellen Identität ausgestattet in Frage (zu) stellen«.
Mouffe (und Mélenchon, aber auch viele weitere linke Protagonisten; Wagenknecht muß ihren Standpunkt noch klären) sehen das »Volk« als Work-in-progress, in
dem sich unterschiedlichste Menschen in gemeinsamen gesellschaftlichen Kämpfen gegen eine volksferne Kaste wenden. Benoist weist demgegenüber darauf hin, daß es von Geburt an ein »Schon-Vorhandenes« gebe, »einen Hintergrund, der den Rahmen bildet für die Konstruktion des Selbst« – eben ein Volk nicht nur im Sinne von Demos, sondern auch, aber wiederum nicht ausschließlich, im Sinne von Ethnos.

Das trifft einen Kern der Unterscheidung zwischen Nationalstaatsbefürwortern von links und rechts: Die Linke, auch ihre populistische Ausprägung von Mélenchon bis Wagenknecht, dürfte an ihrem Anspruch scheitern, eine positive Große (Gegen-)Erzählung zum wirkmächtigen Prinzip des Neoliberalismus auf die Beine zu stellen, weil sie nicht weiß, was ein »Volk« überhaupt ausmacht. Dies liegt auch daran, daß die Linke nicht vom Renegaten Henning Eichberg lernen wollte, wonach das »Volkliche« ein »Basisphänomen« ist, von dem sich die weiteren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Problemfelder ableiten bzw. worauf sie sich zumindest reziprok beziehen.

Das heißt auch: »volkliche Entfremdung und Identität« (Eichberg) sind konstituierend; ein Leugnen des Begriffspaares verursacht eo ipso Folgefehler beim theoretischen Zugriff auf ein »Volk« und, konsequenterweise, auf jede Form des sich wiederum darauf beziehenden »Populismus«.

»Links« bleibt es daher nebulös, wer das Subjekt sein soll, das gegen »die Elite« kontrastiert wird und für welches man eine positive Zukunftsperspektive erarbeiten könnte. Wenigstens damit bleibt sich die Linke über Jahrhunderte treu: Schon im »Vormärz« – d.h. in den Jahren vor 1848/49 – war die Frage, die Wilhelm Weitling und andere Frühsozialisten umtrieb, jene nach Freund und Feind, jene »nach dem eigentlichen ›wir‹ in der Revolution«, wie sich bei Patrick Eiden-Offe nachlesen läßt.

Diese Frage stellt sich heute mehr denn je: angesichts der Zuspitzung des linken Volks-»Diskurses« (»Denn ›das Volk‹ existiert nicht«, meint nicht nur der politische Philosoph Jacques Rancière) und angesichts millionenfacher Zuwanderung nach Westeuropa. Doch sind diese Neuankömmlinge nun, wie beispielsweise Alexander Neu (MdB, Die Linke) andeutete, »migrierende Billigarbeiter fürs Kapital«, sind sie also lediglich fremdgesteuerte Objekte der globalisierten kapitalistischen Produktionsweise, die sie als Verschiebemasse verbucht?

Oder sind sie doch das neue revolutionäre Subjekt, mit denen gemeinsam die autochthonen unteren Klassen ein neues »Volk« gegen »die da oben« bilden werden, im Kampf gegen Kapital und Ausbeutung, wie es sich zahllose linke Theoretiker und Praktiker wünschen? Denn wenn Linkspopulismus »die Revolte derjenigen, die vom herrschenden Diskurs ausgeschlossen sind«, bedeutet, wie Bernd Stegemann es formuliert, bleibt der in Frage kommende Personenkreis reichlich diffus – und wäre, davon abgesehen, wohl sensu strictu ein dezidiert rechter (Stegemann et al. können ihre Ideen nämlich in Mainstream-Blättern positionieren).

Diese substantielle Unklarheit läßt sich nicht durch akademische Debatten oder geistige Konstruktionen gemeinsam kämpfender »subalterner« Klassen lösen; zudem wird der linke Populismus à la Wagenknecht durch die linken Anti-Populisten an seiner potentiellen Entfaltung gehindert, indem er in die »Querfront«-Ecke gestellt wird. Daß insbesondere Sahra Wagenknechts Standpunkte in den letzten Jahren tatsächlich eine Entwicklung genommen haben, im Zuge derer sich Positionen aus ihrem Umfeld und dem neurechten annähern, ist evident – daß sie nicht an Rancières Mythos des nicht-existenten Volkes glaubt, ist zumindest anzunehmen.

Es geht nun aber nicht darum, eine »Querfront« mit linken Theoretikern zu forcieren, die sich vom volksfernen Diskurs ihres Milieus emanzipieren.
Eine soziale Neue Rechte, die als »links« wahrgenommene Themenfelder für sich (neu) entdeckt und zeitgemäß-progressiv in ihre Weltanschauung einarbeitet, und die nie aufhört, theoretisch und praktisch zu lernen, sich stetig zu verbessern und zu korrigieren, ist aufgrund des spezifisch rechten, skeptisch-realistischen Menschenbilds inhaltlich a priori stärker als es im Deutschland des Jahres 2018 jeder theoretisch mögliche linke Akteur wäre.

Es ist dies eine selbstbewußte und aufgrund des Drucks der Verhältnisse naheliegende These, die, vom metapolitischen Feld ins parteipolitische transferiert, ebenso für die Situation der AfD im Hinblick auf eine eventuelle »Liste Wagenknecht« als Wahlkonkurrenz gälte.

Indes: Mit Anhängern von rechts hat Wagenknecht, so ihre Aussage im NZZ-Gespräch, nichts zu schaffen. Marc Felix Serrao, der das Gespräch führte, bemerkt desungeachtet die großen Übereinstimmungen zwischen ihr und einigen Neuen Rechten (obschon er eine falsche Schlußfolgerung zieht). Serrao verweist dabei auf »eine Reihe Leute« in »rechtsintellektuellen Kreisen«, die Wagenknecht schätzen würden: »Die verstehen sich selbst als linke Nationalisten und träumen von einer ›Querfront‹.«

Wagenknecht kontert, daß sie mit jemandem, der »Nationalismus predigt«, nichts zu tun haben wolle. Ihre apodiktische Aussage wird um so verständlicher, wenn man sich vor Augen hält, was sie unter »Nationalismus« zu verstehen meint. »Nationalismus bedeutet«, definiert Wagenknecht, »dass sich Menschen einbilden, sie seien aufgrund ihrer Nationalität etwas Besseres, dass andere Kulturen abgewertet werden«.

Dieser »Nationalismus«, der letztlich nichts anderes als Nationalchauvinismus meint, wird aber auch rechts, im Umfeld der Sezession, abgelehnt.
Wagenknecht könnte das wissen, wenn es stimmt, was im Tagesspiegel zu lesen war, nämlich daß sie selbst »mittlerweile eine gute Kennerin der neurechten Bewegung« geworden sei; »sie hat sich eingelesen«. Womöglich weiß sie es aufgrund dieser Lektüre auch.

Räumt Wagenknecht aber nun ein, daß auch der Chauvinismusvorwurf (wohl ihre Kernvorhaltung gegenüber der Neuen Rechten) fällt – was würde sie in aktuellen Fragen von ihr noch trennen, nachdem sie sich u.a. positiv auf Gemeinschaft, Identität, Demokratie in Vertrauensräumen, Solidarität und
die Wahrung »kultureller Eigenständigkeit« bezog, während sie sich gegen offene Grenzen und die fortschreitende Angloamerikanisierung deutscher Sprache und Kultur positionierte?

Wagenknecht muß also, um im linken Resonanzraum noch satisfaktionsfähig zu bleiben, antifaschistische Buzzwords verwenden. Das dürfte aber jene Klientel abschrecken, die sie für ihr Projekt als Wähler zu gewinnen versucht. Gemeint sind etwa Protestwähler, die in Scharen
zur AfD überliefen, weil ihnen die Mischung aus sozial- und rechtspopulistischen Fragmenten zusagte.

Nur diese, die AfD vorzugsweise im Osten stützende Schicht, könnte von Wagenknecht angesprochen werden; denn daß die urban-kosmopolitische Wählerschaft von SPD, Grünen und bisheriger Linkspartei eine Liste Wagenknecht (unter welchem Namen auch immer) goutieren würde, glaubt wohl auch im optimistischen
Team Sahra niemand.

Wagenknechts Nationalismus-Äußerung, mit der sie nicht nur Nationalisten, sondern Rechte unisono auf Abstand halten möchte, zeigt aber, daß sie nicht nur weit entfernt von Corbyn, Sanders und Mélenchon steht, was die aktivistische Basis, ohne die jedes Vorhaben scheitern muß, anbelangt, sondern auch, was die Vordenker des Linkspopulismus betrifft.

Mit Chantal Mouffe könnte Wagenknecht theoretisch erkennen (und der von Mouffe beratene Mélenchon wendet es so in der Praxis an), daß »Nationalismus« als die politiktheoretische Fixierung auf die Nation als politisches Handlungssubjekt ein »leerer Signifikant« ist.

Das heißt in diesem konkreten Beispiel: Nationalismus kann reaktionär und revolutionär, ethnoidentitär und multikulturell, liberal und antiliberal, bürgerlich und antibürgerlich, links und rechts (usf.) aufgeladen werden, was immer auch davon abhängt, wer die Deutungshoheit über die Begriffe und ihre Implikationen behaupten kann.

Wagenknecht ist realistisch genug, um sich daran zu halten und die bundesdeutsche Situation einzubeziehen. Ihre Nationalismus-Schelte ist nicht als stringenter Vorwurf zu deuten, sondern als Beleg für die Defensivposition ihrer selbst sowie ihrer Weggefährten.

Die entscheidenden Lehren des ideenpolitischen Linkspopulismus, deren Anwendung Wagenknechts Mannschaft helfen würde, kann sie gar nicht adaptieren, ohne
Exklusionsmechanismen in der hypermoralischen Linken, die sie umgibt, auszulösen. Und wenn Wagenknecht von gemeinsamer, also kollektiver »Kultur« und »Identität« jenseits liberaler Individualverheißungen spricht, kann sie sich noch nicht einmal offen auf Terry Eagleton beziehen.

»Die meisten Formen kollektiver Identität«, so der britische marxistische Literaturwissenschaftler, »beruhen auf dem Ausschluss anderer, manchmal
notwendigerweise.« Koppelt man diese Erkenntnis mit Eagletons Einschätzung, wonach es nicht »im mindesten irrational« sei, »gelegentlich Furcht vor dem anderen zu haben«, weil man womöglich zuerst feststellen müsse, »ob seine Absichten freundlich oder feindlich« seien, während nur »sentimentale Schwärmer meinen, man müsse Fremde immer in die Arme schließen«, wird man nicht umhin können, zu sagen: Wagenknecht kann bereits diese Hürde nicht nehmen, wenn sie den besonders schmalen Grat des Gerade-noch-Denkbaren innerhalb der bundesdeutschen Linken nicht umgehend strauchelnd verlassen möchte.

Das Unverzichtbare am wirkungsvollen Populismus (ob links- oder rechtsgepolt) ist ein mobilisierendes Element – der Umriß eines »Anderen«, eines konkreten Gegners –, und darauf aufgrund interner wie externer Faktoren zu verzichten, verkörpert neben dem fehlenden Volksbegriff die zweite große Lücke Wagenknechtscher Bemühung, die sich dadurch als aussichtslos erweisen muß.

Man kann von »rechts« folglich das gesamte Vorhaben Wagenknechts und ihrer Partner, die Linke vor dem neoliberalen Sumpf der »Mitte« und dem antinationalen Habitus des »eigenen Lager« zu retten, entkrampft bewerten:Ѽ realpolitisch, weil ein eventuelles Antreten einer Liste Wagenknecht keine »französischen« Folgen hätte.

Die AfD hätte – bei fortwährender sozialprogrammatischer Schärfung – keine herben Verluste zu fürchten, zumal Wagenknechts Formation gegen die Platzhirsche
SPD, Linke und Grüne antreten müßte; metapolitisch, weil Wagenknecht und ihre Mitstreiter mit jedem Versuch, ideenpolitisch voranzukommen, einen Schritt näher in unsere Richtung gehen (müssen).

Mit jedem dieser Schritte aber werden die vernunftorientierten Linken sukzessive die konzeptlose Verengung des ideenpolitisch Sag- und Tragbaren (vgl. Querfront) innerhalb ihres Politkosmos spüren und neue Anfeindungen erfahren.

Denn es ist nicht auszuschließen, daß die Spirale der innerlinken AntiWagenknecht-Agitation im Zuge der Konkretisierung des Vorhabens und weiteren Verstößen gegen antifaschistische Verhaltensgebote in offene Abneigung und Haß umschlägt, ja daß die Köpfe der anvisierten linken Sammlungsbewegung aus der politischen Linken flüchten müssen.

Erst dann werden die Karten wirklich neu gemischt. Dabei haben Stegemann und Wagenknecht Recht: Das »Zeitalter des Populismus« als Protestbewegung gegen Kapital und Establishment ist gekommen.
Und zwar ist das die Zeit eines solchen Populismus, der – gemäß der beiden entscheidenden Pole Sicherheit und Identität – rückgebunden ist an gemeinschaftliche und solidarische Paradigmen.

Doch wenige linksorientierte Persönlichkeiten sind alleine in einem Feld, in dem die »verweltbürgerlichte Linke« (Wolfgang Streeck) diese Stunde des Populismus aus ideologischen wie moralischen Motiven heraus unbeachtet verstreichen lassen möchte. Diese depravierte Form der Linken hat nicht nur reale Probleme »sozialer Klassen« zugunsten identitätspolitischer Nischen aufgegeben, wie es der Soziologe Christian Baron in seiner Streitschrift über den grundsätzlichen Wandel seines politischen Milieus so subjektiv wie plastisch dargestellt hat, sondern schlichtweg vergessen respektive geleugnet, daß es Völker gibt.

Wagenknecht, Stegemann und Co. werden daher von der absoluten Mehrheit ihres Milieus aus ideologischer Überzeugung im Stich gelassen werden: Die politische Praxis der deutschen Linken war noch nie so geistlos wie 2018, der soziale und politische Kampf ist jenseits einzelner intellektueller Leuchttürme, denen es freilich an »Bewegung« mangelt, überwiegend auf Antifa-Niveau gesunken.

»Um kämpfen zu können«, wußte noch Friedrich Engels, »muß man erst einen Boden haben, Luft, Licht und Ellenbogenraum. Sonst bleibt alles Geschwätz.« Es wird sich zeigen, ob die neue linke Sammlungsbewegung das Potential und die Kraft dazu hat, sich gegen auftretende Widerstände Boden, Luft, Licht und vor allem Ellenbogenraum zu verschaffen. Wenn ihr dies nicht gelingt, heißt es endgültig: Deutsche Linke, c’est fini.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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