Die Lücke, das Volk, die Linke

PDF der Druckfassung aus Sezession 85/August 2018

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Das rechts­al­ter­na­ti­ve Spek­trum Deutsch­lands führt im Som­mer und Herbst 2018 gewis­ser­ma­ßen einen – gewiß unter­schied­lich zu gewich­ten­den – Kampf an zwei real­po­li­ti­schen Fron­ten. Das liegt an Horst See­hofer, Ange­la Mer­kel und den Uni­on-inter­nen Ver­wer­fun­gen einer­seits, an Sah­ra Wagen­knecht, ihrem ambi­tio­nier­ten Pro­jekt einer Samm­lungs­be­we­gung von links und den Links­par­tei-inter­nen Ver­wer­fun­gen andererseits.

Die kom­men­de Zeit ver­langt unse­rem Milieu dabei beson­ders gro­ße Anstren­gun­gen ab, weil die Rech­te nach Jahr­zehn­ten im Nie­mands­land zwi­schen Nischen­kampf und Anpas­sung, Struk­tur­auf­bau und Neu­for­mie­run­gen das Sie­gen wie­der­ent­deckt. Der größ­te Erfolg der meta- wie real­po­li­tisch aus­ge­rich­te­ten (Neu­en) Rech­ten ist die Wie­der­ent­de­ckung der »sozia­len Fra­ge« im Span­nungs­feld zwi­schen kapi­ta­lis­ti­scher Glo­ba­li­sie­rung und Mas­sen­zu­wan­de­rung – neben der ein­deu­tig konnotierten
»natio­na­len Fra­ge«, einem genu­in rech­ten Selbstläufer.

Das bleibt auch den Estab­lish­ment-Struk­tur­kon­ser­va­ti­ven inner­halb christ­de­mo­kra­ti­scher Loya­li­täts­zu­sam­men­hän­ge nicht ver­bor­gen. In die­sem Zusam­men­hang müs­sen die mas­sen­me­di­al auf­ge­wer­te­ten Schat­ten­ge­fech­te um Kon­trol­le und Abwei­sun­gen von Migran­ten an der bay­risch-öster­rei­chi­schen Gren­ze expli­ziert werden.

Klar erscheint im alter­na­ti­ven Beritt der Bun­des­re­pu­blik, daß die bis­wei­len zir­ku­lie­ren­de Mär von einer rechts­ge­wen­de­ten Uni­on-Minus-Mer­kel – mit einem Ret­ter Jens Spahn – Rea­li­täts­flucht ver­heißt, und daß der Traum einer bun­des­wei­ten CSU als Kor­rek­tiv zur Bun­des­po­li­tik, der zuletzt von Frau­ke Petry in Inter­views mit regio­na­len Zei­tun­gen auf­ge­fah­ren wur­de, schon seit Armin Moh­lers Zei­ten aus­ge­träumt ist.

Ein Wie­der­auf­grei­fen wür­de sich als ein Schach­zug all derer ent­pup­pen, die dar­an inter­es­siert sind, das Bestehen­de ohne wirk­li­che (poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che) Kehrt­wen­den in die Zukunft zu hieven.

Auf der lin­ken Sei­te des poli­ti­schen Spek­trums sind indes­sen inter­es­san­te­re, auf­schluß­rei­che Bewe­gun­gen rund um die Gali­ons­fi­gur Sah­ra Wagen­knecht und den Dra­ma­tur­gen Bernd Ste­ge­mann, der vie­len Beob­ach­tern als Influ­en­cer hin­ter dem Duo Wagenknecht/Lafontaine gilt, zu ver­neh­men. In einem bun­des­weit viel beach­te­ten Inter­view mit der Neu­en Zür­cher Zei­tung leg­te Wagen­knecht als das Gesicht der für den Herbst die­ses Jah­res anvi­sier­ten neu­en lin­ken Samm­lungs­be­we­gung ers­te Umris­se der inhalt­li­chen wie stra­te­gi­schen Aus­rich­tung dar.

Es geht um sozia­le und inne­re Sicher­heit, Iden­ti­tät, Kul­tur, Fra­gen der Gerech­tig­keit sowie um Ein­bet­tung in ein gro­ßes Gan­zes, das Schutz vor dem »ent­fes­sel­ten Kapi­ta­lis­mus« bietet.
So rich­tig die Grund­ten­denz auch sein mag, und so stark ent­spre­chen­de Ansät­ze auch auf Unter­stüt­zung im Wahl­volk zäh­len könn­ten (die Bild schätzt: auf Anhieb etwa 25 Pro­zent), bleibt doch bereits in sta­tu nas­cen­di zu kon­sta­tie­ren, daß dem Motor der Wagen­knecht-Ste­ge­mann – Grup­pe, also dem bis­her über­wie­gend vir­tu­ell akti­ven »Team Sah­ra«, jed­we­de akti­vis­ti­sche Basis fehlt, so viel Wachs­tum der gleich­na­mi­ge News­let­ter auch ver­zeich­nen dürf­te und so bereit­wil­lig vie­le auf­la­gen­star­ke Medi­en mit kri­ti­scher Neu­gier das Expe­ri­ment auch beob­ach­ten und ihre Stand­punk­te repro­du­zie­ren mögen.

Von kom­mu­nis­ti­schen und anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Zir­keln in der Links­par­tei bis zu jun­gen außer­par­la­men­ta­ri­schen Bünd­nis­sen – die radi­ka­le Lin­ke in all ihren Ver­äs­te­lun­gen ist im zeit­geis­ti­gen Refu­gees-Wel­co­me-Pri­mat gefan­gen und lehnt Wagen­knechts Kurs über­wie­gend ab.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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