»Schwund an Originalität« – Spitzenfußball und Propaganda

PDF der Druckfassung aus Sezession 85/August 2018

 Gastbeitrag

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»Elf Freun­de müßt ihr sein, dann könnt ihr das Spiel gewin­nen.« Die­ser Spruch, sei­ne Her­kunft ist nicht genau zu eru­ie­ren, hing vor­mals zuwei­len über Kabi­nen­tü­ren. Waren es nun »elf Freun­de«, die für Deutsch­land jüngst bei der Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft auf dem Platz stan­den? Die Fra­ge ist im Blick auf die Leis­tung und das Zusam­men­wir­ken der Akteu­re der Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft (seit eini­gen Jah­ren fir­miert sie unter dem offi­zi­el­len und rudi­men­tä­ren Eti­kett »Die Mann­schaft«) eher rhe­to­ri­scher Natur.

Man ist dies­mal so früh wie noch nie, in der Grup­pen­pha­se, aus dem Tur­nier geschie­den. Im Geflecht der Grün­de spann­ten nicht nur die Satt­heit und Schlaff­heit der­je­ni­gen, die schon alles gewon­nen hat­ten, was es zu gewin­nen gibt, ihre Fäden, son­dern als miß­stim­mi­ger Dau­er­ton durch­puls­te auch die mal pla­ka­ti­ve, mal sub­ti­le poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung des Ereig­nis­ses und sei­nes Umfelds die Szenerie.

Nun ist die Welt­meis­ter­schaft been­det, und der Blick der Fuß­ball­in­ter­es­sier­ten wen­det sich wie­der dem Ver­eins­fuß­ball zu. Selbst die Eli­te hat noch eine Spit­ze, sie tritt in der »Cham­pions­league« an. Dort ban­nen die Spie­le seit Jah­ren die Mas­sen, je Ereig­nis zwei Stun­den lang unter gut zwei­tau­send Lux glei­ßen­den Kunst­lichts, einer­lei von Mos­kau bis Lis­sa­bon und von Mal­mö bis Nea­pel, Aus­druck nivel­lie­ren­der und arti­fi­zi­el­ler Moder­ne. Die Nacht wird zum Tag, nach­dem der Tag schon Unrast war, und ein zum Phi­lo­so­phen gewor­de­ner Meß­kir­cher Mes­ner­bub wür­de die Ver­mei­dung sol­chen Tuns empfehlen.

Die Grün­de für die Fas­zi­na­ti­on, wel­che der Spit­zen­fuß­ball auf die Mas­sen aus­übt, kön­nen hier nur schlag­licht­ar­tig beleuch­tet werden:
Kom­pen­sa­ti­on ist das Schlüs­sel­wort. Karl Jas­pers etwa sah in sei­nem Werk Die geis­ti­ge Situa­ti­on der Zeit schon vor über einem Drei­vier­tel­jahr­hun­dert im Sport einen »Rest von Befrie­di­gung unmit­tel­ba­ren Daseins, in Dis­zi­plin, Geschmei­dig­keit, Geschicklichkeit.«

Fuß­ball ist außer­dem ein ori­gi­nä­res Betä­ti­gungs­feld für Män­ner, bei dem – ganz im Gegen­satz zur poli­tisch kon­se­quent und unab­läs­sig exer­zier­ten, den Zeit­geist mitt­ler­wei­le deut­lich prä­gen­den Femi­ni­sie­rung so gut wie aller Berei­che des öffent­li­chen Lebens – sie einen Bezirk fin­den, in dem sie ihre Kräf­te aus­schließ­li­chan­ein­an­der selbst mes­sen kön­nen, zum Zwe­cke der Stär­kung des Selbst­ver­ständ­nis­ses. Mus­keln sind gespannt, Gesich­ter gezeich­net. Im Ganzen
erin­nert das Gesche­hen an eine kämp­fe­ri­sche, sich gut zum Männ­li­chen fügen­de Auseinandersetzung, die dem Mars nahe, der Venus fernsteht.

Hin­zu kommt, daß im Spit­zen­fuß­ball nur eine sehr klei­ne Aus­le­se von Sport­lern mit­hal­ten kann: Män­ner, die in jeder Hin­sicht auf die Aus­ein­an­der­set­zung hin opti­miert, also in Form gebracht wer­den und sich die­sem Vor­gang pro­teus­haft unter­wer­fen. Viel­leicht liegt auch hier ein Grund für die Fas­zi­na­ti­on, die sol­che Ereig­nis­se auf die Mas­sen aus­üben: Das Ver­lan­gen nach dem Außer­or­dent­li­chen in einer Welt, in der seit Jahr­hun­der­ten und in wohl zuneh­men­dem Maße Kräf­te wir­ken, die das ein­zig­ar­tig und unter­schied­lich im Men­schen Her­vor­tre­ten­de ins Gleich­för­mi­ge zu rich­ten suchen.

In den Spie­len sol­cher Spit­zen­mann­schaf­ten tref­fen mitt­ler­wei­le Spie­ler aus manch­mal einem Dut­zend Natio­nen auf­ein­an­der. Dem her­kömm­li­chen Zeit­ge­nos­sen wird nun ein kri­ti­sches Licht auf das Dik­tum der auf einen Ort ver­dich­te­ten Viel­völ­ker­schaft nicht beha­gen. Die mul­ti­eth­ni­sche Aus­rich­tung der Gesell­schaft und
damit eben auch der Fuß­ball­ka­der sei nun ein­mal das, was sie sei, näm­lich eine Tat­sa­che, die jetzt eben gel­te und der man sich zu beu­gen habe. 

So könn­te sei­ne Ant­wort lau­ten. Der dahin­ter­ste­hen­de Gedan­ke ist in die­sem Fall so sehr zur Norm avan­ciert und hat die Vor­stel­lungs­kraft der­art in Beschlag genom­men, daß er gewöhn­lich nicht mehr auf­fällt und hin­ter­fragt wird. Er hat sich ins Selbst­ver­ständ­li­che ein­ge­fleischt. Bereits Arnold Geh­len hat­te ja in Die See­le im tech­ni­schen Zeit­al­ter einen »Fak­ten­po­si­ti­vis­mus« attes­tier­tet, in dem »die Welt vol­ler Fak­ten mit ihren eben­so fak­ti­schen Erklä­rungs­grün­den einen Zusam­men­hang bil­det, der, durch sein blo­ßes Dasein und sei­ne tat­säch­li­chen Eigen­schaf­ten legi­ti­miert, sich selbst genügt.«

Den recht­li­chen Aus­lö­ser für die for­cier­te Inter­na­tio­na­li­sie­rung mar­kier­te das »Bos­mann-Urteil«, das 1995 vom Euro­päi­schen Gerichts­hof ergan­gen war und das im Sin­ne der Frei­zü­gig­keit die Beschrän­kung der Zahl von Spie­lern aus ande­ren EU-Län­dern auf­ge­ho­ben hat­te. Zudem wur­de die Not­wen­dig­keit von Trans­fer­zah­lun­gen für einen Spie­ler nach Aus­lauf eines Ver­trags auf­ge­ho­ben. In der Fol­ge kam es zu einer star­ken Stei­ge­rung der Zahl aus­län­di­scher Akteu­re in den Pro­fi­mann­schaf­ten in der EU.

Eine Rück­blen­de auf den Kader aus dem ers­ten Jahr des FC Bay­ern in der Fuß­ball-Bun­des­li­ga, der Spiel­sai­son 1965/66, zeigt, daß die Nach­na­men oft­ober­deut­schen, ja baye­ri­schen Klang (Bren­nin­ger, Kroiß, Kunst­wadl, Mai­er) auf­wei­sen. Für Auf­se­hen sorg­te noch 1973 die Ver­pflich­tung von Jupp Kapell­mann, der damals vom Rhein (1. FC Köln) intra­na­tio­nal an die Isar kam. Als die Mann­schaft ihre ganz hohe Zeit hat­te, Anfang bis Mit­te der Sieb­zi­ger Jah­re, rekru­tier­ten sich von den Spie­lern des enge­ren Kaders (Becken­bau­er, Breit­ner, Dürn­ber­ger, Hoe­neß, Mai­er, Mül­ler, Roth, Schwar­zen­beck) fünf aus Ober­bay­ern und drei aus dem
baye­ri­schen Schwaben. 

Eine sol­che Betrach­tung wirkt ange­sichts der heu­ti­gen Ver­hält­nis­se ana­chro­nis­tisch, frei­lich ist auch der damals durch­schla­gen­de Erfolg die­ser Kon­stel­la­ti­on nicht zu bestrei­ten. Der Ver­eins­na­me Bay­ern Mün­chen bezog sich also nicht nur, was die Übungs- und Heim­spiel­stät­te der Mann­schaft betraf, auf die Stadt und auf das umge­ben­de Land, son­dern er traf auch weit­ge­hend auf die Her­kunft der Spie­ler, die selbst­re­dend die Ingre­di­enz schlecht­hin des Spiels sind, zu.

In der Sai­son 2017/18 gehör­ten dem Kader der enge­ren, haupt­säch­lich spie­len­den Mann­schaft bei 21 Akteu­ren dann noch neun Spie­ler mit deut­schem Paß an. Inner­halb eines hal­ben Jahr­hun­derts also hat sich die Zusam­men­set­zung der 1. Mann­schaft des FC Bay­ern Mün­chen von einer vor­nehm­lich bayrisch-deutschen
in eine sol­che stark mul­ti­eth­ni­scher Prä­gung ver­wan­delt – im Grun­de ein Spie­gel der Viel­völ­ker­schaft der Stadt Mün­chen. Die dor­ti­ge Stadt­ver­wal­tung ver­kün­det denn auch in ihrem Inter­net­auf­tritt, es leb­ten der­zeit »in Mün­chen Men­schen aus 180 Natio­nen«, und sie alle mach­ten »die Stadt zu einer viel­fäl­ti­gen und tole­ran­ten Metropole.«

Daß der FC Bay­ern Mün­chen was die Mul­ti­eth­ni­zi­tät angeht, auf dem Par­kett der euro­päi­schen Spit­zen­mann­schaf­ten kei­ne Aus­nah­me, son­dern die Regel dar­stellt, lie­ße sich leicht demons­trie­ren. Die ein­hei­mi­sche Natio­na­li­tät erscheint dabei dann nicht mehr als das maß­ge­ben­de, son­dern nur noch als ein den Ausgleich
bewerk­stel­li­gen­des Glied in der Spiel­erket­te Babels, in die sich der Auto­chtho­ne integriert.

Und es erscheint wie ein Akt der Kom­pen­sa­ti­on, wenn der Ver­ein die tra­gen­de »Rol­le« des Spie­lers Tho­mas Mül­ler, des letz­ten ori­gi­nä­ren Bay­ern in der
Stamm­for­ma­ti­on, her­vor­hebt. Aus­tausch­bar­keit läßt frei­lich die Zahl ins Spiel kom­men, die nume­ri­sche Potenz wächst und das quan­ti­ta­tiv nicht zu fas­sen­de Eige­ne verschwindet.

»Schwund an Ori­gi­na­li­tät«. Der Aus­druck stammt von Ernst Jün­ger, der 1965 auf einer Schiffs­rei­se in Hong­kong an Land ging und in sei­nem Tage­buch dazu eine »Ver­stim­mung, im Vor­ge­fühl … auf einen der gro­ßen Misch­kes­sel zu kom­men« ver­merkt hat­te. Vor­her nimmt er in Mani­la bereits einen »Schwund an Ori­gi­na­li­tät, wie über­all auf der Welt« wahr. Hier tre­ten unver­mit­telt Äuße­run­gen der mit durch­drin­gen­der eth­ni­scher Hete­ro­ge­ni­tät an einem Ort kon­fron­tier­ten Psy­che auf den Plan. Es lie­ße sich dabei doch die Fra­ge auf­wer­fen, inwie­weit in einem »mel­ting pot« der Eth­ni­en Ver­trau­en zuein­an­der als eine Grundvoraussetzung
für Ent­wick­lung und Lebens­qua­li­tät ent­ste­hen und auf­recht­erhal­ten wer­den kann. In ein­schlä­gi­gen Aktio­nen demons­tra­tiv zur Schau getra­ge­nes Mit­ein­an­der ver­stärkt hier den Zwei­fel eher, als daß es ihn mildert.

Wie stark inter­na­tio­na­ler Spit­zen­fuß­ball nicht nur als Vehi­kel für das Pro­pa­gie­ren von Mul­ti­eth­ni­zi­tät, son­dern ganz all­ge­mein für Gleich­heits­kon­struk­tio­nen benutzt wird, lie­ße sich an einer Viel­zahl von Bei­spie­len ver­an­schau­li­chen, die sich dem trotz stän­di­gen media­len Trom­melns noch auf­merk­sa­men Beob­ach­ter zei­gen. So wird man etwa in der Halb­zeit­pau­se der Über­tra­gung von ChampionsleagueSpielen gern mit bekann­ter »No to racism!«-Werbung der UEFA kon­fron­tiert, bei der im flot­ten Takt jeweils eine gegen­wär­tig Welt­klas­se spie­len­de Idol­fi­gur nach der ande­ren in ihrer Lan­des­spra­che ent­schie­den und ein­dring­lich eben die­sen Appell auf­sagt, das zuwei­len mar­tia­lisch anmu­ten­de Gesicht dabei in fron­ta­ler Nah­auf­nah­me in die Kame­ra gerichtet.

Dem Ras­sis­mus wird dabei zwar medi­al und an die Mil­lio­nen gerich­tet eine schein­ba­re Absa­ge erteilt, als blo­ße »Anti«-Version tritt er über die Hin­ter­tü­re unwei­ger­lich und post­wen­dend aber wie­der ins Zim­mer der auf­dring­li­chen Insze­nie­rung her­ein. Er wird also gera­de nicht aus­ge­he­belt, son­dern in einem Spie­gel­bild bestä­tigt und zudem durch man­tra­haf­tes Wie­der­ho­len noch potenziert.

Zurück zum Spiel. Die Strahl­kraft und die gesell­schaft­li­che Rele­vanz des Spit­zen­sports, in Euro­pa spe­zi­ell des Fuß­balls, ist so stark, daß sich bereits 1974 anläß­lich des End­spiels der Fuß­ball-WM in Mün­chen der dama­li­ge Bun­des­kanz­ler Schmidt und Bun­des­prä­si­dent Scheel auf der Tri­bü­ne ein­fan­den. Die Erreich­bar­keit der Vie­len, die seit­her auch noch viel mehr gewor­den sind, hat sich deut­lich gestei­gert. Damit ein­her geht die media­le Wirk­sam­keit und die Mög­lich­keit, poli­ti­sche Bot­schaft ein­fluß­neh­mend zu transportieren. 

Ihr heu­ti­ger Inhalt könn­te lau­ten: »Seht, hier ist nun unse­re Visi­on der Einen Welt funk­tio­nie­ren­de Wirk­lich­keit gewor­den.« Pro­fes­sio­nel­ler Fuß­ball als Ereig­nis­raum pro­gres­si­ver Pos­tu­la­te, so könn­te eine Kurz­for­mel das Gesche­hen nähe­rungs­wei­se fassen.
Was bleibt? In die Asche bla­sen und den Äther trü­ben? Nein, unver­dros­sen spie­len, ent­bun­den von robo­ter­haf­ter Mecha­nik, dem Ver­mes­sen von Lauf­ki­lo­me­tern und diä­te­ti­scher Lebens­hal­tung, bar­fuß auf Stop­peln eben gemäh­ter Wie­sen, fern­ab der Kame­ras und Mikrophone. 

Es braucht wenig und hat doch Anla­ge zu einer gan­zen und gesün­de­ren Welt. Das Spiel ist zurück und mit ihm etwas von Ori­gi­na­li­tät und »Sphä­ren rol­len­der« Schil­ler­scher Freude.

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