24. Februar 2020

Notizen zur Wahl in Hamburg – wohin AfD?

Benedikt Kaiser / 59 Kommentare

Die Wahl in Hamburg ist vorbei, die Stimmen sind fast zur Gänze ausgezählt: Zeit für einige Notizen.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die AfD, obschon Kleinpartei in der Hansestadt, dominiert die Schlagzeilen, und das war schon so in der Woche vor dem Urnengang. Spitzenpolitiker aller Parteien ließen im Vorfeld keinen Zweifel daran: Hamburg sollte die AfD für »Hanau« bestrafen, aus dem Parlament werfen. Dies gelang nicht, obwohl es – unter Jubel der ARD- und ZDF-Mitarbeiterschaft – in den ersten Prognosen und Hochrechnungen der GEZ-finanzierten Rundfunkanstalten danach aussah.

Aufgrund dieser politmedialen Einheitsfront und ihrer parlamentarischen Partner samt gewalttätiger Antifa-Ausläufer ist es eminent erfreulich, daß die Hamburger AfD mit 5,3 Prozent der abgegebenen Stimmen (minus 0,8) erneut in die Bürgerschaft gewählt wurde. Daß sich das Allparteienkartell so verkalkulierte in seinem vorgezogenen Jubel und daß sich die massive Einschüchterungskampagne linker Gewalttäter zumindest nicht vollends ausgezahlt hat, gehört zu den erfreulichsten Nachrichten des Abends.

Weniger erfreulich sind die Zahlen im Ganzen gesehen; sie sind katastrophal für unser Lager. Die SPD verlor zwar Wähler (minus 6,6 Prozent), aber konnte starke 39 Prozent halten. Grüne waren erwartungsgemäß der große Gewinner, 24,2 Prozent bedeuten 11,9 Prozent Zuwachs. Die CDU, gebeutelt von der Causa »Thüringen«, Merkel und dem Führungschaos, kam auf noch 11,2 Prozent (minus 4,7) und erzielte damit das schlechteste Landesergebnis seit 1946, die in Hamburg besonders linksaußen beheimatete Linkspartei konnte um 0,6 Prozentpunkte auf 9,1 zulegen. Die FDP wird vermutlich nicht einziehen. Zwar steht sie aktuell bei 5,00 Prozent, wird aber einige Stimmen aufgrund einer angenommenen Verwechslung mit den Grünen abgeben müssen und dürfte dann mit 4,99 Prozent aus der Bürgerschaft ausscheiden.

Es gilt sich nun einiges zu vergegenwärtigen und danach bestimmte Lehren aus Hamburg (und Hanau) zu ziehen.

1. Ein politmediales Establishment samt Zivilgesellschaft in westdeutschen Ballungsräumen, das sich aus freien Stücken und sich gegenseitig radikalisierend in den Massenwahn begibt, ist mit rationalen Erkenntnismethoden und kluger Argumentation nicht zu beeindrucken. Das war vor Hanau klar, aber nach Hanau verschärfte sich die Lage.

Die AfD hätte hier theoretisch primär die eigenen Leute bei der Stange halten müssen. Hernach wäre es darum gegangen, einen markanten Teil der nichtrepräsentierten Outsider der feinen politisch-korrekten Stadtgesellschaft zu aktivieren. Es wäre aber gerade nicht darum gegangen, die Gegenseite von der eigenen lauteren Gesinnung zu überzeugen.

2. Das Statement der AfD-Bundesspitze um Jörg Meuthen und Tino Chrupalla, das staatsmännisch, vernünftig und nachdenklich daherkommen sollte, war daher auch Hamburg-spezifisch ein Schuß in den Ofen. Die Gegenseite nimmt der AfD und Umfeld die Betroffenheit nicht ab, hält sie sogar für blanken Hohn, die eigenen Wähler halten es für das, was es sein dürfte: Kapitulation vor dem Gegner, schlimmer noch: Übernahme seiner Sprache und Deutungsmuster.

3. Diese Übernahme der Anpassung an den Mainstream vollzog die Hamburger AfD aber nicht erst nach dem Amoklauf von Hanau, was zumindest auf einer menschlichen Ebene psychologisch nachvollziehbar wäre. Das Gegenteil ist zutreffend: Der Wahlkampf war auch vorher zahn-, ideen-, planlos. Man klebte Plakate, die allen Ernstes die Ästhetik und Inhalte der Lucke-Ära verbreiteten, verzichtete auf Unterstützung durch externe Kräfte (von außerparlamentarischen Akteuren bis, man höre und staune, zur eigenen Parteijugend) aufgrund von Sorgen, man könnte das Gegenlager »provozieren« durch eigene Präsenz und Professionalisierung, und inszenierte sich als Kraft, die das saturierte und schaffende Bürgertum der altehrwürdigen Hansestadt Hamburg vertreten würde, verzichtete damit prinzipiell auch nur auf den nominellen Anspruch, eine schichtenübergreifende »Volkspartei« darstellen zu wollen.

4. Dieses Hamburger Bürgertum, man hätte dies freilich wissen können, entscheidet aber selbst, durch wen es sich adäquat vertreten fühlt, und ignorierte die AfD vollumfänglich. Grüne gewannen in den einkommensstarken Gebieten am stärksten dazu, die SPD blieb stabil, doch selbst die FDP, das ideelle und habituelle Vorbild der Hamburger AfD-Parteispitze, verlor dort.

Das umworbene Bürgertum Hamburgs wollte also keine neoliberal-patriotische Klientelpartei, es ist – wie auch in anderen Großstädten der BRD – längst ins linksliberale Lager gekippt (manche fürchten deshalb gar ein »1933 von links«), ja stellt dessen Klassenbasis und personellen Kern. Mit entsprechenden Folgen am Wahltag.

5. Ähnliches gilt – ebenso erwartungsgemäß – für die stärksten urbanisierten Gegenden Hamburgs, wo das hypermoralische Publikum kosmopolitisch-liberaler Lebenswelten, progressiver Linksszene und vergleichbarer Milieus beheimatet ist. Dort holte die AfD beispielsweise 1 Prozent in der Sternschanze. Daß hier kaum Wahlkampf betrieben wurde, ist durchaus statthaft; auch durch engagierte Präsenz wären in den dortigen Vierteln wohl kaum bessere Ergebnisse erzielt worden.

6. Das krasse Gegenteil muß für die in Hamburg zahlreichen sozial schwächeren Gegenden gelten. Die AfD wollte sich nicht um sie bemühen, paßte es doch nicht zur liberalkonservativen Programmatik, die nicht nur weltanschaulich falsch war, sondern auch ein strategisches Desaster darstellt. In den einwohnerstarken und damit elektoral besonders bedeutenden Arbeiterbezirken siegte konsequenterweise die Sozialdemokratie – gefolgt vom radikal linken Lager:

»Die SPD findet ihre größte Unterstützung in wirtschaftlich schwächeren Stadtteilen: südlich der Elbe, in manch östlichem Stadtteil und im Nordwesten. Hier sind die Einkommen niedriger und der Anteil der Sozialleistungsempfänger höher als im Durchschnitt. In Billstedt und drei weiteren Stadtteilen holte die SPD die absolute Mehrheit. Am schwächsten schnitt sie im Stadtteil Kleiner Grasbrook ab, wo die Linke ihre Hochburg hat.«

7. Die AfD erhielt in den diesen von Arbeitern und Geringverdienern bewohnten Stadtteilen dennoch 12 Prozent – und das ohne jedes (programmatisches, strategisches usw.) Bemühen um sie. Was hier möglich gewesen wäre, ist selbsterklärend, zumal die größten Nichtwählerreservoirs auch noch ebendort zu finden sind – nicht hingegen in den zur Wahl strömenden »bürgerlichen« Wohlstandsgebieten und den ländlicher geprägten Stadtteilen, wo die CDU ihre Bastionen teilweise halten konnte. In Billbrook, einem sozial prekären Stadtteil mit 78 Prozent Ausländeranteil, erzielte die AfD ihren Bestwert von 24 Prozent – in den ethnisch eher homogenen, gutbürgerlichen Vierteln reüssierten Grüne und Rote.

Das Bürgertum Hamburgs war und ist für eine grundsätzliche Alternative also nicht die Lösung, sondern das Problem. (Daß die Hamburger Parteispitze dies nicht sehen kann, liegt an ihrem eigenen klassenpolitischen Verblendungszusammenhang, der ihre subjektive Sicht zur scheinbar allgemeingültigen erhebt. Für sie gilt zudem, was Jean-Pascal Hohm formuliert hat.)

8. Nichtwähler blieben in Hamburg auch dieses Mal, trotz gestiegener Wahlbeteiligung, starke 37 Prozent der Menschen. Dieser eine halbe Million Köpfe zählende Pool an Unzufriedenen, Abgewandten und von allen Parteien Enttäuschten wurde im gesamten Wahl"kampf" der AfD ignoriert. Der Fokus der Bemühungen richtete sich auf den Kern hartgesottener Wähler von CDU und FDP, obwohl jedem Beobachter klar sein mußte, daß auch diese beiden Parteien vom Wähler abgestraft werden dürften.

Es war also nicht nur weltanschaulich grotesk, eine Lucke-Programmatik zwischen CDU der 1980er und der FDP von heute zu verantworten, sondern auch strategisch unverzeihlich: Man setzte nicht auf ein falsches Pferd, sondern auf ein totes.

9. Dieses Scheitern kam mit Ansage. Das Ministerpräsidentenchaos in Thüringen war dafür nicht veranwortlich, wie AfD-Spitzenkandidat Dirk Nockemann vehement am Wahlabend behauptete. Die AfD-Wähler wurden stärker durch Thüringen motiviert als andere, was Nockemanns Aussage schlichtweg widerlegt.

 

10. Die Hamburger Parteiführung um ebenjenen Nockemann verkündete vor der Wahl diese Weisheit:

 

11. Vom Osten hätte man sehr vieles lernen müssen: Volksnahes Auftreten und dennoch grundsätzliche Äußerungen; engagierter und leidenschaftlicher Wahlkampf und dennoch keine Übersprungshandlungen; effektives Zusammenwirken mit Parteigliederungen aller Art und externen Kräften und dennoch keine beliebige Vielfalt in der Wahl der Inhalte und Mittel; provokative Aktionen und Setzungen und dennoch keine Vulgärrabulistik; moderne Plakate und dennoch keine Verfälschung des eigenen konservativen Profils.

In der Tat: Die AfD in Hamburg lernte nicht vom Osten, das war neben Hanau der Hauptgrund für die leichten Rückggänge in einer polarisierten Zeit, in der überall beide Pole (also politische Lager) profitieren, nur offenbar in Hamburg nicht, wo sich einer der Akteure, die AfD, aus der Affäre ziehen wollte. Bloß keine Aufmerksamkeit erzeugen hieß die Devise, die gerade in einem Wahlkampf an Absurdität kaum zu übertreffen ist.

12. Hamburg dessen ungeachtet mit knapp 5 Prozent »gehalten« zu haben, ist, siehe oben, eine erfreuliche Tatsache wider die antifaschistische Einheitsfront und für die AfD-Mitarbeiter vor Ort. Das war es allerdings auch. »Hält« man Städte wie Hamburg oder Bundesländer wie NRW dauerhaft auf 5 bis 10 Prozent, wird sich in (West-)Deutschland rein gar nichts ändern. Der bürgerlich-opportunistische Kurs hat noch nirgends bewiesen, daß er Erfolge einfahren kann, so mantrahaft auch betont wird, man müsse dies im Westen so betreiben, weil man andernfalls das Bürgertum nicht erreiche. Nun, man erreicht es ganz offensichtlich auch so nicht.

Überall, wo das Bürgertum den politischen Ton angibt, spielen AfD und die Rechte an sich keine Rolle. Wohingegen das Bürgertum politisch ausgedünnt oder apolitisch ist, kann die AfD punkten. Der ominöse Rechtsrutsch des Bürgertums hat, entgegen der Unkenrufe linker Publizisten, nicht stattgefunden; das Bürgertum ist vielmehr nach links (bzw. grün) gekippt. Es spricht also alles dafür, das solidarisch-patriotische Erfolgsrezept aus dem Osten auch in westlichen Bundesländern zu versuchen, um nicht »das Bürgertum«, sehr wohl aber »das Volk« (die populären Klassen, d. h. Unter- und abstiegsbedrohte Mittelschichten) zu erreichen.

Daß es für 20 Prozent plus im Westen einstweilen nicht ausreichen dürfte, ist evident. Daß mehr als 5 Prozent auch in Hamburg möglich sind, wenn man sich in Richtung von Arbeitern, Prekären und, allgemeiner, Nichtwählern zuwendet, ist anzunehmen und bewies 2001 etwa Ronald Schill durch einen bedingungslos forschen »Klartext«-Wahlkampf.

13. Schills 20-Prozent-Erfolg in einem bunten Stadtstaat wie Hamburg zeigt, daß eine populistische rechte Kraft auch in denkbar feindlicher Umgebung Chancen hat, die Fünf- oder Sieben- oder Neunprozent-Schallmauer zu durchbrechen. Man kann einwenden, daß Schill nicht so dämonisiert wurde wie die AfD, was richtig ist. Ebenso richtig ist aber, daß Schill kein Facebook und vor allem keine alternativen Medien zur Verfügung standen, die heute zu einer Waffe der AfD werden könnten und dies jenseits von Hamburg oftmals auch sind.

14. Wolfgang Sofsky führte in einem skeptischen Essay (»Das Volk schaut nur zu«, NZZ v. 20.2.2019) aus, daß Ämter ihre Inhaber überdauerten und daß in unseren westlichen Gesellschaften die Opposition, »ob links, mittig oder rechts, nichts anderes als eine Art 'Reserveelite' (sei), die gleichfalls Posten und Pensionen zu erobern sucht«. Die AfD in Hamburg und vielen weiteren Regionen des Westens giert immer unverhohlener nach der Rolle als bürgerlich-liberalkonservative Reserveelite, ihre (aus dem Bundesvorstand wohlweislich entfernten) Twitter-Cheerleader ebenso, und sie fordern diesen opportunistischen Kurs sogar als Generallinie für ganz Deutschland.

Für die Bildung einer weiteren Reserveelite des Establishments wäre die Zeit, die Kraft, das Geld und die Gesundheit vieler leidenschaftlicher und aufrichtiger Patrioten zu schade; dafür geht es gerade gesamtdeutsch betrachtet um zu viel. Will man bundesweit auf Hamburger Ergebnisse um die Fünfprozenthürde herum kommen, sollte man auf Uwe Junge und Dieter Stein hören; will man nach Jahren der Stagnation im Westen endlich aus dem Trott herauskommen, sollte man von jenen lernen (und das heißt wohlweislich nicht: sie eins zu eins zu imitieren), die in den letzten Jahren massive Erfolge erzielten, allen voran Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Sachsen.

15. In diesen Bundesländern ist man bereits Volkspartei, da das kämpferische Element und das selbstbewußte Aufbegehren gegen eine Zivilgesellschaft der linksliberalen Hegemonie ebenso zur DNA der AfD zählt wie solide, seriöse, kundige Sacharbeit und kommunale Graswurzelstrategie.

Verweigert man sich dieser notwendigen Einheit von weltanschaulicher Grundsätzlichkeit (nicht: vulgärrechter Polterei) und mutiger, offensiver populistischer respektive volksnaher Strategie und Praxis (nicht: Skandale um der Skandale willen), bleibt man in den westlichen Bundesländern eine als langweilig und schlechterdings irrelevant wahrgenommene Kraft – und zwar so wahrgenommen von all den Nichtwählern und Enttäuschten, die bundesweit bis zu 40 Prozent der Wahlberechtigten ausmachen und um die es einer oppositionellen Kraft ohne Zugang zur Macht und zum Machthaber zuallererst gehen muß.

In Hamburg hingegen wußten selbst viele eigene potentielle Wähler nicht, wozu man die AfD überhaupt benötigt, worin eigentlich die tatsächlich alternative Haltung der AfD bestehen könnte, wenn man letztlich nur eine um Islamkritik erweiterte Resterampe-FDP darstellen möchte, die keinerlei Antworten auf drängende Fragen der Hansestadt wußte. Und diese Fragen waren nun mal – neben klimaideologischen – ganz wesentlich soziale Fragen aller Art (Bildung, Erziehung, Mobilität, Wohnen etc.).

Trägt man diese ersten Betrachtungen zusammen, ergibt sich folgendes Bild:

+ Überall dort, wo die AfD bemüht »bürgerlich« und »liberalkonservativ« agiert, also Liberale und Christdemokraten einer angeblich besseren Vergangenheit imitiert, nähert sie sich den 4-5 Prozent der verblichenen Lucke-AfD an. Eine national-neoliberale Partei hat auch in Westdeutschland, wo man dies oftmals als Erfolgsrezept zu verkaufen müssen meint, keine Massenbasis, ist beschränkt auf das gerade in zugespitzten Zeiten marginale rechtsliberale Feld und besitzt daher keine Zukunft als wirkmächtige und integrale Alternative zum falschen Ganzen.

+ Überall dort, wo die AfD solidarisch-patriotische Ansätze vertritt, also vermeintlich (!) linke, soziale Programmatik (Solidarität, soziale Sicherheit, Kritik der Ellbogengesellschaft usw.) mit rechten Themen (Migration, innere Sicherheit, Kritik des linksliberalen Einheitsbreis usw.) synthetisiert, hat sie die 20-Prozent-Marke überschritten und wächst quantitativ wie qualitativ.

+ Überall dort, wo man entgegnet, das solidarisch-patriotische Modell könne aus historischen, mentalitätspsychologischen und weiteren Faktoren nur im Osten wirken, habe aber im Westen keine Perspektive, muß man den den Beweis dafür erst erbringen. Soziale Fragen sind nicht an die alte BRD-DDR-Grenze gebunden, Verwerfungen gibt es auch in Hamburg-Barmbek und Nürnberg-Gostenhof, und die westdeutsche AfD hat ohnehin nichts zu verlieren:

Entweder folgen bei den kommenden Wahlen Stagnation und leichter Rückschritt wie in Hamburg (was man dann, dem Altparteien-Politsprech ähnlich und der Selbstkritik immun mit »respektablem Achtungserfolg«, »Wir haben toll gekämpft« und dergleichen mehr abfeiert) – oder man wagt die sozialpatriotische Wende, was zumindest die (bis dato inexistente) Option birgt, im sich verfestigenden neuen BRD-Gefüge »Allparteienfront gegen rechts« die einzige verbliebene und mobilisierende oppositionelle Kraft darzustellen, die neben den 4 bis 6 Prozent Überzeugungswählern auch attraktiv für relevante Teile des 30 bis 40 Prozent der Deutschen umfassenden, damit millionenstarken Reservoirs von Nichtwählern erscheint. Diese Menschen sind die Nichtrepräsentierten, die Vergessenen, die Ignorierten, die Vernachlässigten in einer so »bunten« und doch so formierten Gesellschaft der »Wohlmeinenden und Wohlhabenden« (Bernd Stegemann), gegen die sich der Widerstand zu richten hat.

Das Bürgertum als Sehnsuchtsklasse der »Gemäßigten« wird derweil spätestens dann nach rechts kippen, wenn es das für opportun hält. Grundsätzliche Veränderungen wird es freilich nicht anstoßen, es kippt immer nur dorthin, wohin man es stößt. Derzeit ist die Linke am Drücker – doch es gibt auch für sie keinerlei Garantie, daß das Pendel in bestimmten Krisensituationen nicht zurückschlagen wird. Dann aber gilt es mit passender Programmatik und passendem Personal zu intervenieren. Für beides wird die AfD besonders in Westdeutschland künftig harte Anstrengungen und einige grundlegende Revisionen vornehmen müssen: 2021 ist Superwahljahr, und die Uhr tickt.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (59)

t.gygax

24. Februar 2020 15:58

Kluge und richtige Worte. Aber sagen Sie das mal den AFD-Leuten in BW, die immer noch davon träumen, mit der CDU zusammen regieren zu können und die insgeheim mit Verachtung auf die "Abgehängten" runterschauen, obwohl es genau diese sind, die sie wählen.
Was in BW passiert, ist eigentlich ein klassisches Lehrbeispiel , wie man es nicht machten darf, und ob Frau Weidel, die ohne Zweifel ihre Qualitäten hat, da etwas ändert, das sei doch einmal dahin gestellt.
Allerdings: was von Herrn Chrupalla zu hören ist, das ist doch seltsam schwächlich. Offenbar ist also auch im Osten ( eigentlich: in Mitteldeutschland) nicht alles Gold, was glänzt.

Alexis

24. Februar 2020 16:24

Danke sehr für diese Analyse.

Sie deckt sich teilweise auch mit meinen eigenen Überlegungen, die ich in einem anderen Strang bereits niedergeschrieben hatte. Allerdings habe ich die soziale Frage bzw. dessen sträfliche Vernachlässigung durch die Hamburger-AfD nicht betrachtet.

Alles in allem markiert diese Wahl das völlige Scheitern des Kurses des sog. „gemäßigten“ Flügels.

Dieser Kurs lässt sich, grob vereinfacht, folgendermaßen zusammenfassen: Die AfD soll sich möglichst brav und angepasst verhalten, den politisch-medialen Mainstream nicht allzu „hart“ angehen, sich der linksgrün-globalistischen Debattenhoheit weitestgehend unterwerfen, dann würden sich die CDU und FDP eines Tages dazu herablassen, mit der AfD eine Koalition einzugehen.

Begleitet wird dieser Kurs höufig noch, das hatte ich in meinem ersten Kommentar nicht erwähnt, durch eine eher neoliberale wirtschaftspolitische Ausrichtung und einer Ignoranz gegenüber der sozialen Frage.

Die Reaktionen von CDU & FDP auf „Höckes Coup“ und kurze Zeit später auf Hanau zeigen jedoch eindrücklich, dass jegliche Koalitionsträumereien auf Sand gebaut waren. Die CDU wird niemals mit einer Partei koalieren, die sie öffentlich als „Nazis“ und „Faschisten“ bezeichnet, und obendrein noch von ihrem Verfassungsschutz beobachten lässt.

Gleichzeitig verschafft dieser Kurs der AfD keine neuen Wähler. Im Gegenteil, wie die heutigen Wahlen zeigen, hält dieser Kurs die AfD nur schwach, weil er ein grundlegendes Umdenken im Volk verhindert, indem er Unterwerfung gegenüber der links-globalistischen Debattenhoheit praktiziert und diese dadurch aufrechterhält und stärkt.

Doch während sich dieser Kurs mehr und mehr als Trümmerhaufen herausstellt, haben sich die Vertreter dieses Kurses zuletzt immer wieder durchgesetzt:
So vor wenigen Tagen in Baden-Würtemberg, wo ein neuer Landesvorstand bestehend ausschließlich aus Vertretern des systemnahen AfD-Flügels unter der Führung Alice Weidels gewählt wurde.
Genauso wie im Spätherbst letzten Jahres in NRW.

Mit der notwendigen Vorsicht eines Menschen, der nur von außen auf die AfD blickt und daher die innerparteiliche Lage nicht beurteilen kann, stelle ich die Frage, ob die gegenwärtige Strategie des Flügels der Richtige ist.

Vielleicht wäre es besser, wenn der „Flügel“ die Debatte über den richtige Ausrichtung der Partei offen führen und offensiver für seinen Kurs werben würde.

Konkret würde das bedeuten, dem unentschlossenen Teil der AfD-Mitgliederschaft klar zu kommunizieren, dass der Kurs des „Flügels“ die Partei zu Erfolgen führt, der „gemäßigte“ Kurs des selbsternannten „bürgerlichen“ Flügels der AfD nur geschadet und schwächt.

Die immer neue Ausmaße annehmenden Hassbekundungen und Dämonisierungskampagnen des Establishments haben vielleicht auch ihr Gutes:
Vielleicht lässt sich die zunehmende Aggression des Establishments gegenüber der AfD dazu verwenden, die AfD von Establishment-nahen Kräften zu befreien.

PhilipStein

24. Februar 2020 16:39

Bärenstark.

Alexis

24. Februar 2020 16:39

Die AfD in Hamburg und vielen weiteren Regionen des Westens giert immer unverhohlener nach der Rolle als bürgerlich-liberalkonservative Reserveelite, ihre (aus dem Bundesvorstand wohlweislich entfernten) Twitter-Cheerleader ebenso, und sie fordern diesen opportunistischen Kurs sogar als Generallinie für ganz Deutschland.

Ja, die Partei-Linke scheint sich angesichts des Scheiterns ihres Kurses jedenfalls unbelehrbar.

Es ist wirklich erstaunlich, wie die Vertreter dieses Kurses dieses Wahlergebnis versuchen ihren gängigen Narrativen anzupassen. Sie ziehen aus dem miserabeln Wahlergebnis des wohl gemäßigten, angepasstesten AfD-Verbandes überhaupt tatsächlich die Lehre, die AfD müsse sich noch mehr mäßigen.

Und es ist nicht nur der im Artikeltext verlinkte Uwe Junge. Georg Pazderski hat sich zuvor sehr ähnlich geäußert: https://de-de.facebook.com/Pazderski.Georg/posts/3111449902201156 Sehr wahrscheinlich hat Junge Pazderskis Worte übernommen.

Aber auch die lokalen Verantwortlichen zeigen keine Anzeichen von kritischer Reflexion.
Der Hamburger AfD-Spitzenkandidat Dirk Nockemann sieht den knappen Wiedereinzug in die Bürgerschaft offenbar als Einladung, um weiter zu machen wie bisher:

Der Hamburger AfD-Spitzenkandidat Dirk Nockemann betonte, "dass wir ein relativ hanseatischer und liberaler Landesverband sind". Man wolle auch in Zukunft eine "deutliche Sprache sprechen", aber auf drastische Rhetorik verzichten, die "unsere politischen Gegner gegen uns instrumentalisieren können".

https://www.sueddeutsche.de/politik/afd-hanau-maessigung-1.4816293

RMH

24. Februar 2020 16:55

Meiner Meinung nach eine treffende Analyse, die hoffentlich auch in der AfD breit zur Kenntnis genommen wird.

Lediglich das Abstellen auf das damalige Potential der Schill Partei überzeugt mich nicht. Nockemann ist ehemaliger Schill-Mann und wird die damalige Klientel und Stimmung besser kennen, als wir alle zusammen. Ich vermute, damals waren es gerade auch die bürgerlich-hanseatisch-liberale Kreise, welche die Faxen dick von bspw. Junkies auf der Straße in ihren Vierteln etc. hatten und mithin nicht gerade nur die normalen, Klein- bis Mittelverdiener. Die dürften damals noch brav SPD gewählt haben (oder überhaupt nichts). Ich kenne aber die Analysen von damals nicht. Es könnte aber erklären, warum ein Nockemann als Ex-Schill-Parteimann evtl. denkt, was damals ging, sollte heute auch gehen und damit lag er eben ganz aktuell im Jahr 2020 daneben, wie B.K. gut darstellt.

Nichts desto trotz wird damit die Analyse zur Lage heute, anno 2020, aus meiner Sicht kein Gramm geschmälert. Die AfD kann nur noch die Leute abholen, die ständig geschröpft werden und im Hamsterrad des alltäglichen Existenzkampfes ohne Hoffnung auf Erlösung sind - dafür aber in Erwartung steigender Mieten, Preise und mickriger Renten. Und das sind viele und das langt auch im hanseatisch weltoffenen Hamburg für ein besseres Ergebnis. Insofern: Kaiser liegt richtig - und das schreibe ich, als liberal-konservativer. Zu diesen vielen - und damit mögen sich die Leser aus Mitteldeutschland und manche des Flügels bitte einmal in aller Ruhe auseinandersetzen - gehören in den Städten des Westen aber gerade auch Migranten. Türken der ersten, zweiten und dritten Generation, durchaus konservativ und denen auch immer viel versprochen wird, aber im Ernstfall sperrt kein Grüner seine Wohnung für sie auf. Dazu gehören all die Migranten aus Ost- und Südosteuropa, seien sie auf dem Ticket des Auslandsdeutschen oder einfach so hier hergekommen - unter ihnen befinden sich auch die sog. Kontingent-Juden, unter denen die AfD durchaus Zuspruch hat (vom Wählerpotential aber eher keine große Größe). Eine moderne, sozial-patriotische Partei darf und soll auch diese Kreise ansprechen und sie verrät damit nicht ihren patriotischen Markenkern, denn sichere Grenzen schützen gerade auch diese Schichten vor sozialem Abstieg/Elend und in ihrem Streben nach Aufstieg (leider ist das nur viel zu wenigen von diesen schon länger hier Lebenden bewusst und sie wählen gegen die eigenen Interessen Grün oder Rot).

Für mich ist daher die drängende Frage, welche politischen Lösungen in der Programmatik man diesen Mehrheitsschichten aus Deutschen und Migranten anbieten will, ohne damit eben gerade keine platte copy-paste Übernahme ehemaliger sozialdemokratischer Umverteilungsphantasien zu machen.

Das ist für mich ein zentrales Thema. Was bieten wir ihnen an, außer Protest und relativ unstrukturierte Sozialpolitik? An einen höheren Mindestlohn glaube ich bspw. nicht, aber als kleinen Punkt im rahmen einer Oppositionsstrategie, warum nicht?

PS:
Für mich ist das Statement von Meuthen und Herrn Ch. nicht so bedeutend, ggf. erfolgte es ja auch vor dem oben geschilderten Hintergrund, dass die AfD auch Migranten ansprechen muss, um gute Ergebnisse im Westen erzielen zu können. Aber es ist eben aus meiner Sicht aus vielen Gründen grundsätzlich strategisch falsch. Ein Grund (nicht abschließend) von vielen: In dem man die Rassismus- und Nazismusthese im Hinblick auf den tatsächlich gesitesgestörten Täter von Hanau übernimmt, schüttet man - wenn auch unabsichtlich - Wasser auf die Mühlen selbsternannter Rächer dieser Taten, nährt andere Spinner und spaltet die Gesellschaft mehr, als wenn man an der offenkundigen Geisteskrankheit primär festhält.

FranzJosef

24. Februar 2020 17:04

@ Alexis
"Genauso wie im Spätherbst letzten Jahres in NRW."

Ich setze meine Hoffnung darauf, dass der Wahlkampf in NRW solidarisch-patriotisch wird. Immerhin: Höcke - und nicht Weidel - ist Hauptredner beim Wahlkampfauftakt am 28.3 in Höxter.

Solution

24. Februar 2020 17:18

Wie so oft, eine klare, gute Analyse.

Lotta Vorbeck

24. Februar 2020 17:26

@t.gygax - 24. Februar 2020 - 03:58 PM

"... Allerdings: was von Herrn Chrupalla zu hören ist, das ist doch seltsam schwächlich. Offenbar ist also auch im Osten (eigentlich: in Mitteldeutschland) nicht alles Gold, was glänzt."

~~~~~~~~~~~~

Genau das ist es, was Tino Chrupalla dafür qualifiziert, den Kofferträger Jörg Meuthens spielen zu dürfen.

Aus der Sicht der Parteigranden eine Idealbesetzung, der leicht steuerbare, uncharismatische Malermeister Chrupalla.

Waldgaenger aus Schwaben

24. Februar 2020 17:32

Eine einseitige weil wohl interessengeleitete Analyse. Es fehlt die Betrachtung der Wählerwanderung:
https://www.welt.de/politik/deutschland/article206078421/Hamburg-Wahl-2020-Waehlerwanderung-AfD-verliert-keine-Waehlerstimmen-und-schneidet-doch-schwaecher-ab.html

Genauer beim Spiegel
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/hamburg-wahl-2020-ergebnis-die-waehlerwanderung-im-detail-a-93285e05-41bd-443d-8777-c4393ef5b0ab

Die AfD hat 3000 von den Nichtwählern gewonnen, 1000 Stimmen an die Grünen verloren und 1000 von der CDU gewonnen. Mit den Linken gab es keinen messbaren Stimmenaustausch. Mit der SPD und FDP hoben sich die Gewinne und Verluste gegenseitig auf.

Nach dem Anschlag in Hanau gab es zwei bundesweite Umfragen in beiden verlor die AfD ein Prozent. Die Umfragen liefen teilweise vor und nach den Anschlägen. Nach Aussage von Forsachef Güllner war die AfD bei forsa vor Hanau auf 11% (wie in der Umfrage zuvor) und danach auf 9%, was die 10% ergibt.

Interessanter als die Analyse der Ergebnisse der AfD zum Zwecke der innerpartlichen Flügelkämpfe hielte ich eine Analyse der CDU-Niederlage und der Implikationen daraus für die kommenden Auseinandersetzungen innerhalb der CDU und der Aufstellung der AfD für 2021.

Lotta Vorbeck

24. Februar 2020 17:42

@RMH - 24. Februar 2020 - 04:55 PM

"Meiner Meinung nach eine treffende Analyse, die hoffentlich auch in der AfD breit zur Kenntnis genommen wird.

Lediglich das Abstellen auf das damalige Potential der Schill Partei überzeugt mich nicht. Nockemann ist ehemaliger Schill-Mann und wird die damalige Klientel und Stimmung besser kennen, als wir alle zusammen. ..."

~~~~~~~~~~~~

Derselbe Nockemann ist zugleich auch ehemaliger SPD-Mann.

Bevor der von der Presse als "Richter Gnadenlos" titulierte Ronald Schill Nockemann zum Innensenator machte, buckelte sich dieser im Schweriner Inneministerium nach oben.

Der flexible "Klientel-Kenner" Nockemann kandidierte nach seiner Zeit als Innensenator für die Deutsche Zentrumspartei zur Bürgerschaftswahl.

Niedersachse

24. Februar 2020 18:08

Gut, dass B.K. den Erfolg der Schill- Partei von 2001 erwähnt hat, gleiches wollte ich auch schon machen und habe es hier auch schon des öfteren getan. Und dabei spielt es keine Rolle, aus welchen gesellschaftlichen Schichten sich diese knapp 20 Prozent damals rekrutierten. Es sollte uns ins Bewusstsein rufen, was möglich ist. Auch gerade im Hinblick darauf, dass sich die Verhältnisse für die meisten in den letzten 20 Jahren nicht verbessert haben dürften. Die AfD ist in HH nochmal mit einem dunkelblauen Auge davongekommen, da immerhin der Einzug in den Senat gelungen ist. Trotzdem: Nach diesem wirklichen schlechten Wahlkampf und des ebenso schlechten Wahlergebnisses, sollte mittelfristig ein neuer Landesvorstand in HH her, sofern geignetere Kandidaten vorhanden sind. Die Anbiederung an den linksliberalen politisch/medialen Einheitsbrei hat in der Geschichte der Bundesrepublik NOCH NIE! zum Erfolg geführt, das ist bestens am Beispiel der (deutschen) Republikaner zu beobachten, die sich von allem und jeden distanzierten, dabei die aktivsten und besten Mitglieder vergraulten und heute als Politzombis fernab jeder Wahlchance sind. Noch zum Schluss: Der Facebook- Post von Meuthen und Chrupalla ist ein Rohrkrepierer, der das gleiche Vokabular (rassistisches Verbrechen, Ausländerhass, demokratische Kräfte, etc...) enthält, welches die Deutschlandabschaffer permanent gegen uns verwenden. Sicher haben es Meuthen und Chrupalla gut gemeint, aber oftmals ist "gut gemeint"das Gegenteil von "gut". Wer die Sprache des Feindes übernimmt, hat verloren. Appeasement-Politik unsererseits ist nicht von Erfolg gekrönt.

Benjamin Kaiser

24. Februar 2020 18:11

Wie schon einmal angemerkt: Leider trifft die Analyse von Benedikt Kaiser zu: Patriotisch + sozial wird in Zukunft das Erfolgsrezept für die AfD sein.

Noch stehen die Zeichen in der AfD zwar vielfach noch auf bürgerlich-konservativ-liberal, aber es kann durchaus sein, dass die Kritiker der derzeitigen „sozialen“ Umverteilungsmaschinerie zukünftig aus der AfD gedrängt werden.

Die Tatsache aber, dass Umverteilung, Bürokratie und ein überbordender Sozialstaat erst die sozialen Probleme erzeugt (inkl. Migration), die sie zu bekämpfen vorgeben, braucht eine Stimme. Wenn diese in der AfD keinen Platz mehr findet, muss sie sich andere Wege suchen.

Dennoch muss dies nicht wirklich zum Schaden sein. Die sich zunehmend auflösende CDU (als auch FDP) hinterlässt ein größeres Vakuum, als die AfD wird jemals auffüllen können.

Vielleicht ist es an der Zeit, dass eine zweite oppositionelle Partei die Bühne betritt. Konkurrenz belebt das Geschäft.

buscem

24. Februar 2020 18:28

Völlige Zustimmung zum Artikel, allerdings mit einer Einschränkung, und die betrifft das Wettern des Autors gegen den "neoliberalen" Kurs (schon der Kampfbegriff geht mir unsäglich auf den Keks...). Weder ist dieser Kurs "ideologisch" falsch, noch konnte man mich bislang davon überzeugen, dass er auch strategisch falsch ist. Richtig ist, dass in der Wirtschaftspolitik eine soziale Rhetorik (!) in den Vordergrund gestellt werden muss, die auf sozial Schwache und Arbeitslose abzielt und nicht in erster Linie auf Zahnärzte und den "Mittelstand". Das ist aber kein Widerspruch zu wirtschaftsliberalen Inhalten, denn viele soziale Probleme sind ja gerade durch den ausufernden Subventions- und Umverteilungsstaat entstanden.

Ein wirtschaftsliberales Profil lässt sich daher auch problemlos mit einer sozialen Rhetorik verbinden, was von der AfD schließlich auch schon erfolgreich praktiziert wurde, und zwar in Ost und West: Die Einwanderungspolitik führe zu Flaschen sammelnden Rentnern, die Energiewende sei eine "Umverteilung von unten nach oben", die reichen GEZ-Funker kriegen riesige Pensionen während Oma verarmt und vom GEZ als "Umweltsau" betitelt wird, und so weiter...

Nach meiner Wahrnehmung sind die inhaltlichen Aussagen der Ost-AfD denn auch nicht sooo stark von einem wirtschaftsliberalen Profil abweichend. Jedenfalls auch nicht viel stärker als im Westen.

Jetzt kann man natürlich einwenden, was auch von den Gegnern der AfD eingewendet wird: Ihr gaukelt euren Wählern ja nur eine Pseudo-Sozialpolitik vor und wollt in Wirklichkeit programatisch das glatte Gegenteil, das ist ja Beschiss. Nun: Stimmt, das ist es. Aber seit wann kommen erfolgreiche Wahlkämpfe, auch bei der AfD, ohne Beschiss und Heuchelei aus? Der "Mut zur Wahrheit" findet seine Grenzen, da auch die AfD-Wähler viele Wahrheiten nicht hören wollen, sonst würde sich die AfD schließlich auch offensiv gegen Abtreibungen einsetzen und Vieles mehr.

Nemo Obligatur

24. Februar 2020 18:51

In den USA gibt es eine Bezeichnung für Leute, die es hinterher immer besser gewußt haben: "Monday morning quarterbacks".

Hamburg ist ein schwieriges Pflaster. Neben Berlin die größte linksextreme Szene. Plakate der AfD wurden ununterbrochen zerstört. Kurz vor der Wahl gab es einen Anschlag auf das Haus des Spitzenkandidaten. Die AfD konnte keine einzige Wahlveranstaltung abhalten, war zu lesen. Selbst für den Wahlabend musste man über die Landesgrenzen ausweichen. Dazu ist der Nordwesten aufgrund der Bräsigkeit ihrer Einwohner sowieso schwieriges Terrain. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen holt die AfD nicht viel mehr als in Hamburg. Nicht zu vergessen das mediale Trommelfeuer nach Erfurt und den Hanauer Morden, das ja sogar während der Auszählung andauerte. Bis hin zur Ausgrenzung in den TV-Analyserunden unter fadenscheinigen Vorwürfen.

Außerdem hat die AfD ungefähr dieselbe Stimmenzahl erreicht wie in der Wahl zuvor. Alles in allem ein passables Abschneiden, sollte man meinen. Außerdem werden am Ende der Osten und die großen Flächenländer NRW, Bayern, Baden-Württemberg und Hessen über das Schicksal Deutschlands entscheiden. Die 1 Mio. Wähler an Elbe und Alster fallen letztlich nicht sonderlich ins Gewicht.

Prichpl

24. Februar 2020 19:24

Grandiose Analyse. Genau so ist die Lage! Aufwachen West-AfD!

Laurenz

24. Februar 2020 19:41

Danke Herr Kaiser für die aufschlußreiche Detail-Analyse.

Heute saßen mit Arme-Sünder-Gesichtern, Chrupalla, Gauland und die beiden Hamburger Straßenkämpfer in der Bundes-Presse-Konferenz. Nicht, daß die 4 Herren was Falsches gesagt hätten, aber Erfolg sieht anders aus. Es gab in Berlin keine Wahl-Party der Bundes-AfD, warum? Warum feiert man dort nicht, trotz der medialen - und verbalen Groß-Deutschen Reichs-Schlachtung der AfD, und lacht den System-Journalisten ins Gesicht?

Ein weiteres Danke für die klare Formulierung des gescheiterten bürgerlichen Gedankens. Es liegt ein gewaltiger Unterschied zwischen bürgerlichem Dasein und politischem Denken. Die ehemalige Mitte hat abgewirtschaftet, von oben vernichtet. Diese einstige Mitte befindet sich selbst zwischen Skylla und Charybdis, säuft ab oder wird gefressen. Und da wollen unsere Hamburger Freunde rein?
Warum hat man im Wahlkampf keine Busse gechartert, mit denen man Bürgern der prekären Stadtgebiete Ausflüge an die Binnen-Alster, Elb-Philharmonie oder nach Blankenese spendierte, um diesen "abgehängten" Bürgern zu zeigen, was FFF & Sozialgrünierte Politik bedeutet, im Hamburger Wandlitz lebt es sich gut, mit Klima-neutralem Hummer.

Jeder deutsche Bürgermeister, der vom Amt lebt, fragt grundsätzlich nach denen, die ihn wählen und vermeidet es, mit diesen Wählern zu taktieren. Das ist es, was die West-AfD noch zu lernen hat. Von den Satten hat keiner auf die AfD gewartet.

Schenkendorff

24. Februar 2020 20:12

Ich glaube nicht, daß Sie die Vorgänge um die Vorstandswahl in NRW richtig einschätzen. Durchgesetzt hat sich die Gruppe, die im Landtag in Düsseldorf sich mit den letzten Bergleuten solidarisierte, die von ihrem Unternehmen über den Tisch gezogen werden sollten. Das geschah in aller wünschenswerten Öffentlichkeit. Es sieht also so aus, als ob die Analyse von Herrn Kaiser dort schon länger umgesetzt würde. Ich persönlich sympathisiere mit der Ansicht, sich niemals zu entschuldigen. Der Appell der Parteispitze ist daher für mich unglücklich. Aber die Wucht der gegnerischen Angriffe war schon enorm. Für mich gibt es nichts, was zurückzunehmen wäre. Aber in Zukunft offensiv-patriotisch zu bleiben, doch trotzdem unangreifbar in den Formulierungen, das wäre wünschenswert. Auch wenn unsere Gegner vermutlich selbst Gandhi einen Kriegstreiber nennen würden.

Apostat

24. Februar 2020 20:30

Die solidarisch - patriotische Ausrichtung der AfD scheint mir auch das einzig erfolgversprechende Konzept langfristigen und breiten Erfolges zu sein. Es muss nicht die Kopie linker Umverteilungspolitik beinhalten. Vielleicht kann ein Rekurs auf Ferdinand Lassalle Orientierung geben.

Hinsichtlich B.Kaisers empfohlener stärkerer Hinwendung zu den populären Klassen, bin ich nur verhalten optimistisch hinsichtlich der Durchsetzbarkeit in der AfD. Ausgehend von der Mitgliederstruktur der AfD kann ich von Beamten, Unternehmern und Akademikern nur eine rudimentäre Empathie für die Lebenswirklichkeit eines Arbeiters erwarten.

Hinzu kommt der Dünkel des Bildungsbürgertums-egal ob Links oder Rechts, nachdem z.B. die Menschwerdung erst mit dem Abitur beginnt.
Und auch Sezession und die Akademien des IFS setzen auf das Konzept der Elitenförderung.
Für die Zukunft hoffe ich aber weiterhin, dass der Arbeiter die AfD aus voller Überzeugung, nicht aus Notwehr gegen die neue Nationale Front, wählen kann. Warten wir u.a. den "Sozialparteitag" der AFD ab.

zeitschnur

24. Februar 2020 22:12

"In Billbrook, einem sozial prekären Stadtteil mit 78 Prozent Ausländeranteil, erzielte die AfD ihren Bestwert von 24 Prozent – in den ethnisch eher homogenen, gutbürgerlichen Vierteln reüssierten Grüne und Rote."
____
Damit wird die mediale Leier von den Ostwählern, die ja nur deswegen AfD wählen, weil sie keine Berührung mit Fremden haben, obsolet. Man muss sogar annehmen, dass auch einige Ausländer inzwischen passionierte AfD-Anhänger sind.
Es knarzt jedenfalls im Gebälk, aber es wird noch lange dauern, bis die Besserverdienenden der Realität ins Auge sehen werden. Geld ist offenbar eine Art Wirklichkeitsfilter.

Lotta Vorbeck

24. Februar 2020 22:56

@Laurenz - 24. Februar 2020 - 07:41 PM

"... Warum hat man im Wahlkampf keine Busse gechartert, mit denen man Bürgern der prekären Stadtgebiete Ausflüge an die Binnen-Alster, Elb-Philharmonie oder nach Blankenese spendierte, um diesen "abgehängten" Bürgern zu zeigen, was FFF & Sozialgrünierte Politik bedeutet, im Hamburger Wandlitz lebt es sich gut, mit Klima-neutralem Hummer.

Jeder deutsche Bürgermeister, der vom Amt lebt, fragt grundsätzlich nach denen, die ihn wählen und vermeidet es, mit diesen Wählern zu taktieren. Das ist es, was die West-AfD noch zu lernen hat. Von den Satten hat keiner auf die AfD gewartet."

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Auch er ist ein Trümmerteil der Schill-Partei: Jan Timke - jahrelang aufgrund einer für Bremerhaven geltenden Sonderregelung als Ein-Mann-"Fraktion" in der Bremischen Bürgerschaft präsent.

Selbst diesen einen Sitz hatte man zunächst der SPD zugeschummelt, mußte diesen Sitz nach einer um Timkes Wohnsitz geführten Gerichtsposse widerwillig an Timke herausgeben.

Zwei AfD-Abgeordnete liefen später zu Timkes "BiW"* über.

Bremerhaven steht in Weiten Teilen für das, was man hierzulande einst mit "Bronx" und heute mit "Rost-Belt" assoziert: Eine vom System stillschweigend abgeschriebene, im Zeitlupentempo verslumende Industrie- und Hafenstadt.

Nachdem er das erste Mal in die Bürgerschaft gewählt worden war, ging Timke zu den Armen und Abgehängten, denen er sein Mandat verdankt.
Jan Timke spendete Teile seiner Abgeordnetenbezüge, um in gravierenden Einzelfällen, die Not derer, die ihn gewählt hatten, zu lindern.

*BiW = Bürger in Wut

Lotta Vorbeck

24. Februar 2020 23:09

@Apostat - 24. Februar 2020 - 08:30 PM

"... Hinzu kommt der Dünkel des Bildungsbürgertums-egal ob Links oder Rechts, nachdem z.B. die Menschwerdung erst mit dem Abitur beginnt.
Und auch Sezession und die Akademien des IFS setzen auf das Konzept der Elitenförderung.
Für die Zukunft hoffe ich aber weiterhin, dass der Arbeiter die AfD aus voller Überzeugung, nicht aus Notwehr gegen die neue Nationale Front, wählen kann. Warten wir u.a. den "Sozialparteitag" der AFD ab."

~~~~~~~~~~~~

Das IfS buhlt nicht um Wählerstimmen.
Die Leute, die die IfS-Akademien besuchen, zahlen selber, oder verfügen über Sponsoren, die ihnen die Teilnahme an den Bildungsveranstaltungen ermöglichen.

Eine Partei, die auf distinktive Distanz zu jenen bedacht ist, die ihre Wählerbasis darstellen, wird dann, wenn sich die Leute, die auf ihrem Wahlzettel ihr Kreuzchen bei dieser Partei setzten beginnen, sich eingeseift zu fühlen, genauso schnell wieder aus den Parlamenten verschwinden, wie sie zuvor in diese Parlamente gelangt ist.

Lotta Vorbeck

24. Februar 2020 23:18

@Nemo Obligatur - 24. Februar 2020 - 06:51 PM

"... Die 1 Mio. Wähler an Elbe und Alster fallen letztlich nicht sonderlich ins Gewicht."

~~~~~~~~~~~~

Wissen Sie, werter @Nemo Obligatur, wieviele Wahlberechtigte es in Thüringen gibt?

Ich sag's Ihnen: etwa 1,7 Millionen

bb

24. Februar 2020 23:32

Schwacher Versuch, eine Volkspartei von links zu kapern. Die AfD sollte sich im Osten, wie im Westen auf drei Themen konzentrieren:

1. Migration
2. Innere Sicherheit
3. Meinungsfreiheit

Das brennt der Zielgruppe der AfD in Westdeutschland und insbesondere in den Großstädten (siehe die 24% im Artikel) unter den Nägeln, nicht sozialer Quatsch. Ich schlage daher vor, die Diskussionen um die Inneneinrichtung zu vertagen, bis der Brand gelöscht ist.

Antwort Benedikt Kaiser:
Sie liegen falsch und haben ganz offensichtlich den Artikel gar nicht gelesen. Ihre Punkte habe ich zum einen als wichtige Punkte angeführt, mit dem "sozialen Quatsch" haben Parteien zum anderen – aus guten Gründen – eine Wahl gewonnen. Ihre Haltung ist FDP-like, und die FDP wurde hinausgewählt. Zu Recht. Die Lucke-Haltung (alles, was mir nicht paßt, ist "links"), die Sie vertreten, ist am Ende. Innere Sicherheit und soziale Sicherheit sind zudem ein Zwillingspaar; das eine gibt's nicht ohne das andere. Adieu.

Laurenz

24. Februar 2020 23:42

@Benjamin Kaiser & buscem

Ihr möchtegern-liberales Gequatsche aus den 90ern geht einem auf den Sack, die FDP ist in Hamburg draußen, das will niemand, schon gar nicht die Armen oder die Familien, wissen.

Niemand will dem eminenten Mittelstand die Unterstützung verweigern.

Eine allgemeine Frage nach einem überbordenden Sozialstaat geht doch am Thema vorbei. Die Frage ist, wer profitiert vom Sozialstaat?
Die SPD kackt immer mehr ab, eben weil sie die Sozialversicherten fundamental bestohlen hat, und bis heute nur überall flickt. Wie will man zur Sozialversicherung verpflichten, wenn das unternehmerische Risiko auf die Arbeitnehmer abgewälzt wird?
Seit Schröder hat sich die Währungspolitik geändert, wir schaffen Billig-Lohn-Jobs durch Abwertung. Das wertlose Geld ist die grundsätzliche Ursache für Armut in Deutschland. Das kann man zwar nicht ins Wahlprogramm setzen, aber intern müssen wir darüber reden.
Solange wir nicht für ein Rentensystem nach Schweizer- oder Ösi-Model eintreten, kommen wir im Westen nicht über 20%. Ich empfehle Ihnen Beiden Meinungsumfragen des Relotius (Civey) zu lesen. Dort finden Sie den Weg zur Macht. Solange wir hier den akademischen Schwachsinn Herrn Meuthens zur Rente debattieren, bleibt uns der Weg nach oben verschlossen. Das hat auch nichts mehr mit Meinung zu tun, sondern nur mit Offensichtlichkeit.
Politische Gestaltung ist nur an der Macht möglich, glückliche Zahnärzte bringen uns auf dem Weg dahin nicht weiter.
Und zum Verständnis, in der Politik geht es nicht um richtig oder falsch.

Grobmotoriker

25. Februar 2020 02:16

"Es gibt nichts, was wir vom Osten lernen könnten..." - Dieser Satz bringt die HH-Denke auf den Punkt. Das ist sooooo hamburgisch! Diese Hybris, Besserwisserei und völliges Desinteresse an Ideen von außerhalb, und die unerschütterbare Gewissheit, die Speerspitze der Menschheit zu sein - das kommt mir so vertraut vor. Als Zugereister habe ich dort 30 Jahre gelebt, und vor kurzem nach zwölf Jahren Abwesenheit wieder kurz besucht. Die ganze Atmosphäre dort bereitete mir physisches Unbehagen. Ihre Worte, Herr Kaiser, in Gottes Ohr, aber ob die Hamburger bereit sind, zuzuhören, das bezweifle ich.

Marc_Aurel

25. Februar 2020 02:22

Eine gut gelungene Analyse von Benedikt Kaiser, viel gibt es nicht hinzuzufügen.

Einen im Artikel erwähnten Aspekt möchte ich aber dennoch herausgreifen, der mir auch schon bei der Sachsenwahl aufgefallen war - die AfD verschenkt Potential. Vielleicht stelle ich mir das als jemand der mit den praktischen Betrieb einer solchen Partei hinter den Kulissen nicht vertraut ist, auch zu einfach vor, aber nehmen wir mal den Sellner als Beispiel. Der hat im Laufe der Zeit die richtige geistige Haltung/Einstellung entwickelt, die für diese Art von permanentem medialem Guerilla- bzw. Partisanenkrieg (um die Köpfe) gegen eine Übermacht, die dazu auch noch äußerst hinterfotzig agiert, erforderlich ist: nie aufgeben, immer neue Wege suchen, immer in Bewegung bleiben, Chancen erkennen und nutzen, die eigenen Positionen nie aufweichen, sondern weiterentwickeln, nicht kuschen, sondern bei passender Gelegenheit „Gegenangriff“, natürlich mit Augenmaß, Verstand…alleine schon durch sein ständiges agieren wird der Gegner auf Trab gehalten, gleichzeitig nimmt man ihn aber auch als ganz normalen Menschen aus dem Volk, mit Empathie und Emotionen wahr, der meint, was er sagt... kurzum, man hat bei dem Gesamtpaket das Gefühl: der will gewinnen!

Das Prinzip kann man auch auf den politischen Kampf einer Partei übertragen, man schaue sich nur mal an, wie unglaublich engagiert und motiviert in der Vergangenheit zum Teil Wahlkämpfe von allen politischen Lagern ausgetragen wurden: da fuhren die Leute mit Motorrädern wirklich jedes kleine Kuhdorf ab um andere zu überzeugen und zwar regelmäßig, auch bei Wind und Wetter, damit der Erfolg nachhaltig war. War das Motorrad defekt oder nicht verfügbar, wurden für die selben Touren Fahrräder benutzt…

Unabhängig davon ob diese Umstände auf heutige Verhältnisse so ohne weiteres übertragbar sind, fehlt mir dieser Geist ein Stück weit in der AfD, selbst hier in Sachsen oder aber ich nehme ihn zumindest nicht wahr, es wirkt halbherzig und es fehlt der Biss.

Es gibt so viele Menschen, die wählen (trotz weitgehender inhaltlicher Zustimmung) nur deshalb nicht AfD, weil in ihren Köpfen durch die Propaganda der Medien 2-3 Schlüsselbegriffe vergiftet wurden, so zum Beispiel der Begriff „rechts“, den sie mit neonationalsozialistisch gleichsetzen...die könnte man so leicht einsammeln, wenn man kreative Wege finden würde, um sie zu erreichen...

Nath

25. Februar 2020 03:39

Ich möchte drei Punkte anbringen.

1. Das Hamburger Ergebnis ist in keiner Weise überraschend und fügt sich ein in das Gesamtbild der bundesdeutschen Situation nach 2015. Nicht im Osten, und noch viel weniger im Westen, hat die AfD auf absehbare Zeit eine Chance, stärkste Partei zu werden oder auch nur die Dreißig-Prozent-Marke zu überschreiten. Sofern sich aber herausgestellt hat, dass sämtliche Altparteien nicht nur untereinander koalitionsfähig sondern seit neuestem auch koalitions w i l l i g sind, um die Blauen von allen Machtoptionen fernzuhalten, ist die Möglichkeit einer identitären Wende auf parlamentarischem Wege praktisch ausgeschlossen. So berechtigt die Kritik an der neoliberalen West-AfD sein mag, dem Argument ihrer Protagonisten, eine Koalition mit CDU bzw. FDP sei die einzige Option, die man habe, ist angesichts der Umstände wenig entgegenzusetzen.

2. Man soll die beiden Kategorien der objektiven politischen Analyse einerseits und der eigenen weltanschaulichen Positionierung andererseits nicht miteinander vermengen. Die obige Beschreibung der bundesrepublikanischen ideologischen Mehrheitsverhältnisse (die in erster Linie die Wählerschaft selbst und erst in zweiter Linie die von ihnen favorisierten Parteien betreffen) bleiben ganz unberührt von der Frage, ob eine stärkere AfD überhaupt wünschenswert ist oder nicht. Ihr Parteiprogramm könnte das beste oder auch schlechteste in der Geschichte der Bundesrepublik sein - an den faktischen Machtverhältnissen änderte das nichts.

3. Benedikt Kaisers Kommentar gibt mir - nur scheinbar abseits vom "AfD-Thema" - die Gelegenheit zu einer Rückfrage: Wenn Sie vor nicht langer Zeit schrieben, das rechte Paradigma favorisiere das "Wir" gegenüber dem "Ich", so wäre zunächst zu fragen, ob dies nicht auch und gerade für vermeintlich linke Gesellschaften bzw. Staaten gegolten hat, die sich am Marxismus orientierten. Viel wichtiger aber erscheint mir das folgende: Wie wird eine solche Maxime begründet? Anthropologisch (d.h. empiristisch), transzendental (im Sinne eines modifizierten Kantianismus), ontologisch? Jede Sollensforderung, will sie nicht in bloßer Willkür ihr Genüge finden, muss ja in einem bestimmten Seinsentwurf fundiert sein, nicht nur, um sich für das Erkennen als evident, sondern, einmal umgesetzt, als "das Rechte" zu erweisen. Mir will es scheinen, dass sich beim "Ich" und "Wir" weder im Hinblick auf die eine, noch auf die andere Seite ein Prius auffinden lässt - beide sind koordiniert und zusammengehörig. Man kann es drehen und wenden. wie man will, an der Quadratur des Kreises scheinen wir nicht vorbeizukommen, nenne man es nun "liberalen Sozialismus", "anarchische Ordnung", "kollektiven Individualismus", "freie Assoziation der Produzenten" oder sonstwie.

Nath

25. Februar 2020 03:48

Korrektur: Statt "...stärkste Partei zu werden.." muss es oben heißen: "...die absolute Mehrheit zu erreichen". - Selbst utopische 49,9 % könnten zuwenig sein.

Fritigern

25. Februar 2020 06:59

Ich stimme eigentlich allem zu aber man muss bei Hamburg auch bedenken, dass diese Stadt immer schon dunkelrot war und dazu kommt die verheerende ethnische Fragmentierung, die dort schon sehr weit fortgeschritten ist und die meisten nicht-europäischen Migranten wählen natürlich nicht blau.

Generell muss ich sagen hab ich in die West AfD wenig Hoffnung, da mischen mir persönlich zu viele Uwe Junges, und Georg Pazderskys mit, outstanding Member der Clownwelt um ehrlich zu sein

RWDS

25. Februar 2020 07:26

Ich bin enttäuscht von Tino Chrupalla. Wenn man wie er ein "verbales Abrüsten" auf allen Seiten fordert, dann ist das ja wie ein Eingeständnis, dass sein Gesagtes problematisch wäre.

Wir brauchen wahrlich keine weitere Cuck-Partei, die den Status Quo nicht angreift.

Von der AfD hätte ich zu Hanau am liebsten gar nichts gehört, da es keinen Zusammenhang gibt. Wenn man sich aber schon genötigt fühlt etwas beizutragen, wieso weist man nicht auf die Diskrepanz hin, dass es bei Trauerveranstaltungen von Deutschen für Deutsche zu GEGENdemonstrationen kommt, es aber Beifall klatscht, wenn sich in Hanau 2000 Türken zur öffentlichen Machtdemonstration treffen.

Wieso lässt man sich so vom Linkskartell hertreiben? Mensch Tino die hassen dich so oder so! G'rade machen jetzt!

Maiordomus

25. Februar 2020 08:21

@Nath. Punkt 3 scheint mir zumal klug: das "Ich" und das "Wir" betreffend, wobei für bedingungslose Apologeten des "Wir" China die heutige Modell-Nation sein könnte.

Wenn man in China beschliesst, die Spatzen als Schädlinge zu verfolgen, erfolgt das traditionell einstimmig; beschliesst man dann ihren Schutz, also das Gegenteil, erfolgt dies ebenfalls einstimmig. Das ist ideale "Wir"-Politik, wobei schwer zu bestreiten ist, dass die Interessen Chinas, und zwar diejenigen des chinesischen und nicht gerade z.B. des tibetischen Volkes, fast immer primär im Vordergrund ständen. Dabei machte Tschou en Lai darauf aufmerksam, dass es nach einem Atomkrieg auch bei 100 Millionen Toten und mehr immer noch ein chinesisches Volk und natürlich erst recht einen chinesischen Sozialismus gebe. So wie heute bei 8 Milliarden Menschen der Gattung homo sapiens entgegen der Meinung der "Klimajugend" für uns das Schicksal des Neandertalers ausgeschlossen ist.

Ich wiederhole, auch angesichts der Viruspanik: Es spricht, angesichts des Einfallsreichtums des homo sapiens, nichts dagegen, dass diese Gattung bis zum Jahr Eine Million nach Christus und wohl noch darüber hinaus durchhält, wobei ich aber ernsthaft bezweifle, dass man dannzumal die Jahre noch nach Christus zählt. Auch der "Antifaschismus" wird dannzumal wohl ausgeseucht sein.

Unterdessen aber darf die FDP, wenn ich ihren Vorsitzenden @Lindner richtig verstanden haben, auch in einem Landes- oder Kreisparlament auf keinen Fall einen Antrag der "Nazis" betr. Zigarettenstummel unterstützen: das wäre ein verhängnisvoller Schritt zu einem neuen Auschwitz. Weiss der gute Lindner wirklich, wie stark sich Reichsgesindheitsführer Leonardo Conti, geboren in Lugano, Suizid in Nürnberg, gegen das Rauchen engagierte? Im Falle eines "Endsieges" wäre es vielleicht reichsweit abgestellt worden. Wohl wegen der beruhigenden Wirkung des Rauchens im Krieg wurde aber die schon geplante Kampagne, der Krebsprävention und der "Voksgesundheit" dienend, still und leise wieder eingestellt.

Idise

25. Februar 2020 08:29

Man kann Benedikt Kaiser mit seiner Analyse nur zustimmen.
Die AfD wird im Westen wird nicht gehört, sondern durch die Hetztiraden der politischen Gegner übertönt.
Der Glaube hat Einzug in die AfD gehalten. Die "Gemäßigten" GLAUBEN durch Annäherung die Gunst der Altparteien-Wähler zu erhalten und auch deren Mitglieder abzuwerben. Doch genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Das anvisierte Bürgertum ist verstrickt in einem Filz, der Abhängigkeiten schafft und einem Agieren als freier Geist entgegenwirkt. Dem wohlstandsverformten Bürgertum fehlt die Einsicht in die Notwendigkeit und Dringlichkeit. Doch nur die Freien sind fähig einen Wandel einzuleiten. Diese Freien unterwerfen sich nicht einem Glauben, denn ihr Handeln wird durch ihren unzubändigenden Willen geleitet, welcher ursprünglich ist.
Eine Profilverwischung und fehlende deutliche Positionierung durch "Gemäßigte" lässt die AfD zur wirkungslosen Langweilerpartei werden. "Mut zur Wahrheit" bedingt mutiges Auftreten. Wo AfD drauf steht muss auch AfD drin sein.

Folgen:
Die fehlende Repräsentanz der treibenden Kräfte des Flügels in der Führungsebene wie auch zunehmend unter den Mandatsträgern erzeugt Widerstand unter dessen äußerst tüchtigen Mitgliedern, welche nun zunehmend dem Gedanken der Verweigerung verfallen, da für sie Verrat in der Luft liegt.
Lösungsansätze:
Die freien Geister müssen sich weitere suchen. Diese finden sie vermehrt unter den "einfachen Arbeitern" und Kleinunternehmern. Zunehmende Kurzarbeit, Entlassungen, Zeitverträge wie auch Insolvenzen begünstigen den Entschluss sich nun politisch zu engagieren.
"Vom Osten lernen" bedeutet auch "der Osten lehrt". Mögen die freien Geister des Ostens - durchaus hier auch das einfache AfD-Mitglied - den Westen besuchen, im Westen ihren Urlaub verbringen, Kontakte knüpfen und durch freie Rede überall mutig den Geist des wahren Widerstands versprühen und den "Wessis" die drohende Gefahr des Sozialismus' durch ihre Erfahrungen verdeutlichen.
DER WESTEN BRAUCHT DEN OSTEN! Dringender denn je.

MARCEL

25. Februar 2020 08:54

@Nath
Stimme im Großen und Ganzen zu. Mich beschleichen immer wieder ähnliche Empfindungen, einer Illusion nachzugehen. In Westdeutschland hat ein im Artikel (durchaus plausibel) skizzierter Wahlkampf einfach keine Chance.
Anstatt sämtliche Kräfte und Strukturen darin aufzureiben und zu verschleißen, wäre es besser, diese fit zu machen für eine Zeit nach einer grün-roten Moraldiktatur. Meiner Ansicht nach muss diese zuerst kommen und krachend scheitern, bis die Neue Rechte ihre Chance in vollem Umfang erhält.
Im Westen wird nur noch aus Katastrophen gelernt. Der Osten hat zwar gelernt, wird aber letztlich vom Westen aus regiert.

qvc1753

25. Februar 2020 09:04

@RWDS: Mir kam es auch so vor das man bereits Zusammenhänge geleugnet hat bevor jemand diese hergestellt hat.
Ein bisschen sah das schon aus wie das kleine Kind, das mit Marmelade am Mund vehement leugnet je am Marmeladentopf gewesen zu sein.
Das sich allerdings die liberal-konservative Presse so darauf einschießt, das finde ich bemerkenswert.
Die Koalitionsoptionen werden dadurch nicht größer und eine schwarz-blaue Koalition á la Österreich auch nicht wahrscheinlich. (Die gerade beweisen, dass schwarz und grün auch zusammen passt).
Also bleibt der Weg weiter nach Rechts zu rücken. Ob sich da allerdings die sagenhaften 51% finden werden, das bezweifele ich. Dann lösen sich nämlich irgendwann die Gemässigt - Konservativen vom Rest.

Maiordomus

25. Februar 2020 09:48

Zu Lindners Zigarettenstummeln: Reichsgesundheitsführer Dr. Leonardo Conti, geboren 1900 in Lugano, verstorben im Oktober 1945 in Nürnberg durch Selbsterdrosselung mit Frottiertuch, Sohn von Reichshebamme Nanna Conti, Bruder von Studentenführer Silvio Conti, nach seiner Entmachtung durch die SS noch Präsident der deutschen Paracelsus-Geselschaft, meinte es im Kampf gegen das Rauchen wirklich ernst. Er war indes auch an berüchtigten Menschenexperimenten beteiligt und gehörte zum "gottlosen", zumindest antichristlichen und aufgeklärten Flügel des Nationalsozialismus, der in der ganzen "Bewegung" eine radikale Minderheit darstellte. Im Allgemeinen war man wenigstens "gottgläubig", aus meiner Sicht durchaus eine religiöse Perversion. Zu den relativ aufgeklärteren Seiten des Nationalsozialismus gehörten indes das wissenschaftlich Interesse für Hexenprozesse und die Recherchen über pädophile oder sonstwie perverse Kleriker, welches Thema wie der Kampf gegen das Rauchen nach dem "Endsieg" hätte angegangen werden sollen. Conti war interessanterweise, gemäss seinem Leitartikel im Völkischen Beobachter vom 24. September 1941, ein entschiedener Gegner der Naturheilkunde. In Publikationen zu diesem Thema wurden Juden jeweils mit * zitiert. Für konservative Gegner des Nationalsozialismus, eines meiner langjährigen Forschungsgebiete, waren Typen wie Conti in keiner Weise bündnisfähig. Dies müsste aber nicht ausschliessen, dass es für einen Antrag der AfD betr. Zigarettenstummel, aus liberaler und auch aus konservativer Sicht nichts einzuwenden gäbe. Zumal es in dieser Partei weder einen Leonardo Conti noch eine Nanna Conti gibt, zu deren "Verdiensten" der Kampf gegen religiös bedingte "Vorurteile" gegen die Abtreibung gehörte: also sicher Frau Schwarzer näher stehend als z.B. den "Christen in der AfD" oder wie die Gruppe heisst.

Im 17. Jahrhundert war man in Sachen Hexenprozesse schon teilweise zur Erkenntnis gekommen, dass man unterscheiden müsse und nicht reflexhaft urteilen, weswegen dann immerhin die Mutter von Johannes Kepler zwar unter Protest einiger Richter freigesprochen wurde. Daran sollten Politiker von heute denken, wenn sie vor der Fernsehkamera über den Stand ihrer Empörung gegen das Böse, Hegels "Wuth auf das Böse", befragt werden.

Der_Juergen

25. Februar 2020 10:02

Treffender Artikel und viele treffende Kommentare, vor allem der von @Nath, wobei dessen Punkt eins den Nagel auf den Kopf trifft. Ein parlamentarischer Wandel ist radikal ausgeschlossen. Ich gestatte mir, zu wiederholen, was ich auf anderen Strängen schon mehrmals schrieb: Die Funktion der AFD besteht nur darin, immer und immer wieder den Finger auf die Wunden des Systems zu legen und so den ausserparlamentarischen Wandel zu beschleunigen. Dafür bieten ihr die Parlamente eine Plattform. Solange die AFD aber nicht den Mut aufbringt, kolossale Schweinereien wie den NSU-Betrug zur Sprache zu bringen, erfüllt sie auch diese Aufgabe sehr unvollkommen; brillante Wortmeldungen von Dr. Curio und anderen ändern daran nur wenig.

RMH

25. Februar 2020 11:13

Die AfD hat trotz massiven Sturms mitten ins Gesicht in Hamburg offenbar rein von der Anzahl der Stimmen her betrachtet die Stellung gehalten und >5% geholt. Das ist ein positives Resultat, welches belegt, dass es in Deutschland nach wie vor genug Menschen gibt, die sich von den medialen Lügen und dem gesellschaftlichen Druck "breiter Bündnisse" nicht aufs Glatteis bringen bzw. ins Bockshorn jagen lassen.

Womit Benedikt Kaiser meiner Meinung nach insbesondere recht hat, sind seine Punkte 4, 5, 6 und 7 der Analyse.

Die "Abkantung" bzw. Aufspaltung sorgt dafür, dass man relativ am Ende des Wählerwachstums ist. Es haben sich starre Fronten gebildet - das Bürgertum motzt und nölt zwar rum, wählt aber doch nicht die Schmuddelkinder der AfD. Die Frage ist jetzt in der Tat, wie man zum einen aus dem großen Reservoir der Nichtwähler noch weitere Wähler akquirieren kann bzw. wie man es zum anderen schafft, dennoch gewisse Wählerkreise der zerbröselnden Altparteien "herüber zu holen". Von den Verlusten der sich als Parteien der Mitte verkaufenden Parteien SPD und Union profitieren in erster Linie die Grünen. Von diesem riesigen Potential der untergehenden Volksparteien sollte aber auch die AfD profitieren.

Und das ist die Kernfrage: Wie kann das geschehen?

Benedikt Kaiser vertritt hier - natürlich nicht zum ersten mal, da hat der Waldgänger recht - den Blick nach links, ins "solidarische" bis sozialistische.

Das erscheint zunächst logisch. Wenn man aber berücksichtigt, dass im Bereich des klassisch Linken, sprich, der Staat als der ganz große Kassenwart, der beinhart die Beiträge eintreibt und dann mit der Gießkanne übers Land geht, sich bis auf die ruinierte FDP mittlerweile mehr oder weniger alle Altpartien auf diesem Rettungsboot versammelt haben, dann stellt sich schon die Frage, warum die AfD dann ausgerechnet da auch noch mit drauf muss. Und es fehlt bislang auch ein echter empirische Beweis, dass die AfD auch tatsächlich mehr Wähler bekommt, wenn sie auch auf dieses Boot steigt, lediglich angereicht um zwei Ruderblätter namens Migrationskritik und innere Sicherheit.

Die AfD muss ein eigenes Boot sein, mit genug Platz für eine riesige Anzahl von Wählern.

Mit anderen Worten: Das solidarisch-patriotische oder sozial-nationale muss andere Antworten und Lösungen anbieten, als das antiquierte Modell vom Staat als großer, allmächtiger Kassenwart.

Laurenz führt bspw. vollkommen zu recht aus, dass die wachsweiche Euro-Währung den normalen Arbeiter mehr ausbeutet und verarscht, als alle sozialen Transfers dies kompensieren können. Das ist aber beim deutschen Bürger zu 95% nicht angekommen und die AfD hat hier ein Alleinstellungsmerkmal. Wie vermittelt man das gegen tausende pseudo-wissenschaftliche Mietmäuler, die ständig blöken, der Euro brächte "gerade den Deutschen" mehr Vor- als Nachteile. Positiv ist auch, dass die AfD bei den Steuern für das Familiensplitting eintritt - hat davon schon einmal einer der Wähler etwas gehört?

Der berühmte Kampf gegen Windmühlen

Man braucht also für das Solidarische Lösungen bzw. Vorschläge und ich denke, wenn man die Quadratur des Kreises, das konservativ-liberale mit dem solidarischen (ist eben gerade nicht sozialistisch) zu verbinden, zumindest angeht, kann das sehr hilfreich sein, auch wenn das beste Konzept natürlich nichts nützt, wenn man es nicht unter die Leute bringen kann bzw. solche Wahrheiten und die Überbinger dieser Wahrheiten konsequent unterdrückt und verächtlich gemacht werden. Bin mir bspw. sicher, die AfD würde gerne auch mal in einem Vorort einer Stadt ein Bürgerfest mit Bier und Würstchen machen, so wie das alle andere Parteien auch machen. Wir wissen alle, wie das enden wird.

Aktuell und ohne zu zögern sollte man daher den Kampf gegen die ungebremste Hexenjagd aufnehmen. Stellt 200 Rechtsanwälte ein und pflastert die Republik mit Klagen zu.

Selbst wenn man die besten Inhalte von Allen hätte, man kann sie aktuell nicht erfolgreich an den Wähler bringen - die Mäuler werden gerade auf ganzer Breite gestopft, die Empfänger der Botschaften eingeschüchtert etc.

Das ist eben auch eine der Botschaften von Hamburg.

Glast

25. Februar 2020 12:09

Sehr informativer und spanndender Beitrag von Kaiser. Vielen Dank dafür.
Kann mich vielen hier im Forum nur anschließen hinsichtlich der Interpretation von strategischen Fehlern der AFD. Das Bürgertum und die bürgerliche Jugend der Metropolen und Universitätsstädte (genereller Trend und statistische Ausnahme) wählt die AFD nicht. Dieses Bürgertum ist und war nie links, aber linksliberal und ekelt sich geradzu vor allem was rechts ist. Und das wird es auch noch dann, wenn die Mordbrenner vor den Türen ihrer 150 qm Wohnungen stehen. Hier ist für die AFD NICHTS zu holen. Einfach links liegen lassen. Rhetorisches Abrüsten, das Drehen linguistischer Pirouetten trägt NICHTS aus. Die AFD sollte sich vielmehr auf die vaterländische Kernklientel und prekäre Schichten konzentrieren. Und die schreckt nunmal eine gedenkpolitische Wende nicht ab! Und ein Vogelschiss auch nicht.

Niekisch

25. Februar 2020 12:29

Ein Bick in die deutsche Geschichte zeigt, dass immer die "kleinen Leute" am ehrlichsten, am treuesten, am opferbereitesten waren, am längsten an einer einmal gewählten Idee festgehalten haben, sie nicht noch nachträglich verraten haben.

Imagine

25. Februar 2020 13:18

Die AfD ist eine heterogen zusammengesetzte Partei mit unterschiedlichen, gegensätzlichen, widersprüchlichen und inkompatiblen Interessen und Zielen, nur einem Punkt geeint, nämlich als Partei möglichst viele Stimmen zu erhalten, um die Zukunft derer nicht zu gefährden, die als Aufsteiger den Sprung in die privilegierte und hochdotierte Berufspolitiker-Existenz geschafft haben oder dies erreichen wollen.

Welche Fraktionen die AfD dominieren, wird immer deutlicher. Und auch wer erhebliche Finanzmittel von außen erhält, wobei die Interessen dieser Sponsoren bislang im Dunkeln liegen.

Die sozial-patriotische Flügel ist trotz der Wahlerfolge im Osten in der AfD nicht hegemonial, sondern es sind jene, die eine Regierungsbeteiligung in Koalition mit den wirtschaftsliberalen Kräften in CDU/CSU und der FDP anstreben.

Natürlich spielt die CDU/CSU gegenwärtig ein doppeltes Spiel, weil sie so tut, als ob sie nie mit der AfD koalieren würde, tatsächlich war und ist die CDU/CSU in Wirklichkeit eine systemerhaltende rechte Partei und will sich die Option offenhalten, in Zukunft gegebenenfalls eine rechte Mehrheit und Regierung mit der AfD bilden zu können, vorausgesetzt, die AfD hat die „Nazis“ und „Faschisten“ exkludiert.

Angesichts dieser Konstellation liegt die Annahme nahe, dass die AfD ihren Zenit schon überschritten hat, zumal der Zuwachs der AfD seit 2015 auf dem Image als einer „Anti-Merkel“- und Anti-Migrations-Partei basierte.

Inzwischen hat das Gros der Bevölkerung die Massenimmigration als nicht mehr reversibel hingenommen und ihre Hauptsorgen und Hauptinteressen sind inzwischen andere.

Martin Heinrich

25. Februar 2020 13:48

Lieber Herr Kaiser, vielen Dank für die interessante Analyse.
Hamburg ist für die AfD sicherlich ein sehr schwieriges Pflaster. Betrachtet man auf SPIEGEL online die Altersstruktur der Wähler, so stellt man fest, dass alle Altersgruppen: Von "unter 25" bis "70 Jahre und älter" zu mindestens 71 % (!!!) SPD-Grün-LINKE gewählt haben. CDU, FDP, AfD fallen da kaum noch ins Gewicht.
Bei "Wähler nach Tätigkeit" fällt auf, dass von den Tätigkeitsgruppen "Arbeiter/Angestellte/Beamte/Selbstständige/Rentner" die AfD mit 14 % bei den Arbeitern überproportional gut abgeschnitten hat. Es ist wohl sinnvoll, hier anzusetzen.

Und wenn immer von Hamburger "Bürgertum" gesprochen wird: Gibt es das überhaupt noch? Geschweige denn "Hanseaten"? Das erinnert mich mehr an Hamburger Kaffeebarone und Arbeiter in der "Speicherstadt". Das war ja auch tatsächlich einmal so, als der Hamburger Hafen noch das Herz Hamburgs war. Heute lebt doch der größte Teil der Rot-Grün-Wähler von staatlich geschaffenen Bull-Shit-Jobs, die weder den Stolz eines handfesten Arbeiters, noch des ehrbaren Kaufmanns oder des soliden Handwerkers aufweisen. Das sind schlichtweg überflüssig-parasitäre Staatsangestellte, die nur im öffentlichen Dienst überleben können und sonst nirgendwo. Parasiten zumeist. (Wie ich auch ... ;-) Betrachtet man die Hamburger Wahlkreise, stellt man ganz schnell fest: Je "vörnehmer", desto grüner ...
Robert Habeck sprach nach Hanau davon, dass die "Selbstverständlichkeit muslimischen Lebens" zur Staatsräson werden solle. Das ist erstaunlich, wird doch eine "Islamisierung" immer vehement bestritten. Vielleicht muss es nach der Bundestagswahl 2021 ja erst noch schlimmer werden, bevor es besser werden kann. Schon deswegen: Trotz aller Richtungsstreitigkeiten: Wir Rechten müssen zusammenhalten!

Gelddrucker

25. Februar 2020 13:53

Die AfD ist die einzige Opposition und jeder, der sich nicht das Ende des deutschen Kulturvolks wünscht, muss sie wählen.

Zuviele derer, die "motzen und nölen", wie oben beschrieben, haben immernoch Hoffnung in CDU/CSU, Werteunion, konservative FDP-Teile oder gar LKR und andere Splittergruppen. Man muss diesen Leuten klarmachen, dass wir gegen die geballte linksliberale Medien- und Parteienmacht nur dann eine Chance haben, wenn wir alles auf ein Pferd setzen.

Franz Bettinger

25. Februar 2020 14:26

@Maiordomus: "Dr. Leonardo Conti, .. verstorben 1945 in Nürnberg durch Selbsterdrosselung mit Frottiertuch..." Mit Verlaub: Das ist medizinisch und kriminologisch unmöglich. Man kann sich nicht selbst erdrosseln. - Wahrscheinlich ist deshalb, dass er erdrosselt wurde.

Lotta Vorbeck

25. Februar 2020 14:42

@Gelddrucker - 25. Februar 2020 - 01:53 PM

"Die AfD ist die einzige Opposition und jeder, der sich nicht das Ende des deutschen Kulturvolks wünscht, muss sie wählen."

~~~~~~~~~~~~

Das, was man "muss", respektive "nicht muss" soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden.

Ihrer Logik, werter @Gelddrucker folgend, "muss" man dann also, je nachdem, welcher Berufsgruppe oder Art Leistungsempfänger man sich zurechnet, "den" oder "den" wählen. Das dabei entstehende Ergebnis, nämlich ein in sich selbst verhaktes, nur um sich selbst kreisendes, strukturell unreformierbares, lediglich Parteienfilz, geldfressende Tentakel und Versorgungsposten produzierendes System hat das Land bereits vollständig überwuchert.

dreamingplanet7

25. Februar 2020 15:15

Richtige Worte zur richtigen Zeit!
Ein paar Anmerkungen:
- Ja es sind die Unter- und untere Mittelschicht die angesprochen werden muessen und zwar weil diese mehr mitbekommen als das Buergertum, ganz einfach weil dieses viel ausgelasteter ist als man glaubt. Das einzige Kind muss zwischen Reiten, Tennis und Musikunterricht gependelt werden, man glaubt an aussterbende Eisbaeren und Hetzjagden in Chemnitz, im Bad liegt das BUND-Monatsheft, morgens informiert man sich kurz im Spiegel und SZ, das Leben dieser Kaste ist viel zu vollgepackt als das man dort etwas merkt, da kommen wir nicht ran...
- Ja, das Buergertum wird kippen wo es opportun ist denn diese ganze Kaste besteht aus Feiglingen, ich kann mir diese Anekdote nicht verkneifen: Ein Bekannter, alter Mann, ehemaliger Geschichtslehrer, schwul, rechts, FAZ-Leser, war schon bei der Gruendung in Oberursel anwesend, ueberzeugter AfDler, gesteht, er hatte FDP gewaehlt. Warum? Nun, wenn ihn jemand frage was er gewaehlt habe wolle er ja nicht ausgegrenzt werden und luegen koenne er ja nicht... Die AfD muss auf mutige Leute setzen.
- Ja, man muss die soziale Frage staerker betonen, Sozialismus ist *IN* im Moment, rechts wie links, es freut mich nicht und ich halte das fuer ein uebles System aber D geht ja eh Richtung Planwirtschaft und Umverteilung, die Freiheit wird sowieso weniger und weniger also was solls...
- Wie hier schon erwaehnt hat man es ja auch schwer mit Veranstaltungen, sehr sogar... Eigene Immobilien (viele) muessen her, Saalschutz -> UND damit einhergehend
- Die AfDler muessen aufhoeren sich der Presse anzubiedern, was soll das noch?
Da kann man eh nicht gewinnen. Geht nicht ins Fernsehen und wenn doch macht macht den Trump, call them Fake News, lacht sie bei oeffentlichen Reden aus, verspottet sie... am besten macht das uebrigens die Weidel...
Was ist los mit Leuten wie Jung, diesem Mann hat man die Nase gebrochen, wann merken die endlich was los ist? Er ist doch eh verbrannt, er wird nie dazugehoeren...

Das alles ist natuerlich leicht gesagt, das weiss ich aber anders geht es ja nicht.
Wie man in GB sehen kann ist eine gespaltene Gesellschaft eben nur durch den Sieg einer Seite zu versoehnen, Farage hat 27 Jahre geopfert, wohlgemerkt sind die Briten ein sehr viel steiferes, hoeflicheres und unterschwellig humorvolleres Volk als die Deutschen, das war auch dort ein harter Kampf, jedoch ein fairerer, was ich der Deutschen Linken zutraue, nein, soweit gehen die Briten nicht, zugegeben...

heinrichbrueck

25. Februar 2020 15:50

Es gibt die Möglichkeit einer Geldanlage (kein ausschlaggebendes Risiko) für 0,10 % Zinsen. Auf die Frage, wann es wieder 0,50 % Zinsen gibt, Antwort des Bankangestellten: Das kommt nie wieder. Natürlich sind noch andere Risikobereitschaften im Angebot. Ende der Sozialdebatte; jedenfalls in meinem Weltbild. Keine Partei kann den Zusammenbruch des Finanzsystems rückgängig machen. Solange Gelddrucken kein Problem ist, Enteignungsmöglichkeiten auf den Sparkonten warten, spielt Parteiengezänk innerhalb der kleinsten Matrjoschka überhaupt keine Rolle. Im Rahmen des massendemokratischen Weltbildes, den solche Wahlanalysen voraussetzen, besticht diese Sicht (Kaisers) durch Kompetenz und Seriosität. Aber ihre Fairness wird nicht belohnt.
Die AfD ist ohnehin ein Thema für sich. Ohne Medien keine (Anpreisung der) AfD. Die Medien gehören nicht der AfD, sie gehören auch nicht dem Volk. Und sie sind dem Volk auch nicht wohlgesonnen.
Wenn sich die Rahmenhandlung ändern soll, werden übergeordnetere Lageanalysen eine Bewußtseinswandlung voraussetzen müssen, um realistischerweise auch als Rettungsanker wahrgenommen werden zu können. Oder um einer realistischerweise zu erwartenden Wahrnehmungsänderung seitens der Teilnehmer Rechnung tragen zu können und andererseits den Betreibern, angesichts der bekannten Rahmenhandlung, nicht den Rettungsanker zu überlassen. Die Geldfrage selektiert; eine Antwort bleibt unumgänglich. Was nicht heißt, daß der Zeitvertreib, Demokratieherstellung zu betreiben, bedeutungslos sein muß.

tearjerker

25. Februar 2020 16:17

Trotz der Kampagnen des Gegners unter Vollzeug ist die AFD in einer Stadt mit traditionell grosser linker Parlamentsmehrheit wieder vertreten, wo sich einst Statt-Partei und Schill-Gruppierung nicht halten konnten. Jetzt gilt es, nicht nur intern den Laden so zu strukturieren, dass man sich als Bestand etabliert. Dazu lässt sich in einer Stadt mit so vielen Leichen im Keller auch die andere Seite unter Druck setzen, wenn man nur will und bereit ist, da hinzugehen, wo es dem Gegner weh tut. Das ist eine positive Entwicklung.

Gracchus

25. Februar 2020 16:18

Kaisers Analyse ist nicht von schlechten Eltern. Ob die AfD das intellektuelle Format hat, auf dem von Kaiser skizzierten schmalen Grat zu wandeln?

Ich sehe das grob gesagt unter dem Motto "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern": Die Konservativen rundum die CDU sind unter Merkel dermaßen marginalisiert worden, dass sie quasi keine andere Wahl hatten, als sich mit den Schmuddelkindern vom ("extrem") rechten Rand zu verbünden, um wieder Einfluss zu gewinnen. Damit konnten einige Erfolge verbucht werden. Die etablierten Parteien wollen sich lästige Konkurrenz vom Leib halten und glauben, sie könnten die AfD noch weg ekeln. Die implizite Message: Trennt euch erstmal von euren Schmuddelkindern, bevor wir euch in unserer Demokratie um die Macht mitspielen lassen. Die implizite Message der AfD-Konservativen dagegen: Wir trennen uns erst von den Schmuddelkindern, wenn wir wirklich Macht in Form von Regierungsbeteiligungen und Ämtern haben.

Niekisch

25. Februar 2020 16:33

"Bewußtseinswandlung" @heinrichbrueck 15:50:

2 vielleicht zu beachtende Ketten:

Verhetzung in den Schulen - maximales Potenzial für die Internationalisten in der Jugend -zwangsläufiger Machterhalt derselben- keine Chance für metapolitische APO + deren parteipolitischen Arm-
Hartnäckige metapolitische Aufklärungsarbeit an den Schulen - Gesinnungswandel- Machtchance für die alternative APO-

Hartnäckige Konzentration auf benachteiligte Deutsche-sicherer Wählerkern- Ausweitung auf das feige, aber verängstigte Bürgertum- Machtchance für einen parteipolitischen Arm-

Imagine

25. Februar 2020 16:46

@Nath 25. Februar 2020 03:39
„Mir will es scheinen, dass sich beim "Ich" und "Wir" weder im Hinblick auf die eine, noch auf die andere Seite ein Prius auffinden lässt - beide sind koordiniert und zusammengehörig. Man kann es drehen und wenden. wie man will, an der Quadratur des Kreises scheinen wir nicht vorbeizukommen, nenne man es nun "liberalen Sozialismus", "anarchische Ordnung", "kollektiven Individualismus", "freie Assoziation der Produzenten" oder sonstwie.“

Natürlich gehören echter Liberalismus, dem es um die Freiheit der Individuen geht, und Sozialismus, also eine gemeinwohlorientierte Gesellschaft und Ökonomie, aus gesamtgesellschaftlicher Sicht zusammen. Das war Konsens für die „Neue Linke“ mit Rudi Dutschke als Führungspersönlichkeit in der 68-er-Zeit.

Jedoch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, wie sie nun einmal historisch geworden ist, sieht die Oberschicht aka „herrschende Klasse“ ihre Privilegien, ihre Vermögen, ihre Macht und die damit verbundene individuelle Freiheit durch einen Sozialismus bedroht. Denn Sozialismus setzt Bereitschaft zum Verteilen sowie Fairness und Chancengleichheit voraus.

Von dieser Bereitschaft sind die deutsche Oberschicht sowie die besser verdienende Mittelschichten so weit entfernt wie nie zuvor in der Geschichte der BRD. „Geiz ist geil“, man will nichts nach unten abgeben, sondern weniger Steuern zahlen, weniger Sozialstaat und für die eigenen Kinder eine Privatschule, damit diese bessere Chancen in der beruflichen Konkurrenz besitzen.

Ein großer Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft hat sich von der Idee der Solidarität und der sozialen Gerechtigkeit verabschiedet. Die SPD hat ihre traditionelle Klientel verraten, die Grünen wollen nichts mehr von ihrer sozialistischen Orientierung in ihrer Gründerzeit wissen und sind zur neuen CDU geworden – und CDU/CSU sowie FDP waren in ihrer Mehrheit schon immer rechte Parteien und für Rechtsliberalismus.

Während man in der Theorie auf den Zusammenhang von „patriotisch“ und „solidarisch“ hinweisen kann, will die Mehrheit derer, die sich in Deutschland politisch als „rechts“ ansehen, davon nichts wissen und ist pro-kapitalistisch und anti-sozialistisch eingestellt.

Im deutschen rechten Milieu ist deshalb eine Position wie jene von Thor v. Waldstein, die einen Zusammenhang von Nation und Sozialismus postuliert, völlig isoliert.

Deshalb ist eine Erwartung, dass sich in Deutschland eine patriotische Bewegung ähnlich zur „Rassemblement National“ entwickelt, illusorisch. Auch Elsässer ist mit seiner „Volksinitiative“ gescheitert und befindet sich inzwischen politisch marginalisiert im Rechtsaußen-Milieu.

HagenAlternat

25. Februar 2020 16:53

In der Diskussion fehlt mir der DEMOGRAFISCHE Aspekt: In Hamburg, wie in den anderen westdeutschen Grosstädten, beträgt der Anteil der autochthonen Bevölkerung nur noch 50% und ist weiter am Sinken. In Hamburg haben die zahlreich in der SPD vertretenen Türken ihre Massen mobilisiert. Die gestiegene Wahlbeteiligung ist hierauf zurückzuführen.
Und das Wahlalter beträgt 16 Jahre > alles rot-grün-Wähler.

Der Westen ist verloren, selbst wenn das Kooperationsverbot der Blockparteien über kurz oder lang obsolet wird.
ex oriente lux.
Wohnortwechsel vorbereiten!

Waldgaenger aus Schwaben

25. Februar 2020 17:09

Heute sind die INSA-Zahlen da (www.wahlrecht.de). INSA liegt immer recht gut, was die AfD betrifft, eher leicht drüber. INSA meldet -2% für die AfD (aktuell 13% von vorher 15%), nach Thüringen und Hanau. Das ergibt insgesamt ein stimmiges Bild. Bei der Bundestagswahl in HH lag die AfD bei 7,8%, ein recht guter Wert für eine westdeutsche Großstadt. Nun sind es gut 2% weniger.

Nachdem die FDP raus ist, hat der Linksblock (Linke/SPD/Grüne) in der HH-Bürgerschaft ca 80% (100 von 123 Sitzen). Das Ergebnis einer koordinierten Aktion von linkem Mob und Medienkampagne - gelenkte Demokratie.

Heute hat das Team Laschet und Spahn die Kandidatur für den CDU-Vorsitz und Kanzler bekannt gegeben. Gestern hat Laschet die Linie aufgezeigt, mit der er die Wahlen 2021 gewinnen will:
"Wir müssen versuchen die Wahlergebnisse der Grünen zu halbieren" Das war eine Kampfansage an Merz, der meinte, mit ihm könne die CDU die Wahlergebnisse der AfD halbieren. Ich denke, Lascht wird das Rennen machen.

Heute fiel bei mir der Groschen was das bedeutet: Laschet will sich inhaltlich den Grünen annähern und die AfD konsequent rechts liegen lassen. Seine Lehre aus der erfolgreichen Kampagne nach Thüringen und Hanau ist:

Die AfD soll sich durch eine konsequente Ausgrenzung und eine anhaltende Kampagne gegen sie (fast schon Orwell'sche tägliche Zwei- Minuten-Hass-Sendungen ) radikalisieren und in ihrem 10-15% Getto versauern. Die AfD darf nicht in diese Falle tappen, sondern ihren Weg zur Volkspartei, die prinzipiell für alle Schichten und Milieus wählbar ist, weiter gehen.

Gelddrucker

25. Februar 2020 17:14

@Hagen

Das stimmt nicht. Ich kenne den Anteil nicht genau, bin mir aber sicher, dass er bei mindestens 60% liegt, heißt, die Wählerschaft dann wahrscheinlich noch bei 75-80% biodeutsch (Schätzung), und viele mit Mihigru sind Europäer bzw griechische Mutter, deutscher Vater, dort alles mit drin.

In Offenbach am Main ist die biodeutsche Wählerschaft noch über 50%, und das bei einem Anteil von ca. 38% an der Bevölkerung der Stadt.

Der extreme Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in westdeutschen Großstädten liegt auch an der extremen Häufung nichtdeutscher Staatsbürger. Oft um 30%.

Was mich interessieren würde: Wenn 5% der Hamburger Wählerschaft für die AfD stimmen, wieviel Prozent der Biodeutschen sind das dann? Hat da jemand statistische Erfahrungswerte?

Gotlandfahrer

25. Februar 2020 20:01

Hervorragende Analyse!

Anekdotische Ergänzung: Ich hatte mir schon früh im Leben geschworen, sollte ich jemals SPD wählen, solle mir die Hand abfaulen, mit der ich das Kreuz setzen würde. Nun bereite ich mich geistig auf die Notwendigkeit zur Umschulung auf die andere Hand vor, denn als Anhänger Höckes habe ich tatsächlich Tschentscher gewählt (während ich auf den Landeslisten einen geeigneten AfD Kandidaten wählte). Ob die Wahl jetzt annulliert wird?

Mein Beweggrund war zweierlei: Zum einen, wie in der Analyse dargelegt, sollte dies ein molekularer Impuls an die Hamburger AfD sein – dass Anpassung Auflösung bedeutet. Oben ist ja alles gesagt dazu.

Zum anderen ist Tschentscher, wie zu Teilen ohnehin die Hamburger SPD-Führung, unideologisch kaufmännisch-bodenständig aufgestellt, jedenfalls ‚professioneller‘ und zurechnungsfähiger, als alles, was da sonst in Bundes SPD oder in HHer Parteien herumläuft (inkl. Nockemann). Bereits am Montag gab es nun Spekulationen, dass Tschentscher – Konzept: Alter weißer vernünftiger Mann (!) – Kanzlerkandidat der SPD werden könne. Nicht, dass das hinreichen würde, die notwendige Wende in ganz D hinzulegen, aber: Sein Erfolg, der nicht nur die HHer Grünen einigermaßen abregelt, wird dazu führen, dass der SPD-Hühnerhaufen auf das Konzept alter weißer vernünftiger Mann wieder zu sprechen kommen wird (was das Kanaillenkonzept Schulz kategorisch mitausschliesst). Damit verstärkte sich der Impuls auf die Bundes CDU in Richtung Vernunft, was wiederum die Widersprüche im Gezeter gegen die AfD ablesbarer machen würde. So meine Hoffnung.

All das galt nur einmalig für diese HH Wahl.

Mitleser

26. Februar 2020 01:48

Was Herr Kaiser einen leichten Rückschritt nennt, war für die AfD der erste wichtige Rückschritt überhaupt. Das sollte AfD-Sympathisanten alarmieren.

"Tatsächlich endete in Hamburg aber eine andere interessante Serie: erstmals überhaupt seit ihrer Gründung 2013 verlor die AfD Prozentanteile und Stimmen, nachdem sie zuvor bei 25 Landtags-, Bundestags- und Europawahlen in beiden Kategorien stets hinzugewonnen hatte."
http://www.election.de/cgi-bin/news1.pl

Der mit dem Wolf tanzt

26. Februar 2020 10:00

Leider erneut eine Fehlanalyse bei der JF.

https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2020/wir-muessen-das-buergerlich-konservative-profil-der-afd-schaerfen

Und die Reaktionen auf so manche leichtfertig selbst gelegte Steilvorlage bleibt ebenfalls nicht aus.

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/tino-chrupalla-ueber-malbuch-wer-so-etwas-rausbringt-hat-in-der-afd-nichts-zu-suchen-a-244d63b6-14cc-4416-8e29-c3cb5e71ce9d#ref=rss

Glaubwürdigkeit erlangt man dadurch aber trotzdem nicht, wie dieses Beispiel einmal mehr verdeutlicht.
Die zentrale Frage also bleibt: Ist die AfD unter dieser Führung zu einem mentalen Befreiungsschlag fähig, durch den eine geistig-moralische Wende in Deutschland einläuten werden kann?

Maiordomus

26. Februar 2020 10:43

@Kaiser. Wer von "sozialem Quatsch" spricht, hat sicher nie aktive und sagen wir mal ein bisschen erfolgversprechende Politik an der Basis gemacht.

Von hier aus bleibt Ihr Einspruch gerechtfertigt, mag zum Beispiel das Thema "Meinungsfreiheit" derzeit in der Tat eine dramatische Bedeutung erlangt haben: dies wäre nicht FDP.2.0, denkt man nur an Merz' "Gesindel"-Diktion oder gar die Sache mit dem "Krebsgeschwür" betr. Werte-Union. Und was neulich Lindner auch nur über die Zigarettenstummelfrage absonderte, ist Grund genug für die Notwendigkeit liberaler Elemente in der Art von Weidel oder sagen wir mal eines "liberalen Flügels" bei der deutschen Rechten, eines in der Tat unverzichtbaren Flügels, wenn schon immer vom "Flügel" gequatscht wird. Quatsch wird nun mal halt flächendeckend abgesondert, leider auch von rechts.

DanielKnight

26. Februar 2020 19:01

Der beste Beitrag den ich seit langem gelesen habe, denke zu einhundertprozent genauso, und ich bin nicht aus dem Osten! Manche AfDler sollten sich mal fragen, wie es möglich war dass Trump Präsident wurde, dass Duterte in den Philippinen Präsident wurde, dass Bolsonaro Präsident Brasiliens wurde, dass Salvini in Italien immer mehr Wähler abholt?! Sicher nicht mit mehr Mäßigung und Defensive! Die SPD verliert massiv in der Arbeiterschaft und wen will die AfD erreichen? Die sogenannten "Bürgerlichen"! Wie dumm muss man eigentlich sein? Das fängt schon in den Kreisverbänden an, wo (hauptsache) Doktoren und Professoren diesen leiten, aber nicht einmal im Stande sind zur Kommunalwahl in Bayern anzutreten. So wird das nichts!

Götz Kubitschek

26. Februar 2020 21:00

badeschluß für hamburg.

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