Mit dem roten Band der Sympathie!

PDF der Druckfassung aus Sezession 86/Oktober 2018

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die hier ste­hen, hei­ßen nicht Zito, Elmo, Clum­sy und Aja wie die meist ver­mumm­ten »jun­gen Leu­te« da drin­nen im Ham­ba­cher Wald. Die hier tra­gen ver­mut­lich Namen wie Gün­ter und Rena­te. Die »Akti­vis­ti« im Wald haben auf ihre Baum­häu­ser und Hüt­ten (mit Spray aus gewiß nicht kli­ma­neu­tra­len Dosen) Merk­sprü­che gemalt wie »ACAB« (»All cops are bas­tards«; »Alle Bul­len sind Schwei­ne«) und »Kill RWE«.

Die Forst-Area­le, die von die­sen »enga­gier­ten Men­schen« besetzt wer­den und nun zur Räu­mung anste­hen, hei­ßen Oak­town, Cozy­town, Jesus­point, Beech­town, die ent­spre­chen­den Twit­ter-Hash­tags fir­mie­ren unter #resist, #cli­ma­jus­ti­ce und #noco­al. Inter­na­tio­na­li­tät ist den »Braun­koh­le­geg­nern« wich­tig, daher die Universalsprache.

Es geht den »Wider­ständ­lern« nicht um ein Kitsch­kon­strukt wie den »deut­schen Wald«, son­dern ums Prin­zip. Wel­ches? Spielt erst ein­mal kei­ne Rol­le. Auf einem Groß­ban­ner steht: »Mut ist, Gren­zen zu durch­bre­chen«. Die da drin­nen, das sind die »wider­stän­di­gen Braun­koh­le­geg­ner«, die »Kli­ma­schutz­grup­pen« oder die »Wald- und Umweltschützer«.

Ein ein­zi­ger Arti­kel (unter Hun­der­ten) in den Leit­me­di­en hat auch kri­ti­sche Benam­sun­gen gefun­den. Dort – FAZ, Frie­de­ri­ke Haupt – wur­den die tol­len Wut­bür­ger als eine Art »Reichs­bür­ger mit Ras­tas« bespöt­telt. Die außer­halb des Wal­des, die hier auf dem Pho­to: Das sind die »Wald­spa­zier­gän­ger«.

Sie alle fas­sen mit an am »Roten Band der Sym­pa­thie« – älte­re Semes­ter dürf­ten sich noch an die Ban­ken­wer­bung mit dem »Grü­nen Band« derselben erin­nern. Ich stel­le mir vor, die Dame mit der pho­to­ge­nen Woll­müt­ze hie­ße Ant­je. Sie ist sonst nicht so. Nicht so … auf den Barrikaden.

Sie hat blon­dier­te Haa­re, sehr ordent­lich gezupf­te Augen­brau­en und ein pfleg­lich gebräun­tes Gesicht. Nun, wo es mal »drauf ankommt«, hat sie den Rücken durch­ge­drückt und schaut wider­stän­dig in die Kame­ra. Viel­leicht wur­de sie von Clau­dia mit­ge­bracht, die uns hier anschaut, als habe sie eine Men­ge Leu­te dazu gebracht, end­lich mal die Wan­der­stie­fel aus dem Kel­ler­re­gal hervorzuholen.

Die Frau, die Clau­dia hei­ßen könn­te, erscheint als pro­to­ty­pi­sche Gemein­de­re­fe­ren­tin oder als Haus­frau mit mul­ti­plen Ehren­äm­tern. Auf­ge­klärt, reso­lut. Sie läßt sich »den Mund nicht ver­bie­ten«. Sie sagt, was sie denkt. Sagt es auch, ohne gedacht zu haben. Frü­her mal Eltern­rats­spre­che­rin, jetzt im »Unru­he­stand«.

Rot ist ihre natür­li­che Far­be. Gün­ter und Rena­te, dane­ben – treue Gemein­de­mit­glie­der – tra­gen weni­ger das Rote Band der Sym­pa­thie, als daß sie sich schüch­tern dar­an fest­hal­ten. Es ist so unge­wohnt, genau wie die Jeans, die sie nur zu kras­sen Out­door­un­ter­neh­mun­gen wie die­sem aus dem Schrank holen.

Aber »wer, wenn nicht wir?«, hat­te Clau­dia sie gefragt in ihrer direk­ten Art. Da hat­ten sich Rena­te und Gün­ter dran erin­nert, daß Bäu­me ihnen immer schon ziem­lich wich­tig waren. Und, Braun­koh­le, also bit­te! Wo doch seit Jahr­zehn­ten der Strom aus der Steck­do­se kommt!

Nein, die Kin­der und Enkel von Gün­ter, Rena­te, Ant­je und Clau­dia sind nicht da drin­nen im Wald. Die stu­die­ren in Queens­land und Paris oder machen »ihr Ding«, anders­wo, es geht hier ja auch nicht um Sip­pen­zu­sam­men­halt, son­dern um eine über­ge­ord­ne­te Soli­da­ri­tät »vor Ort«, der Begriff gefällt allen hier.

»Ich möch­te Teil einer Jugend­be­we­gung sein!« (Toco­tro­nic) »Vor Ort« ist kon­kret und faß­bar und zeigt das Aku­te und Gewag­te der Situa­ti­on auf: Wir ste­hen hier, um die da drin­nen zu schüt­zen! Wir wer­den kei­nen Mil­li­me­ter wei­chen, auch wenn sie Was­ser­wer­fer auf­fah­ren sollten!

Der­weil die uni­for­mier­ten Her­ren hin­ter unse­ren Band­trä­gern nicht den Ein­druck machen, als war­te­ten sie auf Was­ser­wer­fer. Und da drin­nen? Tobt »der Kampf des Lebens gegen das Geschäft« (Claus Leg­ge­wie), denn, wie Leg­ge­wie bei Kon­fu­zi­us nach­ge­le­sen hat: »Wer Bäu­me pflanzt, wird den Him­mel gewinnen.«

Die­se Sen­tenz – zumal die­se Lebens­kämp­fer kaum Bäu­me pflan­zen – soll sei­ne Wucht im Umkehr­schluß ent­fal­ten. Baum­fäl­ler und ihre Scher­gen: zur Hölle!

Eine der weni­gen Wald­men­schen, die sich ohne Mas­ke­ra­de fil­men ließ, ist die »min­der- jäh­ri­ge Aja«, die auf ihrer Gitar­re (Auf­kle­ber: »Alle Men­schen sind Aus­län­der – fast über­all«) Pro­test­lie­der für den Wald klampft. Sie erklärt: Wenn durch die­sen Wider­stand Rodun­gen, Dorf­zer­stö­run­gen und »Epi­de­mien« ver­mie­den wür­den, sei es alle­mal wert, daß ein Bag­ger brennt.«Krasse Lady.

Ihre Kol­le­gen haben Ban­ner ange­bracht mit Dro­hun­gen wie »Zählt nicht die Baum­häu­ser, son­dern eure Tage!« Wes­halb aber gehen eini­ge Poli­zis­ten nun in weiß? Es sind Schutz­an­zü­ge, gegen die Fäka­li­en, mit denen sie von den »enga­gier­ten jun­gen Leu­ten« (man­cher Baum­freund, man kann es auf Pres­se­pho­tos sehen, hat sich selbst mit Kot beschmiert) bewor­fen wer­den. Gegen die Stei­ne, die immer wie­der mal flie­gen, hel­fen Helme.

Wald­päd­ago­ge Micha­el Zobel gab im Staats­funk (DLF, 17. Sep­tem­ber 2018) den Ver­mitt­ler zwi­schen denen da drin­nen und denen da draußen:

Ich kann nicht akzep­tie­ren, wenn jemand einen Stein wirft. Man muß aber auch es ein biß­chen rela­ti­vie­ren: Wo wirft er ihn hin? Bei vie­len ist es wirk­lich auch eine Ver­zweif­lung, eine Not­wehr. (…) Der ›Höhe­punkt‹ für mich letz­te Woche war eine Dele­ga­ti­on der AfD im Wald. Auch da ist kein Stein geflo­gen, und das ist eigent­lich nicht selbst­ver­ständ­lich. Ich habe gro­ßen Respekt vor den Men­schen im Wald.

Auf der Netz­sei­te hambacherforst.org. ver­schweigt man Dreck und Stei­ne. Zu lesen ist Schö­nes: »Auch eine Cel­lo­spie­le­rin hat heu­te ihre Soli­da­ri­tät mit den Besetzer*innen des Ham­ba­cher Fors­tes laut und deut­lich gezeigt. Mit einer Sin­fo­nie von Bach war sie in Cozy­town ein Bei­spiel für die Diver­si­tät der Bewegung.

Doch auch unse­re pun­ki­ge­ren Unterstützer*innen sind heu­te zahl­reich zum Wald gekom­men. Mit einem Soli­kon­zert haben die Punk­bands Zen Mob und Mül­heim Aso­zi­al, sowie Lie­der­ma­cher Kon­ny ihren Senf zu Umwelt­zer­stö­rung und Kli­ma­ge­rech­tig­keit gegeben.

›Bier gegen Bag­ger, Bier gegen Deutsch­land, Bier gegen Bag­ger und Deutsch­land!‹ klang es durch die sonst ruhi­ge Abend­stim­mung auf der Wie­se«. Nur, hat man noch aus­rei­chend Bier gegen Deutsch­land da drin­nen? Was drin­gend benö­tigt wird von den »jun­gen Leu­ten« erfährt man glei­chen Tages (17. Sep­tem­ber) auf Twit­ter, adres­siert an Clau­di und die Leu­te vom Roten Band: vega­nes Essen, Tam­pons und Menstruationstassen!

Und dann auch noch dies, Alarm!: »einem men­schen in oak­town wird bei­stand durch seel­sor­ge ver­wei­gert. kommt jur. not­arzt­ver­wei­ge­rung gleich.« Manch­mal hilft nur beten. Wol­len wir uns eigent­lich die Sach­la­ge mal spie­gel­ver­kehrt vor­stel­len? Nicht nur die Sach­la­ge, son­dern auch das media­le Tamtam?

Machen wir mal: Jun­ge, enga­gier­te Bür­ger in Dres­den und Chem­nitz tra­gen ihre berech­tig­te Sor­ge und ihre Ohn­macht auf die Stra­ße. Sie wer­den flan­kiert von älte­ren Unter­stüt­zern, ganz nor­ma­len Leu­ten, auch Stu­den­ten und Fami­li­en sind darunter.

Die den Glut­kern der Bewe­gung bil­den, haben sich ver­mummt oder phan­ta­sie­voll ver­klei­det. War­um, ist klar: Sie fürch­ten zurecht Brand­mar­kung und Repres­si­on. Im Deutsch­land­funk äußert sich ein Lokal­po­li­ti­ker der AfD:

Stei­ne flie­gen, doch meist unge­rich­tet und ziel­los. Kann man es den Wer­fern ver­den­ken? Höhe­punkt der Pro­vo­ka­ti­on war für mich eine Dele­ga­ti­on aus SPD, Grü­nen und ört­li­cher Anti­fa, die auf der Stra­ße eine Blo­cka­de gebil­det haben. Auch da ist kein Stein geflo­gen, und das ist eigent­lich nicht selbst­ver­ständ­lich. Ich habe gro­ßen Respekt vor den Men­schen in Chemnitz.

Der Geg­ner, die über­mäch­ti­ge Asyl­lob­by, ist ungreif­bar. Nur ver­ein­zelt wur­den Molo­tow-Cock­tails und Eimer mit Fäka­li­en gesich­tet. »Ich selbst fin­de das nicht so toll«, sagt ein Fami­li­en­va­ter, der mit sei­nen Kin­dern ein Ban­ner gestal­tet hat. »Aber«, gibt er zu beden­ken, »zeigt sich hier nicht der Staat selbst als das käl­tes­te aller Unge­heu­er, indem er mit der Grenz­öff­nung Gewalt importierte?«

Die Umste­hen­den nicken nach­denk­lich. Dann löst sich die Stim­mung. Wei­ter hin­ten soll es ein Kon­zert geben. »Mob Ultra« und »Immer fes­te druff« wer­den gleich spie­len. Fröh­lich wer­den spä­ter die Stra­ßen­ak­ti­vis­ten gemein­sam mit der Mas­se vom Unter­stüt­zer­bünd­nis die bekann­ten Rei­me mitsingen:

Wurst, Bier und Wein / haut ruhig rein, wir stehn hier und dort / gegen den Mörderimport.

Ver­zweif­lung und Hoff­nung, Wut und Trau­rig­keit: hier kommt alles zusam­men. So wild und krea­tiv war Wider­stand selten.Festzuhalten bleibt übri­gens, daß – nach Sich­tung hun­der­ter Pres­se­pho­tos – der Pro­test im Ham­ba­cher Wald eine rein wei­ße Ver­an­stal­tung ist. Nolens volens.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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