1. Oktober 2018

Mit dem roten Band der Sympathie!

Ellen Kositza

PDF der Druckfassung aus Sezession 86/Oktober 2018

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Die hier stehen, heißen nicht Zito, Elmo, Clumsy und Aja wie die meist vermummten »jungen Leute« da drinnen im Hambacher Wald. Die hier tragen vermutlich Namen wie Günter und Renate. Die »Aktivisti« im Wald haben auf ihre Baumhäuser und Hütten (mit Spray aus gewiß nicht klimaneutralen Dosen) Merksprüche gemalt wie »ACAB« (»All cops are bastards«; »Alle Bullen sind Schweine«) und »Kill RWE«.

Die Forst-Areale, die von diesen »engagierten Menschen« besetzt werden und nun zur Räumung anstehen, heißen Oaktown, Cozytown, Jesuspoint, Beechtown, die entsprechenden Twitter-Hashtags firmieren unter #resist, #climajustice und #nocoal. Internationalität ist den »Braunkohlegegnern« wichtig, daher die Universalsprache. Es geht den »Widerständlern« nicht um ein Kitschkonstrukt wie den »deutschen Wald«, sondern ums Prinzip. Welches? Spielt erst einmal keine Rolle. Auf einem Großbanner steht: »Mut ist, Grenzen zu durchbrechen«.

Die da drinnen, das sind die »widerständigen Braunkohlegegner«, die »Klimaschutzgruppen« oder die »Wald- und Umweltschützer«. Ein einziger Artikel (unter Hunderten) in den Leitmedien hat auch kritische Benamsungen gefunden. Dort – FAZ, Friederike Haupt – wurden die tollen Wutbürger als eine Art »Reichsbürger
mit Rastas« bespöttelt.

Die außerhalb des Waldes, die hier auf dem Photo: Das sind die »Waldspaziergänger«. Sie alle fassen mit an am »Roten Band der Sympathie« – ältere Semester dürften sich noch an die Bankenwerbung mit dem »Grünen Band« derselben erinnern.

Ich stelle mir vor, die Dame mit der photogenen Wollmütze hieße Antje. Sie ist sonst nicht so. Nicht so … auf den Barrikaden. Sie hat blondierte Haare, sehr ordentlich gezupfte Augenbrauen und ein pfleglich gebräuntes Gesicht. Nun, wo es mal »drauf ankommt«, hat sie den Rücken durchgedrückt und schaut widerständig
in die Kamera. Vielleicht wurde sie von Claudia mitgebracht, die uns hier anschaut, als habe sie eine Menge Leute dazu gebracht, endlich mal die Wanderstiefel aus dem Kellerregal hervorzuholen.

Die Frau, die Claudia heißen könnte, erscheint als prototypische Gemeindereferentin oder als Hausfrau mit multiplen Ehrenämtern. Aufgeklärt, resolut. Sie läßt sich »den Mund nicht verbieten«. Sie sagt, was sie denkt. Sagt es auch, ohne gedacht zu haben. Früher mal Elternratssprecherin, jetzt im »Unruhestand«. Rot ist ihre natürliche Farbe. Günter und Renate, daneben – treue Gemeindemitglieder – tragen weniger das Rote Band der Sympathie, als daß sie sich schüchtern
daran festhalten.
Es ist so ungewohnt, genau wie die Jeans, die sie nur zu krassen Outdoorunternehmungen wie diesem aus dem Schrank holen. Aber »wer, wenn nicht wir?«, hatte Claudia sie gefragt in ihrer direkten Art. Da hatten sich Renate und Günter dran erinnert, daß Bäume ihnen immer schon ziemlich wichtig waren. Und,
Braunkohle, also bitte! Wo doch seit Jahrzehnten der Strom aus der Steckdose kommt!

Nein, die Kinder und Enkel von Günter, Renate, Antje und Claudia sind nicht da drinnen im Wald. Die studieren in Queensland und Paris oder machen »ihr Ding«, anderswo, es geht hier ja auch nicht um Sippenzusammenhalt, sondern um eine übergeordnete Solidarität »vor Ort«, der Begriff gefällt allen hier. »Ich möchte
Teil einer Jugendbewegung sein!« (Tocotronic)

»Vor Ort« ist konkret und faßbar und zeigt das Akute und Gewagte der Situation auf: Wir stehen hier, um die da drinnen zu schützen! Wir werden keinen Millimeter weichen, auch wenn sie Wasserwerfer auffahren sollten! Derweil die uniformierten Herren hinter unseren Bandträgern nicht den Eindruck machen, als warteten sie auf Wasserwerfer.

Und da drinnen? Tobt »der Kampf des Lebens gegen das Geschäft« (Claus Leggewie), denn, wie Leggewie bei Konfuzius nachgelesen hat: »Wer Bäume pflanzt, wird den Himmel gewinnen.« Diese Sentenz – zumal diese Lebenskämpfer kaum Bäume pflanzen – soll seine Wucht im Umkehrschluß entfalten. Baumfäller und ihre Schergen: zur Hölle!

Eine der wenigen Waldmenschen, die sich ohne Maskerade filmen ließ, ist die »minder- jährige Aja«, die auf ihrer Gitarre (Aufkleber: »Alle Menschen sind Ausländer – fast überall«) Protestlieder für den Wald klampft. Sie erklärt: Wenn durch diesen Widerstand Rodungen, Dorfzerstörungen und »Epidemien« vermieden würden, sei es allemal wert, daß ein Bagger brennt.«Krasse Lady.

Ihre Kollegen haben Banner angebracht mit Drohungen wie »Zählt nicht die Baumhäuser, sondern eure Tage!« Weshalb aber gehen einige Polizisten nun in weiß? Es sind Schutzanzüge, gegen die Fäkalien, mit denen sie von den »engagierten jungen Leuten« (mancher Baumfreund, man kann es auf Pressephotos sehen,
hat sich selbst mit Kot beschmiert) beworfen werden. Gegen die Steine, die immer wieder mal fliegen, helfen Helme.

Waldpädagoge Michael Zobel gab im Staatsfunk (DLF, 17. September 2018) den Vermittler zwischen denen da drinnen und denen da draußen: »Ich kann nicht akzeptieren, wenn jemand einen Stein wirft. Man muß aber auch es ein bißchen relativieren: Wo wirft er ihn hin? Bei vielen ist es wirklich auch eine Verzweiflung, eine Notwehr. (…) Der ›Höhepunkt‹ für mich letzte Woche war eine Delegation der AfD im Wald. Auch da ist kein Stein geflogen, und das
ist eigentlich nicht selbstverständlich. Ich habe großen Respekt vor den Menschen im Wald.«

Auf der Netzseite hambacherforst.org. verschweigt man Dreck und Steine. Zu lesen ist Schönes: »Auch eine Cellospielerin hat heute ihre Solidarität mit den Besetzer*innen des Hambacher Forstes laut und deutlich gezeigt. Mit einer Sinfonie von Bach war sie in Cozytown ein Beispiel für die Diversität der Bewegung. Doch auch unsere punkigeren Unterstützer*innen sind heute zahlreich zum Wald gekommen. Mit einem Solikonzert haben die Punkbands Zen Mob und Mülheim Asozial, sowie Liedermacher Konny ihren Senf zu Umweltzerstörung und Klimagerechtigkeit gegeben. ›Bier gegen Bagger, Bier gegen Deutschland, Bier gegen Bagger und
Deutschland!‹ klang es durch die sonst ruhige Abendstimmung auf der Wiese«.

Nur, hat man noch ausreichend Bier gegen Deutschland da drinnen? Was dringend benötigt wird von den »jungen Leuten« erfährt man gleichen Tages (17. September) auf Twitter, adressiert an Claudi und die Leute vom Roten Band: veganes Essen, Tampons und Menstruationstassen! Und dann auch noch dies, Alarm!: »einem
menschen in oaktown wird beistand durch seelsorge verweigert. kommt jur. notarztverweigerung gleich.« Manchmal hilft nur beten.

Wollen wir uns eigentlich die Sachlage mal spiegelverkehrt vorstellen? Nicht nur die Sachlage, sondern auch das mediale Tamtam? Machen wir mal:
Junge, engagierte Bürger in Dresden und Chemnitz tragen ihre berechtigte Sorge und ihre Ohnmacht auf die Straße. Sie werden flankiert von älteren Unterstützern, ganz normalen Leuten, auch Studenten und Familien sind darunter.

Die den Glutkern der Bewegung bilden, haben sich vermummt oder phantasievoll verkleidet. Warum, ist klar: Sie fürchten zurecht Brandmarkung und Repression. Im Deutschlandfunk äußert sich ein Lokalpolitiker der AfD: »Steine fliegen, doch meist ungerichtet und ziellos. Kann man es den Werfern verdenken? Höhepunkt der Provokation war für mich eine Delegation aus SPD, Grünen und örtlicher Antifa, die auf der Straße eine Blockade gebildet haben. Auch da ist kein Stein geflogen, und das ist eigentlich nicht selbstverständlich. Ich habe großen Respekt vor den Menschen in Chemnitz.«

Der Gegner, die übermächtige Asyllobby, ist ungreifbar. Nur vereinzelt wurden Molotow-Cocktails und Eimer mit Fäkalien gesichtet. »Ich selbst finde das nicht so toll«, sagt ein Familienvater, der mit seinen Kindern ein Banner gestaltet hat. »Aber«, gibt er zu bedenken, »zeigt sich hier nicht der Staat selbst als das kälteste aller Ungeheuer, indem er mit der Grenzöffnung Gewalt importierte?« Die Umstehenden nicken nachdenklich. Dann löst sich die
Stimmung. Weiter hinten soll es ein Konzert geben. »Mob Ultra« und »Immer feste druff« werden gleich spielen. Fröhlich werden später die
Straßenaktivisten gemeinsam mit der Masse vom Unterstützerbündnis die bekannten Reime mitsingen: »Wurst, Bier und Wein / haut ruhig rein, wir stehn hier und dort / gegen den Mörderimport.«

Verzweiflung und Hoffnung, Wut und Traurigkeit: hier kommt alles zusammen. So wild und kreativ war Widerstand selten.Festzuhalten bleibt übrigens, daß – nach
Sichtung hunderter Pressephotos – der Protest im Hambacher Wald eine rein weiße Veranstaltung ist. Nolens volens.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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