1. Oktober 2018

Europäischer Bürgerkrieg, zweiter Dreißigjähriger Krieg

Gastbeitrag

von Stefan Scheil

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  • Sezession

PDF der Druckfassung aus Sezession 86/Oktober 2018

»Deutschland befindet sich praktisch seit 1914, also seit 26 Jahren, im Kriegszustand zur Verteidigung seiner Unabhängigkeit.« Das meldete am 11. Mai 1940 der deutsche Militärattaché Friedrich von Boetticher als prominente Meinungsäußerung aus Washington. Als allgemeine Washingtoner Auffassung habe ihm das der maßgebende Offizier für die politische Urteilsbildung des dortigen Kriegsministeriums mitgeteilt. Ja, es sei sogar allgemeine Washingtoner Auffassung. Im US-Generalstab verfolge man »mit warmem Verstehen gemeinsam mit mir die vorliegenden Nachrichten«.

Gemeint waren hiermit die Meldungen über die am Vortag begonnene deutsche Westoffensive. Für die kommende Entscheidungsfindung der Roosevelt-Administration durfte also ein klein wenig Optimismus angebracht sein. Jedoch: Für solche Zuversicht gab es, im Nachhinein betrachtet, wenig Anlaß.
Wechselseitige Abneigung und ein deutsch-amerikanischer Gegensatz datierten schon aus der Zeit von vor 1914. Bis hinauf zum deutschen Kaiser verbreitete sich schließlich der Eindruck, der laufende Krieg sei ohnehin nur die erste Runde im Kampf gegen den anglo-amerikanischen »Welttrust«, wie Großadmiral Tirpitz den Feind nannte. Den bereits bestehenden gesamtdeutschen Einflußraum gegen diesen Trust und zugleich gegen den von Rußland ausgehenden Panslawismus zu behaupten, lag den deutschen Mitteleuropaplänen, die während des Krieges formuliert wurden, als letztlich passives Ziel zu Grunde, während es den langfristigen US Planungen eigentümlich war, eben dies verhindern zu wollen, den eigenen Griff nach Europa aber als Verteidigungsschritt zu verstehen.

Als die gewaltsame Auseinandersetzung 1945 schließlich zu Ende war, nannte der britische Kriegspremier Winston Churchill die Periode zwischen 1914 und 1945 dann tatsächlich einen »zweiten Dreißigjährigen Krieg«. Er tat dies an prominenter Stelle, nämlich in der Einleitung seiner zwölfbändigen Geschichte eben dieses Krieges, für die er unter anderem 1953 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Das Motiv für diese Äußerung ist kein Geheimnis. Für Churchill stand fest, daß die deutsche Frage und die politischen Optionen des deutschen Volkes das zentrale Problem der Weltpolitik seien. Diese Auffassung war für ihn Zeit seines (an eben dieser Stelle auch als dreißigjährig hervorgehobenen) Politikerlebens selbstverständlich. Und für diese Ansichten gab es in der Tat objektive Gründe. Um das Jahr 1900 bestand immer noch die Möglichkeit einer Vereinigung aller Deutschen in einem Staat, wie er in Ansätzen bereits 1848/49 im Frankfurter Paulskirchenparlament skizziert worden war. »Großdeutschland« reichte dabei erheblich über den Deutschen Bund hinaus, schon damals Anlaß für Bedenken in London und St. Petersburg.

Sollten sich aber Kleindeutschland und Österreich-Ungarn unter den inzwischen eingetretenen Umständen des industriellen und bevölkerungsmäßigen Wachstums eng zu einem Block zusammenschließen oder sich gar formal vereinigen, dann würde man Mitte des 20. Jahrhunderts eine neue Weltmacht mit zweihundert Millionen Einwohnern vor der britischen Haustür haben. Deren Grenzen würden ganz selbstverständlich und ohne jeden Eroberungsfeldzug von Flensburg bis kurz vor Bukarest und von Aachen bis ins heute ukrainische Lemberg reichen. Eventuell würde das Territorium dann zudem noch abgerundet werden. Diese Aussichten bildeten ein extremes Szenario, völlig unrealistisch waren sie jedoch nicht. »Germany in 1950« lautete die entsprechende Horrorvision, die um 1909 herum auch bildlich auf Flugblättern präsentiert wurde. Churchill nahm eines davon zu seinen persönlichen Papieren.

Dieses Szenario galt es aus britischer Sicht zu verhindern. Grundsätzliche Erwägungen geopolitischer Art zählten hierbei, was aber nicht nur im Westen der Fall war. Einer ähnlichen Meinung gab der russische Zar Alexander III. Ausdruck, als er den Abschluß des französisch-russischen Vertrags 1892 mit den Worten kommentierte, es sei »ein Abkommen zur Eroberung Deutschlands und seiner Aufteilung in Kleinstaaten«. In St. Petersburg reute es viele, gegen die kleindeutsche Einigung von 1871 nicht sofort Einspruch erhoben zu haben. Nun sah man sich statt dem traditionell zu einer Satellitenrolle verdammten Preußen einem deutschen Staat gegenüber, der auf eine aus russischer Sicht schwer erträgliche Augenhöhe wert legte. Daher ruhten der russische Bund mit Frankreich und
der vor 1914 jahrelang gemeinsam vorbereitete Angriff auf Deutschland auf einer scheinbar soliden Interessengrundlage. Man hielt den Krieg gegen Mitteleuropa gegenüber einer weiteren Entfaltung des dortigen deutschen Daseins für die bessere Option.

Andererseits gelang es der deutschen Politik nicht, in wichtigen fremden Staaten Verständnis für die eigene Situation zu entwickeln oder sie gar von der Nützlichkeit eines deutschen Mitteleuropa zu überzeugen. So reichte sich schließlich der Klub der Weltmächte die Hand. In diesem Sinn stufte Ludwig Dehio im Jahr 1948 die Dinge ein, wegen seiner jüdischen Herkunft vor 1945 verfolgt, dann bald zu einem der wichtigsten deutschen Nachkriegshistoriker aufgestiegen. Auf der Ebene staatlicher Macht und ihrer grundsätzlichen Entwicklungslinien ist das Ergebnis insofern recht eindeutig. Die damaligen »Großen Drei« wollten Deutschland als potentiellen Konkurrenten ausschalten. Sie brauchten letztlich dreißig Jahre dafür.

Doch enthalten »dreißigjährige Kriege«, die der Historiker mit dem Wissen des Nachgeborenen als abgeschlossene Periode skizziert, immer auch etliche andere Aspekte. Der erste dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 stellte zwar ebenfalls einen Versuch dar, Deutschland auf neue Weise aufzuteilen. Überhaupt wurde jüngst von recht prominenter Seite durch den in Cambridge lehrenden Historiker Brendan Simms der Versuch unternommen, gleich die ganze Geschichte der Neuzeit als einen unentwegten Kampf um Deutschland darzustellen.

Aber die Jahre 1618 bis 1648 ließen sich ebenso als Religionskrieg verstehen, also als Streit auf einer Ebene, die im säkularisierten Europa inzwischen von den Ideologien eingenommen wurde. So ist denn für diese Aspekte des Zeitraums von 1914 bis 1945 der Begriff des »Weltbürgerkriegs« vorgeschlagen worden. Dafür gibt es ebenfalls nachvollziehbare Gründe. Die Frontlinien bewegten sich in dieser Zeit nicht nur entlang staatlicher Linien, sondern grenzten die politischen Überzeugungen verschiedener innerstaatlicher Lager in den beteiligten Mächten bürgerkriegsartig voneinander ab. Viele Staaten machten revolutionäre wie gegenrevolutionäre Prozesse durch.

Unter diesen Bedingungen verschwammen auch die – ehrlichen –Antworten darauf, welcher Staat denn nun politisch den Krieg tatsächlich gewollt habe. Der Brite A.J.P. Taylor, in den 30er Jahren Aktivist der politischen Linken, machte sich beispielsweise in den 1960er Jahren einen Namen, als er als erster prominenter Historiker den Nachweis führte, daß die deutsche Regierung den erneuten heißen Krieg 1939 nicht angestrebt hatte.

Ideologisch motivierte Erwartungen und Befürchtungen über das Aufkommen neuer oder den Untergang bestehender Welten gab es bei allen Kriegsparteien. Loyalitäten wurden in Frage gestellt, was sich in Deutschland in wiederholten Attentatsversuchen auf den Staatschef äußerte, aber auch einer beachtlichen Zahl an freiwilligen Kämpfern für die nationalsozialistische Sache. Der auf Stalingrad vorrückenden Wehrmacht kamen sowjetische Zivilisten in hoher fünfstelliger Zahl entgegen, nicht viel weniger, als zeitgleich vor ihr nach Osten flüchteten. In Großbritannien wurden potentielle Oppositionelle jahrelang ohne Grund eingesperrt und mit John Amery zum erstenmal der Sohn eines amtierenden Ministers wegen Hochverrats verurteilt und hingerichtet. Er hatte sich auf die deutsche Seite geschlagen und die Westmächte von Deutschland aus öffentlich beschuldigt, den Krieg gewollt und zielgerichtet ausgedehnt zu haben.

Seit dem Jahr 1917 traten die liberal-kapitalistischen Systeme des Westens und der Kommunismus der nach der Oktoberrevolution von 1917 ausgerufenen Sowjetunion als Kriegsparteien auf. Die faschistischnationalsozialistischen Staaten Europas etablierten sich später, als Folge der Auseinandersetzung sowohl mit der eigenen Unzufriedenheit mit dem »Waffenstillstand« von 1919 als auch mit der kommunistischen Bedrohung. Vielfach ist der »Weltbürgerkrieg« oder »europäische Bürgerkrieg«als Auseinandersetzung dieser, grob zusammengefaßt, drei ideologischen Kriegsparteien bezeichnet worden.

Über diese Diskussion kann kaum ernsthaft gesprochen werden, ohne Ernst Nolte zu erwähnen. Eigentlich ein promovierter Philosoph mit erkenntnistheoretischen Interessen, wurde er 1964 mit einer Arbeit über den Faschismus in seiner Epoche als Historiker habilitiert und damit sofort zum meistbeachteten Autor in dieser Frage. Die genannte Epoche dehnte er zwar mit Blick auf französische Entwicklungen auf die Zeit vor 1914 aus, ließ den eigentlichen europäischen Bürgerkrieg aber erst 1917 beginnen und 1945 enden, mit der finalen Niederlage des Faschismus. Daher deckte der Bürgerkrieg für Nolte nicht die ganzen dreißig
Jahre des staatlichen Krieges ab, und der »Westen« trat darin als Kriegspartei auch nicht in zentraler Position auf.

Für Nolte blieben nach Abwägung aller Dinge »Nationalsozialismus und Bolschewismus« die entscheidenden Kriegsparteien. Der nationalsozialistische Faschismus sei dabei, so Nolte, im wesentlichen als Antibolschewismus aufzufassen, der seinen Gegner fundamental bekämpfe, seine Methoden dabei mit aufnehme, aber den festen Rahmen des nationalen Denkens nie durchbreche. Das war nicht völlig neu, auch Ludwig Dehio hatte dem NS-Regime 1948 beiläufig eine mit der Zeit wachsende bolschewistische Beimischung attestiert. Noltes Betonung dieses Zusammenhangs wies dem Bolschewismus nun einen Rang als ebenso zeitliche
wie logische Voraussetzung des Nationalsozialismus zu, machte ihn also in gewisser Weise zu dessen Ursache. Nolte verdichtete das später zu dem
Begriff des »kausalen Nexus« zwischen beiden.

Eher geschichtsphilosophisch als empirisch orientiert, entfaltete Nolte diese Zusammenhänge trotzdem auf eine eigentümlich detaillierte Weise.
Die nationalsozialistischen Methoden seien von dem Eindruck der stalinistischen Massenmorde in der UdSSR zutiefst beeinflußt gewesen. Der deutsche Angriff auf die UdSSR mußte aus seiner Sicht als der größte Vernichtungskrieg aller Zeiten bezeichnet werden, aber er richtete sich eben gegen das bis dahin mörderischste Regime aller Zeiten. Für Nolte prallten hier in erster Linie ideologische Gegenwelten aufeinander, das Konkurrenzspiel der Staaten vorher, nachher und während dieser Ära erachtete er dabei für eher zweitrangig.
Der ideologische Zusammenhang sei das Entscheidende gewesen, wobei sich an dieser Stelle der bei Nolte etwas blinde Fleck des »Westens« negativ bemerkbar machte.

Ein marxistischer Denker wie der italienische Philosophieprofessor Domenico Losurdo wies in Auseinandersetzung mit Noltes Texten darauf hin, daß revolutionäre Zyklen nebst Krieg und Massenverbrechen weder eine nationalsozialistische noch eine sowjetische Spezialität seien, sondern sich ebenso im »Westen« finden ließen. Die unter den Kriegsbedingungen von der britischen Verwaltung herbeigeführte »Bengal Famine« von 1943 mit ihren etwa drei Millionen Todesopfern hatte Vorläufer aus eigener Tradition.
Nolte wies allerdings auch auf Konstanten des Freund-Feind-Denkens der gesamten Kriegsära jenseits der Ideologie hin, etwa den slawischgermanischen Gegensatz. Josef Stalin bemühte ihn wiederholt, ebenso wie das zaristische Rußland vor ihm. 1934 sprach er auf dem »Parteitag der Sieger«, davon, die Slawen würden Berlin über den Haufen rennen, wie es einst die Germanen mit Rom getan hatten. Als zehn Jahre später dann die Einnahme von Berlin in Sicht kam, ließ er Staatsgäste vom Jugoslawen Milovan Djilas bis zum Franzosen Charles de Gaulle wissen, die slawische Einheit sei die Basis einer neuen Politik, gegen die niemand mehr einen Finger rühren könne.

Es gibt sicher keinen Weg, den machtpolitisch-nationalstaatlich-ethnischen Zugang zur Geschichte des zweiten dreißigjährigen Krieges mit der ideologiegeschichtlichen restlos in Einklang zu bringen. Verbindungen gibt es allerdings reichlich, sie ließen sich hier zahllos anführen. Man lebte vielfach in beiden Welten, zugleich dem ideologisch aufgeladenen Kampf in extremster Form und den jeweiligen nationalen Traditionen, Zwängen und vorhandenen staatlichen Möglichkeiten verpflichtet. Letzteres blieb für alle der entscheidende »undurchbrechbare Rahmen« ihrer Politik.

1945 endete diese Periode. Vielleicht ist das Bild vom amerikanisch-sowjetischen Handschlag bei Torgau an der Elbe dann doch das treffendste Symbol dafür. Für andere innereuropäische Konflikte als den bald darauf folgenden Kalten Krieg zwischen USA und UdSSR gab es danach fast keinen Spielraum mehr. Als Kampf um die nationale Unabhängigkeit auf Augenhöhe mit den Weltmächten hatte Deutschland den Krieg vollständig verloren. Zur Beantwortung der Frage, um was es in diesem dreißigjährigen Krieg gegangen sei, ist denn auch der Blick auf die Maßnahmen erhellend, die bei seinem Ende getroffen wurden. 1648 hatte der Krieg in allgemeiner Ermattung und einem langwierigen Verhandlungsprozeß geendet, an dem alle Parteien beteiligt waren. 1945 gab es keine Verhandlungen zwischen den Kriegsgegnern, der Krieg endete auch nicht in Ermattung, sondern in der Vernichtung einer Kriegspartei, die bis zuletzt alle Widerstandsmöglichkeiten ausschöpfte.

Um alle Optionen auf ein deutsch geprägtes Mitteleuropa auch für die Zukunft auszuschließen, billigten die Sieger die Austreibung deutschen Lebens jenseits von Oder und Neisse, Erzgebirge und bayerischem Wald. Jüngere Forschungen haben gezeigt, daß die Modalitäten dabei sehr wohl auch von westlicher Seite auf eine zahlenmäßige Reduzierung der Ausgesiedelten abzielten, also eine bewußte Massentötung darstellten.

Um politischen Schwierigkeiten mit den Überlebenden aus dem Weg zu gehen, hatte das britische Außenministerium im Sommer 1944 ohnehin vorgeschlagen, die Ostdeutschen samt und sonders in Richtung Sibirien auszusiedeln, wo sie abseits der Weltpresse mit Zwangsarbeit zu beschäftigen wären. Die Sowjetunion lehnte ab.

Es folgten Dinge, die unter dem Stichwort »Umerziehung« auf eine weitere geistige Beeinflussung der Deutschen zielten, wozu insbesondere die Zuweisung einseitiger Verantwortung der Deutschen für jenen Krieg gehörte, der ihren Untergang gebracht hatte. Ergänzend kam die Vernichtung des hergebrachten und bis dahin für allgemein selbstverständlich erachteten Staatsnamens, wie es der US-Präsident im vorletzten Kriegsjahr angekündigt hatte. Dies geschah mit beachtlichem Erfolg, so daß »Deutschland im Jahr 1950« denkbar weit von den um 1900 skizzierten Aussichten entfernt stand und die Verwendung des Begriffs »Reich« auch im Jahr 2018 ein ungebrochen beachtliches Skandalisierungspotential mit sich bringt.

Der Kampf um die Unabhängigkeit, wie es im Bericht aus Washington von 1940 hieß, ging verloren – und eine mögliche Zukunft Deutschlands mit ihm. Unter den vielen Themen des Zweiten Dreißigjährigen Krieges läßt sich das wohl alles in allem als das Entscheidende einstufen. Der Herbst 1918 leitete vor 100 Jahren nur einen Waffenstillstand ein.


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