Migrationskrise, Pan-Europa, Rousseau

von Matthias Bennau
PDF der Druckfassung aus Sezession 86/Oktober 2018

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Als der unglück­li­che Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz auf dem SPD-Par­tei­tag Anfang Dezem­ber 2017 erklär­te, er wol­le die »Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa« bis zum Jahr 2025 rea­li­sie­ren, reg­te sich Wider­stand. Es war weni­ger die Idee selbst, son­dern die über­stürz­te Eile, mit der Schulz das neue poli­ti­sche Kon­strukt aus der Tau­fe heben woll­te, was die Kri­ti­ker der eta­blier­ten Par­tei­en auf den Plan rief.

Tat­säch­lich sind alle Alt­par­tei­en auf die EU und auf die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa als deren lang­fris­ti­ges Ziel ein­gen­or­det. Wer ver­ste­hen will, was es mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa auf sich haben könn­te, braucht ein theo­re­ti­sches Konzept.

Mit des­sen Hil­fe wird es mög­lich, (Teil-)Ziele und poli­ti­sche sowie sozia­le Pro­zes­se auf dem Weg zu ihrer Umset­zung zu ana­ly­sie­ren und Gegen­maß­nah­men zu ent­wi­ckeln. Es ist sinn­voll, den Prot­ago­nis­ten eines ver­ei­nig­ten Euro­pas ratio­na­les Han­deln zuzugestehen.

Mit Max Weber gehen wir davon aus, daß Men­schen auf­grund eines Sinns han­deln, den sie mit dem Ziel ihres Han­delns oder dem Akt des Han­delns selbst ver­bin­den. Ratio­nal ist ein Han­deln oder Den­ken dann, wenn es in der Wahl des Ziels oder der zu des­sen Errei­chung ein­ge­setz­ten Mit­tel »ver­nünf­tig« im Rah­men die­ses Sinns ist.

Es ist also nicht eine abso­lu­te Ratio­na­li­tät gemeint, wie sie in der Auf­klä­rung beschwo­ren wur­de, son­dern eine rela­ti­ve Ratio­na­li­tät, die abhän­gig von dem Sinn ist, mit dem sie ver­bun­den ist.

Pan­eu­ro­pa

Die Euro­päi­sche Uni­on ver­fügt über eine Ratio­na­li­tät, die ihr Sinn, Ziel und legi­ti­ma­to­ri­sche Exis­tenz­be­rech­ti­gung gibt. Sie gibt dem objek­ti­ven Pro­zeß, der auch als »euro­päi­sche Inte­gra­ti­on« bezeich­net wird, sei­ne Stoß­rich­tung, und von ihm wird nicht eher abge­las­sen, als bis das Ziel erreicht oder das gesam­te Vor­ha­ben in einer Wei­se geschei­tert ist, daß es nicht wie­der auf­ge­nom­men wer­den kann. Der Name die­ser Ratio­na­li­tät ist »Pan­eu­ro­pa«.

Die Pan­eu­ro­pa-Ratio­na­li­tät wur­de in den frü­hen 1920er-Jah­ren von dem öster­rei­chi­schen Phi­lo­so­phen und spä­te­ren Poli­ti­ker Richard Niko­laus Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi (1894–1972) in meh­re­ren Schrif­ten aus­for­mu­liert. Sie ent­stan­den in einer äußerst beweg­ten Zeit, in der die ver­schie­dens­ten Gesell­schafts­ent­wür­fe (repu­bli­ka­ni­sche Demo­kra­tie, Mon­ar­chie, Sozia­lis­mus und der frü­he Natio­nal­so­zia­lis­mus) gegen­ein­an­der antra­ten und um ihre Rea­li­sie­rung rangen.

Die Situa­ti­on war in den meis­ten euro­päi­schen Staa­ten ähn­lich: Die alten Herr­schafts­struk­tu­ren waren zerbrochen und die Gesell­schaf­ten waren gezwun­gen, neue Wege zu beschrei­ten. In die­sem Kli­ma der all­ge­mei­nen Unsi­cher­heit for­mu­lier­te Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi »Pan­eu­ro­pa» als Programm.

Hier­zu zählt zunächst das Buch Pan-Euro­pa, das erst­mals 1923 erschien und die (geo-)politische Kon­zep­ti­on in Form der »Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa« dar­stellt. In dem Auf­satz »Adel« (1920) ent­wi­ckelt er die Anthro­po­lo­gie die­ser zukünf­ti­gen Welt.

Der Auf­satz »Apo­lo­gie der Tech­nik« (1922) ent­wi­ckelt eine Geschichts­phi­lo­so­phie, deren zen­tra­le Begrif­fe »Tech­nik« und »Ethik« sind. Sie ste­hen in einem Span­nungs­ver­hält­nis zuein­an­der und bil­den die Triebkräfte der Geschich­te. Und in Pazi­fis­mus (1924) erar­bei­tet Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi den Frie­den als eine poli­tisch-phi­lo­so­phi­sche Ziel­stel­lung, die es mit Hil­fe »Pan­eu­ro­pas« oder der »Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa« zu rea­li­sie­ren gilt.

Die­se vier Schrif­ten bil­den die wesent­li­chen struk­tu­rel­len Ele­men­te der Pan­eu­ro­pa-Ratio­na­li­tät: (geo-)politische Kon­zep­ti­on, Anthro­po­lo­gie, Geschichts­phi­lo­so­phie und der dar­aus abge­lei­te­ten Zielstellung.

»Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Europa«

Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi beginnt gleich im Vor­wort von Pan-Euro­pa mit einer düs­te­ren Diagnose:

Wäh­rend die übri­ge Welt täg­lich vor­wärts­schrei­tet, geht es mit Euro­pa täg­lich bergab.

Für ihn sind es die poli­ti­sche Unei­nig­keit und Nicht-Ver­faßt­heit des euro­päi­schen Kon­ti­nents (er bezeich­net sie als »inter­na­tio­na­le Anar­chie«), die das eigent­li­che Pro­blem darstellen.

Auf­grund die­ser Anar­chie sei Euro­pa auf dem Wege in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Es habe im Lau­fe der letz­ten Jahr­zehn­te sei­ne wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Bedeu­tung ver­lo­ren. Die Lösung der »euro­päi­schen Fra­ge« kön­ne nur Pan­eu­ro­pa sein, der »poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Zusam­men­schluß aller Staa­ten von Polen bis Por­tu­gal zu einem Staa­ten­bund« (Pan-Euro­pa, S. 27).

Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi ver­spricht viel für Pan­eu­ro­pa. Für Euro­pa, also nach innen hin, sei es ein Garant für den Frie­den. In Hin­blick auf Ruß­land wäre es ein mili­tä­ri­scher Schutz vor der »rus­si­schen Inva­si­on«, zugleich ein wich­ti­ger Absatz­markt für die euro­päi­sche Wirtschaft.

In Hin­blick auf die USA und eine zukünf­ti­ge Pan­ame­ri­ka­ni­sche Uni­on wäre es ein welt­wirt­schaft­li­ches Gegen­ge­wicht und eine durch Soli­da­ri­tät ver­bun­de­ne Schwes­ter­uni­on durch bri­ti­sche Ver­mitt­lung. Das Stre­ben nach Pan­eu­ro­pa erscheint also mit dem Stre­ben nach Frie­den und Wohl­stand iden­tisch, wodurch es sei­ne Legi­ti­ma­ti­on erhält.

Eine Geg­ner­schaft zur pan­eu­ro­päi­schen Visi­on erscheint dadurch als ein Ver­bre­chen, die rück­sichts­lo­se Bekämp­fung sei­ner Geg­ner als ein Gebot. Die Anthro­po­lo­gie, die Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi in »Adel« ent­wi­ckelt, beginnt mit einer all­ge­mei­nen Ana­ly­se von Men­schen­ty­pen, die sich in den euro­päi­schen Gesell­schaf­ten fin­den lassen.

Hier­bei orga­ni­siert er die­se Typen anhand von Gegen­satz­paa­ren: Landmensch/Stadtmensch, kon­ser­va­tiv /fortschrittlich, Junker/Literat, Blutadel/Geistadel usw.

In einem wei­te­ren Schritt ver­sucht er eine bio­lo­gi­sche Erklä­rung für die­se Wesens­un­ter­schie­de zu fin­den: »Meist ist der Rus­ti­kal­mensch Inzucht­pro­dukt, der Urban­mensch Mischling.«

(»Adel«, S. 20)

Mit sei­nem star­ren bio­lo­gi­sier­ten Bina­ris­mus kommt er schließ­lich zu dem Ergebnis:

Inzucht stärkt den Cha­rak­ter, schwächt den Geist – Kreu­zung schwächt den Cha­rak­ter, stärkt den Geist. Wo Inzucht und Kreu­zung unter glück­li­chen Auspi­zi­en zusam­men­tref­fen, zeu­gen sie den höchs­ten Men­schen­ty­pus, der stärks­ten Cha­rak­ter mit schärfs­tem Geist ver­bin­det. Wo unter unglück­li­chen Auspi­zi­en Inzucht und Mischung sich begegnen,schaffen sie Dege­ne­ra­ti­ons­ty­pen mit schwa­chem Cha­rak­ter, stump­fem Geist.

(»Adel«, S. 22)

Auch die ent­schie­dens­ten Geg­ner der Idee mensch­li­cher Ras­sen soll­ten Cou­den­ho­ve-Kal­er­gis Gedan­ken­gang an die­ser Stel­le nicht als Spin­ne­rei oder aus­schließ­li­ches Pro­dukt sei­ner Zeit ver­wer­fen. Viel­mehr dient das Ras­sen­kon­zept ledig­lich dazu, über die Ver­schie­den­ar­tig­keit von Men­schen nach­zu­den­ken und sie zu erklären.

Daß es eine sol­che Ver­schie­den­ar­tig­keit gibt, ist eine der Arbeits­prä­mis­sen in Cou­den­ho­ve-Kal­er­gis Kon­zep­ti­on und muß allein zum Zweck der Ana­ly­se akzep­tiert wer­den. Ohne es wei­ter her­zu­lei­ten oder zu begrün­den, pro­phe­zeit Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi für die zukünf­ti­gen Men­schen folgendes:

Der Mensch der fer­nen Zukunft wird Misch­ling sein. Die heu­ti­gen Ras­sen und Kas­ten wer­den der zuneh­men­den Über­win­dung von Raum, Zeit und Vor­ur­teil zum Opfer fal­len. Die eura­sisch-negro­ide Zukunfts­ras­se, äußer­lich der alt­ägyp­ti­schen ähn­lich, wird die Viel­falt der Völ­ker durch eine Viel­falt der Per­sön­lich­kei­ten ersetzen.

(»Adel«, S. 22f., Her­vor­he­bung im Original).

Die­se Pas­sa­ge, die manch­mal auch als »Kal­er­gi-Plan« miß­ver­stan­den wird, ist in zwei­fa­cher Wei­se inter­es­sant. Zunächst ein­mal ist das gesam­te Kapi­tel »Inzucht – Kreu­zung« des Auf­sat­zes dar­auf aus­ge­legt, auf die »eura­sisch-negro­ide Zukunfts­ras­se« hinauszulaufen.

Den­noch, und dies ist der zwei­te Punkt, fehlt eine kau­sa­le Her­lei­tung und stich­hal­ti­ge Begrün­dung, war­um der zukünf­ti­ge Mensch Pan­eu­ro­pas und der Welt ein Misch­ling sein soll. Der Blick in die Geschich­te durch die ras­sen­theo­re­ti­sche Bril­le gibt kei­nen Anlaß, von einer Durch­mi­schung glo­ba­len Aus­ma­ßes auszugehen.

War­um unter­nimmt Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi also den unge­len­ken und fast schon stüm­per­haf­ten Ver­such, eine eurasischnegroide Misch­lings­ras­se der Zukunft zu begrün­den? Oder anders gefragt: Wel­che inne­re Not­wen­dig­keit und Logik sei­nes Ent­wurfs für Pan­eu­ro­pa zwingt ihn zu die­sem Schritt?

Auf­schluß hier­über kön­nen die Klas­si­ker der Staats­theo­rie geben.

Die Idee des Gesellschaftsvertrags

Die Idee eines hypo­the­ti­schen Gesell­schafts­ver­trags tauch­te gegen Ende des Mit­tel­al­ters auf, als sich die mit­tel­al­ter­li­che Sozi­al­ord­nung auf­zu­lö­sen begann und das Indi­vi­du­um als eine neu zu den­ken­de Gestalt die Büh­ne der Geschich­te betrat. Die Bezie­hun­gen zwi­schen Herr­scher, Gesell­schaft und Indi­vi­du­en muß­ten neu aus­ge­lo­tet werden.

Es ent­stan­den zahl­rei­che staats­theo­re­ti­sche Schrif­ten, die sich die­ser Auf­ga­be annah­men. Schon die ers­ten spät­mit­tel­al­ter­li­chen Über­le­gun­gen zum Gesell­schafts­ver­trag gehen davon aus, daß dem Herr­scher die Macht nur per (hypo­the­ti­schem) Ver­trag durch das Volk über­tra­gen wor­den sei.

Die Fra­ge, wie das Volk als eine Gesamt­heit agie­ren soll­te und wie aus der Unmen­ge an ein­zel­nen Indi­vi­du­en ein zusam­men­ge­hö­ri­ges Volk wer­den konn­te, wur­de erst von den Staats­theo­re­ti­kern der Frü­hen Neu­zeit auf­ge­grif­fen. Es ist der fran­zö­sisch­stäm­mi­ge Jean-Jac­ques Rous­se­au (1712–1778) aus Genf, der mit sei­nem 1762 erst­mals erschie­nen Werk Du Cont­rat social (Vom Gesell­schafts­ver­trag) die Idee des Gesell­schafts­ver­trags zu einem Ende führte.

Er ent­wi­ckelt in die­sem Werk die Idee des Gesell­schafts­ver­trags wei­ter zu einer Theo­rie legi­ti­mer bür­ger­li­cher Herr­schaft auf frei­heit­li­cher und demo­kra­ti­scher Grund­la­ge. Das Werk wur­de auf­grund sei­ner Auf­ga­ben­stel­lung auch zu einem Schlüs­sel­werk der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, da es in gewis­ser Wei­se deren theo­re­ti­sche Fun­die­rung lieferte.

Der Gesell­schafts­ver­trag steht in Rous­se­aus Argu­men­ta­ti­on am Anfang, der wir hier aber nicht voll­stän­dig zu fol­gen brau­chen. Denn wich­tig ist für unse­re Argu­men­ta­ti­on ledig­lich der inte­gra­ti­ve Cha­rak­ter des Gesell­schafts­ver­tra­ges: Er schweißt aus einer Mas­se an frei­en Indi­vi­du­en, die sich vor­mals im unge­ord­ne­ten Natur­zu­stand befan­den, eine Gesamt­kör­per­schaft zusam­men, in der die Indi­vi­du­en wei­ter­hin frei sind.

Sobald ein Volk einem ande­ren Staat oder einer ande­ren poli­ti­schen Kör­per­schaft die Gefolg­schaft ver­spricht, sich unter­wirft, ver­liert es sei­ne eige­ne Sou­ve­rä­ni­tät und hört damit in gewis­ser Wei­se auf, als Volk zu exis­tie­ren, da es kei­nen Gemein­wil­len mehr besitzt, der es zu einer Ein­heit zusammenschließt.

Der Gemein­wil­le ist in sei­ner rudi­men­tärs­ten Form das Inter­es­se am (Fort-)Bestehen die­ser Ein­heit aus Volk und Staat. Solange es den Gemein­wil­len gibt, ist eine Fremd­herr­schaft nur gegen dessen Wider­stand mög­lich. Hier wird deut­lich, wel­che kon­zep­tio­nel­le Bedeu­tung der eurasischnegroiden Zukunfts­ras­se bei Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi zukommt.

Sie ist die Vor­aus­set­zung dafür, daß Pan­eu­ro­pa als poli­ti­sches Kon­strukt sta­bil sein kann, denn es ist davon abhän­gig, daß sei­ne Bewoh­ner kei­ne unter­schied­li­chen Geschich­ten und Iden­ti­tä­ten haben, auf­grund derer sie eige­ne Inter­es­sen ent­wi­ckeln könnten.

Die Idee der Selbst­be­stim­mung oder gar die For­de­rung nach Sezes­si­on wären die Fol­gen einer nicht-homo­ge­nen Bevöl­ke­rung, was lang­fris­tig zu einem Zer­fall eines sol­chen poli­ti­schen Gebil­des füh­ren würde:

Solan­ge sich meh­re­re Men­schen ver­eint als eine ein­zi­ge Kör­per­schaft betrach­ten, haben sie nur einen ein­zi­gen Wil­len, der sich auf die gemein­sa­me Erhal­tung und auf das all­ge­mei­ne Wohl­erge­hen bezieht.

(Rous­se­au, IV,1)

Was Rous­se­au hier schreibt gilt sowohl für Natio­nal­staa­ten als auch für Pan­eu­ro­pa als euro­päi­scher Nati­on, wie sie Cou­den­ho­ve-Kal­er­gi im Sinn hat. Der jewei­li­ge Gemein­wil­le der ver­schie­de­nen euro­päi­schen Völ­ker, der sich aus ihrer Iden­ti­tät speist und in sei­ner rudi­men­tärs­ten Form das Inter­es­se an der eige­nen Exis­tenz ist, steht der Errich­tung eines sta­bi­len Pan­eu­ro­pas entgegen.

Sobald die­se Ver­ei­ni­gung den Inter­es­sen der Völ­ker wider­spricht, wür­den sie aus ihr aus­tre­ten wol­len. Folg­lich muß den Völ­kern die Fähig­keit zur Aus­bil­dung eige­ner Inter­es­sen genom­men wer­den, indem sie nivel­liert wer­den. Die eura­sisch-negro­ide Zukunfts­ras­se ist dann das Ergeb­nis des Nivellierungsprozesses.

Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus als Ratio­na­li­tät und als Politik 

Die­ser Nivel­lie­rungs­pro­zeß ist eben­so­we­nig ein Schick­sal wie die Auf­lö­sung der Natio­nal­staa­ten unter die Idee Pan­eu­ro­pas, son­dern poli­tisch gewollt und gelenkt. Er besitzt ledig­lich einen sehr viel grö­ße­ren zeit­li­chen Pla­nungs­ho­ri­zont als das, womit es Berufs­po­li­ti­ker für gewöhn­lich zu tun haben.

Damit sie aber den­noch die­sen Pro­zeß poli­tisch in Gang set­zen und am Leben erhal­ten, müs­sen sie mit einer eige­nen Ratio­na­li­tät mit kür­ze­rem Pla­nungs­ho­ri­zont ver­sorgt wer­den. Es wur­den im Lau­fe der letz­ten Jah­re eine gan­ze Rei­he ver­schie­dens­ter Ratio­na­li­tä­ten ein­ge­führt, deren Zweck ein­zig die objek­ti­ve Beför­de­rung des Nivel­lie­rungs­pro­zes­ses ist: die Argu­men­ta­tio­nen um den Fach­kräf­te­man­gel, die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung, das Ren­ten­sys­tem, huma­ni­tä­re Ver­pflich­tung und Soli­da­ri­tät oder auch das poli­ti­sche Pro­gramm der Ver­ein­ten Natio­nen zur »repla­ce­ment migration«.

Je nach­dem für wel­chen Arbeits­be­reich und für wel­chen zeit­li­chen Pla­nungs­ho­ri­zont ein poli­ti­scher Akteur zustän­dig oder emp­fäng­lich ist, kann er sei­nem Han­deln über eine der Ratio­na­li­tä­ten einen Sinn geben. Weil sie ein­zig ihrer Ratio­na­li­tät ver­pflich­tet sind, ver­ste­hen sie in der Regel nicht den objek­ti­ven Sinn ihres Han­delns und wür­den ihn, kon­fron­tier­te man sie mit ihm, die­sen empört zurück­wei­sen. (Sol­che Akteu­re bezeich­net man gemein­hin als »nütz­li­che Idioten«.)

Eine der wirk­mäch­tigs­ten Ratio­na­li­tä­ten hier­zu ist der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus. Er ist der Ratio­na­li­tät der »Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa« unter­ge­ord­net, denn er ist nur ein Werk­zeug. Sei­ne Funk­ti­on scheint min­des­tens eine zwei­fa­che zu sein. Ers­tens gibt er den Akteu­ren eine Ziel­vor­ga­be, die von ihnen als erstre­bens­wert ange­se­hen wird und ihr Han­deln mit einem Sinn versieht.

Kon­flik­te und sozia­le Ver­wer­fun­gen, die sich unwei­ger­lich aus einer mul­ti­kul­tu­ra­lis­ti­schen Poli­tik erge­ben, wer­den auf der Grund­la­ge einer Gesin­nungs­ethik aus­ge­blen­det oder klein­ge­re­det. Eine häu­fig zu beob­ach­ten­de rhe­to­ri­sche Tak­tik der Gesin­nungs­ethi­ker ist, Kri­tik nicht auf­grund all­ge­mei­ner Über­le­gun­gen zuzu­las­sen, son­dern nur auf­grund per­sön­li­cher nega­ti­ver Erfahrungen.

Dadurch ist es mög­lich, die Kri­tik psy­cho­lo­gi­sie­rend auf die­se nega­ti­ve Erfah­rung zu redu­zie­ren und von der eigent­lich berech­tig­ten Kri­tik an der Sache abzu­len­ken. Nur eine sol­che Kri­tik wird als legi­tim aner­kannt, wird aber als nich­tig ange­se­hen, weil sie »psy­cho­lo­gisch moti­viert« ist.

Sys­te­mi­sche Pro­ble­me wer­den mit die­ser Ablen­kungs­tak­tik gezielt aus dem Dis­kurs her­aus­ge­hal­ten. Das ist fatal. Denn was die Anhän­ger des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus durch die Scheu­klap­pen ihrer Ratio­na­li­tät nicht erken­nen, ist, daß die viel­fäl­ti­ge Gesell­schaft nie­mals ent­ste­hen wird.

Eine mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft kann kein Ziel eines guten Regie­rens sein, denn sie ist eine Gesell­schaft unter Span­nung und kann daher lang­fris­tig nicht sta­bil sein. Frei­lich ist es mög­lich, die­se Span­nun­gen im Rah­men staat­li­cher Poli­tik bis zu einem gewis­sen Gra­de und über einen gewis­sen Zeit­raum auszugleichen.

Jedoch liegt es im Sin­ne einer Öko­no­mie des Poli­ti­schen im Inter­es­se eines Staa­tes, die hier­für zu leis­ten­den öko­no­mi­schen, poli­ti­schen, sym­bo­li­schen und sozia­len Kos­ten so nied­rig wie mög­lich zu hal­ten. Eine dau­er­haf­te Ein­rich­tung eines mul­ti­kul­tu­rel­len Staa­tes ist des­halb nicht in sei­nem Interesse.

Soll­te ein Staat den­noch Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät anstre­ben, so ist nach der zugrun­de­lie­gen­den Ratio­na­li­tät und Logik zu fra­gen. Eine bun­te Viel­falts­ge­sell­schaft kann nur ein vor­über­ge­hen­der Zustand, ein Über­gangs­sta­di­um sein, weil sie durch kei­nen Gemein­wil­len (volon­té géné­ra­le) im Sin­ne Rous­se­aus zusam­men­ge­hal­ten wird.

Es fehlt das Inter­es­se ein (Volks-)Körper, eine Ein­heit zu sein oder bes­ser: es gibt zu vie­le Inter­es­sen zu vie­ler Eth­ni­en neben­ein­an­der, die dar­um kon­kur­rie­ren, die bestim­men­de zu sein. Und selbst wenn es kei­ne Kon­kur­renz der Eth­ni­en um Domi­nanz gäbe, gäbe es Kon­flik­te auf­grund kul­tu­rel­ler Miß­ver­ständ­nis­se und zivi­li­sa­to­ri­scher Unterschiede.

So offen­bart sich das stra­te­gi­sche Wesen des Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus, denn sein objek­ti­ver Effekt ist eine Gesell­schaft unter Span­nung, die umso stär­ker aus­fällt, je mul­ti­kul­tu­rel­ler sie ist. Eine gezähm­te Welt wie die west­eu­ro­päi­sche, in der die Affek­te kon­trol­liert und Frus­tra­tio­nen ertra­gen wer­den, ist auf zivi­li­sier­te Men­schen ausgerichtet.

Die Aus­sicht auf Stra­fe ist viel­fach Anreiz genug, nicht delin­quent zu wer­den. Dem­entspre­chend zahm ist auch das euro­päi­sche Straf­sys­tem mit Frei­heits­stra­fen und Reso­zia­li­sie­rung aus­ge­rich­tet. Unzi­vi­li­sier­te Men­schen, die ihre Affek­te nicht kon­trol­lie­ren und ihre Bedürf­nis­se unmit­tel­bar befrie­di­gen müs­sen, sind in einer zivi­li­sier­ten Gesell­schaft eine Quel­le viel­fäl­ti­ger Kon­flik­te: Sexu­el­ler Lust wird unmit­tel­bar nach­ge­gan­gen, Frus­tra­ti­on ent­lädt sich schnell und unmit­tel­bar in Gewalt, klei­ne Aus­ein­an­der­set­zun­gen um Nich­tig­kei­ten eska­lie­ren inner­halb weni­ger Augen­bli­cke, nar­ziß­ti­sche Krän­kun­gen erwar­ten eine blu­ti­ge Ant­wort undsoweiter.

Der fleisch­ge­wor­de­ne Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus baut lang­sam ein immer grö­ßer wer­den­des Kon­flikt­po­ten­ti­al auf, das immer schwie­ri­ger zu kon­trol­lie­ren sein wird. Der Staat muß immer tota­li­tä­rer wer­den, immer mehr Ener­gie auf­wen­den, um die Kon­trol­le nicht zu verlieren.

Bis schließ­lich ein Punkt erreicht ist, an dem kei­ne Kon­trol­le mehr mög­lich ist, der Staat zer­bricht und sich das gesam­te auf­ge­bau­te Kon­flikt­po­ten­ti­al ent­lädt. Rous­se­au ging davon aus, daß der Gemein­wil­le grund­sätz­lich nicht zer­stört, aber durch ande­re Inter­es­sen über­la­gert wer­den könne.

Sei­ne knap­pen Über­le­gun­gen zum ver­stumm­ten Gemein­wil­len bezie­hen sich auf demo­kra­ti­sche Abstim­mun­gen. Die Fra­ge, um die es hier aller­dings geht, und für die ich eine posi­ti­ve Ant­wort anneh­me, lautet:

Kön­nen die Mit­glie­der eines Vol­kes so weit indi­vi­dua­li­siert wer­den, so weit von der Iden­ti­fi­zie­rung ihrer selbst mit dem Volk ent­fernt wer­den, daß sie in der Mehr­zahl nicht mehr in der Lage sind, die­sen Gemein­wil­len in sich wahr­zu­neh­men oder gar dage­gen ankämpfen?

In die­ser Wei­se wird der Gesell­schafts­ver­trag gesprengt und ein Äqui­va­lent des Natur­zu­stands geschaf­fen in dem Sin­ne, wie er von Tho­mas Hob­bes als ein »Krieg aller gegen alle« beschrie­ben wur­de. Das objek­ti­ve End­ergeb­nis einer kon­se­quent ver­folg­ten mul­ti­kul­tu­rel­len Poli­tik wird kei­ne Viel­falt sein, son­dern eine Einheit.

Ent­we­der gelingt es der Gesell­schaft, wenn sie erkennt, daß der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus Aus­druck eines schlech­ten Regie­rens ist, die Span­nung zu über­win­den, indem sie die Ursa­chen die­ser Span­nung wie­der aus ihrer Mit­te ent­fernt. Dies muß kein gewalt­tä­ti­ger Vor­gang sein.

Er kann geord­net und fried­lich von­stat­ten gehen, wenn der poli­ti­sche Wil­le dem­entspre­chend ist. Oder aber die Gesell­schaft zer­fällt und hört auf, eine Gesell­schaft zu sein. Auf den Trüm­mern der alten Völ­ker wird durch Gewalt eine neue homo­ge­ne Mas­se geformt, die Zivi­li­sa­ti­on und Kul­tur nicht kennt und nichts mehr mit dem gemein­sam hat, wor­aus sie entstand.

Sie wird dann schließ­lich in einem poli­ti­schen Akt zu Pan­eu­ro­pa ver­eint, das poli­tisch sta­bil sein wird, weil es kei­ne ver­schie­de­nen Iden­ti­tä­ten und Inter­es­sen mehr gibt.

Schluß

Solan­ge der poli­tisch-ideo­lo­gi­sche Flucht­punkt der EU die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa und Pan­eu­ro­pa ist, erweist sie sich als Feind der euro­päi­schen Völ­ker, und zwar nicht nur als ein Feind in poli­ti­scher Hin­sicht, der ihnen die müh­sam und nicht sel­ten blu­tig erkämpf­te Sou­ve­rä­ni­tät in betrü­ge­ri­scher Wei­se wie­der ent­wen­den und ihnen dau­er­haft ver­sa­gen möchte.

Viel­mehr ist die EU auch in exis­ten­ti­el­ler Hin­sicht der Feind der euro­päi­schen Völ­ker, da sie in ihrer Zukunfts­vi­si­on schlicht nicht mehr vor­kom­men, weil sie durch Ver­mi­schung zu einer »eura­sisch-negro­iden Mischras­se« gewor­den sind. Eine nach­hal­ti­ge Lösung der »Migra­ti­ons­kri­se«, die zum Woh­le der Völ­ker in Euro­pa ist und ihre Kul­tur­na­tio­nen erhält, wird man des­halb von der EU nicht erwar­ten können.

Aus Sicht derer, die die lang­fris­ti­ge Ent­wick­lung der EU im Blick haben, besitzt sie näm­lich weni­ger den Cha­rak­ter einer Kri­se als den einer Chan­ce – der Chan­ce auf einen gro­ßen Um- und Neu­bau auf den Trüm­mern der euro­päi­schen Zivi­li­sa­ti­on und ihren natio­nal ver­faß­ten Völkern.

 Gastbeitrag

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