12. März 2020

Wonach Leser fragen (3)

Gastbeitrag / 28 Kommentare

von Sigrid Wirzinger -- Götz Kubitschek sprach auf der letzten Akademie über eine mögliche  „neue Innere Emigration“ in der deutschen Literatur.

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  • Sezession

Damit sind Werke gemeint, die von ihren Autoren "zwischen den Zeilen" verfaßt worden sind, also aus einer Art geistigem Exil heraus für die Leser, die noch ausharren.

So weit ist es aber noch nicht. Aus diesem Grund ist die neue Buchreihe EXIL eine Warnung und noch keine Zustandsbeschreibung: EXIL wird von Susanne Dagen vom Buchhaus Loschwitz herausgegeben – die erste Dreierstaffel ist nun verfügbar und sorgt bereits für Gerumpel im Feuilleton. Wir haben da

  1. Krumme Gestalten, vom Wind gebissen - gesammelte Essays von Monika Maron (17 € 112 Seiten, hier bestellen), darunter der grandiose Essay »Unser galliges Gelächter«, den Kubitschek zum Aufhänger seines neuen "Inneren Emigration" machte;
  2. An der Allerweltsecke - vier starke, sprachschöne Essays des Lyrikers Jörg Bernig (19 €, 160 Seiten, hier bestellen), und
  3. Das Atelier von Uwe Tellkamp, das momentan für viel Arbeit im Feuilleton sorgt – in allen Redaktionsstuben der großen Zeitungen sitzen die Kritiker und durchstöbern das Bändchen nach skandalträchtigen Sätzen. Gibt es sie? Selber lesen! (17 €, 112 Seiten, hier bestellen)

Die erste  Staffel der Reihe Exil gibt es auch zum Vorzugspreis von 49 € (in Einzelbänden wären das 53 €) – bestellen Sie hier.

-- -- --

Oskar Roehler, als Regisseur 2018 in die Kritik geraten, weil er den  Roman HERRliche Zeiten von Thor Kunkel verfilmte und sich in diesem Zusammenhang selber als » eher rechts« bezeichnete, arbeitet als Schriftsteller sein eigenes Leben auf. So war es in Herkunft (der Geschichte seiner Eltern) und so ist es in Der Mangel, der Geschichte einer  Kindheit.

Es ist aber eigentlich nicht nur seine Kindheit, sondern die Geschichte einer ganzen Generation: den Kindern der armen, mühsam ins neue Leben findenden Vertriebenen in den 60er Jahren. Ein Teil der Kinder, die Roehler in einer schlecht geplanten Neubausiedlung im östlichen Franken aufwachsen läßt, wird zu verweichlichten, überangepaßten Bürgern, ein anderer Teil wird zu Künstlern und Rebellen. Letztlich scheitern sie alle an der BRD.

Der Mangel, gebunden, 170 Seiten, 23 €,  hier bestellen.

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Und pünktlich zu Ostern: Der Buchdienst  Junge Freiheit reduziert bis zum 31. März einen Großteil  ihrer Bücher, und so lassen sich aus dem Sortiment der Wochenzeitung für Debatte einige Schnäppchen machen:

+Weißmann:  Deutsche Geschichte für Junge Leser, 19,80 € statt 29,80€ – hier bestellen
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  • Sezession

Kommentare (28)

MARCEL

12. März 2020 18:57

Es war gut und wichtig, dass zuletzt Empfehlungen im Zuge der anhebenden Corona-Krise versendet worden sind. Diese größte Krise seit 1945, die einen Rattenschwanz an Folge-Krisen (ach was, Erschütterungen) nach sich ziehen wird, sollte von der gesamten Neuen Rechten thematisiert werden. Da die Regierung nur noch (sozialdarwinistisch angehauchten) Fatalismus verbreitet und sich das Volk im Stich gelassen fühlt, muss die Neue Rechte jetzt umso kämpferischer an seiner Seite stehen - sonst droht Bedeutungslosigkeit.

Maiordomus

12. März 2020 20:34

Von Interesse, wie hier Bücher vorgestellt werden, zum Beispiel von Monika Maron und Uwe Tellkamp, die ich vor zehn oder zwanzig Jahren nicht in dieser Aussenseiterposition vermutet hätte. Zumal die Dame war für mich, als ich ihre Bücher und Aufsätze erstmals zur Kenntnis nahm, fast mit jedem Satz ein Lesegenuss. Zum Thema "innere Emigration", ein von mir aus unglücklicher Ausdruck, zumal nicht für authentische qualifizierte geistige Opposition passend, wurde im 1. Teil von Sigrid Wirzingers Aufsatz im Zusammenhang mit dem heftig diskutierten Ernst Jünger (er war erstaunlicherweise sogar bei SiN umstritten!) darauf verwiesen, dass sich die gewichtigsten und bedeutendsten Autoren im 3. Reich mit eigenständiger und unabhängiger Linie sich selber nicht als Repräsentanten einer inneren Emigration verstanden haben.

Zu denken gibt mir nun aber, dass einer der drei letztes Mal angekündigten Referenten zum 28. März, deren Auftrittslokal nicht genannt werden darf, nun offiziell vom Präsidenten des Verfassungsschutzes als "rechtsextrem" bezeichnet wird. Wirklich keine Kleinigkeit! Dies wird mutmasslich über das Corona-Risiko hinausgehende Auswirkungen auf die Veranstaltung haben, weil sich nun unter Umständen V-Männer nicht nur anmelden werden, sondern wohl sogar zur Teilnahme verpflichtet sind.. Die Frage ist, ob man unter diesen Bedingungen eine Veranstaltung, die auf das freie Wort unbedingt angewiesen wäre, noch durchführen kann? Zu den äusseren Hindernissen kommen jetzt gewissermassen innere dazu.

Las dieser Tage eine bedeutende Rede von Kurt Schumacher im Deutschen Bundestag von 1932, seine am stärksten polemische Rede gegen Goebbels aber auch gegen einen der Strasser-Brüder: Die "nationalsozialistische Propaganda" sei ein fortwährender "Appell an den inneren Schweinehund". Schumachers Invektive löste im Parlament dann einen grossen Tumult aus. Es bleibt aber dabei, dass Schumacher vielleicht nicht gerade gegen jeden Protagonisten, aber doch über sehr weite Strecken mit dieser damals durchaus mutigen Aussage recht behielt. Jedenfalls konnte er damit vor dem Gericht der Geschichte bestehen. Ob dies aber für den neuen, anstelle des weggeputschten Verfassungsschutzpräsidenten ins Amt gebrachten obersten Repräsentanten der bundesdeutschen Staatssicherheit mit seinem Urteil über Höcke und Kalbitz ebenfalls zutrifft? Dies scheint mir mehr als nur fraglich: Beispielsweise kann ich in Höckes polemisch formulierter Ablehnung des nun mal ehrlich bei wohl Millionen von Deutschen umstrittenen "Denkmals der Schande" den "inneren Schweinehund" nicht a priori erkennen, so wie ich etwa Christentumsgegnern ihren Widerwillen gegen das Kreuz, nach Goethe "ein Bild der Unversöhnlichkeit", nicht automatisch ihrem jeweiligen "inneren Schweinehund" anlasten mag. Ich glaube aber generell nicht, dass man gegen eine solche offizielle Einschätzung durch einen extra für den "Kampf gegen rechts" installierten Verfassungsschutz mit Argumenten ankommt. Das Einzige, was sich die so zum "Staatsfeind Goldstein" (Orwell) Erhobenen vielleicht selber vor jeder politischen Rede fragen wollen: Appelliere ich in meinen politischen Reden wirklich permanent an den inneren Schweinehund? Oder habe ich mich aus anderen Gründen vor dem Verfassungsschutz unmöglich gemacht? Selber kenne ich die Reden der besagten Politiker nicht ausführlich genug, um ein Urteil fällen zu können. Das Wichtigste ist, dass man selber sich von einer solchen Einstellung frei hält. In diesem Sinn fand ich das Votum von Martin Sellner, der sich am 12. März mit einem wirklichen Extremisten befasste und diesen zitierte (wohl doch eher kein V-Mann), als eines seiner besten und ernsthaftesten in letzter Zeit. Dabei sollte man trotzdem vermehrt darauf verzichten, sich ständig und exklusiv als "Patrioten" zu betiteln, wie es zum Beispiel mein Landsmann Bearth bis zum Überdruss zu tun pflegt. Für ihn und noch für andere wäre es fürwahr mehr angebracht, sich jeweils im eigenen Land für die Verteidigung der Grundrechte zu verwenden als das Abendland an der griechisch-türkischen Grenze retten zu wollen. Dazu ist Selbsthilfe von des Rechtsextremismus Verdächtigten nicht geeignet, zumal dann nicht, wenn man z.B. durch Wikipedia bereits mit diesem Brandmal der Zivilgesellschaft ausgestattet ist. Die entsprechende Klassierung nun auch der beiden AfD-Parteiführer ist in Echtzeit zum Wikipedia-Eintrag der beiden weitergeleitet worden, damit jeder, der sich nach diesen Personen erkundigt, "weiss, mit wem er es zu tun hat".

Maiordomus

12. März 2020 21:50

PS. Kurt Schumachers Rede gegen Goebbels u. Georg Strasser fand natürlich im alten Reichstag statt, nicht im Bundestag, und zwar am 23. Februar 1932:

"Das deutsche Volk wird Jahrzehnte brauchen, um wieder moralisch und intellektuell von den Wunden zu gesunden, die ihm diese Art Agitation geschlagen hat. (…) Die ganze nationalsozialistische Agitation ist ein dauernder Appell an den inneren Schweinehund im Menschen.* (Lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten - Grosse Erregung bei den Nationalsozialisten. Glocke des Präsidenten.)

Damals wurde übrigens frei gesprochen, so wie gemäss der Geschäftsordnung des deutschen Bundestages § 37, verabschiedet 1951, heute § 33 der Geschäftsordnung:
"Die Redner sprechen grundsätzlich im freien Vortrag. Sie können hierbei Aufzeichnungen benützen."

Zit. aus: Schloeman, Johan: Die Kunst der freien Rede von Cicero bis Barack Obama, München 2019, S. 217.

Franz Bettinger

13. März 2020 00:35

@Maiordomus formuliert hier glasklar: „Der neue - anstelle des weggeputschten - Verfassungsschutz-Präsident …“ und auch schön: "Ich glaube nicht, dass man gegen einen extra für den 'Kampf gegen Rechts' installierten Verfassungs-Schutz mit Argumenten ankommt.“ So ist es. Andererseits halte ich es für falsch, aus Kontakt-Angst (oder der Angst vor Ansteckung - denn das ist vom perfiden VS intendiert) die mit dem Orwellismus "extrem" inkriminierten Personen (und Veranstaltungen, auf denen sie auftreten) per se zu meiden.

Laurenz

13. März 2020 02:14

@Maiordomus .... verstehe diesmal Ihren Beitrag nicht. Hier geht es doch um Empfindungen. Und wenn in Schnellroda dieses oder jenes so empfunden wird, ist dies weniger eine intellektuelle Einschätzung, sondern galliges Gelächter eine Empfindung, die sie gerne anders fühlen können.
Ich denke bezüglich @MARCELs Virus gar nichts. Die Nummer ist sicher nicht lustig, auf der anderen Seite die gehypten Zahlen lächerlich, die Maßnahmen eigenartig. Der "Kampf gegen Rechts" steigt ebenso in lächerliche Sphären, man glaubt gar, der Führer sei wiederauferstanden und die Leibstandarte stünde sturmbereit vor dem Reichstag und die Macht-Übernahme imaginärer Faschisten stünde kurz bevor. Sonst versucht jeder die eigene Peinlichkeit, angesichts des Großangriffs auf griechische Staatsgrenzen zu vertuschen und der Lächerlichkeit einer Nato-Armee in Syrien zu ignorieren. Wenn Achgut die originale Trump-Rede übersetzt postet, wird der Relotius gezwungen, das Trumps Rede-Video zu posten, ein Absturz ins Absurde. Von politischen Inhalten hat man sich sonst verabschiedet und sonst nichts besseres zu beschließen, als die GEZ-Gebühren zu erhöhen, ein bloßer Akt des politischen Masochismus. Wir sind quasi führungslos. Was interessieren da noch Schumacher oder Goebbels? Es ist unwirklicher Zeitgeist unterwegs....

Maiordomus

13. März 2020 08:51

@An hier mitlesende Verfassungsschützer:

Es geht darum, dass Sie Ihre Vorgesetzten besser begreifen lernen. Ausserdem sollten Sie, wenn Sie sich denn schon um Herrn Kalbitz kümmern müssen, mit dessen "metapolitischem" Umfeld näher befassen. Deswegen empfehle ich Ihnen die Lektüre von SiN, zum Beispiel die hier vor 14 Tagen geführte Ernst-Jünger-Debatte im Rahmen der Beiträge von Frau Wirzinger und anderen.

Mäglicherweise werden bei Ihnen die Alarmglocken schrillen, dass bei einer oberen Wortmeldung die als Extremismusmerkmal zuvorderst ins Feld geführte polemische Ablehnung des Berliner Holocaust-Denkmals mit der historischen religionskritischen Debatte um das Ärgernis des Kreuzes verglichen wird. Dabei ging es mir aber nur um ein besseres Verständnis Ihrer Vorgesetzen und entsprechend also auch Ihres Auftrages.

Falls Sie nicht nur um Lohn arbeiten, sondern aus Überzeugung, verteidigen sie Grundwerte. Darunter einen, welcher im Grundgesetz nicht ausdrücklich genannt ist: nämlich "das Heilige". Es ist einer der vier Grundwerte nach Max Scheler nebst dem Guten, Wahren und Schönen, vgl. noch das Zentrum für politische Schönheit. Das Heilige, ein streng genommen nicht direkt verfassungsmässiger Grundwert, hat jedoch die Eigenschaft, dass er als "unantastbar" gilt, eine absolute Grenze setzt, so wie "Sankt" mit "Sanktionen" zu tun hat. Es geht mithin um die Grenze der Toleranz. Dieselbe endet meist dort, wo die wahren Meinungsverschiedenheiten beginnen.

Das Grundgesetz setzt im Zusammenhang mit der Menschenwürde das Prädikat unantastbar, welches Wort seit 1949 Grundgesetzbestandteil ist. Von daher scheint es mir erklärbar, dass heute im Zusammenhang mit "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" Verfassungsfeinde ausgemacht werden. Noch bemerkenswert, dass bei einer öffentlichrechtlich anerkannten Religionsgemeinschaft derzeit davon die Rede ist, eine Kirchenratswahl wiederholen zu lassen, weil versehentlich ein Mitglied der AfD gewählt wurde. Hier werden exemplarisch die vom Naturrecht und vom göttlichen Recht gegebenen Grenzen eines rein populistisch verstandenen Demokratieprinzips sichtbar.

Das "Unantastbare" kann in diesem Sinn mit dem Heiligen gleichgesetzt werden. Früher waren dies religiöse Werte im engeren Sinn. so wie für Muslime noch heute das Bild des heiligen Propheten "unantastbar" ist, also auch zur Karikatur nicht zugelassen. Lange galt dies auch für Gotteslästerung und Verhöhnung des Heiligen im christlichen Kontext. Doch ist unterdessen z.B. ein gekreuzigtes Schwein, siehe das Motiv etwa bei Herbert Achternbusch oder noch bei anderen "Kunstwerken" nicht zum Verfassungsfall geworden. Selbst auch in der Schweiz war es möglich, dass etwa schon 1986 ein Patientengedicht (der Autor aus der Drogenszene hat sich nicht durchgesetzt) mit folgendem Anfang mit einem staatlichen Literaturpreis versehen wurde: "Jesus Christus war kein Heiliger, sondern ein dreckiger kleiner Bösewicht, der kleinen Mädchen in den Arsch fickte." Die Auszeichnung, natürlich in einem katholischen Kanton, erfolgte nicht als Anerkennung von unbestrittenermassen nicht vorhandener Qualität eines krass Unbegabten, sondern sollte die absolute Freiheit der Kunst demonstrieren und was wohl noch wichtiger war, das Prinzip der Säkularisierung demonstrativ absolut setzen. Womit aber nicht schon der Grundwert des Heiligen ausser Kraft gesetzt wurde. Hätte man nämlich für das kleine Mädchen die Chiffre "Anne Frank" eingesetzt, schliesse ich aus, dass die Jury-Präsidentin, damals auch Vorsitzende der Gesellschaft Schweiz - DDR, eine Auszeichnung zugelassen hätte: Weil damit das Andenken eines Holocaust-Opfers geschändet worden wäre. Im Zusammenhang mit diesen Opfern ist festzuhalten: der unbedingte Schutz ihres Andenkens gilt nicht lediglich dem Grundwert des Wahren, welcher bei Geschichtsschreibung vielfach in der Regel ohne Sanktionen verletzt wird, sondern dem Heiligen; der Ehrfurcht vor den Opfern. So wie früher der Kreuzestod von Jesus Christus das absolut Ehrfurcht erheischende Ereignis in der Geschichte der Christenheit war.

Wenn nun aber in Deutschland massgebliche Politiker, wie zum Beispiel der frühere Justizminister und jetzige Aussenminister Maas, wegen "Auschwitz" in die Politik gegangen sind; dasselbe Motiv auch der aus der Ideoloige der Gründen einzig legitimierende Kriegsgrund im Jugoslawienkrieg war, so dürfen Sie sehen, dass sowohl der nun vom Verfassungsschutz zur Verfolgung durch die Zivilgesellschaft freigegebene Björn Höcke wie auch der politische Gefangene Horst Mahler aus konsequent zivilreligiösen Gründen öffentlich denunziert sind. Wobei jedoch die konkreten "Anklagepunkte" bei den beiden nicht zu verwechseln sind mit Ausnahme des nicht satisfaktionsfähigen Gesinnungsverbrechens, bei Orwell "Verbrechdenk" genannt. Weswegen etwa bei Herrn Höcke eine verabscheuungswürdige zivilreligiöse Einstellung in fast allen öffentlichen Charakteristiken als erstes Argument für seinen politischen Extremismus aufscheint.

Es schent mir schwerlich zu bestreiten, dass das genannte Denkmal in Berlin eine ähnliche Funktion hatte wie 1792 die vorübergehende Umwidmung der (unterdessen abgebrannten) Kathedrale Notre Dame de Paris in einen Tempel der Göttin Vernunft. Ich vermute, dass Ihre Arbeit auf ähnlichen Grundlagen erfolgt. Sofern das Verfassungsgericht dieselben anerkennt, würde für Ihre Ermittlungsarbeit sinngemäss gelten: "So taten die oft verleumdeten Richter ihren schweren Dienst." Die Formulierung stammt aus dem Buch "Philipp II. oder Religion und Macht" (1930) und meint die Tätigkeit der Heiligen Inquisition in Spanien zur Zeit von Karl V. und Philipp II. Für die politische Anwendung des Prinzips der Inquisition für die Gegenwart als Prinzip politischer Vernunft noch lehrreicher bleibt wohl "Die Legende vom Grossinquisitor" von Dostojewskij aus seinem Roman "Die Brüder Karamasov". Als politische Parabel so lehrreich wie sonst nur die Bücher von George Orwell.

Homeland

13. März 2020 09:53

Lassen wir beseite, wie ernst Corona im Vergleich zu anderen Lagen davor tatsächlich ist. Manche meinen aus gutem Grund, es sei gehypt.

Verschwörungstheorie
1. Das Volk wird auf eine tatsächliche Krise vorbereitet.
2. Das Volk wird auf Notstandsverordnungen konditioniert.
3. Das Volk lernt mit Krisensituationen umzugehen.
4. Das Volk wird auf einen politischen Gegner eingeschworen.
5. Das Volk lernt, Repression zu erdulden, besonders gegen den gemeinsamen Gegner.
6. Das Volk lernt, Corona für den in Gang befindlichen wirtschaftlichen Niedergang verantwortlich zu machen.
7. Ein präventives Kontaktverbot in Stadion, Schule, Altenheim und anderen zersetzt soziale Strukturen.
8. Das zu Hause isolierte Volk ist über die linientreue Demokratie-Abgabe steuerbar, das Internet kann ausgeschaltet werden.

In Krisen braucht man eine Führung, eine Meinung, eine Propaganda.

Das Volk ist dabei das aktuell lebende.

Keine Verschwörungstheorie
Führung und Volk, besonders alle Demokraten, lernen mit Krisen umzugehen. Allem anderen wird notwendigerweise ohnehin der Kampf angesagt.

Wonach Leser fragen?
Wie wird Kommunikation organisiert werden können?

Imagine

13. März 2020 11:15

Eine politische Zäsur ist zu beobachten.

Höcke und seine Anhängerschaft sind nunmehr behördlich vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch klassifiziert und werden entsprechend überwacht und bekämpft.

Es ist davon auszugehen, dass Höcke und andere aus dem Beamtenverhältnis entlassen bzw. aus dem Öffentlichen Dienst entfernt werden.

Ist dies das Ende der politischen und beruflichen Karriere von Höcke et al.?
Und der Anfang vom Ende der AfD und den Träumen von einer solidarisch-patriotischen Bewegung?

Wie sieht die Analyse von Benedikt Kaiser aus?

qvc1753

13. März 2020 12:09

@Majordomus:
Ob was und wie die Aussage des Ausdrucks "Denkmal der Schande" seitens Höcke zu verstehen ist, das ergibt sich aus der Rede selber.
Mir scheint es jedenfalls der Begriff stammt aus dem Buch "Germany: Memories of a Nation" von Neil McGregor. Dort heisst es:
"I know of no other country in the world that at the heart of it´s capital erects such monument to it´s own shame."
Es geht dann weiter, das dies ein bewusster Akt ist um sich stets daran zu erinnern.
Und das der Grund dafür ist, das deutsche geschichte eben anders ist als die der anderen Nationen.
McGregor ist ein durchaus wohlgesonnener Beobachter. Sein Punkt ist, das - im Gegensatz zum beruhigenden Narrativ anderer Nationen - der Holocaust quer zur deutschen Geschichte liegt und nicht in ein entsprechendes Narrativ eingepasst werden kann. "It can not be explained but needs to be constantly revisited".

Vor dem Kontext der Rede in Dresden ist der Unterschied erkennbar. Für beide ist es ein Monument für die nationale Schande.
Der eine sagt, das man sich immer und immer wieder daran erinnern muss, der andere fordert eine 180 Grad Wende der Erinnerungskultur.

Hinter beiden Gedanke steckt ein Geschichtsbild und das ist jeweils konträr zum anderen.
Lassen wir es dabei.

Maiordomus

13. März 2020 14:29

Zu einem Verschreiber: "Auschwitz, bzw. dessen drohende Wiederholung, war aus der Ideologie der G r ü n e n der legitimierte, in seiner allerhöchsten Grundsätzlichkeit nicht widerspruchsfähige Kriegsgrund im Jugoslawienkrieg." Es geht also um einen absoluten Grundwert, das Heilige im zivilreligiösen Sinn. Es stand an der Stelle des "Deus lo vult" der Kreuzzüge: Gott will es. Für den damaligen deutschen Aussenminister war es dasjenige, was für ihn nun mal das Heilige war. Es kann historisch als ideologischer Hintergrund eines Überzeugungstäters eingeschätzt werden; Kriegsgründe haben, wenn es nicht wie zwar sehr oft um blosse Vorwände geht, ähnlich wie die Verfolgung innenpolitischer "Gesinnungsverbrecher" mit ideologischen höchsten Werten zu tun: mit dem, was einem "heilig" ist. Es geht hier nur darum, den Befund phänomenologisch zu beschreiben. Ich vermute, dass inquisitorisch anmutende Untersuchungen des Verfassungsschutzes dann am wenigsten einen Diskurs zulassen, wenn es um Konsensobjektivität geht, zu deren Ermittlung man sich allenfalls auf Wertsachverständige stützen muss; diese wurden in Spanien zur Zeit von Philipp II. Inquisitoren genannt Aus diesem Grunde konnte wohl auch der Sänger Naidoo nicht auf Schonung hoffen. Sein Video von 55 Sekunden verletzte den Grundwert des Heiligen betreffend "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit", was zwar, analog zu den tugendterroristischen Einschätzungen des Pariser Wohlfahrtsausschusses von 1792/94, nicht erst mit einem auf Gewaltentrennung beruhenden Diskurs festgestellt werden musste, Als Ausdruck eines in sich selbst evidenten Gesinnungsverbrechens ("Verbrechdenk") konnte das Vergehen der unmittelbaren Aburteilung durch die "Zivilgesellschaft" zugeführt werden.

MARCEL

13. März 2020 14:49

André Breton, der Initiator des franz. Surrealismus berichtete aus seiner Zeit als Sanitätssoldat im Ersten Weltkrieg über psychische Veränderungen bei Frontsoldaten. Bei einem viel ihm auf, dass er allen Ernstes davon überzeugt gewesen war, der Krieg sei nur eine riesige, perfekt inszenierte Maskerade der Regierungen, um die einfachen Menschen zu erschrecken und zu domestizieren. Die Gefallenen seien gar nicht wirklich tot, sondern würden unerkannt wieder aufstehen und insgeheinm nach Hause geschickt etc. etc. Besagter Soldat kam ins Irrenhaus.
@Homeland, bei allem Respekt: Wer hinter allem und jedem nur noch Hypes vermutet, wird sich bald in einer Sekte wiederfinden, die keiner mehr ernstnimmt.
Die Neue Rechte verspielt eine Chance, die Regierung in ihrem Versagen erbarmungslos vorzuführen.
Melde mich von der Kommantarspalte ab, vielen Dank!

Laurenz

13. März 2020 14:58

@Imagine .... die halbe alte Linke wird vom VS observiert. Na und? Die Polizei ist doch permanent Zeuge von Herrn Höckes Leben. Was soll denn da herauskommen? Das Hornberger Schießen...

Valjean72

13. März 2020 16:01

@homeland:

1. Das Volk wird auf eine tatsächliche Krise vorbereitet.
2. Das Volk wird auf Notstandsverordnungen konditioniert.
3. Das Volk lernt mit Krisensituationen umzugehen.
4. Das Volk wird auf einen politischen Gegner eingeschworen.
5. Das Volk lernt, Repression zu erdulden, besonders gegen den gemeinsamen Gegner.
6. Das Volk lernt, Corona für den in Gang befindlichen wirtschaftlichen Niedergang verantwortlich zu machen.
7. Ein präventives Kontaktverbot in Stadion, Schule, Altenheim und anderen zersetzt soziale Strukturen.
8. Das zu Hause isolierte Volk ist über die linientreue Demokratie-Abgabe steuerbar, das Internet kann ausgeschaltet werden.

In Krisen braucht man eine Führung, eine Meinung, eine Propaganda.

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Ähnliche Gedanken gehen mir auch durch den Kopf ... ich traue dem Braten nicht

Homeland

13. März 2020 16:52

@ MARCEL, ich bitte Sie, ich habe summa summarum von Erfahrungswerten, die generiert werden, gesprochen. Da wie dort. Gehen Sie doch davon aus, ob Hype oder nicht, dass aus Analysen jedwede Verwendung generiert werden kann. Der Rest ist Vertrauen. Oder auch nicht. Höcke und die seinen gehen quasi im Coronafieber unter. In diesem wie in jenem Fall stellt sich die Frage nach der Kommunikationsfähigkeit im Lager. Ist solch Nachfrage statthaft oder ernst zu nehmen, wie Corona?

Maiordomus

13. März 2020 17:21

qvc1753. Das sind genau die noch rationalen Erklärungen und Einordnungen. Da schlagen Sie bei mir offene Türen zu Kleinholz, Wo aber "die Herrschaft des Verdachts" Platz greift (Hegel über Gesinnungsterror in der Franz. Revolution) hilft das eben nicht. Ihre Ausführungen sind diesbezüglich, das Schlagwort vom "Denkmal der Schande" betreffend, eine sinngemässe Hintergrundinformation.

In der "Welt" las ich heute einen "antifaschistischen" Kommentar eines eigentlich gebildeten Mannes. Es wurde im Ernst gesagt, dass es die AfD sei, die das Verbrechen von Hanau und ähnliche Taten für sich "instrumentalisiere". Dies ist mir umso mehr aufgefallen, als zum Beispiel bei einem Attentat auf die Swissair vor 50 Jahren immerhin drei palästinensische Terrororganisationen die sogenannte "Verantwortung" für jene Tat beanspruchten. Also die Tat wirklich instrumentalisierten. Bei der AfD gab es jedoch auch "klammheimlich" nicht die geringste Genugtuung über jenes Geschehen; der Name der Partei wurde ausschliesslich und in einer noch nie dagewesenen Deutlichkeit von der Gegenseite als eine der Bedingungen der Möglichkeit des Massakers instrumentalisiert. Die Wahrnehmung des Kommentators in der "Welt" hätte verkehrter gar nicht sein können. Ich wundere mich, dass der Kommentator von der Redaktion auf diesen offensichtlichen Befund nicht aufmerksam gemacht und der Beitrag offenbar aus Respekt vor der Meinungsfreiheit gleichwohl veröffentlicht wurde. Der Artikel wirkt in diesem Sinne wahnhaft, wobei aber von seiten des Verfassers nicht mal von einer Verwechslung oder einem Irrtum gesprochen werden kann.

Maiordomus

13. März 2020 18:05

@Laurenz. Vordergründig haben Sie recht, nämlich im Zusammenhang mit der zumindest in früheren Jahren erfolgten Observierung der "halben Linken". Diese behielt jedoch in Kultur und Bildung eine starke metapolitische Stellung mit einem Milieu, wo man auf die "Beachtung" durch den VS zum Teil direkt stolz war und sich noch damit brüsten konnte. In vergleichbaren Milieus sowie in fast allen gesellschaftlichen Eliten sind aber Rechte in der Regel extrem isoliert. Wer Karriere machen will, muss sich extrem bedeckt halten. Das macht einen wesentlichen Unterschied aus.

Cugel

13. März 2020 22:42

@Maiordomus
"Für den damaligen deutschen Aussenminister war es dasjenige, was für ihn nun mal das Heilige war."

Das glaube ich nicht. Von Heiligkeit hat der nach seinem langen Lauf zu sich selbst (wohl eher zu den Fleischtöpfen) noch feister als zuvor gewordene Herr keinen Begriff, ebensowenig wie seine Meister. Fürs Anzetteln des Krieges hätte der alles herbeigezogen, was ihm geeignet erscheint. Auschwitz ist eben immer noch die handlichste und wirksamste Keule. Er ist ein Opportunist reinsten Wassers, ein ganz mieser, widerlicher Charakter, der um des eigenen Vorteils willen der Macht jeden Dienst erfüllt. Als Überzeugung lasse ich bei dieser Kreatur allenfalls ihren Deutschenhaß gelten. Liebermann...

Cugel

13. März 2020 22:42

@Laurenz
"@Imagine .... die halbe alte Linke wird vom VS observiert. Na und? Die Polizei ist doch permanent Zeuge von Herrn Höckes Leben. Was soll denn da herauskommen? Das Hornberger Schießen..."

Selbstverständlich kommt nichts dabei heraus. Muß es auch nicht. Es geht um Abschreckung, Entrechtung, Spaltung und evtl. noch um erweiterten, legalisierten Zugriff auf sensible Daten für jene, die an diese sonst nicht ganz so legal herankämen.

Cugel

13. März 2020 22:43

@Maiordomus
"Ich wundere mich, dass der Kommentator von der Redaktion auf diesen offensichtlichen Befund nicht aufmerksam gemacht und der Beitrag offenbar aus Respekt vor der Meinungsfreiheit gleichwohl veröffentlicht wurde."

Ich wundere mich nicht. Das Blatt ist ein Organ des medialen Komplexes, transatlantisch bis ins Mark. Die sähen die AfD lieber heute als morgen flügellos.

Cugel

13. März 2020 22:43

@Homeland, Valjean
Wir können nur spekulieren. In jedem Fall sammelt man wertvolle Erfahrungen und kann die bisher hypothetischen Szenarien (etwa eines großflächigen Stromausfalls) und die in ihnen vorgesehenen Werkzeuge und Methoden an der Realität prüfen und ggf. entwickeln. Das System profitiert in jedem Fall.

Laurenz

14. März 2020 10:20

@Maiordomus ... Deutschlands Nachkriegs-Elite bestand ja nur aus hinteren Garnituren, denn die Besten/Begabtesten waren entweder tot oder deportiert. Und diese doch recht "konservative" Nachkriegs-Elite konnte sich nach 68 nicht vorstellen, daß die Gesellschaft von links durch die Instanzen unterwandert wird, obwohl es dafür genügend historische Beispiele gibt, wie zB die Buren im britischen Südafrika. Daß jetzt "Rechte" zu Dissidenten gemacht werden, und eine permanente DDRisierung West-Europas abläuft, zeigt aber auch Halbwertszeiten auf, die kürzer sein werden, als gedacht. Insofern haben Sie Recht, Rechts sein bedeutet kein "Lustig ist das Sinthi- und Roma-Leben, brauchst dem Kanzler kein Zins zu geben", aber die Bohleys werden uns trotzdem nicht ausgehen.

Phil

14. März 2020 11:38

"I know of no other country in the world that at the heart of its capital erects such monument to its own shame."
Das ist der eigentliche Skandal, Höcke hat den Satz geklaut! :D

Laurenz

14. März 2020 23:46

@Cugel .... natürlich. Aber gehen wir doch in die DDR mit 14 Mio. Einwohnern. 250.000 Mann NVA, 400.000 Staatssicherheit, 50.000 Grenztruppen, etcetc, alles Leute, die privilegiert lebten und nichts produzierten. Irgendwann waren es die Bürger der DDR leid, diese Feudalisten mit eigener Armseligkeit zu versorgen.
Nichts anderes passiert auch bei uns. Heute nennt es Goodhart Anywheres und Somewheres. Somewheres sind auf Anywheres und ihre Herrschaft nicht angewiesen. Es braucht eben etwas Geduld, bis das, wie in der DDR ins allgemeine Bewußtsein transportiert wird. Im Westen ist halt noch 50er, 60er und 70er Substanz vorhanden und es dauert eben noch eine Generation, bis das von den Fools-for-Future aufgebraucht ist. Aber die linke Schmarotzer-Kaste ist hemmungslos. Vielleicht geht das auch schneller.
Die moderne Inquisition frißt auch schnell ihre eigenen Kinder, siehe die kranke Seele Herbert Wehners.

Homeland

15. März 2020 00:06

Wonach Leser vielleicht nicht fragen, aber sie interessiert:

Wie grenzt der Inlandsgeheimdienst des Herrn Haldenwang jetzt eigentlich die nicht registrierten (vorgeblich etwa) 7.000 zu überwachenden Flügelleute vom Rest der Mutterpartei ab oder ist es nur ein Winkelzug, um in die Gesamtpartei einfallen zu können, weil man ja genau genommen gar nicht weiß, wer zum Flügel zu zählen ist?

Was Leser auch interessiert:

Wo findet die Jagd statt, die am Abend der letzten Bundestagswahl versprochen wurde? Und wer traut sich, den Roten, Dunkelroten und Grünen endlich die Fleischer von Rang, die National-Sozialisten zur Seite zu stellen? Wer traut sich, den Todeskult zu benennen, Höcke?

Maiordomus

15. März 2020 08:53

@Cugel. Die Meinung, ich würde den Charakter des genannten Mannes irgendwie überschätzen, wäre ein Irrtum.

Sie bemerken aber selber, dass für solche Begründungen "Auschwitz" nun mal zur Verfügung steht, meines Erachtens noch als Vorwand für jede Menge von Schäbigkeiten, worüber sich Juden von geistigem Format längst empören, vgl. die "Vergesst Auschwitz!"-Losung von Broder. Dass allerdings "Auschwitz" so verwendet werden kann, hängt rein phänomenologisch mit dem Grundwert des Heiligen zusammen. Derselbe spielte bekanntlich schon seit den Kreuzzügen eine Rolle, aber auch zahlreichen als Religionskriegen getarnten blutigen Auseinandersetzungen der neueren Zeit. Dieser Grundwert ist per se zum Missbrauch disponiert, was freilich nichts daran ändert, dass vermutlich auch Ihnen und mir und allen hier irgendetwas "heilig" ist.

Bei Politikern stellt sich selbstverständlich die Frage, ob sie glauben, was sie sagen. Sicher war, dass sich Fischer vor der Antikriegsbewegung in der eigenen Partei auf geeignete Weise rechtfertigen musste. Bekanntlich ist auch die letzte Begründung für offene Grenzen und freie Migration selbstverständlich "Auschwitz". Und ohne "Auschwitz" könnte Naidoo ganz normal im Deutschen Fernsehen weitersingen. Noch interessant, wie in dieser Sache Dieter Bohlen "klare Kante", "klare Haltung" gezeigt habe, wie die gegenwärtige flächendeckende Orwell-Sprachregelung lautet. Wie schon mal ausgeführt, hatte ich vor Jahren mit Auschwitz-Überlebenden Kontakt, solche bei Schullesungen und Erwachsenenbildung eingeführt und moderiert. Den Begriff "Holocaust" kannten sie, wie die Zuhörer, aus dem Fernsehen, auch von "Shoa" wurde früher kaum gesprochen. Von schwer traumatisiert bis zu einer relativ lockeren Bewältigung habe ich alles kennengelernt. Locker? Nicht öffentlich, aber privat bekannte mir eine höchst gebildete und in Sachen Kunst beflissene Dame polnischer Herkunft, dass sie sich von deutschem Wiedergutmachungsgeld als Studentin einen Porsche gekauft habe. Ein solcher Fall ist mir von Überlebenden des Archipel Gulag bis jetzt nicht bekannt geworden.

Homeland

15. März 2020 09:16

@phil, das Zitat aus Neil MacGregor "Germany-Memories of a Nation" zeigt ja auch den bedeutenden Unterschied, der hierzulande die Diskussion erst ermöglicht, dem politischen Gegner die Tür geöffnet hat. "Denkmal der Schande" macht im Gegensatz zu "Denkmal der eigenen Schande" doch einen, naja, gewissen Unterschied. Jedenfalls ist zweites eindeutig unangreifbar.

Die Uneindeutigkeit in mehreren Aussagen, die, wohlwollend wollend, wegretuschiert werden können, können in (auch unterstellt) böser Absicht eben auch hinein interpretiert werden. Mir ist persönlich unklar, warum Höcke diese Zweideutigkeit zulässt, weil er intellektuell in der Lage ist, die Dinge zu sehen. Jedenfalls erscheint mir das Zeitfenster der möglichen Zweideutigkeiten vorbei zu sein.

links ist wo der daumen rechts ist

15. März 2020 11:50

Grenze und Infektion / Umwelt

Ich glaube, daß wir mit alten Begrifflichkeiten wie „Innere Emigration“, „Konservative Revolution“ oder auch unterschiedlichen Reminiszenzen an den 20. Juli nicht mehr weiterkommen.

Lese derzeit wieder einmal Lübbes geniales Bändchen „Politischer Moralismus“; also was der über totalitäre Selbstvergewisserungslogik (i.e. ideologische Selbstabschließung) schreibt: da müssen im politischen Kampf halt immer beide Seiten aufpassen.

Während ich nun eine Taktik a‘la Kubitscheks „Verzahnung“ im Kampf der alltäglichen (meta)politischen Positionierungen immer noch für die beste Verlegenheitslösung halte (Feindverwirrung), müßte eine heutige strategische Lösung tatsächlich so umfänglich sein wie die „Ideen von 1914“; eine Weltoffenheit im klaren Konfrontationsmodus, die das Wohl des eigenen Volkes und den Nutzen anderer nicht ausschließt.

Allerdings ist noch nicht absehbar, wie die ganze Corona-Sache alte Begrifflichkeiten auf den Kopf stellen wird (und auch Kampf-Begriffe wie „Selbstabschließung“ oder „Verzahnung“ wandeln mag).

Beispiel „Grenze“ oder „Infektion“.
War „Grenze“ in der Migrationsfrage eine Positionsbestimmung, bei der über die Folgen kontrovers debattiert wurde, scheinen die derzeitigen Maßnahmen geschlossener Grenzen kaum verhandelbar.
Wobei historisch natürlich wieder interessant ist, daß Polen oder Tschechien mit ihren einseitigen Grenzschließungen vorangehen (klar, der „Ausbreitungsgrad“, aber eben nicht nur…); wie ja diese beiden Völker ihren Begriff „ethnischer Reinheit“ nach wie vor auf der Schädelstätte der Vertreibungsverbrechen proklamieren.

„Infektion“ hingegen wurde von einer metaphorischen Geste mit wahnhaftem Wirklichkeitsbezug (Ramelow verweigert Höcke den Handschlag) zu einem fast realen Bedrohungsszenario (Seehofer verweigert Merkel den Handschlag).
Zu ersterem gibt es kein neutrales Video auf YT.
https://www.youtube.com/watch?v=4bfchKv28Mg
„Is ja och richtich…“

In der Folge müßte der Begriff der Grenze neu und positiv besetzt werden; meinetwegen mit Abstufungen bis hin zu einer „halbdurchlässigen Membran“.
Plessner hat ja in seinen "Stufen des Organischen" immer noch am besten die Abstufungen von Grenze und Durchlässigkeit lebender Organismen beschrieben; Tenor: erst die relative Abschottung ermöglicht ein Höchstmaß an Komplexität.
Der leider übel beleumundete "Radikale Konstruktivismus" hat diese Erkenntnisse in den 80er und 90er Jahren bloß neurobiologisch reformuliert.

Gleichfalls der Begriff der Infektion: Wer Angst hat, sich beim politischen Gegner per Handschlag anzustecken, leidet wahrscheinlich bereits (nicht nur) an Immunschwäche - und sollte sich in seiner Kontaminationsphobie am besten in einem Bunker einschließen.
Phobie und Bedrohung schließen sich aus.

D.h. daß angesichts des aktuellen Bedrohungsszenarios unser Verhältnis Einzelner - Umwelt neu gedacht werden muß. Angenehmer Nebeneffekt übrigens: die besondere Umsicht unseren Alten gegenüber.

Sloterdijk z.B. hat zu diesem Komplex ja schon vor geraumer Zeit einiges nicht Unwesentliches geschrieben.

Maiordomus

15. März 2020 18:34

@links. Glaubte immer, der einzige zu sein, der hier auf Lübbe, meinen Lehrer vor bald 50 Jahren, aufmerksam macht. Ein weiteres Buch von ihm, in die gleiche Richtung weisend, lautet: "Ich entschuldige mich".