Wenn alle alles können und dürfen sollen

Florian Sander wird fortan regelmäßig Artikel beisteuern. Sein Einstiegstext widmet sich der Postmoderne als Auflösung von Grenzen jeder Art.

 Gastbeitrag

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Die Bedeu­tung des Begrif­fes der „Post­mo­der­ne“ ist bereits durch die Pro­ble­ma­tik ersicht­lich, die sich um ihn rankt.

Oft wird ihm vor­ge­wor­fen, zu unbe­stimmt zu sein: Nie­mand wis­se so recht, was das denn eigent­lich sein soll. Kuri­os ist hier­bei nun die Tat­sa­che, daß es gera­de die gesell­schaft­li­che Unbe­stimmt­heit ist, die die­ser Begriff – u. a. – zum Aus­druck zu brin­gen ver­sucht. Es rich­tet sich also qua­si die eige­ne, ihm inhä­ren­te Kri­tik gegen ihn selbst: Dem Ter­mi­nus, der die all­ge­mei­ne Unbe­stimmt­heit pro­ble­ma­ti­siert und damit bestimmt (was ja an sich schon para­dox wirkt), wird sei­ne eige­ne Unbe­stimmt­heit zum Vor­wurf gemacht (was es noch para­do­xer macht). Qua­si eine Para­do­xie zwei­ter Ord­nung. Doch ehe wir nun der Ver­lo­ckung erlie­gen, uns in abs­trakt para­do­xen Poin­ten zu ver­lie­ren, wer­den wir mal etwas konkreter.

Nun braucht man den besag­ten Begriff nicht, um schon mal eine Fest­stel­lung vor­weg­zu­neh­men: Die heu­ti­ge Gesell­schaft ist kom­ple­xer und dadurch auch, nor­ma­ti­ver gespro­chen, kom­pli­zier­ter gewor­den. Über das, was Niklas Luh­mann „funk­tio­na­le Dif­fe­ren­zie­rung“ genannt hat, hat sich für das Indi­vi­du­um das Erfor­der­nis erge­ben, in sei­nem Leben auf meh­re­ren Hoch­zei­ten zu tan­zen. Von erwar­te­ter Fle­xi­bi­li­tät auf dem Arbeits­markt abge­se­hen – einer Erwar­tung, der vie­le es nicht schaf­fen nach­zu­kom­men, was zuwei­len in Arbeits­lo­sig­keit, und, dar­auf auf­bau­end, in Depri­va­ti­on, Depres­si­on und mehr mün­den kann – muß das Indi­vi­du­um von heu­te im Gegen­satz zu jenem von frü­her einer Viel­zahl sozia­ler Rol­len genügen.

  • Fami­lie und Beruf müs­sen ver­ein­bar sein.
  • Die Geschlech­ter­rol­len nähern sich an und wer­den unüber­sicht­li­cher und unge­wis­ser (Kon­tin­genz).
  • Der Mann darf nicht mehr Macho sein, aber nur noch Sof­tie ist auch nicht gut.
  • Die Frau soll kein Haus­müt­ter­chen mehr sein und eman­zi­piert sein, aber zu viel Männ­lich­keit macht sie zum dra­chen­ar­ti­gen Männerschreck.

Unkla­re Rollenerwartungen

Die Post­mo­der­ne blitzt auf: Irgend­wie ist nichts mehr rich­tig klar. Sozia­le Rol­len­er­war­tun­gen wer­den kom­ple­xer oder bre­chen ganz weg, je mehr kol­lek­ti­ve gesell­schaft­li­che Erwar­tun­gen (wie etwa kon­ser­va­ti­ve Wer­te) an Ein­fluß ver­lie­ren und je mehr indi­vi­dua­lis­ti­sche Vor­stel­lun­gen sich durchsetzen.

Wo das Indi­vi­du­um mehr ent­schei­det, gibt es zwar mehr indi­vi­du­el­le Frei­heit, aber auch weni­ger Bere­chen­bar­keit und mehr Unge­wiß­heit. Eine Unsi­cher­heit, die sich in vie­len sozia­len Berei­chen mani­fes­tiert: Sei­en es die oben genann­ten Geschlech­ter­rol­len, deren Unüber­sicht­lich­keit das Sin­gle-Phä­no­men för­dert, da zuneh­mend Män­ner wie Frau­en mit der Her­aus­for­de­rung rin­gen, ihre eige­ne Rol­le in jet­zi­gen oder künf­ti­gen Lie­bes- und Flirt-Sys­te­men – selbst­stän­dig – zu fin­den und zu defi­nie­ren, was einem stän­di­gen Kampf gleicht, bei dem einem nicht ein­mal die Mas­sen­me­di­en oder Inter­net-Blogs hel­fen kön­nen, weil die sich stän­dig wider­spre­chen – und der auf Dau­er sehr ein­sam machen kann.

Oder sei­en es Rol­len­er­war­tun­gen, was die beruf­li­che Zukunft angeht: Wo alles offen ist, wo kei­ne kol­lek­ti­ven Wer­te mehr Gren­zen set­zen, da ist die Fan­ta­sie gren­zen­los. Und die wie­der­um wird medi­al ange­regt: Das Fern­se­hen und mit ihm das Inter­net sind voll von post­mo­der­nen Tee­nie-Vor­bil­dern, denen tau­sen­de von Puber­tie­ren­de jähr­lich nach­ei­fern wol­len, indem sie „Super­star“ oder „Model“ zum Berufs­wunsch machen.

Doch wo die Erwar­tun­gen in die Höhe schie­ßen, da ist am Ende der Fall tief und die Ent­täu­schung groß: Irgend­wann kommt die gro­ße Ernüch­te­rung, wenn man plötz­lich merkt, dass es doch „nur“ auf eine Aus­bil­dung zur Bäcke­rei­fach­ver­käu­fe­rin hin­aus­läuft. Was ver­gan­ge­ne Genera­tio­nen als rela­tiv nor­mal hin­ge­nom­men haben – sprich: im Zuge fami­liä­rer Her­kunft auf eine bestimm­te sozia­le Rol­le früh­zei­tig fest­ge­legt zu wer­den – ist für die heu­ti­ge Genera­ti­on bereits der ers­te Tief­punkt im Leben, die ers­te Ent­täu­schung, die ers­te Ver­let­zung, die ers­te Nar­be auf der See­le, weil die Erwar­tun­gen zuvor so anders waren.

Ein Wett­be­werb, in dem nicht jeder mit­hal­ten kann

Der nächs­te post­mo­der­ne Pro­blem­kom­plex in Sachen Arbeit war­tet oft bereits wenig spä­ter: Dies­mal nicht in Form mas­sen­me­di­al gestei­ger­ter Erwar­tun­gen und dar­aus gene­rier­ter Ent­täu­schung, son­dern im Zuge des kapi­ta­lis­ti­schen Arbeits­mark­tes, der der heu­ti­gen Genera­ti­on wie­der­um etwas nimmt, was ihren Vor­gän­gern als selbst­ver­ständ­lich erschien: Beruf­li­che Sicher­heit und die Gewiß­heit, mehr oder weni­ger ein Leben lang in einem Beruf zu arbeiten.

Eine Sicher­heit, die sogar schicht­über­grei­fend fehlt, sofern man nicht gera­de ver­be­am­tet wur­de: Die beruf­li­che Unge­wiß­heit trifft den Arbei­ter wie den Abtei­lungs­lei­ter oder auch den Wis­sen­schaft­ler glei­cher­ma­ßen. Wer in dem Kampf bestehen will, muss sich als zeit­lich fle­xi­bel und dar­über hin­aus mobil und streß­re­sis­tent erwei­sen – ein Wett­be­werb, in dem nicht jeder mit­hal­ten kann. Und die, die mit­hal­ten kön­nen, kön­nen es mit­un­ter nicht dau­er­haft, zumal neben all­dem ja auch Freun­des­kreis, Part­ner­schaft und Fami­lie bzw. Fami­li­en­grün­dung nicht zu kurz kom­men sol­len. Manch einer bezahlt hier­für mit dem bit­te­ren Preis des Bur­nout-Syn­droms oder ver­wand­ter Erkran­kun­gen, die man guten Gewis­sens als eine Art post­mo­der­ne Sym­pto­ma­tik der Mikro-Ebe­ne bezeich­nen kann.

Doch bei der Arbeit macht das post­mo­der­ne Gespenst nicht Halt. Oben haben wir bereits einen Blick auf die Aus­wir­kun­gen auf das Lie­bes­le­ben gewor­fen, die aus der Dif­fu­si­tät rund um die Erwar­tun­gen zur Geschlech­ter­rol­le resul­tie­ren. Nicht zu ver­nach­läs­si­gen ist hier auch das „Disney“-Phänomen: Wir wach­sen auf mit kul­tur­in­dus­tri­ell geför­der­ten Lie­bes­idea­len, die so groß sind, so gewal­tig, die so hoch hin­aus wach­sen, daß wir sie im rea­len Leben kaum erfül­len können.

Das post­mo­der­ne Lie­bes­ide­al gleicht der Lie­bes­be­zie­hung in einem Dis­ney-Film, in dem der oder die ande­re stets der per­fek­te „Traum­part­ner“ ist – und dies natür­lich ein Leben lang. Lie­be wird dem­nach zu einem Selbst­zweck, zu einem auto­poie­ti­schen Sys­tem, das von kon­ser­va­ti­ven Rol­len­er­war­tun­gen getrennt wur­de und kei­nem ande­ren Zweck mehr dient – und gera­de dadurch zu einem nahe­zu uner­füll­ba­ren Ide­al wird, dem – zumal unter den oben beschrie­be­nen Umstän­den – kaum jemand in Gän­ze genü­gen kann. Das Resul­tat: wei­te­re Enttäuschung.

Auch im reli­giö­sen Bereich erle­ben wir ein Ende der Gewiß­hei­ten. Wei­te Tei­le des Chris­ten­tums in Deutsch­land sind zu vor allem moral­pre­di­gen­den Sonn­tags­re­den­fest­ver­an­stal­tun­gen mutiert, denen man allen­falls mit hal­bem Ohr zuhört, wäh­rend man auf das Abend­pro­gramm des Fern­se­hens war­tet, und das allen­falls noch an den übli­chen Fest­ta­gen ein wenig besinn­li­che Stim­mung lie­fert, gewis­ser­ma­ßen als insti­tu­tio­nel­le Erwei­te­rung des Lamet­tas an Weih­nachts­baum. Doch frü­her war eben nicht nur „mehr Lamet­ta“ (Lori­ot), son­dern auch mehr Reli­gi­on – und dadurch u. a. auch mehr Berechenbarkeit.

Alles ist relativ

Im poli­ti­schen Feld erle­ben wir das Ende der Gewiss­hei­ten gera­de in Deutsch­land beson­ders ein­dring­lich. Das Schwin­den der Stamm­wäh­ler von Par­tei­en kos­tet inzwi­schen beson­ders die ehe­ma­li­gen Volks­par­tei­en CDU und SPD mas­sen­wei­se Pro­zen­te. Der post­mo­der­ne Wäh­ler ent­schei­det nicht mehr nach grund­le­gen­der ideo­lo­gi­scher oder sozia­ler Ver­or­tung, son­dern nach kurz­fris­ti­ger Inter­es­sen­la­ge, the­ma­ti­schen Prio­ri­tä­ten und oft genug auch nach Per­so­nen. Nichts ist mehr gewiß für die Par­tei­en­land­schaft – sogar so weit, dass sich nach Jahr­zehn­ten der Sta­bi­li­tät plötz­lich neue Par­tei­en wie die AfD eta­blie­ren und ehe­mals eta­blier­te wie die FDP für eini­ge Zeit aus dem Bun­des­tag aus­schei­den mussten.

Die Poli­tik in Deutsch­land spie­gelt die­se Kon­tin­genz ihrer­seits nahe­zu per­fekt zurück. Die Per­son Ange­la Mer­kel ist buch­stäb­lich eine Ver­kör­pe­rung der Post­mo­der­ne: Eine Kanz­le­rin, die mor­gen das kom­plet­te Gegen­teil von dem ver­tre­ten kann, was sie ges­tern oder heu­te gesagt oder getan hat – und dies, ohne daß es jemand wun­dern würde!

Das Feh­len jeg­li­cher Ideo­lo­gie macht die Bun­des­kanz­le­rin und mitt­ler­wei­le auch ihre erfolg­reich in die glei­che Rich­tung trans­for­mier­te CDU zu einem poli­ti­schen Phä­no­men, das gera­de dadurch über­lebt, daß jeder alles in sie hin­ein­in­ter­pre­tie­ren kann und dem Bedürf­nis des post­mo­der­nen Vol­kes nach Unbe­stimmt­heit Genü­ge getan wird. Jeder ideo­lo­gisch stär­ker ver­or­te­te Kanz­ler stün­de unter dem Ver­dacht all­zu gro­ßer Ver­bind­lich­keit. Nicht so Ange­la Mer­kel: Mut­ti kann – buch­stäb­lich – alles. Sie erfüllt jedes Bedürf­nis jeder­zeit. Nie­mand kann sie „fest­na­geln“. Wie die Postmoderne.

Ent­zau­be­rung der Welt

Merk­mal post­mo­der­nen Den­kens ist die Los­lö­sung von Bin­dun­gen im Zuge von Ratio­na­li­sie­rung und „Ver­kop­fung“; einem schon Jahr­hun­der­te andau­ern­den, aber auch noch in den letz­ten Jahr­zehn­ten wei­ter fort­ge­schrit­te­nen Pro­zess, den der Sozio­lo­ge Max Weber die „Ent­zau­be­rung der Welt“ genannt hat. Man ist ratio­nal, man ist prag­ma­tisch, man ist un-ideo­lo­gisch. Man löst sich von ver­meint­lich „ewig­gest­ri­gen“ patrio­ti­schen Bin­dun­gen zu sei­nem Hei­mat­land, weil man sie ja nicht sach­lich erklä­ren kann. Höchs­tens beim Fuß­ball fie­bert man noch etwas mit, ansons­ten ist man höchs­tens „Ver­fas­sungs­pa­tri­ot“, weil man mit dem Grund­ge­setz ja etwas zur Hand hat, womit man sei­ne Bin­dung ratio­na­li­sie­ren kann. Ansons­ten ist alles rela­tiv. So wie Ange­la Mer­kels Kanz­ler­schaft, die sie aus nahe­zu jeder der eta­blier­ten Par­tei­en her­aus hät­te aus­üben können.

Glei­ches gilt für die Fami­lie: Wir leben im Zeit­al­ter der „Plu­ra­li­sie­rung von Fami­li­en­for­men“ – jede Art des Zusam­men­le­bens soll glei­che Rech­te zuge­stan­den bekom­men. Auch Poly­amo­rie ist zuneh­mend „in“ – in der Lie­be wird die post­mo­der­ne ADHS-Gesell­schaft sicht­bar, die nicht mehr imstan­de ist, sich dau­er­haft ver­bind­lich fest­zu­le­gen und zu fokus­sie­ren. Alles muss jeder­zeit immer frei ver­füg­bar sein.

Die Gren­zen von Natio­nal­staa­ten sol­len fal­len, zuguns­ten frei­er glo­ba­ler Migra­ti­on, nur noch bestimmt durch öko­no­mi­sche Bedar­fe. Staats­bür­ger­schaf­ten: War­um nicht gleich meh­re­re neben­ein­an­der? Alles ist gleich viel wert, nichts hat mehr Prio­ri­tät, nichts muss mehr end­gül­tig und ver­bind­lich ent­schie­den wer­den. Ein ein­zi­ges gro­ßes Einer­lei, das nur noch von der Fra­ge „Was dient wann und wie wel­chem kurz­fris­ti­gen Zweck?“ gesteu­ert wird.

Ihre abso­lu­te Zuspit­zung fin­det die poli­ti­sche Post­mo­der­ne in der „PARTEI“: Eine (un-)politische Orga­ni­sa­ti­on, die sich selbst als völ­lig sati­risch begreift, die alles (!) sati­risch beob­ach­tet, die aus­schließ­lich iro­ni­siert, die nichts mehr ernst meint – und die den­noch in rea­le Par­la­men­te gewählt wird. Wer nur noch Pos­til­lon und Tita­nic liest, wer nur noch DIE PARTEI wählt, wer selbst­ge­recht schmun­zelnd „über allem“ steht und nichts mehr ernst nimmt, an nichts mehr glaubt, von nichts mehr über­zeugt ist, nicht mehr stau­nen kann und von allem schnell gelang­weilt ist, der kann sich sicher sein, dass er voll­ends in der Post­mo­der­ne ange­kom­men ist – in einer Welt, in der nichts mehr „wahr“ ist, in der Kon­struk­ti­vis­mus das Leit­prin­zip ist, in der ten­den­zi­ell alles rela­tiv und aus­wech­sel­bar ist. Eine Spar­te, in die – auf sub­kul­tu­rel­ler Ebe­ne – übri­gens auch das Hips­ter-Phä­no­men fällt.

Die post­mo­der­ne Ver­si­on vom alten Volksmärchen

Die kol­lek­ti­ve Erwar­tungs­lo­sig­keit, die der Indi­vi­dua­lis­mus zur Fol­ge hat, resul­tiert in einer Art „Erwar­tung, daß das Indi­vi­du­um von sich selbst alles erwar­tet“ – und dann eben auch wirk­lich alles. Hier erle­ben wir nun eine Sei­te der Post­mo­der­ne, die sich einem erst dar­bie­tet, wenn man die oben beschrie­be­nen Prä­mis­sen mit eini­gen Bei­spie­len für aktu­el­le Zeit­geist-Phä­no­me­ne ver­knüpft: Wo alles aus­wech­sel­bar ist, wo alles wahr sein kann, wo das Indi­vi­du­um alles ist, da muß auch jeder alles aus sich machen, also selb­st­op­ti­mie­ren kön­nen – und ver­sagt, wenn er das nicht tut. Womit wie­der­um die Ent­täu­schung und im schlimms­ten Fall der Sturz in die psy­chi­sche Krank­heit per­fekt ist.

Ein Bei­spiel dafür ist die – gera­de infol­ge des Auf­kom­mens der sozia­len Netz­wer­ke blü­hen­de – Welt der “Coa­ches”, der “Moti­va­tio­nal Spea­ker” und der Fit­ness­trai­ner, die gera­de heut­zu­ta­ge und im Inter­net ihre Hoch­pha­se hat. Wei­te Tei­le von Face­book etwa bestehen aus der Ver­lin­kung von Arti­keln nach dem Mus­ter: “Die­ser Frau wider­fuhr ein furcht­ba­rer Schick­sals­schlag. Was sie dann aus sich mach­te, wird dich umhauen!”.

Sto­ries nach die­sem Mus­ter sind die post­mo­der­ne Ver­si­on von alten Volks­mär­chen. Wo frü­her Hän­sel und Gre­tel erfolg­reich dem Hexen­koch­topf ent­ka­men, betrei­ben heu­te die Prot­ago­nis­ten von der­lei Sto­ries und aller­lei Insta­gram-und You­Tube-Selbst­dar­stel­lun­gen Selb­st­op­ti­mie­rung und “Moti­va­ti­on” für ande­re. Die heu­ti­ge Welt giert gera­de­zu nach jenen Wun­der­ge­schich­ten, in denen sich Leu­te in schwie­ri­gen Umstän­den sel­ber opti­miert und “attrak­tiv” gemacht haben, sich wie­der main­stream­fä­hig gemacht haben – und im bes­ten Fal­le noch, die eige­ne sozia­le Selbst­dar­stel­lung öko­no­mi­sie­rend, dies nut­zen, um ande­re zu “moti­vie­ren”, es ihnen nach­zu­ma­chen. Du bist tod­krank und hast noch 3 Mona­te zu leben? Hey, was soll’s, du kannst damit immer noch You­Tube-Star wer­den und für die Wei­ter­le­ben­den „inspi­ra­tio­nal“ sein! “Geht nicht” gibt’s nicht! No excu­ses! – Der Habi­tus eines Sport­leh­rers oder eines Fit­neß­trai­ners als Para­dig­ma einer Gesellschaft.

Alle sol­len alles kön­nen, jederzeit

Die Post­mo­der­ne drückt sich dar­in eben­so aus wie im besag­ten Berufs­wunsch „Super­star“: Es soll kei­ne Gren­zen mehr geben, für nie­man­den. Alle sol­len alles kön­nen, jeder­zeit. Alle sol­len schön, reich, glück­lich sein. Und selbst der, dem es schlecht geht, soll das mit­tels sozia­ler Netz­wer­ke umdre­hen und sich selb­st­op­ti­mie­ren, sich fit für die post­mo­der­ne, indi­vi­dua­lis­mus­ba­sier­te Gesell­schafts­er­war­tung machen können.

Eine Erwar­tung, der nach­zu­kom­men vie­len nicht nur nicht gelingt, son­dern auch eine, die im schlimms­ten Fal­le krank macht. Men­schen beob­ach­ten sich und ihre sozia­le Umwelt auch über Unter­schei­dung und über den Ver­gleich: Das Wis­sen um den eige­nen (Selbst-)Wert ent­steht in die­sem Fall aus dem Maß­stab, den ande­re gesetzt haben. Es bedarf nicht viel Fan­ta­sie dafür, sich vor­zu­stel­len, wie jemand, der auf die­se Wei­se beob­ach­tet, womög­lich auf das Bei­spiel eines Men­schen reagiert, der sich online mit­samt der Bewäl­ti­gung aller mög­li­chen Her­aus­for­de­run­gen prä­sen­tiert, die er trotz Wid­rig­kei­ten gemeis­tert hat: Nicht moti­viert, son­dern bedrückt durch die Fra­ge „Wie­so schafft der / die trotz­dem so viel – und ich nicht?“.

Die (viel­leicht sogar gut gemein­te) Moti­va­ti­on ver­mag dann all­zu schnell nach hin­ten los­zu­ge­hen, gera­de auch auf­grund der viel­fäl­ti­gen Beob­ach­tungs- und dadurch Ver­gleichs­mög­lich­kei­ten des Mas­sen­me­di­ums Inter­net, die damit ein wei­te­res Sym­ptom der Post­mo­der­ne abbil­den: Leis­tungs­er­war­tung durch zuneh­men­de Beob­acht­bar­keit und dadurch Vergleichbarkeit.

Den­noch: Kein Grund für Pessimismus!

Es wird deut­lich: Die Auf­lis­tung „post­mo­der­ner Beglü­ckun­gen“ lie­ße sich lan­ge fort­füh­ren. Doch wir täten gut dar­an, des­we­gen nicht in einen fata­lis­ti­schen Kul­tur­pes­si­mis­mus und „Das wird jetzt alles immer schlimmer“-Mantras zu ver­fal­len. Euro­pa, Ost­eu­ro­pa zumal, erlebt zuneh­mend erstar­ken­de Gegen­be­we­gun­gen zu die­sem Zustand, die erkannt haben, daß Fak­to­ren wie Klar­heit, Ver­bind­lich­keit, Bin­dung und Welt­an­schau­ung, ja sogar Ideo­lo­gie nichts per se Ver­dam­mens­wer­tes sind, son­dern jene Zuta­ten dar­stel­len, die für ein erfüll­tes und sinn­vol­les Leben eben­so sehr von Bedeu­tung sind wie Lie­bes­glück oder beruf­li­cher Erfolg.

Arbei­ten wir dar­an, die­ser Erkennt­nis wie­der zu gesell­schaft­li­cher Aner­ken­nung zu verhelfen.

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Kommentare (15)

hagustaldaz

24. März 2020 10:33

Glückwunsch, Herr Sander, Sie sind auf jeden Fall eine Bereicherung des Autorenstamms.

Für die Dekadenz der sogenannten PARTEI, deren Funktionäre offenbar Klassenkasper für einen Beruf halten, ergab sich ein besonders entlarvender Beleg im letzten Oktober, als ein Vertreter dieser Gruppierung im Heidelberger Gemeinderat mit seiner Stimme den Ausschlag für eine wichtige Entscheidung gab, indem er eine Flasche "Welde-Orakel" öffnete und nachschaute, ob auf der Innenseite des Kronkorkens "Ja" oder "Nein" stand.

zeitschnur

24. März 2020 10:46

Das "Anything goes" der Postmoderne basiert logisch auf der Formel "Alles oder nichts". „Alles oder nichts“ kann als „Alles ist nichts“ verstanden werden.
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass dieses "Jeder kann alles" zu einem undeutlichen, aber dennoch quälenden "Alle können nichts" geführt hat.
Das, was jemand kann, wird maximal entwertet, und das, was man nicht oder nur ein bisschen kann, wird maximal aufgewertet.
Die starre Segregation der vormaligen "Könner" von den "Dilettanten" als Zuspitzung der Moderne war natürlich genauso problematisch. Die Versuchung, Bewertungen für Konkretes nach Unkonkretem, aber ideologisch Erzwungenem zu vergeben, ist immer groß und man fällt ihr schon immer groß zum Opfer.
Die Postmoderne tut es umso heftiger als sie dabei tatsächlich auch ein realistisches Problembewusstsein für all die Kontrakturen der Vergangenheit HAT. Das ist das Paradox. Sie betreibt das, dem sie entrinnen wollte, umso extremer und schizophrener:

Zum Beispiel des "Superstars":
DSDS baut darauf auf, dass auch wenig ausgebildete Leute von 0 auf 100 kommen können. Im Prinzip ja ein richtiger und gesunder Impuls: das Starwesen davor, das jeden, der eigentlich auch nicht schlecht ist, aber eben aus verschiedenen Gründen weder den Weg ins Rampenlicht schaffte noch vielleicht rein technisch gesehen vielleicht das Niveau erreichen konnte, niedermachte und einschüchterte und vom „Markt“ vertrieb, war hochgradig krankhaft!
Keiner der armen oder auch dreisten Vögel, die sich aber nun bei DSDS dort mehr oder weniger lächerlich machen, von einer unqualifizierten musikalischen Flasche wie Bohlen beurteilt werden, hätte es vor wenigen Jahrzehnten "weit" gebracht, aber dennoch einen respektablen und respektierten Weg gefunden, hätte vielleicht im Kirchenchor oder Gesangverein mitgesungen und wäre damit sicher glücklicher gewesen und drangeblieben, ohne Druck, ohne Starallüren, ohne öffentliche Stimmpeepshow, ohne von einem sachlichen Versager, der eigentlich überhaupt nicht dafür geeignet ist, andere zu benurteilen, öffentlich niedergemacht zu werden. Im Schutz von alten Strukturen, die bestrebt waren, jeden mitzunehmen, auch wenn nicht alle gleich waren, hätten sie, wenn sie gerne sangen, eben auch lebenslang ganz gut und gerne gesungen und wären in den Messen und Volksfesten ohne jeden Druck "aufgetreten". Der Chorleiter hätte sogar ein wenig Stimmbildung mit ihnen gemacht, sie hätten das an ihre Kinder weitergegeben, und der Gesang hätte nicht primär dem eigenen Wahn gegolten, sondern der Ehre Gottes oder der Lust der Mitmenschen, die auch alle keine Stars, sondern vielleicht die bäuerliche Gemeinschaft eines oberschwäbischen Dorfes waren. Man hätte allerhand sozial verknüpft, etwa die Mitgliedschaft in der freiwilligen Feuerwehr mit dem Gesang im Feuerwehrgesangverein.
Der fiebrige Wahn, es unter der Kategorie „alles“ nicht mehr machen zu wollen, führt bei vielen dazu, dass sie nichts mehr machen. Sie wälzen sich wie eine träge Masse durch die Tage, hängen vor dem Smartphone ab und glauben mehr als je an Stars und Könner.

Die Zahl der unqualifizierten Lobbyisten hat sich in den Institutionen vervielfacht. Leute, die eigentlich fachlich Schlusslichter sind, aber gekonnt auf politischen Implikationen der Postmoderne zu flöten verstehen, haben das gesamte Land wie ein Schimmelpilz überzogen: alles ist grau in grau, langweilig und stumpf.

Es gibt nur eines dagegen: Bewusste Ausgliederung aus diesem idiotischen Betrieb. Die Lichter leuchten außerhalb der Grauzone. Auf Dauer wird das nicht verborgen bleiben.

brueckenbauer

24. März 2020 11:37

Die Erwartung, dass alle alles können, ist wirklich ein bleibendes Problem. Dass "alle alles dürfen", ist eher ein Klischeevorwurf aus der konservativen Mottenkiste der 50er Jahre. Die Liberalisierung zwischen 1949 und 1968 dürfen wir im Grundsatz ruhig bejahen - gerade deshalb weil die Herrschenden so sehr willens sind, neue und rigide moralische Normen zu etablieren und eine "Ethokrate" - eine säkularisierte Theokratie - zu etablieren.
Das ist eine Grundfrage: Sehen wir uns als Gegner des (echten, freiheitlichen) Liberalismus an der Seite der Bolschewisten (wie tendeziell noch Arnold Gehlen)? Oder als Anhänger eines echten Liberalismus gegen die neuen Bolschewisten und ihre sich noch als "liberal" ausgebenden Über- und Mitläufer?.

brueckenbauer

24. März 2020 11:49

Um hier nicht falsch verstanden zu werden: Die Sehnsucht nach "Selbstverständlichkeiten" akzeptiere ich durchaus, als Teil der Conditio humana. Sie sollte aber durch eine Mehrzahl von privaten Gesinnungsgemeinschaften befriedigt werden, denen sich jeder freiwillig anschließen kann. Nicht durch Staat oder staatliches Recht.

Laurenz

24. März 2020 13:07

Ich entspreche zu einem sehr hohem %-Satz, also fast exakt den beschriebenen Schicksalen im Artikel im Zeitalter der sogenannten Postmoderne. Allerdings sehe ich keine echte Conclusio. Coaches gibt es mehr als zu Coachende, es gibt gefühlt mehr Musiker als Musik-Konsumenten, also mehr verkannte Genies und Sterne als Beglückte und nächtens Beleuchtete. Ich gehe davon aus, daß es aus dem heute üblichen eremitischen Dasein rührt. Nur noch oberflächliche Kontakte sind vorhanden, keine konsequenten, zur Disziplin verpflichtende. Schnellroda ist sicherlich ein gutes Beispiel. Da sind so viele Menschen, die sich alle an gewisse Regeln halten müssen, ohne das säuft die Hütte (das Gut) ab.

Wir kommen erst dann in eine der Post-Moderne folgenden Retro-Perspektive, wenn das individuelle Dasein, also die Disziplinlosigkeit nicht mehr ermöglicht werden kann, ähnlich in der ehemaligen DDR zu sehen, der Mangel verband die Menschen.
Diese Konsequenz ist für meine Generation der Geburten-starken Jahrgänge noch abwendbar. Allerdings wird meine Generation jegliche in den 60ern und 70ern erwirtschaftete Vermögens-Substanz zukünftig aufgebraucht haben, da wir schon seit mindestens 3 Jahrzehnten mehr konsumieren als produzieren. Auch für die wohlhabenderen, Luxus-verwöhnten F...up-for-Future-Jugendlichen werden absehbar andere Zeiten anbrechen. Und dann wird Bertolt Brecht Recht behalten. Heute kommt in Deutschland die Moral zuvorderst, allerdings nur im bigotten Auswuchs, weil genug Essen vorgehalten wird. Im Falle des Toilettenpapiers sind wir allerdings schon wieder in der DDR angekommen.

Imagine

24. März 2020 13:32

Wenn alle alles dürfen, aber fast alle es mangels Geld nicht können.

Zum soziologischen Schwachsinn der letzten Jahrzehnte gehörte das Gerede von der „Multioptionsgesellschaft“.

Das war so wie bei jenen Ossis, die im Westen nur die Warenfülle sahen, aber nicht, dass Zahlungsfähigkeit die Voraussetzung für Kauf und Konsum ist.

„Gleiches gilt für die Familie: Wir leben im Zeitalter der „Pluralisierung von Familienformen“ – jede Art des Zusammenlebens soll gleiche Rechte zugestanden bekommen. Auch Polyamorie ist zunehmend „in“ …“

Ja - im TV und in den Phantasien der Underdogs. Aber in der Realität?

Wer kann es sich leisten, sich scheiden zu lassen oder eine Geliebte aushalten zu können?

Polyamorie ist etwas, was heute im Rahmen einer liberalen Sexualpolitik offen praktiziert werden darf. Aber man muss es sich leisten können. So gehört zum Leben der Normalos nach wie vor die Monogamie. Schröder meinte einmal in seiner witzigen Art: „Auch bei uns gibt es Polygamie, aber nicht wie beim Islam nebeneinander, sondern hintereinander.“

Man nennt dies sequentielle Polygamie. Aber dazu muss man genügend "Strom auf der Tasche" haben, wie ein Schröder, Fischer, Matthäus, Becker usw. usf.

Wer gern sequentielle Polygamie oder Polyamorie praktizieren möchte, aber es mangels Geld nicht kann, dem bleibt psychologisch wie beim „Fuchs und die Trauben“ noch der Verdrängungsmechanismus der „Verleugnung“, indem er die Monogamie idealisiert. Psychologische Hilfe dazu gibt es auf Krankenschein.

Laurenz

24. März 2020 13:55

@zeitschnur .... nur mal so am Rande. Lassen Sie Sich nicht vom Klischee ablenken. Die UfA (über 1.000 Mitarbeiter, gehört Bertelsmann) produziert nichts zufällig. Jede Sekunde der Sendungen mit Bohlen, DSDS oder Supertalent, sind auf jede einzelne Sekunde geplant. Sie können doch musizieren. Bereiten Sie Sich genauestens vor, die Fragen, die Sie gestellt bekommen werden, sind "tricky". Und Bohlen stellt genau die Fragen, die von der Redaktion im Skript vorgegeben wurden. Ich habe das schon mal gemacht und bin tatsächlich froh direkt einen Einblick aus erster Hand bekommen zu haben. Ich kenne einen ausgebildeten Sänger, der sogar bei Bohlen weiter kam, aber einfach nicht mehr eingeladen, quasi vergessen wurde. Die Redaktion schaut weniger nach Kompetenz, sondern rein nach erzielbarer Einschaltquote. Wenn sich danach einer vom Kreuzfahrtschiff stürzt, erhöht das nur die Reichweite. Und Reichweite ist Geld.

Lotta Vorbeck

24. März 2020 14:33

@hagustaldaz - 24. März 2020 - 10:33 AM

War der Hanswurst, der meinte, von den Lumpen... äh ... Lügenmedien beklatscht, in Dresden den Nahtzieh-Notstand ausrufen zu müssen, nicht auch ein Mandatsträger der PARTEI?

Suedburgunder

24. März 2020 14:41

# Imagine

" Polyamorie ist etwas, was heute im Rahmen einer liberalen Sexualpolitik offen praktiziert werden darf. Aber man muss es sich leisten können."

Sie vergessen die ästhetische Komponente. Was nützt einem das Geld, wenn man stockhäßlich ist? Sehen Sie sich doch bloß die Grünen-Weiber an! Da führt der Weg zur Polyamorie nur über den Alkohol. Oder über einen längeren Aufenthalt im Knast.

Uwe Lay

24. März 2020 19:31

Ein guter Versuch der Zeitdiagnostik, aber es bleiben doch sehr viel Fragen offen.
1. Ist die Postmoderne begreifbar, wenn nicht zuvor die Moderne als beendete Epoche begriffen und das Spezifische der Postmoderne in ihrer Differenz zur Moderne bestimmen wird? Sonst werden, wie in diesem Essay, viele Phänomen treffend wahrgenommen, aber es fehlt der Nachweis, daß dies auch spezifisch postmoderne Phänomene sind.
2. Verkennt nicht die Kaprizierung auf die Formel des "Alles geht", des Relativismus und der Beliebigkeit, daß zwischen der negierenden und der konstruktiven Seite zu unterscheiden ist, daß eben die alte modern-bürgerliche Ordnung aufgelöst wird, das ist das Relativistische und daß eine andere Ordnung wieder etabliert wird, die selbst wieder wie jede zwischen erlaubt und unerlaubt unterscheidet. So galt einst die praktizierte Homosexualität als unmoralisch, jetzt gilt es als unmoralisch, sie zu kritisieren. Die alten Ordnungen der
Ehe, der Familie, des Volkes und des Nationalstaates gelten nun als zu Destruierendes, um eine neue Ordnung zu etablieren, die der Einheitswelt von atomisierten Einzelmenschen.

Eine These zum Abschluß: Nach dem Untergang des christlich geprägten Abendlandes mit dem Ausgang des 1. Weltkrieges, begann die Zeit der Weltanschauungskämpfe (als Ersatz für die christliche Religion als die öffentliche Europas) zwischen Sozialismus/Kommunismus und Faschismus /Nationalsozialismus und Liberalismus. Der Sieg der liberalen Ideologie markiert den Anfang der Etablierung der neuen postmodernen Ordnung (Dugin), die nun selbst wieder illiberal werden muß, um ihre Herrschaft zu stabilisieren, das ist diePolitische Korrektheitsideologie.

Kriemhild

24. März 2020 20:10

Das war doch nicht etwa ein versteckter Appell an das Kommentariat, sich nicht selbst für wichtiger und in jedem Falle genialer zu halten als die Autoren selbst?

Ottokar Vondrejc

24. März 2020 21:00

Alles gut und schön, aber mir fehlt doch sehr eindeutig der Mehrwert in dem Artikel.

Gracchus

24. März 2020 23:03

Finde ich ganz gut, was Sander schreibt. Der erwähnte Luhmann hat die Postmoderne glatt geleugnet (als brauchbaren Begriff), aus seiner Theorie heraus verständlich. Wie Sander ja sagt, ist der Begriff so unbestimmt wie das Phänomen, das er beschreiben soll. Ursprünglich kommt er m. W. aus der Architektur und ist also ästhetisch gemünzt und feiert die Abkehr von einem modernen Purismus und die Hinwendung zu spielerischen Formen und zu einem Nebeneinander, hat also etwas Barockes oder Romantisches (schon Tristram Shandy oder Don Quijote tragen typische Merkmale postmoderner Literatur). Man könnte vom Sieg der Romantik über den Rationalismus sprechen. Dieses Nebeneinander - wo der Rationalist einen Haufen unvereinbarer Widersprüche sieht - kann man durchaus positiv verbuchen. Negativ: dass zum Beispiel die Dauerironie schal wird - ein Ausweichen vor dem Ernst. Das "Anything goes" kann man auch als "Rien ne va plus" erleben.

quarz

24. März 2020 23:55

Ich nutze es seit langem als Intelligenzkriterium, das zuverlässig die Spreu vom Weizen trennt: ob jemand ein postmodernes Weltbild als brauchbaren Kompass zur Verortung seiner selbst in der Welt oder auch nur als logisch mögliche Beschreibung dieser Welt ansieht oder nicht. Dass die DNA der Postmoderne, der totale Relativismus, intellektuell nicht belastbar ist, sollte jedem klar sein, der sich zum Weizen zählt. Von Bertrand Russell stammt die spöttische Bemerkung: „Es gibt eine Sorte ungemein überlegener Menschen, die gern versichern, alles sei relativ. Das ist natürlich Unsinn, denn wenn alles relativ wäre, gäbe es nichts, wozu es relativ sein könnte.“ Dieser Verweis auf das Scheitern der Idee an ihren Voraussetzungen ist keine Haarspalterei, sondern der Hinweis darauf, dass der Pudel einen Kern hat. Es bedarf einigen Aufwandes an geistiger Vernebelung, um sein Vorhandensein vor dem einigermaßen klaren Verstand zu verbergen.

Aber auch die, denen es an Urteilskraft mangelt, ahnen es. Ein allumfassendes Belassen im Ungefähren und relativ aufeinander Bezogenen, wie es ein durchgängig postmoderner Zeitgeist vorsähe, würde eine allgemeine Schlaffheit der Affekte nach sich ziehen. Indes: wir beobachten eine aggressive Gereiztheit bei den regierenden Instanzen, sobald sich Kontrapositionen in Stellung bringen. Keine Spur von entspanntem Geltenlassen im Spektrum all der „in ihrer Subjektivität je gültigen Perspektiven“. Nein, eher gleicht der bestimmende Affekt in dieser Situation dem eines nervösen Raubtieres, das – halb zögernd noch, halb drängend schon - den Angriff vorbereitet, weil ihm der Fluchtweg versperrt ist. Das hat so gar nichts von dem postmodernen Aquarell der Weltentwürfe, das uns jahrzehntelang ironisch gelangweilte Feuilletonisten in die Sonntagsausgaben gepinselt haben, das ist im Gegenteil eine Bewandtnis von archaischer Deutlichkeit. Und was denn anderes stiftet hier die treibende Unruhe als die Ahnung, dass die seichte Posse des postmodernen Relativismus ein Intermezzo war, dem etwas Beunruhigendes folgen wird?

Mendalion

25. März 2020 11:50

Was unterscheidet Kulturmarxismus von der Postmoderne?

Ich habe den Beitrag mit Interesse gelesen. Aber mir ist nicht ganz klar, worin sich diese Postmoderne nun genau von der kulturell-linken Ideologie unterscheidet, die von verschiedener Seite mit unterschiedlichen Begriffen – u. a. "Neomarxismus,", "Kulturmarxismus", "linksgrün", "Idenitäts-Linke"– benannt wurde.

Die Charakterisierung der Postmoderne trifft ziemlich genau auch auf den Kulturmarxismus zu. Ich hätte zunächst angenommen, es handele sich beim Artikel nur um eine Beschreibung des Kulturmarxismus unter anderem Namen. Aber dann gibt es doch Stellen im Artikel, wie die folgende, die doch vom Kulturmarxismus deutlich abweichen.

"Wer nur noch Postillon und Titanic liest, wer nur noch DIE PARTEI wählt, wer selbstgerecht schmunzelnd „über allem“ steht und nichts mehr ernst nimmt, an nichts mehr glaubt, von nichts mehr überzeugt ist, nicht mehr staunen kann und von allem schnell gelangweilt ist, der kann sich sicher sein, dass er vollends in der Postmoderne angekommen ist – in einer Welt, in der nichts mehr „wahr“ ist, in der Konstruktivismus das Leitprinzip ist, in der tendenziell alles relativ und auswechselbar ist."

Die Vertreter des Kulturmarxismus halten ja viele Dinge für ausgesprochen wahr. Kennzeichend für viele Vertreter des Kulturmarxismus ist es ja gerade, dass sie ihre Positionen absolut setzen und als einzige, auch als die einzig moralische Wahrheit betrachten, und jede Abweichung von ihren Positionen als falsch und unmoralisch dämonisieren.

Ihre absolute Zuspitzung findet der Kulturmarxismus auch nicht in Gruppen wie "DIEPARTEI", sondern in der ANTIFA.

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