24. März 2020

Wenn alle alles können und dürfen sollen

Gastbeitrag / 15 Kommentare

Florian Sander wird fortan regelmäßig Artikel beisteuern. Sein Einstiegstext widmet sich der Postmoderne als Auflösung von Grenzen jeder Art.

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  • Sezession

Die Bedeutung des Begriffes der „Postmoderne“ ist bereits durch die Problematik ersichtlich, die sich um ihn rankt.

Oft wird ihm vorgeworfen, zu unbestimmt zu sein: Niemand wisse so recht, was das denn eigentlich sein soll. Kurios ist hierbei nun die Tatsache, daß es gerade die gesellschaftliche Unbestimmtheit ist, die dieser Begriff – u. a. – zum Ausdruck zu bringen versucht. Es richtet sich also quasi die eigene, ihm inhärente Kritik gegen ihn selbst: Dem Terminus, der die allgemeine Unbestimmtheit problematisiert und damit bestimmt (was ja an sich schon paradox wirkt), wird seine eigene Unbestimmtheit zum Vorwurf gemacht (was es noch paradoxer macht). Quasi eine Paradoxie zweiter Ordnung. Doch ehe wir nun der Verlockung erliegen, uns in abstrakt paradoxen Pointen zu verlieren, werden wir mal etwas konkreter.

Nun braucht man den besagten Begriff nicht, um schon mal eine Feststellung vorwegzunehmen: Die heutige Gesellschaft ist komplexer und dadurch auch, normativer gesprochen, komplizierter geworden. Über das, was Niklas Luhmann „funktionale Differenzierung“ genannt hat, hat sich für das Individuum das Erfordernis ergeben, in seinem Leben auf mehreren Hochzeiten zu tanzen. Von erwarteter Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt abgesehen – einer Erwartung, der viele es nicht schaffen nachzukommen, was zuweilen in Arbeitslosigkeit, und, darauf aufbauend, in Deprivation, Depression und mehr münden kann – muß das Individuum von heute im Gegensatz zu jenem von früher einer Vielzahl sozialer Rollen genügen.

  • Familie und Beruf müssen vereinbar sein.
  • Die Geschlechterrollen nähern sich an und werden unübersichtlicher und ungewisser (Kontingenz).
  • Der Mann darf nicht mehr Macho sein, aber nur noch Softie ist auch nicht gut.
  • Die Frau soll kein Hausmütterchen mehr sein und emanzipiert sein, aber zu viel Männlichkeit macht sie zum drachenartigen Männerschreck.

Unklare Rollenerwartungen

Die Postmoderne blitzt auf: Irgendwie ist nichts mehr richtig klar. Soziale Rollenerwartungen werden komplexer oder brechen ganz weg, je mehr kollektive gesellschaftliche Erwartungen (wie etwa konservative Werte) an Einfluß verlieren und je mehr individualistische Vorstellungen sich durchsetzen.

Wo das Individuum mehr entscheidet, gibt es zwar mehr individuelle Freiheit, aber auch weniger Berechenbarkeit und mehr Ungewißheit. Eine Unsicherheit, die sich in vielen sozialen Bereichen manifestiert: Seien es die oben genannten Geschlechterrollen, deren Unübersichtlichkeit das Single-Phänomen fördert, da zunehmend Männer wie Frauen mit der Herausforderung ringen, ihre eigene Rolle in jetzigen oder künftigen Liebes- und Flirt-Systemen – selbstständig – zu finden und zu definieren, was einem ständigen Kampf gleicht, bei dem einem nicht einmal die Massenmedien oder Internet-Blogs helfen können, weil die sich ständig widersprechen – und der auf Dauer sehr einsam machen kann.

Oder seien es Rollenerwartungen, was die berufliche Zukunft angeht: Wo alles offen ist, wo keine kollektiven Werte mehr Grenzen setzen, da ist die Fantasie grenzenlos. Und die wiederum wird medial angeregt: Das Fernsehen und mit ihm das Internet sind voll von postmodernen Teenie-Vorbildern, denen tausende von Pubertierende jährlich nacheifern wollen, indem sie „Superstar“ oder „Model“ zum Berufswunsch machen.

Doch wo die Erwartungen in die Höhe schießen, da ist am Ende der Fall tief und die Enttäuschung groß: Irgendwann kommt die große Ernüchterung, wenn man plötzlich merkt, dass es doch „nur“ auf eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin hinausläuft. Was vergangene Generationen als relativ normal hingenommen haben – sprich: im Zuge familiärer Herkunft auf eine bestimmte soziale Rolle frühzeitig festgelegt zu werden – ist für die heutige Generation bereits der erste Tiefpunkt im Leben, die erste Enttäuschung, die erste Verletzung, die erste Narbe auf der Seele, weil die Erwartungen zuvor so anders waren.

Ein Wettbewerb, in dem nicht jeder mithalten kann

Der nächste postmoderne Problemkomplex in Sachen Arbeit wartet oft bereits wenig später: Diesmal nicht in Form massenmedial gesteigerter Erwartungen und daraus generierter Enttäuschung, sondern im Zuge des kapitalistischen Arbeitsmarktes, der der heutigen Generation wiederum etwas nimmt, was ihren Vorgängern als selbstverständlich erschien: Berufliche Sicherheit und die Gewißheit, mehr oder weniger ein Leben lang in einem Beruf zu arbeiten.

Eine Sicherheit, die sogar schichtübergreifend fehlt, sofern man nicht gerade verbeamtet wurde: Die berufliche Ungewißheit trifft den Arbeiter wie den Abteilungsleiter oder auch den Wissenschaftler gleichermaßen. Wer in dem Kampf bestehen will, muss sich als zeitlich flexibel und darüber hinaus mobil und streßresistent erweisen – ein Wettbewerb, in dem nicht jeder mithalten kann. Und die, die mithalten können, können es mitunter nicht dauerhaft, zumal neben alldem ja auch Freundeskreis, Partnerschaft und Familie bzw. Familiengründung nicht zu kurz kommen sollen. Manch einer bezahlt hierfür mit dem bitteren Preis des Burnout-Syndroms oder verwandter Erkrankungen, die man guten Gewissens als eine Art postmoderne Symptomatik der Mikro-Ebene bezeichnen kann.

Doch bei der Arbeit macht das postmoderne Gespenst nicht Halt. Oben haben wir bereits einen Blick auf die Auswirkungen auf das Liebesleben geworfen, die aus der Diffusität rund um die Erwartungen zur Geschlechterrolle resultieren. Nicht zu vernachlässigen ist hier auch das „Disney“-Phänomen: Wir wachsen auf mit kulturindustriell geförderten Liebesidealen, die so groß sind, so gewaltig, die so hoch hinaus wachsen, daß wir sie im realen Leben kaum erfüllen können.

Das postmoderne Liebesideal gleicht der Liebesbeziehung in einem Disney-Film, in dem der oder die andere stets der perfekte „Traumpartner“ ist – und dies natürlich ein Leben lang. Liebe wird demnach zu einem Selbstzweck, zu einem autopoietischen System, das von konservativen Rollenerwartungen getrennt wurde und keinem anderen Zweck mehr dient – und gerade dadurch zu einem nahezu unerfüllbaren Ideal wird, dem – zumal unter den oben beschriebenen Umständen – kaum jemand in Gänze genügen kann. Das Resultat: weitere Enttäuschung.

Auch im religiösen Bereich erleben wir ein Ende der Gewißheiten. Weite Teile des Christentums in Deutschland sind zu vor allem moralpredigenden Sonntagsredenfestveranstaltungen mutiert, denen man allenfalls mit halbem Ohr zuhört, während man auf das Abendprogramm des Fernsehens wartet, und das allenfalls noch an den üblichen Festtagen ein wenig besinnliche Stimmung liefert, gewissermaßen als institutionelle Erweiterung des Lamettas an Weihnachtsbaum. Doch früher war eben nicht nur „mehr Lametta“ (Loriot), sondern auch mehr Religion – und dadurch u. a. auch mehr Berechenbarkeit.

Alles ist relativ

Im politischen Feld erleben wir das Ende der Gewissheiten gerade in Deutschland besonders eindringlich. Das Schwinden der Stammwähler von Parteien kostet inzwischen besonders die ehemaligen Volksparteien CDU und SPD massenweise Prozente. Der postmoderne Wähler entscheidet nicht mehr nach grundlegender ideologischer oder sozialer Verortung, sondern nach kurzfristiger Interessenlage, thematischen Prioritäten und oft genug auch nach Personen. Nichts ist mehr gewiß für die Parteienlandschaft – sogar so weit, dass sich nach Jahrzehnten der Stabilität plötzlich neue Parteien wie die AfD etablieren und ehemals etablierte wie die FDP für einige Zeit aus dem Bundestag ausscheiden mussten.

Die Politik in Deutschland spiegelt diese Kontingenz ihrerseits nahezu perfekt zurück. Die Person Angela Merkel ist buchstäblich eine Verkörperung der Postmoderne: Eine Kanzlerin, die morgen das komplette Gegenteil von dem vertreten kann, was sie gestern oder heute gesagt oder getan hat – und dies, ohne daß es jemand wundern würde!

Das Fehlen jeglicher Ideologie macht die Bundeskanzlerin und mittlerweile auch ihre erfolgreich in die gleiche Richtung transformierte CDU zu einem politischen Phänomen, das gerade dadurch überlebt, daß jeder alles in sie hineininterpretieren kann und dem Bedürfnis des postmodernen Volkes nach Unbestimmtheit Genüge getan wird. Jeder ideologisch stärker verortete Kanzler stünde unter dem Verdacht allzu großer Verbindlichkeit. Nicht so Angela Merkel: Mutti kann – buchstäblich – alles. Sie erfüllt jedes Bedürfnis jederzeit. Niemand kann sie „festnageln“. Wie die Postmoderne.

Entzauberung der Welt

Merkmal postmodernen Denkens ist die Loslösung von Bindungen im Zuge von Rationalisierung und „Verkopfung“; einem schon Jahrhunderte andauernden, aber auch noch in den letzten Jahrzehnten weiter fortgeschrittenen Prozess, den der Soziologe Max Weber die „Entzauberung der Welt“ genannt hat. Man ist rational, man ist pragmatisch, man ist un-ideologisch. Man löst sich von vermeintlich „ewiggestrigen“ patriotischen Bindungen zu seinem Heimatland, weil man sie ja nicht sachlich erklären kann. Höchstens beim Fußball fiebert man noch etwas mit, ansonsten ist man höchstens „Verfassungspatriot“, weil man mit dem Grundgesetz ja etwas zur Hand hat, womit man seine Bindung rationalisieren kann. Ansonsten ist alles relativ. So wie Angela Merkels Kanzlerschaft, die sie aus nahezu jeder der etablierten Parteien heraus hätte ausüben können.

Gleiches gilt für die Familie: Wir leben im Zeitalter der „Pluralisierung von Familienformen“ – jede Art des Zusammenlebens soll gleiche Rechte zugestanden bekommen. Auch Polyamorie ist zunehmend „in“ – in der Liebe wird die postmoderne ADHS-Gesellschaft sichtbar, die nicht mehr imstande ist, sich dauerhaft verbindlich festzulegen und zu fokussieren. Alles muss jederzeit immer frei verfügbar sein.

Die Grenzen von Nationalstaaten sollen fallen, zugunsten freier globaler Migration, nur noch bestimmt durch ökonomische Bedarfe. Staatsbürgerschaften: Warum nicht gleich mehrere nebeneinander? Alles ist gleich viel wert, nichts hat mehr Priorität, nichts muss mehr endgültig und verbindlich entschieden werden. Ein einziges großes Einerlei, das nur noch von der Frage „Was dient wann und wie welchem kurzfristigen Zweck?“ gesteuert wird.

Ihre absolute Zuspitzung findet die politische Postmoderne in der „PARTEI“: Eine (un-)politische Organisation, die sich selbst als völlig satirisch begreift, die alles (!) satirisch beobachtet, die ausschließlich ironisiert, die nichts mehr ernst meint – und die dennoch in reale Parlamente gewählt wird. Wer nur noch Postillon und Titanic liest, wer nur noch DIE PARTEI wählt, wer selbstgerecht schmunzelnd „über allem“ steht und nichts mehr ernst nimmt, an nichts mehr glaubt, von nichts mehr überzeugt ist, nicht mehr staunen kann und von allem schnell gelangweilt ist, der kann sich sicher sein, dass er vollends in der Postmoderne angekommen ist – in einer Welt, in der nichts mehr „wahr“ ist, in der Konstruktivismus das Leitprinzip ist, in der tendenziell alles relativ und auswechselbar ist. Eine Sparte, in die – auf subkultureller Ebene – übrigens auch das Hipster-Phänomen fällt.

Die postmoderne Version vom alten Volksmärchen

Die kollektive Erwartungslosigkeit, die der Individualismus zur Folge hat, resultiert in einer Art „Erwartung, daß das Individuum von sich selbst alles erwartet“ – und dann eben auch wirklich alles. Hier erleben wir nun eine Seite der Postmoderne, die sich einem erst darbietet, wenn man die oben beschriebenen Prämissen mit einigen Beispielen für aktuelle Zeitgeist-Phänomene verknüpft: Wo alles auswechselbar ist, wo alles wahr sein kann, wo das Individuum alles ist, da muß auch jeder alles aus sich machen, also selbstoptimieren können – und versagt, wenn er das nicht tut. Womit wiederum die Enttäuschung und im schlimmsten Fall der Sturz in die psychische Krankheit perfekt ist.

Ein Beispiel dafür ist die – gerade infolge des Aufkommens der sozialen Netzwerke blühende – Welt der "Coaches", der "Motivational Speaker" und der Fitnesstrainer, die gerade heutzutage und im Internet ihre Hochphase hat. Weite Teile von Facebook etwa bestehen aus der Verlinkung von Artikeln nach dem Muster: "Dieser Frau widerfuhr ein furchtbarer Schicksalsschlag. Was sie dann aus sich machte, wird dich umhauen!".

Stories nach diesem Muster sind die postmoderne Version von alten Volksmärchen. Wo früher Hänsel und Gretel erfolgreich dem Hexenkochtopf entkamen, betreiben heute die Protagonisten von derlei Stories und allerlei Instagram-und YouTube-Selbstdarstellungen Selbstoptimierung und "Motivation" für andere. Die heutige Welt giert geradezu nach jenen Wundergeschichten, in denen sich Leute in schwierigen Umständen selber optimiert und "attraktiv" gemacht haben, sich wieder mainstreamfähig gemacht haben – und im besten Falle noch, die eigene soziale Selbstdarstellung ökonomisierend, dies nutzen, um andere zu "motivieren", es ihnen nachzumachen. Du bist todkrank und hast noch 3 Monate zu leben? Hey, was soll's, du kannst damit immer noch YouTube-Star werden und für die Weiterlebenden „inspirational“ sein! "Geht nicht" gibt's nicht! No excuses! – Der Habitus eines Sportlehrers oder eines Fitneßtrainers als Paradigma einer Gesellschaft.

Alle sollen alles können, jederzeit

Die Postmoderne drückt sich darin ebenso aus wie im besagten Berufswunsch „Superstar“: Es soll keine Grenzen mehr geben, für niemanden. Alle sollen alles können, jederzeit. Alle sollen schön, reich, glücklich sein. Und selbst der, dem es schlecht geht, soll das mittels sozialer Netzwerke umdrehen und sich selbstoptimieren, sich fit für die postmoderne, individualismusbasierte Gesellschaftserwartung machen können.

Eine Erwartung, der nachzukommen vielen nicht nur nicht gelingt, sondern auch eine, die im schlimmsten Falle krank macht. Menschen beobachten sich und ihre soziale Umwelt auch über Unterscheidung und über den Vergleich: Das Wissen um den eigenen (Selbst-)Wert entsteht in diesem Fall aus dem Maßstab, den andere gesetzt haben. Es bedarf nicht viel Fantasie dafür, sich vorzustellen, wie jemand, der auf diese Weise beobachtet, womöglich auf das Beispiel eines Menschen reagiert, der sich online mitsamt der Bewältigung aller möglichen Herausforderungen präsentiert, die er trotz Widrigkeiten gemeistert hat: Nicht motiviert, sondern bedrückt durch die Frage „Wieso schafft der / die trotzdem so viel – und ich nicht?“.

Die (vielleicht sogar gut gemeinte) Motivation vermag dann allzu schnell nach hinten loszugehen, gerade auch aufgrund der vielfältigen Beobachtungs- und dadurch Vergleichsmöglichkeiten des Massenmediums Internet, die damit ein weiteres Symptom der Postmoderne abbilden: Leistungserwartung durch zunehmende Beobachtbarkeit und dadurch Vergleichbarkeit.

Dennoch: Kein Grund für Pessimismus!

Es wird deutlich: Die Auflistung „postmoderner Beglückungen“ ließe sich lange fortführen. Doch wir täten gut daran, deswegen nicht in einen fatalistischen Kulturpessimismus und „Das wird jetzt alles immer schlimmer“-Mantras zu verfallen. Europa, Osteuropa zumal, erlebt zunehmend erstarkende Gegenbewegungen zu diesem Zustand, die erkannt haben, daß Faktoren wie Klarheit, Verbindlichkeit, Bindung und Weltanschauung, ja sogar Ideologie nichts per se Verdammenswertes sind, sondern jene Zutaten darstellen, die für ein erfülltes und sinnvolles Leben ebenso sehr von Bedeutung sind wie Liebesglück oder beruflicher Erfolg.

Arbeiten wir daran, dieser Erkenntnis wieder zu gesellschaftlicher Anerkennung zu verhelfen.


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  • Sezession

Kommentare (15)

hagustaldaz

24. März 2020 10:33

Glückwunsch, Herr Sander, Sie sind auf jeden Fall eine Bereicherung des Autorenstamms.

Für die Dekadenz der sogenannten PARTEI, deren Funktionäre offenbar Klassenkasper für einen Beruf halten, ergab sich ein besonders entlarvender Beleg im letzten Oktober, als ein Vertreter dieser Gruppierung im Heidelberger Gemeinderat mit seiner Stimme den Ausschlag für eine wichtige Entscheidung gab, indem er eine Flasche "Welde-Orakel" öffnete und nachschaute, ob auf der Innenseite des Kronkorkens "Ja" oder "Nein" stand.

zeitschnur

24. März 2020 10:46

Das "Anything goes" der Postmoderne basiert logisch auf der Formel "Alles oder nichts". „Alles oder nichts“ kann als „Alles ist nichts“ verstanden werden.
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass dieses "Jeder kann alles" zu einem undeutlichen, aber dennoch quälenden "Alle können nichts" geführt hat.
Das, was jemand kann, wird maximal entwertet, und das, was man nicht oder nur ein bisschen kann, wird maximal aufgewertet.
Die starre Segregation der vormaligen "Könner" von den "Dilettanten" als Zuspitzung der Moderne war natürlich genauso problematisch. Die Versuchung, Bewertungen für Konkretes nach Unkonkretem, aber ideologisch Erzwungenem zu vergeben, ist immer groß und man fällt ihr schon immer groß zum Opfer.
Die Postmoderne tut es umso heftiger als sie dabei tatsächlich auch ein realistisches Problembewusstsein für all die Kontrakturen der Vergangenheit HAT. Das ist das Paradox. Sie betreibt das, dem sie entrinnen wollte, umso extremer und schizophrener:

Zum Beispiel des "Superstars":
DSDS baut darauf auf, dass auch wenig ausgebildete Leute von 0 auf 100 kommen können. Im Prinzip ja ein richtiger und gesunder Impuls: das Starwesen davor, das jeden, der eigentlich auch nicht schlecht ist, aber eben aus verschiedenen Gründen weder den Weg ins Rampenlicht schaffte noch vielleicht rein technisch gesehen vielleicht das Niveau erreichen konnte, niedermachte und einschüchterte und vom „Markt“ vertrieb, war hochgradig krankhaft!
Keiner der armen oder auch dreisten Vögel, die sich aber nun bei DSDS dort mehr oder weniger lächerlich machen, von einer unqualifizierten musikalischen Flasche wie Bohlen beurteilt werden, hätte es vor wenigen Jahrzehnten "weit" gebracht, aber dennoch einen respektablen und respektierten Weg gefunden, hätte vielleicht im Kirchenchor oder Gesangverein mitgesungen und wäre damit sicher glücklicher gewesen und drangeblieben, ohne Druck, ohne Starallüren, ohne öffentliche Stimmpeepshow, ohne von einem sachlichen Versager, der eigentlich überhaupt nicht dafür geeignet ist, andere zu benurteilen, öffentlich niedergemacht zu werden. Im Schutz von alten Strukturen, die bestrebt waren, jeden mitzunehmen, auch wenn nicht alle gleich waren, hätten sie, wenn sie gerne sangen, eben auch lebenslang ganz gut und gerne gesungen und wären in den Messen und Volksfesten ohne jeden Druck "aufgetreten". Der Chorleiter hätte sogar ein wenig Stimmbildung mit ihnen gemacht, sie hätten das an ihre Kinder weitergegeben, und der Gesang hätte nicht primär dem eigenen Wahn gegolten, sondern der Ehre Gottes oder der Lust der Mitmenschen, die auch alle keine Stars, sondern vielleicht die bäuerliche Gemeinschaft eines oberschwäbischen Dorfes waren. Man hätte allerhand sozial verknüpft, etwa die Mitgliedschaft in der freiwilligen Feuerwehr mit dem Gesang im Feuerwehrgesangverein.
Der fiebrige Wahn, es unter der Kategorie „alles“ nicht mehr machen zu wollen, führt bei vielen dazu, dass sie nichts mehr machen. Sie wälzen sich wie eine träge Masse durch die Tage, hängen vor dem Smartphone ab und glauben mehr als je an Stars und Könner.

Die Zahl der unqualifizierten Lobbyisten hat sich in den Institutionen vervielfacht. Leute, die eigentlich fachlich Schlusslichter sind, aber gekonnt auf politischen Implikationen der Postmoderne zu flöten verstehen, haben das gesamte Land wie ein Schimmelpilz überzogen: alles ist grau in grau, langweilig und stumpf.

Es gibt nur eines dagegen: Bewusste Ausgliederung aus diesem idiotischen Betrieb. Die Lichter leuchten außerhalb der Grauzone. Auf Dauer wird das nicht verborgen bleiben.

brueckenbauer

24. März 2020 11:37

Die Erwartung, dass alle alles können, ist wirklich ein bleibendes Problem. Dass "alle alles dürfen", ist eher ein Klischeevorwurf aus der konservativen Mottenkiste der 50er Jahre. Die Liberalisierung zwischen 1949 und 1968 dürfen wir im Grundsatz ruhig bejahen - gerade deshalb weil die Herrschenden so sehr willens sind, neue und rigide moralische Normen zu etablieren und eine "Ethokrate" - eine säkularisierte Theokratie - zu etablieren.
Das ist eine Grundfrage: Sehen wir uns als Gegner des (echten, freiheitlichen) Liberalismus an der Seite der Bolschewisten (wie tendeziell noch Arnold Gehlen)? Oder als Anhänger eines echten Liberalismus gegen die neuen Bolschewisten und ihre sich noch als "liberal" ausgebenden Über- und Mitläufer?.

brueckenbauer

24. März 2020 11:49

Um hier nicht falsch verstanden zu werden: Die Sehnsucht nach "Selbstverständlichkeiten" akzeptiere ich durchaus, als Teil der Conditio humana. Sie sollte aber durch eine Mehrzahl von privaten Gesinnungsgemeinschaften befriedigt werden, denen sich jeder freiwillig anschließen kann. Nicht durch Staat oder staatliches Recht.

Laurenz

24. März 2020 13:07

Ich entspreche zu einem sehr hohem %-Satz, also fast exakt den beschriebenen Schicksalen im Artikel im Zeitalter der sogenannten Postmoderne. Allerdings sehe ich keine echte Conclusio. Coaches gibt es mehr als zu Coachende, es gibt gefühlt mehr Musiker als Musik-Konsumenten, also mehr verkannte Genies und Sterne als Beglückte und nächtens Beleuchtete. Ich gehe davon aus, daß es aus dem heute üblichen eremitischen Dasein rührt. Nur noch oberflächliche Kontakte sind vorhanden, keine konsequenten, zur Disziplin verpflichtende. Schnellroda ist sicherlich ein gutes Beispiel. Da sind so viele Menschen, die sich alle an gewisse Regeln halten müssen, ohne das säuft die Hütte (das Gut) ab.

Wir kommen erst dann in eine der Post-Moderne folgenden Retro-Perspektive, wenn das individuelle Dasein, also die Disziplinlosigkeit nicht mehr ermöglicht werden kann, ähnlich in der ehemaligen DDR zu sehen, der Mangel verband die Menschen.
Diese Konsequenz ist für meine Generation der Geburten-starken Jahrgänge noch abwendbar. Allerdings wird meine Generation jegliche in den 60ern und 70ern erwirtschaftete Vermögens-Substanz zukünftig aufgebraucht haben, da wir schon seit mindestens 3 Jahrzehnten mehr konsumieren als produzieren. Auch für die wohlhabenderen, Luxus-verwöhnten F...up-for-Future-Jugendlichen werden absehbar andere Zeiten anbrechen. Und dann wird Bertolt Brecht Recht behalten. Heute kommt in Deutschland die Moral zuvorderst, allerdings nur im bigotten Auswuchs, weil genug Essen vorgehalten wird. Im Falle des Toilettenpapiers sind wir allerdings schon wieder in der DDR angekommen.

Imagine

24. März 2020 13:32

Wenn alle alles dürfen, aber fast alle es mangels Geld nicht können.

Zum soziologischen Schwachsinn der letzten Jahrzehnte gehörte das Gerede von der „Multioptionsgesellschaft“.

Das war so wie bei jenen Ossis, die im Westen nur die Warenfülle sahen, aber nicht, dass Zahlungsfähigkeit die Voraussetzung für Kauf und Konsum ist.

„Gleiches gilt für die Familie: Wir leben im Zeitalter der „Pluralisierung von Familienformen“ – jede Art des Zusammenlebens soll gleiche Rechte zugestanden bekommen. Auch Polyamorie ist zunehmend „in“ …“

Ja - im TV und in den Phantasien der Underdogs. Aber in der Realität?

Wer kann es sich leisten, sich scheiden zu lassen oder eine Geliebte aushalten zu können?

Polyamorie ist etwas, was heute im Rahmen einer liberalen Sexualpolitik offen praktiziert werden darf. Aber man muss es sich leisten können. So gehört zum Leben der Normalos nach wie vor die Monogamie. Schröder meinte einmal in seiner witzigen Art: „Auch bei uns gibt es Polygamie, aber nicht wie beim Islam nebeneinander, sondern hintereinander.“

Man nennt dies sequentielle Polygamie. Aber dazu muss man genügend "Strom auf der Tasche" haben, wie ein Schröder, Fischer, Matthäus, Becker usw. usf.

Wer gern sequentielle Polygamie oder Polyamorie praktizieren möchte, aber es mangels Geld nicht kann, dem bleibt psychologisch wie beim „Fuchs und die Trauben“ noch der Verdrängungsmechanismus der „Verleugnung“, indem er die Monogamie idealisiert. Psychologische Hilfe dazu gibt es auf Krankenschein.

Laurenz

24. März 2020 13:55

@zeitschnur .... nur mal so am Rande. Lassen Sie Sich nicht vom Klischee ablenken. Die UfA (über 1.000 Mitarbeiter, gehört Bertelsmann) produziert nichts zufällig. Jede Sekunde der Sendungen mit Bohlen, DSDS oder Supertalent, sind auf jede einzelne Sekunde geplant. Sie können doch musizieren. Bereiten Sie Sich genauestens vor, die Fragen, die Sie gestellt bekommen werden, sind "tricky". Und Bohlen stellt genau die Fragen, die von der Redaktion im Skript vorgegeben wurden. Ich habe das schon mal gemacht und bin tatsächlich froh direkt einen Einblick aus erster Hand bekommen zu haben. Ich kenne einen ausgebildeten Sänger, der sogar bei Bohlen weiter kam, aber einfach nicht mehr eingeladen, quasi vergessen wurde. Die Redaktion schaut weniger nach Kompetenz, sondern rein nach erzielbarer Einschaltquote. Wenn sich danach einer vom Kreuzfahrtschiff stürzt, erhöht das nur die Reichweite. Und Reichweite ist Geld.

Lotta Vorbeck

24. März 2020 14:33

@hagustaldaz - 24. März 2020 - 10:33 AM

War der Hanswurst, der meinte, von den Lumpen... äh ... Lügenmedien beklatscht, in Dresden den Nahtzieh-Notstand ausrufen zu müssen, nicht auch ein Mandatsträger der PARTEI?

Suedburgunder

24. März 2020 14:41

# Imagine

" Polyamorie ist etwas, was heute im Rahmen einer liberalen Sexualpolitik offen praktiziert werden darf. Aber man muss es sich leisten können."

Sie vergessen die ästhetische Komponente. Was nützt einem das Geld, wenn man stockhäßlich ist? Sehen Sie sich doch bloß die Grünen-Weiber an! Da führt der Weg zur Polyamorie nur über den Alkohol. Oder über einen längeren Aufenthalt im Knast.

Uwe Lay

24. März 2020 19:31

Ein guter Versuch der Zeitdiagnostik, aber es bleiben doch sehr viel Fragen offen.
1. Ist die Postmoderne begreifbar, wenn nicht zuvor die Moderne als beendete Epoche begriffen und das Spezifische der Postmoderne in ihrer Differenz zur Moderne bestimmen wird? Sonst werden, wie in diesem Essay, viele Phänomen treffend wahrgenommen, aber es fehlt der Nachweis, daß dies auch spezifisch postmoderne Phänomene sind.
2. Verkennt nicht die Kaprizierung auf die Formel des "Alles geht", des Relativismus und der Beliebigkeit, daß zwischen der negierenden und der konstruktiven Seite zu unterscheiden ist, daß eben die alte modern-bürgerliche Ordnung aufgelöst wird, das ist das Relativistische und daß eine andere Ordnung wieder etabliert wird, die selbst wieder wie jede zwischen erlaubt und unerlaubt unterscheidet. So galt einst die praktizierte Homosexualität als unmoralisch, jetzt gilt es als unmoralisch, sie zu kritisieren. Die alten Ordnungen der
Ehe, der Familie, des Volkes und des Nationalstaates gelten nun als zu Destruierendes, um eine neue Ordnung zu etablieren, die der Einheitswelt von atomisierten Einzelmenschen.

Eine These zum Abschluß: Nach dem Untergang des christlich geprägten Abendlandes mit dem Ausgang des 1. Weltkrieges, begann die Zeit der Weltanschauungskämpfe (als Ersatz für die christliche Religion als die öffentliche Europas) zwischen Sozialismus/Kommunismus und Faschismus /Nationalsozialismus und Liberalismus. Der Sieg der liberalen Ideologie markiert den Anfang der Etablierung der neuen postmodernen Ordnung (Dugin), die nun selbst wieder illiberal werden muß, um ihre Herrschaft zu stabilisieren, das ist diePolitische Korrektheitsideologie.

Kriemhild

24. März 2020 20:10

Das war doch nicht etwa ein versteckter Appell an das Kommentariat, sich nicht selbst für wichtiger und in jedem Falle genialer zu halten als die Autoren selbst?

Ottokar Vondrejc

24. März 2020 21:00

Alles gut und schön, aber mir fehlt doch sehr eindeutig der Mehrwert in dem Artikel.

Gracchus

24. März 2020 23:03

Finde ich ganz gut, was Sander schreibt. Der erwähnte Luhmann hat die Postmoderne glatt geleugnet (als brauchbaren Begriff), aus seiner Theorie heraus verständlich. Wie Sander ja sagt, ist der Begriff so unbestimmt wie das Phänomen, das er beschreiben soll. Ursprünglich kommt er m. W. aus der Architektur und ist also ästhetisch gemünzt und feiert die Abkehr von einem modernen Purismus und die Hinwendung zu spielerischen Formen und zu einem Nebeneinander, hat also etwas Barockes oder Romantisches (schon Tristram Shandy oder Don Quijote tragen typische Merkmale postmoderner Literatur). Man könnte vom Sieg der Romantik über den Rationalismus sprechen. Dieses Nebeneinander - wo der Rationalist einen Haufen unvereinbarer Widersprüche sieht - kann man durchaus positiv verbuchen. Negativ: dass zum Beispiel die Dauerironie schal wird - ein Ausweichen vor dem Ernst. Das "Anything goes" kann man auch als "Rien ne va plus" erleben.

quarz

24. März 2020 23:55

Ich nutze es seit langem als Intelligenzkriterium, das zuverlässig die Spreu vom Weizen trennt: ob jemand ein postmodernes Weltbild als brauchbaren Kompass zur Verortung seiner selbst in der Welt oder auch nur als logisch mögliche Beschreibung dieser Welt ansieht oder nicht. Dass die DNA der Postmoderne, der totale Relativismus, intellektuell nicht belastbar ist, sollte jedem klar sein, der sich zum Weizen zählt. Von Bertrand Russell stammt die spöttische Bemerkung: „Es gibt eine Sorte ungemein überlegener Menschen, die gern versichern, alles sei relativ. Das ist natürlich Unsinn, denn wenn alles relativ wäre, gäbe es nichts, wozu es relativ sein könnte.“ Dieser Verweis auf das Scheitern der Idee an ihren Voraussetzungen ist keine Haarspalterei, sondern der Hinweis darauf, dass der Pudel einen Kern hat. Es bedarf einigen Aufwandes an geistiger Vernebelung, um sein Vorhandensein vor dem einigermaßen klaren Verstand zu verbergen.

Aber auch die, denen es an Urteilskraft mangelt, ahnen es. Ein allumfassendes Belassen im Ungefähren und relativ aufeinander Bezogenen, wie es ein durchgängig postmoderner Zeitgeist vorsähe, würde eine allgemeine Schlaffheit der Affekte nach sich ziehen. Indes: wir beobachten eine aggressive Gereiztheit bei den regierenden Instanzen, sobald sich Kontrapositionen in Stellung bringen. Keine Spur von entspanntem Geltenlassen im Spektrum all der „in ihrer Subjektivität je gültigen Perspektiven“. Nein, eher gleicht der bestimmende Affekt in dieser Situation dem eines nervösen Raubtieres, das – halb zögernd noch, halb drängend schon - den Angriff vorbereitet, weil ihm der Fluchtweg versperrt ist. Das hat so gar nichts von dem postmodernen Aquarell der Weltentwürfe, das uns jahrzehntelang ironisch gelangweilte Feuilletonisten in die Sonntagsausgaben gepinselt haben, das ist im Gegenteil eine Bewandtnis von archaischer Deutlichkeit. Und was denn anderes stiftet hier die treibende Unruhe als die Ahnung, dass die seichte Posse des postmodernen Relativismus ein Intermezzo war, dem etwas Beunruhigendes folgen wird?

Mendalion

25. März 2020 11:50

Was unterscheidet Kulturmarxismus von der Postmoderne?

Ich habe den Beitrag mit Interesse gelesen. Aber mir ist nicht ganz klar, worin sich diese Postmoderne nun genau von der kulturell-linken Ideologie unterscheidet, die von verschiedener Seite mit unterschiedlichen Begriffen – u. a. "Neomarxismus,", "Kulturmarxismus", "linksgrün", "Idenitäts-Linke"– benannt wurde.

Die Charakterisierung der Postmoderne trifft ziemlich genau auch auf den Kulturmarxismus zu. Ich hätte zunächst angenommen, es handele sich beim Artikel nur um eine Beschreibung des Kulturmarxismus unter anderem Namen. Aber dann gibt es doch Stellen im Artikel, wie die folgende, die doch vom Kulturmarxismus deutlich abweichen.

"Wer nur noch Postillon und Titanic liest, wer nur noch DIE PARTEI wählt, wer selbstgerecht schmunzelnd „über allem“ steht und nichts mehr ernst nimmt, an nichts mehr glaubt, von nichts mehr überzeugt ist, nicht mehr staunen kann und von allem schnell gelangweilt ist, der kann sich sicher sein, dass er vollends in der Postmoderne angekommen ist – in einer Welt, in der nichts mehr „wahr“ ist, in der Konstruktivismus das Leitprinzip ist, in der tendenziell alles relativ und auswechselbar ist."

Die Vertreter des Kulturmarxismus halten ja viele Dinge für ausgesprochen wahr. Kennzeichend für viele Vertreter des Kulturmarxismus ist es ja gerade, dass sie ihre Positionen absolut setzen und als einzige, auch als die einzig moralische Wahrheit betrachten, und jede Abweichung von ihren Positionen als falsch und unmoralisch dämonisieren.

Ihre absolute Zuspitzung findet der Kulturmarxismus auch nicht in Gruppen wie "DIEPARTEI", sondern in der ANTIFA.

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