Deutsche und Polen: Historisierung unerwünscht

"Offener Dialog ist eine Stärke", lese ich auf einer Broschüre  des Vereins "Deutsch-Russischer Austausch e.V.", die im Berliner Zeughauskino im Foyer stapelweise ausliegt. Das ist schön. Ebenso schön wie der Satz: "Wer europaweite Annäherung wünscht, der darf schwierige Themen nicht tabuisieren und muss sich auf die Sicht des anderen einlassen."

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

“Schwie­rig”, das ist eines die­ser Adjek­ti­ve mit denen rou­ti­ne­mä­ßig “das Ver­hält­nis zwi­schen Deut­schen und Polen” beschrie­ben wird. Es typi­sches Rum­drucks-Voka­bel, das nur dürf­tig die Ängst­lich­keit und Ver­lo­gen­heit, die das The­ma umgibt, ver­schlei­ert. Tat­säch­lich wer­den unter der Flag­ge his­to­ri­scher “Auf­klä­rung”, musi­ka­lisch unter­malt von ritu­el­lem Ver­söh­nungs­ge­or­gel, stets die glei­chen Legen­den wie­der­ge­käut, in denen Polen als ewi­ges Opfer und Deutsch­land als ewi­ger Täter dasteht.

So gesche­hen in der Aus­stel­lung “Deut­sche und Polen” im Deut­schen His­to­ri­schen Muse­um in Ber­lin,  die eine leicht durch­schau­ba­re Unver­schämt­heit ist, und die Thors­ten Hinz tref­fend in der JF ver­ris­sen hat.  Sogar die hand­zah­me, muckstil­le FAZ merk­te am Ende ihres Berichts klein­laut an , “das Bemü­hen um poli­ti­sche Kor­rekt­heit” ver­stel­le “den Blick auf die Dif­fe­ren­zen der Wahrnehmung.”

Die zur Aus­stel­lung gehö­ri­ge Film­re­tro­spek­ti­ve im Zeug­haus, die am 29. Juli zuen­de ging, folg­te deren selek­ti­vem Mus­ter. Das Pro­gramm, das sich trotz gegen­tei­li­ger Beteue­run­gen über­wie­gend auf die Jah­re 1939–45 kon­zen­trier­te, bestrit­ten vor­wie­gend pol­ni­sche und DDR-Pro­duk­tio­nen, was zum Teil den ein­fa­chen Grund hat, daß es kaum brauch­ba­re Bil­der oder Fil­me für die ande­re Sei­te der Gescheh­nis­se gibt. Die Sie­ger zemen­tie­ren ihre Geschich­te und ihren Platz im kol­lek­ti­ve Gedächt­nis auch im Kino.  Erst in den letz­ten zehn Jah­ren sind all­mäh­lich Fil­me ent­stan­den, die sich dem jahr­zehn­te­lang unter­schla­ge­nen The­ma der Flucht und Ver­trei­bung wid­me­ten. Über den deutsch-pol­ni­schen Kon­flikt im Polen  der Zwi­schen­kriegs­zeit, dem best­ge­hü­te­ten Geheim­nis der ideo­lo­gi­sier­ten Geschichts­schrei­bung,  exis­tie­ren aus deut­scher Sicht ledig­lich eine Hand­voll NS-Pro­pa­gan­da­fil­me, wie der berüch­tig­te Strei­fen “Heim­kehr” (1941) , was es natür­lich ein­fach macht, das The­ma zu tabui­sie­ren und als indis­ku­ta­bel zu brandmarken.

Letz­te­rer gilt als “Vor­be­halts­film”, und wur­de aus (nicht nur) die­sem Grund von einem Vor­trag eines Film­wis­sen­schaft­lers ein­ge­lei­tet. Bezeich­nen­der­wei­se han­del­te es sich hier um den ein­zi­gen Film, den die Ver­an­stal­ter mit­tels “kri­ti­scher” Ein­füh­rung in einen his­to­ri­schen Kon­text zu stel­len belieb­ten – mit Aus­nah­me der DDR-Pro­duk­ti­on “Der Fall Glei­witz”, wobei hier der Vor­tra­gen­de kei­nes­wegs dar­auf erpicht war, die­se his­to­ri­sche Legen­de zu wider­le­gen. Kei­ne his­to­ri­sche Ein­füh­rung schien nötig für den anti­deut­schen Stumm­film “Bar­tek, der Sie­ger” (1923) nach Hen­ryk Sien­kie­wicz, kei­ne für Kazi­mierz Kutz’ Ver­herr­li­chung der pol­nisch-natio­na­lis­ti­schen Auf­stän­de in Ober­schle­si­en des Jah­re 1919, “Das Salz der schwar­zen Erde” (1970),  kei­ne für Alek­san­der Fords patrio­ti­sches Epos “Die Kreuz­rit­ter” (1960) über die Schlacht von Grun­wald, und kei­ne zu dem (indes erstaun­li­chen)  kurz nach dem Krieg an Ori­gi­nal­schau­plät­zen (!) gedreh­ten Ausch­witz-Dra­ma “Die letz­te Etap­pe” (1948).  Es liegt auf der Hand, daß das Inter­es­se an His­to­ri­sie­rung und Auf­klä­rung von den Ver­an­stal­tern nur geheu­chelt ist, und daß viel­mehr geschichts­päd­ago­gi­sche Vor­ga­ben den Vor­rang haben.

Das zeigt sich auch am Feh­len von Fil­men, die sich dem The­ma Ver­trei­bung und deut­sche Geschich­te im Osten wenigs­tens behut­sam nähern, wie die lyri­schen Doku­men­ta­tio­nen von Vol­ker Koepp,   Vio­la Ste­phans “Schle­si­en – Slask”(1994), Ute Badu­ras “Schle­si­ens wil­der Wes­ten” (2002) oder Hans-Chris­toph Blu­men­bergs “Die Kin­der der Flucht” (2006). Als ein­zi­ge Aus­nah­me war wenigs­tens Hel­ke Mis­sel­witz “Frem­de Oder” (2001) zu sehen.  Das ist mager und ein­sei­tig genug, um die im Pro­gramm­heft geäu­ßer­te Absicht “ein wech­sel­haf­tes, immer facet­ten­rei­cher wer­den­des Bild des jeweils Ande­ren zu zeich­nen” als  Wer­be­pro­spekt-Phra­se zu entlarven.

Dem­nächst mehr zum The­ma “offe­ne Dia­lo­ge”, Phra­sen, Lügen, und den Film “Heim­kehr” in die­sem Blog.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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