1. Oktober 2018

Die Saar und Europa

Gastbeitrag

PDF der Druckfassung aus Sezession 86/Oktober 2018

 Gastbeitrag

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  • Sezession

2015 hielt ich in Saarbrücken einen Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung »Die politischen Entscheidungsjahre 1815, 1935 und 1955 an der Saar«. 1814 hatten nämlich Saarbrücker Patrioten dagegen protestiert, im Ersten Pariser Frieden Frankreich zugeschlagen zu werden, was 1815 im zweiten Friedensvertrag korrigiert wurde. 1935 und 1955 gab es jeweils Abstimmungen, die direkt oder indirekt zur Rückgliederung des Saarlands an Deutschland führten. Mein Thema beschäftigte sich mit der Propaganda-Rolle der Schriftsteller bei den drei Anlässen. Ich musterte außerdem die Ereignisse aus heutiger Europa-Sicht und die Wertungsprämissen (vor allem saarländischer Historiker) im Wandel der Zeiten: Als ich vor fünf Jahrzehnten an die Saar kam, galt das mehrheitliche
Bekenntnis zum Vaterland weithin als natürliche Entscheidung, und die wenigen Gegenstimmen rubrizierten fast noch unter »Vaterlandsverrat«.

Knapp zwei (Historiker-)Generationen später scheinen eher prodeutsche Bekundungen als rechtfertigungsbedürftig. Als früher Europa-Begeisterter, der 1962 in den Genuß des deutschfranzösischen Jugendaustauschs gekommen war, sah und sehe ich zwischen dem Bekenntnis zu Europa und dem zum Vaterland keinen Widerspruch. Auch de Gaulle hatte sich schließlich in diesem Sinne ausgesprochen. Alles Forcierte und Zwanghaft-Technokratische transnationaler Vereinigung schien mir hingegen wenig zukunftsträchtig, bis hin zu den aufgeblähten Machtgebilden der Gegenwart. Doch ist mir bewußt, daß dergleichen Bedenken aktuell als dubios gelten und offiziell unerwünscht sind. Daher zögerte ich im Vorfeldgespräch zum erwähnten Vortrag mit meiner Zusage. Schließlich wisse ich, was man quasi
auftragsgemäß mit dieser Veranstaltung wolle, bei der sich als Geldgeber auch noch die Landeszentrale für politische Bildung anbot.

In einem knapp einstündigen Telephongespräch widersprach man meinen angeblich gegenstandslosen Zweifeln heftig. Geschichtsforschung lebe gerade vom Widerspruch, von den Querdenkern, die neue Perspektiven eröffneten, usw. usf. Schließlich machte ich die Probe aufs Exempel und referierte, um dann als Novum in meiner fast fünfzigjährigen Forschervita erfahren zu müssen, daß meine Ausführungen für den Sammelband untragbar seien. Quod erat demonstrandum. Glücklicherweise gibt es Alternativen. Im folgenden lesen Sie den Schlußteil meines Vortrags.

1815–1935–1955: Saarländische Schicksalsjahre und die Schriftsteller

[…] Ich komme zu einem Fazit, bezogen auf das Gesamtthema dieser Ringvorlesung, die sich für Zäsuren und Kontinuitäten interessiert.
Durchgängig kennzeichnet alle drei Daten der vernehmbare Protest betroffener Volksteile gegen die fragwürdige Praxis, daß ferne Politinstanzen über deren Gebiet verfügen, ungeachtet ethnisch-sprachlicher Identitäten, ein konfrontatives Spannungsfeld zwischen dem Bewußtsein nationaler Zugehörigkeit und diversen Staats- oder Menschheits-Prinzipien, die man jeweils für höherwertig erklärte: 1815 die europäische Friedensordnung (auf monarchischer Basis), 1935 Liberalismus und Antifaschismus mit starkem kommunistischem Akzent, ab 1955 die Europa-Idee, Ѽ der letztlich erfolglose bzw. aufgegebene Versuch, das nationale Selbstverständnis zu ignorieren oder zurückzudrängen.

Sprechen wir auch über Zäsuren. Die wichtigste ergab sich 1935 – zunächst vornehmlich im Bewußtsein einer Minderheit von meist Linksintellektuellen und jüdischen Verfolgten. Diese Überzeugungsbasis hat sich bis heute erheblich verbreitert. Denn zuvor wurde Freiheit als Volkswille ganz selbstverständlich mit nationaler Selbstbestimmung verbunden. 1815 geschah dies im Rahmen der erstrebten deutschen Einheit, 1935 flankiert durch den Nationalsozialismus, der sich als Freiheitsbewegung definierte, 1955 in Verbindung mit ökonomischen und bürgerrechtlichen Erwartungen, während die Unterstützung durch bundesrepublikanische
Literaten unerheblich blieb. Zwei Generationen danach zündet Schillers »Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an« (zumindest im Mainstream) kaum noch als Losung. Gebe es doch Wichtigeres als die Nation: Menschheit und Menschenrechte, Frieden und Weltbürgertum oder Europa respektive dessen gegenwärtige Verwirklichungsform EU.
Bis 1989 stand vielfach sogar noch Kommunismus auf der Agenda. Dies blieb nicht ohne Folgen für die Einschätzung der hier behandelten Schicksalsjahre. In dem Maß, wie die neue Autoren- oder Historiker-Generation Verlage, Redaktionen und Fernsehstationen eroberte, beeinflußte sie zunehmend auch die heute gängige Geschichtserzählung bzw. den ihr zugrundeliegenden Denkstil, wonach die Nation nur mehr als rückständiges oder anachronistisches Politobjekt figuriert, als eine Art ideelle Altlast, die man irgendwie entsorgen müsse. Den Lösungsschlüssel bot danach z.B. die EU. Denn fallen ohne Nationen nicht umgehend auch alle Nationen-Konflikte fort? Demgemäß deutete man nun auch die Abstimmungsergebnisse von 1935 bzw. 1955 als regressive oder wenigstens retardierende Entscheidungen. Und die (schnelle) Deutschland-Option gerät zunehmend unter Ideologieverdacht.

Solcher Paradigmenwechsel reizt mich, die momentan unterrepräsentierte Gegenerzählung zu vertreten und dabei zugestandenermaßen etwas Wasser in den Wein der politisch so erwünschten wie verbreiteten Erfolgsstory eines 200-jährigen Wegs nach Europa zu gießen. Ob es sich um eine eher unspektakuläre Antithese handelt oder das argumentative Widerspiel eines Advocatus Diaboli, lasse ich offen. Zumindest entschleiern sich so die den gängigen Urteilen zugrundeliegenden geschichtspolitischen Vorgaben.

I. Problematisch am retrospektiven Europa-Narrativ erscheint mir nämlich die heute verbreitete Tendenz, ständig etwas moralisch zu skandalisieren, was im Sinne der jeweiligen Epoche schlicht selbstverständlich war. Insbesondere halte ich die von zeitgenössischen Gegebenheiten abstrahierende Frage, warum die Saarländer jeweils so abstimmten, wie sie es taten, mit dem Hinweis, »weil sie nun mal Deutsche waren«, im Kern für beantwortet. Zwar sollten Zeitdiagnostiker auch dem scheinbar Evidenten durchaus einen zweiten Blick schenken. Aber die vom Aufwand her hypertrophe Insistenz und ahistorische Schwerpunktsetzung, mit der man bis in die jüngsten Tage hinein NS-bezogene Vorwürfe prüft, rechtfertigt sich kaum durch Forschungsdefizite. Vielmehr verweist es auf tagespolitische respektive volkspädagogische Dienstbarkeiten unseres Fachs, das partout nicht historisieren, sondern Geschichte zur Legitimation der Gegenwart nutzen soll.

II. Ergiebiger als eine Vertiefung des vermeintlich so erklärungsbedürftig Besonderen scheint mir die Suche nach Gemeinsamkeiten mit der heutigen Zeit. Dazu gehört die Kontinuität von immergleichen Illusionen, auf deren Basis seit Jahrhunderten europäische Belange geordnet werden bzw. werden sollen. Wer bedauert, was in Zusammengehörigkeitsdemonstrationen von 1814, 1935 oder 1955 zum Ausdruck kam, zeigt einen auffallend technokratischen Hang zur Lösung von Bevölkerungsfragen am Reißbrett der Politik- und Geschichts-Konstrukteure, verbunden mit einer problematischen Neigung, über konkrete Interessenlagen vieler Menschen hinwegzusehen bzw. -zugehen. Solche »Fortschritts«-Gesinnung – wir erleben aktuell kaum anderes – zeigt sich stets aufs Neue überrascht durch die Zählebigkeit scheinbar obsoleter geschichtsbestimmender Faktoren wie Nation, Religion, Geschlecht, Ethnie oder geopolitische Zwänge. Sie gelten manchen als beliebig umformbare Konstrukte, ohne zu berücksichtigen, daß sich internationale Identitätsstiftungen oder die unterstellte globale Interessengemeinschaft und
-solidarität erheblich konstruierter und illusionärer ausnehmen.

III. In dieser Sicht triumphierten in den Schicksalsjahren im jeweiligen Volkswillen schlicht Emotionen gegen die Ratio. Doch dies war selbst 1935 nicht so simpel, wie eine moralistisch verengte Betrachtung uns lehrt, die meist vieles ausklammert, was die damaligen Saarländer zu einer heute mißbilligten Entscheidung führte. Denn warum eigentlich sollten sie sich von Hitler in der Frühphase des Regimes weit beunruhigter zeigen als zahlreiche ausländische Staatsmänner, die ihm erste Erfolge zuschanzten? Welche Seriosität verbürgte das überraschende Anti-Hitler-Bündnis ehemaliger politischer Erzfeinde um das Zentrums-Mitglied Hoffmann, den Sozialdemokraten Braun und den Kommunisten Pfordt?

Angesichts millionenfacher sowjetischer »Säuberungen« sprach selbst die internationale Staatsterror-Bilanz keineswegs dafür, ausgerechnet kommunistischer Agitation gegen ein »Heim ins Reich« zu folgen. Und deren plötzliche »Liebe« zum Vatikan im Wahlkampf war gewiß nicht glaubwürdiger als die der SA zum Heiligen Rock in Trier. Das agitatorische Kuriosum, wonach nun ausgerechnet die KP als Sachwalter der Religionsfreiheit auftrat, glossierte der Exilant Gustav Regler im autobiographischen Rückblick:

»Sie leiteten ihre Leitartikel plötzlich mit Bibelversen ein. ›Einigt euch, der Papst will es‹, lautete die Überschrift eines Wahlartikels […]. Als in einem Dorf das Kind eines bekannten Kommunisten starb, erhielt der rote Führer den Befehl, den Pfarrer um die kirchliche Beerdigung zu bitten […]. In den Redaktionsstuben der kommunistischen Partei aber konnte man die neuen Christen sich befreien hören mit ironischem Gruß: Gelobt sei Jesus Christus.«

Auch zog ökonomische Schwarzmalerei (Alfred Kerr: »Deutschland starrt von hungrigen Horden«) nicht so recht. Vielmehr begann im »Reich« gerade so etwas wie ein Wirtschaftswunder, zumindest im Vergleich zum stagnierenden Frankreich. Zudem waren Befürchtungen, daß jetzige Anti-Anschluß-Wähler später von Genf verschaukelt würden, keineswegs abwegig. Selbst der jüdische Satiriker Kurt Tucholsky fand die Völkerbund-Erklärung, ob bei einem Wahlsieg der Hitler-Gegner eine spätere Neuabstimmung gesichert sei, provozierend unklar: »Ich, der ich mir schmeichele, von Sprache etwas zu verstehen, ich verstehe das nicht, so leer ist das.« Der entsprechende Passus lautet übrigens sybillinisch: »Aus der Tatsache, daß in dem hier behandelten Fall der Völkerbund zum Inhaber der Souveränität über das Gebiet werden wird, geht auch hervor, daß er in der Zukunft das Recht haben wird, über diese Souveränität Verfügungen in dem Maße zu treffen, in dem das mit den Bestimmungen des Vertrages vereinbar ist, und in dem Maße, in dem es übereinstimmt mit den Prinzipien, auf deren Basis die Souveränität über das Gebiet ihm übertragen worden ist und von ihm ausgeübt werden muß.«

Ich habe in meinem Bekanntenkreis auch unter juristisch Gebildeten bislang noch niemanden getroffen, der hieraus zweifelsfrei eine Neuabstimmung hätte folgern können. Auch für 1955 hält sich vielfach das Erklärungsmuster vom Sieg der Emotionen über die Ratio – ein recht simples Urteil. Denn gehen wir einmal davon aus, daß keines der politischen Lager die Chancen wie Risiken seines Handelns völlig absehen konnte, fragt sich, ob es tatsächlich so viel vernünftiger war, sein Vertrauen in die nebulöse Europa-Utopie und eine uneigennützige, zukunftsweisende französische Partnerschaft zu setzen als in die konkretere Vision einer baldigen Rückgliederung. Gelang es Paris doch nicht einmal, den EVG-Vertrag zu ratifizieren, und – um ein besonders populäres Anschauungsbeispiel anzuführen – schaffte es nicht einmal Gouverneur Grandval, den 1. FC Saarbrücken an der französischen Fußballmeisterschaft teilhaben zu lassen.

War also der Verdacht abwegig, das frühe Europa-Experiment solle allein auf Kosten eines von Deutschland isolierten Saarlands bestritten werden? Bereits kurz nach der für Frankreich desillusionierenden Abstimmung hat Christian Pineau, Sozialist und mehrfacher Minister, in Le Franc Tireur (Paris) vom 27. Oktober 1955 selbstkritisch eingestanden: »Warum haben wir nicht begriffen, daß die Niederlage unausweichlich war? Kann man vernünftigerweise eine Bevölkerung auffordern, zwischen Deutschland und Europa zu wählen, da das letztere durch unsere Fehler einfach nicht existiert?« War es somit politisch kleingläubig, oder
zeigte es sogar einen robusteren Realitätssinn der Saarländer, sich dagegen zu wehren?

Und wenn der saarländische Ministerpräsident Hoffmann sich in seinen Memoiren darüber beklagte, die Opposition habe die vorgesehene Fragestellung in die nach der Zugehörigkeit zu Deutschland »umgefälscht«, so war dies gewiß kein irrationaler Vorgang, sondern eher eine entscheidungsbezogene Zuspitzung. Mit Recht ließ sich auf den larmoyanten Vorwurf antworten, nun erst sei die jahrelang durch Repression verhinderte, die Bevölkerung aber nach wie vor aufwühlende eigentliche Frage zur Abstimmung gelangt.

Setzt man aber das Risiko sehr hoch an, das zu jener Zeit im Nein der Mehrheit gelegen habe, so mag man sich am Beispiel der osteuropäischen Wende von 1989 veranschaulichen, ob wir uns stets jene Art politischer Rationalität von Völkern wünschen sollen, die über Jahrzehnte hinweg globale Machtstrukturen ohne echte Mitwirkung der Betroffenen zementierte. Im Sinne heutiger Saar-Historiker war es vielleicht »unvernünftig«, was Polen, Tschechen, Ungarn und schließlich auch Ostdeutsche taten, aber welch perverser Art von politischer Vernunft hatten sie jahrzehntelang gehorcht bzw. gehorchen müssen? Was die nationskeptischen Geschichtsbild-Produzenten kritisieren, fällt auf sie selbst zurück. Imaginieren sie doch stets eine Welt, die vornehmlich aus (Zukunfts-)Projektion oder sogenannten höheren Gesichtspunkten besteht.

Konkrete Befindlichkeiten spielen darin keine Hauptrolle. Sie ignorieren beständig, was etwa in Afrika angerichtet wurde, wo man auf ethnische Faktoren keine Rücksicht nahm. Und heute wird Europa in einem Tempo etabliert, dem ein beachtlicher Teil seiner Bürger nicht folgt. Hier agieren machtbewußte Schulmeister, unterstützt von »Intellektuellen-Priestern«, wie sie Schelsky nannte, indem sie vermeintliche Rückständigkeiten definieren.

Gemeinsam ist auch die politische Mentalität der Handelnden oder Getriebenen bzw. der visionäre Denkstil der sie feiernden Schriftsteller oder Historiker. Letzterer mag seine Größe haben, aber auch bemerkenswerte Schwächen. Begreifen oder akzeptieren diese Visionäre doch viel zu selten, wie die, über die sie ständig reden und für die sie angeblich sprechen, wirklich empfinden. Und wenn etwa unsere politmediale Klasse in Sachen EU tatsächlich einmal mit ganz anderen Empfindungen konfrontiert wird, zieht sie blitzschnell die Denunziationskarte und gesteht günstigstenfalls Kommunikationsprobleme ein. Interpretiert sie doch unangenehme Realitäten in der Regel aus einer Parallel- und Propagandawelt, wenn nicht gar aus einem Parteien- oder Meinungsghetto.

V. Auch das hat Tradition. Denn schon immer sahen Propagandisten einer One world fast nur ihr Endziel. Reglers kurz vor der Abstimmung am 13. Januar 1935 erschienener Roman Im Kreuzfeuer enthält einen höchst bezeichnenden Satz aus der Perspektive von Jungkommunisten: »Manchmal begreift man nicht, daß wir nicht jetzt schon gesiegt haben, daß dieser Januar noch kommen mußte.« Er spiegelt exemplarisch, mit welchen Illusionen Anti-Anschluß-Kämpfer an der Saar agitierten oder aus der Ferne urteilten. Man denke an Bert Brechts »Saarlied« vom Oktober 1934 (»Da werden sie sich rennen / An der Saar die Köpfe ein«), an Paul Zech, Oskar Maria Graf, Ilja Ehrenburg, Rudolf Olden, an Heinrich, Klaus, Golo und Thomas Mann, an Tucholsky oder den bedeutenden Reporter, Romancier und Essayisten Arthur Koestler.

Er zumindest hat im Rückblick, schonungslos selbstkritisch, seine völlige Lageverkennung als symptomatisch begriffen: »Ein Drittel der Saar, schrieb ich, sei geschlossen antinazistisch, ein anderes Drittel unentschieden; die antihitlerische Stimmenzahl werde daher zwischen dreißig und sechzig Prozent betragen [tatsächlich betrug sie 9,2]. Ich glaubte natürlich an diese Schätzung, sonst hätte ich sie nicht publiziert. Bevor ich in die Kommunistische Partei eintrat, war ich ein hochbezahlter und recht erfolgreicher politischer Journalist; das katastrophale Versagen meines politischen Instinkts, das diese Geschichte zeigt, ist ein Beispiel für die Folgen des Lebens innerhalb eines ›geschlossenen Systems‹.«

VI. Die Sympathie, mit der man durchweg das couragierte Anti-Hitler-Engagement an der Saar kommentiert, darf aller Verdienste zum Trotz nicht über eine gewisse Blindheit respektive Sturheit hinwegtäuschen, einen Kampf überhaupt zu beginnen, den die Opposition nie gewinnen konnte, ja, in dessen Verlauf sie scheinbar das bestätigte, was die Gegner ihr ständig vorhielten: »vaterlandslose Gesellen« zu sein.
Denn unverkennbar hat gerade die Herausforderung durch die den Anschluß ablehnende antifaschistische »Einheitsfront« Saarländer dem Nationalsozialismus nähergebracht, deren Partei noch 1932 ja hier nicht einmal sieben Prozent Zustimmung erfahren hatte.

VII. Eine gewisse Blickverengung charakterisiert auch manche Historiker. In Gerhard Pauls gewichtiger Studie Deutsche Mutter – heim zu Dir! wird vom Verfasser wie von Eike Hennig im Vorwort nachdrücklich gefragt, warum das Saar-Votum die Hitler-Opposition und wahlsoziologische Erwartungen auf faschismusresistentes Verhalten so bitter enttäuscht habe. Die Antwort fiele leichter, wenn nicht das Wünsch-, sondern das historisch Erwartbare den Erklärungsmaßstab bildete. Kenne ich doch keinen Modellfall der neueren Weltgeschichte, in der sich eine Bevölkerung wenige Jahre nach der gewaltsamen Trennung vom staatlichen Gesamtkomplex (einschließlich der gewohnten Sprachund Kulturzugehörigkeit) nicht für schnellstmögliche Rückgliederung
ausgesprochen hätte.

Insofern ist demoskopisch gar nichts Überraschendes geschehen. Denn man durfte als Forscher natürlich niemals die Ergebnisse der Saar-Wahl von 1932 zugrundelegen und daraus schließen, welch unvorhersehbare Meinungserosion sich vollzogen habe. Von 33 Prozent Stimmen für Kommunisten und Sozialdemokraten auszugehen, ein gutes Drittel der 43 Prozent fürs Zentrum zu addieren und daraus auf eine Mehrheit gegen Deutschland zu spekulieren, war schlicht eine Milchmädchenrechnung. Denn das 1932er Resultat betraf ja Parteipräferenzen, aber keine nationale Schicksalssfrage, bei der selbst Parteimitglieder niemals einer Deutschland-skeptischen Führung gefolgt wären. Vernünftiger geht man von einer fast hundertprozentigen Zustimmung zum Anschluß aus, die bis zum 13. Januar 1935 auf 91 Prozent abschmolz. Mehr zu erhoffen, hätte geradezu sensationell günstige Propagandavoraussetzungen erfordert. Daß es daran fehlte, weist Pauls Studie ja überzeugend nach.

VIII. Auch das Referendumsergebnis 1955 wird mittlerweile nicht mehr als die Selbstverständlichkeit bewertet, die es ist. Schließlich produzierte selbst die große Wiedervereinigung 1989 bei nicht wenigen Intellektuellen erhebliches Bauchgrimmen, allen voran Günter Grass, von DDR-Nostalgikern ganz abgesehen. Völlig unvorbereitet, und entsprechend panisch fielen denn auch etliche Reaktion aus: Kapuzinerpredigten, weil das »tumbe Volk« ihren Ratschlägen und Prämissen nicht folgte. Die heimische Diskussionsfolklore bringt es mit sich, daß dabei auch das diskursausgrenzende Totschlag-Argument »Faschismus« nicht fehlen durfte. Auch das ein Moment deutscher Kontinuität – allerdings eine hier nicht zu vertiefende andere Story.

Ich halte inne und relativiere meine Antithese ein wenig selbst: Denn der Widerspruch gegen den Anschluß an NS-Deutschland scheint moralisch zwingend und inkompatibel mit dem, was gegenwärtig (zumindest von Regierungsseite) offenbar frei über Europa vereinbart wurde. Und das Nationenrechte beschränkende Gemeinschaftsprojekt liegt nicht auf der gleichen Ebene wie nach Kriegen verfügte Gebietsabtrennungen, selbst wenn kein Geringerer als Hans Magnus Enzensberger die EU als »sanftes Monster« klassifizierte. Vergleichbar ist dennoch eine zumindest schleichende Entrechtung der jeweiligen Bevölkerung, die erlebt, wie niemals plebiszitär, sondern lediglich in dubioser Repräsentativität über ihre wichtigsten Anliegen verfügt wird.

Prophetie gehört gewiß nicht zu den genuinen Aufgaben des Historikers. Gleichwohl wage ich die Prognose, daß die gegenwärtige diskursive Beerdigung der Nation – es sei denn, man befasse sich mit Kunstgebilden wie der Ukraine – zu früh erfolgt. Desgleichen, daß es nicht genügen wird, den Weltstaat oder die EU schlicht von Global-Player-Eliten her auszurufen und alle gegenläufigen Empfindungen in bemerkenswerter argumentativer Schlichtheit als »Populismus« zu verteufeln. (Letzterer übrigens, sofern denunziatorisch verwendet, ein geradezu verräterischer Begriff. Zeigt er doch, wie peinlich der politischen Klasse die Rückkoppelung zum »Volk« erscheint.)

Wer diesbezüglich von einem »Ende der Geschichte« träumt, wird noch manche Überraschung erleben wie jene, die den Faktor Religion allzu früh marginalisiert hatten, weil sie selbst nur globalen zivilreligiösen Direktiven folgen.


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