1. Oktober 2018

Der Dreißigjähriger Krieg – Urkatastrophe im Zentrum Europas

Gastbeitrag

von Konrad Gill
PDF der Druckfassung aus Sezession 86/Oktober 2018

 Gastbeitrag

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  • Sezession

Im vergangenen Sommer jährte sich zum vierhundertsten Mal der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges und damit der Beginn eines der prägendsten und am meisten erinnerten Zeiträume der deutschen Geschichte. Der Krieg verschob die Mächtekonstellation in Europa anhaltend, und sein 1648 geschlossener Frieden schrieb die
deutsche Verfassung für mehr als 150 Jahre fest.

Das Gedenken an Deutschlands Verheerung wird uns in den nächsten Jahrzehnten überall begleiten, auf nationaler wie lokaler Ebene, denn kaum ein Landstrich auf dem Gebiet des Alten Reiches blieb von diesem Krieg verschont. In das dreißigjährige Kriegsgeschehen läßt sich beinahe Beliebiges hineindeuten und »aus der Geschichte lernen«, je nach Zeitgeschmack: die Bedeutung religiöser Toleranz wie der Erfolg von Durchsetzungs- und Beharrungswillen, die Sinnlosigkeit des Krieges ebenso wie sein Wert als Mittel zum Erreichen von Zielen (zumindest in der frühen Neuzeit), das umstürzend Neue an der Neuzeit ebenso wie das Weiterbestehen des tiefgründend Überkommenen, die Anfänge eines gemeinsamen europäischen Friedensgedankens wie die Begründung starker Nationalstaaten usw. usf.

Denn das dreißigjährige Kriegsgeschehen ist mit seinen Phasen, Mächtekonstellationen, reichsverfassungsrechtlichen Implikationen und Folgen, außenpolitischen Wechselwirkungen und massiven Veränderungen in den frühneuzeitlichen deutschen Gesellschaften und Gemeinschaften dermaßen unüberschaubar komplex, daß noch kein ganz und gar überzeugendes Narrativ gefunden wurde, um es zu bändigen. Mit der »Verteidigung des Protestantismus«, der »Schwächung der Zentralgewalt des Kaisers« (und anderen mehr) gibt es zwar Deutungsangebote, aber sie lassen sich jederzeit gegeneinander verschieben und ausspielen, sodaß sich kein schlüssiges Bild ergibt. Offene Fragen und damit interpretatorische Einfallstore bleiben.

Viele Verlage und noch mehr Autoren versuchen, von diesem Erinnerungskuchen ein möglichst großes Stück auf den eigenen Teller zu laden. Aus den seriösen und bodenständigen Veröffentlichungen seien hier diejenigen vorgestellt, die bei Sezession-Lesern vermutlich das meiste Interesse erwecken. Bereits 2009 legte Peter Wilson mit The Thirty Years War: Europe’s Tragedy eine mehrfach preisgekrönte Gesamtdarstellung vor. Nach Erscheinen der Übersetzung (Peter Wilson: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie, Theiss 2017, 1143 S., 49,95 €) las man hier und dort in Rezensionen ein erleichtertes »Endlich«, daß dieses Buch nun auf Deutsch verfügbar sei. Die eigene Lektüre belehrt sehr schnell, woher diese Lesersehnsucht stammte.

Dem Verfasser, inzwischen Inhaber eines militärhistorischen Lehrstuhls in Oxford, ist ein neues Standardwerk gelungen, das in seiner Detailtiefe in
nur einem Band, seinem relativ leicht zugänglichen Stil (in nicht immer ganz überzeugender Übersetzung) und auch seinen wohlabgewogenen Bewertungen kaum zu übertreffen sein dürfte.

Um die für uns fremde Welt der frühen Neuzeit vorzustellen, nimmt der Autor sich die Zeit für umfangreiche thematische Heranführungen. Wilson braucht fast 350 Seiten, um überhaupt zum Prager Fenstersturz zu gelangen. Schon durch den Zuschnitt dieser Einleitungen charakterisiert er den Krieg auf deutschem Boden als internationales Geschehen, widmet sich ausgiebig jeweils der österreichischen, spanischen, osmanischen, dänischen und schwedischen Vorkriegspolitik. Nach dieser sehr gründlichen Vorbereitung geht der Überblick über das multifaktorielle Geschehen kaum verloren, wenn später von Heerzügen und Schlachten die Rede ist.

Nicht nur mit vereinfachenden Schulbuchweisheiten räumt das Buch auf – etwa der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Behauptung, der Krieg sei ein »Religionskrieg« gewesen. Auch in Einzelfragen macht Wilson sich nicht abhängig von Lehrmeinungen. So relativiert er die Bedeutung der Privatisierung der Kriegswirtschaft durch den vermeintlichen Frühlibertären Wallenstein, indem er darauf hinweist, wie sehr dessen Unternehmertum von Kaiser und Reich abhängig war.
Das imposante Werk zeigt an jeder Stelle die Sicherheit eines Verfassers, der ein eigentlich kaum beherrschbares Thema unter Kontrolle hat. Präzise bis in Details, jederzeit nachprüfbar und gut erschlossen durch ein umfangreiches Literaturverzeichnis präsentiert Wilson seine Fakten strukturiert (auch in Tabellenform), liefert etliche gute Karten wichtiger Schlachten und erleichtert die Orientierung durch prägnante Zwischenüberschriften (die leider im Inhaltsverzeichnis nicht auftauchen, eine Unsitte!).

Wilsons Stil ist für eine anspruchsvolle historische Monographie grundsätzlich gut verständlich. Gleichzeitig macht er aber im Einzelnen keine Zugeständnisse an die Komplexitätsreduktion, das Buch wimmelt vor Namen, Daten und Zusammenhängen. Die vielen (gerade persönlich-biographischen) Details machen die Lektüre anstrengend, aber die Darstellung auch ungemein farbig: hier handelten Menschen, keine anonymen Kräfte.

Trotz der 30 Jahre, trotz der vielen Beteiligten, trotz der verflochtenen Motive und Kausalitäten: Das Buch läßt für den Leser, der sich die fast 1000 Seiten Text zumuten will (ellenlange Anhänge kommen hinzu) offenbar keine Frage offen. Wer sich für das Schicksal der Kriegskredite nach dem Friedensschluß interessiert, die Windungen der Diplomatie im Detail verfolgen möchte oder schon immer wissen wollte, welche Auswirkungen das europäische Kriegstheater auf Angola (!) hatte, der findet bei Wilson auch darauf eine Antwort.

Das Buch ist eine kleine Enzyklopädie des Dreißigjährigen Krieges in einem Band und vielleicht sogar als Nachschlagewerk besser geeignet denn als Schmöker
für den Feierabend. Ein schier endloses Personenregister ermöglicht das Auffinden auch abseitigster Nebenfiguren. Was dem ohne Abstriche empfehlenswerten Band gerade darum um so merklicher fehlt (neben einer Zeittafel), ist allerdings ein Stichwortregister.

Wer sich weniger für Kampfhandlungen und Operationsgeschichte sowie Personen interessiert und einige Stunden weniger Lesezeit investieren will, kann guten Gewissens auch zum ernsthaftesten Konkurrenzwerk auf dem Jubiläumsbuchmarkt greifen (Georg Schmidt: Die Reiter der Apokalypse, C.H. Beck 2018, 810 S., 32 €). Der Jenaer Professor Schmidt nimmt stärker die politische und Sozialgeschichte des Dreißigjährigen Krieges in den Blick. Auch dem in
jener Zeit bedeutenden Flugschriftenwesen und anderen Formen von Propaganda und Publizistik gibt er mehr Raum.

Seine Kriegs- und Friedensgeschichte kleidet Schmidt in mehrere Mäntel. Zum ersten beschreibt er die Kriegführung nicht als alleinstehendes Verhängnis. Neben der organisierten Massengewalt sind es Hunger und Pest, die er als drei apokalyptische Reiter über die Zeitgenossen kommen sieht. Diese drei Plagen sind 1618 bis 1648 kaum voneinander zu trennen, die eine folgt auf die andere. Immer wieder nimmt er diese Perspektive ein, statt nur auf die Kriegshandlungen zu blicken. Der zweite Mantel ist eine Demythifizierung, die Schmidt vornehmen will: die »kollektive Traumatisierung« der Deutschen durch die lange Kriegszeit sei eine nachträgliche Erfindung und aus den Quellen der Zeit nicht nachweisbar, die im Krieg verteidigte »deutsche Freiheit« ein politisch instrumentalisiertes Narrativ und der Dreißigjährige Krieg auch keine »Urkatastrophe«.

Zum dritten betont der Autor bei allem Wandel die Kontinuitäten und stellt den Krieg und seine Bewältigung durch das Westfälische System in die gesamteuropäische Geschichte des 17. Jahrhunderts, wo beides keinen Fremdkörper bildet.
Das Werk, verfaßt in einem nüchternen, im guten Sinne akademischen Stil, steht in der Tradition der großen deutschen Historiographie. Es läßt sich hier tatsächlich auf fast jeder Seite etwas lernen. Die Einführung in die Reichsverfassung, unter den Themen großer Relevanz das wohl komplexeste, darf fast genial genannt werden. Die Charakterisierung von Personen gelingt Schmidt dagegen weniger gut als Wilson.

Die zahllosen Kriegsteilnehmer gerade der zweiten Reihe bleiben meist gesichtslos. Dafür ist der Autor seinem englischen Konkurrenten in der Vorstellung Wallensteins und seines Kriegssystems wiederum deutlich überlegen. Nur wenige Flüchtigkeitsfehler trüben den sehr guten Eindruck, etwa wenn ein Abschnitt mit »Pfaffengasse« überschrieben ist, diese Landstrichedann aber fast keine Rolle spielen. Auch hat der Verlag dem Werk keine Karten wichtiger Schlachten beigegeben, vielleicht eine bewußte Positionierung gegen einen militärgeschichtlichen Erzählstandpunkt. Eine Zeittafel, die bei dem jahrzehntelangen Geschehen sehr hilfreich wäre, vermißt man ebenfalls.

Anders als Wilson gönnt Schmidt sich einen langen essayistischen Epilog zur Rezeptionsgeschichte und den anhaltenden Folgen von Krieg und Frieden. Hier verläßt ihn kurz die Nüchternheit, wenn er nach fast 700 Seiten plötzlich Bögen zur angeblich aggressiven Bismarck-Politik schlägt, die in ihren Folgewirkungen Europa »in Schutt und Asche gelegt« habe, oder die These vom »zweiten dreißigjährigen Krieg« 1914 bis 1945 mit sehr schwachen Argumenten verwirft. Es gelingt ihm sogar, den Klimawandel des 21. Jahrhunderts zu erwähnen. Vielleicht gehören solche aus der eigenen Zeit heraus getroffenen Schlußfolgerungen gar nicht in ein historiographisches Buch. Beachtlich sind aber seine Einsichten in den Charakter der »Sonderweg«-These als bloße Umkehrung der kleindeutschen »Meistererzählung« (von Luther über Gustav Adolf zu Friedrich dem Großen und Bismarck) und – wieder bezogen auf das hier interessierende 17. Jahrhundert – zu den tatsächlichen Kriegsergebnissen und dem, was bei aller Vorsicht vielleicht aus dem Krieg gelernt werden könnte.

Eine Wahl zwischen Wilson und Schmidt zu treffen fällt schwer und ist abhängig von den Präferenzen des Lesers. Wer die Muße hat, lese beide Bücher parallel (dank ihres weitgehend streng chronologischen Aufbaus ist das gut möglich) und erhalte dadurch einen grandiosen Tiefeneinblick in ein epochales historisches Ereignis.

Aber nicht jeder kann und will sich ein Werk mit über 800 Seiten zumuten. Läßt sich über den Dreißigjährigen Krieg ein kurzes, aber dennoch für den Leser wertvolles Buch schreiben?
Ein emeritierter Ordinarius für die Geschichte der Frühen Neuzeit hat es immerhin versucht (Johannes Burkhardt: Der Krieg der Kriege.Eine neue Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, Klett-Cotta 2018, 296 S., 25 €). Burkhardt deutet und beschreibt den Krieg als »Staatsbildungskrieg« und befaßt sich dementsprechend im Schwerpunkt mit den Verfassungskonflikten, Machtverschiebungen und (immer wieder von verschiedener Seite aufgenommenen) Friedensbemühungen. Die Betonung des Leidens des kriegsunterworfenen deutschen Volkes vergißt er darüber nicht, in seiner Einleitung verweist er auf die »Vergessenen« der Geschichtsschreibung: Kinder, Frauen und Soldaten.

Was das Buch mit seinem Anspruch einer Gesamtdarstellung bemerkenswert macht, ist auch die große Schwäche: seine Kürze. Dem Autor gelingt grundsätzlich eine sinnvolle Akzentsetzung, die große Linien sichtbar machen will und manches gut verständlich erläutert. Einen wirklich nachvollziehbaren roten Faden hat er
dem Leser aber nicht gesponnen. Wer die Geschichte der Jahre 1618 bis 1648 nicht bereits gut kennt, muß geradezu die Orientierung verlieren. Wichtige Themen werden auseinandergerissen mal hier, mal dort behandelt. Zusätzlich verzettelt sich Burkhardt gelegentlich in für den großen Gang der Ereignisse irrelevanten Details, die der Veranschaulichung dienen sollen, aber angesichts des eher knapp bemessenen Raumes eher irritieren.

Dazu kommen Stilblüten und Fehler in nicht vernachlässigbarer Zahl sowie eine insgesamt seltsame, betont »moderne« Sprache, die meist eher unfreiwillig komisch ist als mitreißend. Es irritiert, wenn der Autor ohne weitere Erklärung von einer »Zivilgesellschaft« im 17. Jahrhundert spricht. Endgültig in die Gefahr, dem Leser seine Lektürefreude zu verderben, kommt der Verfasser, wenn er seine (wenig originelle) politische Meinung zum heutigen Zeitgeschehen polemisch durchscheinen läßt.

An anderer Stelle meint er, im Tonfall höchster Überlegenheit zugestehen zu dürfen, der unter dem Nationalsozialismus wirkende Historiker Günter Franz, »wiewohl Nazi«, habe dennoch in einer Sachfrage recht gehabt. Wer so etwas im Tonfall der Verblüffung (»Das Unglaubliche aber ist: …«) schreibt, weckt Zweifel an der wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit seines Forschens und Schreibens – und Denkens.

Diese ärgerlichen Stellen sollen hier nicht überbewertet werden. Auf (ohne das editorische Beiwerk) 250 Seiten eine »neue Geschichte« des Kriegsgeschehens zu schreiben, ist ein ausgesprochen ambitioniertes Unterfangen. Burkhardt ist damit gescheitert, was nicht heißt, daß sein Buch gar nicht lesenswert wäre. Es ist mit großer Sachkenntnis verfaßt, nicht schlecht geschrieben und gibt manches zu bedenken. Letztlich ist das Werk aber ein Zwitter zwischen wertendem Essay und klassischer Geschichtsschreibung, was per se kaum gelingen kann.

Einen völlig anderen Ansatz wählt eine weitere Neuerscheinung (Christian Pantle: Der Dreißigjährige Krieg. Als Deutschland in Flammen stand, Propyläen 2017, 365 S., 18 €): das ausgiebige, kommentierte Zeitzeugenzitat. Zwei der bekanntesten Chronisten ihres Alltags im Dreißigjährigen Krieg, der Söldner Peter Hagendorf aus dem Anhaltischen und der Mönch Maurus Friesenegger vom Kloster Andechs, werden ausgiebig zitiert. Es gelingt Pantle geschickt, diese Berichte in seine eigene Erzählung von dem, was geschah, einzuflechten. So wird er nie abhängig von seinen Gewährsmännern und kann das, was sie selbst nicht mitbekamen,
aus anderen Quellen berichten. Die Geschichtserzählung aus der Perspektive von Krieger und Geistlichem hat Vor- und Nachteile. Einerseits lassen die authentischen Erfahrungsberichte einen Einblick zu, der mit reiner Faktenhuberei nie zu gewinnen ist. Andererseits verführt die Annäherung an die erfahrene Realität Pantle zu romanartigen oder pseudodokumentarischen Passagen auch dort, wo es nicht um die Erlebnisse Einzelner geht. »Starker Schneefall
dämpfte alle Geräusche, als …« – man muß diesen Stil mögen.

Bei aller Farbigkeit der Darstellung kommen Wissen und Erkenntnis bei Pantle nicht zu kurz. Es ist beachtlich, wieviel der Autor wie nebenbei mitzuteilen weiß. Wenn er daran erinnert, daß im Dreißigjährigen Krieg (bezogen auf die Einwohnerzahl, nicht in absoluten Zahlen), deutlich mehr als doppelt so viele Deutsche starben wie im Zweiten Weltkrieg – von der größeren Grausamkeit und längeren Dauer der Geschehnisse ganz zu schweigen –, hat das vor dem
Hintergrund der Erzählungen von selbst Erfahrenem eine andere Eindringlichkeit. Der Versuch, Fakten und Tagebuchauszüge zu kombinieren, ist Pantle geglückt, wenn die Darstellung auch merkliche Längen hat, weil der Autor die zeitgenössischen Schilderungen auch da erläuternd begleiten möchte, wo das nicht nötig wäre.

Das Buch ist durch seinen lebendigen Stil und die im Vergleich zu den zuvor besprochenen Büchern leichte Sprache für Jugendliche und Erwachsene, die weniger leseerfahren sind, geeignet. Drastische Gewaltdarstellungen werden auch hier – erst recht hier – allerdings nicht ausgespart. Nicht nur die großen Verlagshäuser mit ihren Professoren und immensen Mitteln, auch kleine Verlage und kompetente Laienautoren hoffen auf die Lesergunst. Erfreulich ist, wenn
ein solches Buch dann mühelos mit manchem Erzeugnis der Großen mithalten kann (Frauke Adrians: Der Dreißigjährige Krieg. Zerstörung und Neuanfang in Europa, Palm 2017, 191 S., 24,95 €). Adrians und ihr Verlag sind noch einen ganz anderen Weg gegangen, um das Kriegsgeschehen greifbar zu machen. Nicht mit vereinzelten Abbildungen oder Bildtafeln, sondern überreich und vollfarbig illustriert präsentiert die Journalistin ihr Material, darunter wenig bekannte bzw. ungesehene Gemälde, Stiche und Drucke.
Um den Fluß ihrer Kriegschronik nicht zu stören, sind kleine Exkurse kulturhistorischer Art, Erläuterungen zu Personen(gruppen) und ähnliches mehr in Kästen ausgegliedert.

Dadurch wie durch seine verständliche und sinnvolle Gliederung macht das Buch einen ausgesprochen aufgeräumten Eindruck. Gemessen an seiner Kürze enthält das Buch medienhistorische Abhandlungen von relativ großem Umfang. Dennoch hat die Autorin, promoviert über die Pressegeschichte des Dreißigjährigen Krieges, der Versuchung widerstanden, ihrem Spezialgebiet einen ungebührlich großen Platz einzuräumen. Ihre knappen Erläuterungen zum Flugschriftenwesen, zu Kunst und Propaganda sind lesenswert und kommen in allen anderen hier vorgestellten Büchern angesichts der Bedeutung des in jener Zeit erst entstehenden Pressewesens und der organisierten Meinungsbeeinflussungsindustrie eher zu kurz.

Inhaltlich steht der Band den Veröffentlichungen der Fachhistoriker wenig nach. Die Platzbeschränkung gebietet auch hier viele Lücken, und einen differenzierten Umgang mit heiklen oder schwer zu deutenden Themen darf der Leser ebensowenig erwarten wie neue Denkansätze. Ein paar Fehlwertungen ließen sich bemängeln. Aber um in kurzer Zeit einen fundierten Überblick über die furchtbaren dreißig Jahre zu erlangen, ist das Buch fast ideal. Adrians Stil ist unterhaltsam, man liest das Buch in wenigen Stunden.

Dem Geschichtsinteressierten wird also, wie es sich zeigt, schon in der ersten Welle der Neuerscheinungen einiges geboten. Ob die nächsten dreißig Jahre weitere Großtaten der Historiographie bringen werden? Oder haben die infrage kommenden akademischen Musketiere nun ihr Pulver verschossen? Mit Sicherheit erwarten uns zahlreiche Biographien der wichtigsten Protagonisten, kulturgeschichtliches Allerlei über das »Leben im Krieg« sowie 2048 – sofern es dann noch ein nennenswertes Lesepublikum in deutscher Sprache gibt  – Abhandlungen über den Westfälischen Frieden.
Zu hoffen bleibt, daß auch die Schöne Literatur sich der Zeit wieder verstärkt annimmt, Daniel Kehlmann hat es mit dem gefeierten Roman
Tyll vorgemacht. Erinnerung darf nicht den Historikern allein überlassen werden. Dafür ist sie
zu wichtig.

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Alle genannten Werke können hier bestellt werden.


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