Der Dreißigjähriger Krieg – Urkatastrophe im Zentrum Europas

von Konrad Gill
PDF der Druckfassung aus Sezession 86/Oktober 2018

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Im ver­gan­ge­nen Som­mer jähr­te sich zum vier­hun­derts­ten Mal der Aus­bruch des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges und damit der Beginn eines der prä­gends­ten und am meis­ten erin­ner­ten Zeit­räu­me der deut­schen Geschich­te. Der Krieg ver­schob die Mäch­te­kon­stel­la­ti­on in Euro­pa anhal­tend, und sein 1648 geschlos­se­ner Frie­den schrieb die deut­sche Ver­fas­sung für mehr als 150 Jah­re fest.

Das Geden­ken an Deutsch­lands Ver­hee­rung wird uns in den nächs­ten Jahr­zehn­ten überall beglei­ten, auf natio­na­ler wie loka­ler Ebe­ne, denn kaum ein Land­strich auf dem Gebiet des Alten Rei­ches blieb von die­sem Krieg ver­schont. In das drei­ßig­jäh­ri­ge Kriegs­ge­sche­hen läßt sich bei­na­he Belie­bi­ges hin­ein­deu­ten und »aus der Geschich­te ler­nen«, je nach Zeit­ge­schmack: die Bedeu­tung reli­giö­ser Tole­ranz wie der Erfolg von Durch­set­zungs- und Behar­rungs­wil­len, die Sinn­lo­sig­keit des Krie­ges eben­so wie sein Wert als Mit­tel zum Errei­chen von Zie­len (zumin­dest in der frü­hen Neu­zeit), das umstür­zend Neue an der Neu­zeit eben­so wie das Wei­ter­be­stehen des tief­grün­dend Über­kom­me­nen, die Anfän­ge eines gemein­sa­men euro­päi­schen Frie­dens­ge­dan­kens wie die Begrün­dung star­ker Natio­nal­staa­ten usw. usf.

Denn das drei­ßig­jäh­ri­ge Kriegs­ge­sche­hen ist mit sei­nen Pha­sen, Mäch­te­kon­stel­la­tio­nen, reichs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Impli­ka­tio­nen und Fol­gen, außen­po­li­ti­schen Wech­sel­wir­kun­gen und mas­si­ven Ver­än­de­run­gen in den früh­neu­zeit­li­chen deut­schen Gesell­schaf­ten und Gemein­schaf­ten der­ma­ßen unüber­schau­bar kom­plex, daß noch kein ganz und gar über­zeu­gen­des Nar­ra­tiv gefun­den wur­de, um es zu bändigen.

Mit der »Ver­tei­di­gung des Pro­tes­tan­tis­mus«, der »Schwä­chung der Zen­tral­ge­walt des Kai­sers« (und ande­ren mehr) gibt es zwar Deu­tungs­an­ge­bo­te, aber sie las­sen sich jeder­zeit gegen­ein­an­der ver­schie­ben und aus­spie­len, sodaß sich kein schlüs­si­ges Bild ergibt. Offe­ne Fra­gen und damit inter­pre­ta­to­ri­sche Ein­falls­to­re bleiben.

Vie­le Ver­la­ge und noch mehr Autoren ver­su­chen, von die­sem Erin­ne­rungs­ku­chen ein mög­lichst gro­ßes Stück auf den eige­nen Tel­ler zu laden. Aus den seriö­sen und boden­stän­di­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen sei­en hier die­je­ni­gen vor­ge­stellt, die bei Sezes­si­on-Lesern ver­mut­lich das meis­te Inter­es­se erwecken.

Bereits 2009 leg­te Peter Wil­son mit The Thir­ty Years War: Europe’s Tra­ge­dy eine mehr­fach preis­ge­krön­te Gesamt­dar­stel­lung vor. Nach Erschei­nen der Über­set­zung (Peter Wil­son: Der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg. Eine euro­päi­sche Tra­gö­die, Theiss 2017, 1143 S., 49,95 €) las man hier und dort in Rezen­sio­nen ein erleich­ter­tes »End­lich«, daß die­ses Buch nun auf Deutsch ver­füg­bar sei.

Die eige­ne Lek­tü­re belehrt sehr schnell, woher die­se Les­er­sehn­sucht stamm­te. Dem Ver­fas­ser, inzwi­schen Inha­ber eines mili­tär­his­to­ri­schen Lehr­stuhls in Oxford, ist ein neu­es Stan­dard­werk gelun­gen, das in sei­ner Detail­tie­fe in nur einem Band, sei­nem rela­tiv leicht zugäng­li­chen Stil (in nicht immer ganz über­zeu­gen­der Über­set­zung) und auch sei­nen wohl­ab­ge­wo­ge­nen Bewer­tun­gen kaum zu über­tref­fen sein dürfte.

Um die für uns frem­de Welt der frü­hen Neu­zeit vor­zu­stel­len, nimmt der Autor sich die Zeit für umfang­rei­che the­ma­ti­sche Her­an­füh­run­gen. Wil­son braucht fast 350 Sei­ten, um über­haupt zum Pra­ger Fens­ter­sturz zu gelangen.

Schon durch den Zuschnitt die­ser Ein­lei­tun­gen cha­rak­te­ri­siert er den Krieg auf deut­schem Boden als inter­na­tio­na­les Gesche­hen, wid­met sich aus­gie­big jeweils der öster­rei­chi­schen, spa­ni­schen, osma­ni­schen, däni­schen und schwe­di­schen Vorkriegspolitik.

Nach die­ser sehr gründ­li­chen Vor­be­rei­tung geht der Über­blick über das mul­ti­fak­to­ri­el­le Gesche­hen kaum ver­lo­ren, wenn spä­ter von Heer­zü­gen und Schlach­ten die Rede ist. Nicht nur mit ver­ein­fa­chen­den Schul­buch­weis­hei­ten räumt das Buch auf – etwa der aus dem 19. Jahr­hun­dert stam­men­den Behaup­tung, der Krieg sei ein »Reli­gi­ons­krieg« gewesen.

Auch in Ein­zel­fra­gen macht Wil­son sich nicht abhän­gig von Lehr­mei­nun­gen. So rela­ti­viert er die Bedeu­tung der Pri­va­ti­sie­rung der Kriegs­wirt­schaft durch den ver­meint­li­chen Früh­li­ber­tä­ren Wal­len­stein, indem er dar­auf hin­weist, wie sehr des­sen Unter­neh­mer­tum von Kai­ser und Reich abhän­gig war.

Das impo­san­te Werk zeigt an jeder Stel­le die Sicher­heit eines Ver­fas­sers, der ein eigent­lich kaum beherrsch­ba­res The­ma unter Kon­trol­le hat. Prä­zi­se bis in Details, jeder­zeit nach­prüf­bar und gut erschlos­sen durch ein umfang­rei­ches Lite­ra­tur­ver­zeich­nis prä­sen­tiert Wil­son sei­ne Fak­ten struk­tu­riert (auch in Tabel­len­form), lie­fert etli­che gute Kar­ten wich­ti­ger Schlach­ten und erleich­tert die Ori­en­tie­rung durch prä­gnan­te Zwi­schen­über­schrif­ten (die lei­der im Inhalts­ver­zeich­nis nicht auf­tau­chen, eine Unsitte!).

Wil­sons Stil ist für eine anspruchs­vol­le his­to­ri­sche Mono­gra­phie grund­sätz­lich gut ver­ständ­lich. Gleich­zei­tig macht er aber im Ein­zel­nen kei­ne Zuge­ständ­nis­se an die Kom­ple­xi­täts­re­duk­ti­on, das Buch wim­melt vor Namen, Daten und Zusammenhängen.

Die vie­len (gera­de per­sön­lich-bio­gra­phi­schen) Details machen die Lek­tü­re anstren­gend, aber die Dar­stel­lung auch unge­mein far­big: hier han­del­ten Men­schen, kei­ne anony­men Kräf­te. Trotz der 30 Jah­re, trotz der vie­len Betei­lig­ten, trotz der ver­floch­te­nen Moti­ve und Kau­sa­li­tä­ten: Das Buch läßt für den Leser, der sich die fast 1000 Sei­ten Text zumu­ten will (ellen­lan­ge Anhän­ge kom­men hin­zu) offen­bar kei­ne Fra­ge offen.

Wer sich für das Schick­sal der Kriegs­kre­di­te nach dem Frie­dens­schluß inter­es­siert, die Win­dun­gen der Diplo­ma­tie im Detail ver­fol­gen möch­te oder schon immer wis­sen woll­te, wel­che Aus­wir­kun­gen das euro­päi­sche Kriegs­thea­ter auf Ango­la (!) hat­te, der fin­det bei Wil­son auch dar­auf eine Antwort.

Das Buch ist eine klei­ne Enzy­klo­pä­die des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges in einem Band und viel­leicht sogar als Nach­schla­ge­werk bes­ser geeig­net denn als Schmö­ker für den Fei­er­abend. Ein schier end­lo­ses Per­so­nen­re­gis­ter ermög­licht das Auf­fin­den auch absei­tigs­ter Nebenfiguren.

Was dem ohne Abstri­che emp­feh­lens­wer­ten Band gera­de dar­um um so merk­li­cher fehlt (neben einer Zeit­ta­fel), ist aller­dings ein Stichwortregister.

Wer sich weni­ger für Kampf­hand­lun­gen und Ope­ra­ti­ons­ge­schich­te sowie Per­so­nen inter­es­siert und eini­ge Stun­den weni­ger Lese­zeit inves­tie­ren will, kann guten Gewis­sens auch zum ernst­haf­tes­ten Kon­kur­renz­werk auf dem Jubi­lä­ums­buch­markt grei­fen (Georg Schmidt: Die Rei­ter der Apo­ka­lyp­se, C.H. Beck 2018, 810 S., 32 €).

Der Jena­er Pro­fes­sor Schmidt nimmt stär­ker die poli­ti­sche und Sozi­al­ge­schich­te des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges in den Blick. Auch dem in jener Zeit bedeu­ten­den Flug­schrif­ten­we­sen und ande­ren For­men von Pro­pa­gan­da und Publi­zis­tik gibt er mehr Raum.

Sei­ne Kriegs- und Frie­dens­ge­schich­te klei­det Schmidt in meh­re­re Män­tel. Zum ers­ten beschreibt er die Krieg­füh­rung nicht als allein­ste­hen­des Ver­häng­nis. Neben der orga­ni­sier­ten Mas­sen­ge­walt sind es Hun­ger und Pest, die er als drei apo­ka­lyp­ti­sche Rei­ter über die Zeit­ge­nos­sen kom­men sieht.

Die­se drei Pla­gen sind 1618 bis 1648 kaum von­ein­an­der zu tren­nen, die eine folgt auf die ande­re. Immer wie­der nimmt er die­se Per­spek­ti­ve ein, statt nur auf die Kriegs­hand­lun­gen zu bli­cken. Der zwei­te Man­tel ist eine Demy­thi­fi­zie­rung, die Schmidt vor­neh­men will: die »kol­lek­ti­ve Trau­ma­ti­sie­rung« der Deut­schen durch die lan­ge Kriegs­zeit sei eine nach­träg­li­che Erfin­dung und aus den Quel­len der Zeit nicht nach­weis­bar, die im Krieg ver­tei­dig­te »deut­sche Frei­heit« ein poli­tisch instru­men­ta­li­sier­tes Nar­ra­tiv und der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg auch kei­ne »Urka­ta­stro­phe«.

Zum drit­ten betont der Autor bei allem Wan­del die Kon­ti­nui­tä­ten und stellt den Krieg und sei­ne Bewäl­ti­gung durch das West­fä­li­sche Sys­tem in die gesamt­eu­ro­päi­sche Geschich­te des 17. Jahr­hun­derts, wo bei­des kei­nen Fremd­kör­per bildet.
Das Werk, ver­faßt in einem nüch­ter­nen, im guten Sin­ne aka­de­mi­schen Stil, steht in der Tra­di­ti­on der gro­ßen deut­schen Historiographie.

Es läßt sich hier tat­säch­lich auf fast jeder Sei­te etwas ler­nen. Die Ein­füh­rung in die Reichs­ver­fas­sung, unter den The­men gro­ßer Rele­vanz das wohl kom­ple­xes­te, darf fast geni­al genannt wer­den. Die Cha­rak­te­ri­sie­rung von Per­so­nen gelingt Schmidt dage­gen weni­ger gut als Wilson.

Die zahl­lo­sen Kriegs­teil­neh­mer gera­de der zwei­ten Rei­he blei­ben meist gesichts­los. Dafür ist der Autor sei­nem eng­li­schen Kon­kur­ren­ten in der Vor­stel­lung Wal­len­steins und sei­nes Kriegs­sys­tems wie­der­um deut­lich über­le­gen. Nur weni­ge Flüch­tig­keits­feh­ler trü­ben den sehr guten Ein­druck, etwa wenn ein Abschnitt mit »Pfaf­fen­gas­se« über­schrie­ben ist, die­se Land­stri­che­dann aber fast kei­ne Rol­le spielen.

Auch hat der Ver­lag dem Werk kei­ne Kar­ten wich­ti­ger Schlach­ten bei­gege­ben, viel­leicht eine bewuß­te Posi­tio­nie­rung gegen einen mili­tär­ge­schicht­li­chen Erzähl­stand­punkt. Eine Zeit­ta­fel, die bei dem jahr­zehn­te­lan­gen Gesche­hen sehr hilf­reich wäre, ver­mißt man ebenfalls.

Anders als Wil­son gönnt Schmidt sich einen lan­gen essay­is­ti­schen Epi­log zur Rezep­ti­ons­ge­schich­te und den anhal­ten­den Fol­gen von Krieg und Frie­den. Hier ver­läßt ihn kurz die Nüch­tern­heit, wenn er nach fast 700 Sei­ten plötz­lich Bögen zur angeb­lich aggres­si­ven Bis­marck-Poli­tik schlägt, die in ihren Fol­ge­wir­kun­gen Euro­pa »in Schutt und Asche gelegt« habe, oder die The­se vom »zwei­ten drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg« 1914 bis 1945 mit sehr schwa­chen Argu­men­ten verwirft.

Es gelingt ihm sogar, den Kli­ma­wan­del des 21. Jahr­hun­derts zu erwäh­nen. Viel­leicht gehö­ren sol­che aus der eige­nen Zeit her­aus getrof­fe­nen Schluß­fol­ge­run­gen gar nicht in ein his­to­rio­gra­phi­sches Buch. Beacht­lich sind aber sei­ne Ein­sich­ten in den Cha­rak­ter der »Sonderweg«-These als blo­ße Umkeh­rung der klein­deut­schen »Meis­ter­erzäh­lung« (von Luther über Gus­tav Adolf zu Fried­rich dem Gro­ßen und Bis­marck) und – wie­der bezo­gen auf das hier inter­es­sie­ren­de 17. Jahr­hun­dert – zu den tat­säch­li­chen Kriegs­er­geb­nis­sen und dem, was bei aller Vor­sicht viel­leicht aus dem Krieg gelernt wer­den könnte.

Eine Wahl zwi­schen Wil­son und Schmidt zu tref­fen fällt schwer und ist abhän­gig von den Prä­fe­ren­zen des Lesers. Wer die Muße hat, lese bei­de Bücher par­al­lel (dank ihres weit­ge­hend streng chro­no­lo­gi­schen Auf­baus ist das gut mög­lich) und erhal­te dadurch einen gran­dio­sen Tief­en­ein­blick in ein epo­cha­les his­to­ri­sches Ereignis.

Aber nicht jeder kann und will sich ein Werk mit über 800 Sei­ten zumu­ten. Läßt sich über den Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg ein kur­zes, aber den­noch für den Leser wert­vol­les Buch schrei­ben? Ein eme­ri­tier­ter Ordi­na­ri­us für die Geschich­te der Frü­hen Neu­zeit hat es immer­hin ver­sucht (Johan­nes Burk­hardt: Der Krieg der Krie­ge. Eine neue Geschich­te des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges, Klett-Cot­ta 2018, 296 S., 25 €).

Burk­hardt deu­tet und beschreibt den Krieg als »Staats­bil­dungs­krieg« und befaßt sich dem­entspre­chend im Schwer­punkt mit den Ver­fas­sungs­kon­flik­ten, Macht­ver­schie­bun­gen und (immer wie­der von ver­schie­de­ner Sei­te auf­ge­nom­me­nen) Friedensbemühungen.

Die Beto­nung des Lei­dens des kriegs­un­ter­wor­fe­nen deut­schen Vol­kes ver­gißt er dar­über nicht, in sei­ner Ein­lei­tung ver­weist er auf die »Ver­ges­se­nen« der Geschichts­schrei­bung: Kin­der, Frau­en und Sol­da­ten. Was das Buch mit sei­nem Anspruch einer Gesamt­dar­stel­lung bemer­kens­wert macht, ist auch die gro­ße Schwä­che: sei­ne Kürze.

Dem Autor gelingt grund­sätz­lich eine sinn­vol­le Akzent­set­zung, die gro­ße Lini­en sicht­bar machen will und man­ches gut ver­ständ­lich erläu­tert. Einen wirk­lich nach­voll­zieh­ba­ren roten Faden hat er dem Leser aber nicht gespon­nen. Wer die Geschich­te der Jah­re 1618 bis 1648 nicht bereits gut kennt, muß gera­de­zu die Ori­en­tie­rung verlieren.

Wich­ti­ge The­men wer­den aus­ein­an­der­ge­ris­sen mal hier, mal dort behan­delt. Zusätz­lich ver­zet­telt sich Burk­hardt gele­gent­lich in für den gro­ßen Gang der Ereig­nis­se irrele­van­ten Details, die der Ver­an­schau­li­chung die­nen sol­len, aber ange­sichts des eher knapp bemes­se­nen Rau­mes eher irritieren.

Dazu kom­men Stil­blü­ten und Feh­ler in nicht ver­nach­läs­sig­ba­rer Zahl sowie eine insgesamt selt­sa­me, betont »moder­ne« Spra­che, die meist eher unfrei­wil­lig komisch ist als mitreißend. Es irri­tiert, wenn der Autor ohne wei­te­re Erklä­rung von einer »Zivil­ge­sell­schaft« im 17. Jahr­hun­dert spricht.

End­gül­tig in die Gefahr, dem Leser sei­ne Lek­tü­re­freu­de zu ver­der­ben, kommt der Ver­fas­ser, wenn er sei­ne (wenig ori­gi­nel­le) poli­ti­sche Mei­nung zum heu­ti­gen Zeit­ge­sche­hen pole­misch durch­schei­nen läßt. An ande­rer Stel­le meint er, im Ton­fall höchs­ter Über­le­gen­heit zuge­ste­hen zu dür­fen, der unter dem Natio­nal­so­zia­lis­mus wir­ken­de His­to­ri­ker Gün­ter Franz, »wie­wohl Nazi«, habe den­noch in einer Sach­fra­ge recht gehabt.

Wer so etwas im Ton­fall der Ver­blüf­fung (»Das Unglaub­li­che aber ist: …«) schreibt, weckt Zwei­fel an der wis­sen­schaft­li­chen Ernst­haf­tig­keit sei­nes For­schens und Schrei­bens – und Den­kens. Die­se ärger­li­chen Stel­len sol­len hier nicht über­be­wer­tet werden.

Auf (ohne das edi­to­ri­sche Bei­werk) 250 Sei­ten eine »neue Geschich­te« des Kriegs­ge­sche­hens zu schrei­ben, ist ein ausgesprochen ambi­tio­nier­tes Unter­fan­gen. Burk­hardt ist damit geschei­tert, was nicht heißt, daß sein Buch gar nicht lesens­wert wäre.

Es ist mit gro­ßer Sach­kennt­nis ver­faßt, nicht schlecht geschrie­ben und gibt man­ches zu beden­ken. Letzt­lich ist das Werk aber ein Zwit­ter zwi­schen wer­ten­dem Essay und klas­si­scher Geschichts­schrei­bung, was per se kaum gelin­gen kann. Einen völ­lig ande­ren Ansatz wählt eine wei­te­re Neu­erschei­nung (Chris­ti­an Pant­le: Der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg. Als Deutsch­land in Flam­men stand, Pro­py­lä­en 2017, 365 S., 18 €): das aus­gie­bi­ge, kom­men­tier­te Zeitzeugenzitat.

Zwei der bekann­tes­ten Chro­nis­ten ihres All­tags im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, der Söld­ner Peter Hagen­dorf aus dem Anhal­ti­schen und der Mönch Mau­rus Frie­sen­eg­ger vom Klos­ter Andechs, wer­den aus­gie­big zitiert. Es gelingt Pant­le geschickt, die­se Berich­te in sei­ne eige­ne Erzäh­lung von dem, was geschah, einzuflechten.

So wird er nie abhän­gig von sei­nen Gewährs­män­nern und kann das, was sie selbst nicht mit­be­ka­men, aus ande­ren Quel­len berich­ten. Die Geschichts­er­zäh­lung aus der Per­spek­ti­ve von Krie­ger und Geist­li­chem hat Vor- und Nach­tei­le. Einer­seits las­sen die authen­ti­schen Erfah­rungs­be­rich­te einen Ein­blick zu, der mit rei­ner Fak­ten­hu­be­rei nie zu gewin­nen ist.

Ande­rer­seits ver­führt die Annä­he­rung an die erfah­re­ne Rea­li­tät Pant­le zu roman­ar­ti­gen oder pseu­do­do­ku­men­ta­ri­schen Pas­sa­gen auch dort, wo es nicht um die Erleb­nis­se Ein­zel­ner geht. »Star­ker Schneefall
dämpf­te alle Geräu­sche, als …« – man muß die­sen Stil mögen.

Bei aller Far­big­keit der Dar­stel­lung kom­men Wis­sen und Erkennt­nis bei Pant­le nicht zu kurz. Es ist beacht­lich, wie­viel der Autor wie neben­bei mit­zu­tei­len weiß. Wenn er dar­an erin­nert, daß im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg (bezo­gen auf die Ein­woh­ner­zahl, nicht in abso­lu­ten Zah­len), deut­lich mehr als dop­pelt so vie­le Deut­sche star­ben wie im Zwei­ten Welt­krieg – von der grö­ße­ren Grau­sam­keit und län­ge­ren Dau­er der Gescheh­nis­se ganz zu schwei­gen –, hat das vor dem
Hin­ter­grund der Erzäh­lun­gen von selbst Erfah­re­nem eine ande­re Eindringlichkeit.

Der Ver­such, Fak­ten und Tage­buch­aus­zü­ge zu kom­bi­nie­ren, ist Pant­le geglückt, wenn die Dar­stel­lung auch merk­li­che Län­gen hat, weil der Autor die zeit­ge­nös­si­schen Schil­de­run­gen auch da erläu­ternd beglei­ten möch­te, wo das nicht nötig wäre.

Das Buch ist durch sei­nen leben­di­gen Stil und die im Ver­gleich zu den zuvor bespro­che­nen Büchern leich­te Spra­che für Jugend­li­che und Erwach­se­ne, die weni­ger lese­er­fah­ren sind, geeig­net. Dras­ti­sche Gewalt­dar­stel­lun­gen wer­den auch hier – erst recht hier – aller­dings nicht ausgespart.

Nicht nur die gro­ßen Ver­lags­häu­ser mit ihren Pro­fes­so­ren und immensen Mit­teln, auch klei­ne Ver­la­ge und kom­pe­ten­te Lai­en­au­toren hof­fen auf die Leser­gunst. Erfreu­lich ist, wenn ein sol­ches Buch dann mühe­los mit man­chem Erzeug­nis der Gro­ßen mit­hal­ten kann (Frau­ke Adri­ans: Der Drei­ßig­jäh­ri­ge Krieg. Zer­stö­rung und Neu­an­fang in Euro­pa, Palm 2017, 191 S., 24,95 €).

Adri­ans und ihr Ver­lag sind noch einen ganz ande­ren Weg gegan­gen, um das Kriegs­ge­sche­hen greif­bar zu machen. Nicht mit ver­ein­zel­ten Abbil­dun­gen oder Bild­ta­feln, son­dern über­reich und voll­far­big illus­triert prä­sen­tiert die Jour­na­lis­tin ihr Mate­ri­al, dar­un­ter wenig bekann­te bzw. unge­se­he­ne Gemäl­de, Sti­che und Drucke.

Um den Fluß ihrer Kriegs­chro­nik nicht zu stö­ren, sind klei­ne Exkur­se kul­tur­his­to­ri­scher Art, Erläu­te­run­gen zu Personen(gruppen) und ähn­li­ches mehr in Käs­ten aus­ge­glie­dert. Dadurch wie durch sei­ne ver­ständ­li­che und sinn­vol­le Glie­de­rung macht das Buch einen aus­ge­spro­chen auf­ge­räum­ten Eindruck.

Gemes­sen an sei­ner Kür­ze ent­hält das Buch medi­en­his­to­ri­sche Abhand­lun­gen von rela­tiv gro­ßem Umfang. Den­noch hat die Autorin, pro­mo­viert über die Pres­se­ge­schich­te des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges, der Ver­su­chung wider­stan­den, ihrem Spe­zi­al­ge­biet einen unge­bühr­lich gro­ßen Platz einzuräumen.

Ihre knap­pen Erläu­te­run­gen zum Flug­schrif­ten­we­sen, zu Kunst und Pro­pa­gan­da sind lesens­wert und kom­men in allen ande­ren hier vor­ge­stell­ten Büchern ange­sichts der Bedeu­tung des in jener Zeit erst entstehenden Pres­se­we­sens und der orga­ni­sier­ten Mei­nungs­be­ein­flus­sungs­in­dus­trie eher zu kurz.

Inhalt­lich steht der Band den Ver­öf­fent­li­chun­gen der Fach­his­to­ri­ker wenig nach. Die Platz­be­schrän­kung gebie­tet auch hier vie­le Lücken, und einen dif­fe­ren­zier­ten Umgang mit heik­len oder schwer zu deu­ten­den The­men darf der Leser eben­so­we­nig erwar­ten wie neue Denkansätze.

Ein paar Fehl­wer­tun­gen lie­ßen sich bemän­geln. Aber um in kur­zer Zeit einen fun­dier­ten Über­blick über die furcht­ba­ren drei­ßig Jah­re zu erlan­gen, ist das Buch fast ide­al. Adri­ans Stil ist unter­halt­sam, man liest das Buch in weni­gen Stun­den. Dem Geschichts­in­ter­es­sier­ten wird also, wie es sich zeigt, schon in der ers­ten Wel­le der Neu­erschei­nun­gen eini­ges geboten.

Ob die nächs­ten drei­ßig Jah­re wei­te­re Groß­ta­ten der His­to­rio­gra­phie brin­gen wer­den? Oder haben die infra­ge kom­men­den aka­de­mi­schen Mus­ke­tie­re nun ihr Pul­ver ver­schos­sen? Mit Sicher­heit erwar­ten uns zahl­rei­che Bio­gra­phien der wich­tigs­ten Prot­ago­nis­ten, kul­tur­ge­schicht­li­ches Aller­lei über das »Leben im Krieg« sowie 2048 – sofern es dann noch ein nen­nens­wer­tes Lese­pu­bli­kum in deut­scher Spra­che gibt  – Abhand­lun­gen über den West­fä­li­schen Frieden.

Zu hof­fen bleibt, daß auch die Schö­ne Lite­ra­tur sich der Zeit wie­der ver­stärkt annimmt, Dani­el Kehl­mann hat es mit dem gefei­er­ten Roman Tyll vor­ge­macht. Erin­ne­rung darf nicht den His­to­ri­kern allein über­las­sen wer­den. Dafür ist sie
zu wichtig.


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