1. Dezember 2018

Ich hab total oft Gülle im Kopf

Ellen Kositza

PDF der Druckfassung aus Sezession 87/Dezember 2018

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

X: »… ja, das ist alles schön und gut, was Eure Bundeszentrale macht. Euer Fluter ist in Ordnung – für höhere Schüler. Jugendsprache, aber nicht anbiedernd, Coolnessfaktor: wunderbar. Und ja, Schule läuft wunderbar, dissidente Lehrer gibt es so gut wie nicht, Schule ohne Rassismus läuft prima, und diese Amadeu-Antonio-Stiftung gibt ja auch schön Butter bei die Fische …«

Y (genervt): »Deren Personal ist natürlich auch … begrenzt.«

X: »Genau. Die bestärken die, die wir eh schon in der Tasche haben. Wir brauchen Identifikationspotential für die einfachen Leute, die es nicht kapieren wollen. Für Leute, die »diffus dagegen« sind – irgendwas, das die Pubertären kanalisiert. Eine Richtung, wo deren Energie abfließen kann!«

Y: »Machen wir doch. Haben wir doch. Die Ärzte. Herbert Grönemeyer. Campino. Das sind unsere Influencer, die bringen unsere Messages.«

X (seufzend): »Bitte mal das Durchschnittsalter dieser Fachleute? 57, oder? Das ist kein Material für die Kids auf der Kippe. Die Rechten höhnen schon ›Bundespunker‹, stimmt ja auch. Was damals richtig gut geklappt hat …«

Y: »Ich weiß, was Sie meinen. Die Ultras. Das war ein Coup, den feier ich heute noch. Das hätten wir uns nie erträumen können: eine antifaschistische Fußballszene! Die Frage ist, wie schaffen wir das mit der Popkultur?«

X: »Wir bräuchten jemanden … von dort.«

Y: »Wilder Osten!«

X: »Exakt. Einen Typ mit Ecken, Kanten und Brüchen. Bloß kein Intellektueller, gern unterbelichtet.«

Y: »Ich präzisiere: Um unsere Botschaft unters, ähm, Volk zu bringen, bräuchten wir jemanden, der habituell wie ein tumber Ossi rüberkommt, aber eben auf unserer Seite steht, ja? Schön ausgedacht. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?«

X: »Den Typen haben wir!« (Packt obiges Photo aus.)

Y: »Ein Rechtsrocker! Dick und doof!«

X: »Brav! Und jetzt mal genau hinschauen, was lesen wir auf dem T-Shirt dieses Herrn? Und was sagt uns diese Tätowierung?«

Y (glucksend): »Das ist unser Mann!«

Unser Mann heißt Jan Gorkow, ist 27 Jahre alt und lebt im ländlichen Vorpommern. Seine Freunde nennen ihn Monchi, in Anlehnung an das pummelige Affenbärtier. Er kommt aus gutem Haus (Mutter Zahnärztin; Gorkow: »Meine Muddäh is Zahnäztin, ich weiß, wie es ist, auf die Fresse zu kriegen!«, Vater Bauunternehmer) und dürfte seinen Eltern zunächst Sorgen bereitet haben.

Schulabbruch, Haftstrafe, starkes Übergewicht, misogyne Ansichten. Dann gründete er mit Kumpels diese Band, FSF. Mittlerweile buchstabiert man dieses Kürzel als »Feine Sahne Fischfilet« aus, das gängige FSF hingegen entspricht variiert dem, was bei den Toten-Hosen-Fans von anno dazumal als FBB auf dem T-Shirt getragen wurde: Ficken, bumsen, blasen, Kehrreim eines Liedleins von 1983.

Unter den Söhnen der Hosen-Generation ist fressen, saufen, ficken angesagt. Gorkow zu seiner Basismotivation: »Wir wollten einfach nur saufen, ficken, bißchen Musik machen.« Zwischen 2011 und 2014 stand die Rockkapelle im Verfassungsschutzbericht des Bundeslandes, ihr wurde eine »explizit antistaatliche Haltung« nachgewiesen.

Das bezog sich zum einen auf die Texte: »Die Bullenhelme, sie sollen fliegen. Eure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein!« oder, besonders gekonnt gereimt: »Ich habe mir nichts vorzuwerfen/Bin bei weitem nicht frei von Sünde /aber trete vor zum Werfen«, zum anderen darauf, daß auf der Netzseite der Gruppe eine Bauanleitung für Molotow-Cocktails zu finden war.

Gorkow nennt das »Satire«, gibt aber zu: »Ich hab total oft Gülle im Kopf.« Der bekannte Schauspieler Charly Hübner, der auch »von dort« stammt, hatte jüngst einen Kinofilm mit dem romantischen Titel Wildes Herz über Gorkow und seine Mannen gedreht.

Für Hübner »sind deren Stücke einfach nur Punksongs. ›Die Ostsee soll frei von Bullen sein‹ – solche Texte sind Punktradition. Wie kann jemand denken, dass diese Musiker ernsthaft was gegen den Staat haben? (…) Das sind Punks, die in alkoholseligen Songs ihre Gefühle besingen, weil sie regelmäßig am Wochenende auf irgendwelchen Demos in Hader mit der Polizei geraten sind. Dass solche Leute zu Systemfeinden erklärt und irgendwelche Sprüche umgewandelt werden in ideologische Theoreme, das hat mich irritiert.«

In der Tat dürfte Gorkow wenig mit »ideologischen Theoremen« zu tun haben. Ein Interview, das Klaas Heuer-Umlauf mit dem Sänger führte, kann man gemäß Gorkows Aussagen so zusammenfassen: »Kein Bock … geile Leute … Scheiße … keine Ahnung … hammergeil … AfD-Wichser … geiler Scheiß … Diggäh.« Und: »Wer in seinem Leben noch keine
Mülltonne geworfen hat, weiß nicht, was Freiheit ist.«

In anderen Belangen gibt sich Gorkow lernfähig:

Ich hab Jahre lang vertreten, dass Frauen beim Fussball nichts zu suchen haben. Und dann kamen Leute zu mir, die sich ernsthaft mit mir auseinandergesetzt haben (…). Das hat mir viel gebracht, dass zwei, drei Leute, die in organisierten Antifa-Gruppen waren, sich wirklich mit mir richtig viel Mühe gegeben haben. Das heisst nicht, dass ich nicht heute auch noch mega viel Scheisse im Kopf hab.

Auf dem Photo fallen auf: Zum einen die Mikrophonhaltung. Auf anderen Bildern hält Gorkow frei in den Mund laufende Bierflaschen in gleichem Winkel. Es ist eine Siegerpose, auch am V- wie Victory-Winkel erkennbar. (Mireille Matthieu, Roland Kaiser und andere Sangeskollegen pflegen bekanntlich eine abweichende Mikro- bzw. Trinkgefäßhaltung.)

Die Tätowierung auf dem Unterarm, »161«, verweist weder auf sexuelle noch lukullische Gelüste, sondern steht für »AfA«, Antifaschistische Aktion; Antifaschist, sagt Gorkow, sei die einzige Schublade, die er sich gefallen lasse. Er hat es weit gebracht damit.

Beizeiten hatte Heiko Maas per Twitter für Konzerte der linksradikalen Combo geworben, jüngst hattebekanntlich auch Bundespräsident Steinmeier das »bunte, antirassistische Konzert« in Chemnitz gelobt, auf dem FSF federführend wirkten. Auf Gorkows T-Shirt lesen wir: »Partisanen gegen Deutschland«.

Innerhalb eines phantastischen Wappens sehen wir ein vermummtes Gesicht, links und rechts davon zwei Sturmgewehre.

Y: »Partisanen … also eine irreguläre Truppe irgendwie, ja?«

X: »Carl Schmitt. Kennen Sie? Theorie des Partisanen? Irregularität ist nur eines seiner Kennzeichen. Hinzu träte gesteigerte Mobilität, also taktische Bewegungsfreiheit – können wir gewährleisten. Und Intensität, also Haltung und Kampfmoral – sehr easy in diesem Fall.«

Y: »Ja, ich habe Schmitt gelesen. Er sagt dem Partisanen allerdings auch einen tellurischen, erdverbundenen Charakter nach. Wie könnte also ein Deutscher ›gegen Deutschland‹ sein?«

X: »Na, lesen Sie Ihren Schmitt zu Ende. Letztlich fungiert der Partisan als Entorteter. Er wird zum auswechselbaren Werkzeug einer mächtigen, Weltpolitik treibenden Zentrale. Schreibt Schmitt.«

Y: Und wo bliebe der Feind?«

X: »Diese Menschen, denen der Partisan nutzt, sehen sich gezwungen, diese anderen Menschen, d.h. ihre Opfer und Objekte, auch moralisch zu vernichten. Sie müssen die Gegenseite als Ganzes für verbrecherisch und unmenschlich erklären, für einen totalen Unwert. Sonst sind sie eben selber Verbrecher und Unmenschen. Auch: Schmitt.«


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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