1. Dezember 2018

Die amerikanische Alt-Right – Positionen und Profile

Gastbeitrag

von Siegfried Gerlich
PDF der Druckfassung aus Sezession 87/Dezember 2018

 Gastbeitrag

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  • Sezession

Vor einem selbstverschuldeten Schicksal, das die Vereinigten Staaten von Amerika immer gebieterischer heimsucht, hatte Theodore Roosevelt bereits 1915 weitsichtig gewarnt: »Der einzige absolut sichere Weg, den Ruin dieser Nation herbeizuführen und dafür zu sorgen, daß sie nicht länger eine Nation aller sein kann, bestünde darin, zuzulassen, daß sie ein Flickenteppich aus zerstrittenen Nationalitäten wird.« Und hundert Jahre später macht eine zornige rechte Bewegung von sich reden, die den amerikanischen Machteliten vorwirft, eben diesen ruinösen Weg beschritten und damit das Land in eine tiefgreifende Identitätskrise gestürzt zu haben.
Die Radikalität mancher Lösungsvorschläge, welche die »alternative Rechte« für diese Krise anzubieten hat, läßt sie jedoch zuweilen selber als Teil des Problems erscheinen.

Die Frage nach ihrer Identität begleitet die Amerikaner seit dem Anfang ihrer Geschichte, und entsprechend zeigt sich in der Abfolge der darauf gegebenen Antworten der geschichtliche Wandel des amerikanischen Selbstverständnisses, in welchem identitäre Substrate wie Ethnie, Rasse, Kultur, Staat, Nation und Ideologie sich sowohl überlagert haben als auch abwechselnd als dominante Profile hervorgetreten sind. Bereits Thomas Jeffersens berühmte Erklärung: »Amerika wurde geschaffen als eine Nation für weiße Männer mit gutem Charakter«, bedarf der genaueren Bestimmung, daß die Nachfahren der ersten britischen Siedler an der amerikanischen Atlantikküste die späteren irischen, italienischen, slawischen und jüdischen Zuwanderer keineswegs als weiße Rassegenossen willkommen hießen, sondern noch geraume Zeit als Angehörige minderwertiger Rassen verachteten.

Diese aber waren willens und fähig, ihre ethnischen Identitäten abzulegen und sich konfessionsübergreifend der angloprotestantischen Leitkultur zuunterwerfen, die sich zu einem individualistischen Lebensstil mit puritanischem Arbeitsethos ausgeprägt hatte. Und so kam es schließlich doch noch zu einer zumindest kulturellen Verschmelzung der nordwest- und südosteuropäischen Einwanderer mit dem angelsächsischen Gründervolk zu »Weißen«, die sich in einvernehmlicher Abgrenzung gegen »Schwarze« und »Rothäute« ihrer rassischen Eigenart versicherten.

Was freilich die »Nation« betrifft, so hatte sich das »amerikanische Credo« der Unabhängigkeitserklärung von 1776 ausdrücklich nicht auf sie, sondern auf eine »Union« von »Staaten« bezogen. Erst nach dem Bürgerkrieg und der Sklavenbefreiung von 1865 bildete sich ein staatsbürgerliches Nationalbewußtsein heraus, das nunmehr auch die Schwarzen als »Amerikaner« anerkannte, wobei deren Staatsbürgerschaft noch bis 1965 durch Rassengesetze beeinträchtigt blieb. Ins Jahr von deren Abschaffung fiel indessen auch die Verabschiedung von freizügigen Immigrationsgesetzen, die eine Massenzuwanderung von Asiaten und Lateinamerikanern auf den Weg brachten, unter denen insbesondere die Mexikanereinen starken ethnokulturellen Selbsterhaltungswillen erkennen ließen.

Anstatt jedoch auch ihnen die bewährte Leitkultur zuzumuten, trat das bis dahin vornehmlich weiße Amerika die Flucht nach vorn an, indem es sich ein rein zivilgesellschaftliches und multikulturelles Selbstverständnis zu eigen machte und damit den drohenden Zerfall der amerikanischen Nation in eine ethnopluralistische Ansammlung subnationaler Gruppen noch beförderte.

In der paradoxen Konsequenz führte die Zurückdrängung der weißen Vorherrschaft daher auch zur allmählichen Preisgabe einer ihr entgegengesetzten Utopie, welche der französisch-amerikanische Schriftsteller Hector St. John de Crévecoer bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts in die Worte gefaßt hatte, es gälte »Menschen aus allen Nationen zu einer neuen Rasse von Menschen zu verschmelzen«.

Weite Verbreitung erlangte dieses Bild eines »Melting Pot« aber erst durch den jüdisch-britischen Autor Israel Zangwill, der in seinem 1909 uraufgeführten gleichnamigen Theaterstück die frohe Botschaft verkündete: »Amerika ist Gottes Feuerofen, der große Schmelztiegel, in dem alle Rassen Europas verschmelzen
und sich neu bilden.« Diesem imaginären »Tiegel«, in welchen Zangwill später auch noch außereuropäische Rassen werfen wollte, setzte 1915 allerdings der jüdisch-amerikanische Philosoph Horace Kallen das realistischere Bild einer »Salatschüssel« entgegen. Denn für Kallen waren nationale Identitäten nun einmal »durch Abstammung determiniert«, und so konnte er sich das Einwanderungsland Amerika nur als eine von »kulturellem Pluralismus« geprägte »Konföderation der Nationalitäten« vorstellen. Tatsächlich sollten die Soziologen Nathan Glazer und Daniel Patrick Moynihan in ihrer 1963 publizierten Studie Beyond the Melting Pot am Beispiel der »Negroes, Puerto Ricans, Italians, Jews, and Irish of New York City« die traurige Bilanz ziehen, daß der Schmelztiegel schlicht nicht funktioniert hat.

Vor diesem Hintergrund konnte Präsident Clintons 1997 gehaltene Rede über eine »dritte amerikanische Revolution«, die beweisen müsse, »daß wir buchstäblich ohne eine dominante europäische Kultur leben können«, durchaus den Eindruck realitätsfremder Globalisierungspropaganda erwecken. Aber freilich wurde diese multikulturelle und postrassistische Sozialutopie von den Wirtschaftsinteressen kosmopolitischer Eliten ebenso getragen wie von dem Wunschdenken nomadisierender Intellektueller; und folgerichtig wurde auch die bereits von Präsident Kennedy eingeleitete »Affirmative Action« zu einer umfassenden Politik der positiven Diskriminierung ausgeweitet, welche die Restauration der ethnokulturellen Identitäten von farbigen Minderheiten mit einer Dekonstruktion der Identität der weißen Mehrheit verband. Im Ergebnis hat jedoch gerade diese identitätspolitische Doppelmoral die Wiederkehr eines weißen Nationalismus heraufbeschworen, welcher die allen »People of Color« eingeräumten Privilegien nunmehr auch für die Weißen selber beansprucht.

Schon um die Jahrhundertwende räumte die afroamerikanische Politologin Carol M. Swain ein, daß die neueren Bestrebungen, »das Rassenbewußtsein der Weißen und den weißen Nationalismus zu stärken«, nur die »nächste logische Etappe der Identitätspolitik in Amerika« darstellten. An der nationalen Basis beunruhigte Swain zwar eine »amorphe politische Bewegung, die aus dem Gefühl geboren wurde, daß die Rechte weißer Menschen mit Füßen getreten würden und niemand seine Stimme für ihre Sorgen erhob«; und von dieser Seite gehe »das Risiko eines Rassenkonflikts in einer Größenordnung (aus), wie wir das noch nicht erlebt haben«.

Andererseits gebe es aber auch »intelligente« und »kultivierte« Köpfe, die »von einem anderen Schlag« seien als »die populistischen Politiker und vermummten KKK-Männer aus dem alten Süden«; und im Unterschied zu den älteren »weißen Suprematisten« strebten diese »neuen weißen Nationalisten« eben keine rassische Vorherrschaft mehr an, sondern forderten lediglich rassische Selbstbestimmung ein. Zur gleichen Zeit nahm auch der angloamerikanische Politologe Samuel Huntington wahr, wie sich unter den weißen Amerikanern »ein neues Rassenbewußtsein entwickelt, weil sie erleben, daß Amerika immer mehr zu einer nichtweißen Gesellschaft wird«.

Und auch Huntington machte geltend, daß diese »weißen Nativisten nicht mit extremistischen Randgruppen verwechselt werden dürfen«, denn das »Ende der Ethnizität« habe beiden europäischstämmigen Amerikanern ein »Identitätsvakuum« entstehen lassen, welches nur noch durch »eine breiter gefaßte, weiße Rassenidentität« ausgefüllt werden könne.

Was zu Beginn dieses Jahrhunderts erst noch im Keim vorhanden war, ist unterdessen mit der Alt-Right-Bewegung zu voller Blüte gelangt. Daß es sich hierbei womöglich nur um eine Ressentiment-Bewegung all jener zu kurz gekommenen »Rednecks« und »Hillbillys« handele, die von Hillary Clinton als »Korb der Kläglichen« verächtlich gemacht und dafür von Donald Trump ins Herz geschlossen wurden, ist ein naheliegender Verdacht, den manche Alt-Rightler durch ihre affirmative Reklamation dieser diskriminierenden Ausdrücke auch noch selber genährt haben. Aber schon ein vergleichender Blick in die »Hillbilly-Elegie« von J.D. Vance, der in diesem autobiographischen Roman den Prekarisierten des »Rostgürtels« seine Stimme geliehen hat, kann darüber belehren, daß der harte Kern der Alt-Right keineswegs von sozioökonomischer Frustration geplagt, sondern von der Vision einer ethnokulturellen Regeneration angetrieben wird.

In der Tat wird man in der Alt-Right das Wiedererwachen eines den linksliberalen wie den neokonservativen Eliten abhanden gekommenen uramerikanischen Bewußtseins feststellen dürfen, über das ansonsten allein noch in der »Old Right« verwurzelte »alte weiße Männer« wie Patrick Buchanan, Peter Brimelow und Sam Francis verfügen, die Paul Gottfried denn auch zu »Paläokonservativen« geadelt hat. Allerdings begnügen sich die Alt-Rightler nicht mit einer nostalgischen Anmahnung der vormaligen Selbstverständlichkeit, daß Amerika ursprünglich eine von weißen und für weiße Europäer geschaffene »Neue Welt« gewesen war, denn angesichts des geordneten demographischen Rückzugs der Weißen provoziert ihre panische Angst, zu spät zu kommen, sie zu einem äußerst
aggressiven Auftrumpfen.

Von diesem radikalen und revolutionären Impetus, der sich zwar hauptsächlich gegen den Neokonservatismus richtet, aber auch über den reformistischen Paläokonservatismus entschieden hinausgeht, zeugt ein 2018 erschienener programmatischer Sammelband, in dem The Alt Right in the Words of its Members and Leaders um A Fair Hearing bittet. Darin bringt der Herausgeber George T. Shaw mit »drei Prinzipien« sowohl den Ernst der Lage als auch die forsche Gesinnung der Bewegung auf den Punkt: »Demography is destiny«; »White genozide is underway«; »The Jewish Question is valid«.

Die charismatische Führerfigur der »Alternative Right« ist freilich Richard Spencer, der mit diesem von seinem geistigen Mentor Paul Gottfried geprägten Ausdruck 2008 die Bewegung und 2013 ein Online-Magazin benannt hat und überdies seit 2013 mit dem »National Policy Institute« die einflußreichste Denkfabrik der radikalen Rechten leitet. Aber auch für deren weitere Radikalisierung hat Spencer nolens volens selber gesorgt, indem er am Ende einer den Wahlsieg Trumps feiernden Konferenz den rechten Arm zum »römischen Gruß« erhob und den Anwesenden launig zurief: »Hail Trump, hail our people, hail victory!« Einige seiner Gefolgsleute, die es ihm gleichtaten, verstanden jedoch keinen Spaß, und ein »Heil Hitler!«-Ruf ließ erahnen, daß hier wohl nicht nur einer den Arm zum »deutschen Gruß« erhoben hatte.

Kann die kokette Behauptung Spencers, echte Nazis würden ihn hassen, nach dieser Szene auch kaum mehr überzeugen, so darf man ihm doch getrost glauben, daß er selber die Wiederherstellung nicht des »Dritten Reiches«, sondern vielmehr jenes »Vierten Rom« herbeisehnt, als welches schon die amerikanischen Gründerväter ihre »Neue Welt« verstanden hatten. Auch Spencers unmißverständliche Verurteilung von Kolonialismus, Imperialismus und Sklaverei als den »größten Fehlern in der Geschichte der Weißen« spricht eher für seine bekundete Nähe zur französischen Neuen Rechten sowie zur europäischen Identitären Bewegung als für einen amerikanischen Neonazismus.

Und obschon Spencer sich mit kühnen Bekenntnissen zu »weißer Überlegenheit« immer wieder weit von einem schüchternen Ethnopluralismus entfernt, rückt seine Überzeugung, daß ein multirassistisch zerrüttetes Amerika als Nation keine große Zukunft mehr habe und es deshalb einen »Schutzraum« für alle europäischstämmigen Menschen geben müsse, noch seinen Kampf um einen »weißen Ethnostaat« in ein milderes Licht.

Als legitimer Anführer der Alt-Right erweist sich Spencer nicht zuletzt durch die Vehemenz, mit der er für eine nietzscheanische Umwertung aller christlichen Werte Amerikas eintritt und von Schönheit und Stärke der weißen Kultur und Rasse schwärmt. Und es dürfte gerade diesem neuheidnischen Angriff auf die angloprotestantische Kernkultur Amerikas geschuldet sein, daß aus dem, was im christlichen Konservatismus noch an religiösem Antijudaismus fortwirken mochte, nicht nur beim Fußvolk der Alt-Right wieder ein rassischer Antisemitismus hervorgebrochen ist. Aber freilich sollte die behauptete Virulenz der jüdischen Frage nicht schon darum bestritten werden, weil deren antisemitische Beantwortung auch den meisten Nichtjuden unerträglich ist; denn unstrittig ist allemal, daß die neokonservative und multikulturelle Wende in der amerikanischen Politik maßgeblich von jüdischen Strategen und Ideologen eingeleitet wurde.

Wie Jared Howe in dem Fair Hearing hierzu mit einiger Übertreibung ausführt, waren die »Neocons« mehrheitlich Trotzkisten, bevor sie das Konzept einer »permanenten Revolution« an neoliberale Gegebenheiten anpaßten und in die »kulturmarxistischen« Programme inklusionistischer Entgrenzung und identitärer Selbstauflösung überführten. Jüdischen Libertären wirft Howe sogar vor, eine »heimtückische Pipeline« zur Alt-Right gelegt und damit antijüdische Reaktionen geradezu provoziert zu haben.

Was wie eine antisemitische Verschwörungstheorie anmutet, ist derweil von Milo Yiannopoulos, dem wohl prominentesten der »jüdischen Verschwörer«, auf seine Weise bestätigt worden. Für den konservativen Nachrichtenkanal »Breitbart News«, der 2007 von dem ebenfalls jüdischen Publizisten Andrew Breitbart gegründet worden war, hatte Yiannopoulos gemeinsam mit Allum Bokhari 2015 einen »Guide to the Alt-Right« verfaßt, worin diese »eklektische Mischung aus Renegaten« des
linksliberalen Milieus, die allesamt »gefährlich schlau« seien und »Spaß an verbotenen Ideen« hätten, sich noch überaus wohlwollend porträtiert fand.

Diese junge Alt-Right sei jedoch »gestorben«, als »ein Idiot wie Spencer die Kontrolle über die Bewegung« gewann, denn seither werde sie zunehmend von Rechtsextremen und Holocaust-Leugnern beherrscht, wie es die Mainstream-Presse von Anfang an herbeizuschreiben versucht habe: »Der extreme Rand der Alt-Right und die linken Medien arbeiteten zusammen, um die ›Alt-Right‹ zu etwas Engem und Häßlichem und vollkommen anderem zu machen, als es jene breite, kulturell libertäre Bewegung war«.

Aber trotz dieser harschen Abrechnung gilt der ultralibertäre Polit-Entertainer den amerikanischen Medien weiterhin als das smarte Vorzeigegesicht der Alt-Right, und so fühlt sich Yiannopoulos inzwischen von dem neonazistischen Online-Magazin »Daily Stormer«, das ihn für eine »Nigger-liebende Juden-Schwuchtel« hält, weit besser verstanden.

Nach Spencers »Hail victory!«-Auftritt verabschiedete sich indessen auch Vordenker Paul Gottfried von der Alt-Right, um wieder zur Old Right zurückzukehren, ohne sich dabei zu Verdammungsurteilen hinreißen zu lassen. Immerhin hatte der jüdische Politologe, der sich als »Schöpfer des Namens«, nicht hingegen »der Bewegung« sieht, die Alt-Right in ihren Anfängen mit dem geistigen Erbe der Konservativen Revolution vertraut gemacht, und noch 2016 wußte Gottfried die »Vielfalt rechter und konservativer Grüppchen und Fraktionen« in ihr zu schätzen.

Aber gerade die »Rassisten und Antisemiten«, welche in der Alt-Right nur »eine Minderheit« bildeten, seien von »Linken und Medien« zu einem »Popanz« aufgeblasen worden, um die gesamte Bewegung zu diskreditieren, »in der sich eben auch sehr viele anständige Leute engagieren«.

Für medial hochgespielt hält Gottfried insbesondere die Führungsrolle Spencers, der sich »durch sein Verhalten innerhalb der ›Alt-Right‹ längst isoliert« habe.
Gleichwohl haben noch weitere namhafte ehemalige Sympathisanten wie Gavin McInnes und Lauren Southern vor den weißen Nationalisten in der Alt-Right die Flucht ergriffen, und das hat wiederum diesen konservativ-libertären Verfassungspatrioten von Spencers Seite den Spottnamen »Alt-Light« eingebracht. Dabei scheint sich die Bruchlinie zwischen diesen Gesinnungsfronten, die der Hipster McInnes in einem pointierten YouTube-Vortrag nachgezeichnet hat, nach den rechtsextremen Ausschreitungen in Charlottesville in die Alt-Right selbst hinein verschoben zu haben.

In einem Interview vom August 2017 attackierte immerhin Steve Bannon, der 2012 die Leitung von »Breitbart News« übernommen hatte, um den Sender für die Alt-Right zuzurüsten, die rassebewußten Ethnonationalisten als eine »Ansammlung von Clowns« und »Verlierern«, die man »zerquetschen« müsse.
Zur Entlastung der vielgescholtenen Alt-Right hat nun George  T. Shaw zu bedenken gegeben, daß deren verbalradikale Provokationen lediglich ein »kalkuliertes Mittel« seien, um »prüde und zerbrechliche Linke zu demoralisieren«. Und wenn es in der Bewegung auch einen »übertriebenen ›Rassismus‹« und sogar einen ganz »unironischen ›Nazismus‹« gebe, so würden damit doch nur »notwendige, wenn auch schmerzliche Korrekturen« angestoßen, die einen »ehrlichen Diskurs mit Humor« erst wieder möglich machten.

Wie ehrlich und humorvoll es dabei zugehen kann, demonstrieren in dem Fair Hearing etwa Bill Matheson, der Weiße und Schwarze nicht mehr als menschliche »Rassen«, sondern als gänzlich verschiedene »Arten« verstanden wissen will, sowie Ethan Edwards, der eine »ethnische Separation« der Weißen von den Juden anregt, da der Vorteil, »sich von diesem bitteren ethnischen Feind zu trennen«, ebenso groß wäre, »wie sich von einer destruktiven Drogensucht zu befreien.«

Im Umkreis der Alt-Right bewegen sich allerdings auch profilierte Wissenschaftler, die zu solchem unverhohlenen Rassismus und Antisemitismus gebührend Abstand halten. Zu diesen gehört der Psychologe Kevin MacDonald, den Spencer nicht ohne Grund mit den Worten gepriesen hat, es gäbe »keinen Menschen auf der ganzen Welt, der mehr für das Verständnis dessen getan hat, wohin diese Welt sich entwickelt«.

Denn in seinem dem Judentum gewidmeten dreibändigen Hauptwerk hat MacDonald die kultursoziologische Auffassung, daß die Juden nach außen gern Universalismus predigten, nach innen hingegen ihrem Ethnozentrismus treu blieben, auf eine soziobiologische Grundlage zu stellen gesucht. In dieser Perspektive scheint ihm die »gruppenevolutionäre Strategie der Juden in ihrem Konkurrenzkampf mit Nichtjuden um gesellschaftliche, politische und kulturelle Dominanz« gerade in der europäischen Geschichte so erfolgreich gewesen zu sein, weil die »Europäer relativ weniger ethnozentrisch sind und relativ mehr zum Individualismus neigen«, was sie »sehr anfällig für das Eindringen stark kollektivistischer Gruppen« mache.

Und in Bezug auf die amerikanische Gegenwart vertritt MacDonald mit Nachdruck, daß nicht nur die jüdischen Wortführer eines vom Linksradikalismus bis zum Neokonservatismus reichenden politischen Spektrums, sondern auch die jüdischen Hauptvertreter der das kulturelle Klima Amerikas maßgeblich prägenden intellektuellen Disziplinen Psychoanalyse, Kulturanthropologie, Neomarxismus und Dekonstruktivismus es darauf abgesehen hätten, die europäischen Amerikaner von ihrem »moralischen Bankrott« zu überzeugen.

Zwar will MacDonald nicht ausschließen, daß jüdisch-amerikanische Organisationen noch einmal eine proweiße Politik befürworten werden, zumal ihre notorische Beförderung des Multikulturalismus immer auch zur Ausbreitung eines islamischen Antisemitismus beiträgt; doch läßt der methodische Determinismus des mißtrauischen Psychologen auch »jüdischen Verbündeten« kaum eine Chance, von ihren biologischen Gruppenstrategien abzurücken.

Zu einer naturwissenschaftlich ausgerichteten Anthropologie, die der Alt-Rightler Steve Sailor auf den programmatischen Begriff der »Human Biodiversity« gebracht hat, bekennen sich nicht von ungefähr die meisten Intellektuellen der Bewegung; denn ihre Abkehr von der christlich-konservativen Leitkultur hat einer neuheidnisch-naturalistischen Denkungsart Vorschub geleistet, welche kulturelle Identitätsfragen zuweilen kurzschlüssig mit rassischen Gegebenheiten und genetischen Gruppeninteressen beantwortet.

Dabei beziehen sich diese Alt-Rightler nicht mehr nur auf die von Hans Jürgen Eysenck und Arthur Jensen begründeten und später von Richard Lynn, Philippe Rushton und Michael Levin fortgeführten kulturvergleichenden Intelligenz- und Mentalitätsforschungen, die hinter allen sozialen Faktoren einen irreduziblen Rest von rassischen Begabungs- und Verhaltensprofilen fixieren konnten, sondern zunehmend auch auf neuere soziobiologische Konzeptionen, welche die auf William Hamilton zurückgehende »Verwandtenselektion« von der Familie auf die Ethnie ausweiten oder genetische Verwandtschaftskoeffizienten auf die Nation hochrechnen, um Patriotismus und Nationalismus als ideologische Verstärkung einer biologisch vorgezeichneten Anlage zu empfehlen. Unter der wachsenden Anzahl von Bio-Anthropologen, die sich nach Maßgabe der von Rushton ausgearbeiteten »Theorie der genetischen Ähnlichkeit« für eine Rehabilitierung des bereits für obsolet gehaltenen Konzepts der »Gruppenselektion« stark machen, ist Frank Salter einer der wenigen, welche der soziobiologische Gemeinplatz, daß die Stärke des »genetischen Altruismus« mit der Höhe des Verwandtschaftsgrades abnimmt, ins Grübeln bringt: Wenn nämlich die »ethnische Loyalität« schon in traditionalistischen Gemeinschaften nie so stark ausgeprägt ist wie die »familiale Loyalität«, dann bedürfen vollends moderne, individualistische Gesellschaften, in denen soziale Rollenmodelle sich radikal von natürlichen Verhaltensmustern abgekoppelt haben, einer regelrechten Erziehung zu ethnischer und nationaler Solidarität.

Und wirklich will Salter den weißen Amerikanern, deren Erbkoordinaten nicht einmal mehr ihr nacktes Überleben als Gruppe garantieren können, die »ethnische Pflicht« auferlegen, sich gefälligst um ihre »genetischen Interessen« zu kümmern.
Wenn die Gene des Mängelwesens Mensch aber so sehr schwächeln, daß sich die Kultur zum Anwalt seines Gruppenegoismus machen muß, dann scheint die Nation buchstäblich »von Natur aus« vom tribalistischen Zerfall bedroht zu sein. Aus dieser Überlegung hat der maskulinistische Aktivist Jack Donovan allerdings die Forderung abgeleitet, daß wir wieder zu barbarischen Kleingruppenwesen werden müssen, da »nur Barbaren sich wehren können«.

Gemäß der Maxime Nietzsches: »Was fällt, das soll man auch noch stoßen!«, will sich Donovan den bereits zerfallenden Staat zur Beute machen und unter seinen Stammesgenossen aufteilen, denn es ist der »Stamm«, der ihm als elementare identitäre Größe gilt und in Gestalt marodierender Gangs ganz besonders imponiert. Doch kann die Unerschrockenheit, mit der Donovan europäische und amerikanische Weiße auf ein Kulturniveau herabdrücken will, wie es aus den arabischen und afrikanischen Welten unablässiger Stammeskriege wohlbekannt ist, kaum darüber hinwegtäuschen, daß in diesem Willen zur schonungslosen Entzivilisierung von dekadenten Kulturvölkern zu primitiven Barbarenstämmen eine ethnomasochistische Leidenschaft der besonderen Art am Werke ist.

Im schärfsten Gegensatz zu Donovans Tribalismus, der einen mutwilligen Rückfall hinter den unter Alt-Rightlern nahezu konsensuellen weißen Nationalismus bedeutet, tritt wiederum Jared Taylor mit seinem Rassenrealismus für dessen großzügige Überwindung ein. Als Übergangsfigur zwischen dem Paläokonservatismus und der Alt-Right dürfte der »Race realist« Taylor noch einflußreicher gewesen sein als Gottfried, und manche verehren ihn denn auch als deren eigentlichen »Godfather«.

Jedenfalls hat seine 1989 gegründete und ab 1990 als Internet-Magazin fortgeführte Zeitschrift »American Renaissance« sich als Plattform für diverse rechtskonservative Strömungen bewährt, und auch in seinen Büchern hat Taylor stets weite Horizonte eröffnet, um »jenseits von konservativ und liberal« ein integrales Bewußtsein für die vitalen Interessen der Weißen zu wecken.
In diesem Sinne ruft Taylor dazu auf, den Streit der politischen Parteien hinter sich zu lassen und sich die viel verhängnisvollere Zerstrittenheit der weißen Nationen vor Augen zu halten: Selbst in den hohen Zeiten des Kolonialismus und Imperialismus waren die europäischen Staaten immer auch gegeneinander angetreten, um schließlich infolge zweier Weltkriege ihre weltpolitische Vormachtstellung einzubüßen.

In der Radikalität, mit der Taylor angesichts der durch weiße Nationalismen verursachten Selbstzerstörung Europas für ein transnationales Rassenbewußtsein eintritt, liegt zugleich seine Originalität beschlossen:
Er begibt sich nicht einfach auf die Suche nach der verlorenen weißen Identität, sondern betont ausdrücklich, daß die Weißen eine voll ausgebildete und belastbare Identität noch nie besessen haben.

Wenn Taylor sein Projekt gleichwohl nicht »White Renaissance«, sondern eben »American Renaissance« getauft hat, dann deshalb, weil im Unterschied zu den in Europa verbliebenen Weißen die nach Amerika ausgewanderten Europäer durch die Konfrontation mit Indianern und Schwarzen von Anfang an ein realistisches Bewußtsein für die Rassenproblematik entwickeln mußten. Und wenn dieser Rassenrealismus unter dem Einfluß des Multikulturalismus auch zwischenzeitlich verschüttet wurde, ist Taylor doch zuversichtlich, daß die Weißen allmählich aus einem amerikanischen Alptraum erwachen werden, in welchem dieselben »People of Color«, die auf ihre eigene rassische Identität pochen, noch die politisch korrekteste Farbenblindheit als weißen Rassismus brandmarken.

Um ihre eigenen Interessen wiederzuentdecken, bräuchten die Weißen nur dem Vorbild der Schwarzen zu folgen, die sich auch nach der Erlangung voller politischer Gleichheit ein waches Bewußtsein für kulturelle Unterschiede bewahrt haben und mehrheitlich großen Wert auf rassische Selbstbestimmung legen. Noch in den scheinbar »gegenrassistischen« Segregationsbestrebungen der Black Muslims und der New Black Panther Party nimmt Taylor ein authentisches Rassenbewußtsein wahr, wie es sich in abgeschwächter Form auch bei asiatischen und lateinamerikanischen Zuwanderergruppen finde. Schließlich habe nicht einmal eine jahrzehntelang betriebene staatliche Integrations- und Inklusionspolitik etwas daran ändern können, daß »Gelbe« und »Braune« ebenso wie
»Weiße« und »Schwarze« in ihrem privaten Lebensumfeld am liebsten unter sich bleiben.

In dieser Sache argumentiert Taylor ganz wie vormals Hannah Arendt, die ebenso entschieden, wie sie die Abschaffung der Rassengesetze begrüßte, auch alle Anstrengungen ablehnte, die erwünschte Rassenmischung gesetzlich zu erzwingen. Als Old-School-Liberale hielt Arendt daran fest, daß im gesellschaftlichen Raum »das Recht auf freie Vereinigung und damit auf Diskriminierung größere Gültigkeit als das Gleichheitsprinzip besitzt«, denn anders als im politischen Raum zähle hier »nicht der persönliche Unterschied, sondern die unterschiedliche Gruppenzugehörigkeit von Menschen, die um ihrer Identifizierbarkeit willen notwendigerweise andere Gruppen im gleichen Lebensbereich diskriminieren«.

In diesem altliberalen Sinne kämpft auch Taylor für die verfassungsmäßig garantierte »freedom of association«, zu welcher nicht zuletzt das Recht auf selbstgewählte ethnische Segregation und regionale Sezession gehöre. So sympathisiert der »Southern Gentleman«, dessen Liebe zum »Southern way of life« eine tiefe Abneigung gegen eine starke Zentralregierung beinhaltet, mit den neu aufkeimenden Unabhängigkeitsbestrebungen in den Südstaaten, zumal keine amerikanische Regierung noch einmal einen Krieg um der »Union« willen riskieren würde.

Wie sein parteipolitischer Neutralismus wird freilich auch Taylors innergesellschaftlicher Regionalismus von seinem transnationalen Rassenrealismus getragen, in dem man zu Unrecht eine Ideologie der »White supremacy« hat sehen wollen, wie sie einst von Madison Grant und Lothrop Stoddard vertreten worden war. In Wahrheit will der »Advokat der Weißen« nur die unbestreitbaren zivilisatorischen Errungenschaften der allseits verhaßten »toten weißen europäischen Männer« in Erinnerung rufen, welche auch deren Verächter auf ganz selbstverständliche Weise in Anspruch nehmen. Die Rede von »überlegenen« und »unterlegenen« Rassen zurückweisend, besteht Taylor lediglich auf der Anerkennung der alten kulturhistorischen Einsicht, daß Zivilisationen nicht allein von politischen Prinzipien zusammengehalten werden, sondern letztlich auf rassischen Fundamenten ruhen: »Amerikanischer Konservatismus kann nichts bewahren, wenn er nicht das Gründervolk unserer Nation bewahren kann.

Nichts was du liebst, wird überleben ohne weiße Menschen.« Am Ende ist es diese seine paläokonservative Liebe zur europäischen Kultur, welche Taylors Sorge um deren rassische Träger nie zum rassistischen Selbstzweck werden läßt. Was ihn allerdings von den Paläokonservativen trennt und mit der Alt-Right verbindet, ist seine Resignation hinsichtlich des »amerikanischen Credo«, dessen Bindekräfte sich als zu schwach erwiesen haben, um die Nation vor dem von Roosevelt vorausgeahnten Schicksal eines »Flickenteppichs aus zerstrittenen Nationalitäten« zu bewahren. Mit hartem Realismus sucht Taylor der Not chronisch gewordener Rassenkonflikte immerhin die Tugend ihrer ethnopluralistischen Befriedung abzuringen, indem er für alle in Amerika lebenden ethnischen Gruppen das Recht auf exklusive »homelands« einfordert, ohne die nach ihrer multikulturellen Façon selig werdenden Amerikaner gleichwelcher Couleur missionieren zu wollen.

Und dieses Ringen um Abrüstung im Rassenkrieg trennt Taylor schließlich von den radikalen Vertretern der Alt-Right, die mit ihrem missionarischen Kampf um einen weißen Ethnostaat vielmehr Zurüstungen zum Bürgerkrieg betreiben und damit den von Roosevelt befürchteten »Ruin dieser Nation« eher beschleunigen als aufhalten dürften.


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