29. März 2019

Jünger in Schnellroda

Götz Kubitschek / 3 Kommentare

Vergaßen wir bisher zu erwähnen: Ernst Jünger war auch einmal in Schnellroda. Hier sein Bericht:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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In der Pampa

Mit M.L., F.M. und Doktor S. zu Besuch bei K., der in einer bemerkenswert langweiligen Gegend wohnt. Gleich nach der Ankunft mißglückter Versuch eines Spaziergangs: Er geriet zu einem geometrischen Marsch entlang jener überdimensionalen Kanten eines Plan-Quadrats, wie wir es von den Meßtischblättern der Artillerie-Beobachter kennen. Hier aber war es ein Feld, auf dem die Wintergerste stand und den Eindruck der Eintönigkeit noch verstärkte.

Automobile donnerten in irrsinniger Geschwindigkeit über die schmale Straße heran. Diese früh schon sichtbaren, dröhnenden Annäherungen lösten in mir den Wunsch aus, mich auf den Boden zu werfen und nicht der einzige Ziel- und Fixpunkt inmitten einer freien Plene zu sein. Jähe Erkenntnis: Hier ist nichts eingebettet, und der einzelne Baum ragt auf wie eine Landschaftsmarke, auf die sich einschießt, wer über Kanonen verfügt.

Am Nachmittag Vorträge über die „Macht“, unter der man auch hier vor allem den Zugang zum Machthaber versteht. Saß neben einem Studenten, der nicht zuhörte, sondern in einem jener Bücher las, die wir nicht vermissen, weil wir sie nicht kennen. Ich entlieh mir das Werk und blätterte darin, während vorn ein junger Mann den George-Kreis zu einem „schwulen Kringel“ und den Künstler an sich zu einem „asozialen Egoisten“ erklärte, heftig beklatscht von den Heißblütigeren unter den Hörern.

Obwohl dies Diktum auch mich betraf, brachte ich mich vor dem darauffolgenden Handgemenge durch einen Sprung in eine der vielen Nischen in Sicherheit, die in die Wände des Raumes eingelassen sind. Dies trug mir Hohn ein von denen, die in derlei Ausbrüchen den eigentlichen Sinn von Zusammenkünften sehen. Ich erklärte mich indes zum Kenner der Tapferkeit und verwies auf meine Auszeichnung aus dem vorletzten Kriege. Doch belehrte man mich, daß die Aura solcher Symbole in dem Moment verblasse, in dem sie nicht erneut aufgeladen würde.

So trat ich unter denkwürdigen Umständen in den Orden jener Waldgänger ein, von denen niemals zwei in dasselbe Zimmer passen.

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Jüngers alter Kamerad Ernst von Salomon war natürlich auch mit von der Partie. Er schilderte denselben Anreisetag aus einer anderen Perspektive.

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Unter Geächteten

Es rief, und alle kamen: von Süden, von Westen, aus dem Herzen Deutschlands und aus seiner lahmen Hauptstadt, und es war, als sei ein geheimer Befehl an die jungen Männer ergangen, der sie wegrief von ihren Studiengängen und Trinkrunden. Man stieß auf den schnurgeraden Landstraßen beinahe zusammen und erkannte sich am Stil, denn die Sicht war weit und der Blick war klar, und man wußte, daß dort, wo es sich drängte und kreuzte, die Gefahr am größten sein würde.

Aber alles fand sich, und bald gingen Rufe hin und her durch den Gastraum: „Du auch hier?“ – „Ja, auch ich, ich auch wieder mit dabei!“

Dann ging das Gerücht, daß Jünger selbst anwesend sei, und ein Hurra brandete auf, als man ihn auf einem der geteerten Feldwege in die wogende Weite eines Wintergerstefeldes auf subtile Jagd ausgehen sah. Halb verschwand er in einem Graben, als ein Wagen der Unseren in rascher Fahrt zum Treffpunkt eilte, aber dann sah man ihn wieder und prostete ihm aus der Ferne zu: „Du abenteuerliches Herz, das, an unsichtbaren Fäden gezogen, den Weg zu uns fand!“

Später im Saal, als die Machtfrage gestellt wurde, war die Entscheidung schon gefallen. Wir waren ausgezogen, um an den Bruchlinien Wacht zu halten, aber der Bodensatz verspottete uns, während die Bürger Gewinn und Verlust sinnenden Hauptes erwogen.

Hatte uns der Staat auch verraten, hatte uns das Volk auch verkannt – Deutschland wußte um uns, Deutschland war da, wo wir waren, lebte, wo wir lebten, glühte, wo wir um jedes Wort, jede Deutung, jede Stimmung rangen, und was am Ende den Tumult auslöste, war uns einerlei, als wir uns über die anderen warfen und sie mit Stühlen einkeilten, um Genugtuung zu fordern.

Selbst Jünger, der mit kaltem Blick die Ringenden wie Käfer studierte, geriet noch in Bedrängnis. Dann war es Thorsten, der uns Einhalt gebot und in die Stille hinein die Frage stellte: „Sind wir nicht alle Geächtete?“

Dem konnte keiner widersprechen, und als sich zaghaft noch eine Stimme aus der Mitte vernehmen ließ, wurde sie zum Schweigen gebracht.

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Ich fuhr Jünger dann nach Hause, ließ ihn aber nicht aussteigen, ohne ihm eine Widmung abzuringen. Sie sei hier zum ersten Male präsentiert, und der alte Purpurreiter wird mir meine Indiskretion verzeihen.

 


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (3)

Fredy

29. März 2020 22:18

Ich war ja damals dabei, als Jünger nach oben ging, auf den Balkon, mit dem Rotweinglas in der Hand, und er über das Land schaute, oder wohin auch immer. Wir saßen unten, gebannt; Solomon flüsterte, ja dokumentierte regelrecht, was der da oben tat. Jüngers Antlitz leuchtete, das Glas leuchtete im Mondschein rubinrot. Irgendetwas schrieb er in sein Notizbuch. Später sollten wir alle über diese Szene rätseln.

Lotta Vorbeck

30. März 2020 00:09

Eine kraftspendende Widmung.

Na dann, wohlan!

Laurenz

30. März 2020 03:22

Unbezahlbar

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