29. März 2020

125 Jahre Jünger – parodistisch

Erik Lehnert / 7 Kommentare

Der Streit über die Frage, ob es sich bei Ernst Jünger um einen unserer großen Autoren handelt, flammt bei Jubiläen regelmäßig wieder auf.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Wenn auch die Schärfe aus der Auseinandersetzung verschwunden ist, weil Jüngers Werk mittlerweile zum offiziösen Kanon gehört, so scheiden sich an Jünger dennoch die Geister. Wer also noch nicht überzeugt ist, daß es sich bei Jünger um einen der Großen handelt, dem sei ein Blick auf die Parodien empfohlen, die auf Jüngers Werk verfaßt wurden.

Eine Parodie, als die Nachahmung eines Werkes, hat nur dann einen Effekt, wenn das Original über charakteristische Eigenschaften verfügt, die es von anderen unterscheidet. Das läßt sich für ein Genre, etwa den Arztroman, leicht bewerkstelligen, weil sich Klischees leicht parodieren lassen. Bei einzelnen Autoren muß das Werk über einen Wiedererkennungswert verfügen, da die Parodie sonst ins Leere läuft. Alle großen Autoren haben ihre Eigenheiten und lassen sich parodieren, so daß die Treffsicherheit der Parodie Auskunft über den Stilwillen des Originals gibt.

Daher ist eine Parodie in der Regel keine Respektlosigkeit, sondern ein Ausdruck der Wertschätzung, der nicht unbedingt mit dem eigenen Geschmack übereinstimmen muß. Ernst Jünger war nicht nur durch sein umfangreiches Werk Ziel von Parodisten, auch sein Jahrhundertleben, seine Interessen und seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit gaben Anlaß zu Parodien. Leider spielt diese Form der Würdigung in der Literatur kaum eine Rolle, weshalb wir etwas ausführlicher zitieren werden.

Die meisten Parodien stammen aus den 1950er Jahren, weil Jünger damals stark im Fokus der Öffentlichkeit stand. Außerdem war das damalige Publikum noch gebildet genug, um eine Parodie zu verstehen (die Voraussetzung für jede Form des intelligenten Witzes übrigens). Das dürfte ein Grund sein, warum in späteren Zeiten, als Jünger mitunter auch große Aufmerksamkeit erfuhr, nicht mehr zu diesem Mittel gegriffen wurde. Ein weiterer liegt in der Verhärtung der ideologischen Fronten überhaupt, die für feine Zwischentöne unempfänglich machte.

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Fangen wir an mit Hans Reimann (1889-1969), einem sächsischen Publizisten mit konservativer Grundfärbung, der Zeit seines Lebens den „Sprachdummheiten“ auf der Spur war und dabei unter anderem seine 17bändige Literazzia veröffentlichte. Im ersten Band (1952) nimmt er sich das Abenteuerliche Herz (Zweite Fassung) vor. Auch wenn es sich dabei strenggenommen um keine Parodie, sondern eine humorvolle Kritik handelt, zeigt sie doch, wo eine Parodie ansetzen muß. Einem Zitat Jüngers folgt die Replik:

„Läden, in denen man nur selten Frauen erblickt, sind solche, in denen man Eisenwaren verkauft.“

Aber Herr Jünger! Wahrscheinlich wollten Sie sagen: „Frauen sieht man selten in Eisenwarengeschäften.“ Das ist beinahe so überwältigend, als stelle man den Lehrsatz auf: „Quadrate, die rund sind, sind solche, die man Kreis nennt.“ Wir hatten es vermutet.

„So empfindet der Mann, wenn er gewisse Läden, wie etwa den Gemüseladen betritt, bereits einen ganz leisen Anflug des ungehörigen, wie überall, wo er Gebiete berührt, auf denen die Frau regiert. Zuweilen erblickt man auch den Mann der Gemüsefrau, der häufig gnomenhafte Züge trägt.“

Aber Herr Jünger! Da braucht es keinen Gallup und keine Enquete, um uns verbürgen zu lassen, welch schwindelerregender Gipfel selbstgefälliger Narretei hier erklommen ward. Wer von den anwesenden Männern hat jemals einen Gemüseladen mit Herzklopfen betreten? Hände hoch! – Niemand. Doch, da hinten einer… ah, Herr Nebel! (Scheidet aus wegen Befangenheit.) Und wer hat schon mal im Gemüseladen einen Gnom gesichtet? Hände hoch! Wiederum bloß Herr Nebel. Nun, das eine ist sicher: wir alle, die wir Jüngers profunde Entdeckung bestaunen, wir alle suchen kein Gemüseladen mehr auf, ohne Ausschau zu halten, ob hinter Blumenkohl, Möhren und Sellerie nicht etwa ein Wichtelmännchen kauert.

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Einer der bekanntesten Parodisten überhaupt ist der Wiener Robert Neumann (1897-1975), der sich in den 1920er Jahren mit seinem Band Mit fremden Federn einen entsprechenden Namen machte. Er hat sich 1955 Auf den Marmorklippen zur Brust genommen:

Es jodelte im Chore hinaus in die Pech-Schwärze der Raben-Nacht, und Bruder Otho, der neben mir dahinschritt, sah sich gleich mir an jene Zeit erinnert, da wir beide mit den Purpur-Korsaren segelten—doch hatten wir das Gemetzel nur mitgemacht, um unsere Lehenspflichten zu leisten: nicht daß wir jemals in hohem Ernst Jünger des Oberförsters gewesen wären. Auch damals, lavierend zwischen Sagunt und Trapezunt, gab es keine pontische Brandungs-Lücke in jenem Schreck-Meer, durch die wir eine Brücke hätten erspähen können, um unser Schiff aus Mein-Tat und Neidungs-Werk an sie zu steuern und uns an Land zu retten. So wanderten wir aus nach innen, unsere Runen rück-versichernd zwischen den Zeilen unseres Herbariums.

In den Korsaren-Tagen ward ein Irrtum erst dann zum Fehler, wenn man gefährlich lange in ihm beharrte. So bar der Vornehmheit hatten die Hinter-Sassen des ostgeborenen Ober-Försters sich erwiesen, daß man mitunter am Klippen-Rand selbst niedrig-stirnige Randalisten, Oktobristen, Harfenisten und Gebärden-Schwinger angesichts der sich lippen-üppig gleich einen Dirnen-Mund entfaltenden Grauens-Blume der Schlacht-Verlust-Gefahr in stumme Gedanken fallen sah.

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Mit den Tagebüchern Strahlungen gelang Ernst Jünger nach 1945 das große Comeback als Schriftsteller. Die Popularität, aber auch der hohe Ton der Aufzeichnungen führten zu zahlreichen Parodien. Eine der bekanntesten ist von Armin Eichholz (1914-2007), der als Journalist und Theaterkritiker tätig war und 1954 die gesammelten Parodien In flagranti veröffentlichte:

12.5.: Entzückende Albernheiten in Goethes „Iphigenie“ entdeckt; Interpunktion stellenweise doch recht fragwürdig, auffallend die Vermeidung des Wortes „gelb“.

Im Magen angestaute Luft mit einem gewaltigen Stoß unversehens nach oben entwichen. Per aspera ad astra, besser vielleicht: in tenebris comprimor – in luce explodo. Doch spielt Willensfreiheit mit.

Besuch von H., die mir eine Bellis perennis mitbrachte, ein besonders prächtiges Exemplar, wie ich es, glaube ich, zum letzten Mal in Kritschew am 19. September 1941 nachmittags um halb vier Uhr gesehen habe.

17.5.: Ich muss mich entschließen, den gestrigen Tag für ungültig zu erklären, da ich dieses Heft verlegt hatte. Das Bonmot über die Liebespaare in den modernen französischen Stücken ist mir inzwischen entfallen.

„Jetzt wissen Sie mehr über mich als ich selbst“, sagt der Enkel von Richard Strauß zu seinem Interviewer. Eine der tiefgründigsten Erkenntnisse über das Wesen des Journalismus; vielleicht müsste man zwei Journalisten sich wochenlang gegenseitig interviewen lassen, um zu den letzten Wahrheiten dieser Welt vorzustoßen.

Mit dem Zahnstocher endlich einen seit Tagen eingeklemmten Speiserest entfernt. H. meint, es handele sich um eine Faser der Brassica oleracea botrytis (Blumenkohl vom 11.5.). So tragen wir alle die Vergangenheit mit uns.

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Ganz ähnlich hat sich der ebenfalls als Journalist tätige Wolfgang Buhl (1925-2014) bereits ein Jahr zuvor in seinem Band Äpfel des Pegasus den Tagebüchern Jüngers gewidmet:

Paris, 23. September: Trete nach einem Teller Suppe wieder in diese sterile Materie ein, mit leichtem Zauder, wie dergleichen wohl immer die Fliehkraft der Anziehung zugesellt.

Unter der Post ein Brief Friedrich Georgs, dem ein Gedicht von später Prismatik beiliegt. „Doch Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schön.“

Abends bei der Doctoresse, die mir das Hühnerauge vom 13.9. entfernte. Weidete lange im Anblick des Präparats, um siamesischen Fäden nachzugehen. So hält man sich auf der Höhe der Geistigkeit.

Paris, 28. September: Rückfall des Hühnerauges vom 13. 9., deute das als Wiedergeburt im Geist des Novalis, freilich luziferischem Einschlag.

Früh zu Picasso. Finde dort M., der im Ruche der Männerminne steht; abscheulich. Gespräch über die Anarchie des Beistrichs seit Henri Bergson, gebe die Bedeutung des Nullpunkts zur Replik, über dessen Struktur sich der Hausherr verliert.

Mittags Sardinen, dann in den Elysäischen Gärten, die ich bei schönem Flor finde. Im Halbschlaf auf einer Bank lebhaft mit Großvater Dominik kommuniziert, was Ausblick auf Unaussprechliches geben sollte.

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Auch in der DDR erschienen in den späten 1950er Jahren von Manfred Bieler und Rolf Schneider Parodien auf Ernst Jünger. Da Corona die Bibliotheken geschlossen hat, konnte ich die Texte nicht einsehen (falls jemand darüber verfügt, möge er sie ergänzen). Eine auch ohne Corona unauffindbare Parodiensammlung jüngeren Datums stammt von Tom Wolf (geb. 1964), der heute vor allem als Autor von Krimis, die im Brandenburgischen spielen, bekannt ist. In seinem Auf dem Mamorkuchen. Heitere Ernst-Jünger-Stilübungen (1995) unternimmt einen Gang durch Jüngers Werk: In Stuhlgewittern, Der abenteuerliche Harz, Der Gastarbeiter, Afrikanische Spüle, Siebzig verwest VI lauten die Verballhornungen der Titel. Als Kostprobe Der Waldstaat:

Wald ist hier, Wald ist da, Wald ist überall. Wald ist auf den Straßen, den Feldern, den Weiden, auf dem Dach, im Keller und im Gebüsche. Im Walde steckt die baumbildende Kraft, doch nicht im Baume die waldbildende. Wohl kann der Wald den Baum bilden, nicht so der Baum den Wald. Nur verändern tut der Wald den Baum. Ein Wald ohne Baum ist unmöglich, wohl aber Bäume. Manch einer sieht, so erzählt uns der Wahlspruch des Volkes, den Wald, nicht hingegen den Baum. Genau so gut könnte man sagen: Wenn einer das Volk nicht sieht, wird er den Menschen nie sehen

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Um schließlich zum Jahrhundertleben Jüngers zu kommen, zunächst ein Comic-Strip, der im September 1968 in der Jünger (sehr kritisch) gewidmeten Ausgabe der Streit-Zeit-Schrift erschien:

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1976 unternahm es der Philosoph Gerhard Funke (1914-2006) in seinem anonym erschienenen Buch Bestiarium philosophicum, Jünger in Anlehnung an ein zoologisches Kompendium zu bestimmen:

Das EJÜNGER ist das einzige Tier der alten deutschen Fauna, das diese selbst, besonders Käfer, Schlangen, Schmetterlinge quasi als Zoologe beschreibt; es wird bei solchem Tun immer ernster, aber auch jünger (daher wohl z.T. der Name); ursprünglichen Gestalt und Herrschaft einer besonderen Ameisenart, Arbeiter genannt, vor allem interessiert, dann subtile Jagden auf alles sonstige auch, längs der Zeitmauer und über die Linie hinweg, veranstaltend, sieht das EJÜNGER seinen entwicklungsgeschichtlichen Aion vergehen; und so wandelt es sich vom Observator und Konservator seiner Tiere zum Konservierer seiner selbst, sich logischerweise schließlich wie seine Schmetterlinge aufspießend und dabei absterbend; die moderne Form des in den Ätna springenden Empedokles, nämlich – mutatis mutandis – sich auf seinen Nadel steckend – ein großer, bunter, glasklarer und nun ganz toter Riesenfalter.

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Ganz zum Schluß ein Cover, das die Titanic zum 100. Geburtstag von Ernst Jünger zierte. Damals war die Titanic noch witzig:


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.


Kommentare (7)

Nemo Obligatur

29. März 2020 19:05

Danke für die köstliche Auswahl. Gegen Parodien spricht ja nichts. Heilige Schriften kennen wir nicht mehr. Die Parodien von Eichholz und Buhl sind gut, in den besten Stellen sogar liebevoll.

"17.5.: Ich muss mich entschließen, den gestrigen Tag für ungültig zu erklären, da ich dieses Heft verlegt hatte. Das Bonmot über die Liebespaare in den modernen französischen Stücken ist mir inzwischen entfallen. "

Da hätte womöglich der Meister selbst geschmunzelt und notiert: "Auch so etwas kommt vor."

Andere tragen teils einen boshaften Charakter, was eine wirkliche Parodie entwertet.

Maiordomus

29. März 2020 21:15

Zu den Jünger-Kritikern, bei den Beispielen teilweise auch in annähernd parodistischer Form, gehörte, bei gleichzeitiger Kritik an Hermann Hesse, Max Frisch und anderen, auch Karlheinz Deschner in seinem durchaus beachtlichen Buch "Kitsch, Konvention und Kunst" sowie einem weiteren literaturkritischen Titel. So ganz daneben war er in der Regel nicht. Diese Stilblüten verlieren sich aber, je mehr das Werk sich seiner späten Reife nähert.

H. M. Richter

30. März 2020 20:09

"Auch in der DDR erschienen in den späten 1950er Jahren von Manfred Bieler und Rolf Schneider Parodien auf Ernst Jünger. Da Corona die Bibliotheken geschlossen hat, konnte ich die Texte nicht einsehen (falls jemand darüber verfügt, möge er sie ergänzen)."
[E. L., s.o.]
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Manfred Bieler:
„Paris, 12. Januar 1942
Frühstück bei der Doctoresse. Während sie mir ein Mittel gegen Frostbeulen verschrieb, machte ich eine Bemerkung, die mir leider entfallen ist.“
[In: M. B., Walhalla, Literarische Parodien, "Das erste Pariser Tagebuch nach Ernst Jünger", Hamburg 1988, S. 77.]

Rolf Schneider:
„So gingen wir durch den Reben-Hain, indem wir unsere stolzen Jäger-Köpfe leicht gesenkt hielten unter der Abend-Glut, deren Farben die Purpur-Trauben in sich aufnahmen. Wisset denn, daß Ihr unsere Gefühle nur ermessen könntet, wenn Ihr wie wir die Nächte durchzecht hättet am Lilien-Hange und der Muskat-Wein Eure Augen trunken gemacht hätte in langen Astral-Nächten."
[In: R. S., Aus zweiter Hand: Literarische Parodien, Berlin (Ost) 1958, S. 13.]

Kriemhild

31. März 2020 11:15

Was Ernst Jünger dieser Tage sauer aufgestoßen wäre, ist der Umstand, dass die edle Zunft der Entomologen durch die profane Wissenschaftlichkeit der Epidemiologen so restlos in den Schatten gestellt wird. Zumal die Entomologen von Haus aus viel von Staatsbildungs- und Vergesellschaftungsprozessen verstehen; wohingegen die Epidemiologen engstirnig auf ihre Infektionsstatistiken blicken und alle Notwendigkeiten der Staats- und Gesellschaftserhaltung ausblenden.

RMH

31. März 2020 20:50

Nicht 100% zum Artikel passend, aber:

E. Jünger wäre 125 Jahre geworden, Friedrich Hölderlin wäre am 20.03.2020 250 Jahre alt geworden, also doppelt so alt (diese Konstellation ist etwas besonderes).

Wäre schön, hier auf diesen Seiten auch noch etwas zu Hölderlin aus diesem Anlass lesen zu dürfen.

antwort kubitschek:
dürfen Sie in der 95. sezession lesen, die am freitag aus der druckerei kommt. darin: ein siebenseitiger briefwechsel über die frage nach hölderlin und dem katastrophischen leben.

Ratwolf

1. April 2020 05:02

Der Humor tut gut.

"Ehrfurcht" ist ein Gefühl, welches mich lähmt. Jünger und Goethe strahlen viel davon aus.

Ich werde sie dennoch lesen. Versprochen.

Bei der Reihung fällt auf, dass das Niveau der Parodien über die Jahre hinweg nach unten hin abflacht.

Was man von der sezession nicht sagen kann.

Götz Kubitschek

3. April 2020 08:35

schluß mit lustig.

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