1. Dezember 2018

Der politische Schwenk der »Weltbühne« 1918/19

Gastbeitrag

von Günter Scholdt
PDF der Druckfassung aus Sezession 87/Dezember 2018

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Die Mainstream-Geschichtsschreibung hat die Schuldfrage hinsichtlich der Zerstörung der Weimarer Republik gelöst. Sie zielt dabei vor allem auf eine von Anfang an bestehende Feindschaft zur neuerstandenen Republik und Demokratie. Daß es derartige Aversionen gegeben hat, sei nicht bestritten.

Doch woher diese Unversöhnlichkeit rührte oder ob sie nicht zu einem Gutteil provoziert war, verdient dieselbe Aufmerksamkeit. Die folgende Darlegung widmet sich diesem Problem am Beispiel des wohl kulturell profiliertesten Weimarer Linksorgans: der von Siegfried Jacobsohn herausgegebenen Zeitschrift Die Weltbühne.

Die Untersuchung konzentriert sich auf die Übergangsphase 1918/19 vom deutschen Friedensgesuch im September bis zum Abschluß des Versailler Vertrags. Denn seit diesem militärisch-politischen Umschwung praktizierte Jacobsohn das, was man als »Vergangenheitsbewältigung 1« bezeichnen könnte.

Ob er und seine Mannschaft für diese radikale Mohrenwäsche moralisch befugt waren, wurde in zeitgenössischen Polemiken breit erörtert. Dabei brauchte sich Jacobsohn für die Kriegsnummern seiner Zeitschrift keineswegs zu schämen. Sie boten vielmehr, ohne regierungsfeindlich zu sein, Raum für pazifistischen Einspruch und zeigten nicht selten Courage.

Als Gegengewicht enthielten sie aber zugleich ihr gehöriges Quantum Affirmation, so daß ihre nun schlagartig einsetzende ätzende Kritik an allem, was bislang zum patriotischen Kanon gehörte, sich nicht von selbst verstand. Auch Kurt Tucholsky, Arnold Zweig, Rudolf Leonhard, Julius Bab, Maximilian Harden und sein Bruder Richard Witting hatten ihre (publizistischen) Leichen im Keller.

So knöpfte sich etwa Karl Kraus in seinen Enthüllungskampagnen auch etliche Weltbühne-Autoren vor. Besonderen Anstoß erregte ein von der Frankfurter Zeitung preisgekröntes Propagandagedicht von Tucholsky, der noch am 25.9.1918 mit lockerer Zunge zur Zeichnung der Kriegsanleihe aufforderte.

Einen eindringlichen Appell in gleicher Sache brachte die Weltbühne gar noch am 17. Oktober (!). Tempi passati! Jetzt jedenfalls distanzierte sich die neue Moralelite radikal von allem, was früher unter »Burgfrieden« lief. Neben Jacobsohn schlug Tucholsky hierbei verbal die schärfste Klinge.

Als Konsequenz der Niederlage verlangte er die rücksichtslose »Ausbrennung« aller von ihm ausgemachten staatlichen wie gesellschaftlichen Übel (9.1.19). Am 28.3.19 setzte er hinzu, »Haß« sei das Einzige, »diesem Volke zu helfen«, das nicht auf »versipptes Cliquentum und gehorsame Lügner« beschränkt bleiben dürfe.

Durch Beschimpfung der bislang repräsentativen, »entarteten species der gens humana« lobe man das bessere Deutschland. Weite Schichten seien Untertanen à la Heinrich Mann (28.3.19), Spießer und Gewaltanbeter (13.3.19):

Die militaristische Schande Deutschlands ist nur möglich gewesen, weil sie die tiefsten und schlechtesten Instinkte des Volkes befriedigt hat (20.2.19).

Die Wilhelminischen Eliten karikierte er in Grund und Boden als untergehende, dem Aufstand und Gericht verfallene Welt, bevölkert von bellizistischen Landräten und preußischen Professoren, nach Krieg grölenden »Obristenfrauen«, »Koksbaron, Monokelträger, Bürgerlamm und Karrierejäger« (24./31.10.18; 26.12.18; 22.5.19).

Mit der Armee, der er nicht zuletzt Korruption vorhielt, rechnete er in der sechsteiligen Serie Militaria ab (9.1. bis 20.2.19). Einen (selbst scharfer Kritik aufgeschlossenen) Reformoffizier brüskierte er (28.3.19); seine Funktion sei »Mord«. Kein »wertvoller Mensch« werde »dieser kümmerlichen Angelegenheit sein Leben widmen« (5.6.19).

Ins selbe Horn stießen Arnold Zweig, Julius Bab und Rudolf Leonhard, deren eigene exzessive Apologien des Krieges in dessen Anfangsjahren nun bigotter Amnesie verfielen. Jetzt war von vierjährigem »verbrecherischen Gehorsam« und »unverantwortlicher Geduld« des Bürgers die Rede (Zweig 16.1.19), von Deutschen als »Söldnern des Nationalismus« (Leonhard 20.2.19), von gerechtfertigten revolutionären Übergriffen als »notwendige Reaktion gegen die tausendmal unheilvollere Gewalt, die so viele Jahre lang von einer Herrscherkaste verübt wurde« (Bab 28.11.18).

Auch Alfons Goldschmidt beklagte Deutschlands politische Unreife (31.10.18). Gewiß war jetzt der Zeitpunkt gekommen, schwere Defekte des Wilhelminischen Staats und seiner Gesellschaft aufzuarbeiten, und deren Eliten hatten sich ihrer Verantwortung zu stellen.

Aber eine manichäische Weltsicht, die (deutsche) Dienstbereite zu Verbrecher- oder Knechtsnaturen und ihre Opponenten zu freiheitsbewußten Philanthropen erklärte, förderte kaum eine zu schaffende Friedenskultur. Nachträgliche Rechthaberei kam hinzu.

Eine Zeitschrift, die sich sonst um Strategie nicht scherte, lancierte nun, von Persius bis Miles, ganze Serien, in denen katastrophale militärische Irrtümer oder Versäumnisse aufgezählt und als systembedingt gedeutet wurden. Zwar wimmelt die Kriegsgeschichte aller Zeiten und Länder davon, und fast jede große Operation enthält sie als Begleiterscheinung.

Aber wo Verdammung angesagt war, unterblieb Verständnis: etwa dafür, daß Deutschland wie seine Feinde Machtpolitik trieb oder sich manche Fehlentscheidung aus einer Zwangslage erklärt. Das galt besonders für den unbeschränkten U-Boot-Krieg. Natürlich war diese Eskalation höchst problematisch, wenn nicht gar kriegsentscheidend.

Aber war sie auch gänzlich abwegig oder gar kriminell? Lag die Tendenz eines rigorosen Vorgehens gegen Englands Versorgung nicht nahe angesichts einer völkerrechtlich umstrittenen britischen Blockade, die eine knappe Million Deutsche an Unterernährung sterben ließ?

Seitenweise wurden nun Namen und Zitate von militärischen und anderen »Unheilstiftern« publiziert (14./21.11.18), Kriegsoptimisten (allerdings nur im gegnerischen Lager) mit ihren Aussagen von 1914 konfrontiert. Jeder, der den verschärften Seekrieg befürwortet, vermeintliche alliierte Friedensfühler übersehen, zu Realpolitik geraten oder antienglisch argumentiert hatte, stand am Pranger (10./17.10.18; 7.11.18).

Manche Kritik war berechtigt, etwa gegen Richard Dehmels und Walter Rathenaus Volkssturm-Projekte, die das Kriegsunheil in letzter Minute nur noch vermehrt hätten (31.10.18). Doch befremdet allein schon die martialische Sprache, deren sich allen voran Jacobsohn plötzlich bediente.

Am 24. Oktober drohte er der Vaterlandspartei, bald würden ihre »Führer und Einpeitscher was erleben, und es wird vielleicht ihr letztes Erlebnis sein«. Und am 31.10. hieß es auf Leserkritik hin:

Sie beklagen sich über den Ton meines Blattes? Da weiß ich Ihnen ein sicheres Mittel: befreien Sie mich von Ihrem Lesertum, und das schnellstens. Denn, unter uns: wenn Sie jetzt schon »peinlich berührt« sind – es wird mit jeder Woche schlimmer.

Jetzt nimmt man, freiwillig und leider auch unfreiwillig, noch Rücksichten. Aber sollte die Schweinerei je zu Ende sein, und sollte ich dieses Ende erleben, so wird hier ein Ton gepfiffen werden, ein Tönchen, daß euch Hören und Sehen vergeht.

Es ist ein Wunder, daß wir an all dem Jammer jeder Art, den wir all diese Jahre stumm hinunterwürgen mußten, nicht unrettbar erstickt sind – und da verlangen Sie, daß eine Stunde länger, als unbedingt nötig, hinuntergewürgt wird? O nein, liebe Lise. […] Also, Leisetreter und deinesgleichen: befreit mich von euerm Lesertum!

Zudem verteidigte er die Zensur der neuen Machthaber gegenüber nationalen Blättern. Denn manche Bestrafung sei »Luftreinigung«: »zum Beispiel, daß man die schmutzige Hure des Verlages August Scherl von dem ehrbaren Strich der Zimmerstrichstraße gejagt hat: der Berliner Lokal-Anzeiger heißt bis auf weiteres ›Die rote Fahne‹.

Und daß man dem Genossen Bernhard das Großmaul gestopft hat: auf Befehl des Arbeiter- und Soldaten-Rates muß er in seinem Verbrecherblatt erklären, es werde sich zunächst auf die Wiedergabe von Nachrichten beschränken« (14.11.18).

Wer selbst »so lange die öffentliche Meinung vergewaltigt« habe, werde nun eben »selbst vergewaltigt« (21.11.18). Georg Bernhard von der Vossischen Zeitung sei vom Staatsgerichtshof zu bestrafen (7.11.18) und Kritik vom Türmer wies er machtbewußt zurück: »Von dir nicht […]. Kusch!«
(26.12.18)

Tiermetaphern wurden gängig. Alldeutsche oder regierungsfreundliche Journalisten verglich Jacobsohn mit »Preßkötern«, »Bluthunden«, Wanzen, die vom »Insektenpulver« leider nicht verhindert würden, oder »pinkelnden Hunden« mit einem Unterschied: »das Hundchen ist mit Geduld und Prügel zur Sauberkeit zu erziehen – ihr hingegen werdet bei jeder Gelegenheit neue Ferkeleien begehen« (7./14.11.18; 6.12.18).

Arnold Zweig sah im Heer das »tierischste aller Knechtungssysteme« (16.1.19). Tucholsky agitiert gegen »das Getier« von Ordensrittern und Heimatoffizieren (28.11.18) oder wünschte, daß keiner mit reaktionärem »Vieh« Erbarmen hätte (17.4.19). Auch sei es völlig gleichgültig, »ob Noske im guten Glauben« gehandelt habe.

Er ist ein Schädling, denn schlimmer als die exploitierenden Reichen sind ihre Handlanger (15.5.19).

Als Steigerung verbaler Verrohung blieb nur noch sein literarisches Kokettieren mit Lynchjustiz, dem sich Leonhard anschloß (10./17.10.18).

Noch folgenreicher waren zeitgeschichtliche Einlassungen. Denn die Weltbühne zeichnete ein Deutschland-Bild, das auf Bestätigung alliierter Vorwürfe und Kriegsvorwände hinauslief und auch reformwillige Kriegsheimkehrer verstören mußte.

Bereits am 14. Oktober schrieb Jacobsohn:

Zu glauben, daß die Welt sich drei solche Verbrechen wie den Einbruch in Belgien, den U-Boot-Krieg und den Brester Frieden gefallen lassen dürfte und würde – das zu glauben, war eine Sache von verpesteten Kleingehirnen, deren vollständige Vernichtung jedem Versuch zum Wiederaufbau voranzugehen hatte.

Den Scharfmacher gab auch Richard Wittingalias Witkowski, Bankdirektor, »Kaiserjude« gemäß Chaim Weizmanns Diktion, zu Kriegsbeginn stramm national, später Stichwortgeber der Weimarer Verfassung. Unter dem Pseudonym Georg Metzler forderte er nun, Kaiser Wilhelm und seine Regierung seien vom Staatsgerichtshof abzuurteilen.

Er nannte die »Phrase« vom deutschen Verteidigungskrieg eine »verruchte Lüge« und erstellte Schuldgutachten gegen Deutschland, als hätte ihn die Entente beauftragt (28.11.18;9.1./13.2.19). Heinrich Ströbel sprach von deutscher »Friedenssabotage« (3.7.19) und polemisierte gegen das Weißbuch der – inzwischen demokratischen! – Regierung zur Widerlegung der Kriegsschuld (19.6.19).

Leonhard sekundierte und begrüßte zugleich die Anklage-Untersuchungskommission zur völkerrechtswidrigen Behandlung Kriegsgefangener in Deutschland (5.12.18). Im geistigen Schlepptau alliierter Greuelpropaganda assistierte ihm Tucholsky bezüglich Belgiens (3.4.19).

Angesichts der Friedensbedingungen, die gerade in Versailles festgelegt wurden, mußten solche tendenziösen Analysen fast zwangsläufig als Schützenhilfe für rigide EntentePositionen verstanden werden. Negativ zu toppen war das nur noch vom Münchner Revolutionär Kurt Eisner, der – Höhepunkt nationalmasochistischer Naivität – Deutschland belastende diplomatische Akten publizierte, um dadurch (vergeblich) das Wohlwollen der Alliierten für Bayern zu fördern.

Daß Tucholsky Eisner in einem Nachruf verklärte, war geradezu folgerichtig (27.2.19). Verwundert es da noch, daß diese Reeducation-Elite selbst den Versailler Vertrag billigte? Leonhard leitete ihn aus dem »Gewaltfrieden« von Brest-Litowsk ab (14.11.18).

Hans Natonek (12.6.19) und Heinrich Ströbel (26.6.19) argumentierten als Advokaten der Franzosen. Tucholsky interpretierte das Diktat als »Heil von außen« (1.5.19), da Deutschland sonst nie seiner militaristischen Fesselung entkommen wäre.

Auffallend war bereits sein Wortgebrauch, wonach er in deutlicher Distanz von Landsleuten quasi als Fremden sprach: »Sie haben nichts dazugelernt«, hieß es etwa:

Und nur ein Friede kann uns retten, / ein Friede, der dies Heer
zerbricht, / zerbricht die alten Eisenketten – / der Feind befreit
uns von den Kletten. / Die Deutschen selber tun es nicht.

Demgemäß zog er am 15.5.19 »Bilanz«:

Fühlt ihr, was dieser Friede bedeutet? / Eine große stählerne
Glocke läutet / neue, ganz neue Zeiten ein. / Morgenschein? /
Ich mag heute keinen Deutschen lästern. / Doch der Kompro-
miß ist ein Ding von gestern. / Kippeln – Wippeln – wie weit!
wie weit! / Faust auf den Tisch! / Eine neue Zeit!

Wer sich seinen Landsleuten gegenüber so empathielos äußerte, verhielt sich wie ein innenpolitischer Sieger bzw. Kriegsgewinner, der sich vom Feind demokratisch beschenkt fühlt und dem Verdacht aussetzt, die Niederlage billigend in Kauf genommen zu haben.

Damit hatte man schlechte Karten in einem Land, das mit Schuld- und Bestrafungsmasochismen noch so wenig anfangen konnte wie mit Apologien des zwielichtigen Außenminister Greys oder Apotheosen des »Wilsonismus«.

Diesen Begriff, verkündete Carl Meinhard, müsse man »mit derselben Andacht aussprechen wie einen neuen Glauben«. Denn diesem »Völkerführer gebühren alle Ehren« (19.12.18). Das provozierte, da die idealistischen Skrupel des US-Präsidenten stets dann verstummten, wenn amerikanische Großmacht- und Geschäftsinteressen berührt waren (z.B. durch einseitige kriegsentscheidende Waffenlieferungen) und dessen Soft-Power-Rhetorik samt Kriegseintritt die deutsche Niederlage besiegelt hat.

Man übertreibt kaum, in solchen Literaten nützliche Idioten der Entente zu sehen. Selbst ein besonnener Zeitgenosse wie Arthur Schnitzler, der sich, vom Kriegsrausch seinerzeit ferngehalten hatte, notierte am 3.6.1919 angewidert in sein Tagebuch: Triumphe wie der von Versailles müßten eben »ausgekostet« werden.

Aber die begleitenden »Phrasen von Gerechtigkeit und Völkerfrieden«seien neuartig, eine »Lüge, die sich im Augenblick selbst, auch für den Blindesten demaskiert«. Und Ricarda Huch schrieb ihrer Freundin Marie Baum am 22.2.1919, »ein Volk, das seinen Feinden mehr vertraut als seinen Führern, ist so pervers, daß es untergehen muß, wenn auch hundertmal die eigenen Führer schuld haben. Das Vertrauen der Deutschen zu Wilson usw. mußte sich bestrafen. Wir haben kein Selbstbewußtsein mehr, also sind wir nichts mehr.«

Überhaupt verwechselte man bei den nun inthronisierten Demokraten allzu häufig Ursache und Wirkung, indem man die Kriegsbereitschaft der Entente als Folge eines angeblichen deutschen Bellizismus interpretierte, während die karikierende Unterstellung dieser Gesinnung vielmehr eine erste psychologische Kriegsmaßnahme war.

Mehr noch: Man bestätigte nachträglich die diffamierende psychologische Kriegsführung der Anti-Deutschland-Koalition, die von Anfang an auf ein zivilisatorisch rückständiges, der Demokratie zuzuführendes despotisches Gebilde abzielte, mit einem Kaiser als überdimensionierter Horrorfigur an der Spitze.

Tucholsky etwa, der sich mit alliierter Propaganda beschäftigt hatte, wußte es eigentlich besser. Aber offenbar diente auch seine Deutschland-Karikatur, die Preußen und Militär zu demokratischen Unworten stempelte, nun vermeintlich höheren Zwecken.

Konfliktverschärfend bis hin zu Phobien wirkte der Umstand, daß Jacobsohn und zahlreiche Mitarbeiter Juden waren, und nun demonstrativ den im August 1914 geleisteten nationalen Rütlischwur aufkündigten. »Dem verblichenen Deutschland«, schrieb Jacobsohn, »nicht eine Träne. Sein Geruch war Mord; und größer als seine Brutalität war nur seine Dummheit« (14.11.18).

Es werde ihm vorgeworfen, sekundierte Tucholsky, er schmähe sein Land (9.1.19): »Das ist nicht mein Land. Das ist nicht unser Deutschland, in dem diese Köpfe, diese Hirne herrschen durften.« Manche Juden sahen sich nun ausschließlich als weltbürgerliches Friedensvolk.

Jacobsohns Polemik gegen Walther Rathenau als »teutonischer Makkabäer« (10.10.18), gegen Journalisten wie Paul Goldmann oder Georg Bernhard als »Verräter seiner Kaste« gründet in solcher Neueinschätzung:

Wir haben jeden Juden, der den Inhabern einer mörderisch rohen Gewalt bewundernd nachkroch, als Verräter am Geist und am Menschentum empfunden (26.12.18).

Auch für Arnold Zweig hatte Deutschland wie die Welt künftig am jüdischen Wesen zu genesen. Demgemäß feierte er Rosa Luxemburg und Spartakus (23.1.19). Deren Drang zur Macht erklärte er mit der schnelleren jüdischen Lageerkenntnis, oppositionellen Begabung und dem, »was dem Deutschen fehlte: Zivilcourage und Übung in Verantwortung«.

Juden, die »ihr trotziges und sozial empfindendes Blut in die Arbeiterpartei getrieben« und den Sozialismus von Moses bis Gustav Landauer »in die Welt gebracht« hätten, »dienten der leuchtenden, großen, revolutionären Sache mit ihrer ganzen Kraft der Verantwortung« (17.4.19).

Das sahen Zeitgenossen vielfach anders. Sie registrierten bei nicht wenigen, die sich jüngst noch forciert als Deutsche proklamiert hatten, die demonstrative Abkehr von der Nation in der Krise, verbunden mit bedrohlichen Kommunismus-Sympathien, was beides heftige Aggressionen entfesselte.

Vor solchen Folgen warnte etwa Thomas Mann 1922 in seiner Rede »Von deutscher Republik«. Darin appellierte er an die deutsche Jugend, es gebe keinen Grund, »die Republik als eine Angelegenheit scharfer Judenjungen zu empfinden: Überlaßt sie ihnen nicht! Nehmt ihnen […] den republikanischen Wind aus den Segeln!«

Was heute ungeheuerlich oder abwegig klingen mag, enthielt jedoch im Kern eher Präventives. Denn Mann spürte, daß die Umerzieher für ihre ehrgeizigen Pläne eigentlich ein anderes Volk voller »Neuer Menschen« suchten und vielen Deutschen dabei als ideologisierte Prügelpädagogen galten.

Dabei vertraten jene radikalen Linksintellektuellen keineswegs die deutschen Juden schlechthin, sondern wurden lediglich wegen ihrer herausgehobenen öffentlichen Stellung und ihrer literarisch-publizistischen Ausstrahlung für die Mehrheit gehalten.

Die war jedoch deutlich konservativer und vertrat etwa durch Repräsentanten wie Victor Klemperer, dem Freikorps-Kämpfer Ernst Kantorowicz oder dem Bibel-Nachdichter Franz Rosenzweig andere Vorstellungen von Krieg, Revolution oder einer solidarischen Haltung im momentanen Schicksalskampf.

Einer, der gleichfalls nicht zu sowjetischen Fundamentalismen neigte, war der Kunstschriftsteller Lucian Friedlaender, Chefkommentator der Weltbühne als »Cunctator« alias »Germanicus« alias »Robert Breuer«. Dieser jüdisch-patriotische Sozialdemokrat hatte während des Kriegs mit bemerkenswertem Freimut die Regierung zu friedenspolitischer Mäßigung und inneren Reformen ermahnt und, als die Zeitschrift die Klippen der Zensur zu durchschiffen hatte, nicht selten den Kopf für seinen Verleger hingehalten.

Im Zuge des Umschwungs ließ auch er sich kurzfristig vom Bewältigungs- und Säuberungs-Furor anstecken (17./24.10.18). Er sah nun die Chance für einen gänzlichen republikanischen Neubeginn, bis ihn der Hexentanz der Utopisten und selbstgerechten Revolutionsdilettanten abstieß.

Für Friedländer/Breuer war eine Grenze überschritten, als die Weltbühne die Kriegsschuldfrage in einer Weise erörterte, die einer Legitimierung der Alliierten gleichkam. Bereits am 28.11.18 wandte er sich gegen die »Naivität, als ob Militarismus und Imperialismus zusammengebrochen seien«.

Das gelte zwar für Deutschland, aber nicht für die Entente.Daher sei es »mehr als fraglich, ob das deutsche Proletariat Ursache hat, sich seines Freiheitskampfes zu freuen«, ohne Unterstützung der übrigen Welt. Die Reaktion des Verlegers blieb nicht aus.

Jacobsohn, Spiritus rector des radikalen Umerziehungskurses, trennte sich Knall auf Fall von seinem langjährigen Mitarbeiter, der soviel Staatsloyalität besaß, seinem Vertrauten Friedrich Ebert später als stellvertretender Pressechef zu dienen. Nun nahm er in einem offenen Brief vom 5. Dezember 1918 enttäuscht seinen Abschied:

Lieber Jacobsohn,
Sie sagen mir, daß Sie vor Ihrem Gewissen nicht länger meine Wochenbetrachtungen verantworten können. […] Es mangle mir an Radikalismus, und meine Leidenschaft für die Revolution wäre zu kalt, mein Bestreben aber, Deutschland so schnell wie irgend möglich wieder als eine wehr- und arbeitsfähige Einheit zu festigen, ließe einen Mangel an internationaler, pazifistischer, antimilitaristischer, republikanischer und demokratischer Gesinnung befürchten.

Lieber Freund, Sie haben ganz recht. Denn allerdings schätze ich all die Tugenden, die Sie an mir vermissen, sehr niedrig ein in einer Zeit, da nichts weniger gefährlich ist, als grade mit ihnen zu prahlen. Politisch handeln heißt: das Notwendige tun; ich finde, daß heute alles weit notwendiger ist, als geschliffene Frechheiten […] gegen die Trümmer einer längst nicht mehr vorhandenen Macht zu spucken.

Er habe »lange und laut genug gegen den Größenwahn der deutschen Welthegemonie gekämpft«, sehe aber keinen Fortschritt darin, daß ein bolschewistisch geschwächtes Deutschland zur Kolonie herabsinke. Als Sozialdemokrat wolle er die Republik und »die Vergesellschaftung, soweit sie nicht die Wirtschaftlichkeit der Arbeit unterhöhlt«, aber nicht, »daß Narren und Dilettanten uns, unsern Kindern und Kindeskindern jede Lebensmöglichkeit zerstören«.

Er »finde es fluchwürdig, zu übersehen«, daß das »entwaffnete und zur Weltpolitik unfähig gemachte Deutschland« wieder festen Blöcken unterworfen sei:

Ich finde es unwürdig und kindlich, Deutschland in ein Büßergewand zu zwängen und dem alten Revancheschreier Clemenceau noch einige Trümpfe mehr in die Hand zu spielen, damit er mit dem Schein der Gerechtigkeit die Friedensverhandlungen zu einer Abstrafung des bösen Tiers Deutschland machen kann.

Die Tat des Herrn Eisner ist der Gipfel politischer Borniertheit. Ich weiß sehr wohl, daß der wilhelminische Barock das Heraufziehen des Krieges gefördert hat. Ich bin auch davon überzeugt, daß die alldeutschen Fanatiker den Krieg gewollt haben, aber ich weiß nur zu gut – und jedermann könnte es wissen –, daß sogar dann, wenn Deutschland, was noch keineswegs feststeht, den Krieg entfesselt hat, Rußland, Frankreich und England, ja selbst Amerika an diesem Kriege die gleiche Schuld tragen.

Ich verachte den Exhibitionismus entmannter Knaben. […] Was mich betrifft, so möchte ich meinen, daß jetzt, da selbst die Säuglinge mit Steinen schmeißen, die Zeit gekommen ist, zu heilen und zu pflegen. Zu erziehen und zu leuchten, damit Deutschland trotz der Finsternis, die auf ihm lastet, das Ziel nicht aus den Augen verliert. Dieses Ziel aber darf nicht das Chaos aus Phrasen und Tollhaus sein, sondern ein neues Reich und ein neues Volk.

Stets der Ihre
Robert Breuer

Ein Abgang in Würde. Sein Nachfolger, Ludwig Jurisch, stellte sich am 2. Januar 1919 dem Weltbühne-Publikum mit der Ansage vor, die menschliche Aufwärtsentwicklung erfordere, »die Revolution vorwärtszutreiben, mit Zuruf, wenn es ausreicht, mit Ruten, wenn es nicht vom Fleck geht«, oder gar mit »Skorpionen«.

Er vergaß dabei, daß Revolutionen häufig Konterrevolutionen nach sich ziehen. An der letzten und dem, was ihr folgte, würgen wir noch heute.


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