1. Dezember 2018

Matteo Salvinis lombardische Tapete

Gastbeitrag

von Eberhard Straub
PDF der Druckfassung aus Sezession 87/Dezember 2018

 Gastbeitrag

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  • Sezession

Norditalien gehört noch zum kontinentalen Europa. Politische, wirtschaftliche, geistige wie künstlerische Beziehungen von Mailand über Innsbruck hinauf nach München und über Trient und Graz hinüber nach Wien verdichteten die mannigfachen Klein- und Sonderformen der Herzogtümer, Grafschaften und Städte zu einem besonderen Lebens- und Kulturraum, der in Deutschland bis nach Regensburg, Frankfurt und Dresden ausstrahlte. Die berühmtesten ursprünglich norditalienischen Familien in Deutschland und Österreich sind die sehr vornehmen, altadeligen Brentano di Tremezzo mit ihren Dichtern, Professoren und Politikern, sowie die Regensburger Fürsten von Thurn und Taxis, ursprünglich Torre e Tasso, verwandt mit dem Dichter des »Befreiten Jerusalem«, Torquato Tasso, dessen verworrene Genialität und Erotik den römischen Goethe, mit den Frankfurter Brentano vertraut, zu einem großen Künstlerdrama anregte.

Darüber gerät man schon gleich hinein in das labyrinthische Mitteleuropa mit seinen süddeutsch-österreichischen und norditalienischen Verzweigungen und Vermischungen, von denen Deutsche wenig oder nichts mehr wissen, während viele Norditaliener darauf keinesfalls verzichten wollen.
Der Mailänder Matteo Salvini, vor dem Menschenfreunde in der sogenannten Qualitätspresse unermüdlich als einem radikalen Feind aller Fremden und Anderen warnen, kommt aus diesem Raum mit immer weit geöffneten Türen, nie abgeschottet und selbstgenügsam. Er besuchte das humanistische Elitegymnasium Alessandro Manzoni. Es gibt nur noch wenige Politiker in Europa, die mit den Sprachen des europäischen Humanismus vertraut sind und mit dessen Geist, von Italienern seit dem 13. Jahrhundert auf Latein und seit Dante auch auf Italienisch gepflegt und verfeinert. Alessandro Manzoni ist der Verfasser des Nationalromans der Italiener, Die Verlobten (1827). Doch dieses Hauptwerk der nationalen Literatur und der Kulturnation, ist zugleich das herrlichste Zeugnis mailändischer Lebensart und Eigenart Die Nation als Idee findet nur in der Region und in der jeweilig begrenzten Urbanität zu einer wirklichen, jeden ergreifenden und bildenden Gestalt. Der Roman spielt 1627 mitten in den vielen ineinander verflochtenen Kriegen, die bald auch auf das nahe Mantua und Casale übergriffen.

Mailand gehörte als Herzogtum zum Heiligen Römischen Reich, wurde aber seit Kaiser Karl V. von Spaniern verwaltet. Mailand lag in der Mitte der beiden sich ineinander verschränkenden Machtkomplexe des Hauses Österreich, der spanischen Monarchie und des Heiligen Römischen Reiches. Hier liefen alle Wege zusammen, um sich nach Straßburg, Köln und Antwerpen oder nach Prag und Dalmatien zu verzweigen. Mailand war einer der wichtigsten Orte im gesamten Abendland. Das blieb
es weiterhin, als es 1713 wieder unter kaiserliche Verwaltung kam, freilich als ein selbständiges Herzogtum innerhalb der lockeren Ordnung des Deutsch-Römischen Reiches und der Monarchie des Hauses Österreich.

Maria Theresia, die Gattin des Kaisers Franz, der auch Großherzog der Toscana war, achtete als Herzogin von Mailand – übrigens wie sämtliche Habsburger fließend italienisch redend – sehr darauf, daß dieses ihr besonders treue und ihr deshalb besonders nahe Herzogtum nicht in seinen Rechten und Gewohnheiten eingeschränkt werde. Sie erfand den Staat, der funktionierte: im Zusammenhang einer übergreifenden Ordnung den einzelnen Regionen Freiheiten zu lassen und keine das konkrete Leben erstickende Gleichförmigkeit anzustreben oder gar zu erzwingen. Das Herzogtum Mailand erlebte unter solch weltkluger Herrschaft einen unvergessenen, goldenen Herbst der Autonomie, welche die Stadt einst mit der lombardischen Liga Kaiser Friedrich Barbarossa 1177 abgetrotzt hatten.

Matteo Salvini, der Vorsitzende der heutigen Lega, früher der Lega Nord, und jetzt italienischer Innenminister, ist gleichsam ein Altösterreicher, der auf Italienisch nach einem funktionstüchtigen Gleichgewicht zwischen dem Nationalstaat und den eigenständigen Provinzen sowie der Europäischen Union und deren souveränen Mitgliedern sucht.

Jeder ist erst einmal ein anderer und Fremder, denn jedes Individuum ist unerschöpflich in seiner unverwechselbaren proprietas, in seinem Eigen-Tum. Das weiß Matteo Salvini über die Katholische Kirche, die den abstrakten Menschen in konkreten Personen erkennt und würdigt. Staaten, Städte und andere politische Organisationen sind »große Individuen«, die sich als solche, selbst wenn von gleicher Kultur und Sprache, erheblich voneinander unterscheiden, eben anders sind als die anderen. In diesem Sinne wehrt sich Matteo Salvini gegen jede Art von Zentralismus, in Österreich und Norditalien auch als Josephinismus bekannt.

Denn Kaiser Joseph II., der Sohn Maria Theresias, wollte als Systematiker, nach überschaubarer Einheit strebend, eine Gleichheit der Lebensverhältnisse in seinen Kronländern erreichen, der die historische Vielfalt der Gebräuche und Rechte seiner Völker im Wege stand. Er griff schematisierend in die herkömmliche Verfassung Mailands ein, die von den revolutionären Franzosen als Besatzungsmacht 1797 endgültig umgestürzt wurde.

Diese vollendeten das Werk des Kaisers in einem italienischen Zentralstaat, dem Königreich Italien mit seiner Hauptstadt Mailand. Der von der Revolution eingerichtete, ausufernde Interventionsstaat, der sich dazu ermächtigte, überall harmonisierend, also uniformierend einzugreifen, machte die Italiener mit unhistorischen, rein theoretischen Konstruktionen bekannt. Der neue Staat als zupackende Umerziehungsanstalt verwarf alles als unvernünftig und willkürlich, was nicht in ihn paßte.
Italien wurde 1814 von der Schreckensherrschaft der französischen Vernunft befreit. Die Idee der nationalen Einheit, einmal zur Wirklichkeit geworden, war dadurch nicht für alle als unpraktisch widerlegt.

Seither plagen sich Italiener damit ab, angemessene Formen zu finden, die dem Willen zur nationalen Einheit genügen und doch die historisch legitimierte Mannigfaltigkeit der Städte und Landschaften mit ihrem Lokalpatriotismus berücksichtigen. Während des risorgimento, der Wiedergeburt des mit dem spätantiken Römischen Reich untergegangenen Italien, setzten sich die französierenden Zentralisten und Nationalisten durch gegen die Föderalisten, die auf eine Union der italienischen Völker und Städte und Staaten hofften.

Wer für einen lockeren Bund stritt – meist katholische und historisch rücksichtsvolle Patrioten von Antonio Rosmini, Vincenzo Gioberti, Carlo Cattaneo bis hin zu Gioacchino Ventura und Don Sturzo, dem Vorbereiter einer Christlichen Demokratie in Italien – war kein bornierter Provinzler. Vinzenzo Gioberti forderte unablässig den Primato d’Italia, zuerst und vor allem Italien! Diese Devise entsprach dem zur gleichen Zeit formulierten deutschen Auftrag, nicht Preußen, Österreich oder Bayern über alles, sondern das in sich einige Deutschland vieler Vaterländer!

Deutsche und Italiener hatten ja das gleiche Ziel vor Augen, eine Einheit in Vielfalt zu verwirklichen. Für föderalistische Italiener war dafür ein Vorbild der Deutsche Bund seit 1815 oder näher liegend die Österreichische Monarchie, zu der seit 1814 die im Königreich Lombardo-Venetien zusammengefaßten Teile Norditaliens gehörten. Eine föderalistische Lösung entsprach der italienischen Geschichte und einer stolzen Vergangenheit der einzelnen Stadtrepubliken, Königreiche und Herzogtümer, die in der europäischen Geschichte eine glänzende Rolle gespielt hatten. Für den straffen Nationalstaat sprach, daß nur ein so geeintes Italien nicht weiter Gefahr lief, wie eh und je unter den bestimmenden Einfluß fremder Mächte, vor allem der Deutschen oder Franzosen, zu geraten, daß sich in ihm am besten die inneren Gegensätze abschwächen ließen, und nur in ihm der Kirchenstaat aufgehoben und die weltliche, politische Macht der Päpste in Italien eingeschränkt werden konnten.

Unter dem Druck der »Preußen Italiens«, der Piemontesen, wurden die Italiener, viele widerstrebend, auf diesen Weg gedrängt. Sehr bald machten sich überall, nicht nur im Süden, das unter den Zwängen liberaler und antiklerikaler Entwicklungshilfe in bürgerkriegsähnliche Unordnung geriet, Verdruß und schlechte Laune bemerkbar.

Im Norden, im ehemaligen Reichsitalien bis 1806, blieben – trotz allem früheren Ärger über josephinische Rücksichtslosigkeiten in Wien – bei vielen die Vorteile im Gedächtnis, die der bevorzugte Umstand mit sich brachte, einer großen europäischen Union anzugehören und nicht nur der italienischen Kulturnation, die danach trachtete, ein Staat zu werden. Österreich sperrte sich ja gar nicht gegen italienische Einflüsse.

Kaiser Franz I. von Österreich, bis 1806 als deutsch-römischer Kaiser Franz II., war in Florenz geboren, dort aufgewachsen und blieb zeit seines Lebens ein gründlicher und begeisterter Kenner der italienischen Literatur. Er wurde in Wien als Kaiser zum Verfechter einer gemäßigt josephinischen Politik, die einzelnen Kronländer unter Wiener Vermittlung einander wenigstens anzunähern, also ihre historischen Freiheiten auf ein für das große Ganze bekömmliches Maß einzuengen. Immerhin gewährten die Wiener Minister ihren Italienern Institutionen regionaler Repräsentation und förderten umsichtig eine kulturelle Autonomie, selber völlig vertraut mit italienischer Musik, Kunst und Sprache.

Im einigen Italien mit seinen Unzulänglichkeiten waren es gerade Norditaliener, die zaghaft am Habsburgermythos einer strengen, aber gerechten Ordnung zu basteln begannen. Nördliche Patrioten im uneinigen-einigen Italien beobachteten mit gewissem Neid, wie es Österreichern gelang, im Vielvölkerstaat Eigentümlichkeiten, eben die mannigfachen Ungleichheiten, immer wieder in versöhnte Eintracht zu bringen.

In Italien brachte hingegen eine phantasielos reglementierende Verwaltung sämtliche Italiener gegeneinander auf, nicht nur Süd gegen Nord! Benito Mussolini und die Faschisten hofften endlich dem Auftrag zu genügen, den Massimo d’Azeglio formuliert hatte: »Italien haben wir neu gegründet, jetzt müssen wir den Italiener schaffen.« Sie beschworen das Römische Reich der Römer und Italiker, ein Vielvölkerreich, das ungeachtet der weltumspannenden Latinisierung den Völkern Eigenwilligkeiten und Sonderwege gestatte und damit die Concordia wahrte bei mancherlei Unstimmigkeiten in untergeordneten Angelegenheiten.
Sie legitimierten auf diese Weise auch den inneritalienischen Pluralismus. Aber das alte Rom und der Römische Mythos waren seit dem Untergang der Alten Welt
schon oft in ganz anderen Zusammenhängen aufgerufen worden.

Schließlich waren die Deutschen die Erben des Römischen Reiches und dessen Forstsetzer, die Herrscher der Doppelmonarchie, die Völker und nicht so sehr Staaten »viribus unitis« – mit vereinten Kräften – verbanden und zwischen ihnen eine elastisches Verhältnis von Eifersucht und Übereinstimmung ermöglichten. In einem weiteren, neuen Italien und Nationalstaat nach Krieg und Bürgerkrieg mit seinen Katastrophen ab 1943 ließ sich viel einfacher ein Sehnsuchtsland erfüllter Möglichkeiten in der Welt von Gestern entdecken, im aufgelösten und vergangenen Österreich, mit dem Italiener Jahrhunderte lang im lebhaften Austausch gestanden hatten.

Das bis 1918 wirkliche Österreich wurde zu einem sehr italienischen Mythos. Denn dort sahen Italiener als gelungen, wonach sie verlangten: einen Bund, in dem jeder bleiben kann, was er ist, und sich nicht gleichschalten lassen muß, um als Funktionselement für Zwecke verwertet zu werden, die nichts mit den Besonderheiten seiner piccolo mondo, seiner Heimat und dem kleinen Vaterland, zu tun haben.

Der Triestiner Claudio Magris schilderte 1963 Österreichern und Italienern den habsburgischen Mythos, so wie er von Grillparzer bis zu Hofmannsthal und Doderer in immer neuen Variationen entworfen wurde, in dessen Bann er während des Analysierens und Betrachtens selber geriet. Sein schönster Beitrag zum österreichischen Mythos und seinem Weiterleben ist eine Geschichte der Donau, der Lebensader der Donaumonarchie. Ganz unabhängig von diesen weitgespannten geistigen Exkursionen entwickelte sich in Friaul, das jahrhundertelang zu Österreich gehört hatte, ein Heimweh nach Mitteleuropa. Ein anderer Mythos
trat dem österreichischen zur Seite, der mitteleuropäische.

Die Friulaner wollten nicht auf eine Italianità beschränkt werden, sondern wieder sein, was sie immer waren, »mitteleuropei«, geprägt von der civiltà Mitteleuropa. Genußvoll wurde mit Kirschknödeln oder Wiener Schnitzel am 18. August Kaisers Geburtstag gefeiert. In den Kirchen sangen ergriffen
italienische Neuösterreicher im Geiste auf die Melodie der Kaiserhymne sakrale Texte und heiligten auf diese Art die Erinnerung an Franz Joseph, den Kaiser von Gottes Gnaden.

In Mezzocorona bei Trient bildeten sich wieder Schützenvereine. Welschtiroler Schützen beriefen sich mit den übrigen Tirolern ganz selbstverständlich auf den Volkshelden aller Tiroler, auf Andreas Hofer und erinnerten daran, daß alle gemeinsam 1809/10 gegen die feindlichen Eindringlinge im Dienste der Franzosen, gegen die Bayern, gekämpft hatten. Österreichische Themen fanden ein breites Publikum, und finden es weiterhin.

Ein ergreifendes Klagelied stimmte 1979 Carolus Cergoly – auch wieder aus Triest – in seinem elegischen Roman zum Complesso dell’Imperatore (»Im Banne Kaisers«) an:

ein Vaterland gehabt zu haben, in dem dreizehn Völker und Sprachen einander ergänzten und das
unberechenbaren Nationen und Barbaren ausgeliefert worden war. Die
Stimme des Kaisers mahnte wie in der Oper über den Wolken: Meine
Völker, erinnert Euch aufrichtig der vergangen Zeiten. Der slowenisch-ungarisch-deutsch-italienische Dichter empfahl allen, die wie er ihre vielgestaltige Welt verloren haben, ihr Leben so zu führen, als wäre es ein Leben in der Welt von gestern.

Carolus Cergoly ereifert sich für die Völker gegen den Staat, der alles Besondere austilgt, aus Personen Nummern macht und alle übrigen Einzelformen so zurechtstutzt, bis sie ihre charakteristischen Merkmale eingebüßt haben. Das war die Furcht vieler Regionalisten, die sich 1984 zur Lega Nord zusammenschlossen gegen die Anmaßung des Nationalstaates, der mit Theorien gegen das bunte Leben angeht, ihm alle Farben raubt und in der Farblosigkeit und Monotonie den Staatszweck erkennt, nicht von der festgelegten Norm abzuweichen. In dieser Atmosphäre wuchs Matteo Salvini auf. Die Regionalisten waren gar keine Antiitaliener, sie waren nur auf ihre eigene Art Italiener, wie der Staatsrechtler und politische Ratgeber Umberto Bossis, des Gründers der Lega, Gianfranco Miglio von Mailand und Como aus immer wieder erläuterte. Sie waren und sind auch gar nicht gegen den Staat überhaupt, sondern gegen einen Staat,
der alles an sich reißt und das Lebensprinzip der Subsidiarität mißachtet.

Und es ist nicht nur der Staat. Der Historiker Stefano Bruno Galli aus Mailand notierte 2012: »Der Bürger ist ein Verbraucher geworden, die Souveränität – verstanden als ein nur den Staaten zustehendes Vorrecht – wird von übernationalen Organisationen wie der EU, von Meinungsorganisationen, vom Terrorismus und von der internationalen Finanz ausgehöhlt … Das Territorium – die einzige Größe der politischen Ordnung, die während der Krise der Globalisierung standhielt – rückt daher als neue Idee in den Vordergrund der Politik« (Le radici del federalismo. Viaggio nella storia ideologica del fenomeno Lega, Milano 2012).

Der Vorwurf, Territorialität und Besonderheit zu mißachten, gilt auch der Europäischen Union, die mit ihren Apparaten eine öde Einfalt erzwingt, und jede Impulsivität und Improvisation, jedes Abweichen von der Norm mit Sanktionen bestraft. Für die Europäische Union – kein freier Verband Gleichberechtigter mehr – ist daher die nationale Opposition unentbehrlich. Die Nation übernimmt in ihr die Rolle der Regionen im Nationalstaat als Quälgeist, der eine Ordnung nach Menschenmaß verlangt, um die Unordnung globaler Konzepte möglichst aufzuhalten. Es geht um die Souveränität des Menschen, so wie er ist, an der sich die
Menschenfreunde vergreifen, die weltweit Menschen, Völker und Staaten einer Theorie totaler Uniformität anpassen möchten. Die Regionalisten, die an Geschichte, Herkommen und an einem großen Beispiel für Europa anknüpfen wie Österreich-Ungarn, sind keine radikalen Fremdenfeinde. Ganz im Gegenteil, sie wehren sich gegen die radikalen Kräfte, die danach streben, sie selbst von sich, ihrer Region, ihrer Nation und einem Europa der Völker in der Einen Welt mit dem einen Menschen zu entfremden.


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