Netzfundstücke (48) – Fiktion, Krisenwirtschaft

»Ich bin ein fiktionalisierender Philosoph, kein Schriftsteller.«

Das Lite­ra­tur­gen­re des »Sci­ence-Fic­tion« genießt nicht unbe­dingt den bes­ten Ruf. Es wird von vie­len als fla­che und schlecht­ge­schrie­be­ne Unter­hal­tung betrach­tet und gemein­hin mit bil­li­gen Gro­schen­ro­ma­nen asso­zi­iert, die man am Zeit­schrif­ten­kios­kauf­stel­ler findet.

Zwar mag die­ses Urteil für vie­le Erzeug­nis­se die­ser Gat­tung ohne Fra­ge zutref­fen, jedoch ver­kennt es die zahl­rei­chen hoch­qua­li­ta­ti­ven Wer­ke, die der Feder von Autoren ent­spran­gen, die ent­we­der einen Zukunfts­aus­blick, der in man­chen Fäl­len pro­phe­ti­sche Qua­li­tä­ten besaß, wag­ten oder eine alter­na­ti­ve Rea­li­tät imaginierten. 

Sci­ence-Fic­tion bie­tet Raum für Phi­lo­so­phi­sches – eines der augen­schein­lichs­ten The­men­fel­der ist in die­sem Kon­text die Bezie­hung zwi­schen Mensch und Tech­nik – oder Kul­tur- und Gesell­schafts­kri­ti­sches, das sich bei­spiels­wei­se in der Dar­stel­lung aus­ufern­der Deka­denz und den Visio­nen eines tech­nisch hoch­ge­rüs­te­ten Tota­li­ta­ris­mus ausdrückt.

Zwei Bekann­te Roma­ne, die dem Gen­re der Tota­li­ta­ris­mus­fik­tio­nen zuzu­ord­nen sind und jedem Sezes­si­on-Leser bekannt sein soll­ten, sind Geor­ge Orwells 1984 und Ray Brad­bu­rys Fah­ren­heit 451. Dys­to­pien sind fes­ter Bestand­teil des Sci­ence-Fic­tion und von die­ser War­te aus gese­hen gehö­ren das letz­tes Jahr im Ver­lag Antai­os erschie­ne­ne Buch Gue­ril­la von Lau­rent Ober­to­ne und Jele­na Tschu­di­no­was Die Moschee Not­re-Dame, das 2017 im katho­li­schen Reno­va­men-Ver­lag ver­öf­fent­licht wur­de, auch zu die­ser Gattung.

Sie alle ent­wer­fen einen fik­ti­ven Ver­lauf der Din­ge, der den­noch nicht außer­halb des Mög­li­chen liegt und ins­be­son­de­re aus die­ser Plau­si­bi­li­tät sein bedrü­cken­des Poten­ti­al ent­wi­ckelt. Ein Meis­ter im Ent­wer­fen sol­cher Sze­na­ri­en war der 1982 ver­stor­be­ne US-ame­ri­ka­ni­sche Autor Phil­ip K. Dick.

Das ein­gangs ver­wen­de­te Zitat und Selbst­be­schrei­bung stammt von ihm und unter­streicht sei­nen grund­le­gen­den Zugang zum Schrei­ben, der über das blo­ße Erzäh­len unter­halt­sa­mer Geschich­ten hinausgeht.

Dicks bekann­tes­te Erzäh­lun­gen bekräf­ti­gen die­se Refle­xi­on des eige­nen Wir­kens: Ob Der dunk­le Schirm (Vor­la­ge für den Film: A Scan­ner Dark­ly), Der Min­der­hei­ten-Bericht (Vor­la­ge für den Film: Mino­ri­ty Report) oder Träu­men Andro­iden von elek­tri­schen Scha­fen? (Basis des Film­klas­si­kers Bla­de Run­ner), sie alle ver­eint die Kri­tik an einer tech­nik­ver­ses­se­nen Gesell­schaft, die droht, ins Tota­li­tä­re und in die fina­le Deka­denz zu kip­pen, bzw. die die­sen Pro­zeß in den auf­ge­führ­ten Roma­nen bereits durch­lau­fen hat.

Heu­te zählt Dick zu den wich­tigs­ten Autoren sei­nes Gen­res; ein Ruhm, der ihm erst pos­tum zuteil wur­de und maß­geb­lich mit Rid­ley Scotts bereits erwähn­tem Film Bla­de Run­ner in Ver­bin­dung steht. Seit­dem sind zahl­rei­che sei­ner Bücher und Kurz­ge­schich­ten ver­filmt wor­den (Total Recall und The Man in the High Cast­le wur­den hier noch nicht erwähnt).

Einen aus­gie­bi­gen und tief­ge­hen­den Blick auf Phil­ip K. Dicks Leben und Werk erhält man indes in der fol­gen­den ARTE-Doku­men­ta­ti­on von 2014:

Wer danach Lust auf mehr Sci­ence-Fici­ton bekom­men hat, der soll­te nach Sta­nis­law Lem (Der futu­ro­lo­gi­sche Kon­greß lie­fert die Blau­pau­se für die Chem­trail-Ver­schwö­rungs­ge­mein­de), Isaac Asi­mow (Ich, der Robo­ter) oder Dan Sim­mons (hier ins­be­son­de­re Die Hype­ri­on-Gesän­ge) Aus­schau hal­ten, um nur eini­ge unter vie­len zu nennen.


Wäh­rend der andau­ern­den Coro­na­kri­se machen sich nun aller­lei Hoff­nun­gen breit, daß der von zahl­rei­chen west­li­chen Län­dern initi­ier­te »Shut­down« das Ende der libe­ra­len Gesell­schafts­ord­nun­gen und des an sie gekop­pel­ten kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­sys­tems ein­läu­ten wird: Coro­na als der letz­te Trop­fen, der das Faß an auf­ge­stau­ten Kri­sen zum Über­lau­fen bringt.

Jedoch sind erheb­li­che Zwei­fel ange­bracht, daß der aktu­el­le Zwi­schen­stopp den wesent­li­chen Ver­lauf der Din­ge in ande­re Wege umlei­ten wird. Sezes­si­on-Autor Nils Weg­ner hat die­se Zwei­fel jüngst hier auf dem Jun­g­eu­ro­pa­blog aus einer akze­le­ra­tio­nis­ti­schen Sicht aus­for­mu­liert und kon­sta­tiert treffend:

Wäh­rend du das hier liest, sind wir alle Zeu­gen, wie das west­li­che libe­ral-kapi­ta­lis­ti­sche Para­dig­ma (wie man heu­te so schön sagt: »Glo­bo­ho­mo«) ein­fach den Gang wech­selt. Sweat­shops und Gefäng­nis­be­trie­be stel­len jetzt Atem­mas­ken und Schutz­bril­len her, Auto­mo­bil­her­stel­ler nut­zen ihre rie­si­gen indus­tri­el­len 3‑D-Dru­cker, um Ein­zel­tei­le von Beatmungs­ge­rä­ten zu erzeu­gen – und wäh­rend­des­sen wird der Akti­en­markt mit wort­wört­li­chen Bil­lio­nen US-Dol­lar aus dem Steu­er­sä­ckel künst­lich am Leben erhal­ten. Wenn die Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie die Wirt­schaft über­haupt lang­fris­tig beein­flusst, so wird sie ledig­lich die bereits jetzt mäch­tigs­ten glo­ba­len Kon­zer­ne wie Ama­zon wei­ter stabilisieren.

Eine Ana­ly­se, die der Wirt­schafts­his­to­ri­ker Albrecht Rit­schl, wenn auch aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve, teilt. Wie er in einem Gespräch (hier zu lesen) mit der Deut­schen Wel­le aus­führt, sieht er den Haupt­ef­fekt der Coro­na­kri­se in einer indus­tri­el­len und sek­to­ra­len Ver­schie­bun­gen der Arbeitsweise:

Das typi­sche Bei­spiel ist das, was wir jetzt gera­de machen: Home-Office. Ich kann mir sehr gut vor­stel­len, dass ein gro­ßer Teil die­ser Arbeits­wei­se so bleibt. Alle gro­ßen Krie­ge, alle gro­ßen Kri­sen haben zu einer Ver­schie­bung der Pro­duk­ti­ons­wei­se geführt.

Spinnt man die von Hirschl und Weg­ner gespon­nen Fäden wei­ter und schaut auf die Indus­trie­ge­sell­schaf­ten aus einer evo­lu­tio­nä­ren Per­spek­ti­ve, erhär­ten sich die Indi­zi­en ihrer Resi­li­enz gegen­über Stör­fak­to­ren, inso­fern als daß wir in ihnen kei­nen sta­bi­len Zustand, son­dern einen stän­di­gen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zeß vorfinden.

Der Uni­ver­sal­ge­lehr­te Rolf Peter Sie­fer­le hat dies in Rück­blick auf die Natur, jüngst im Landt­ver­lag neu auf­ge­legt (hier erhält­lich), fun­diert analysiert:

Es »muß der Schluß gezo­gen wer­den, daß eine “Indus­trie­ge­sell­schaft” im Sin­ne einer dau­er­haf­ten sozia­len, öko­no­mi­schen oder poli­ti­schen Struk­tur über­haupt noch nicht exis­tiert. Was immer wir in den letz­ten zwei­hun­dert Jah­ren beob­ach­tet haben mögen, was immer Gegen­stand sozio­lo­gi­scher oder öko­no­mi­scher Theo­rie­bil­dung gewe­sen sein mag, es hat­te ledig­lich den Cha­rak­ter eines Schnitts durch einen hoch­dy­na­mi­schen Pro­zeß, der prin­zi­pi­ell nicht von Dau­er sein kann.«

Die zen­tra­len, von rech­ter Sei­te aus kri­ti­sier­ten, Merk­ma­le der »Indus­trie­ge­sell­schaft«, fes­ti­gen sie viel­mehr gegen­über ihrer eige­nen Krisenhaftigkeit:

Die Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaft muß, gera­de weil sich in ihr kei­ne sta­bi­len Mus­ter her­aus­bil­den, per­ma­nent offen für Ver­än­de­run­gen aller Art sein, denen sich ihre Ele­men­te jeder­zeit fle­xi­bel anpas­sen müs­sen. Sofern sie über­haupt ein Struk­tur­prin­zip besitzt, liegt die­ses in ihrer pro­zes­sua­len Dyna­mik. […] Die ver­brei­te­ten ideo­lo­gi­schen Aus­drucks­for­men für die­se struk­tu­rel­le Nicht-Fest­ge­le­gen­heit sind die popu­lä­ren Gedan­ken­fi­gu­ren »Frei­heit«, »Gleich­heit«, »Indi­vi­du­um«, »Dis­kurs«, »Markt« oder »Demo­kra­tie«, die eine enor­me Plau­si­bi­li­tät besit­zen, wie­wohl oder gera­de weil sie inhalt­lich leer sind. Sie zie­len ledig­lich auf einen Funk­ti­ons­mo­dus der Offen­heit, wel­cher Anpas­sung an die jeweils neus­ten Her­aus­for­de­run­gen der Trans­for­ma­ti­on gestattet.

Coro­na ist in die­sem Zusam­men­hang nur eine wei­te­re Her­aus­for­de­rung, um die sich »das west­li­che libe­ral-kapi­ta­lis­ti­sche Para­dig­ma« in sei­ner Flui­di­tät legen kann und die es inkor­po­riert. Aller Vor­aus­sicht nach wird nach dem rela­ti­ven Still­stand das gren­zen­lo­se Über­sich­hin­aus­grei­fen unge­bremst fortgeführt.

 

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