12. April 2020

Netzfundstücke (48) – Fiktion, Krisenwirtschaft

Jonas Schick

»Ich bin ein fiktionalisierender Philosoph, kein Schriftsteller.«

Das Literaturgenre des »Science-Fiction« genießt nicht unbedingt den besten Ruf. Es wird von vielen als flache und schlechtgeschriebene Unterhaltung betrachtet und gemeinhin mit billigen Groschenromanen assoziiert, die man am Zeitschriftenkioskaufsteller findet.

Zwar mag dieses Urteil für viele Erzeugnisse dieser Gattung ohne Frage zutreffen, jedoch verkennt es die zahlreichen hochqualitativen Werke, die der Feder von Autoren entsprangen, die entweder einen Zukunftsausblick, der in manchen Fällen prophetische Qualitäten besaß, wagten oder eine alternative Realität imaginierten.

Science-Fiction bietet Raum für Philosophisches – eines der augenscheinlichsten Themenfelder ist in diesem Kontext die Beziehung zwischen Mensch und Technik – oder Kultur- und Gesellschaftskritisches, das sich beispielsweise in der Darstellung ausufernder Dekadenz und den Visionen eines technisch hochgerüsteten Totalitarismus ausdrückt.

Zwei Bekannte Romane, die dem Genre der Totalitarismusfiktionen zuzuordnen sind und jedem Sezession-Leser bekannt sein sollten, sind George Orwells 1984 und Ray Bradburys Fahrenheit 451. Dystopien sind fester Bestandteil des Science-Fiction und von dieser Warte aus gesehen gehören das letztes Jahr im Verlag Antaios erschienene Buch Guerilla von Laurent Obertone und Jelena Tschudinowas Die Moschee Notre-Dame, das 2017 im katholischen Renovamen-Verlag veröffentlicht wurde, auch zu dieser Gattung.

Sie alle entwerfen einen fiktiven Verlauf der Dinge, der dennoch nicht außerhalb des Möglichen liegt und insbesondere aus dieser Plausibilität sein bedrückendes Potential entwickelt. Ein Meister im Entwerfen solcher Szenarien war der 1982 verstorbene US-amerikanische Autor Philip K. Dick.

Das eingangs verwendete Zitat und Selbstbeschreibung stammt von ihm und unterstreicht seinen grundlegenden Zugang zum Schreiben, der über das bloße Erzählen unterhaltsamer Geschichten hinausgeht.

Dicks bekannteste Erzählungen bekräftigen diese Reflexion des eigenen Wirkens: Ob Der dunkle Schirm (Vorlage für den Film: A Scanner Darkly), Der Minderheiten-Bericht (Vorlage für den Film: Minority Report) oder Träumen Androiden von elektrischen Schafen? (Basis des Filmklassikers Blade Runner), sie alle vereint die Kritik an einer technikversessenen Gesellschaft, die droht, ins Totalitäre und in die finale Dekadenz zu kippen, bzw. die diesen Prozeß in den aufgeführten Romanen bereits durchlaufen hat.

Heute zählt Dick zu den wichtigsten Autoren seines Genres; ein Ruhm, der ihm erst postum zuteil wurde und maßgeblich mit Ridley Scotts bereits erwähntem Film Blade Runner in Verbindung steht. Seitdem sind zahlreiche seiner Bücher und Kurzgeschichten verfilmt worden (Total Recall und The Man in the High Castle wurden hier noch nicht erwähnt).

Einen ausgiebigen und tiefgehenden Blick auf Philip K. Dicks Leben und Werk erhält man indes in der folgenden ARTE-Dokumentation von 2014:

Wer danach Lust auf mehr Science-Ficiton bekommen hat, der sollte nach Stanislaw Lem (Der futurologische Kongreß liefert die Blaupause für die Chemtrail-Verschwörungsgemeinde), Isaac Asimow (Ich, der Roboter) oder Dan Simmons (hier insbesondere Die Hyperion-Gesänge) Ausschau halten, um nur einige unter vielen zu nennen.


Während der andauernden Coronakrise machen sich nun allerlei Hoffnungen breit, daß der von zahlreichen westlichen Ländern initiierte »Shutdown« das Ende der liberalen Gesellschaftsordnungen und des an sie gekoppelten kapitalistischen Wirtschaftssystems einläuten wird: Corona als der letzte Tropfen, der das Faß an aufgestauten Krisen zum Überlaufen bringt.

Jedoch sind erhebliche Zweifel angebracht, daß der aktuelle Zwischenstopp den wesentlichen Verlauf der Dinge in andere Wege umleiten wird. Sezession-Autor Nils Wegner hat diese Zweifel jüngst hier auf dem Jungeuropablog aus einer akzelerationistischen Sicht ausformuliert und konstatiert treffend:

Während du das hier liest, sind wir alle Zeugen, wie das westliche liberal-kapitalistische Paradigma (wie man heute so schön sagt: »Globohomo«) einfach den Gang wechselt. Sweatshops und Gefängnisbetriebe stellen jetzt Atemmasken und Schutzbrillen her, Automobilhersteller nutzen ihre riesigen industriellen 3-D-Drucker, um Einzelteile von Beatmungsgeräten zu erzeugen – und währenddessen wird der Aktienmarkt mit wortwörtlichen Billionen US-Dollar aus dem Steuersäckel künstlich am Leben erhalten. Wenn die Coronavirus-Pandemie die Wirtschaft überhaupt langfristig beeinflusst, so wird sie lediglich die bereits jetzt mächtigsten globalen Konzerne wie Amazon weiter stabilisieren.

Eine Analyse, die der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl, wenn auch aus einer anderen Perspektive, teilt. Wie er in einem Gespräch (hier zu lesen) mit der Deutschen Welle ausführt, sieht er den Haupteffekt der Coronakrise in einer industriellen und sektoralen Verschiebungen der Arbeitsweise:

Das typische Beispiel ist das, was wir jetzt gerade machen: Home-Office. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ein großer Teil dieser Arbeitsweise so bleibt. Alle großen Kriege, alle großen Krisen haben zu einer Verschiebung der Produktionsweise geführt.

Spinnt man die von Hirschl und Wegner gesponnen Fäden weiter und schaut auf die Industriegesellschaften aus einer evolutionären Perspektive, erhärten sich die Indizien ihrer Resilienz gegenüber Störfaktoren, insofern als daß wir in ihnen keinen stabilen Zustand, sondern einen ständigen Transformationsprozeß vorfinden.

Der Universalgelehrte Rolf Peter Sieferle hat dies in Rückblick auf die Natur, jüngst im Landtverlag neu aufgelegt (hier erhältlich), fundiert analysiert:

Es »muß der Schluß gezogen werden, daß eine "Industriegesellschaft" im Sinne einer dauerhaften sozialen, ökonomischen oder politischen Struktur überhaupt noch nicht existiert. Was immer wir in den letzten zweihundert Jahren beobachtet haben mögen, was immer Gegenstand soziologischer oder ökonomischer Theoriebildung gewesen sein mag, es hatte lediglich den Charakter eines Schnitts durch einen hochdynamischen Prozeß, der prinzipiell nicht von Dauer sein kann.«

Die zentralen, von rechter Seite aus kritisierten, Merkmale der »Industriegesellschaft«, festigen sie vielmehr gegenüber ihrer eigenen Krisenhaftigkeit:

Die Transformationsgesellschaft muß, gerade weil sich in ihr keine stabilen Muster herausbilden, permanent offen für Veränderungen aller Art sein, denen sich ihre Elemente jederzeit flexibel anpassen müssen. Sofern sie überhaupt ein Strukturprinzip besitzt, liegt dieses in ihrer prozessualen Dynamik. […] Die verbreiteten ideologischen Ausdrucksformen für diese strukturelle Nicht-Festgelegenheit sind die populären Gedankenfiguren »Freiheit«, »Gleichheit«, »Individuum«, »Diskurs«, »Markt« oder »Demokratie«, die eine enorme Plausibilität besitzen, wiewohl oder gerade weil sie inhaltlich leer sind. Sie zielen lediglich auf einen Funktionsmodus der Offenheit, welcher Anpassung an die jeweils neusten Herausforderungen der Transformation gestattet.

Corona ist in diesem Zusammenhang nur eine weitere Herausforderung, um die sich »das westliche liberal-kapitalistische Paradigma« in seiner Fluidität legen kann und die es inkorporiert. Aller Voraussicht nach wird nach dem relativen Stillstand das grenzenlose Übersichhinausgreifen ungebremst fortgeführt.

 



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